Ulrich Zwiener und Edwin Kratschmer (Hrsg.): Das blaue Komma

Mashup von Juliane Duda zu dem Buch von Ulrich Zwiener und Edwin Kratschmer (Hrsg.): Das blaue Komma

Zwiener & Kratschmer (Hrsg.)-Das blaue Komma

REINER KUNZE – EINE BIO-BIBLIOGRAPHE

Reiner Kunze wurde am 16.8.1933 in Oelsnitz im Erzgebirge als Sohn eines Bergarbeiters geboren. Er studierte Philosophie und Journalistik in Leipzig und war dort als wissenschaftlicher Assistent mit Lehrauftrag tätig. Nach schweren politischen Angriffen mußte er 1959 die Universität verlassen und wurde Hilfsarbeiter im Schwermaschinenbau und in der Landwirtschaft. Seit 1962 lebte er, verheiratet mit einer aus einem deutschtschechischen Elternhaus stammenden Ärztin, als freiberuflicher Schriftsteller in Greiz in Thüringen. Nach dem Erscheinen des Prosabuches Die wunderbaren Jahre (1976) im Westen wurde Kunze aus dem DDR -Schriftstellerverband ausgeschlossen (Oktober 1976) und erhielt faktisch Berufsverbot. Im April 1977 – fünf Monate nach der Ausbürgerung Wolf Biermanns – sah er sich gezwungen, mit seiner Familie die DDR zu verlassen. Er lebt jetzt in Obernzell bei Passau. Nach der politischen „Wende“ in der DDR wurde ihm bei seinem ersten Wiederauftreten in Greiz (Januar 1990) „vor begeistertem Publikum“ (Thüringische Landeszeitung, 9.2.1990) eine öffentliche Entschuldigung zuteil. – Kunze, der 1989/90 Gastdozenturen für Poetik an den Universitäten München und Würzburg innehatte, ist u.a. Mitglied mehrerer Akademien (München, Darmstadt, Mannheim), Gründungsmitglied der Sächsischen Akademie der Künste und Ehrenmitglied des Ungarischen Schriftstellerverbandes, des Collegium Europaeum Jenense sowie des Tschechischen P.E.N.-Zentrums. Den Verband Deutscher Schriftsteller verließ er 1982, die Berliner Akademie der Künste 1992. Für sein Werk, das bisher in mehr als 30 Sprachen übersetzt wurde, erhielt er zahlreiche Preise, unter anderem den Preis für Nachdichtungen des Schriftstellerverbandes der ČSSR 1968, den Deutschen Jugendbuchpreis 1971, den Georg-Trakl-Preis 1977 (zus. m. Friederike Mayröcker), nach der Übersiedlung den Andreas-Gryphius-Preis 1977 (zus. m. Rose Ausländer), den Georg-Büchner-Preis 1977, den Geschwister-Scholl-Preis 1981, den Eichendorff-Literaturpreis 1984, das Verdienstkreuz Erster Klasse der Bundesrepublik Deutschland 1984, den Bayerischen Verdienstorden 1988, den Kulturpreis Ostbayern 1989, den Herbert und Elisabeth Weichmann-Preis 1990, den Hanns Martin Schleyer- Preis 1990,das Große Bundesverdienstkreuz 1993, den Kulturpreis deutscher Freimaurer 1993, die Ehrendoktorwürde der Technischen Universität Dresden 1993, die Ehrenbürgerschaft der Stadt Greiz 1995, den Kulturpreis des Landeskreises Passau 1995, den Weilheimer Literaturpreis 1997, den Europapreis für Poesie (Serbien) 1998, den Friedrich-Hölderlin-Preis 1999, die Christian Ferber-Ehrengabe 2000, den Hans Sahl-Literaturpreis 2001, den Bayerischen Maximiliansorden für Kunst und Wissenschaft 2001, den Kunstpreis zur deutsch-tschechischen Verständigung (Prag und Berlin) 2002 und den Jan-Smrek-Preis (Slowakei) 2003.

