Ursula Heukenkamp: Zu Theodor Kramers Gedicht „Von den ersten Fahrrädern im Marchfeld“

Im Kern

Im Kern

– Zu Theodor Kramers Gedicht „Von den ersten Fahrrädern im Marchfeld“. –

 

 

 

THEODOR KRAMER

Von den ersten Fahrrädern im Marchfeld

Dazumal, vor guten vierzig Jahren,
als wir noch zwei braune Burschen waren,
sind im Marchfeld, weit und wegverkommen,
grad die ersten Räder aufgekommen.

Und die Flecken, die in jenen Tagen
voneinander noch entfernter lagen,
haben sich nun in den ein, zwei blassen
Abendstunden leicht erreichen lassen.

Und es hat bis an die Grenze droben
bald ein großes Fahren angehoben
zu den Ziegelhöfen in den Senken,
zu den aufgespürten Bretterschenken.

Und wir haben seltsam unterm Gleiten
es empfunden, unsre Heimlichkeiten
nun auf viele Dörfer zu verteilen,
fern und nah, und nirgends zu verweilen.

 

Freilauf

Kramers Gedicht rühmt die Anfänge des Radfahrens als ein Ereignis von seltenem Glanz. Wir erleben es, als hätten die Leute dazumal gelernt, was heute niemand kann, als hätten sie zu fliegen begonnen. Die Ursachen dieser Schwerelosigkeit lassen sich zunächst noch nicht ausmachen. Die Rede ist in herkömmliche Paarreime gesetzt. Der Rhythmus stellt sich dem Metrum nicht kühn entgegen. Dieses ist herkömmlich.
Die erste Strophe beginnt damit, daß an eine Weite und Unzugänglichkeit der Landschaft erinnert wird, die es beide nicht mehr gibt. Vor dem Auto und der Bahn sind sie vergangen. Das Marchfeld, in Niederösterreich gelegen, erstreckt sich auf einer Fläche von 45 mal 30 Kilometern. Für das Fahrrad waren das noch Entfernungen, die als weit gelten konnten. Das Gefühl ihrer Überwindung stellte sich ein, solange man noch die Anstrengung, aber schon die vervielfachten Kräfte spürt.
Dieses Gefühl hat sich erhalten. Radfahren ist poetisch geworden. Mehrere Gedichte unserer Lyrik sind dem Vergnügen des Radfahrens gewidmet. Sie handeln von der Wiederentdeckung der Muskelkraft und der natürlichen Sehweise, die vom Tempo abhängt. Eigentlich freuen sie sich an der Wiederentdeckung des Körpers in seiner Bewegung. Aber diese Entdeckerfreuden sind großstädtisch gefühlt. Es ist die sonntägliche Ausnahme und Rückkehr zu einfachen Genüssen. Die Polemik gegen das Auto und die Jagd nach dem Glück „hinter den sieben Bergen“ ist immer ein wenig enthalten.
Darum handelt es sich nicht in Kramers Gedicht. Das seit der ersten Strophe sich behauptende Perfekt kann uns vor Verwechslung warnen. Das Gedicht spricht auf eine naive Weise. Mit dem Fahrrad ist etwas wirklich Neues in die Welt gekommen, weil sein Nutzen vielen zugute kommt. Es ist erschwinglich, man kann es sich leisten. Die zweite Strophe sagt, daß es sich hier um Leute handelt, die nur einen kurzen Feierabend zu ihrer Verfügung haben. Die Geschwindigkeit gibt ihnen mehr Freiheit. Sie erreichen nun leicht die entfernten Orte. Viele müssen darauf gewartet haben. Ausdrücklich sagt das Gedicht, daß ein großes Fahren anhob zu anderen Ziegelhöfen als den eigenen, zu anderen Bretterschenken als der nächsten. Es habe ein Hin und Her, ein allgemeiner Wechsel begonnen. Das mag sinnlos erscheinen, ist es aber nicht. Ob es viel oder wenig macht, wenn man seinen Branntwein dort trinken muß, wo man zufällig arbeitet, ist eine Frage der sozialen Situation. Ein Stück Verfügung mehr über sich selbst verringert die Abhängigkeit.
