Ulrike Draesner: berührte orte

Mashup von Juliane Duda zu dem Buch von Ulrike Draesner: berührte orte

Draesner-berührte orte

BAYRISCH-SEELAND
aaaaa(ÖDELCHEN)

da war der golden zittrige staub: auf den wegen
den rainen die kleinen christusschädel gespalten
– auch da unten der süden, die berge, der schatten
hatten ein meer.
aaaaawir wollen schnaps brennen gehen, birnen
aaaaakehren
wieder im kirchgelb, türme tragen zwiebeln. von erde
zu träumen war stoff. großvater s. nahm die hände der frauen
die er fing
aaaaaab in gips. über die wiesen den großporigen staub
sprang manche ihm davon. millischeckerl. katzenpratzerl.
was zukam lag händisch im speicher, weiß träumende finger
kaum träumte
aaaaaer. mächtig beim kloster schimmerten durch den karfiol
die seelen des dorfs. eine sau warf ferkel in allen regenwurmfarben
und schnürlregen verband die oberen und unteren provinzen
bayrisch –
aaaaaseeland. was rutscht der friedhof am hang und die felder
verdreht ein einfacher laut wie w– w– wetterbleaml den hiasigen
hinnigen, der vierteldenseinen mir kopf ziehen die wolken über
die geodelten wege
aaaaaden liebenden staub.

 

 

Ulrike Draesner rezitiert ihr Gedicht „bayrisch-seeland (ödelchen)“.

 

 

Info

Reisen: eine Lust. Ein Abenteuer. Ein Irrsinn. Wie lange braucht man, um zu lernen, wie ein Kamel auf Fersen zum Pool zu gehen? Zu verstehen, dass „Cbrt rntl“ Cabaret oriental heißen soll? Auf welchen Wegen nähert man sich Orten, an denen es nach Schweiß riecht, nach Feuer, Mensch und tierischer Angst?

Ulrike Draesners Gedichte: Das sind immer schon Reisen, Expeditionen in die Zentren der Wahrnehmung, in die Grenzzonen des Körpers und in eine plötzlich leuchtende Außenwelt. In berührte orte wirft Draesner das sprachliche Netz nach wirklich bereisten Orten aus, fischt nach den historischen, religiösen und medialen Phantasmen von Städten wie Damaskus oder Casablanca und lässt deren Wirklichkeit die Sprache in Schwingung versetzen. Wie fängt man es ein, dieses verrückt machende süßluftige Aroma aus – nichts? Kluge Beobachtung, der Mut, sich Fremdem zu öffnen, gehören dafür ebenso zum Handwerkszeug wie der findige Umgang mit Sprache und Dichtungstradition. Auch Städte, die dem gemeinen Mitteleuropäer näher zu sein scheinen, kartografiert der Gedichtband: Mit Lessings Wald und Brechts Dänemark wird der leidigen, glückvollen Beziehung von Ort und Wort nachgeforscht. Doch wer vom Reisen spricht, darf die Bewegungslosigkeit nicht verschweigen: inmitten der berührten orte findet sich eine Hymne an den Bürodrehstuhl.

Luchterhand Literaturverlag, Ankündigung

 

Gedichte vom Reisen

Das Reisen und die Erkundung der Fremde stehen im Mittelpunkt von Ulrike Draesners Gedichtband berührte orte. Bei der Lektüre des in fünf Abteilungen gegliederten Gedichtbandes fasziniert Draesners sprachkritisches Vermögen und ihr niemals gefälliger Stil.
Gedichte vom Reisen künden oft von überstürztem Aufbruch, von Sehnsüchten, die in einer unbekannten Ferne Erfüllung finden könnten, aber auch von Reisen ohne Grund: ziellos und zeitlos.
In Ulrike Draesners Gedichten berührte orte liegt die Betonung auf dem ersten Wort des Titels. Nicht, dass die Städte und Landschaften, die in dieser Lyrik bereist werden, von geringer Bedeutung wären. Ihnen kommt eher die Aufgabe zu, den Vorgang des Sprechens zu erden. Denn in den sinnlichen und mitunter derb gegenständlichen Genüssen, die das Ich unterwegs erfährt, verbirgt sich einerseits ein mächtiges Verführungspotential. Andererseits droht die Sprache angesichts von Gewalt und Not aus dem Takt zu geraten.
So bedarf es dieser Erdung in Indien, Syrien, Finnland, Marokko oder in Norwegen. Vor allem aber arbeitet Draesner die im Wort „berühren“ liegende etymologische Bedeutung auf. Schließlich setzt sich nicht nur der Reisende in Bewegung.
An jedem Ort gerät er in neue Kreisläufe, beim Beobachten und Betasten kommt es zu unvorhersehbaren Berührungen und schließlich kommuniziert der Reisende in der Fremde oft mit seinem Körper. Draesner ist am Verlauf dieser unkalkulierbaren Bewegungen interessiert.
So wird das Ritual des islamischen Opferfestes im Gedicht „die kleinen heiligen der cafés“ zwar aus einer vermeintlich sicheren Augendistanz heraus beobachtet.