Kunze, einer der bedeutendsten Lyriker aus der mittleren Generation der DDR, begann in den fünfziger Jahren mit klischeehaft-vordergründigen Arbeiten, in denen sich der junge Dichter an den damals offiziell erwünschten Vorbildern des sozialistischen Realismus orientiert hatte. Erst die Begegnung mit der Poesie der Tschechen und Slowaken befreite ihn aus den Abhängigkeiten und machte ihm Mut zu eigener lyrischer Artikulation. Seine wichtigsten Gedichte finden sich außer in der Sammlung Widmungen (1963), in die auch frühere Texte übernommen wurden, in den Bänden Sensible Wege, (1969), Zimmerlautstärke (1972) und in dem nach langer Pause in der DDR erschienen Auswahlband Brief mit blauem Siegel  (1973). Der Band Sensible Wege zeigt den Lyriker in der Position eines Mannes, der gegen die Stagnation der Revolution ankämpft, der die Rechte des Einzelnen verteidigt und sich gegen das Denken in den Kategorien Schwarz und Weiß wehrt. Hier artikuliert sich ein engagierter Sozialist, der sich um Selbstfindung müht und dem in seinen dialektisch argumentierenden Gedichten Bilder von überraschender Prägnanz gelingen; ein verletzlicher, sensibler Dichter, der mit knappen Worten seine Lage skizziert, der sich in kritischer Liebe zu seinem Land bekennt, in dem er das Leben für die Menschen menschlicher machen möchte:

Ausgesperrt aus büchern
ausgesperrt aus zeitungen
ausgesperrt aus sälen

eingesperrt in dieses land
das ich wieder und wieder wählen würde.

