Ursula Krechel: Zu Ossip Mandelstams Gedicht „Griffel Ode“

Mashup von Juliane Duda zu der Beitragsserie „Im Kern“

Im Kern

– Zu Ossip Mandelstams Gedicht „Griffel Ode“ aus dem Band Ossip Mandelstam: Gedichte. –

 

 

 

OSSIP MANDELSTAMM

Griffel-Ode

Der Stern zum Stern, machtvoll gefügt –
Der Kiesweg aus dem alten Liede –
Kies spricht und Luft, Hufeisen spricht
zum Ring, das Wasser spricht zum Kiesel –
Die Griffel-Zeichnung, milchig an
der Wolken weicher Schiefertafel –
Nicht Welten-Schule – nein, ein Wahn,
ein Halbschlaf-Traum, geträumt von Schafen.

Die Schafsfellmütze wärmt uns gut,
die Nacht ist dicht, wir schlafen, stehend.
Zurück ins Feste kehrt die Flut,
als Kettlein, leichter Schaum und Rede.
Hier schreibt die Angst, hier rückt der Stift,
der bleiern-milchige, im Fernen;
hier reift die Kladde mit der Schrift
an jener, die beim Wasser lernen.

Dort: Städte, Ziegenstädte, steil;
der Kiesel, schroff emporgeschichtet –
Und darin, dennoch, Beeten gleich:
die Lämmersiedlungen und -kirchen!
Die Zeit gibt Form, das Wasser lehrt,
das Bleilot hält ihnen die Predigt,
der Wald der Luft, durchsichtig, er:
von ihnen allen längst gesättigt.

Der bunte Tag – verjagt: die Wabe
ist reingefegt von dir, Hornisse!
Die Nacht, sie kommt, im Geierschnabel
die Flammenkreide, atzt den Griffel.
o wär’n sie von der Tafel fort,
all die vom Tag geprägten Male!
Und die Erscheinungen, die blassen dort:
verscheucht, wie Nestlinge, sie alle!

Die Frucht – sie schwärt. Die Traube – rund.
Der Tag, wie eh und je: Getöse.
Und Knöchelspiel, so rührend, und
mittags die Schäferhunde, böse…
Wie Schutt, herab von eisgen Höhn –
Der grünen Formen Schattenseite –
Das Wasser, hungrig, wirbelt, strömt
– ein junges Tier, so tollts –, es gleitet
wie eine Spinne zu mir her,

wo mondbespritzt die Fugen klaffen –
Ich hör das Griffel-Knirschen, hör
die sprachlose, die steile Tafel.
Erteilst, Gedächtnis, Unterricht?
Sinds deine Stimmen, die da reden?
Die Nacht – entzwei? Entrangst den Stift,
den Schieferstift den Vogelschnäbeln?

Nur aus der Stimme zu verstehn,
was sich dort eingeritzt, im Streite –
Wir führn den spröden Stift – er geh
dorthin, wohin die Stimme deutet.
Ich brech die Flammenkreide Nacht,
halt Worte fest, vorbeigeglitten,
tausch Lautes gegen Pfeilgesang,
tausch Ordnung gegen Zorn und Zittern.

Wer bin ich denn? Ich baue nicht,
ich deck kein Dach, befahr nicht Meere:
Zweihänder, doppelseelig, ich,
der Freund der Nacht, des Tags Gefährte…
Wer da vom harten Stein gesagt,
er sei des Wassers Schüler – selig!
Und wer euch, Berge, die ihr ragt,
den Fuß am Boden festhält – selig!

Das Tagebuch studiere ich
des Sommers mit den Griffelzeichen,
studier, wie Luft, wie Kiesel spricht,
die Lichtspur drin, die Dunkelheiten.
Könnt ich die Finger in den Kies
des Lieds von einst tun, wie eine Wunde,
so daß ich Wasser dort und Stein zusammenschließ,
den Huf- zum Fingerring dort unten…

Übersetzung Paul Celan

 

