Walt Whitman: Grashalme CD

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Whitman-Grashalme

 

 

 

 

 

 

Vorwort zur Erstausgabe der Grashalme 1855

Amerika lehnt die Vergangenheit nicht ab oder was sie in ihrer jeweiligen Sonderheit hervorgebracht hat, unter anderer Staatskunst oder der Auffassung einer Klassenherrschaft oder den alten Religionen – es nimmt die Lehren gelassen hin, ist nicht ungeduldig, weil es äußerlich noch an Ansichten, Sitten und einer Literatur festhält, während das Leben, seinen Bedürfnissen gehorchend, in die neuen Formen des neuen Lebens übergegangen ist – es spürt, daß der Leichnam langsam aus dem Eß- und Schlafzimmer des Hauses getragen wird, es spürt, daß er kurze Zeit an der Tür verweilt – daß er für seine Zeit der Tauglichste war – daß sein Wirken sich vererbt hat auf den starken, wohlgestalten Erben, der nun naht – und daß dieser der Tauglichste sein wird für seine Zeit.
Die Amerikaner haben unter allen Nationen aller Zeiten auf dieser Erde wahrscheinlich die vollkommenste poetische Natur. Die Vereinigten Staaten selbst sind im Grunde das größte Gedicht. In der bisherigen Geschichte der Erde erscheinen die weiträumigsten und tatenfreudigsten Staaten zahm und ruhig neben ihrem viel größeren Raum und Tatendrang. Hier endlich ist im Tun des Menschen etwas, was dem gewaltigen Wirken von Tag und Nacht entspricht. Hier, aller Fesseln ledig, ist Tatkraft, notwendigerweise blind für Besonderheiten und das einzelne, großartig in Massen sich bewegend. Hier waltet Gastlichkeit, die zu jeder Zeit Merkmal von Helden ist. Hier breiten die Vollendung allen Tuns, die das Gewöhnliche verachtet, unvergleichlich in der gewaltigen Kühnheit ihrer Menschenmengen, und der Antrieb ferner Zukunft sich in uneingeengter fließender Weise aus, ihren fruchtbaren herrlichen Überfluß verströmend. Man sieht, dieses Land hat wirklich des Sommers und des Winters Fülle, und es kann niemals zugrunde gehen, solange Korn aus dem Boden wächst, in Obstgärten Apfel von Bäumen fallen, in Buchten Fische schwimmen und Männer mit Frauen Kinder zeugen.
Andere Staaten treten durch ihre Bevollmächtigten in Erscheinung – aber der Genius der Vereinigten Staaten zeigt sich nicht am besten oder reinsten in ihren Exekutiv- oder Legislativkörperschaften, nicht in ihren Gesandten und Schriftstellern, ihren Universitäten, Kirchen oder Salons, auch nicht in ihren Zeitungen oder in ihren Erfindern – sondern immer am reinsten im gemeinen Volk aller Staaten des Südens, Nordens, Westens, Ostens, in seiner ganzen machtvollen Weite. Indessen, die Größe der Nation wäre ohne eine entsprechende Größe und Großmut des Geistes ihrer Bürger monströs. Weder dichtbevölkerte Staaten noch Straßen und Dampfschiffe, weder blühender Handel noch Farmen, Kapital und erworbenes Wissen können dem Ideal eines Menschen – auch dem Dichter nicht – genügen. Ebensowenig können Traditionen genügen.
Eine lebendige Nation kann allzeit ihr Gepräge geben und höchste Autorität auf einfachstem Wege erlangen – nämlich aus der eigenen Seele heraus. Das ist der höchste Grad einträglichen Nutzens von einzelnen wie von Staaten und von augenblicklicher Wirksamkeit und Großartigkeit und der Themen der Dichter. (Als ob es nötig wäre, den Weg zur Überlieferung des Ostens Generation um Generation zurückzutrotten! Als ob die Schönheit und Heiligkeit des Sichtbaren hinter der des Mythischen zurücktreten müsse! Als ob die Menschen sich nicht zu jeder Zeit ihr eigenes Gepräge geben könnten! Als ob die Erschließung des westlichen Kontinents durch Entdecker und das, was aus Nord- und Südamerika geworden ist, geringer wäre als das kleine Schauspiel der Antike oder das ziellose Schlafwandeln des Mittelalters!) Der Stolz der Vereinigten Staaten kehrt sich ab von der Wohlhabenheit und der Eleganz der Städte, von allem Gewinn aus Handel und Landwirtschaft, von aller geographischen Größe und dem Glanz äußerer Siege, um sich zu erfreuen am Anblick und der Vergegenwärtigung vollentfalteter Menschen oder eines vollentfalteten unbezwingbaren einfachen Menschen.
Amerikas Dichter sollen das Alte wie das Neue fassen, denn Amerikas Geschlecht wird von keinem übertroffen. Der Ausdruck des amerikanischen Dichters soll außergewöhnlich sein und neu. Er soll indirekt sein, nicht direkt oder beschreibend oder episch. Sein Wert wird dadurch nur höher. Laßt die Zeiten und Kriege anderer Nationen besungen, ihre Geschichtsepochen und ihr Wesen geschildert sein und ihr Gedicht beendet. Nicht so das Hohelied der Republik. Hier bleibt das Thema schöpferisch, hat Ausblick. Was auch immer zum Stillstand kommt unter dem Geheiß von Sitte, Abhängigkeit oder Gesetz, der große Dichter kennt keinen Stillstand. Abhängigkeit ist nicht sein Meister, er meistert sie. Hoch oben steht er, außer Reichweite, und läßt ein in einem Punkt zentriertes Licht kreisen – er dreht die Achse mit seinem Finger – er verwirrt die schnellsten Läufer, da er da steht; und leicht besiegt er sie und verhüllt sie. Der Zeit, die sich zur Treulosigkeit, Konfektion und Verhöhnung hin verirrt, gebietet er durch stete Treue Einhalt. Treue ist das Antiseptikum der Seele – sie durchdringt breit das einfache Volk und verleiht ihm Beständigkeit, und dieses gibt nie mehr Glaube, Hoffnung und Vertrauen auf. Da ist um einen unwissenden Menschen jene unbeschreibliche Frische und Unbewußtheit, die aller Macht des edelsten ausdrucksreichsten Genius spottet und sie demütig macht. Der Dichter erkennt mit Sicherheit, daß einer, der kein großer Künstler ist, ebenso begnadet und vollkommen sein kann wie der größte Künstler.
