Uta Mauersberger: Poesiealbum 153

Mashup von Juliane Duda zu dem Buch von Uta Mauersberger: Poesiealbum 153

Mauersberger/Leber-Poesiealbum 153

DREI GROSCHEN DRAUF

Brav schiebe ich meine Seele durch den Kalender
heut abend ist er ein Museum zeigt das letzte Jahr
wie streng es mir den Mut erprobte

trotz Brauch sich Stelldicheins zu geben mit Villon
und Klavieren bei Madame Gréco zur Nacht
um Mundvorrat um ein wenig fremdes Abendbrot

hab die Taschen voll Geschichten werde sie nicht los
Geschichten schon ein bißchen aus der Zeit mit Narrenpack
ich bin nicht mehr ein Vogel den die Flucht befreit

nach dem letzten Kalenderblatt dem Restschluck Wein
sieht ein Lebenslauf so einfach aus wie ein Verkehrsschild
durch Lust verharmlost und ein schluderndes Gedächtnis

und die Teufel langweilen sich so entsetzlich
vor der leer gebliebenen Falle des Bedauerns
nicht gelebt zu haben wie man träumt

tragen wir ein offnes Herz durch den Kalender
jetzt wo die Tage vor uns stehn wie Honigzellen
Schönen Gruß von den Dichtern! Ihre Lieder wolln wir halten

nur die der Liebe nicht: versprochne Beeren
füllen keine Körbe, heimlich und leise laß uns
die Nachtigallen unserer Liebe zu Hausvögeln machen

 

Lebensintensität – sinnliche Nähe zu Menschen

und Dingen in den Stadtgedichten Uta Mauersbergers

Die 1952 geborene Uta Mauersberger hat Gedichte geschrieben, die auf das Phänomen einer ungewöhnlichen Begabung hinweisen. Bereits das 1980 erschienene Poesiealbum Nr. 153 enthält u.a. einige Stadtgedichte, die mit einer fließend-offenen Schreibweise pochende Lebensintensität mittels Sprache nacherlebbar machen: bruchstückhaft und zugleich exemplarisch. 1983 druckte der Verlag Neues Leben ihr erstes Buch: Balladen, Lieder, Gedichte. Unter allen Texten fallen wiederum die Stadtgedichte auf. Ihre intensive Ausstrahlungskraft rührt nicht zuletzt aus der mit scheinbarer Lässigkeit gestalteten milieuhaften Einmaligkeit des Lebens in den Altbauvierteln der Großstadt Berlin. Sinnliches und sinnenhaftes Erleben wird abgebildet und zugleich zum Weltanschaulichen, Philosophischen hin erweitert. Im individuellen Stadterlebnis ist das Verhältnis zur Gesellschaft, zur „Welt“ mitgegeben. Der Grundgestus ist generationstypisch nüchtern und ohne Sentiment: „ich lebe – – – das Glück / ist ohne aufwendiges Ereignis“ heißt es in dem Gedicht „Spazieren durch die Berliner Wuhlheide“. Alltägliches Leben als Glück in einer Zeit ohne „aufwendige“ Ereignisse darzustellen – das ist Uta Mauersberger in jener Gruppe von Stadtgedichten gelungen, die Episches, Szenisches (auch Dialogisches), Realistisches und Phantastisches im Augenblick des Gedichts komprimieren. Es gibt wieder und vermittelt Lebensintensität in einer doppelten Spannung: der inneren Spannung des Ichs zwischen sinnenhafter Anspannung und Gelassenheit und der zwischen Ich und Umwelt:

ja es kommt mir wieder drauf an
fiebrige Schläfen die Straßen
pochen in die Lücken um die
der Tod das Leben erweitert
es kommt mir wieder drauf an

(„Aufenthalt in Berlin als Gast der Straßen“).

