Vasko Popa: Poesiealbum 203

Popa/Zettl-Poesiealbum 203

HERR DER SCHATTEN

Du gehst eine ganze Ewigkeit
Durch deine eigene Unendlichkeit
Von Kopf bis Fuß und zurück

Du überstrahlst dich selbst
Dein Kopf ist dir Zenit
Dein Fuß des Glanzes Untergang

Vorm Sonnenuntergang läßt du deine Schatten los
Sie sollen wachsen und sich entfernen
Sie sollen Wunder schaffen und Schrecken
Und vor sich selbst auf die Knie fallen

Im Zenit weist du die Schatten
auf ihr wahres Maß zurück
Du lehrst sie sich vor dir zu verneigen
Und katzbuckelnd zu entschwinden

Du gehst umher auch in unseren Tagen
Doch vor lauter Schatten sieht man dich nicht

Übertragen von Waltraud Jähnichen

 

 

Das Dorf der Vorväter

in der Vojvodina und die Hochzivilisation der Hauptstadt Beograd, der Wolfsschatten der Hexe Urgroßmutter und der gebildete Verstand des Intellektuellen, schlichte Sätze und symbolknotige Wortnetze, Aristrokratismus und hilfreiche Menschlichkeit, schneidende Schärfe und heilendes Lächeln – Licht und Finsternis beherrschen Vasko Popas Poesie. Er ist ein existentieller, ein totaler Dichter, das absolute ICH – aber er ist auch der Gründer und Leiter der literarischen Kommune von Vršac, Mentor der Jugend, von ihr geliebt und verehrt. Poesie ist in Jugoslawien ohne ihn nicht denkbar. Ich traf ihn mehrmals, oft genug, um sein Wirken und seine Wirkung bewundernd zu beobachten. Er hat mich menschlich beeindruckt, ehe ich seine Gedichte las, von denen hier einige (Signale des Planeten Popa), vermittelt, zu uns kommen.

Eva Strittmatter, Verlag Neues Leben, Klappentext, 1984

 

Über die Dörfer

− Zum Tode von Vasko Popa. −

Unbemerkt, am 5. Januar, ist er gestorben. Ist (hoffentlich) „glücklich angekommen auf der anderen Welt“. Seine Gedichte sind bei uns vergriffen, vergessen. Der letzte Band erschien vor zwölf Jahren. Doch Vasko Popa war ein bedeutender Lyriker. In dem Lyrikband Wolfserde heißt ein Gedicht „Die andere Welt“ und beginnt so:

Die Großmutter stellt auf kleine Bretter
Kuchen mit angezündeten Kerzen
Sie flüstert über ihnen Botschaften
Für tote Männer und Frauen unseres Blutes
Und läßt sie den Karasch hinuntertreiben
Die Brettlein gleiten über das schwarze Wasser
Die Kerzen dringen durch die Abenddämmerung
Und verschwinden hinter der Flußbiegung
Die Großmutter verkündet
Sie seien glücklich angekommen
Auf der anderen Welt

Vasko Popa wurde vor neunundsechzig Jahren in einem jugoslawischen Dorf geboren, hat später den Österreichischen Staatspreis erhalten, ist in den PEN eingetreten. Doch in seinen Gedichten ist er bei den Gegenständen seiner banatischen Vorkriegskindheit geblieben, bei der Kastanie im Hals, den roten Totenstiefeln im Sarg – bei dem normal unheimlichen Kram einer lang verlorenen Zeit, in der die alten Frauen noch mit den Wölfen verkehrten und am Abend Kuchen mit Kerzen für die Toten auf kleine Bretter stellten. Popa erzählt von den Dingen des Dorfes mit den knappen, kargen Gesten eines dünnhäutigen Großstadtmenschen, der es gewohnt ist, mit dem Nachtzug nach Paris zu fahren, um seinen surrealistischen Dichterfreunden von den Wolfsmenschen und ihrem großen Geheul zu berichten. Sein Ton ist einfach, böse und hell: Die Wölfe haben immer das letzte Wort, sie sind wild am Tage und hymnisch in der Nacht. In den Haßgedichten aus dem Zyklus „Gib mir meinen Kram zurück“ heult der Dichter als liebeskranker Steppenwolf seine „junge Wölfin“ an: „Komm du mir nur in den Sinn / Meine Gedanken zerkratzen dir das Gesicht“. In den Gedichten über das KZ, das „Todeshaus“, in dem Popa 1943 war, wird der Schmerz zum lachenden Gewinsel des kleinen Jowitza Agbaba, der eine Handvoll Kirschen ins Lager geschmuggelt hat:

Wir fragen ihn wohin er die Kerne spuckt
Er schluckt sie
Um schneller satt zu werden
Wir glotzen die roten Früchte
Auf dem Kirschbaum an
Der aus seinem Bauch gewachsen ist
Und brechen alle drei zugleich
In Gelächter aus

Auf die Frage, was er mit seinen Gedichten erreichen wolle, gab Popa eine bissige Dichter-Antwort: Nichts. „Sie sind hymnische Stellungnahmen gegenüber der Natur … Wenn jemand eine Frau küßt, fragt man auch nicht, was er damit erreichen will.“ Gelächter aus dem Wolfsmaul. Vasko Popa muß wieder entdeckt werden.

Iris Radisch, Die Zeit, 1.3.1991

 
 

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Fakten und Vermutungen zum Autor
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