Freilich hat man Kunze in der DDR seine Kritik verübelt und ihm mit einer Vielzahl von Schikanen das Leben schwergemacht. So konnte auch die Sammlung Zimmerlautstärke (1972) nur im Westen erscheinen. In diesem Buch vergleicht Kunze vom Standpunkt sozialistischer Humanität aus Anspruch und Wirklichkeit in seinem Land kritisch miteinander. Eine Reihe von Gedichten gilt der ČSSR: Sie bilden Seismogramme der Erschütterung über das, was am 21.8.1968 mit der Okkupation dem Land seiner Freunde angetan wurde. Schließlich nimmt Kunze in mehreren Gedichten Stellung zur Sowjetunion und zum Schicksal des damals noch in der UdSSR lebenden und politisch diffamierten Alexander Solschenizyn; in der Nobelpreisverleihung an Solschenizyn sah Kunze ein Ereignis, das „die finsternis lichtet“. Dem Band Zimmerlautstärke hatte er programmatisch das Seneca-Wort vorangestellt: „Bleibe auf deinem Posten und hilf durch deinen Zuruf; und wenn man dir die Kehle zudrückt, bleibe auf deinem Posten und hilf durch dein Schweigen.“ – Dieses Motto könnte auch für Kunzes inzwischen bekanntestes Buch, den Prosaband Die wunderbaren Jahre gelten, in das viel Wirklichkeit eingegangen ist, das aber nicht zur Dokumentarliteratur im engeren Sinne gehört. Kunze entwirft das Bild einer Jugend, die zu Anpassung und Gehorsam erzogen wurde, und er zeichnet und reflektiert die Lage in der ČSSR, 1968 und 1975, sieben Jahre nach der Okkupation. Kunzes mutiges und wahrhaftiges Buch stellt ein Mosaik aus selbständigen Einzeltexten unterschiedlichster Art dar, wie Prosagedicht, Kurzszene, Rapport, Flugblatt, Erzählung, Dialog. Die Sprache wirkt klar, präzise und von artifizieller Einfachheit, sie erscheint eher karg als weitschweifig. So unterstreicht auch die Struktur der Texte den quasidokumentarischen und exemplarischen Charakter des Werkes und vermittelt den Eindruck unbedingter Authentizität, den der gleichnamige Film 1980, zu dem Kunze das Drehbuch schrieb, vermissen lässt. Heinrich Böll: „Kunze stellt die Wirklichkeit, die ihm in die Falle geht.“
Auch die gesellschaftliche und politische Wirklichkeit in der Bundesrepublik provozierte Kunze zu verschiedenen, nicht selten umstrittenen Stellungnahmen. Freilich sollte nicht überhört werden, was Kunze selbst in einem Interview zur Frage seines politischen Engagements gesagt hat: „Ich stelle mich dem Politischen dort, wo es mich als Autor stellt, wo es ins Existentielle hineinreicht. Aber ich bin kein politischer Autor, kein Autor, der schreibt, um Politik zu machen.“
In den Jahren seit seiner Übersiedlung hat Kunze zahlreiche schmale Bände mit Nachdichtungen tschechischer Poesie und Prosa vorgelegt, vornehmlich von Dichtern, die während der kommunistischen Diktatur verboten oder ins Abseits gedrängt waren. „Wohl kaum ein anderer Dichter der deutschen Sprache hat je in solchem Maße aus der tschechischen Poesie geschöpft wie Reiner Kunze“, schrieb 2001 der tschechische Germanist Roman Kopřiva, Milan Kundera charakterisierte Kunze als den slawischsten Deutschen, den er kenne, und Václav Havel äußerte die Hoffnung, „dass viele Tschechen und Deutsche in Wahlverwandtschaft lebten und arbeiteten wie die Dichter Jan Skácel und Reiner Kunze.“ Der erste eigene Lyrikband nach Kunzes Übersiedlung in den Westen Auf eigene Hoffnung erschien 1981. Die meisten dieser Gedichte wurden bereits in der Bundesrepublik („auch dies ist mein Land“) geschrieben. In ihnen werden die neuen Erfahrungen, nicht zuletzt die Erlebnisse auf Reisen im westlichen Ausland, benannt und reflektiert. Fünf Jahre später, 1986, veröffentlichte Kunze die Sammlung Eines jeden einziges Leben: poetische Reaktionen auf Gesehenes, Erlebtes, Erfahrenes, sehr dichte, metaphernreiche Texte, die deutlich dialogischen Charakter tragen. Nach eigener Aussage schreibt Kunze, um innere Situationen zu bewältigen, die er anders nicht bewältigen könne; um Haltungen zu gewinnen, um Flüchtigem ein wenig Dauer zu verleihen: „Ich schreibe, um mein Leben zu intensivieren und (…) um innere Entfernungen zu Menschen zu verringern, die ich nicht kenne.“ Als lyrischer Aphoristiker setzt Kunze die Tradition des späten Brecht fort: Mit Sprach- und Wortwitz wird dialektisch argumentiert, die Reflexion wird zielstrebig auf eine überraschende Pointe zugetrieben. Kunze ist ein Meister der genauen Wahrnehmung. Ihm gelingen Gedichte, in denen Natur und Landschaft genau lokalisierbar sind, Gedichte, die Gesehenes deutlich zeigen und die dann, auf einer zweiten Ebene, über das Bild hinaus deuten.
In den achtziger und neunziger Jahren des 20. Jahrhunderts hat Kunze eine ganze Reihe von Büchern meist geringeren Umfangs publiziert: Außer Übertragungen sind dies gesammelte Interviews, Reden, Dokumentationen, auch Bände mit eigenen Fotos. Im Zentrum aber steht wieder das Gedicht.
1998 legte er die Sammlung Ein Tag auf dieser Erde vor. „poesie ist außer wahrheit / vor allem poesie“ heißt es, in einem Zitat, in einem dem Leipziger Horst Drescher gewidmeten Gedicht. Das ist für Kunze Programm. Das dichterische Bild, das die Verbindung zwischen zwei entgegengesetzten Welten herstellt, muß stimmen, dann ist das Gedicht wahr. Und solche Wahrheit zeigt sich sowohl in dem aus fünfzehn Gedichten bestehenden großen Zyklus, der dem Buch den Titel gab und in dem ein Tag eines Anglers zum Bild eines ganzen Lebens wird, als auch in kleinen, haikuhaften Texten wie „In blauem Feld“ („Der baum, ein schräges segel, / wirft den schatten sich / als boot“) oder „Eisschollen“ („Schulter an schulter / schiebt sich seit tagen durchs tal / ihre herde // und läutet“).
Und was ist der Sinn solcher Gedichte? In seinem Essayband Das weiße Gedicht hat Kunze einmal Hugo von Hofmannsthal zitiert: „Die Leute suchen gern hinter einem Gedicht, was sie den ,eigentlichen Sinn’ nennen. Sie sind wie Affen, die auch immer mit den Händen hinter einen Spiegel fahren, als müsse dort ein Körper zu fassen sein.“
Reiner Kunze schreibt Gedichte, die, bei allem Realitätsgehalt, hinausgehen über die Information und die, bei aller Subjektivität, etwas anderes sind als Meinung: Gedichte, die nicht ohne erheblichen Substanzverlust ins Begriffliche zu übersetzen wären. Diese Texte muten ganz einfach an, sind in Wahrheit aber höchst artifizielle lyrische Gebilde, zumeist reimlos und in freien Rhythmen. Wenn dann in einem Gedicht über den Mozart spielenden Vladimir Horowitz beinahe unmerklich doch einmal Jamben und Reime auftauchen, ist dies vom Thema her durchaus legitim: Der Reim ist hier kein aufgesetzter Klingklang, sondern ergibt sich wie selbstverständlich als Parallele zum Mozartklang. Auch an solchen Subtilitäten wird die Meisterschaft des Lyrikers Reiner Kunze erkennbar.