Hier sind sie: die beiden Pole Tod und Leben, zwischen denen das Bewußtsein jeder Dichtung von Bedeutung angesiedelt ist. Uta Mauersberger sucht dieses Bewußtsein jedoch nicht in der Totale zu erfassen, etwa durch den Versuch der Identifikation von Ich und Stadt, wie es Becher z.B. in „De profundis III“ hymnisch versucht hat. Ihre Verse sind formal nicht abgeschlossen, sondern aufgeschlossen; sie tragen alle Merkmale des Ausschnitthaften, indem sie inhaltlich im Grunde ohne Anfang und Ende sind. Jäh steigt das Gedicht in eine Szene ein:

es war wir kamen von nem Bier bei PABST
(„Abend und Nacht“),

oder:

die Treppe herunter um nachzudenken
kommt Jossl Hosenränder
hochgeschlagen

Formale Kennzeichen für das fiktive Einblenden in eine bereits im Gange befindliche Szene sind die kleingeschriebenen Gedichtanfänge. Zum Schluß hin sind die Gedichte meistens offen, deuten auf Unabgeschlossenes, Prozeßhaftes:

das Holz für eine Zither finden
(„Reinhold der Ältere“)

oder:

brennen wird wen ich berühre
(„die Schwester die junge“).

Diese Schlüsse weisen zeitlich nach vorn, auf künftiges Geschehen über das Gedichtgeschehen hinaus. Dennoch sind die gewählten Lebensausschnitte nicht zufällig. Es werden keine „aufwendigen Ereignisse“ konstruiert, sondern ganz lebensintensive Situationen, Szenen, Handlungsabläufe gestaltet: auf der Straße, in Lokalen, in Cafés, in der Straßenbahn, bei Freunden. Das sind typische Gedichtsituationen, die die äußeren Gerüste für die Verse bilden. Dabei wird – besonders mit Freunden – oft und gern getrunken und erzählt. Dieser szenische Aufbau ist eine Besonderheit der Stadtgedichte Uta Mauersbergers. In „wie isses bloß möglich?“, in den „Henry Bie“-Gedichten und anderen erscheinen die lyrischen Figuren, die die Szene bevölkern, ganz plastisch. Ihr Habitus setzt sich aus Gesten und Bewegungen zusammen, die von Dialogteilen ergänzt werden. Manche Texte tragen Merkmale des Porträtgedichts – an der Grenze zwischen Einzel- und Gruppenporträt:

verlängerter Abendbesuch bei Herrmann

sämtliche Latschen von ihm stehen unterm Klavier
nun er selbst – der abgemagerte Herrmann
taucht aus der Tiefe des Zimmers mit Tee
den er entfalteter Miene stiftet vorm Aufbruch

in den Oktober zieht Herrmann unter Pauls Hut
und Paul und die schwangere Anna folgen
wir lüften aus wir genießen die Frische
und werden stiller und stiller dabei

still wie Annas ungeborenes Kind
still bekennt die Fahnenstange Farbe
so still ist es: sprich wenn du willst
ja es ist wahr sagt Herrmann und zieht den Hut

der einen roten Strich auf der Stirn hinterläßt
ja wir leben von den langen Abenden sagt er
und haut zum Beweis den Hut durch die Luft durch
den Frieden der Stille die unser ist

Unsichtbarer Mittelpunkt des Gedichts ist Annas ungeborenes Kind, das in dieses Leben hineinwächst: „ja wir leben von den langen Abenden sagt er“. „Fahnenstange“, „Stille“ und „Frieden“ assoziieren unpathetisch politischen und gesellschaftlichen Kontext. Wie hieß es doch bei Rainer Maria Rilke 1903:

Da blühen Jungfraun auf zum Unbekannten
und sehnen sich nach ihrer Kindheit Ruh;
das aber ist nicht da, wofür sie brannten,
und zitternd schließen sie sich wieder zu.
Und haben in verhüllten Hinterzimmern
die Tage der enttäuschten Mutterschaft,
der langen Nächte willenloses Wimmern
und kalte Jahre ohne Kampf und Kraft.

(„Denn, Herr, die großen Städte sind“)