Zu vernichten oder umzugestalten, diese Macht wird von dem größten Künstler großzügig geübt, selten aber die des Angriffs. Was vergangen, ist vergangen. Schafft er nicht höhere Vorbilder und bewährt er sich nicht durch jeden Schritt, den er tut, ist er nicht das, was man erwartet. Das Wesen des großen Dichters, obsiegt – nicht Reden noch Kämpfen oder vorbereitete Anschläge. Schau ihm nach, nun ist er diesen Weg gegangen! Keine Spur von Verzweiflung oder Menschenhaß, weder List noch Unnahbarkeit, keine Schmach der Geburt oder Hautfarbe, weder das Blendwerk der Hölle noch die Armseligkeit der Hölle – und kein Mensch wird hinfort wegen Unwissenheit, Schwäche oder Sünde erniedrigt werden. Der größte Dichter kennt nichts Kleinliches, keine Nebensächlichkeit. Haucht er seinen Atem in etwas, was zuvor als klein galt, so weitet es sich in die Größe und Lebensfülle des Universums. Er ist ein Seher – er ist individuell – ist in sich selbst vollkommen – die anderen sind ebensogut wie er, nur, er sieht es und sie nicht. Er stimmt nicht ein in den Chor – er macht vor keiner Vorschrift halt – er ist es, der Vorschriften gibt. Was die Sehkraft für die anderen Sinne, das ist er für die anderen Menschen. Wer kennt das wunderbare Geheimnis der Sehkraft? Die anderen Sinne bestätigen einander, sie aber ist jedem Beweis entrückt, außer dem in sich selbst, und ist ein Vorläufer der Identitäten der geistigen Welt. Ein einziger Blick von ihr spottet aller Forschungen des Menschen, aller Instrumente und Bücher auf Erden und allen Verstandes. Was ist wunderbar? Was unwahrscheinlich, unmöglich, grundlos, unbestimmt – nachdem du einmal den Lidspalt, schmal wie eines Pfirsichs Narbe, geöffnet hast, und alle Nähe und Ferne, der Sonnenuntergang und alle Dinge in dich eingedrungen sind mit elektrischer Schnelle, sacht und in aller Ordnung, ohne Verwirrung, Stoßen und Drängen?
Land und Meer, die Tiere, Fische und Vögel, das Gewölb des Himmels und seine Gestirne, die Wälder, Gebirge und Flüsse sind keine geringen Themen – doch die Menschen erwarten vom Dichter mehr, nicht, daß er nur die Schönheit und Würde weist, die allen stummen greifbaren Dingen eignet – sie erwarten von ihm, daß er den Pfad aufzeige zwischen der Wirklichkeit und ihren Seelen. Männer und Frauen gewahren die Schönheit durchaus – wahrscheinlich ebensogut wie er. Die leidenschaftliche Ausdauer von Jägern, Holzfällern, Frühaufstehern, Garten-, Obst- und Ackerbauern, die Liebe gesunder Frauen zur männlichen Gestalt, zu Seefahrern und Rosselenkern, die Leidenschaft für Licht und Luft, all das sind seit je mannigfaltige Anzeichen des unfehlbaren Schönheitssinnes und der Poesie, die den Menschen innewohnt, die im Freien leben. Ihnen nutzt beim Wahrnehmen die Hilfe des Dichters nichts – einige würden sich ihrer bedienen, aber sie können es nicht. Der poetische Wert ist nicht durch Reim und Gleichmaß gegeben oder durch abstraktes Rühmen der Dinge, noch liegt er in melancholischen Klagen oder trefflichen Lehren, er ist das Leben dieser Dinge selbst und noch vieles mehr, er ruht in der Seele. Der Nutzen des Reims besteht darin, daß er Samen legt für einen noch wohllautenderen und volleren Reim, und der des Gleichmaßes, daß er sich den eigenen unsichtbaren Wurzeln überträgt. Reim und Gleichmaß vollkommener Gedichte weisen das freie Wachstum metrischer Gesetze auf und knospen aus ihnen ebenso untrüglich und zwanglos wie Flieder und Rosen am Busch und nehmen Gestalt an, die ebenso fest ist wie die von Kastanien, Orangen, Melonen und Birnen, und verströmen Duft, um ihm unspürbar Gestalt zu verleihen. Fluß und Schönheit der gelungensten Dichtwerke, der Musik, Rede oder Rezitation sind nicht selbständig, sondern abhängig. Alle Schönheit kommt aus schönem Blut und einem schönen Gehirn. Wenn alles, was groß ist, in einem Mann oder einer Frau zusammenfindet, so ist es genug – diese Tatsache wird durch das ganze Weltall hin Geltung haben; alles Einschränkende und der äußere Glanz von Jahrmillionen wird jedoch keine Geltung haben. Wer seiner Schönheit und seines Wortflusses wegen sich ängstigt, ist verloren. Was du tun sollst, ist dies: Liebe die Erde, die Sonne und die Tiere, verachte Reichtümer, gib jedem, der da bittet, tritt ein für die Unwissenden und Schwachsinnigen, widme dein Einkommen und deine Arbeit anderen, hasse Tyrannen, streite nicht wider Gott, habe Geduld und Nachsicht für deine Mitmenschen, zieh den Hut vor nichts Bekanntem oder Unbekanntem, vor keinem Menschen und vor keiner Menschenmenge – gehe frei mit starken einfachen Menschen um, mit jungen Leuten und Müttern der Familien – überprüfe alles, was du in Schule und Kirche oder aus irgendeinem Buch gelernt hast, und verwirf, was auch immer deine Seele beleidigt; und dein leibhaftiges Fleisch und Blut sollen ein großes Gedicht sein und reichsten Fluß haben, nicht in Worten nur, auch in den stummen Linien der Lippen und des Gesichts und zwischen dem Zucken deiner Lider und in jeder Bewegung, jedem Gelenk deines Körpers. Der Dichter soll seine Zeit nicht in unnützer Arbeit vertun. Er soll wissen, der Boden ist bereits gepflügt und gedüngt; andere mögen es nicht wissen, er aber soll es wissen. Er soll geradewegs an die Schöpfung herangehen. Sein Vertrauen soll das Vertrauen aller Dinge meistern, die er berührt – es soll alle Neigungen meistern.