Werke:
Die Zukunft sitzt am Tische, G., zus. m. E. Günther, Halle/S. 1955; Das Genre Feuilleton in der Presse der DDR, Vorlesung. 1958; Vögel über dem Tau, G., Halle/S. 1959; Mir gegenüber, FeuiU., zus. m. H. Knobloch, Halle/S. 1960; Lieder für Mädchen, die lieben, Lpz. 1960; Halm und Himmel stehn im Schnee, Weihnachtskantate 1960, Schpl. 1969; Wesen und Bedeutung da Reportage, Ess., Ost-B. 1960; Fragen des lyrischen Schaffen, Ess., zus. m. G. Wolf und K. Pfützner, Halle/S. 1960; Mein Wort, ein weißer Vogel, Anth. Junger dt. Lyrik, Hg., 1961; Der Wind mit Namen Jaromir, Nachdicht. a. d. Tschech., Halle/S. 1961; Aber die Nachtigall jubelt, Liedtexte, Halle/S. 1962; Widmungen, Bad Godesberg 1963; Die Tür, Nachdicht. a. d. Tschech., Bad Godesberg 1964; J. Skácel: Fährgeld für Charon, G., a. d. Tschech., Hbg. 1967; Poesiealbum 11, G., hg. v. B. Jentzsch, 1968; Sechs Variationen über das Thema „Die Post“ und drei Gedichte, Reinb. 1968; V. Holan: Nacht mit Hamlet, a. d. Tschech., Hbg. 1969; Sensible Wege, G., Reinb. 1969; Der Löwe Leopold Fast Märchen fast Geschichten, Kinderb., Ffm. 1970. Schpl. 1973 u. 1978, erw. Tb.-Ausg. 1974; A. Brousek: Wunderschöne Sträflingskugel:, G., a. d. Tschech., Darmst. 1970; V. Holan: Vor eurer Schwelle, G., a. d. Tschech., Darmst. 1970; Der Dichter und die Löwenzahnwiese, Kinderb., B. 1971; Zimmerlautstärke, G., Ffm. 1972; Brief mit blauem Siegel, G., Lpz. 1973; Gedichte, m. Graphik v. H.G. Annies (Privatdruck), Dresden 1975; Die Bringer Beethovens, G., m. Holzschn. v. HAP Grieshaber, Düsseld. 1976; Die wunderbaren Jahre, Pr., Ffm. 1976; Darf der Schriftsteller überhaupt vernünftig werden wollen?, Büchner-Preis-Reden v. H. Böll u. R. K., Ffm. 1977; Die wunderbaren Jahre. Lyrik, Prosa, Dokumente, hg. v. K. Corino, Gütersl. 1978; Das Kätzchen, Kinderb., Ffm. 1979; Der Film die wunderbaren Jahre. Lesefassung des Drehbuchs, Ffm. 1979; Auf eigene Hoffnung, G., Ffm. 1981; Wo wir wohnen, G. u. Pr., („Weilheimer Hefte zur Literatur“, Textausw. v. Lehrern d. Gymnasiums Weilheim), Weilheim 1981; Ergriffen von den Messen Mozarts, Ess., Hauzenberg 1981; Eine stadtbekannte Geschichte, Kinderb., Olten 1982; V. Obrtel: Sommertraum, G. in Pr., Nachricht a. d. Tschech., Hauzenberg 1982; M Macourek: Eine Tafel blau wie der Himmel, E. f. Kinder, a. d. Tschech., Hauzenberg 1982; J. Skácel: Wundklee, G., a. d. Tschech., Ffm. 1982; L. Chytilová / L. Nagy: Manchmal schreibt mir das Weibchen des Kuckucks, G., a. d. Tschech. u. Ungarischen, Hauzenberg 1982; Gespräch mit der Amsel, frühe G. u. a. G., Ffm. 1984; In Deutschland zuhaus. Funk- u. Fernsehinterviews 1977-1983, Hauzenberg 1984; Elisabeth Kottmeier: Die Stunde hat 60 Zähne, G. posthum, Ausw., Hauzenberg 1984; J. Seifert: Erdlast, G., a. d. Tschech., Hauzenberg 1985; Über, o über dem Dorn. Gedichte aus Hundert Jahren, Hg., Ffm. 1986; Die wunderbaren Jahre / Ausgewählte Gedichte, Ffm. 1986; Die Richtung des Kunstwerks, Rede. 1986; Eines jeden einziges Leben, G., Ffm. 1986; Mario Schoßer: Dialoge. Bilder zu Gedichten von R. K., Hauzenberg 1986; Zurückgeworfen auf sich selbst. Interviews 1983-1988, Hauzenberg 1989; Das weiße Gedicht, Ess., Ffm. 1989; Selbstgespräch für andere, G. u. Pr., Stuttgart 1989; Jan Skácel: Das blaueste Feuilleton, Pr., a. d. Tschech., Hauzenberg 1991; Deckname „Lyrik“, Dokumentation, Ffm. 1990; Jan Skácel: Die letzte Fahrt mit der Lokalbahn, Pr., a. d. Tschech., Hauzenberg 1991; Wohin der Schlaf sich schlafen legt, G. für Kinder (mit Illustrationen v. Karel Franta), FErn. 1991; Am Krankenbett des Tierbildhauers Heinz Theuerjahr, G., Hauzenberg 1991; Mensch ohne Macht, Dankreden, Hauzenberg 1991; Am Sonnenhang, Tagebuch eines Jahres, Ffm. 1993; Begehrte, unbequeme Freiheit, Interviews 1989-1992, Hauzenberg 1993; Wo Freiheit ist…, Gespräche 1977-1993, Ffm. 1994; Steine und Lieder, Namibische Notizen und Fotos, Ffm. 1996; Der Dichter Jan Skácel, Porträt, Hauzenberg 1996; Bindewort „deutsch“, Reden, Hauzenberg 1997; Milena Fucimanová: Schmerzstrauch, Pr. U. G. a. d. Tschech., Hauzenberg 1997; Ein Tag auf dieser Erde, G., Ffm. 1998; Marie Skáová: Die Schuld der Unschuldigen. Lebenserinnerungen, a. d. Tschech. gem. m. Elisabeth Kunze, Hauzenberg 1999; Die Regenwolken zogen ab, G. aus vierzig Jahren (mit Illustrationen von Bettina Haller), Passau 2001; Gedichte, Ffm. 2001; Die großen Spaziergänge. G. aus vierzig Jahren. Gelesen von R. K., CD, München 2001; Bohuslaw Reynek, Jan Zahradníček, Ivan Blatny: Hoffnung auf Heimkehr, G., a. d. Tschech., Hauzenberg 2002; Die Aura der Wörter, Denkschrift, Stuttgart 2002; Der Kuß der Koi, Pr. u. Fotos, Ffm. 2002; Wo wir zu Hause das Salz haben, Nachdichtungen, Ffm. 2003.

