Wladimir Majakowski: Poesiealbum 2

Majakowski/Zimmermann-Poesiealbum 2

ZUR FRAGE DES FRÜHLINGS

Seit kurzem flieht mich der Schlummer.
Dafür
aaaaaverfolgt mich ein Gram.
Was besagt
aaaaaaaaadieser komische Kummer?
Daß der Frühling
aaaaaaaaaaaaaanach Rußland kam.
Ja, heut und morgen,
aaaaaaaaaaaaaaaaabeinah schon ewig
taumelt die Stube,
aaaaaaaaaaaaaavon Sonne besoffen.
Unfähig, zu arbeiten,
aaaaaaaaaaaaaaaaairr ich im Käfig.
Doch die Unruh
aaaaaaaaaaaaaist grundlos und dumm,
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaich sags offen.
Die Sache
aaaaaaaaverhält sich folgendermaßen:
Das Tageslicht
aaaaaaaaaaaadreht
aaaaaaaaaaaaaaaaseinen Flammenwerfer.
Doch den Kater im Fenster
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaalocken die Straßen.
Und was das Vieh spürt,
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaspüre ich
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaatausendmal schärfer.
Ich tret aus dem Haus
aaaaaaaaaaaaaaaaaaund muß mich
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaavors Tor stellen,
in Trägheit schwer
aaaaaaaaaaaaaaawie in bleiernen Schuhn.
Und ich kann mir
aaaaaaaaaaaaaaabeim besten Willen nicht vorstellen:
Was will ich nun lassen?
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaWas soll ich jetzt tun?
Da tropfts auf die Nase
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaund triefts hintern Kragen,
ganz gottlos.
aaaaaaaaaaUnd sieh,
aaaaaaaaaaaaaaaaaaich mag mich nicht mucksen.
Juristisch –
aaaaaaaaaakann ich gehn,
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaawohin die Füße mich tragen,
doch faktisch –
aaaaaaaaaaaaakann ich mich lediglich drucksen.
Man hält mich, zum Beispiel,
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaafür einen guten Lyriker.
Ich beweise,
aaaaaaaaaasagen wir:
aaaaaaaaaaaaaaaaaaa„Hausschnaps ist Gift“.
Doch ein gewisses Etwas
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaamacht die Sache schwieriger;
stumm wird die Sprache,
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaastumpf ist mein Stift.
Wie die Stadt nun
aaaaaaaaaaaaaaavon Sowjetwerkleuten wimmelt –
Warum donnert kein Gruß,
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaawarum dröhnt kein Salut nicht?
Warum wird
aaaaaaaaaadieser Himmel
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaanicht angehimmelt?
Verlernt!
aaaaaaaMan weiß nicht Dank.
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaAbsolut nicht!
Da stehn sie und starrn
aaaaaaaaaaaaaaaaaaagleich zerstreuten Träumern:
der Hauswart
aaaaaaaaaaaazerhackt das gedunsene Eis.
Schon stapft man in Pfützen,
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaes gießt wie aus Eimern.
Die Welt nimmt ein Duschenbad
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaasprühtropfenweis.
Man muß irgendwelche Maßnahmen ergreifen.
Ich weiß nicht,
aaaaaaaaaaaavielleicht:
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaadaß an blau-blauen Tagen zuweilen
Miliztrupps
aaaaaaaaalächelnd die Stadt durchstreifen
und an alle Leute
aaaaaaaaaaaaaaApfelsinen verteilen.
Kommt das zu teuer,
aaaaaaaaaaaaaaaaso laßt
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaasimplerweise
tagtäglich
aaaaaaaaum zwölf
aaaaaaaaaaaaaaavon des Rathauses Stufen
schulfreie Jugend,
aaaaaaaaaaaaaaaFeiernde
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaund Greise
ein dreifaches
aaaaaaaaaaaHurra
aaaaaaaaaaaaaaaaausrufen!
Seht:
aaaadie andern Probleme stehn klar,
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaabis auf einige.
Geklärt sind die Fragen
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaum Frieden und Brot.
Doch daß man die Kardinalfrage
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaades Frühlings
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaabereinige,
um jeden Preis,
aaaaaaaaaaaaadringend,
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaasofort.
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaadas tut not.