Das ganze uns bekannte Universum hat einen wahrhaft Liebenden, und das ist der größte Dichter. Er verschwendet sich in ewiger Leidenschaft und ist unbekümmert darum, was ihm das Schicksal bringt, welch mögliche Zufälligkeiten an Glück oder Unheil, er erringt täglich und stündlich seinen köstlichen Lohn. Was andere hemmt oder zerbricht – ihm ist es Nahrung nur für das Feuer seines Verlangens nach Vereinigung und Liebeslust. Anderer Fähigkeit zur Freude schwindet zu nichts vor der seinen. Alles, was man vom Himmel oder vom Höchsten nur erwarten kann, bewegt ihn innig, beim Anblick der Morgendämmerung oder der Szenerie des Winterwaldes oder in der Gegenwart spielender Kinder oder wenn er den Arm um den Nacken eines Mannes oder eines Weibes legt. Seine Liebe hat mehr denn alle andere Liebe Muße und Raum – Raum über ihn selbst hinaus. Er ist kein zaghafter, kein argwöhnischer Liebhaber – er ist zuversichtlich, er verschmäht Distanz. Sein Erleben, seine Schauer und Erschütterungen sind nicht umsonst. Nichts kann ihn abschrecken – Leiden nicht noch Finsternis – nicht Tod noch Furcht. Ihm sind Klage, Eifersucht und Neid Leichname, begraben und im Erdreich verfault – er sah sie in die Grube fahren. Die See ist ihres Ufers nicht gewisser oder das Ufer nicht der See als er des Genusses seiner Liebe und aller Vollkommenheit und Schönheit.
Der Genuß der Schönheit ist keine Sache von Glück oder Zufall −, er ist so unumgänglich wie das Leben – ist wirklich und gewichtig wie die Schwerkraft. Vom Augenlicht geht ein anderes Augenlicht aus und vom Hören ein anderes Hören und von der Stimme geht eine andere Stimme aus, ewig begierig auf die Harmonie zwischen dem Menschen und den Dingen. Diese verstehen das Gesetz der Vollendung in Menschenmengen und -fluten: daß es verschwenderisch ist und gerecht – daß es nicht eine Minute des Lichts oder des Dunkels gibt, nicht ein Geviert Erde oder Meer ohne es – nicht eine Richtung des Himmels noch irgendein Gewerbe oder eine Beschäftigung noch den Ablauf irgendeines Geschehens. Dies ist der Grund dafür, daß im eigentlichen Ausdruck der Schönheit Genauigkeit herrscht und Ausgewogenheit. Kein Teil braucht den anderen zu übertreffen. Nicht wer die zarteste und kraftvollste Stimme hat, ist der beste Sänger. Nicht durch den schönsten Klang und das schönste Maß haben wir Gefallen an Gedichten.
Ohne Anstrengung, ohne im geringsten darzulegen, wie es zustande kommt, bringt der größte Dichter den Geist jeder Begebenheit und Leidenschaft, von Bild und Mensch hervor, manchmal mehr, manchmal weniger stark, so beim Hören oder Lesen deine eigene Persönlichkeit formend. Dieses gut zu vollbringen, heißt sich messen mit den Gesetzen, die der Zeit entsprechen und ihr obliegen. Zweck und Ziel müssen auf jeden Fall erfüllt werden, und der Schlüssel dafür muß vorhanden sein – und der leiseste Hinweis ist der Hinweis auf das Beste und wird so der deutlichste Hinweis. Vergangenheit und Gegenwart und Zukunft sind nicht getrennt voneinander, sondern vereint. Der größte Dichter gestaltet, was sein wird, folgerichtig aus dem, was ist und war. Er zieht die Toten aus ihren Särgen und stellt sie wieder auf die Füße. Er sagt zur Vergangenheit: Stehe auf vor mir und wandle, auf daß ich dich erkenne! Er lernt von ihr – er stellt sich dorthin, wo die Zukunft Gegenwart wird. Der größte Dichter wirft nicht nur seine Strahlen über Charaktere, Szenen und Leidenschaften – er erklimmt zum Schluß größere Höhen und verleiht allem Vollendung – er läßt die höchsten Gipfel sehen, von denen niemand sagen kann, wozu sie da sind oder was jenseits von ihnen liegt – er leuchtet einen Augenblick auf am äußersten Rand. Am wunderbarsten ist er in einem halbverborgenen letzten Lächeln oder Runzeln der Stirn; durch diesen Blitz im Augenblick des Scheidens wird der, der ihn sieht, für viele Jahre später noch ermutigt oder erschreckt. Der größte Dichter moralisiert nie, er gibt keine Regeln für Moral – er kennt des Menschen Seele. Der Seele eignet der grenzenlose Stolz, niemals eine Lehre oder Erfahrung anzuerkennen als die eigene nur. Aber so groß wie ihr Stolz ist auch ihr Mitgefühl, eines gleicht das andere aus, und keines von beiden kann zu weit gehen, solange es sich mit dem anderen verbindet. Die innersten Geheimnisse der Kunst schlummern in diesem Einssein. Der größte Dichter hat eng zwischen ihnen beiden gelegen, und sie leben ganz in seinen Gedanken, seinem Stil. Die Kunst der Künste, der Glanz der Darstellung und die leuchtende Sonnenhelle der Literatur ist Einfachheit. Nichts ist besser als Einfachheit – nichts kann Übertreibung oder Unbestimmtheit wiedergutmachen. Das Schwellen des Impulses weiterzutreiben, die geistigen Tiefen zu durchdringen und allen Gegenständen Ausdruck zu verleihen sind weder gewöhnliche noch sehr ungewöhnliche Fähigkeiten. In der Literatur aber mit der vollkommenen Richtigkeit und Unbekümmertheit der Bewegung von Tieren, mit der Unanfechtbarkeit empfindsamer Wesen von Bäumen im Wald und vom Gras am Wege zu sprechen, ist der makellose Triumph der Kunst. Hast du einen gesehen, dem das gelungen ist, so hast du einen der Meister unter den Künstlern aller Völker und Zeiten gesehen. Du sollst nicht den Flug der grauen Möwe über der Bucht, den feurigen Schritt des Vollbluts, die vom hochgewachsenen Stengel sich neigenden Sonnenblumen, die Erscheinung der Sonne bei ihrem Lauf am Himmel und die Erscheinung des Mondes danach mit größerem Wohlgefallen betrachten als ihn. Der große Dichter hat nicht so sehr einen ausgesprochenen Stil, vielmehr ist er der Kanal von Gedanken und Dingen ohne Zugabe oder Abschwächung und der freie Kanal seiner selbst. Er gelobt seiner Kunst: Ich will mich nicht aufdrängen, ich will in meinen Arbeiten weder Eleganz noch Effekthascherei noch Originalität haben, die wie ein Vorhang zwischen mir und den anderen hängen. Nichts will ich zwischen uns haben, auch den prächtigsten Vorhang nicht. Was ich sage, bedeutet genau das, was es wirklich ist. Mag, wer will, begeistern, verblüffen, bezaubern oder schmeicheln, meine Ziele wollen die gleichen sein wie die von Gesundheit, Hitze oder Schnee, und wie sie will ich unbekümmert sein, was andere davon halten. Was ich erlebe oder darstelle, soll aus meiner Arbeit ohne eine Spur meiner Tätigkeit hervorgehen. Du sollst neben mir stehen und mit mir in den Spiegel schauen.