die kühle der zimmer
blökt den getöteten schafen nach
wo sie lagen köpfe nun auf rosten
der knaben aufgekratzter ruß – auge
und haut die taschen der lust
schwappen fort in schalen
von blut –

Doch eingehüllt von der Fremdartigkeit des Opfergeruches, von Geräuschen – „wasserpfeifen, frauengeformt“ stehen „kalt im gewühl“ – und Blicken, rutscht der Traum vom Paradies unweigerlich aus der Logik abendländischer Bestimmung.
Von einem Ritual ganz anderer Art handelt das Gedicht „hammam“. In Casablanca wird beim Besuch eines Badehauses der Akt des Säuberns zu einer neuen Körpererfahrung. Zwischen Verzückung und Befremden schwankend, durchlebt das Ich, umringt von geschäftigen Wäscherinnen, Glücksmomente und Angstzustände.

wie weich sie sind
die riesengefäße
hingegossen auf kacheln
wie hart sie sind
die handschuhe die
sauberkeit…

Wie anders jenes Gedicht mit dem Titel „revontulet“, das in die nördliche Region Finnlands führt. Angesichts der überwältigenden Farbschleifen, die das Polarlicht aussendet – „revontulet“ ist das finnische Wort für Nordlicht –, verschwimmen die räumlichen Distanzen und es scheint mehr Erdung vonnöten als bisher. Dagegen wird in „zufluchtsstätte“ Brechts Gedicht aus den Svendborger Gedichten kritisch vermessen. Heißt es dort „Das Haus hat vier Türen, daraus zu fliehn“ wird bei Draesner fast spöttisch geantwortet:

vier türen
hatte das haus, nun sind es fünf
drei verriegelt, und vor einer der schrank
mit geschirr. Wenn ich fort bin, schaltet
jemand im waschraum das licht an
und aus. ein geist, der blinkt?

Nach der Lektüre des in fünf Abteilungen gegliederten Gedichtbandes ist das Reisen fast schon ein vergessener Anlass. Denn es ist Draesners sprachkritisches Vermögen, das fasziniert. Niemals wirkt diese Sprache gefällig. Kontraktionen, Dehnungen und Brüche lassen sie selbst zu einem Ort werden, der immer wieder in Bewegung gerät.

Carola Wiemers, deutschlandfunk, 5.12.2008

Quickie und Epiphanie

– berührte orte, gedächtnisschleifen – Gedichte und Übersetzungen von Ulrike Draesner. –

Ulrike Draesner, Jahrgang 1962, ist eine poetessa docta. Sie hat Germanistik, Anglistik und Philosophie in München und Oxford studiert, über Wolfram von Eschenbachs Parzival promoviert und 1993 eine erfolgreiche literaturwissenschaftliche Assistentenkarriere abgebrochen: um zu schreiben. Sie hat aus dem Englischen und Amerikanischen übersetzt (u.a. Hilda Doolittle, Gertrude Stein, zuletzt den wunderbaren Lyrikband Wilde Iris der vielfach preisgekrönten Louise Glück). Und immer wieder hat sich Ulrike Draesner in dichtungstheoretischen Arbeiten über ihre Poetik, zumal als Lyrikerin, geäussert. Denn sie weiss, was sie tut. Bereits mit ihrem lyrischen Début gedächtnisschleifen (1995) zeigte sie sich als formwache Autorin mit einem ganz eigenen Sound:

Erst lammweisse Tage gehabt
julianische Stunden

malvengebüschelt das Herz
Akazienfedern im Haar
unter den Tieren des Waldes gewesen
bis lilienbefeuert die Brust

grünschattenmundig geschwelgt
geküsst Rinden und Samen

So beginnt das Gedicht „Sommergang“. Es bewahrt anschaulich die physisch-psychisch getränkten Naturimpressionen, die ein erlebendes Ich wie selbstverständlich vermitteln kann:

die Pfauen balzen gesehen
und schreien gehört vor Gier.

Und der Leser folgt gern den durch leichte syntaktische Drehungen intensivierten Bildern, dem Sog klanglicher Suggestionen. Das begütigende Verhältnis von sprechendem Ich und Erlebnis wird sich zunehmend radikalisieren. In ihrer Rede zur Verleihung des Hölderlin-Förderpreises 2001 fragte sie, was ein Gedicht heute sein könne:

Ein Ornament, Zeitvertreib, ein Quickie im Datengewühl, ein bisschen Gefühl? Anachronistisch, oder beschleunigt, ein Stückchen Gesang aus einer anderen Zeit?

Die eigentliche Frage aber ist, wie etwas überhaupt zu einem Gedicht werden kann: „Aber das weiss niemand.“ So gibt sie nur „Stichworte“, die heissen:

Anrufung, Körper, Fläche und Feld. Heissen Schrei, Tierlaut, ,Wunder‘, Natur und Ich, Rhythmus und Musik.

Es ist nun erstaunlich und aufregend zu sehen, wie zunehmend das Geheimnis der Genese eines Gedichts selbst Thema der Lyrik wird. Damit verschiebt sich der Akut des Schreibens von der Evokation des erlebten Augenblicks zur Sprachepiphanie. Ihre jüngste Lyrik berührte orte bewegt sich denn auch paradox zwischen einem konkreten Raum (viele Gedichte tragen am Ende Ortsangaben) und dem Raum der Poesie. Ulrike Draesner macht keine Zugeständnisse an das, was gemeinhin „Verständlichkeit“ genannt wird. Ihre Gedichte sind sinnliche Wesen, die als solche begriffen und erfahren werden wollen. Unerschrocken leitet sie radikale Expeditionen in ein Zeilenland, das seine Impulse, seine Energien zwar aus ihren biografischen Reisen bezieht (Dänemark, Nordafrika, Indien), das aber „berührt“ werden kann allein in den Verwerfungen der Textur. Es ist dann der gebaute, der optische, der klanglich-rhythmische Körper des Gedichts, der den Leser mitnimmt in seine einzige reale Fremde.
Das Versprechen, das in dieser besonderen Exotik liegt, heisst Sprachbegegnung. Exemplarisch vollzieht etwa das Gedicht „hammam“ den Übergang von einem orientalischen Bad in Casablanca („wie weich sie sind / die riesengesäße / hingegossen auf kacheln / wie hart sie sind / die handschuhe die / sauberkeit wie weich“) in die Verwandlung zur Wortwirklichkeit. Es endet:

an anderem ort, fern
wald aus arganien
fallen vokale aus dem wort hammam
h-mm-m…
hmm in einer hand die zittert
hältst du dich selbst.

So abstrakt, so hermetisch manche der Gedichte sind, so sehr Sprachfläche (einige erscheinen im Blocksatz als Vexierbild), sie bleiben existenziell wie das singende, nach Anlautung fahndende Atmen, dem sie ihren Ton verdanken.
„Salat“, ein Gesang, der initiiert wird von einem Glas eingesalzenem „süsssaurem senfgemüse“, endet:

sole. zellen in formation.
subkutan sternen – scheinen – auf den lebtag.
zellsalz membrangängig, denkt stolz: l-a-s.
grüne augen vor seechen. ,seele‘ im fenster

als glas.