Jürgen P. Wallmann

Vorwort

In diesen Tagen gratulieren wir Reiner Kunze, dem herausragenden Lyriker, erfolgreichen Schriftsteller, engagierten Essayisten, Nachdichter und Herausgeber zu seinem 70. Geburtstag und zu einem beeindruckenden Lebenswerk. Dieses spiegelt einerseits eine dramatische Zeit wider, geht aber andererseits deutlich darüber hinaus. In beidem ist Reiner Kunzes Leistung begründet, am meisten aber wohl in jenen Teilen seines Werkes, wo der Dichter aus den bis ins Unerträgliche zugespitzten Konflikten mit dem Totalitarismus und aus Grundfragen unserer Zeit zu einer Sprachkunst findet, die hohe Allgemeingültigkeit beanspruchen kann. Das Ehrenmitglied des Collegium Europaeum Jenense und der Büchnerpreisträger Reiner Kunze hat in jedem Moment seiner Arbeit um besondere Wahrhaftigkeit gerungen und sie erreicht. Das macht seine Kunst in den sehr verschiedenen Phasen seines Lebens aus. Zwar ist sein Werk auch ohne Kenntnis seiner Persönlichkeit jedem vollauf zugänglich. Für viele aber sind die Verbindungen von Mensch und Werk besonders bewegend. Zeigen sie doch, wie in schwieriger, manchmal geradezu aussichtsloser persönlicher Lage der Betroffene zu einer herausragenden Persönlichkeit und zu einem besonders originären Künstler wächst, der danach mit der neu erreichten Sicht auch ganz neue dichterische Räume gewinnt.

