Vicente Aleixandre: Geschichte des Herzens

Aleixandre-Geschichte des Herzens

DEM TODE NAHE

Es ist nicht die Traurigkeit, durch die wir das Leben als unnütz
oder zu uns gehörend betrachten, wenn wir noch lange zu gehen haben, unabänderlich.
Dort der Berg, hier die gläsern erstarrte Stadt,
oder ist es nur der Widerschein der großen Sonne,
die aus der Ferne eine
Antwort
verlangt für die Lippen, die das Leben leben
oder sich erinnern.
Die Erhabenheit des Gedächtnisses, Luft ist sie
früher oder später. Seufzer sind die Taten.
Vorhang aus gelber Seide,
ein Hauch bewegt ihn, ein Licht löscht ihn aus.

 

 

Kleine Geschichte der Zuerkennung des Nobelpreises

an Vicente Aleixandre

Er wußte, daß sein Name seit Jahren unter den in die engere Wahl gezogenen Kandidaten war. Am Donnerstag, dem 7. Oktober, sah er beim Frühstück zufällig eine Liste der mutmaßlichen Favoriten für den Literaturnobelpreis 1977. „Mein Name war nicht dabei, sie haben mich also wieder übergangen, dachte ich, und ging in mein Arbeitszimmer“, erklärte Vicente Aleixandre später. „Als dann um die Mittagszeit ein Journalist aus Paris gratulierte, wußte ich gar nicht, was er meinte…“
Gleichermaßen überrascht und erstaunt war man überall in der Welt, als die Schwedische Akademie den 79jährigen Spanier, schon ein paar Wochen früher als sonst üblich, als Preisträger nominierte, für „eine schöpferische Dichtung, die in den Traditionen der spanischen Lyrik und in modernen Strömungen verwurzelt, die Bedingungen des Menschen im Kosmos und in der heutigen Gesellschaft beleuchtet“.
Die Schlagzeilen in den Zeitungen in allen Ländern spiegelten Beifall, Verwunderung, Kritik. Die spanische Presse jubelte: „Endlich Anerkennung Spaniens als Kulturland“, „Eine Verneigung vor dem zweiten Goldenen Zeitalter der spanischen Poesie“, „Eine Würdigung der neuen spanischen Demokratie“. In Frankreich begrüßte man die Auszeichnung eines „Dichters, der weiß, wie der Stein singt“, in England sprach man von einem „zeitgemäßen Hinweis auf die universelle Bedeutung der spanischen Literatur“, in den USA lobte man die „Huldigung eines großen Dichters“, wunderte sich aber darüber, daß man einen „so total unbekannten Einsiedler“ gewählt hatte, während ein sowjetrussischer Kommentar Aleixandres Werk als „einen ungemein wertvollen Beitrag nicht nur für die spanische Literatur, sondern für die Kultur der ganzen Welt“ bezeichnete.
Die deutsche, schweizerische und österreichische Presse äußerte vor allem das Erstaunen über die Wahl eines „nur einer literarischen Elite bekannten Außenseiters“. Typische Schlagzeilen verkündeten: „Ein total unbekannter Sieger“, „In Spanien verehrt, im Ausland unbekannt“, „Sein Name stand nicht einmal im Katalog“. Ebenso viele Literaturkenner rechtfertigten aber die verdiente Auszeichnung eines „Magiers des Wortes“, eines „Dichters von hohem Rang“, eines „Wortführers der verlorenen Generation Spaniens“.
ln Schweden mischte sich zögernde Anerkennung mit heftiger Kritik, nicht nur weil man glaubte, daß der Preis zu spät kam und nur einen ganz exklusiven Bereich zeitgenössischer Dichtung ins Rampenlicht zog, sondern auch weil man würdigere Kandidaten übergangen glaubte, vor allem Vertreter der jungen afrikanischen und asiatischen Literatur.
Über all das Erstaunen und die kritischen Erwägungen hinweg, schienen sich aber die meisten Kommentare darin einig, daß in Vicente Aleixandre ein ganz hervorragender Dichter geehrt wurde, ein würdiger Preisträger ganz im Sinne von Alfred Nobels Vermächtnis, der ja „ein literarisches Werk in idealischer Richtung“ ausgezeichnet sehen wollte.
Die Zuerkennung des Preises an Aleixandre markierte übrigens einen Wendepunkt in der althergebrachten Prozedur der Preisträgerwahl. Erstmalig hatte der Nobelausschuß der Schwedischen Akademie auf die bisher übliche Probeabstimmung eine Woche vor der formellen und entscheidenden Wahl, allgemeine Stimmung für die Spitzenkandidaten zu peilen, verzichtet. Statt dessen überrumpelte man die Welt mit der Bekanntgabe des Preisträgers ein paar Wochen früher als sonst.
