DAS WUNDER
Mehrere Automaten
durchstreifen die Gegend
am Helmholtzplatz
(Erhaltung der Energie
durch stetes Gebalge
von Hunden und Kindern
− in rehbraun Mutterauge
gespiegelt – o Helmholtz).
Mein Sonnenschein
streift eine alte Automate.
Sie brabbelt und wendet
sich an mich, die alte
Automate: „Schöne Sonne“.
Ich gestehe
dies sei ein Wunder.
ist 1957 in Berlin geboren, haust, wie so manche seines Zeichens, im vierten Stock eines Hinterhofs in einem verquollenen Verschlag, den man schwerlich als Wohnraum ansprechen kann (er hat aus ihm ein Gedicht gemacht, aus allem etwas machen); jobbt dies und das; liest George, Pessoa und Rilke; schaut aus wie Hans im Glück, da der den Goldklumpen schleppt… Ecce poeta! Und willkommen soll er uns sein! Schwer genug wird er’s noch haben, er macht sich’s ja selbst schwer, denn leichter geht’s nicht. Er schaut ja auch nur aus wie der Hans im Glück, und wir wollen ihn heute wünschen, daß er seinen Goldklumpen nie wegtauscht.“
Franz Fühmann
Suhrkamp Verlag, Klappentext, 1987
-Der DDR-Lyriker Uwe Kolbe und sein Gedichtband Bornholm II.-
Nein, ein ängstlicher Dichter ist Uwe Kolbe nicht. Es gibt heute in der DDR kaum einen Autor, der mit dem real verkorksten Sozialismus seiner Heimat so streng und so sprachmächtig ins Gericht geht wie er – und dessen Texte dort gleichwohl erscheinen dürfen.
Wenn ihn sein „heiliger Zorn“ packt, kennt er keine Rücksichten, dann eifert er, lästert und flucht, schimpft und schreit. Das Ziel seines Wütens ist dieses „heilloser, stumpfer… Mütter und Väter Land“, das „Zaunland“, das „Neue Deutschland“, das seine „Verheißung“ kühlt und verwaltet, bis sie „im Grundeis“ stirbt. Jene Mitbürger; die dies klaglos hinnehmen, verfolgt er mit gleichem Ingrimm: er nennt sie das „Eunuchenpack Bescheidener“, die „lauen Genießer“, „Sabberpaternoster“ und „Kleintierzüchter“, die wie ihre Karnickel genügsam in einem Käfig leben, „umstellt von ein paar Meilen / im Quadrate mehr“. Vor allem aber verspottet er die Mächtigen, die mit „Blaulich… grinsendem Volke / ein schmeichlerisch Schattengesicht“ malen. Er verhöhnt die „Herren Minister“, den „Wachmann am Staatsrat“, kurz: das „Welttheater“, das „im Kongreßhaus Alexanderplatz / die Angstschweißpfötchen jener / weItabgewandten, gierigen, scheuen / Macher aus unserm fernen Osten“ drückt.
Stimmt Kolbe – im Gegenzug – ein Loblied auf den freien, den vogelfreien Westen an? Gewiß nicht. Denn trotz allen Furors stellt er apodiktisch fest, daß er „im erstmals geeigneten Staat eines deutschen Glücks“ lebt. Das Überrascht zunächst, doch lassen die Gedichte keinen Zweifel daran, daß sich ihr Autor hier nicht vor den Zensoren verneigt, die er zuvor herausforderte. Vielmehr zielt er mit solchen Zeilen auf die alte Utopie eines menschheitsbeglückenden Kommunismus, an der er hartnäckig festhält, mehr noch: die er ausspielt gegen die politische Erstarrung und Dumpfheit, die ihn umgibt.
Mut beweist der jetzt dreißigjährige Kolbe also nicht allein durch seine heißblütigen Attacken, sondern auch durch die Entschlossenheit, mit der er zwischen den Stühlen Platz nimmt. Seine lyrische Weltanschauung geht nicht auf in einer Ideologie. Ihre Zentralfigur ist die erste Person Singular, und sie verknüpft sich mit den Lehren der Marxisten allenfalls in der Sehnsucht nach einer Gesellschaft, „worin die freie Entwicklung eines jeden die Bedingung für die freie Entwicklung aller ist“.
Das „radikale Ich“ hat Kolbe einmal die Voraussetzung und Bedingung seiner Arbeit genannt. Ein programmatisches Wort: er besteht kompromißlos auf seiner Individualität und versucht sie in und durch die Sprache auszuformen – was ihm in der DDR den Vorwurf eintrug, sich in altdeutsche Innerlichkeit zurückgezogen zu haben. Doch dieser Tadel verfehlt seine Lyrik, in der es nie um ihn allein geht, sondern allemal um den „Grund“, auf dem Kolbe sich bewegt:
Ich taufe meine Yacht
auf meinen Namen, knall die Flasche
vor den Kopf, zu nüchtern steht
mein Unheim auf dem kahlen Grund.