Uta Mauersbergers Stadtgedichte lesen sich – betrachtet man sie einmal nur unter dem Aspekt der Lebensintensität der lyrischen Figuren – wie Gegenstücke zum Rilkeschen Gedicht. Sie gestaltet die langen Nächte geselligen Lebens, die Sinnlichkeit, ja Lebensgier der weiblichen Figuren am intensivsten wohl bei der „Schwester der jungen“ mit ihrem leidenschaftlichen „brennen wird wen ich berühre“.
Trotz der Szenen und Dialogteile sind die Stadtgedichte Uta Mauersbergers lyrisch. Im Vordergrund steht jedoch kein isoliertes lyrisches Ich, das seine individuelle Befindlichkeit ausspricht (obwohl auch das legitim wäre), sondern ein sinnlich erlebendes Ich im Geflecht menschlicher Begegnungen und sozialer Beziehungen. Das Typische, die Atmosphäre, die Stimmung ergeben sich oftmals aus dem Konflikt zwischen Einsamkeit und Geselligkeit in der Stadt. Etliche Gedichte werden durch derartige Spannungsbögen zusammengehalten. Vorhandene Einsamkeit wird zutiefst empfunden – was für den Realismus der Gedichte spricht –, aber die Erlebnisfähigkeit und innere Aktivität des lyrischen Ichs läßt eine Leidenspose mit einer rein passiven Betrachterhaltung nicht zu. Aufschlußreich sind in diesem Zusammenhang die Gedichte „Sehnte mich nach einer zufälligen / erschrocknen Berührung“ und „Schlupfwinkel sind das Richtige nicht“. Obwohl das lyrische Subjekt in der Szene nicht allein ist, erweist sich die Beziehung zur jeweiligen zweiten lyrischen Figur des Gedichts als unbefriedigend. So erfährt das lyrische Ich von dem Alten, der es beim Gang durch das Altbauviertel begleitet, zwar historisches Kolorit:

von den hochdeckigen Bierstuben eine
belief ich den Alten im Schlepp
der erzählte der brachte das Zimmer dazu
mit der Unruhe der Stadt zu zittern

beschwor Häuser die niedergegangen

aber die Sehnsucht nach körperlicher Begegnung bleibt unerfüllt. Dort, wo diese Begegnung stattfindet, entspricht sie nicht der Lebenserwartung und dem Lebensanspruch.
Das Verhältnis der lyrischen Subjektivität zu den Figuren ist nur selten Identifikation. Sympathie und wertende Distanz sind gleichermaßen vorhanden, manchmal auch Ironie wie in „wie isses bloß möglich?“ und „Schlupfwinkel sind das Richtige nicht“. Der Lebens- und Glücksanspruch der lyrischen Ich-Figur wächst aus jenem Spannungsfeld zwischen der Suche nach Geborgenheit bzw. sinnlicher Erfüllung – „im hallenden Gebäude der Stadt / ein Bett ein Mauerloch Stroh“ („Reinhold der Ältere“) – und der Erkenntnis „Schlupfwinkel sind das Richtige nicht“.
Wie dieses Beispiel zeigt, sind die Stadtgedichte aufeinander bezogen, bilden innerhalb des ersten Lyrikbandes der Autorin eine Gedichtgruppe, in der sich eine souveräne Lebenshaltung prozeßhaft entwickelt, ein lyrisches Ich sich in seiner Besonderheit profiliert. Aus der sinnlichen und plastischen Darstellung des Beziehungsgefüges des Ichs zu anderen lyrischen Figuren erwächst ihr weltanschaulicher Gehalt, ihre philosophische Dimension, die manchmal in einfachen Sentenzen zusammengefaßt ist:

ich kann nicht bitter sein
nicht klein
nicht für mich

(„Spazieren durch die Berliner Wuhlheide“),

oder:

mein Leben ist aus allen Leben
(„Schweigegedicht“).

… das Haus ist nur eine / Schwelle zu den Chausseen der Welt“, heißt es in „Jossl Perez trauert“. Stadterlebnis, Nachdenken über Leben und Tod, Erotisches, Geschichtliches und Phantastisches ergänzen einander in den Gedichten um Jossl Perez, zu denen auch „Jossl trauert noch immer“, und „Flieder über eine Mauer hängt“ gehören. Hier erreicht Uta Mauersberger mit den Mitteln des Phantastischen manchmal einen genaueren Realismus. In „Flieder über eine Mauer hängt“ entwickelt sie aus einer phantastischen Assoziation anhand eines – dazu noch erotisch gefärbten – Details die geschichtliche Dimension des Gedichts:

aus ihrem Haar weht Rauch seit dem Krieg

Das Signalwort „Rauch“ leitet auch in dem Gedicht „Ausflüge ja sonntags alle zusammen“ zur mahnenden Erinnerung an Vergangenes über:

doch einer von uns über jeden Grashalm fällt
die Nase in den Rauch der Gassen hält

sonntags trägt aus Ravensbrück seit Jahren
er einen Brief herum am Leben ihn zu halten