Bisher hatte man meist einigen Kulturredakteuren, Verlegern und Buchhändlern am Vortage schon einen vertraulichen Wink gegeben. Damit ließ sich erklären, daß jeweils schon ein paar Minuten nach der offiziellen Verlautbarung der Schwedischen Akademie die goldgerahmten Porträts des neuen Preisträgers mit den schwedischen und Originalausgaben seiner Werke in den Schaufenstern der Stockholmer Buchhandlungen erschienen und die Abendzeitungen bereits ausführliche Lebensbilder und literarische Bewertungen bringen konnten.
Diesmal wurden die Reporter ganz spontan schon am ersten Oktoberdonnerstag in die Akademie eingeladen und die Presseagenturen konnten nur die schon im Vorjahre kursierenden Namen der angeblichen Favoriten wiederholen: Graham Greene, Doris Lessing, Nadine Gordimer, Max Frisch, Günter Grass, Yassar Kemal und einige afrikanische Autoren.
Um so größer war die Spannung, als die antike Pendeluhr im Vorzimmer des Konferenzsaales der Schwedischen Akademie im Börsenhause der Stockholmer Altstadt ein Uhr schlug. Offenbar hatte man sich diesmal sehr rasch auf einen der Anwärter einigen können. Jeder der Reporter hatte seinen „todsicheren Favoriten“. Als sich dann pünktlich die Türe öffnete, und der neue Ständige Sekretär der Akademie, Lars Gyllensten, Namen und Motivierung in vier Sprachen bekanntgab, herrschte vorerst Totenstille. Die vollständig überraschten Presseleute schnappten nach Luft, ehe das Kreuzfeuer der Fragen losging.
„Wer? Wie buchstabiert man den? Nie von ihm gehört! Warum wählte man gerade diesen 79jährigen Unbekannten?“
Erstmalig war diesmal auch die Bereitwilligkeit des Akademiesprechers, Rede und Antwort zu stehen. Der im Amt des Ständigen Sekretärs der Akademie debütierende Schriftsteller und Medizinprofessor Lars Gyllensten griff die aufgeregten Fragen auf. Zum Unterschied von seinen wortkargen Vorgängern, die den Journalisten nach der Bekanntgabe jeweils den Rücken gekehrt hatten, diskutierte Gyllensten auch prinzipielle Probleme der Preisträgerwahl.
Gewiß gab es auch andere würdige Kandidaten. In diesem Jahre lagen nicht weniger als 133 Namen vor. Alle als „preiswürdig“ bewertet, von zuständigen Literaturexperten, Mitgliedern anderer Akademien in der ganzen Welt und früheren Nobelpreisträgern warm empfohlen.
„Es ist wohl kaum die Aufgabe der Schwedischen Akademie, in jedem Jahre einen Weltmeister in Literatur zu proklamieren“, meinte Lars Gyllensten. „Den absolut Besten auf dem Gebiete der Dichtkunst – wer kann sich anmaßen, ihn zu bestimmen? Ich glaube, es ist immer noch gut genug, wenn wir uns überhaupt auf einen Preisträger einigen können, der das Beste in einer der lebenden Literaturen repräsentiert.“
Schließlich gäbe es ja so unendlich viele in der heutzutage so vielfacettierten, differenzierten und komplizierten Weltliteratur, meinte er, aber eben in jedem Jahre nur einen Nobelpreis. „Vicente Aleixandre ist wohlbekannt im spanischen Sprachbereich, ein hochgeschätzter Dichter und zudem war er zeitlebens ein moralischer Stützpfeiler aller demokratischen Kräfte in seiner Heimat“, stellte Gyllensten fest, „dank seiner persönlichen Integrität und Widerstandskraft gegen die Gewalt, seiner vorbildlichen Fähigkeit zu überleben, sich ständig zu erneuern.“
Mit Lars Gyllenstens Amtsantritt merkte man auch gleich frische Winde in den schon etwas moderig gewordenen Korridoren der 200 Jahre alten Schwedischen Akademie. Als Romanautor und Essayist ebenso geschätzt wie als medizinischer Forscher, war er bereits in den sechziger Jahren, als er 46jährig als einer der Jüngsten überhaupt in den Kreis der „achtzehn Unsterblichen“ aufgenommen wurde, eine der markantesten Persönlichkeiten im schwedischen Geistesleben. Er gehörte zu den am Weltgeschehen stark engagierten Intellektuellen, die kulturelle, soziale und politische Streitfragen in der Kulturdebatte auf eine Ebene bringen wollten, den tiefinnersten Rätseln menschlichen Verhaltens nachspürten und die Größe des modernen Menschen darin sahen: „In einer komplizierten Situation leben zu können, ohne jedem Augenblick eine Lösung abzufordern.“ Vicente Aleixandre verkörpert in seinem Leben und in seinem Werk genau dieses Credo. Man kann darum annehmen, daß die von Gyllensten als eine „klare Majorität für Aleixandre“ bezeichnete Abstimmung auch die Stimmen der jüngeren Akademiemitglieder auf den greisen Preisträger vereinte.