Radfahren ist kein Herrensport. Die soziale Konkretheit liegt in dem Aufheben, das das Gedicht von der neu gewonnenen Bewegungsfreiheit macht. Diese Radfahrer beginnen wirklich zu fliegen, wenn sie nun mit der hergebrachten Seßhaftigkeit brechen.
Soziale Konkretheit liegt auch im Detail. Die dritte Strophe errichtet eine merkwürdige Landschaft. Darin einbeschlossen ist eine bestimmte Weise der Wahrnehmung. Nähe und Ferne messen sich nicht nur, wie in den beiden ersten, am Augenmaß des Fußgängers. Es geht auch die Sicht dessen ein, dem nicht viel Zeit für sein Vergnügen bleibt. Die Architektur dieser Landschaft vergleicht sich mit einer Suppenschüssel. Zwei Züge sind bestimmend: die ins Unwirkliche gesteigerte Ausdehnung, Ferne wird in Höhe verwandelt, und die Bündlung aller Wege in eine Richtung. Sie führen sämtlich von den Grenzen droben hinab zu den Senken mit ihren aufgespürten Bretterschenken. Das ist keine Allerweltsperspektive, sondern die der Fahrten ins Tal. Der Vergleich greift nach dem Naheliegenden. Die Steigerung ins Unwirkliche entspricht außerdem einem Erlebnis der Umgebung, das dem alltäglichen vollkommen entgegengesetzt ist. Die Landschaft dieser Abende existiert nur in diesem blassen Licht, nur für die wenigen Stunden, eine außergewöhnliche, ja unirdische Landschaft für immer.
Die Subjektivität der Sinneswahrnehmung hindert nicht soziale Konkretheit, sondern macht sie aus. Daß das gelingt, ist am Ende eine Frage von Kramers eigensinniger Genauigkeit. Bei den Versuchen, die gegenwärtig in unserer Literatur mit dem Authentischen unternommen werden, geht es um diese Kongruenz. In Kramers Gedichten gibt es keine beliebigen Ansichten der Landschaften oder Ereignisse. Also ist auch Schönheit nicht „allgemein“ empfunden, sondern auf Bedürfnisse bezogen. Das führt nun aber nicht zu einem Maßstab bornierter Nützlichkeit. Gerade im Gegenteil. Die vierte Strophe beschreibt keinesfalls Armeleuteglück. Das Schöne wird hier „erfahren“. Die Empfindung, welche sich unterm Gleiten einstellt, wird seltsam genannt. Sie ist nicht alltäglich und darum nicht leicht zu bezeichnen. Sie setzt sich zusammen aus dem besonderen Licht, aus dem Eindruck der Landschaft, die sich den Fahrenden hinzugeben scheint, aus dem Genuß an der Bewegung und der Freiwilligkeit dieser Fahrten. Ihre außerordentliche Mühelosigkeit drückt das Wort Gleiten aus. Ihr Ziel hemmt sie weder, noch treibt es. Eigentlich ist es nichts Großartiges. Denn sie fahren ja nicht achtspännig. Und es muß ja außer dem Gleiten der Abfahrten auch die Anstiege und ihre Mühe gegeben haben. Auch warten keine Paradiese auf diese Fahrer. Was sie gewinnen, ist erwünschte Anonymität bei abendlichen Beschäftigungen. Fremde Gesichter und Geschichten beim Trinken, unbekannte Mädchen vielleicht.
Eigentlich kommt das festliche Gefühl nicht aus der Erwartung der Ankunft. Vielmehr lebt es aus der Gewißheit, daß jede Ankunft nur eine von vielen sein wird. Über dem Erreichbaren in den nahen und fernen Dörfern steht die Freiheit, alle zu erreichen und nirgends zu verweilen. Dieser Freiheit gehören die letzten Worte des Gedichts.
Das Freisein im Fahren ist die große Angelegenheit des Gedichts. Unter Umständen – und das sind soziale Umstände – muß man vom Eingebundensein in soziale Zwecke loskommen, um sich selbst zu fühlen und in seiner Einzigartigkeit zu bestätigen. Diese Übereinstimmung mit sich und einer für diese Augenblicke freundlich entgegenkommenden Welt nennt das Gedicht seltsam. Man könnte sie auch Glück nennen.
