Uwe Wittstock: Zu Jan Wagners Gedicht „Chamäleon“

Mashup von Juliane Duda zu der Beitragsserie „Im Kern“

Im Kern

– Zu Jan Wagners Gedicht „Chamäleon“ aus Jan Wagner: Australien. 

 

 

 

JAN WAGNER

Chamäleon

älter als der bischofsstab,
den es hinter sich herzieht, die krümme
des schwanzes. komm herunter, rufen wir
ihm zu auf seinem ast, während die zunge
als teleskop herausschnellt, es das sternbild
einer libelle frißt: ein astronom
mit einem blick am himmel und dem andern
am boden – so wahrt es den abstand
zu beiden. die augenkuppeln, mit schuppen
gepanzert, eine festung, hinter der
nur die pupille sich bewegt, ein nervöses
flackern hinter der schießscharte (manchmal
findet man seine haut wie einen leeren
stützpunkt, eine längst geräumte these).
komm herunter, rufen wir. doch es regt
sich nicht, verschwindet langsam zwischen
den farben. es versteckt sich in der welt.

 

Zwischen Himmel und Boden

Es müsste schon mit dem Teufel zugehen, wenn ein Tier mit einer so schnellen und treffsicheren Zunge wie das Chamäleon nicht irgendwann seinen Dichter fände. Üblicherweise gilt es als Meister der Tarnung und als ein Sinnbild für Anpassungsbereitschaft oder Opportunismus. Aber in Jan Wagners Gedicht klingt von diesen Talenten kaum etwas an: Zugegeben, gegen Ende heißt es, der Titelheld verschwände zwischen den Farben. Doch davon, dass er die Farben seiner Umgebung annimmt, um sich zu verbergen, ist nirgendwo die Rede.
Und das ist gut so. Denn die Fähigkeit des Chamäleons zum Farbwechsel zielt nicht darauf, sich zu tarnen, sondern dient der Kommunikation mit den Artgenossen. Das ist keine Neuigkeit. Schon Alfred Brehm stellte vor rund 150 Jahren in seinem Thierleben klar, die Veränderung der Hautfarbe sei vor allem Ausdruck von „Gemüthsbewegungen oder Äußerungen des Gemeingefühls: Hunger, Durst, Bedürfnis nach Ruhe, Sättigung, Wollust usw.“ Wir tun den Chamäleons also übel unrecht, wenn wir Menschen, die es verstehen, sich wechselnden Zeitströmungen besonders elastisch anzuschmiegen, nach ihnen benennen. Im Gegenteil: Das Chamäleon ist kein Gesinnungslump, es hält mit seinen wahren Empfindungen nicht hinter dem Berg, sondern zeigt am ganzen Körper, wie es um es steht.
Wagner beschreibt das Tier ziemlich sorgfältig auf den nur siebzehn Zeilen dieses Gedichts: den spiralförmig gekrümmten Schwanz, der an den Kopf eines Bischofsstabs erinnert, die harpunenartige Zunge, mit der die Nahrung erjagt wird, die unabhängig voneinander beweglichen Augen, die wie auf Kuppeln sitzen, und den Schuppenpanzer, der nicht mit dem Körper wächst, sondern den das Reptil regelmäßig durch Häutung wechselt. Alles in allem ein Beleg dafür, dass Wagner aus gutem Grund für die Präzision und Anschaulichkeit seiner Lyrik gelobt wird.
Wagner wurde 1971 in Hamburg geboren, lebt in Berlin und gehört zu den Poeten mit ausgeprägtem Forschungsdrang. In den vergangenen zehn Jahren veröffentlichte er vier Gedichtbände, die von ausschweifenden Exkursionen zeugen: Die Zahl der lyrischen Landschaftsbilder, Stadtansichten, Reiseimpressionen darin ist enorm. Ob Wagner tatsächlich all die Länder und Kontinente besucht hat, von denen er schreibt, spielt nur eine untergeordnete Rolle. An seiner Weltgier und seinem Fernweh kann kein Zweifel sein. „Man ist glücklich in Australien, sofern man nicht dorthin fährt“, zitiert er Alvaro de Campos alias Fernando Pessoa.
Hinter der Begegnung mit dem Chamäleon steckt aber mehr als nur eine erfundene oder erlebte Reiseerinnerung. Den Kopf im Himmel zu haben und zugleich die Füße auf dem Boden, beschreibt von alters her den eigentümlichen Standpunkt des Menschen, der sowohl an den Boden der Tatsachen gebunden bleibt, als auch sich denkend einen Himmel von Möglichkeiten erschließen kann. In diese Position rückt Wagner das Chamäleon, wenn er es einen Astronomen nennt, „mit einem blick am himmel und dem andern / am boden“.
„Komm herunter, rufen wir“, heißt es gleich zweimal in dem Gedicht – und wer oder was auch immer mit dem Wir gemeint sein mag, das da ruft, versucht jenes sonderbare Wesen, das seine Heimat hat zwischen Himmel und Boden, herauszulocken aus seiner zwiespältigen Lebenslage. Nach unten soll es kommen, festen Grund unter die Füße bekommen, sich von den luftigen Höhen verabschieden. Aber seine Reaktion ist eindeutig:

es regt
sich nicht, verschwindet langsam zwischen
den farben. es versteckt sich in der welt.

Es zählt zu den vielfach beschworenen Befürchtungen der modernen Kulturkritik, die Menschen könnten vor lauter Hingabe an das Wirkliche den Sinn für das Mögliche aus den Augen verlieren. Jan Wagner sieht das offenkundig anders, sein Gedicht ist voller Signale der Zuversicht, es plädiert für Gelassenheit: Denn die Natur des Wesens, das hier beschrieben wird, blickt schon auf Jahrtausende zurück, es ist „alter als der bischofsstab, / den es hinter sich herzieht“, es ist „gepanzert, eine festung“ und wehrhaft, schließlich verfügt es sogar über „schießscharten“. So deutet Jan Wagner das Chamäleon, das so oft zum Wappentier haltloser Anpasserei erklärt wird, verblüffend um in ein Symbol der Stabilität und gleichmütigen Beständigkeit.

Uwe Wittstockaus Marcel Reich-Ranicki (Hrsg.): Frankfurter Anthologie. Sechsunddreißigster Band, Insel Verlag, 2013

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