Die diesjährige Taktik der spontanen Bekanntgabe hatte jedenfalls die sonst übliche und leidige Rätselraterei verhindert, die bisher so üppige Gerüchteflora im Keim erstickt. Offenbar ein wohlgeplanter Schachzug, um eine Wiederholung der etwas lächerlich anmutenden Szene im Vorjahre zu vermeiden, als der Sprecher der Akademie am kritischen Tage nichts mehr zu enthüllen hatte, sondern nur kleinlaut bestätigen konnte, was längst schon journalistisches Gemeingut war, daß Saul Bellow tatsächlich der bereits so eifrig kommentierte Laureat des Jahres war.
„Wir müssen eben so geheimnisvoll sein“, erklärte Gyllensten, „vor allem um die unbehaglichen Enttäuschungen aller gerüchtweise genannten und darum erwartungsvollen Kandidaten zu vermeiden.“
Freilich läßt es sich nicht verhindern, daß alljährlich einige prominente Namen im Vorfeld der Entscheidung genannt werden, weil eben viele vorschlagberechtigte Gremien ihre Kandidaten bekanntgeben. Zumal auch viele Akademiemitglieder Übersetzer und Buchrezensenten sind, kann man auch ihre Sympathien und ihre Günstlinge leicht erkennen. So munkelte man auch schon über Aleixandres Chancen, als Artur Lundkvist 1974 seinen Gedichtband Im Schatten des Paradieses in schwedischer Sprache präsentierte. Lundkvist, 71, seit vielen Jahren einer „De Aderton“, der Achtzehn der Schwedischen Akademie, Mitglied des Nobelausschusses, Schriftsteller, Übersetzer, Globetrotter und ein unermüdlicher Entdeckungsreisender in der Weltliteratur, hatte seine Akademiekollegen schon auf viele schließliche Preisträger aufmerksam gemacht. Auf Miguel Asturias aus Guatemala (1967) etwa, den Chilenen Pablo Neruda (1971) und den Australier Patrick White (1973). In seinem Vorwort zu Aleixandres Gedichten bezeichnete er ihn als einen „Poeten, der im doppelten Sinne des Wortes überlebt hatte. Er hatte nicht nur seine eigene Krankheit erfolgreich überwunden, sondern auch ein erstickendes Kulturklima ohne künstlerische oder moralische Konzessionen.“ Ganz ähnlich lautete die offizielle Motivierung der Akademie.
In einem Zeitungsartikel nahm Lundkvist anschließend auch zur Prozedur der Auslese und der Preisträgerwahl Stellung. Nicht die Person, sondern das Werk sollen Gegenstand der Beurteilung sein. Das Alter des Autors spiele darum keine Rolle, wenn es gilt, die Aufmerksamkeit auf seine Leistung zu lenken.
„Der Nobelpreis in Literatur darf nicht in den kommerziellen Tanz um das Goldene Kalb mitgerissen werden“, erklärte Lundkvist. „Wenigstens der eine oder andere Poet, von den Verlegern minder begünstigt und darum unbekannt geblieben, soll durch den Nobelpreis zu seinem wohlverdienten Recht kommen.“
Den in diesem Jahre besonders heftigen Vorwürfen, daß man neuerlich die Vertreter der jungen afrikanischen Länder übergangen hätte, begegnete Lundkvist mit dem Argument, daß „diese Literatur weder künstlerisch, psychologisch noch sprachlich den Entwicklungsstand erreicht habe, der ihr außerhalb des gegebenen Zusammenhanges die richtige Bedeutung geben könne“. Und er fügte hinzu: „Der Nobelpreis ist nun einmal abendländisch und kann darum auch nur nach abendländischen Maßstäben vergeben werden.“
Natürlich haben Akademiemitglieder günstige Chancen, um ihre eigenen Favoriten in die engere Wahl zu lenken, wie es ja auch dem nunmehrigen Doyen der Achtzehn, dem 93jährigen Lyriker Anders Österling, mit den von ihm ins Schwedische übertragenen griechischen und italienischen Dichtern so oft gelungen war.
Wenn einer der jüngeren Akademiepartner einmal seinen Einfluß gleichermaßen geltend machen kann, so dürfte bald auch ein Filmschöpfer mit den Nobellorbeeren gekrönt werden. Der Dramatiker und Lyriker Lars Forsell will nämlich gerne den künstlerischen Bereich erweitert sehen und meinte im Anschluß an die diesjährige Nobelpreisdebatte, daß Charlie Chaplin den Preis längst verdient hätte und daß auch andere Filmregisseure durchaus preiswürdig seien, zumal man ja in ein paar Jahrzehnten erwarten könne, daß „die größten Talente gerade im Film zu finden sein werden“.
