Volker von Törne: Ohne Abschied

Mashup von Juliane Duda zu dem Buch von Volker von Törne: Ohne Abschied

Törne-Ohne Abschied

DEUTSCHE HERALDIK

1
Noch trage ich kein Brett vorm Kopf
Und fiel in keinen Honigtopf
Doch hab ich mir das Maul verbrannt
Schon oft im deutschen Vaterland

2
Was fragt ihr mich, wies weitergeht
Ich sage euch: es ist zu spät
Ich sehe schwarz, und den Befund
Les ich euch aus dem Kaffeegrund

3
Die Zähne habt ihr ausgespuckt
Und euch vor jeder Maus geduckt
Jetzt zittert ihr in eurem Haus
Vor jeder Wanze, jeder Laus

4
Was ihr berührt, das wird zu Müll
Was auch geschieht, ihr haltet still
Ihr tragt in eurem Wappenschild
Der Eintagsfliege goldnes Bild

 

 

Fußnote zu Volker von Törne

Sein Leben war voller Arbeit für eine bessere Welt, eine Welt ohne Krieg, in der Menschen in Frieden ihr Brot essen, ihren Wein trinken können. Brot und Wein: sie sind Törne Symbole der Freundschaft, der Hoffnung und der Freude. Er war überzeugt, daß politische Konfrontationen heute nicht zu todbringenden Fronten führen müssen, sondern in lebensbewahrenden Verhandlungen ausgetragen werden können. Darum fragte er nach Ursachen, Zusammenhängen und immer wieder nach Erfahrungen, auch denen der persönlichen Biographie. Er wollte anders leben und anders sterben als seine Vorfahren:

Mein Großvater starb
an der Westfront;
mein Vater starb
an der Ostfront: an was
sterbe ich?

An was starb er?
Wenn sich diese Frage überhaupt beantworten läßt: Er starb, 46jährig, an der Überanstrengung, die Friedenskampf heute abverlangen kann. Als Alternative zu den tödlichen Feldzügen seiner Väter ist jede Zeile seiner Gedichte, jede Rede, jeder Aufsatz ein genau bedachter Schritt auf dem mühsamen Marsch für den Frieden.
Törne, 1934 geboren, trug schwer daran, in der Zeit des Faschismus aufgewachsen zu sein. Schuldlos fühlte er sich verstrickt mit dieser Zeit der Verbrechen:

Und ich nannte den Schlachthof
Mein Vaterland, als schon die Völker aufstanden
Gegen mein Volk. Und ich betete für den Endsieg
Der Mörder, als schon die Städte
Aufgingen in Rauch:
Und schuldig war ich
Am Tod jedes Menschen, ahnungslos atmend
Unter den Galgenästen
Süßduftender Linden.

In der Auseinandersetzung mit dem Leben seines eigenen Vaters, eines SS-Standartenführers, suchte er sich als geistigen Vater den Theologen Dietrich Bonhoeffer, der wegen seiner Beteiligung am aktiven Widerstand gegen den Faschismus im Konzentrationslager Flossenbürg ermordet worden war. Trotz strengster Bewachung hatte Bonhoeffer noch in Gefängnissen Gedanken aufschreiben und Freunden überbringen lassen können. Diese Kassiber wurden später sorgfältig zusammengetragen und unter dem Titel Widerstand und Ergebung veröffentlicht. Für Törne wurde es eines der wichtigsten Lehrbücher. Obwohl es Gnade sei, vergessen zu können, heißt es da, „… gehört das Gedächtnis, das Wiederholen empfangener Lehren zum verantwortlichen Leben.“
Eben diese Überzeugung war es auch, die Törne bei Johannes Bobrowski wiederfand und die seine enge Beziehung zu diesem Dichter begründete. Mir ist noch sehr nachdrücklich ein Vortrag Törnes zum Gedenken an die Pogromnacht vom 9. November 1938 in Erinnerung, den er mit Bobrowskis Gedicht „Holunderblüte“ schloß:

Leute, ihr redet: Vergessen –
Es kommen die jungen Menschen,
ihr Lachen wie Büsche Holunders.
Leute, es möcht der Holunder sterben
an eurer Vergeßlichkeit

Verantwortlich zu leben bedeutete für Törne, das Vergessen zu verhindern, die Gefährlichkeit einer solchen Haltung bewußt zu machen, damit sich die Greuel des Faschismus nicht wiederholen können. Weil viele der Väter nicht die Kraft hätten, über ihr Versagen zu sprechen oder nicht sprechen könnten, weil sie für das fragwürdige „Hitlervaterland“ gefallen sind, sollten die Söhne und Töchter reden. Jeder, der damals ein Kind war, müsse heute einen neuen Krieg verhindern helfen, war seine ständige Mahnung. Eindringlich bat er während der Weltfestspiele 1973 vor einem Forum junger Christen in der Berliner Marienkirche:

Laßt uns doch alles tun wider das Vergessen des deutschen Faschismus, denn es darf nie wieder Krieg von deutschem und jedwedem Boden ausgehen.