Das sind sehr ernste Spiele, heiter wie beglückend geteilte Intimität. Wer sich orientieren möchte, findet im „Glossar“ einige Hinweise. „rtrn rtrn“ etwa ist das, «was aus einer ,Ritterruine‘ wird, wenn man ihr die Vokale entzieht“. Und „fulla“ heisst „Jasminblüte“ und ist der Name der arabischen Barbie.
In den Anmerkungen finden sich aber auch erzählende Erklärungen, etwa über eine „Begegnung“ mit einem Berliner Chirurgen, der im Rahmen eines Hilfsprogramms einmal in der Woche für einen Tag nach Damaskus fliegt, um dort Hände zu transplantieren. Israel habe im Sommer 2006 über Syrien Antipersonenminen in Form von Kugelschreibern abgeworfen, die explodieren, wenn man die gefederte Drucktaste betätigt. Im Gedicht erscheinen sie als ein ausgesetzter Heuschreckenschwarm:

sanft

aus

der klappe, trudelten,
trockenen ziffern gleich
schrecken aus plastik
ihre zu einem griff
gefalteten flügel transparent
die schmalen Körper,
kugelschreiber,
bei glänzender

sicht

So ist das Gedicht auch der sensible Ort der Erinnerung, wenn das scheinbar Freundliche, das Selbstverständliche, umkippt in unbegreifliche Perversion:

gesten verlässlich
weltweit: das lächeln,
die grundideen. Kinder klicken
Kugelschreiberknopf. wir
winkeln die hände dabei
nur auf unterschiedliche
weise an den körper
das fallende licht

Angelika Overath, Neue Zürcher Zeitung, 13.10.2008

Heimat und Elend

– Die gelehrte Lyrikerin Ulrike Draesner dichtet berührte orte: Es kommt darauf an, das Zauberwort zu finden mitten in der verlorenen Unschuld. –