Ehe er 1971 in dieses illustre Gremium gewählt wurde, hatte er seine nunmehrigen Kollegen respektlos als „Fossilien in der Wüste“ verhöhnt. Heute muß er zugeben, daß diese Preisträgerwahl doch viel schwerer ist, als er es sich vorgestellt hatte. Wohl meint er, daß es schöner wäre, wenn der Preis einen jüngeren Autor auf dem steinigen Pfad zum literarischen Gipfel ermutigen könnte, statt das abgeschlossene Lebenswerk eines greisen Dichters zu belohnen, empfiehlt aber trotzdem Geduld und Vorsicht. „Wenn Champagnerschaum und Feuerwerk rund um manche Autoren verdunstet und erloschen sind, bleibt oft wenig übrig,“ meinte Lars Forsell in einem Interview, man muß eben doch ein wenig warten, wenn auch nicht unbedingt bis zum 100. Geburtstag.“ Unter seinen eigenen weiblichen Kandidaten nennt er die Amerikanerin Joyce Carol Oates und Simone de Beauvoir an erster Stelle, und Ingmar Bergman käme auch in Frage.
Man merkt schon die Vielfalt der Meinungen im Kreise der schwedischen Juroren. Die einen wollen sich den Blick für Qualität und Bedeutung eines Einzelwerkes oder eines ganzen Literaturgebietes nicht durch Bestsellerlisten und Bekanntheitsgrad populärer Autoren verstellen lassen. Andere wiederum möchten eher international anerkannte Namen in die Nobelgalerie aufnehmen, damit man ihnen später einmal nicht vorwerfen kann, daß sie die meistgelesenen Publikumsfavoriten ihrer Generation außer acht gelassen hätten.
Weitab von all dem Getue um Siegespalmen und zeitlosen Ewigkeitswert auf dem weltliterarischen Parnaß erlebte Vicente Aleixandre die zeremonielle Krönung seines Lebenswerkes in seinem stillen Heim am Metropolitano-Park in Madrid, mit seiner Schwester Concha und einigen intimen Freunden. Zu gebrechlich für eine so weite Reise, hatte er einen seiner Lieblingsschüler, Justo Jorge Padrón, als Stellvertreter zur feierlichen Preisverleihung nach Stockholm entsandt.
Eine wohlverdiente Ehrung des 34jährigen Lyrikers, der hinter den Kulissen viel dazu beigetragen hatte, daß Aleixandres Werk von den Mitgliedern der Schwedischen Akademie entsprechend beurteilt und bewertet werden konnte. Padrón hatte nicht nur die Gedichtsammlung Im Schatten des Paradieses gemeinsam mit Artur Lundkvist ins Schwedische übertragen, sondern auch einen großen Teil des gesamten Schaffens seines Lehrmeisters übersetzt und dessen Bedeutung für die spanische Literatur dokumentiert.
Auf dem Fernsehschirm, mehr als dreitausend Kilometer vom winterlichen Stockholm, konnte Aleixandre das imposante Schauspiel im festlich geschmückten Konzerthaus miterleben. Padrón saß auf der Tribüne, gleich hinter den Nobelpreisträgern in Chemie, Physik, Medizin und Volkswirtschaft, neben den betagten Herren der Schwedischen Akademie, die ihm unlängst für seine spanische Übertragung schwedischer Dichtung den Großen Internationalen Preis verliehen hatten. Die Stockholmer Philharmoniker spielten spanische Musik (Manuel de Fallas „Der dreieckige Hut“), ehe Carl Ragnar Gierow dem andalusischen Dichter die traditionelle Huldigung darbrachte. Unter brausendem Beifall der 1800 festlich gekleideten Ehrengäste überreichte der junge schwedische König dem ihm gleichaltrigen Stellvertreter des greisen Preisträgers Diplom, Goldmedaille und die Anweisung auf den Scheck von 700.000 Kronen, ein erst am späten Lebensabend erworbenes Vermögen, das Aleixandre der Förderung junger Dichter widmen will.
Spät, aber doch nicht zu spät, wurde einem bedeutenden Dichter und einem großen Menschen die verdiente Ehrung zuteil und damit zugleich die große Bedeutung seines Werkes im spanischen Sprachbereich der Welt näher gebracht. Wenngleich seine spröde Lyrik mit ihrer metaphysischen Thematik und den oft schwer erschließbaren surrealistischen Wortbildern einem breiten Leserkreis nur schwer zugänglich sein mag, hat der Nobelpreis dem führenden Vertreter der legendarischen „Generation 1927“ die gebührende Aufmerksamkeit erwiesen.
Mag sein, daß gerade die so überraschende Auszeichnung eines scheinbaren Außenseiters, der vorliegenden Auslese seines bisher nur im engeren Kreise seiner Landsleute näher bekannten Schaffens, zeitlose Bedeutung und hohen Sammlerwert für literarische Kenner verleihen wird.