(1923)

 

 

 

Majakowskis beste Schöpfungen

sind ein Hymnus auf das neue Leben, auf das Zeitalter des Bruchs mit dem alten; sie stellen der Welt eine Dichtkunst von großer stofflicher und gedanklicher Reichweite vor Augen, eine Dichtkunst der großen Maßstäbe, der kühnen Verallgemeinerungen, der scharfsichtigen Ausblicke. Grundton dieser Poesie ist die tiefe, mitreißende Liebe zum sozialistischen Vaterland.

Hugo Huppert, Verlag Neues Leben, Klappentext, 1967

 

 

Gestammelte Grabrede für Wladimir Majakowski

So sehr überraschte die Nachricht aus Moskau, Wladimir Majakowski sei freiwillig aus dem Leben geschieden, daß wir nach der ersten Erschütterung nur bebend flüstern konnten:

Wie? Dieser robuste Bursche, energiegeladen, voll überschäumender Lebenskraft, mit dem Elan eines neuen Gestus, Wladimir Majakowski, hat sich erschossen?

Unser Erstaunen ist gewiß das Erstaunen Europas und vielleicht auch der Sowjetmenschen; wir haben nicht gehört, daß jemand versucht hätte, das Rätsel des Moskauer Schusses zu lösen, der Wladimir Majakowski getötet hat, wenn man von einem Detail absieht: der Liebesepisode in den letzten Lebensmonaten dieses Trommlers der Revolution.
Der kurze Aufenthalt Majakowskis in der Tschechoslowakei und ein beliebiger flüchtiger Blick in sein Lebenswerk rechtfertigen unsere Überraschung und das lähmende Entsetzen. Aber wenn sich nun die Dämme der Bucheinbände auftun, die der Name des toten Dichters und die wunderbaren Titel seiner Werke zieren, wenn das Bewußtsein von seinem tragischen Ende einige Worte herber klingen läßt und gar manchen gebrochenen Vers seiner Gedichte unterstreicht, dann senken wir resignierend ob unserer Unwissenheit das Haupt, denn der Tod hat längst und lange den Gestus überschäumender Energie, der Lebenskraft und des Elans umschlichen, der da hieß: Wladimir Majakowski.
Ein Tod, der kein Zufall, kein Abschluß von Liebeswirren gewesen ist, sondern eine Lösung…
Eine Notlösung. –

Die speckige Literaturseite der Lokalpresse (deren Ideengehalt übrigens Polizeimeldungen von alltäglichen Selbstmorden nicht übertrifft, bei denen „die Ursache unglückliche Liebe war“ oder „unbekannt blieb, warum er verzweifelte“) hat in den ersten Abschnitten der Nekrologe für Wladimir Majakowski auch den Namen Jessenin herausgesprudelt.
„So wie vor Jahren Sergej Jessenin…“ usw., hallt es uns nach dem Überfliegen längerer und kürzerer Spalten in den Ohren.
Wie anders, wie unendlich verschieden sind doch die Motive, die Majakowski und Jessenin bloß in einem einzigen Punkt vergleichbar machen: in der gewaltsamen Beendigung der Lebensbahn.
Noch hatten die ungesehenen Weiten der Sowjetunion das Echo der tiefsten Baßstimme Rußlands nicht zurückgesandt, mit der Majakowski, der Dichter, zum Ruhme des Lebens brüllte, in den Jahren des Bürgerkriegs auf dem Panzer stehend, als in einem obskuren Leningrader Hotel bereits Sergej Jessenin sein letztes Gedicht geschrieben hatte. Der Tod Sergej Jessenins war der Epilog eines Lebenswerkes, in das am Ende etwas eingedrungen war, was für Jessenin ebenso unbegreiflich war wie die große Revolution. Und dieser blauäugige Bauer bezahlte ihr seine Steuer ehrlich. Er starb, weil er sie nicht begriff; er starb, weil er wußte, daß er sie nicht begreifen würde.
Wladimir Majakowski aber begriff sie! Er lebte aus ihr! Er schrie für sie! Und jetzt – hat er sich für sie getötet!
In einem mitteleuropäischen Land, Tschechoslowakei genannt, hat eine Generation, aus ebenjener Revolution hervorgegangen, deren Trommler Majakowski war, bereits vor fünf Jahren dem Dichter den Platz vorbestimmt, auf den sich Majakowski erst jetzt bettete:

In die Sterne schlug der Blitz
aaaaaaaaaaaaaaaes regnet
Wasserlachen
aaaaaaaaaaaaapralle Trommeln dröhnten
Revolution in Rußland
aaaaaaaaaaaaaSturm auf die Bastille.
UND DER DICHTER MAJAKOWSKI IST TOT
aaaaaaaaaaaaaaaaaaber die Poesie
ein Kupfermond tropft süße Säfte
in die Blütenkelche.
(Jaroslav Seifert)

Wir wissen nicht, wie der Dichter Majakowski damals diese Todesnachricht aufgenommen hat. Aber wir hören gleichsam sein donnerndes Gewieher und seinen mächtigen Hieb auf den nächsten Tisch – das ist Majakowskis Gestus, seine Art, die damals noch wahnwitzige Prognose zurechtzurücken.
Ein Schuß der zersetzenden, depressiven Hoffnungslosigkeit hat in Europa Majakowski begraben – und den Organismus, der Majakowski die Kraft zu diesem Gestus gab –, aber nur für die Trauergäste selbst, für lauter Trauergäste. Ein solcher Schuß hat Majakowski nicht erreicht, denn… aber davon weitere Kapitel.

„Jetzt knöpf ich mir diesen Franzosen vor!“ schrie Majakowski aus dem Fenster des Pariser Schnellzugs seinen Bekannten zu, als er im Jahre fünfundzwanzig nach einem großartigen Erfolg im Künstlerverein Prag verließ.
Dieser „Franzose“ war Paul Morand, der nach seiner Reise durch die Sowjetunion einige Artikel geschrieben hatte und darin einmal über Majakowski sagte, er überwache ängstlich seine Gesundheit, gebe keinem die Hand und fasse keine Türklinke mit der bloßen Hand an, nur um sich nicht anzustecken, auch wasche er sich mit einem halben Dutzend verschiedener Seifen, um ja nicht krank zu werden.
Wir gönnen Majakowski die Freude und Morand die Wucht der athletischen Fäuste, die sicherlich gut zu spüren waren, als es zu dem versprochenen „Vorknöpfen“ kam; wir aber sind diesem Franzosen dankbar für die Information, denn um so lauter können wir ausrufen: Er hat sich nicht angesteckt.
Überschäumende Energie, Lebenskraft, Elan des dröhnenden neuen Gestus – das waren keine Eigenheiten Wladimir Majakowskis, sondern der Erscheinung, die dieser Dichter interpretierte. Es waren die Eigenschaften der vernichtenden Kraft der Revolution. Das Brüllen der „tiefsten Baßstimme Rußlands“ und das Lärmen seiner Trommel waren die transformierte Stimme von hundertfünfzig Millionen. Das, was er uns hinterließ, war das Pathos der Revolution, aber einer Revolution des Zerschlagens.
Das Pathos eines großen historischen Krieges gegen dieses „… und der Dichter Majakowski ist tot“, denn das Zerschlagen, das ein Maß des schöpferischen Pathos gewesen ist, gibt es nicht mehr. Das große GEGEN, das Majakowskis Zeitgenossen binnen weniger Minuten ein ganzes Jahrzehnt gegeben hat, das das Leben einer Generation verglühte und aufsaugte, schwindet mit jeder Stunde. Und dennoch: Die Revolution rüttelt weiter auf, heute mehr als jemals in den letzten fünf Jahren. Aber es ist die Revolution des Aufbaus, die Revolution der Konstruktion.
Das Pathos des großen historischen Krieges entdeckte das Wort FÜR…
Aber diese schöpferische Revolution zerschlägt gleichzeitig etwas.
Wladimir Majakowski ist ein Opfer dieses mathematischen Gesetzes.
Aber nicht nur Wladimir Majakowski.