Geschrieben auf Wolkenbändern

Osip Mandel’štams erlesene, klangvolle Verse stehen schon fremd in einer Zeit, die die Blütezeit der proletarischen Kulturentwicklung ist, einer Zeit, in der das Theater vor Lebendigkeit barst, in der die bildenden Künstler der proletarisch-revolutionären Epoche ein klares, farbenfreudiges, dem technischen Fortschritt zugewandtes Gesicht gaben, in der sie sich nicht scheuten, alle Bereiche des Alltags zu durchdringen. Mandel’štams Gedichte kommen von weiter her, binden sich nur flüchtig an den Tag. Die Bilder wollen für sich stehen. Gewiß, die „Griffel-Ode“ von 1923 steht in der Tradition eines klassischen abendländischen Erbes, aber die Bilder sind auch entfernt mit den Schöpfungen des Surrealismus verwandt.
Der Lärm, den Aleksandr A. Blok zu hören glaubte, als die alte Welt zusammenstürzte, setzte ein Ohr, eine ästhetische Sensibilität voraus, die den Gegenstand gar nicht mehr als ihn selbst wahrnimmt, sondern seine Bedeutung, sein Symbol erkennt und entschlüsselt. Um 1910 hatte der Symbolismus schon an Substanz verloren; die jüngeren Autoren, unter ihnen Mandel’štam, wandten sich nicht weniger aufmerksam Fragen der Form und der literarischen Technik zu als die vorangegangene Generation. Die Erneuerung der Poesie im vorrevolutionären Rußland aus einer Vielzahl von Ismen war keine inhaltliche Erneuerung. Fragen des hoch ausgebildeten ästhetischen Handwerks, Fragen der literarischen Wahrnehmung standen im Vordergrund, als sich die Akmeisten, zu denen Mandel’štam wie Anna Achmatova, wie Nikolaj Gumiljov gezählt wurden, zu einer neuen Gruppe formierten. Sie wandte sich gegen den Okkultismus, gegen die Faszination des Gedankenschweren, auch des Religiösen in der symbolistischen Lyrik. Gegen den weihevollen Kult des Gegenstandes setzten sie den Gegenstand selbst, gegen eine Mythologie des Schriftstellerhandwerks den Griffel. Sie strebten einen Zustand der Reinheit, der Ursprünglichkeit an; jedes Wort sollte Vertrauen aus sich selbst schöpfen, keine zusätzlichen Bedeutungen wie einen Rattenschwanz hinter sich herziehen. Das bedeutete auch – freilich in einem ganz ungewohnten Wortsinn – eine „littérature pure“ zu schaffen.
In der „Griffel-Ode“ reflektiert Mandel’štam in einem komplizierten Bildersystem voller Verweise das Schreiben. Schreiben hat für ihn eine so weite Dimension, daß es sich bis an den Himmel reckt. Alle Elemente werden einbezogen. Ich kann mir nur eine vorsichtige, tastende Annäherung an dieses Gedicht denken, ein Springen von Bild zu Bild wie auf Eisschollen, ein Ausprobieren, ob auch die dunklen Bilder nicht zerbrechen, wenn man sich über sie beugt. Der hohe, feierliche Ton der Ode, ein in die Höhe gerichteter Blick „Stern zu Stern“, die biblischen Anspielungen an den poetisch und politisch radikalen Text der Bergpredigt: dieses Gedicht macht sich nicht gemein „Die Griffel-Zeichnung, milchig an / der Wolken weicher Schiefertafel – […] geträumt von Schafen“ – bedeutet das, mit dem Griffel Geschriebenes verwischt? Das Ziehen der Wolken, der Ablauf der Zeit macht das Schreiben unnütz, sinnlos? Das wäre kein Sujet für eine Ode mit ihren so klassisch gebauten achtzeiligen Strophen, eher ein Sujet für eine Elegie, eine Klage der Vergeblichkeit. „Hier schreibt die Angst, hier rückt der Stift, / der bleiernmilchige, in Fernen; / hier reift die Kladde mit der Schrift.“ Der Beginn dieser Ode legt nahe, daß hier ein Abgesang auf eine bestimmte Existenzform, eine Wahrnehmung „wir schlafen, stehend“ geschaffen wird, aber unverhofft und unmerklich gewinnt die „Griffel-Ode“ an Dynamik, ordnet sich „gegen Zorn und Zittern“. Ein reiner, „reingefegter“ Zustand wird beschworen, einer, der den Tag negiert und ihn in einer auffahrenden Gebärde zu mißachten glauben kann. „Getöse“ ist der Tag. Bedächtig werden die Bilder aufeinander geschichtet. Das Motiv des Wassers, das am Ende der zweiten Strophe noch ein fremdes, unausgeführtes Motiv unter vielen zu sein scheint, strukturiert mehr und mehr die Bilderfülle. Schien die erste Nennung des Elements „das Wasser spricht zum Kiesel“ noch wie ein Übergang, ein Gleitmotiv zwischen den Dingen (Stern, Kies, Hufeisen), so schafft die Wiederholung Klarheit. Schien die erste Nennung derer, „die beim Wasser lernen“, eine schöne, aber dunkle Stelle zu sein – ausgespart wurde ja, was und wie beim Wasser gelernt werden könnte –, so klärt sie sich in dem hymnischen Sprechen der vorletzten Strophe. Das Wasser höhlt sprechend den Kies, der Stein wird zum Schüler des Wassers. Der Dichter, sprechend, zuhörend, schmerzhaft eingreifend „wie in eine Wunde“, fügt aus der Vielzahl der widerstrebenden Bilder eine große Metapher, die der dichterischen Existenz. Es ist ein seliger und gleichzeitig unwissend allmächtiger Aufschrei, ein ästhetisches Programm für alle und mit allen Sinnesorganen, das Mandel’štam umreißt, eine Arbeit, die über alle bescheiden aufgelisteten Kräfte geht („Zweihänder, doppelseelig, ich“) und Lernen und Lehren, Tag und Nacht, Wasser und Kies versöhnen will. Was für ein hochgemutes, sich seiner Würde selbst gewisses Sprechen.