Das alte rote Blut und der makellose Adel großer Dichter wird durch ihr ungezwungenes Wesen bewiesen. Ein heldenhafter Mensch schreitet ruhig durch Gewohnheiten, Herkömmlichkeiten und Geltungen, die ihm nicht gemäß sind, hindurch. Kein Charakterzug der Gemeinschaft von bedeutenden Schriftstellern, Gelehrten, Musikern, Erfindern und Künstlern ist so vortrefflich wie der schweigende Trotz, der aus neuen freien Gestaltungen vorwärtsdrängt. Im Bedürfnis nach Dichtung, Philosophie, Politik, Technik, Wissenschaft, Arbeitsweise, Kunstfertigkeit, nach einer angemessenen großartigen ursprünglichen Oper, der Schiffsbaukunst oder jeglicher Handwerkskunst, ist für allezeit der Größte, der das größte neuartige praktische Beispiel liefert. Das ist der reinste Ausdruck, der keine geistige Sphäre seiner selbst würdig findet und sich selbst eine schafft.
Die Botschaft großer Dichtungen an alle Menschen lautet: Kommt als Gleichberechtigte zu uns, nur dann könnt ihr uns verstehen. Wir sind nicht besser als ihr; was in uns ist, das ist auch in euch, woran wir uns erfreuen, daran könnt ihr euch auch erfreuen. Meintet ihr, es könnte nur einen einzigen Höchsten geben? Wir versichern, daß es ungezählte Höchste geben kann und daß der eine den anderen ebensowenig aufwiegt wie ein Augenlicht das andere – und daß die Menschen nur durch das Bewußtsein ihrer eigenen Hoheit gut und groß sein können. Worin, glaubt ihr, liegt die Größe der Stürme und Verheerungen, der verlustreichsten Schlachten und Schiffbrüche, der wildesten Wut der Elemente und der Gewalt des Meeres und des Kreislaufs der Natur, der tiefen Schmerzen menschlichen Sehnens, der Würde, des Hasses und der Liebe? Es ist jenes Etwas in der Seele, das uns sagt: Wüte weiter, wirble fort und fort, ich wandle hier und überall als Herr – Herr über die Zuckungen des Himmels und des Meeres Zerschmettern, Herr über Natur und Leidenschaft und Tod, über alle Schrecknisse, alle Qual.
Die amerikanischen Sänger, sollen durch Großmut, Wohlwollen und durch die Ermutigung ihrer Gefährten gekennzeichnet sein. Sie sollen, ohne Ausschließlichkeit und Heimlichkeit, welthaltig sein; sie sollen glücklich sein, jedem alles zu übermitteln – Tag und Nacht dürstend nach Wesensgleichen. Sie sollen nicht nach Reichtum trachten und Privileg – sie sollen selber Reichtum und Vorrecht sein – sie sollen spüren, wer der überströmendste Mensch ist. Der Überströmendste ist, der allen Erscheinungen, die er wahrnimmt, entgegentritt, kraft des Gegenwertes seines ihm innewohnenden stärkeren Reichtums. Der amerikanische Sänger soll keine besondere Klasse beschreiben, weder eine Interessenschicht noch zwei, nicht vorrangig Liebe noch Wahrheit, nicht vorrangig die Seele noch den Leib – auch nicht die Oststaaten mehr als die Weststaaten oder die Nordstaaten mehr als die des Südens.
Exakte Wissenschaft und ihre praktische Tätigkeit ist für den größten Dichter nicht Hemmnis, sondern stets eine Ermutigung und Stütze. Dort sind Anfänge und Erinnern – dort die Arme, die ihn zuerst emporhoben und ihn am besten hielten – dorthin kehrt er nach all seinem Gehen und Kommen zurück. Der Seefahrer und Reisende, der Anatom, Chemiker, Astronom, Geologe, Phrenologe, Spiritualist, Mathematiker, Historiker und Lexikograph sind keine Dichter, aber sie sind die Gesetzgeber der Dichter, und ihre Erkenntnisse liegen dem Bau jedes vollendeten Gedichtes zugrunde. Gleichviel, was emporwächst oder Ausdruck findet, sie pflanzten den Samen zu der Konzeption – von ihnen kommen, bei ihnen stehen die sichtbaren Zeichen von Seelen. Wenn Liebe und Einverständnis sein soll zwischen dem Vater und dem Sohn, und wenn des Sohnes Größe die Ausstrahlung der Größe des Vaters ist, dann soll auch Liebe walten zwischen dem Dichter und dem Mann der beweisbaren Wissenschaft. Die Schönheit der Dichtung soll künftig Zierde und letzte rühmende Bestätigung der Wissenschaft sein.
Groß ist das Vertrauen in den Strom des Wissens und in die Erforschung der Tiefen von Eigenschaften und Dingen. Eindringen und Einkreisen läßt hier des Dichters Seele wachsen, doch immer ist er Herr seiner selbst. Die Tiefen sind unergründlich, also stumm. Unschuld und Nacktheit werden zurückgewonnen – sie sind weder züchtig noch unzüchtig. Die ganze Theorie vom Übernatürlichen und alles, was damit in Zusammenhang gebracht oder daraus abgeleitet wurde, schwindet wie ein Traum. Was je geschehen – was geschieht und immer auch geschehen mag oder wird, die Gesetze des Lebens schließen alles ein. Sie genügen jedem Fall und allen – keines soll beschleunigt oder verzögert werden −, jedes besondere Wunder einer Begebenheit oder eines Menschen ist unzulässig in diesem weiten offenen System, in dem jede Regung, jeder Grashalm, Gestalt und Geist von Männern und Frauen und alles, was sie betrifft, unsagbar vollkommene Wunder sind, alle aufeinander abgestimmt und ein jedes verschieden und an seinem Platz. Es ist auch unvereinbar mit der Wirklichkeit der Seele, anzunehmen, es gäbe im bekannten Universum etwas, was göttlicher sei als Männer und Frauen.