Das Pathos der neuen Revolution – Revolution der Zahlen, monotoner Maschinenlärm, Rattern der Traktoren des „Fünfjahrplans“, des „Aufbaus“ und anderer Begriffe aus dem Wörterbuch dieser Revolution – typisiert gleichzeitig die Gestalt des Menschenmaterials, das sich vom Typ her nicht so eindeutig definieren läßt, wie die Silhouette Majakowskis und seine Gestalt aus den Jahren der Revolution des Zerschlagens, aus dem großen Krieg GEGEN… skizzierbar ist. Es genügt, zu sagen, daß Majakowski – und nicht nur Majakowski – in dieser Gestalt seinen Platz nicht mehr finden konnte…
Er hätte sich zusammen mit vielen Zeitgenossen zurückziehen können. Viele hocken in einem solchen Zwischendeck; und auch deshalb, weil sie genügend Energie haben, ihre unvermeidliche Situation zu durchschauen, weil sie nervlich stark genug sind, die Brandstätte ihrer Energie zu sehen.
Wladimir Majakowski war bekanntlich von hoher Statur, er bückte sich nicht gern.
Aber er war allzusehr Dichter, allzusehr revolutionärer Dichter und allzusehr standhafter revolutionärer Dichter, und so konnte er nicht etwa irgendwo in Istanbul für den Verlag eines Herrn Svěcený seine Memoiren schreiben.
Wer will jemanden für den Tod Wladimir Majakowskis schuldig sprechen? Wir brauchen nicht lange nach dem zu suchen, der den Stein aufheben wird; Dutzende und Hunderte von Schmierfinken halten ihn schon in der Hand. Wen aber wollt ihr steinigen?
Gestattet ein kleines Extempore: Als vor Jahren in Moskau Sergej Jessenin verblutete, hieß es in den gleichen Kreisen: Das ist Feigheit, das ist Flucht! Schon jetzt belegen wir jeden mit Namen aus dem Inventar zoologischer Gärten, der die Stirn haben sollte, diesen Unsinn aufzuwärmen.
Verehrte Trauergemeinde ! Wir wollen abschließend erwähnen, daß nach einer Meldung Rigaer Zeitungen die Hand des Dichters, bevor sie den stählernen Abzug der Pistole berührte, unter anderem geschrieben hat: „Kommunisten, folgt mir nicht!“ – oder etwas in der Art.
Wladimir Majakowski, wir geloben Ihnen, daß Kommunisten Ihnen nicht folgen werden!

Laco Novomeský, 1930, aus, Laco Novomeský: Erwägungen. Aufsätze zur Literatur, Verlag Volk und Welt, 1977