Die Verbindung von „Rauch“ und „Ravensbrück“ assoziiert das Konzentrationslager aus der Zeit des Faschismus. In beide Gedichte bricht über das Wort „Rauch“ die Historie unvermutet in die Gegenwart ein. Die Spuren der Vergangenheit zeigt Uta Mauersberger an dem Gewordensein der Menschen nur punktuell, assoziativ. Das Gedicht bleibt offen: Es löst Gedanken und Empfindungen aus, statt sie zu behaupten oder vorzuschreiben. So wichtig ein im Klartext gesprochenes politisches Bekenntnis wie der Schluß der zweiten Fassung von „Herbststilleben“ sein mag – die poetische Ausstrahlungskraft der Variationen der Signalworte „Rauch“ oder „Linde“ („die Schwester die junge“) bzw. „Lindenblätter“ („der Dichter“) in den Stadtgedichten erreicht es nicht, lebt doch das Gedicht vom Unausgesprochenen, das zwischen den Zeilen spürbar ist und deshalb nicht weniger deutlich sein muß. Das ungestörte Spiel der Kinder, die die Handschuhe mit Lindenblättern füllen, ist schließlich im Kontext des Gedichts sinnlich faßbares Synonym für Frieden und Leben. Überhaupt ist das Spielmotiv in Verbindung mit dem Thema Leben in der Großstadt in diesen Gedichten von Bedeutung, etwa in „wie isses bloß möglich“, wo die Fahrkarte für die Straßenbahn ohne „Trick“ aus dem Leben gekauft wird.
Im Poesiealbum Nr. 153 ist noch ein Gedicht enthalten, das ebenfalls das Thema aufgreift:

Längst laß ich mich auf jeden Heimweg ein

Dort schwört der „Spieler“, „Geld in Leben zurückzuverwandeln“. Geld und Leben werden als Antonyme gebraucht – Manifestation eines antibürgerlichen, nicht am Konsum orientierten Lebensgefühls. Das ist freilich nur ein untergeordneter Aspekt jenes Milieus, das in den Stadtgedichten Uta Mauersbergers gestaltet ist. Sie enthalten viel Milieuhaftes, besonders aus den Stadtbezirken Berlin-Mitte und Prenzlauer Berg. Die Sicht auf das Leben in diesen Altbauvierteln kommt nicht von außen, sondern resultiert aus der Kenntnis der Atmosphäre, die sich aus dem Zusammenspiel der Details ergibt, die im optischen Bild, in den Gerüchen, Geräuschen und den Gefühlen des lyrischen Ichs zusammengefaßt werden. Kennzeichnend ist eine große sinnliche Nähe zu Menschen und Dingen – eine Qualität, die zur Zeit in Lyrik und Prosa kaum vorhanden ist. Äußerstes Extrem der Distanz war Christoph Heins Novelle Der fremde Freund. Auf drastisch lakonische Weise hat der drei Jahre jüngere Dieter Kerschek jenes von Uta Mauersberger gestaltete Milieu in seine Gedichte „Die Gerüche“ und „Geräusche“ (Poesiealbum Nr. 188) hereingeholt. Das gesellschaftlich Authentische ergibt sich bei beiden aus Details und Gesten, die in ihrem Zeitkolorit unverwechselbar sind. Diese poetische Qualität ihrer Stadtgedichte hat Uta Mauersberger weder in den „Balladen“ noch in den „Litschener Liedern“ wieder erreicht. Sie stellen einen (vorläufigen?) Höhepunkt innerhalb ihres Schreibens dar – ein Höhepunkt, der jedoch maßstabsetzend wirken könnte.

Dorothea von Törne, in Siegfried Rönisch (Hrsg.): DDR-Literatur ’83 im Gespräch, Aufbau-Verlag, 1984

ICH BIN MIR NICHT GEHEUER
Für Uta Mauersberger

seh ich einen Unfall
steh ich und weiß nicht
soll ich loslachen

ich wäre lieber Schmetterling
mit prächtig langen Fühlern
für den nötigen Abstand
und stolz wär ich
auf meine Flügel

was ich bin bin ich gern
aber ich weiß nicht was aus mir werden kann
ich bin mir nicht geheuer

Peter Wawerzinek

UTA MAUERSBERGER

Wenn einem das Rotkind
bis zum Hals steckt,
sollte man besser
nicht mehr versuchen,
den Wanst mit Sand zu füllen.

Peter Wawerzinek

 

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