Männer und Frauen und die Erde und alles, was auf ihr ist, sollen genommen werden wie sie sind, und die Erforschung ihrer Vergangenheit, ihrer Gegenwart und Zukunft soll ununterbrochen und mit vollkommener Unparteilichkeit geschehen. Auf dieser Grundlage stellt die Philosophie ihre Betrachtungen an, den Blick immer zum Dichter gewandt, immer das ewige Streben aller zum Glück im Blickfeld, immer in Übereinstimmung mit dem, was den Sinnen und der Seele klar ist. Denn das ewige Streben aller zum Glück macht allein den Kern einer geistig gesunden Philosophie aus. Alles ist belanglos, was weniger umfaßt als dies – was geringer ist als die Gesetze von Licht und astronomischer Bewegung −, als die Gesetze, die den Dieb, den Lügner, den Schlemmer und den Säufer in diesem Leben verfolgen wie zweifelsohne auch danach oder als die unermeßliche Erstreckung der Zeit, das langsame Herausbilden von Dichte oder das geduldige Wachsen geologischer Schichten. Ebenso belanglos ist, so man gegen ein Wesen oder eine Einwirkung kämpft, was Gott in eine Dichtung oder ein philosophisches System legen würde. Gesundheit und Ganzheit kennzeichnen den großen Meister ist ein einziger Bestandteil verdorben, ist alles verdorben. Der große Meister hat nichts mit Wundern gemein. Er sieht die Gesundheit für sich darin, einer der Menge zu sein – er sieht die Abspaltung in besonderem Vorrang. Zur vollkommenen Form gehört eine allgemeine Grundlage. Unter dem allgemeinen Gesetz zu stehen, ist etwas Großes, denn das heißt, mit ihm in Einklang stehen. Der Meister weiß, daß er unsagbar groß ist und daß alle unsagbar groß sind – daß zum Beispiel nichts größer ist, als Kinder zu empfangen und sie gut aufzuziehen – daß zu sein ebenso groß ist wie wahrzunehmen und zu erzählen.
Für das Werden großer Meister ist die Idee der politischen Freiheit unerläßlich. Freiheit findet Helden als Anhänger, wo immer Männer und Frauen leben – niemals aber findet sie treuere Anhängerschaft und heißeres Willkommen als bei den Dichtern. Sie sind die Stimme und die Verkörperung der Freiheit. Sie sind seit Menschengedenken dieser großen Idee würdig – ihnen ist sie anvertraut, und sie müssen sie hüten. Nichts hat Vorrang vor ihr, nichts kann sie beirren oder erniedrigen.
Da die Eigenschaften der Dichter des Kosmos in ihrem leibhaftigen Körper konzentriert sind und in ihrem Gefallen an den Dingen, haben sie den Vorzug der Echtheit vor aller Erfindung und Schwärmerei. Wenn sie sich verströmen, werden alle Dinge mit Licht übergossen – das Tageslicht ist aufgehellt mit flüchtigerer Helligkeit −, und die Tiefe zwischen Sonnenauf- und -untergang wird um vieles tiefer. Jeder bestimmte Gegenstand, jeder Zustand, jede Vereinigung, jeder Vorgang stellt eine besondere Schönheit dar – das Einmaleins die seine – das Alter die seine – das Zimmermannshandwerk die seine, die Große Oper die ihre – der scharfbugige Riesenrumpf des New-Yorker Schnellseglers auf See, unter Dampf oder vollen Segeln, leuchtet in unvergleichlicher Schönheit – die weiten, in Eintracht handelnden Kreise der Regierung Amerikas leuchten in gleicher Weise – und die gewöhnlichsten, klar umrissenen Vorhaben und Handlungen in gleicher Schönheit. Die Dichter des Kosmos schreiten durch alle Hindernisse, Barrieren, durch Aufruhr und Kriegslisten hindurch zu den höchsten Prinzipien. Sie sind nützlich – sie befreien die Armut von ihrer Not und die Reichen von ihrem Dünkel. Du mächtiger Besitzender, sagen sie, sollst nicht mehr zu Geld machen, nicht mehr erreichen als irgendein anderer. Eigentümer der Bibliothek ist nicht, wer einen Rechtsanspruch darauf hat, weil er sie gekauft und bezahlt hat. All und jeder ist Eigentümer der Bibliothek (in Wirklichkeit ist er oder sie allein Eigentümer), der sie in all den verschiedenen Sprachen, Themen und Stilarten zu lesen vermag, in den diese ohne Mühe eingehen und den sie gelehrig, stark, reich und weit machen. Diese Staaten Amerikas, stark, gesund und vollkommen, sollen kein Vergnügen an Entweihung der natürlichen Vorbilder haben und dürfen sie nicht zulassen. In Gemälden, Skulpturen oder Schnitzwerken aus Stein oder Holz, in Illustrationen, von Büchern und Zeitungen, in den Mustern von Geweben, in allem, was Räume, Möbel und Kleider schmücken oder auf Gesimsen und Denkmälern stehen soll oder auf dem Bug und Heck der Schiffe oder irgendwo vor dem Auge des Menschen im Haus oder draußen ist alles Unfug und Verrat, was die rechtschaffene Form verzerrt oder unirdische Wesen, Örtlichkeiten oder Ereignisse darstellt. Vor allem ist die Menschengestalt so erhaben, daß sie nie ins Lächerliche gezogen werden darf. Übertriebene Verzierungen eines Werkes können nicht zugelassen werden – nur solche, die den vollkommenen Erscheinungen, der freien Natur entsprechen und die unumgänglich aus der Natur des Werkes selbst hervorgehen und zu seiner Vollendung nötig sind. Die meisten Werke sind am schönsten ohne Aufschmuck. Übertreibungen rächen sich an der Physiologie des Menschen. Reine und starke Kinder werden nur in den Gemeinwesen hervorgebracht und empfangen, wo die Vorbilder natürlicher Formen jeden Tag vor aller Welt sichtbar stehen. Der große Genius und das Volk unserer Staaten darf nicht ins Schwärmerische erniedrigt werden. Wenn die Geschehnisse richtig erzählt werden, bedarf es keiner Schwärmerei.
Die großen Dichter sind zu erkennen am Fehlen jeglicher Unechtheit und an der Bestätigung ihrer vollkommenen persönlichen Lauterkeit. Wer von vollkommener Lauterkeit ist, dem sollen alle Fehler verziehen sein. Hinfort soll keiner von uns mehr lügen, denn wir haben erkannt, daß Aufrichtigkeit die innere wie die äußere Welt gewinnt, ohne eine einzige Ausnahme, und daß, seit unsere Erde sich zu einer Masse geballt hat, noch nie Betrug, Falschheit und Verschlagenheit auch nur das kleinste Körnchen von ihr oder den leisesten Hauch eines Schattens an sich gezogen haben – und daß auch durch Reichtum und Macht eines Staates oder der ganzen Staatenrepublik ein sich verbergender kriecherischer verschlagener Mensch entdeckt und der Verachtung ausgesetzt wird – und daß die Seele sich nie hat narren lassen und nicht genarrt werden kann – und daß Sparsamkeit ohne die liebende Zustimmung der Seele nur ein fauliger Brodem ist – und daß es nie ein Wesen gegeben hat, das von Natur die Wahrheit haßte, auf keinem Kontinent des Erdenrunds, auf keinem Planeten oder Satelliten, nicht im Mutterleib noch irgendwann im Wechsel des Lebens, in keiner Spanne der Ungewißheit oder des Wirkens der Lebenskraft noch in irgendeinem Prozeß des Wachsens oder der Umgestaltung irgendwo.