Beim Lesen Majakowskis

Ich habe Majakowski nie gekannt. Ich habe ihn wissentlich nie gesehen, das Gegenteil wäre seltsam gewesen, und der Schuß in der Ljubjanskigasse fiel einen Tag nach meinem fünfzehnten Geburtstag. Dennoch war da ein frühes Interesse, eine Neugier, ein Traum, ein Bild: hier gab es ein Geheimnis zu entdecken. Mit zwölf Jahren hatte ich zum erstenmal den Namen gelesen: In einer avantgardistischen Zeitschrift stand der Name über dem Titel „Ich selbst“, einem Prosastück, das eine Autobiographie im Telegrammstil ist. Später kam das große Gedicht „150.000000“ in Bechers Übersetzung dazu. Aber damit war noch wenig geoffenbart von dem Geheimnis eines Dichters, dessen Name in gemessenen Abständen fiel, dessen Photographien hier und da auftauchten, den Schilderungen, auf die man manchmal stieß, sichtbar zu machen suchten. Viele Jahre später traf ich in Bulgarien einen alten Mann, der zu jener Emigration gehört hatte, die sich nach dem ersten Weltkrieg in Berlin zusammenfand. Die revolutionären Bulgaren hätten in Charlottenburg einen Platz gehabt, wo sie sich regelmäßig trafen. Majakowski sei bei seinen Reisen nach Berlin stets zu ihnen gekommen und habe dann seine Gedichte rezitiert. Wo das gewesen sei, fragte ich. Es war, wie sich herausstellte, in der Straße gewesen, in der ich damals wohnte, ein Haus oder zwei Häuser weiter. Vielleicht also hatte ich als Kind ihn doch gesehen, mir war, als müsse ich mich an ihn erinnern, einen sehr großen, breitschultrigen Mann, der an mir hätte vorbeigehen können, den Mantel über dem Arm, einen Stock schwingend, mit eisenbeschlagenen Absätzen, den Blick im Nirgendwo, rhythmisch vor sich hin redend.
Bei der Begegnung mit Majakowski handelte es sich für den des Russischen Unkundigen mehr und mehr um einen Glücksfall. Er hatte, im Gegensatz zu seinen großen Zeitgenossen Blok, Jessenin, Pasternak, in Huppert und Thoss seine deutschen Übersetzer gefunden. Was war da zuallererst? Das Anderssein. So wie das unbekannte Land, das hinter dieser Dichtung lag, als ein anderes, ein von allen bekannten verschiedenes Land geahnt wurde, anders gemacht von einer Revolution, die anders gewesen war als andere Revolutionen, so war dieser Majakowski anders. So disparat das Vertraute war, so unvereinbar miteinander die Namen waren, die unter den Begriff subsumiert werden konnten, es war schon so: Majakowski unterschied sich von ihnen allen: „Ungeachtet des Gejohles der Poeten“, las man, „halte ich ,alles für jeden in Mosselpromläden‘ für Poesie höchster Qualifikation.“
Ich gebe zu: Ich halte das nicht für Poesie höchster Qualifikation, und Majakowski selber hat Wichtigeres geschrieben. Aber ich hielt und halte die zitierte Behauptung nicht nur für neu, sondern auch für legitim, sosehr sie eigener Empfindung zuwider ist. Sie hat ihre Berechtigung in gewissen Augenblicken, und sie lebt von einem Malaise, das auch mir nicht fremd ist. „Eine Ohrfeige für den öffentlichen Geschmack“ hatte über dem Manifest gestanden, das der junge Majakowski und seine Futuristenfreunde der Öffentlichkeit hinschleuderten. Ohne daß sie meiner Verehrung für Hölderlin oder Keats Abbruch getan hätte, störte mich zuweilen die Vorstellung, mit was für Leuten ich diese Verehrung teilte (übrigens kann man sich hier an Stelle der genannten alle möglichen anderen Namen denken, meinetwegen auch den Majakowskis). Der Irrtum, der hier, freilich nicht meinerseits, vorlag, war monströs.
Die Provokation also gegen die Provokation einer überlebten Gesellschaft. Dichtung, die „auftritt mit Schreien“, wie Neruda von Lorca sagte, aber ohne Geschrei. „Es kommt darauf an, absolut modern zu sein“, hatte Rimbaud proklamiert. Majakowski ist unerhört modern geblieben, in der Art gewisser sehr vollkommener technischer Produkte – dies sei von einem Dichter gesagt, der, zu Recht oder nicht, seine Gedichte oft als Produkte, Gebrauchsgegenstände gesehn haben wollte. Ein Register, von hauchender Zartheit bis zu hyperbolischer Grobheit reichend. Sublime Großsprecherei. Die immer wieder ergreifende Illusion großer revolutionärer Epochen – so nah ist das Ziel. Das völlige Fehlen jedes Nationalismus; ein natürliches, sozusagen bewußtloses Gefühl für Menschheit. Der Zusammenklang von Forderung des Tages und großer Utopie, von grimmigem Humor und unabweisbarer Tragik, von Privatem und res publica. Zum erstenmal wird hier die Liebe in einer Epoche der Umwälzungen als Element des Zukünftigen gesehen:

Von der heutigen Zeit,
unheimlich wie Dolche
und wie tödliche Krankheit fiebrig,
bleiben einmal wahrscheinlich
aaanur solche
wie du
und ich,
dich Suchender, übrig.

Es ist nicht meine, sondern die höchst überflüssige Aufgabe mancher Historiker, herauszufinden, wieviel Prozent Futurismus im frühen, dann im späten Majakowski stecken, der übrigens nie aufhörte, sich Futurist zu nennen. Aber er war, wie kein anderer vor ihm, ein Dichter der Revolution, er war für sie geboren; es blieb ihr gewissermaßen nichts anderes übrig als auszubrechen, als sich diese Stimme erhob. Ein Zweiundzwanzigjähriger schreibt 1915:

Ich, das Gespött der Menschheit von heut,
lang und scharf wie ein schlüpfriges Lied,
ich sehe jenseits des Gebirges der Zeit
einen Schreitenden,
den niemand sieht.

Das, was Majakowski erblickt, den „Schreitenden jenseits des Gebirges der Zeit“, der Friede, der Mensch, der Mensch des Friedens, er wird im nächsten Gedicht mit verzückter Gewißheit, mit überredender visionärer Wucht aufgerufen:

Die buckligen Berge
Kaukasiens,
des Balkans,
der Alpen
und der Karpaten
warfen die Last der Kanonen ab, den Rücken zu strecken,
und tauchten in Himmel ihr blutbesudeltes silbernes Haar.