Sein stolzer Subjektivismus und sein Haß auf alle „Selbstaufgeber“ verleihen ihm einen mitunter bösen, aber auch beneidenswert klaren Blick, der weit über die eigene Person hinausreicht.
In immer neuen Anläufen sprechen seine Verse von der rettungslosen Einsamkeit des einzelnen inmitten des blinden Betriebs. Was immer diese erste und letzte Lebensbedingung aufzuheben verspricht, gilt ihm als wohlfeile Illusion. Einzig in den Liebesgedichten deutet sich gelegentlich eine behutsame Annäherung an, die jedoch stets vom Scheitern bedroht bleibt.
Kolbes ebenso barsche wie poetische Sachlichkeit erinnert an Gottfried Benn, wenn er vom Menschen als dem „Hund mit dem konkreten Lebens / erwerb und dem mystisch umnebelten / Herrchen“ spricht, oder wenn er seinen Lesern empfiehlt: „Aber suchst du Bindung, / schnalle Schlittschuh an / und leg Eis zugrunde… / Suchst du Bindung, / schleif die Blumen ins Eis.“ Er zitiert Georg Heyms „Gott der Stadt“ und erweckt die „Amsel“, Georg Trakls geheimnisvolles Metapherntier, zu neuem Leben. Er entdeckt am Himmel immer neue Farben, nennt den „Mond ein Treibeis über der trockenen Stadt“ und singt von der „blassen Nacht / mit Mord an Mutter und Vater“. Wie schon mit seinen beiden ersten Gedichtsammlungen kann und will Kolbe auch mit seiner dritten nicht verleugnen, daß seine literarischen Ahnen unter den Expressionisten zu finden sind.
Doch macht sich in seiner Lyrik mittlerweile ein neues Element bemerkbar. Seine Bilder sind noch freier, noch waghalsiger geworden. Sie zeugen von einer solch ungewöhnlichen, ausschweifenden und doch beherrschten Assoziationskraft, daß dagegen mancher Dichter der „Menschheitsdämmerung“ betulich wirkt. Zugleich verleiht Kolbe dem Rhythmus und der Tonlage eine herausragende Rolle, er benutzt die Sprache als Klangkörper, dem er nicht nur seine Gesänge der Bitterkeit und der Verachtung abgewinnt, sondern mit gleicher Intensität zarte, graziöse Melodien zu entlocken versteht – so stellt er das Abschiedslied an eine Geliebte zwar unter den lapidaren Titel „Heimkehr ins Gehäuse“, schickt der verlorenen Freundin dann aber Zeilen verhaltener Trauer nach: „Die Zeit ist um Gethsemane, um Herbst.“
Mit seinen fast schon wortmagischen Exerzitien wendet er sich nicht nur gegen die Welt, die ihm falsch und verdorben erscheint, sondern er baut gleichsam aus den Worten eine neue. Die von Alltagsschlacken gereinigte Sprache wird für ihn zum berauschenden Gegenentwurf, der ihm Zuflucht gewährt:
Ich werde nicht gerettet.
Mein Abend bricht an.
Die Wohlmeiner treten ans Lager,
erfinden Sätze vom Suchen
nach mir. Ich falle
heraus aus dem Plan, gehe
zu Müttern voriger Reiche
hin, falle in schöne
Geflechte Sprachlust, Wollust…
Kolbe gibt sich so als ein später Nachkomme auch von Dichtern wie Rimbaud, Mallarmé und auch Baudelaire zu erkennen – den er ausdrücklich als seinen „kalten Paten“ begrüßt. Er ist zu einem Poète maudit herangewachsen, dessen Imagination sich nicht an Paris, sondern am Prenzlauer Berg entzündet.
Wie die Verse dieser Väter der lyrischen Moderne sperren sich die Arbeiten Kolbes gegen ein rasches, vorschnelles Verständnis. Seine Texte sind kein leichtes Brot, sie verlangen vom Leser Zeit und Mühe, bevor sie sich ihm öffnen. Einige bleiben allerdings trotz allem unzugänglich – was offenbar auch dem Autor nicht entgangen ist: „Hermetische Gedichte wachsen an berliner Bäumen.“ Ihren eigentümlichen Reiz entfaltet diese Lyrik aber gerade dann, wenn er seine Vorstellungen durch seine komplexe Sprechweise „verdichtet“, ohne sie zu verschließen.