Die letzte Strophe sagt zu diesem Selbstgefühl mehr als ihre einzelnen Worte. Der Rhythmus, der in der ersten Strophe die Rede nur eben begleitet hatte, fällt in den vier Versen dieser Strophe so sanft, daß er sich im Sinn der Worte gleitend auflöst. Das unauffällige wir führt die Sicherheit mit, daß es sich um gemeinsame und unvergeßliche Erinnerungen handelt. Der biographische und lokale Erinnerungsrahmen tritt fast zurück. Schon die dritte Strophe beginnt den Bericht über das große Fahren höchst bedeutungsvoll zu behandeln, mit einer Steigerung ins Außergewöhnliche. Nun wird es auch noch zu einem Ereignis, das alle gemeinsam ergreift und den einzelnen aus seiner Einzelheit befreit. Selbst die Heimlichkeiten haben sie alle, wenn auch jeder für sich.
Es ist kein Widerspruch, daß das Hochgefühl der Gemeinschaftlichkeit und das andere Gefühl, sich ganz selbst zu gehören, hier zusammenfallen. Denn das ist eine Weise des Glücks, die alle Menschen erfahren können und die sie zusammenführt. Dadurch erregt das Gedicht unsere Teilnahme über ein historisches Interesse hinaus. In dieser „seltsamen“ Empfindung kann man sich selbst begegnen, auch die Situation des Zurückdenkens, in welche das Gedicht eingebettet wird, ist bekannt. Daß solche Augenblicke entschiedenen Selbstgefühls Glück sind, weiß man wohl immer erst im nachhinein.
Trotzdem handelt es sich im Gedicht nicht um nachträgliche Verklärung. Solange man im Freilauf ins Tal fährt, denkt man nicht darüber nach, ob das jetzt Glück ist. Solche Momente raschen Daseins sind nicht die der Reflexion. Einreden muß man sich das Glück dieser Art nicht. Verschiedene Überlieferungen davon leben in der Literatur. Neben dem atemlosen, wohl auch besinnungslosen Rausch des Selbstgenusses, der tollen Fahrt mit den Sonnenpferden der Zeit, gibt es sanftere Weisen. Brechts Hauspostillengedicht „Vom Schwimmen in Seen und Flüssen“ hat sogar im Nichtstun den Genuß am Dasein gefunden. Das Gleiten in Kramers Gedicht hat mit ihnen die unbedingte Hingabe an den wirklich gelebten Augenblick gemeinsam. Es teilt wohl auch ihr Bewußtsein, auf schmalem Grade zu balancieren. Denn gefahrlos ist es nicht, auf dies rasche Dasein zu setzen. Das Glück, nirgends zu verweilen, ist flüchtig. Und in die Lust an der Ungebundenheit mischt sich die Ahnung der Unbehaustheit. Nach solchen Fahrten müssen sie fremd zurückgekehrt sein in ihr alltägliches Dasein, unruhig oder in der Gefahr, sich in der Hingabe zu verlieren. Kramers Gedicht spricht nicht nur auf naive Weise, es ist naive Poesie. Ohne Sentimentalität verweilt es bei vergangenen, vielleicht schon damals bescheidenen Freuden. Aber seine Haltung ist nicht bescheiden. Denn da es das Bedürfnis nach der ganzen Freude, sich als Mensch zu fühlen, aus der sozialen Abstraktheit herausnimmt, stellt es Ansprüche. Es ist ein Gedicht gegen den „trübseligen Schlendrian einer endlosen Arbeitsqual“ (Engels) und für die gerechte Verteilung von Lebensgenuß. Es sagt, daß alle Menschen das Bedürfnis nach genießbarem Glück und also auch den Anspruch darauf haben.

Ursula Heukenkamp, neue deutsche literatur, Heft 11, November 1978

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