E. Michael Salzer

Verleihungsrede

Anläßlich der feierlichen Überreichung des Nobelpreises für Literatur an Vicente Aleixandre.

Euer Majestät, Königliche Hoheiten, meine Damen und Herren!

Vicente Aleixandre, der Träger des diesjährigen Nobelpreises für Literatur, ist ein Dichter, der nicht leicht zu verstehen und in gewissem Sinne widerspruchsvoll ist. Letztes mag mit erstem zusammenhängen. Selbst seine erklärten Bewunderer bieten verschiedenartigste Interpretationen seiner Dichtung an. Es ist zweifelhaft, ob heute überhaupt irgend jemand in der Lage ist, eine gründliche Bilanz dieses Werks zu ziehen. Ein Grund dafür mag sein, daß, 50 Jahre nach Aleixandres Debüt, seine Dichtung sich immer noch weiterentwickelt. Seine beiden bemerkenswertesten Gedichtsammlungen, bis heute die doppelte Krönung seines Werks, erschienen 1968 (Poemas de la Consumación) und 1974 (Diálogos del conocimientoDialoge der Einsicht).
In einem Punkt jedoch stimmen alle überein: was nämlich Aleixandres Rang und Bedeutung für das geistige Leben Spaniens betrifft. In der Geschichte der Literatur ist er Teil jener Strömung, die in den zwanziger Jahren mit unvergleichlicher Wucht und nachhaltiger Wirkung in die spanische Dichtung einbrach. Einer der Namen für diese stürmische Avantgarde sind die Plejaden. Dieser Begriff ist um so zutreffender, als niemand in der Lage ist, gleichsam mit bloßem Auge die exakte Zahl derer in jener Gruppe der Großen auszumachen, die wir gemeinhin „Die sieben Schwestern“ nennen. In der Tat gibt es viel mehr von ihnen; die Zahl der Plejaden am Firmament der spanischen Dichtung wird gewöhnlich mit 25 angegeben – eine beeindruckende Konstellation lyrischer Talente. Unter denen, die am hellsten und längsten strahlen, ist Vicente Aleixandre.
Die Ähnlichkeit dieser neuen Ausdrucksform mit dem französischen Surrealismus ist verblüffend, ja in die Augen springend. Es gibt in Spanien Literaten, die sich mitunter weigern, diese Tatsache anzuerkennen; um so stärker betonen sie dafür ihre Unabhängigkeit und ihren Nonkonformismus. Für diese Art spanischer Unabhängigkeitserklärung spricht durchaus einiges. Das Zweite Goldene Zeitalter, die andere Bezeichnung für den Durchbruch und die Epoche der Plejaden, steht direkt und unmittelbar in Zusammenhang mit dem Ersten – dem Barock, Spaniens 100 Jahre währendes Zeitalter der Größe.
Als sich die junge Garde zusammenschloß, um ihr großes Fanal zu setzen, wählte sie bezeichnenderweise als Datum den 300. Todestag Luis de Góngoras, des Meisters jenes elitären „estilo culto“, der die überaus geistreiche und extravagant stilisierte Lyrikform des Góngorismus schuf und ihr seinen Namen gab. Virtuose Nachschöpfungen wohlgedrechselter spanischer Barock-Lyrik und daneben Volksliedvariationen über rustikale Themen: Das waren südlich der Pyrenäen die charakteristischen Elemente der Erneuerung in den zwanziger Jahren, und sie unterschieden sich unbestreitbar von jenen Manifesten, die an der Seine in die Welt gesetzt wurden.
Als diese schöpferisch-vitale Generation von Dichtern, mit Lorca an der Spitze, den spanischen Parnaß stürmte, war auch Aleixandre bereits ein emsiger Schreiber. Er verfaßte damals Abhandlungen über die Notwendigkeit von Rationalisierung, über Altersversorgung und Versicherung bei den Spanischen Eisenbahnen, wo er beschäftigt war. Doch 1925 geschah etwas, das seine gesamte zukünftige Existenz bestimmen sollte und noch heute bestimmt: Er erkrankte schwer an Nierentuberkulose. Innerhalb zweier Jahre veränderte sich sein Leben. Er mußte seinen Arbeitsplatz aufgeben und sich eine neue Beschäftigung suchen, die mit einer ganz anderen Art von Kommunikation zu tun hatte: die Dichtung. Als