Äußerste Vorsicht oder Klugheit, prächtigste leibliche Gesundheit, starkes Vertrauen und ein sich Gleichsetzen, Liebe zu Frauen und Kindern, große nährende und zerstörende Gewalt und Ursprünglichkeit mit dem vollkommenen Sinn für die Einheit der Natur, den Besitz des nämlichen Geistes, der menschlichen Dingen eignet, werden aus dem Strömen des Weltgehirns aufgerufen, wesentlicher Teil des größten Dichters zu sein vom Geborenwerden aus seiner Mutter Schoß an und von ihrem Geborenwerden aus ihrer Mutter Schoß an. Vorsicht reicht selten weit genug. Man hatte gedacht, die wären bedachtsame Bürger, die ihr ganzes Selbst auf solide Gewinne richteten und für sich und ihre Familie wohl gesorgt und ein Leben nach dem Gesetz ohne Schuld und Verbrechen zu führen beschlossen hätten. Der größte Dichter sieht diesen Nutzen durchaus, er läßt ihn gelten, wie er auch den Nutzen von Ernährung und Schlaf sieht, aber er hat höhere Vorstellungen von Klugheit, als zu glauben, er gäbe schon viel, wenn er nur ein paar flüchtige Aufmerksamkeiten an der Türklinke erweist. Die Voraussetzungen zur Lebensklugheit bestehen nicht in des Lebens Gastlichkeit, nicht in seinem Reifen oder seiner Ernte. Über jene Unabhängigkeit hinaus, die eine kleine Summe auf die Seite gelegten Sterbegeldes, ein paar Schindeln ringsum, ein paar Ziegel über dem Kopf auf einem eigenen Fleckchen amerikanischer Erde und die für die alljährliche Kleidung und Nahrung zur Verfügung stehenden Dollars gewähren, über die traurige Lebensklugheit hinaus, daß sich ein so erhabenes Wesen wie der Mensch preisgibt dem Glücksspiel und der Leere jahrelangen Gelderwerbs mit all seinen dörrenden Tagen und eisigen Nächten, all seinen würgenden Enttäuschungen und heimlichen Winkelzügen, mit seinem endlosen KIeinkram in Salons und dem schamlosen Prassen, wenn andere verhungern, mit all der Einbuße an Blüte und Duft der Erde, der Blumen, der Luft und des Meeres, der wahren Freude an Frauen und Männern, denen du begegnest oder mit denen du zu tun hast in der Jugend und im besten Alter und mit der ausbrechenden Krankheit und dem verzweifelten Aufbegehren am Ende eines Lebens ohne Aufschwung und Unschuld (selbst wenn du es zu einer Rente von zehntausend Dollar im Jahr gebracht hast oder in den Kongreß oder die Regierung gewählt worden bist) und mit dem grausigen Geschwätz über einen Tod ohne Heiterkeit und Hoheit – gibt es den großen Betrug an der modernen Zivilisation und ihrer Vorsorge, der die Oberfläche und die zweifelsohne planvoll entwickelte Ordnung der Zivilisation entstellt und ihre unermeßlichen Züge, die sie mit so großer Schnelligkeit immer weiter ausbreitet, mit Tränen netzt, bevor die Küsse der Seele sie erreichen können.
Immer noch steht die wahre Auslegung der Klugheit aus. Die Klugheit bloßen Reichtums und Ansehens, die das höchst achtbare Leben genießt, scheint zu schwach, um überhaupt mit dem Auge wahrgenommen zu werden, wenn klein und groß in gleicher Weise in Gedanken über die Klugheit, die der Unsterblichkeit angemessen ist, friedlich nebeneinandergeraten. Was bedeutet eine Weisheit, die die Geringfügigkeit eines Jahres oder von siebzig oder achtzig Jahren ausfüllt – gegenüber der Weisheit, die über Jahrhunderte sich erstreckt und zu einer bestimmten Zeit sich wieder meldet mit angewachsener Kraft und reichen Geschenken und, so weit du blicken kannst, in jeder Richtung, den strahlenden Gesichtern von Hochzeitsgästen, die dir fröhlich entgegenlaufen? Nur die Seele ist aus sich selbst – alles andere lebt vom Bezug zu dem, was sich ergibt. Alles, was ein Mensch tut oder denkt, hat seine Konsequenz. Nie kann der Drang der Barmherzigkeit oder persönlicher Kraftentfaltung etwas anderes sein als der lauterste Beweggrund, ob er nun den Beweis liefert oder nicht. Eine genaue Aufstellung ist nicht vonnöten – ein Hinzurechnen, ein Subtrahieren oder Teilen ist unnütz. Ob wenig oder viel, gebildet oder ungebildet, weiß oder schwarz, gesetzlich oder ungesetzlich, krank oder wohlauf, vom ersten Atem, der durch die Luftröhre fließt, bis zum letzten Ausatmen ist alles, was ein Mann oder eine Frau tut, so es stark, mild herzig und sauber ist, ganz zweifellos für allezeit von Gewinn für ihn oder für sie in der unerschütterlichen Ordnung des Universums und in seinem ganzen Bereich. Die Klugheit der größten Dichter entspricht am Ende der grenzenlosen Sehnsucht und Fülle der Seele, sie vertagt nichts, gestattet kein Ablassen von der eigenen Sache noch von irgendeiner anderen, kennt keinen besonderen Sabbat noch ein eigenes Jüngstes Gericht, scheidet die Lebenden nicht von den Toten noch die Gerechten von den Ungerechten, gibt sich zufrieden mit der Gegenwart, bringt jeden Gedanken und jede Handlung mit ihren Auswirkungen in Einklang und kennt keine mögliche Vergebung oder übertragene Sühne.
