Uwe Kolbe: Vineta

Kolbe-Vineta

DIE TRAURIGEN LÄNDER

Wir reisen zuviel, und Wissen hilft nicht,
die Sprache zu lernen, zu lesen mit blinden Augen.
Das Land unter dem Überleben. Blühende Laken
auf rotem Sand. Einmal verschobene Kontinente.
Wagenladungen Kinder, Fraun, Männer.
Die Arbeit erreicht das Land nicht.
Nur wo das Wasser ankommt, kommt etwas an von uns.

 

Vineta

Vor allem mit seinen Gedichtbänden Hineingeboren und Abschiede wurde Uwe Kolbe bekannt – in den 80er Jahren galt er als einer der wichtigsten jungen deutschsprachigen Lyriker. Inzwischen ist es ruhiger um ihn, ist vielleicht auch er ruhiger geworden. Vier Jahre nach seinem letzten Lyrikband hat er nun einen neuen Band mit Gedichten vorgelegt: Vineta. Der Titel, der auf die sagenumworbene, im Meer versunkene Stadt Vineta verweist, bezieht sich in erster Linie auf die „versunkene“ ehemalige DDR. In vielen von Kolbes neuen Texten ist sie präsent – jedoch ohne verklärt zu werden, vielmehr finden sich melancholische Gedanken darüber, was man dort versäumte, was unter anderen Vorzeichen vielleicht möglich gewesen wäre. Der größere Teil von Kolbes neuen, sprachlich oftmals spröden Gedichten hält freilich Distanz zu historisch-politischen Themen, wendet sich Alltäglichem zu: „Tritt später das Weltpedal weiter“, heißt es einmal.

Matthias Kußmann, literaturwelt.de

Uwe Kolbe zieht Bilanz.

Seiner vor wenigen Monaten erschienenen Essayanthologie Renegatentermine, einer Aufarbeitung politischer, kultureller und persönlicher Brucherfahrungen der Wendezeit, läßt Kolbe, Jahrgang 1957, den nach Hineingeboren (1980), Abschiede (1981), Bornholm II (1986), Vaterlandkanal (1990) und Nicht wirklich platonisch (1994) fünften Gedichtband, Vineta, folgen.
„La bilancia“, das erste Kapitel, schlägt mit dem eröffnenden Titelgedicht das Generalthema an:

Meine Stadt schweigt unter dem Tosen erneuten Aufbaus
[...] Die Stadt heißt Vineta, sie liegt weit im Osten Europas, die
Glocken läuten zur gewohnten Zeit, doch in dem Schweigen
kommt das Geläut nicht weit.