Kaum ein Autor ist so diskret mit seinen Lebensumständen umgegangen. Mandel’štams Gedichte und seine wenige Prosa wollten für sich sprechen. Die Berichte von seinem qualvollen Ende legen sich gewaltsam auf die Lebenszeugnisse, überdecken und verdrängen sie. Lange Zeit war nicht einmal bekannt, daß Mandel’štam verheiratet war, bis sich seine Frau in ihrem bewegenden Buch über die Verfolgungen im Stalinismus Das Jahrhundert der Wölfe (1971) selbst zu Wort meldete.
Mandel’štam wurde am 15. Januar 1891 als Sohn eines jüdischen Lederhändlers geboren. Die Familie siedelte bald von Warschau nach Petersburg über. Nach der Beendigung der Schulzeit reiste Mandel’štam nach Paris. Ein Zeuge dieses ersten Auslandsaufenthalts, der spätere Harvard-Professor Mikhail Karpovich, beschreibt den jungen Mann als vollkommen hilflos in allen praktischen Angelegenheiten, aber unabhängig in seinem Urteil. 1910 reiste Mandel’štam ein zweites Mal, diesmal, um in Heidelberg zu studieren; er beschäftigte sich mit dem Altfranzösischen, Griechischen und Lateinischen. Er war krankhaft empfindlich und lebte ganz nach innen. Die ersten literarischen Erfolge und die Auslandsaufenthalte veränderten ihn: bei der Rückkehr nach Petersburg war aus dem schüchternen jungen Mann, der zur Belustigung der literarischen Welt zusammen mit seiner energischen Mutter die Redaktion der elegantesten Petersburger Kunstzeitschrift aufgesucht hatte, ein selbstbewußter, kenntnisreicher Autor geworden. Schnell wird er zum Arbiter elegantiarium.
Mandel’štams Verse haben einen reichen kulturhistorischen Hintergrund aus der Antike, aus der jüdischen, europäischen und russischen Geistesgeschichte und Philosophie. Viele seiner Gedichte handeln vom Dichten, und viele sind angeregt durch den Umgang mit Literatur, sei es Racine, Poe, Homer. Mandel’štam war ein literarischer Weltbürger. In die Sprachbilder von vollendeter Harmonie dringen mehr und mehr kühn komponierte, grenzüberschreitende Bilder ein – wie in der „Griffel-Ode“.
Die Revolution bestürzt ihn in ihren zerstörerischen Auswirkungen. „O Eid, den ich dem vierten Stand geschworen! / O mein Gelöbnis tränenschwer! / Wen bringst du um noch? Wen wirst du noch rühmen? / Und welche Lüge, sag, fällt dir noch bei?“ heißt es in dem Gedicht „Der erste Januar 1924“. 1924, das war auch das Todesjahr Lenins.
Ende der zwanziger Jahre war Mandel’štam auf der Höhe seines Ruhmes. Seine ungedruckten Gedichte kursierten in Abschriften. In der weiteren Entwicklung hatte eine Literaturauffassung wie die seine nur noch erbitterten Hohn zur Folge. Bis 1933 konnte Mandel’štam noch hier und da Gedichte und Erzählungen veröffentlichen; im Mai 1934 wurde er verhaftet. Er hatte ein kritisches Gedicht über Stalin geschrieben. Das war das Ende seiner öffentlichen Existenz: nach der Freilassung, für die offenbar Pasternak eingetreten war, wurde Mandel’štam in die Verbannung geschickt. Er versuchte, sich das Leben zu nehmen, brach sich beim Sprung aus dem Fenster aber nur das Schulterbein. Im Mai 1937 wurde er freigelassen, am 1. Mai 1938 wieder verhaftet wegen „konterrevolutionärer Aktivitäten“. Dieses Mal wurde er zu fünf Jahren Lager in Sibirien verurteilt.
Ein Photo aus dieser Zeit zeigt den 45jährigen früh gealtert, verbittert, den Blick in die Kamera verweigernd. Er fürchtet, vergiftet zu werden; er verweigert Nahrung. Seine Mitgefangenen erwischen ihn dabei, daß er ihre Brotrationen stiehlt. Er wird geschlagen und verfällt immer mehr. Schließlich ernährt er sich von Abfall. George Stuckow zitiert so einen anonymen Zeugen, andere Berichte widersprechen. Mandel’štams letzte Briefe aus dem Lager sind flehentliche Bitte um warme Kleidung und Geld. Er fürchtet den einbrechenden Winter. Es sind Briefe eines Menschen in einem Ausnahmezustand; sie deuten aber nicht auf eine geistige Verwirrung.
Den so gefürchteten sibirischen Winter überlebte Mandel’štam nicht. Um den 27. Dezember 1938, sein Todesdatum läßt sich nicht genau feststellen, starb er im Lager.

Lesarten. Gedichte, Lieder Balladen. Ausgewählt und kommentiert von Ursula Krechel, Luchterhand Verlag, 1982

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