Die unmittelbare Prüfung, wer der größte Dichter sein könnte, findet heute statt. Wenn er sich nicht selbst wie mit ungeheurer Meeresflut mit der heutigen Zeit überströmt – wenn er selbst nicht das umgewandelte Zeitalter wäre und ihm nicht die Ewigkeit aufgetan ist, dann laß ihn untertauchen im allgemeinen Gang der Dinge und seiner Entwicklung harren. Die Ewigkeit, die allen Epochen, Orten und Vorgängen, allen beseelten und unbeseelten Gebilden ihr Ebenbild verleiht, ist das Bindende der Zeit und hebt sich aus ihrer unbegreiflichen Unbestimmtheit und Grenzenlosigkeit heraus in die fließenden Formen des Heut und wird gehalten von den dehnbaren Ankern des Lebens und bildet den gegenwärtigen Durchgangspunkt für das, was war, zu dem, was sein wird, und anvertraut sich selbst dem Spiel dieser Woge einer Stunde, dieser einen unter den sechzig schönen Kindern der Woge. Die endgültige Prüfung von Dichtung, Wesensart und Werk stehen noch immer aus. Der ins Künftige schauende Dichter wirft sein Bild Jahrhunderte voraus und beurteilt Künstler und Darstellung nach dem Wandel der Zeit. Lebt es durch sie? Währt es noch, unerschöpft? Wird der nämliche Stil und die Wegrichtung des Genius auf ähnliche Ziele noch Befriedigung gewähren? Hat der Gang von zehn, Hunderten oder Tausenden von Jahren die Umwege nach rechts und nach links um seinetwillen gemacht? Wird der Dichter, nachdem er begraben ist, fort und fort geliebt würden? Denkt der Jüngling oft an ihn? Und denkt die junge Frau oft an ihn? Und die mittleren Alters und die Alten, denken sie an ihn?
Große Dichtung ist Jahrhunderte und Jahrhunderte gültig, für jeden Rang und jedes Temperament, für alle Lebensbezirke und Glaubensrichtungen, für die Frau ebenso wie für den Mann und für den Mann ebenso wie für die Frau. Ein großes Gedicht ist für Mann und Frau nicht Abschluß, sondern Beginn. Hat jemand sich vorgestellt, er könnte am Ende im Schutz einer angemessenen Macht sitzen und ausruhen, an Auslegungen Genüge finden und sie verwerten und Zufrieden sein und erfüllt? Der größte Dichter schafft einen solchen Endpunkt nicht – er führt weder zur Ruhe noch zu wohlbehüteter Sattheit und Bequemlichkeit. Seine Berührung wirkt wie die Natur in voller Tätigkeit. Die er mitführt, führt er festen sicheren Griffs in lebenerfüllte, einstmals unerreichbare Gebiete mit – von nun an ist keine Ruhe mehr – sie gewahren den Raum und den unbeschreiblichen Glanz, die alle alten Flecken und Lichter in ein totes Vakuum verwandeln. Nun soll dort ein Mensch sein, ganz Aufruhr und Chaos – der Ältere spricht dem Jüngeren Mut zu und weist ihm, was er tun muß – und beide sollen furchtlos zusammen fortschreiten, bis die neue Welt sich eine neue Planetenbahn geschaffen hat und ohne Wirrnis auf die unbedeutenden Bahnen der Sterne schaut und hinfliegt durch das unaufhörliche Kreisen und nie wieder zur Ruhe kommt.
Bald wird es keinen Priester mehr geben. Ihr Werk ist getan. Eine neue Ordnung soll erstehen, sie sollen Priester der Menschen sein, jeder Mensch soll sein eigener Priester sein. Sie sollen ihre Inspiration in den wirklichen Gegenständen des Tages finden, Zeichen der Vergangenheit und Zukunft. Sie sollen sich nicht herablassen, die Unsterblichkeit zu rechtfertigen oder Gott, die Vollkommenheit der Dinge, die Freiheit oder die erlesene Schönheit und Wahrheit der Seele. Sie sollen von Amerika ausgehen, und die übrige Welt soll ihnen entgegenkommen.
Die englische Sprache begünstigt das große amerikanische Ausdrucksvermögen – sie ist stark genug, geschmeidig und reich genug. Als zäher Stamm eines Menschengeschlechts, das durch alle Wechselfälle hindurch nie die Idee der politischen Freiheit aufgegeben hat, die der Geist jeglicher Freiheit ist, hat sie Begriffe aus Sprachen übernommen, die feiner heiterer gewandter und eleganter sind. Sie ist die machtvolle Sprache des Widerstandes – sie ist die Ausdrucksform des gesunden Menschenverstandes. Sie ist die Sprache des stolzen und schwermütigen Geschlechts und aller, die emporstreben. Sie wird bevorzugt, um Wachstum, Treue, Selbstachtung, Freiheit, Gerechtigkeit, Gleichheit, Wohlwollen, Großmütigkeit, Klugheit, Entschlossenheit und Mut auszudrücken. Sie ist das Medium, das fast das Unaussprechliche verkünden soll.
Keine große Literatur, keine ähnliche Lebensart oder Redekunst, kein gesellschaftlicher Umgang, keine Haushaltführung oder öffentliche Einrichtung oder die Art, wie Vorgesetzte ihre Angestellten behandeln, keine Durchführungsbestimmung, keine Richtlinie der Armee und der Marine, weder der Geist der Gesetzgebung und der Gerichtshöfe, weder die Polizei, das Erziehungswesen oder die Architektur, weder Gesänge noch Vergnügen können sich auf die Dauer der eifernden leidenschaftlichen Natur der amerikanischen Maßstäbe entziehen.
Ob die Münder der Menschen es aussprechen oder nicht, es pocht eine lebendige Frage im Herzen jedes freien Mannes, jeder freien Frau nach dem, was vergeht, und dem, was aufgebaut wird, um zu dauern. Ist es meinem Land gemäß? Bergen die Anordnungen keine schändlichen Sonderbestimmungen? Steht es für die stetig wachsende Gemeinschaft von Brüdern und Liebenden, weit, wohlverbunden, stolz, über den alten Vorbildern, kühn über allen Vorbildern? Ist das, was vergeht und aufgebaut wird, als wäre es frisch aus den Feldern aufgeschossen oder aus dem Meer gezogen, damit ich heute und hier es nutzen kann? Ich kenne den, der an meiner Statt Antwort gibt: ein Amerikaner in Texas, Ohio oder Kanada muß für jeden einzelnen, jede Nation Antwort geben, die mir Bestandteil meines Stoffes ist. Gibt dies Antwort? Nährt es die Jugend der Republik? Löst es sich gut und schnell in der süßen Milch der Brust der Mutter vieler Geschöpfe?
Amerika bereitet sich mit Gelassenheit und Wohlwollen auf seine Besucher, die sich angemeldet haben, vor. Nicht der Verstand soll ihnen Gewähr und Willkommen sein. Der Begabte, der Künstler, der Intellektuelle, der Verleger, der Staatsmann, der Gelehrte, alle sind geachtet – sie sind recht an ihrem Platz und erfüllen ihre Aufgabe. Aber auch die Seele der Nation erfüllt ihre Aufgabe. Sie weist keinen zurück, sie läßt alle zu. Nur wer ihr gemäß, dem wird sie halbwegs entgegengehen. Ein einzelner ist ebenso herrlich wie eine Nation, wenn er die Eigenschaften aufweist, die eine herrliche Nation ausmachen. Die Seele der größten reichsten und stolzesten Nation kann wohl der ihrer Dichter halbwegs entgegengehen, um sich der ihren zu verbinden.

