Ursula Krechel: Zu Friederike Mayröckers Gedicht „Schwarzer Titel“

Mashup von Juliane Duda zu der Beitragsserie „Im Kern“

Im Kern

– Zu Friederike Mayröckers Gedicht „Schwarzer Titel“ aus Friederike Mayröcker: Notizen auf einem Kamel. –

 

 

 

 

FRIEDERIKE MAYRÖCKER

Schwarzer Titel

ob du mit roten Füßen Vogel trittst meinen Weg vorsichtig
ob rotfüßiges Tier rotkehliges Tier krallig in rot und rosa
ob flüchtig mit roten Zehen roten Fühlern was für ein Tier
in meinem Schädel / mit rotem Gefieder vermutlich
mit weichen Kissen Händen die Hände wie rosa Kissen der Mund
ich mich verfangen habe in roten Vogel in rosa Fleisch und Gefieder
ob du rotfüßiger Vogel auftrittst: Menschenfuß
in der Straße minimal um die Weite der Weißheit des
Auges zärtlicher . . Auftritt
neben mir meinem Fuß rosa Gefieder zärtlicher Blust
rotgefiederten Tieres . . so nahe mir
keinen Schritt näher! kippend Lektüre Blutung blutjung

 

Von Vögeln und Füßen

Daß Farben Stimmungsträger sind, Transporteure einer gefilterten Wahrnehmung – wem könnte dies in einer jeden Tag bunter inszenierten Welt entgangen sein? Obwohl die Farbe Schwarz eine solche Wertigkeit hat, ist das Gedicht „schwarzer Titel“ keinesfalls düster, tragisch umschattet. Eher scheint die Farbe Schwarz hier als ein Kontrapunkt, als eine Art Konzentrationsebene im Wirbel der Wahrnehmungen, der jeden ordentlichen Satzbau sprengt. Das Schwarz saugt auf, dämpft – aber nur ein wenig, denn im Gedicht selbst hat es keinen Raum.
Eine ganze Rotskala in ihrer lodernden warmen Lebendigkeit wird ausgebreitet. Das Tier „in meinem Schädel“ könnte eine Halluzination sein. Der Phantasievogel schimmert und schillert, ist kaum zu fassen, ein Traumgebilde möglicherweise, wie sie häufig bei Friederike Mayröcker in Gedichte überführt werden. Zeile für Zeile wird das flammende Rot fort- und fortgetrieben in die fleischliche Helligkeit. Die Farbpalette streift das Körperhafte, es ist eher eine Francis-Bacon-Rot-Palette als eine von Tizian, keinesfalls ein naives Rot, sondern vielfach gebrochen. Das Fleisch liegt bloß, scheint sich nach außen zu stülpen. Über alle Körperteile hinweg wandert das Rot zum Rosafarbenen, in eine unsichere Anatomie, nicht Vogel, nicht Mensch, Zehen und Fühler passen nicht zu dem „rotkehligen“, „rotgefiederten“ Tier.
Eine dritte Farbe wird aufgetupft:

um die Weite der Weißheit des Auges zärtlicher

Ist der weitere Menschenfuß (noch) zärtlicher als der zartfühlend ausgemalte des Tieres „mit roten Zehen“? Oder wird hier eine komplizierte poetische Meßeinheit für Zärtlichkeit erfunden? Das fremd klingende „minimal“ deutet darauf hin. Die Substantivierung „Weißheit“ ist ungewöhnlich, läßt vage an „Weisheit“ denken, für die in diesem Gedicht, menschlich erregt, errötet oder vogelhaft „verfangen“, wie das Ich von sich bekundet, kein Platz ist.
Die Bezüge sind offen, sie werden verwischt, vieldeutig gehalten. Sind die Hände, die doppelt ins Spiel gebracht werden, „wie rosa Kissen“, oder ist der Mund Kissen? Für was? Die kompliziert verschränkte Syntax des Gedichts mit ihren Abbrüchen, der Anredeform, die erst am Ende wiederaufgenommen wird, beflügelt eine einzige Atemlosigkeit.
Die Frau und das Tier: eine geglückte Begegnung, ein Auftritt, in dem das Tier eine Wunschüberschreitung anzeigt. Die Motivgeschichte ist lang. Leda mit dem Schwan, Diana und der Hirsch (christlich umgewidmet in: die heilige Genoveva mit der Hirschkuh), die Dame mit dem rätselhaft bleichschönen Einhorn. Immer ist das Tier Projektionsfigur für Leser und Betrachter, eine Projektionsfigur, der nichts Menschliches fremd ist und die dennoch das Menschenmögliche dehnt.
Was geschieht zwischen dem sich einfindenden Tier und der von seinem Anblick schier überwältigten Figur? In den gleichmäßig ausschwingenden Zeilen des Gedichts gibt es zwei optische Leerstellen, die auch Stolperschwellen im Rhythmus sind. In alten Büchern sind drei Punkte Auslassungszeichen bestimmter Stellen, Wörter, die hinzugedacht werden mußten. Aber hier ist alles offenbar im glühenden, nur mit sparsamen Satzzeichen gegliederten Gedicht: „so nahe mir“ und nach dem Zeilenbruch:

keinen Schritt näher!

Das Ich übernimmt endlich die Regie, nachdem unendliche Nähe zwischen Vogelfuß und Menschenfuß zugelassen worden ist, die in dem altertümlichen Wort „Blust“ gipfelt, das Blühen bedeutet, doch in seiner schwebenden Fremdheit unweigerlich an das Reimwort „Lust“ denken läßt. Ein Begriff, der in dieser poetischen Vogelbegegnung mit Füßen, Händen, Krallen, Mündern und Gefieder klug ausgespart bleibt. Die kursiv gesetzten Wörter der letzten Zeile, wie ein Notar, eine Fußnote, sprechen von einem anderen Rot.

Ursula Krechelaus Marcel Reich-Ranicki (Hrsg.): Frankfurter Anthologie. Einundzwanzigster Band, Insel Verlag, 1998

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.