der Góngora-Gedenktag gefeiert wurde, hatte er noch nicht einmal seinen ersten Gedichtband veröffentlicht, wenngleich die Zeitschriften der Plejaden bereits einige Gedichte gedruckt hatten und er schon Mitglied der Gruppe war. Möglicherweise war er derjenige, der am wenigsten von den Querverbindungen zum Ersten Goldenen Zeitalter beeinflußt war, und vielleicht kam er deshalb den radikalen Doktrinen aus Paris am nächsten. Das mag die Ursache für eine etwas kühne Behauptung seiner Dichter-Freude gewesen sein, daß nämlich der spanische Surrealismus dem französischen das gegeben habe, was diesem fehlte – einen großen Dichter: Vicente Aleixandre. Doch Aleixandre war nie ein Vermittler in dieser Auseinandersetzung über literarische Grenzen hinweg. Gegen das Glaubensbekenntnis der „l’écriture automatique“ setzte er seine Überzeugung von der „conciencia creadora“, dem schöpferischen Bewußtsein. Er ging seinen eigenen Weg.
Sehr vereinfachend formuliert, ist es der Weg von einer kosmischen Vision zu einer Art wirklichkeitsnaher Großaufnahme. Eine von Aleixandres zusammenfassenden Gedichtsammlungen trägt den Titel La destruccion o el amor (Die Zerstörung oder Die Liebe). Dieser Titel ist vom Thema her besonders inhaltsschwer, und gewisse Aleixandre-Kenner glauben, in ihm die Alternative eines Entweder-Oder zu erkennen. Um mit Kierkegaard zu sprechen: Ohne Liebe ist alles, was uns bleibt, Zerstörung. Doch das Wort „oder“ muß nicht nur eine Alternative, es kann auch ein erläuternder Zusatz sein, und dann heißt es: Zerstörung ist – mit einem anderen Wort – Liebe. Diese Aussage würde besser mit dem Fernziel „Schöpfung in ihrer Ganzheit“ zusammenstimmen, das diese Gedichte – und jene, die folgten – anstreben und das Aleixandre seit seinem Debüt mit Ambito stets zu erreichen versucht hat. „Der Mensch ist ein Element des Kosmos, und sein Sein unterscheidet sich nicht von ihm“, sagt Aleixandre einmal. Liebe ist Zerstörung, aber Zerstörung ist eine Folge von oder ein Akt der Liebe, der Selbstzerstörung, einer dem Menschen angeborenen Sehnsucht, wieder in die Ordnung der Welt aufgenommen zu werden, aus der er – als ein lebendes Wesen ausgestoßen war: „segregado – degregado“. Sein Tod hat deshalb nichts von Verzweiflung angesichts eines erfüllten Lebens, das auf ein bedeutungsloses Ende stößt. Erst mit dem Tod gewinnt das Leben seine wahre Bedeutung und Erfüllung, der Tod ist die letzte Geburt – „Nacimiento ultimo“ −, wie der Titel einer von Aleixandres späteren Gedichtsammlungen heißt. Der Dichter zögert nicht, seine Vision zum paradoxen Extrem zu steigern: Solange der Mensch lebt, ist er ungeboren.
Aber abgesehen von der Überzeugung, daß der Mensch ein Bestandteil des Alls ist, wächst aus unserem Bewußtsein der zwangsläufige Schluß, daß unser kurzes Leben auf Erden gleichzeitig Teil eines umfassenden Seins ist. Es ist dieses Wissen, das Aleixandre zurückgeführt hat zur „tellurischen Welt“, wie er es nennt; dieses Wissen gibt seiner Dichtung die intensive Nähe zum Leben, ein Geöffnetsein und eine Unmittelbarkeit, zu der er früher nicht fähig war und die er nicht einmal erstrebt hat. So gesehen sind seine beiden letzten Bücher, die wir schon erwähnt haben, bis heute der Gipfel seines Werks. Auf dem Weg dahin, aber im vollen Bewußtsein seines Wollens, schrieb er für, den Band Historia del corazón ein Gedicht mit dem Titel „Entre dos oscuridades un relámpago“ (Ein Blitz zwischen zwei Dunkelheiten). Es handelt von der Erde, vom Menschen und vom Leben, das geschützt werden muß, solange wir es haben. Ob bewußt oder nicht, hier zitiert einer der begnadeten Träumer unserer Zeit Worte eines anderen Visionärs, die die Bedeutung des Spiels erklären:

Wir sind solcher Zeug’, wie der zu Träumen,
und dies kleine Leben umfaßt ein Schlaf…

(Shakespeare, Der Sturm)

Auch im äußeren Leben ging Aleixandre seinen eigenen Weg. Als der Bürgerkrieg ausbrach, lauschte er entsetzt auf die explodierenden Bomben. Lorca wurde ermordet, andere seiner Dichter-Freunde starben in den Gefängnissen, und als die überlebenden gegen Ende des Krieges ins Exil gingen, zerstreut in alle vier Winde, mußten sie die Verwundeten zurücklassen. Aleixandre überstand das Regime, geistig und körperlich. Nie unterwarf er sich ihm, er schrieb weiter, geschwächt, aber ungebrochen. Und so wurde er zum Angelpunkt und zur Quelle der Stärke für Spaniens geistiges Leben, das zu ehren wir heute die Freude haben.
Die Schwedische Akademie bedauert es zutiefst, daß Vicente Aleixandre wegen seines Gesundheitszustandes heute nicht unter uns sein kann. Als seinen Stellvertreter begrüßen wir seinen Freund und jüngeren Kollegen, Mr. Justo Jorge Padrón, und ich bitte Sie, Mr. Padrón, dem Geehrten unsere herzlichsten Glückwünsche zu übermitteln und den ihm verliehenen Nobelpreis für Literatur aus der Hand Seiner Majestät des Königs entgegenzunehmen.

Karl Ragnar Gierow, 10.12.1977

 

Fakten und Vermutungen zum Autor

 

Vicente Aleixandre – Spanischer Dokumentarfilm 1/2.

 

Vicente Aleixandre – Spanischer Dokumentarfilm 2/2.

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