Walt Whitman, Vorwort

 

Wir haben uns entschieden,

für diese kleine Auswahl der Whitmanschen Lyrik eine in eben dieser Form bereits bestehende Auswahl von Georg Goyert, erschienen 1948, in seiner Übersetzung zu übernehmen. Unseren Hörern möchte ich sagen, dass es eine Sache ist, einen lyrischen Text möglichst treu und korrekt am Original entlang zu lesen, eine andere, ihn auf einem ununterbrochenen und ungebrochenen Atem hörbar zu machen.

Christian Brückner

Grashalme

Ein fundamentales Werk der amerikanischen Literatur bis heute.
Zu Lebzeiten war Whitman ein Outcast und Sonderling. Sein Lyrik wurde als obszön stigmatisiert. Wortgewaltig feiert er die Natur, den Menschen und die Schönheit des menschlichen Körpers. Generationen von Dichtern in den USA und überall auf der Welt haben von ihm gelernt und seinen hymnischen Ton aufgenommen. Heute wird er als einer der Gründerväter der amerikanischen Literatur verehrt.

Argon Verlag, Ankündigung

Grashalme

Die große Dichtung vom Selbstbewusstsein Amerikas.
Walt Whitman legt die Fundamente einer eigenen amerikanischen Literatur und besingt in seiner hymnischen Lyrik das endlose Land und die neuen Menschen, die in ihm leben. Liebe und Erotik, der nackte Körper in seinen Freuden und die Seele, die er umschließt. Die brüderliche Gemeinschaft aller Menschen, von Mann und Frau, Mann und Mann, und Aufbruch aller in eine Menschencommunio, die ihr Glück findet in Leib und Seele. 

Parlando Verlag, Klappentext, 2012

 

Fakten und Vermutungen zum Vorleser
Fakten und Vermutungen zum Übersetzer

Zum 125. Todestag des Autors:

Christian Lindner: Tod des amerikanischen Lyrikers Walt Whitman
deutschlandfunk.de, 26.3.2017

Fakten und Vermutungen zum Autor

 

Walt Whitman: American Experience.

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