Bei Volker von Törne reimt sich nichts auf linken intellektuellen Pessimismus. Wer meinte, er sei auch einer von jenen, die leichtfüßig und spöttisch, aber im sorgfältig gehegten Gefühl des Nichtbeteiligtseins den widerspruchsvollen Alltag besingen, bekam schon in dem ersten Gedichtband Fersengeld überraschend eindeutige Verse zu lesen:

Gehupft so wie gelogen.
Ich pfeif auf euren Wohlstandsmief
und reih mich aus und leg mich schief
vor eurem Fragebogen.

Hier sprach einer unmißverständlich seine Besorgnis aus und seinen Protest gegenüber einer geschichtsvergessenen Gesellschaft. Das ist bis in Törnes letzte Gedichte so geblieben.
Was erwarteten andere von ihm, was erwartete er von sich selbst? Er wollte Hoffnung auf den „Markt der tauben Ohren“ bringen, Er wollte die Vergangenheit vor „blinden Augen“ sichtbar machen, „Stumme“ zum Friedensbekenntnis bewegen. Seine Gedichte lassen auch zermürbenden Zweifel am Erfolg seines Anliegens ahnen und die Anstrengungen, ihnen zu begegnen: im entschlossenen Glauben an die Kraft und die Möglichkeit zu Veränderungen:

Ich weiß
Daß sich hier nichts bewegt
Wenn wir es nicht bewegen
Es hilft ja nichts:
Wir müssen unsrer Hoffnung
Panzer schmieden
Und Flügel
Unserm Zorn.

Einer, der faschistische Vergangenheit und die bürgerlich-demokratische Gegenwart seines Landes so gefährlich verflochten sah, brauchte für seine Hoffnung „zornige Flügel“.
Törne war realistisch genug, um zu wissen, daß seine Gedichte nur wenige erreichen. Deshalb arbeitete er hauptberuflich in der Aktion Sühnezeichen mit, die 1958 von der Evangelischen Kirche gegründet worden war. Hier sah er ein Feld, auf dem er, in seinem Sinne, praktisch und unmittelbar wirksam werden konnte. Daß es keine Wiedergutmachung von Schuld gibt, wußte er. Aber er ging den Blutspuren der Vergangenheit nach, die er am deutlichsten bei den Menschen in der Sowjetunion und in Polen fand. Wo der Antisemitismus mörderische Wunden geschlagen hatte, bat er mit Beharrlichkeit und Treue um Vergebung. An Orten brutaler Vernichtung, wie Majdanek und Auschwitz, organisierte er Tagungen und Arbeitseinsätze. Zu diesen Gedenkstätten, denen heute noch schmerzhaft eindeutig abzulesen ist, was in den Schulbüchern der Bundesrepublik weitgehend verschwiegen wird, führte er junge Menschen und versuchte ihren persönlichen Einsatz zu mobilisieren. Sie sollten dort Erfahrungen mit Geschichte für die Zukunft machen können.
Volker von Törnes Verse und Reden waren in einem biblischen Sinne prophetisch: Er hat nicht vorausgesagt, sondern hat aus der Kraft seiner Kenntnisse und Erkenntnisse aufgerufen zu Gerechtigkeit und Frieden:

Lauft nicht in die Messer
die sie euch aufgestellt!
Schon morgen wird es besser,
das Brot gehört dem Esser,
dem, der das Feld bestellt.

Die Stimme Volker von Törnes ist für uns unentbehrlich. Seine kompromißlose Art, die Wurzeln des Unfriedens aufzudecken, ist das verbindliche Vermächtnis eines Menschen, der, in einem Nato-Staat lebend, hoffte, die Vernunft in den Dienst am Frieden bringen zu können. Die Hoffnung, aus der er seine Lieder, Gedichte und Vorträge schrieb, ist nicht mit ihm zu Grabe getragen. Ob seine Worte und Gedanken hilfreich im Gespräch bleiben, liegt an uns.

Heinrich Fink, Nachwort

Fakten und Vermutungen zum Autor

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