Uwe Greßmann: Poesiealbum 126

Greßmann/Greßmann-Poesiealbum 126

KOSMOS

Und wer kennt nicht die Behörden
Und die Rennereien mit dem Schein?

Und du gehst da bis zum letzten;
Von Stock- zu Stockwerk,
Daß du die Angelegenheit erledigst,
Wenn du nur immer willst; und: mutig bist.

Und du weißt nicht, Gott, wo findest du die Stelle?
Und keiner will zuständig sein.
Und wie das hier aussieht:
Alles zieht sich lang hin
In Strecken, Simsen, Perspektiven, Sprechstunden…
Die reinsten Korridore sind das.
Und Bänke, darauf zu sitzen, gibt es da.
Und wohin du kommt, auch Wände −
Zwischen denen Leere ist und nichts −
Und Winkel, Flächen; und Räume, Türen, Räume…
Und Sterne, Sonnen, die an geweißten Himmeln strahlen.

Und du fragst die ewige Frage:
Was mag wohl hinter diesen Himmeln sein?
Und ich seh kein Ende.
Doch das soll sich ändern, sagt man hier,
Wenn man ruft: Der nächste bitte.

Und sinkst du nun auch erdewärts,
Wie du vorher himmelwärts gestiegen bist,
Als wärest du ein Paternoster,
So stehst du, als gäbst du den Passierschein ab,
Im nächsten Augenblick auch schon;
Und: siehst dann draußen in dem Raum ein Haus,
Das kleiner wird, je mehr du dich entfernst.

Und so gehst du von Raum zu Raum,
die Angelegenheit zu erledigen,
Und betrachtest das alles.

 

Der Pariser Henri Rousseau

war Zöllner, der Berliner Greßmann ist oder war als Bote tätig. Beide sind als Künstler Beherrscher einer Welt, in die man nur eingelassen wird, wenn man sein altes Märchenbuch als Paß vorweist. „Er hatte eine kindliche Auffassung von der Welt“, heißt es bei Roger Shattuck über Rousseau, „und seine ernsthafte Wunderlichkeit appelliert an das Kind in uns.“ Auch in Greßmanns Gefilden verliert der nüchterne Aktenverstand bald Weg und Steg. Die Firma, Personifikation aller Firmen, heißt Irma; die Zeitungen, „Blätter“, fallen vom Pressebau; der Frühling, ein Vogel richtet den Kopf hoch: „Davon ist der Himmel so blau.“

Adolf Endler, Verlag Neues Leben, 1978

Gedenkblatt für Uwe Greßmann

In einem knöchellangen Staubmantel kam er hereingeweht. Der Ort, wo wir uns trafen, war dunkel, eine Vorstadtkneipe in der Nähe eines großen Friedhofes, die, wenn ich mich recht erinnere, Zur Erinnerung hieß. Man erhielt hier kein Bier, sondern – eine übrigens wohlschmeckende – Limonade.
Das Dunkel, das den Raum beherrschte, rührte von dem Efeu her, der die Straßenfront des Lokals bewuchs und die Fenster mit seinen Blättern fast verdeckte.
„Ich bin hier oft zu Gast“, sagte er, indem er das Glas erhob und mir zutrank.
Die Wirtin, eine etwa fünfunddreißigjährige ansehnliche Frau, lächelte ihm zu. Es roch nach Fußbodenöl. Die Tischdecken waren sauber, das Mobiliar alt.
Ich sah in sein längliches, hageres Gesicht: aschblondes Haar, strähnig, fiel über seine Ohren. Aber es war zu dunkel, um die Farbe seiner Augen erkennen zu können. Seine knochigen Finger umfaßten das Glas, während er mir abermals zutrank.
„Was man über mich erzählt“, sagte er, „stimmt nicht. Ich will keine Botschaften bringen, ich bin tatsächlich Bote.“
Ich nickte.
„Aber lassen wir das Biographische“, fuhr er fort, „haben Sie Kant gelesen? Hegel?“ −
Doch so, als habe er auf diese Frage gar keine Antwort erwartet, sagte er: „Die dialektische Vernunft, von der ich ausgehe, gründet sich auf zwei Begriffe: Welt und Natur. Diese versuche ich in Übereinstimmung zubringen, indem ich, den Worten ihren alten Sinn zurückgebe.“
In diesem Augenblick betraten zwei Männer den Raum. Sie trugen schwarze Anzüge und gehörten offenbar zum Personal des nahe gelegenen Friedhofs.
Beide nickten G. zu.
G. erwiderte ihren Gruß, mir erklärend; der eine von den beiden sei Charon, der andere sein Gehilfe.
„Mit beiden“ sagte G., „stehe ich auf vertrautem Fuße.“ Und er wandte sich dem einen zu, den er als Charon bezeichnet hatte, indem er fragte: „Wohin geht denn heute die Fahrt?“ „Wie immer“, sagte der, „nichts Neues, das alte Lied!“
„Leid“, verbesserte ihn G., vor sich hin flüsternd.
Es schien, daß diese Verbesserung nicht für mich bestimmt sei.
Es war Stille im Raum.
Nur der alte Chronometer tickte.
Wir schwiegen.

Heinz Czechowski, 1978, aus: Uwe Greßmann: Lebenskünstler, Verlag Philipp Reclam jun. Leipzig, 1982

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