Stille empfängt den Leser. Eine schweigende Dichterstimme: Mit dem Gedicht „eine woche, stumm“ beginnt Ulrike Draesners neuer Lyrikband berührte orte. Das Schweigen irritiert: den Hund, der Kommandos gewöhnt ist und liebevolle Ansprache, die Dichterin selbst, medizinisch zum Schweigen verurteilt. Irritiert sind natürlich auch die Leser, selbst wenn es im Gedicht Geräusche gibt – sie stammen vom verwirrten Hundetier. Der Auftakt ist programmatisch, denn berührte orte führt weit ins Fremde hinein, in die arabische Welt, nach Skandinavien und Indien. Aber beginnen muss die Reise, soll sie zu etwas führen, zuallererst mit Aufmerksamkeit. Das erzwungene, befremdende Schweigen im Eingangsgedicht erweckt erst wirkliche Wahrnehmung und damit das achtlos tausendmal Berührte zur Existenz. Ein schillernder Begriff: „berühren“. Mit zwei, drei Assoziationssprüngen ist man im weiten Feld der unberührten Natur, des Intakten und Kontaktes, des Takts und der Rührung wie des Rührmichnichtans, sogar der als Jesusgefäß verehrten „virgo intacta“. Die Unschuld der Orte und Menschen ist verloren, sie sind berührt, aber sie haben auch den Zustand der Unberührbarkeit hinter sich gelassen. Es kommt darauf an, wie es dieser Lyrik gelingt, das Zauberwort zu treffen.
So vorbereitet, kann man sich Draesners Reiselyrik widmen, ein halbes Hundert Texte, die neu und alt sind zugleich. Die Länder kennt man zum Teil aus den vorigen Gedichtbänden und Romanen, sogar Figuren begegnen wieder, dazu der souveräne Umgang mit Klangkaskaden, die doch nicht Selbstzweck werden, und die Stimmen der Tiere. Hier sind es Ziegen, Kamele, Kühe, Wespen, Spatzen, Krähen, Reiher, Schlangen, Gottesanbeterinnen.
Die Freude an Neologismen und am sinnigen Wortspiel ist wieder da, der emphatische, vorwärtsdrängende Zug in den Zeilen: tänzelnd, trippelnd, schleichend, der plötzlich von typografisch gekennzeichneten Pausen unterbrochen wird. Motivkorrespondenzen zwischen den Gedichten quer über die fünf Abteilungen hinweg liebt Draesner, ob es sich um „Strom“, „Kabel“, „Rom“, „stürzen“, „Palmen“ handelt, und dazu eine fröhlich grüßende Mayröckerei.
Insgesamt fällt auf, dass der ab und zu modisch erscheinende Jargon früherer Gedichtbände seltener auftaucht und wenn doch, gut motiviert. Erneut fügt Draesner hilfreiche Texterläuterungen an. Die sind freilich etwas beliebig, denn ähnlich erklärungsbedürftige Stellen bleiben der Findigkeit des Lesers überlassen.
Neu erscheint Bayerisches in der Lyrik, teils über den Augsburger Kollegen Brecht und dessen Heimweh im dänischen Exil vermittelt, teils direkt, ja mit schöner Forschheit – wie in „bayerisch-seeland / (ödelchen)“. Die kleine Ode spielt selbstironisch mit der „guten Landluft“, die in Bayern entsteht, wenn Gülle, die dort „Odel“ heißt, auf die Felder versprüht wird. In diesem Gedicht tummeln sich „millischeckerl, kratzenpratzerl“, „karfiol“, „schnürlregen“, „w– w– wetterbleaml“ und die „hiasigen hinnigen“: eine famose Liebeserklärung, mal derber, mal feiner Art. Nicht ganz neu, aber häufiger finden sich Witz und Humor in der Lyrik, als könnte Draesner die Wörter im Besitz ihrer Bedeutungen nicht ungestört lassen.
Lokalkolorit taucht in den indischen, maghrebinischen und nahöstlichen Gedichten ebenso auf. Zu diesem gehört die Fremde der Schriften, Wörter, Sprachen, in der dank der geheimnisvollen indogermanischen Verwandtschaft doch plötzlich Bekanntes anspringt. Bittere Reiseabenteuer, lächerliche Hilflosigkeiten, schmachvolle Niederlagen begegnen in der Lyrik; fast balladenhaft spannungsvoll manchmal, manchmal nur angedeutet. Die Krankheit, die Armut, den Krieg, die Fremde, das Sterben fasst Draesner als elende Lebenssituationen fest ins Auge, nicht nur in „indischer kuckuck, wild licht“, wobei Gefühligkeit fern, Empathie aber nah ist.
Auch den Weltinnenraum sieht Draesner als Touristin, und Sinnlichkeit heißt bei ihr, in den Wörterstrudel Erkenntnisse und Wissenspartikel-Rosinen zu wickeln.
Und dann ist da noch die Weite der Zeiten. So bildet Draesner ein Zweitausendjahr-Wörterpaar wie „mikrowelle, salome“ oder flicht frühere Sprachstufen ins heutige Deutsch. Das wirkt wie ein autobiografischer Blitz, der an ihr früheres Dasein als Mittelhochdeutsch-Forscherin erinnert. Draesners Langgedicht „damaskus, manöver“ schließlich formuliert besonders eindringlich das In- und Durcheinander der Zeiten, Völker, Dinge, Lebewesen, Kulturen, das unvermittelt nicht zu haben ist. Politik wie Militärisches sind hier integraler Bestandteil der Landschaft, der Nachrichten, eines schrecklichen Schlamassels, das kaum fassbar ist, Schönheit und Schrecken vereint.

