Ulrich Weinzierl: Zu André Hellers Gedicht „Wienlied“

Mashup von Juliane Duda zu der Beitragsserie „Im Kern“

Im Kern

– Zu André Hellers Gedicht „Wienlied“ aus André Heller: sie nennen mich den messerwerfer. 

 

 

 

 

ANDRÉ HELLER

Wienlied

Es ist ein unheiliges Wunder um dieses Wien.
Überall tragen die Menschen einen Zirkus
Unter dem Herzen, mit richtigen Seiltänzern,
einem Königstiger und Reifenspringern.
Über allem ein Zelt und Tausende Fahnen.

Im Frühjahr lehren sie ihre Kinder das ABC
und sprechen von Türkischem Honig.
Sie machen Geschäfte mit der Sonne
und tragen die Pelze ins Dorotheum.
Es stirbt einer, den sie hinausbegleiten
und alle beneiden:

Eine Papierrose für Ferdinand Raimund.
Eine Jungfrau für Konrad Bayer.
Eine Postkarte für Peter Altenberg.
Ein Feuerwerk für Johann Nestroy.
Einen Spaziergang für Arthur Schnitzler.
Ein Megaphon für Karl Kraus.
Einen Junimorgen für Joseph Roth.
Eine Zigarettendose für Gustav Klimt.
Einen Stadtteil für Josef Matthias Hauer.
Eine Taschenlampe für Ludwig Wittgenstein.
Ein Motorrad für Abraham-a-Santa-Clara.
Einen View-Master für Sigmund Freud.
Einen Ohrring für Josef Kainz.
Einen Regenbogen für Egon Friedell.
Eine Nähmaschine für Adolf Loos.
Ein Kartenhaus für meinen Vater.

 

In stolzer Trauer

Das Erstaunlichste an diesem Lied, das ein Gedicht ist: wann es geschrieben wurde und in welchem Alter. Es entstand 1967, der Verfasser hat es 1968 auf Platte aufgenommen: im Parlandostil gesprochen zu Musik nach wehmütiger Walzerart, als rundum die Studentenrevolte geprobt wurde. André Heller, früh gereift und zart und traurig, war gerade zwanzig Jahre jung. Ein Sohn aus gutem, aus großbürgerlichem Haus mit jüdischem Hintergrund. Aber auch dort waren anno dazumal die in der letzten, längsten und einfachsten Strophe aufgezählten Persönlichkeiten kaum ein Thema. Viel später erst sollten sie – mit einer sehr persönlichen Ausnahme – berühmt werden: all die Säulenheiligen der Kultur, darunter Protagonisten des Wiener Fin de Siècle und der europäischen Moderne, die sich mittlerweile selbst für Werbezwecke der gehobenen Tourismusindustrie eignen.
Das „Wienlied “, sein Debüt, zeigt André Heller schon zur Gänze: den Jüngling und den reifen Mann – und den einen im anderen. Er war und ist auf der Suche nach der in der Gegenwart verlorenen Zeit, verliebt und lebt sich in die Vergangenheit hinein, in den Magiebezirk der Kindheit und in den unendlichen Fundus der Kunst- und Geistesgeschichte. Der apostrophierten Manegenwelt, dem Spektakel in vielerlei Gestalt, ist Heller stets treu geblieben: als Traumrealitätenvermittler und Impresario des scheinbar Unmöglichen. Ein bildender Künstler in Licht und Luft, in Kristall und Feuer, der Dinge und Menschenkörper zum Fliegen bringt.
Die ersten Zeilen des „Wienlieds“ übertragen die Zirkusmetapher auf die Stadt an der Donau insgesamt, sie präsentieren das Innenleben der Bewohner in ihrer Lust an Verstellung und virtuoser Täuschung – wenn Mentalität zum Schauspiel ihrer selbst wird. In der zweiten Strophe machen wir eine Reise in der Zeitmaschine: Lang ist es her, dass Türkischer Honig ein Glücksversprechen bedeutete – und der bewährte Brauch, Pelzmäntel über die warmen Monate hinweg in der staatlichen Pfandleihe zu lagern, wo man für mottensichere Verwahrung auch noch Kredit erhielt, gehört ebenfalls einer verblichenen Epoche an. Dass dem Tod eine zentrale Rolle im Denken und Fühlen der Wiener zukommt, entspricht unbestreitbar der Konvention, davon künden bereits die Heurigensänger. Neid auf die Dahingeschiedenen, wohl weil sie das Schlimmste hinter sich haben, reicht freilich in tiefere Schichten der Seele. Das wirkt neu.
Der Rest ist schmucklose Auflistung, doch die hat es in sich. Familiäre Beziehungen bestanden zu Adolf Loos, der die elterliche Villa einrichtete. André Hellers Vater Stephan, Monarchist und Anhänger Mussolinis, war im Pariser Exil mit Joseph Roth befreundet. Wir folgen dem Zug der Schatten in einem imaginären Trauerkondukt, mit Grabbeigaben, die Charakteristisches der großen Toten oder postume gute Wünsche für sie jeweils in ein einziges Wort fassen. Arthur Schnitzler ist tatsächlich ein leidenschaftlicher Spaziergänger gewesen, seine Wienerwaldwandererfantasien waren ein Therapeutikum gegen Melancholie. Peter Altenbergs Passion für Ansichts- und Porträtkarten verwandelte Hotelzimmer in Kabinette der Sehnsucht. Josef Matthias Hauer, vergleichsweise völlig unbekannter Mitbegründer der Zwölftontechnik, sollte zwar keinen ihm gewidmeten Stadtteil bekommen, aber immerhin – 1988 – einen Platz in der Wiener Josefstadt. An Johann Nestroy bewundern wir bis heute die Brillanz seines Sprachwitzes, und die Papierrose für Ferdinand Raimund evoziert dessen romantische Zaubermärchen als Kulissen psychologisch-poetischer Volksstücke. Ein Selbstmörder übrigens – wie die Schriftsteller Konrad Bayer und Egon Friedell, der vor den Nazis in den Tod sprang. Die Gestalt des hassgeliebten Vaters schließlich geistert auch durch Hellers Prosa, als wär’s ein ruheloses Gespenst. Wesen und Bestimmung des ihm nachgetragenen Kartenhauses: in sich zusammenzustürzen.
Wie Hofmannsthal darf André Heller von sich sagen:

Ganz vergessener Völker Müdigkeiten
kann ich nicht abtun von meinen Lidern

Er konnte es auch nicht von seinem „Wienlied“. In allem, was er macht und sinnt, ist er Poet.

Ulrich Weinzierlaus Marcel Reich-Ranicki (Hrsg.): Frankfurter Anthologie. Sechsunddreißigster Band, Insel Verlag, 2013

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