Im vorliegenden Band beleuchten Weggefährten, Literaturwissenschaftler, Historiker und Schriftsteller die Zeit, die Ereignisse, aber auch eigene Erlebnisse mit Reiner Kunze und seinem Werk und reflektieren es aus unterschiedlichen Blickwinkeln und Positionen.

Reiner Kunze redet in seiner angeborenen Bescheidenheit wenig von sich. Umso mehr sind seine Schilderungen über andere Orte und Menschen auch subtile Spiegelungen seines Wesens. Als er in einem Podiumsgespräch des Collegium Europaeum Jenense eine etwas akademisch verklausulierte Frage nach einer größeren Rolle der Kunst im Alltag beantworten sollte, berichtete er von einem Erlebnis aus einem Dorf in Namibia. Dort lebten Kinder in den bescheidensten Verhältnissen, die man sich denken kann. Sie waren von der Lehrerin gefragt worden, „was ihnen an den Menschen, die sie kannten, am besten gefalle… Am häufigsten sei ,Großzügigkeit‘ genannt worden, wobei Nachfragen ergeben hätten, daß nicht nur Freigiebigkeit gemeint gewesen war, sondern auch die Bereitschaft zu verzeihen. An zweiter Stelle der am meisten geschätzten Eigenschaften habe ,Freundlichkeit‘ rangiert, an dritter ,Heiterkeit‘“. Reiner Kunze möge sie alle auch in seinem neuen Lebensjahrzehnt bewahren.

Ulrich Zwiener, Vorwort

Inhalt

− Ulrich Zwiener: Vorwort

− Jürgen P. Wallmann: Reiner Kunze – Eine Bio-Bibliographie

− Gottfried Meinhold: Erlösende Botschaft. Das Wunder der Authentizität bei Reiner Kunze

− Udo Scheer: „Soll er doch im Kapitalismus verfaulen“. Reiner Kunzes Ausschluß aus dem Schriftstellerverband der DDR

− Wulf Kirsten: stufen

− Gerhard R. Kaiser: Zum Ort des Dichters. Reiner Kunze in Gedichten von Braun, Biermann, Kirsten und im Selbstporträt

− Ulrich Schacht: Das Wort und die Freiheit. Konstanten politischer Kritik im publizistischen und essayistischen Werk Reiner Kunzes und ihr Bezug zur Gegenwart

− Edwin Kratschmer: Kunzes „tag auf dieser erde“

− Volker Strebel: Reiner Kunzes poetische Korrespondenz mit der tschechischen Literatur. Entwicklungen und Akzente

 

Fakten und Vermutungen zum Herausgeber Ulrich Zwiener
Fakten und Vermutungen zum Herausgeber Edwin Kratschmer
Fakten und Vermutungen zum Autor

Beitrag zum 60. Geburtstag des Autors:

Harald Hartung: Auf eigene Hoffnung
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 16.8.1993

Beiträge zum 70. Geburtstag des Autors:

Katrin Hillgruber: Im Herzen barfuß
Der Tagesspiegel, Berlin, 16.8.2003

Lothar Schmidt-Mühlisch: Eine Stille, die den Kopf oben trägt
Die Welt, 16.8.2003

Beatrix Langner: Verbrüderung mit den Fischen
Neue Zürcher Zeitung, 16./17.8.2003

Sabine Rohlf: Am Rande des Schweigens
Berliner Zeitung, 16./17.8.2003

Hans-Dieter Schütt: So leis so stark
Neues Deutschland, 16./17.8.2003

Beiträge zum 75. Geburtstag des Autors:

Michael Braun: Poesie mit großen Kinderaugen
Badische Zeitung, 16.8.2008

Christian Eger: Der Dichter errichtet ein Haus der Politik und Poesie
Mitteldeutsche Zeitung, 16.8.2008

Jörg Magenau: Deckname Lyrik
Der Tagesspiegel, 16.8.2008

Hans-Dieter Schütt: Blühen, abseits jedes Blicks
Neues Deutschland, 16./17.8.2008

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