Rolf-Bernhard Essig, Frankfurter Rundschau, 8.12.2008

berührte orte

Glichen die Erzählungen des vor neun Jahren erschienenen Prosabandes Reisen unter den Augenlidern noch Horrortrips, bricht Ulrike Draesner hier zu realen anderen Kontinenten auf: offen, spielerisch, begabt mit allen Sinnen und in einem unablässigen Austausch von Außen- und Innenwelt. Ein sich wandelndes lyrisches Ich beginnt eine Odyssee, um Verborgenes in sich selbst und in einer auf den ersten Blick fremden Welt zu erfahren. Ein Kapitel führt nach Indien, birst fast vor Körpersprache, Gerüchen und Geräuschen. Zwei andere entdecken arabische Länder. Sowohl marokkanische Städte wie Fes, Casablanca, Tanger oder das syrische Damaskus als auch Gebirgsketten und Passstraßen werden zu Schauplätzen von Welt- und Icherfahrung, beschreiben Milieus, uralte religiöse Riten und kulturelle Überlieferungen. In einer merkwürdigen Kombination aus Abstraktem und Gegenständlichem, aus Eindrücken des Sehens, Hörens, Fühlens und Schmeckens wird das Ich gleichsam durchlässig für Landschaften, Pflanzen, Tiere, Dinge, Temperaturen und vor allem frei für menschliche Begegnungen. Fast immer bedenkt die Dichterin mit den Menschen zugleich die andersartige Sprache. Das lyrische Ich wird Zeuge von Gewaltszenen. Dabei wandelt sich seine Identität, wird zum Du, zum arglosen Tier oder zum Leser, der zum Mitwisser wird. Fast heiter und gelöst wirkt da das zweite Kapitel „revontulet“, durchflutet von norwegischem und finnischem Licht. In Dänemark kommen „BB“ und „RB“ als fiktive Personen zu Wort. Ulrike Draesners erfundene Rollenrede ist kühn und wirkt doch gelassen und selbstverständlich in Sprachgestus und Melodie, dessen zweite Tonspur die Melancholie des Exilanten anklingen lässt. Die Montagetechnik verbindet Handlungselemente, wörtliche Rede und die surrealistisch anmutende Präsenz zeittypischer Dinge und deren Aura auf verschiedenen Kontinenten nahtlos und leicht miteinander. Wortschöpfungen zu so noch nie benannten Situationen und Empfindungen tummeln sich von Vers zu Vers.

Dorothea von Törne, Die Welt, 25.10.2008

Berührt und geschüttelt

Ulrike Draesner macht sich in dem Gedichtband berührte orte auf die Reise. Auf die Reise durch die Welt, durch die eigene Erfahrung und Empfinden, durch die Sprache. Kühl betrachtet sie, seziert sie, analysiert sie, eine Forschungsreise, mehr als eine Urlaubsfahrt. Doch zwischen all ihrer Distanziertheit, ihrem klaren Verstand und sprachlicher Präzision schafft Draesner es immer wieder, den Zeilen Gefühl einzuhauchen, Humor – und meditatives Schweigen.
berührte orte ist ein stilles, nachdenkliches Buch. Es schwelgt nicht in verklärten, romantischen Klischees, es führt immer wieder zurück zum Ich. Die Orte berühren, werden berührt und rühren etwas im eigenen Inneren.

Tom Böttcher, amazon.de, 4.2.2010

Weitere Beiträge zu diesem Buch:

Frank Milautzcki: In Wahrheit ist es ein Entpellen
fixpoetry.de, 22.6.2009

Christian Schlösser im Gespräch mit Ulrike Draesner.
(Das Gespräch wurde am 16. April 2005 in Oxford am Rande einer von Karen Leeder am New College organisierten international besetzten Fachtagung zur Lyrik des 20. Jahrhunderts geführt.)

 

ULRIKE DRAESNER

Ein Dichter ging im Walde
wollt dichten dort und schreiben
wollt Verse aus sich treiben
und etwas Schnitzen halt.

Wie er grad schön am Schnitzen war
sprach ihn ein Wolferl an
ob er vielleicht s’ rottkupfen sah
leck mi, sprach drauf der Mann.

Des bracht das Wolferl so in Wut
eh ich mich weiter veräppeln lass
mach i mir so recht den Spaß
und freß die Type samt mit Hut.

Gesagt gefressen, ein Elend fast gut
wobei man sagen dürfen müssen tut:
du Dichterpack bleib fein Zuhause
kennst dich im Walde eh nit aus.

Peter Wawerzinek

 

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shi 詩 yan 言 kou 口

 

Beitragsbild von Juliane Duda zu Richard Pietraß: Dichterleben – Ulrike Draesner

 

Anton G. Leitner interviewt die Schriftstellerin Ulrike Draesner – Werk, Wirkung, Wirklichkeit 4.1

 

 

Anton G. Leitner interviewt die Schriftstellerin Ulrike Draesner – Werk, Wirkung, Wirklichkeit 4.2

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