Treibt Kolbe hier ein riskantes Spiel mit der Romantisierung politischer Themen? Sollte das versunkene Ost-Berlin zum Spree-Atlantis oder zu einer Art poetischer yellow submarine mutiert sein?
Wenngleich Vineta für Kolbe noch in seinem 1990 erschienenen Vineteser Nachruf im verflossenen ,Berlin — Hauptstadt der DDR‘ aufging, so verläßt der vorliegende Gedichtband rasch diese konkrete historische Anbindung. Das pommerschen Sagen zufolge zwischen Wollin und Damerow in den kalten Fluten der Ostsee versunkene Urbs venetorum oder Jumneta wird zur melancholischen Metapher dichterischer Existenz. Sie löst ein, was die „poetologische Standortbestimmung Vinetas“ im Gedichtband Nicht wirklich platonisch bereits als eine Landschaft beschrieb, „die nicht einmal so konkret wie ein Kartenhaus zu erscheinen vermag“.
Der langen literarischen Tradition utopischer Vineta-Metaphern, vom romantisierenden Wilhelm Müller über den liberal demokratischen Jungdeutschen Ludolf Wienbarg bis zur apokalyptisch-feministischen Rättin von Günter Grass, vermag Uwe Kolbe eine neue poetische Facette hinzuzufügen. Doch gestaltet er sie keineswegs als lyrisches Fluchtidyll. Im Gegenteil! Kunst wie Künstler befinden sich in heilloser Zeit auf verlorenem Posten. Ein „Sonett ohne Reime“ endet im Lamento über das unstete Reisefieber der „Städtesammler“, in die sich auch der Dichter, als „Fremder schließlich allerorten“ einreiht. Angesichts von „Frauen mit Äxten“ und „Fallbeilschenkeln“ verkommt die einst mächtige Poesie des „verwirrten Orpheus“ zum armseligen Stammeln.
Zum Zeugen seines gebrochenen Kunst- wie Weltbildes, in welchem einzig die poetische Form Halt und Dauer verspricht, beruft sich Kolbe, wie schon in den Renegatenterminen (und jüngst auch Durs Grünbein oder Reinhard Jirgl), auf Gottfried Benn, aus dessen Morgue-Zyklus das wohl berühmteste Oxymoron der modernen deutschen Lyrik, „dunkelhellila“ („Rätselhafter Sommer“), signalhaft zitiert wird. Doch auch Benns kalte Beobachtung erotischer Geschäftigkeit („Vermutung über Birmingham“) wie dessen Ton der „Statischen Gedichte“ („Psychologisches Liebesgedicht“) werden als Spiel mit dichterischen Identitäten variiert.
Kolbe, zumindest phasenweise assoziiertes Mitglied der Prenzlauer-Berg-Szene, schrieb sich seinen Zorn auf die Ost-Berliner Gewächshausavantgarde in den Renegatenterminen bereits essayistisch von der Seele. In den vier, dem Zyklus einer klassischen Sinfonie nachempfundenen Abschnitten von Vineta findet er zu einer lyrischen Sprache, deren Zeitbezug nicht linear in nostalgisch-rechthaberischer Betroffenheit sondern sublimiert in einer Objektivität der Form liegt, wie sie meisterhaft, weil artistisch leicht, in den Quintstrukturen der „Hibiskublüte“ aufscheint. Im Vorwort der mit Lothar Trolle und Bernd Wagner 1988 herausgegebene Anthologie Mikado oder Der Kaiser ist nackt, einer Auswahl von Texten aus der gleichnamigen von Kolbe und anderen in der DDR illegal herausgegebenen Zeitschrift, resümieren die Herausgeber: „Wir suchten die Brisanz der Gegenwart in der Sprache, diesseits und jenseits des Vokabulars der Macht und der Anpassung.“ Kolbe folgt in Vineta dieser Spur vom Prenzlauer Underground zur Vinetischen Form.

Andreas Meier, carpe.com

Weitere Rezensionen zu diesem Buch:

Ulf  Heise: Poetische Lieblingsfarbe Grau. Gespräch
Märkische Allgemeine, 18.8.1998

Michael Braun: Im nördlichen Sonnenbogen
Frankfurter Rundschau, 17.10.1998

Hannes Schwenger: Durchgehalten
Der Tagesspiegel, 1.11.1998

Konrad Franke: Die jetzt alles nachholen wollen
Süddeutsche Zeitung, 4.11.1998

Mark Siemons: Da war es dann total normal
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 15.12.1998

Thomas Kraft: Ein müder Städte­sammler
die tageszeitung, 8.1.1999

Sebastian Kiefer: Die liebe Gewißheit aber?
Neue Deutsche Literatur, Heft 3, 1999

Die Zeitschrift Belletristik fragt Uwe Kolbe.

Fakten und Vermutungen zum Autor
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Uwe Kolbe liest auf dem XX. International Poetry Festival von Medellín 2010.

Naheliegendes:

  1. Egmont Hesse (Hrsg.): Sprache & Antwort
  2. Sascha Anderson & Elke Erb (Hrsg.): Berührung ist nur eine Randerscheinung
  3. Ron Winkler (Hrsg.): Die Schönheit ein deutliches Rauschen
  4. Michael Braun & Hans Thill (Hrsg.): Das verlorene Alphabet
  5. Uwe Kolbe: Die Farben des Wassers

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