Uwe Kolbe war neunzehn Jahre alt, als Franz Fühmann zum ersten Mal öffentlich und mit Nachdruck auf sein Talent hinwies. Als er dreiundzwanzigjährig, seinen ersten Gedichtband Hineingeboren (1980) vorlegte, wurde er in Ost und West als eine große Hoffnung der DDR-Literatur gefeiert. Nach Bornholm II gebührt ihm ein respektabler Platz in unserer Gegenwartslyrik.
Uwe Wittstock, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 14.3.1987
-Lyrik aus der DDR: Mit dem Pathos von „Sprachlust Wollust“.-
Denn Verse sind nicht, wie die Leute meinen, Gefühle (die hat man früh genug), es sind Erfahrungen. Das alte Rilke Wort erweist sich beim Blick auf die junge deutsche Lyrik als überraschend aktuell. Denn während die meisten westdeutschen Junglyriker, erschöpft von Erfahrungs- und Orientierungslosigkeit, ihre gähnende Langeweile in Verse voll diffuser Melancholie zerfließen lassen, behauptet sich in den Nischen und Winkeln des offiziellen DDR Literaturbetriebs eine äußerst lebendige, kühn experimentierende, radikale Lyriker Generation.
Auf die Zumutungen des „sozialistisch realistischen“ Stilideals reagieren diese Autoren entweder mit dem Rekurs auf expressionistische und dadaistische Sprechweisen, oder sie mobilisieren die symbolistisch hermetischen Traditionslinien der Moderne, wie etwa der 1957 geborene Uwe Kolbe, der in Ost Berlin lebt und zu den Repräsentanten der rebellischen Literaten Generation rund um den Prenzlauer Berg zu rechnen ist. In seinem Gedichtband Bornholm II, der parallel im Weimarer Aufbau Verlag und in der Frankfurter edition suhrkamp erschienen ist, sind 76 Gedichte aus acht Jahren lyrischer Produktion versammelt. Kolbe scheut nicht das wuchtige Pathos, den hohen Ton und die „dunkle Musik“ der Verse. Eine solch esoterische Stilhaltung ist unter den westdeutschen Junglyrikern so gut wie ausgestorben. Die aus mythischen Bildern gespeiste „Sprachlust Wollust“ begreift sich als immanenter poetischer Widerstand gegen die ideologische Grammatik von Regierungserklärungen und Resolutionen, gegen „die Kollektivlüge der herrschenden Sprache“, wie es in einem seiner Statements heißt. Es scheint zu den Strategien dieses Dichters zu gehören, die geschlossene poetische Form aufzusprengen, um erbaulichen Wohllaut und trügerische Harmonie zu verhindern. Manche seiner kryptischen. Gedichte lesen sich wie ein mit poetischen Assoziationen überladener Wörter-Strom, in dem sich Erinnerungsbruchstücke, emphatische Ausrufe, sinnliche Wahrnehmungen, beschwörende und ironische Gesten überlagern und vermischen.
Kolbes topographische Erkundungen („Bornholm II meint nicht nur die geographisch zwischen West und Ost freischwebende Insel in der Ostsee, sondern auch einen Grenzübergang von Ost- nach West-Berlin“) verweisen auf den unsicheren Standort des lyrischen Ich zwischen „den beiden deutschen Übersprachen”. Zugleich artikulieren sie das Lebensgefühl des lyrischen Subjekts, seine tiefe Zerrissenheit: „Ich kann keine Heimat benennen. Mein Haus ist die Zeit, da leb also zweifle ich an.“
Diese Erfahrung von Heimatlosigkeit läßt sich nicht stillstellen durch die Beschwichtigungsformeln der „Wohlmeiner“, die das „Genößlein“ Kolbe reintegrieren wollen – ins mächtige Kollektiv.
Michael Braun, Die Zeit, 11.9.1987
Thomas Dütsch: Zweifel-Zeit
Neue Zürcher Zeitung, 21.3.1987
Konrad Franke: Die dunkle Musik
Süddeutsche Zeitung, 14.5.1987
Alexander von Bormann: Uwe Kolbe: Bornholm II
Deutsche Bücher, Heft 3, 1987
Michael Gratz: Leben ohne die Notdurft zum Gleichnis
Neue Deutsche Literatur, Heft 12, 1987
Klaus Krippendorf: Gespräche ohne Ende
Weimarer Beiträge, Heft 6, 1989
Die Zeitschrift Belletristik fragt Uwe Kolbe.
Uwe Kolbe liest auf dem XX. International Poetry Festival von Medellín 2010.