Es kamen die beiden Revolutionen, die im Februar, die im Oktober (Das war meine Revolution), Bürgerkrieg, Hunger, Frost, die ROSTA-Fenster, Klebezettel und Zeitungslyrik, der erschöpfende Kampf gegen Spießertum, Bürokratie, feige Verleumdung. Kein Revolutionsgedicht erreicht die sehnsüchtige Wucht von „Linker Marsch“, wenn der Blick aus der Qual der Gegenwart nach vorn, nach oben weist:

Dort
hinter finsterschwerem
Gebirg liegt das Land der Sonne brach.
Quer durch Not,
über bittre Meere
stampft euren Schritt millionenfach!
Droht die gemietete Bande
mit stählerner Brandung rings –
Rußland trotzt der Entente.
Links!
Links!
Links!

Und unter Hunderten und Tausenden Gedichten über Lenin ward keines geschrieben, das diesem gleicht, wie es mit seinem Grave einsetzt und nach der Introduktion allegretto fortfährt. Keines gleicht ihm in seiner männlichen, zurückgehaltenen Glut, seiner liebenden Polemik, seiner Keuschheit. Und niemand hat die ganze Größe des Revolutionsführers deutlicher gemacht als dieser gegen jede Spur von Personenkult immune Dichter:

Es ist Zeit –
aaaaaaaaaavon Lenin
aaaaaaaaaaaaaaaaaazu sagen heb ich an.
Aber nicht,
aaaaaaaaaweil Weh und Leid
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaavergangen wären;
es ist Zeit,
aaaaaaaaweil unser herber Gram
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaabegann,
sich zum hell bewußten Schmerz
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaazu klären.

Nicht nur der kolossale Atem, den diese Dichtung über achtzig Seiten weg in pausenlosem Crescendo entfaltet, ohne daß sich Majakowskis Stimme überschlägt, nicht nur er ist es, der uns gewinnt, den wir bewundern, es ist die Gesinnung, die hochgesinnte Aufrichtigkeit, das Von-Herzen-Kommen-zu-Herzen-Gehen, die auch im Aufbrechen des Zorns oder des Spotts dieser Tribünenlyrik noch evidente Intimität – dies alles ist es, was Majakowski nicht unbedingt über, aber deutlich abgetrennt neben seine größten dichterischen Zeitgenossen stellt. Es bewirkt, daß sich seine Nachahmer, die sich freilich auf das agitatorische Element dieser Dichtung beschränken, so fade neben Majakowski ausnehmen. Die phantastische Metaphorik Majakowskis, sein rücksichtsloses Miteinander von Sublimem und Gassenhauer, Zaubersprache und Jargon, der enorme Umfang seiner Mittel, seine besessene Rhetorik könnten vielleicht ihresgleichen haben, wäre nicht mit dem allem dieses merkwürdige Bekennertum verbunden, dieses Zurschaustellen eines Herzens, die Konfession, die sich jeder Spekulation, jedem Strategen, jedem Opportunismus entziehen.
„Dichtung ist eine Fahrt ins Unbekannte“, hatte er gesagt, ein Wort, das man gelegentlich zitieren läßt und möglichst schnell wieder vergißt. Auf dem Vormarsch ins Unbekannte hat Majakowski leidenschaftlich mit Herzensgröße, mit Zorn und Mitleid den Platz des Dichters in der neuen Gesellschaft gesucht und erobert. Er wollte überall zugleich sein, bei Arbeitern, Bauern, Rotarmisten, bei den Kindern, wollte ihnen ihren Weg erklären und erleichtern, wollte einer Welt zeigen, wie tief ihre Zukunft mit der Zukunft dieses ersten sozialistischen Staates zusammenhing. Er kämpfte für eine höhere Stahlproduktion mit Gedichten und mit den gleichen Gedichten für mehr Menschlichkeit und für eine Liebe, die des neuen Menschen wert sein sollte. Er war sich für keine Aufgabe zu gut. Stürmisch forderte er für den Dichter einen angemessenen Platz in der neuen Gesellschaft, aber er tat auch alles, um diesen Platz beanspruchen zu dürfen.
Unüberhörbar ist der Ton innerer Zartheit und Verwundbarkeit, der noch im Donner seiner Sturmrufe mithallt, nicht nur in den weit bekannten Worten des Bekenntnisses, daß er seinem Gesang den Fuß auf die Kehle setzte. Manche Leute, die nicht gerade Freunde des Kommunismus sind, geben vor, Majakowski dieses Geständnisses wegen bemitleiden zu müssen. Majakowski hat mit dem zähen, leisen Stolz, der ein anderer Zug seines Wesens war, sich jedes Mitleid verbeten, noch in den letzten Zeilen, die er schrieb, bevor er sich tötete. Er litt bitter unter der Ungunst von Verhältnissen, und da es nicht seine Art war, Dinge zu verschweigen, schrieb er auch darüber:

Schön ist’s bei uns,
aaaaaaaaaaaaaaaain unsren Sowjetlanden:
man lebt nicht schlecht,
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaist in Gemeinschaft tätig.
Nur Dichter,
aaaaaaaaaasehen Sie,
aaaaaaaaaaaaaaaaaasind leider nicht vorhanden;
indes –
aaaaaaavielleicht
aaaaaaaaaaaaaaasind sie auch gar nicht nötig.

Er litt unter der Infamie seiner Verfolger, die ihn allmählich zur Strecke brachten, und rief sie zum gemeinsamen Kampf auf:

Ihr glaubt,
aaaaaaaaich mach aus mir einen Bonzen der

aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaÄsthetik
und dünk mich allein
aaaaaaaaaaaaaaaaaden Hohepriester der Verse.
Und in Wirklichkeit.
aaaaaaaaaaaaaaaaascheint mir
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaanur eines nötig:
mehr Dichter,
aaaaaaaaaaaatüchtige und –
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaadiverse.
Manche
aaaaaaamöchten
aaaaaaaaaaaaaaain ihrer bojarischen
Wachtburg Alleinherrschaft üben
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaim Land:
Wir – sind die einzigen,
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaeinzig proletarischen…
Und was, meint ihr, bin ich?
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaValutaspekulant?

Mit erschütternder, oft naiver Sehnsucht wünschte er, von allen gehört und verstanden zu werden. Während eine Meute, die in Schriftstellerverband und Zeitschriften regierte, Kampagnen gegen seinen „Intellektualismus“, seine „Unverständlichkeit“ unternahm, verteilte Majakowski bei seinen Vorlesungsabenden Fragebogen, um zu ergründen, wie viele Zuhörer ihn verstanden hätten, und brachte die Ergebnisse stolz nach Hause. Aber manchmal gab sein starkes Herz nach, und er schrieb:

Ich will: die Heimat soll mich verstehn.
Doch wenn sie’s nicht will, je nun –
dann heißt’s an der Heimat vorübergehn,
wie die schrägen Regen tun…

Dann allerdings, und auch diese Reaktion ist charakteristisch für ihn, fügte er hinzu:

Ungeachtet all der romanzenhaften Empfindsamkeit (das Publikum greift zu den Taschentüchern) habe ich dies vom Regen benetzte Schweifgefieder ausgerupft.

Er hätte ein großer Elegiker werden können; aber er wollte nicht nur ein produktiver Dichter, sondern als Dichter produktiv sein, aktiv, verändernd, eingreifend. Er ging mit ungeheurem Mut einen neuen Weg und wurde so von allen neuen Dichtern der neueste.

Stephan Hermlin, gesprochen im Deutschlandsender am 29.1.1967

Majakowskis bildliche Argumentation

Majakowskis Gedichte und Poeme sind die bisher genialste lyrische Argumentation in dem großen geschichtlichen Prozeß der heutigen Menschheit. Das Wort Argumentation ist in seinem ursprünglichen Sinn gemeint: Beweisführung aus Tatsachen. Spielt doch das „Faktum“ in der Theorie und Praxis von Majakowskis Dichtung eine besondere Rolle. Das Faktum als Beweismittel wird in der Hand des Lyrikers zum besonders wirklichkeitsträchtigen Bild. In dem Abschnitt über die verschiedenen Methoden der Bildschöpfung (in „Wie macht man Verse?“) führt Majakowski ein Bild aus seinem frühen Gedicht „Krieg und Welt“ an:

Im faulenden Waggon
kommen
auf vierzig Mann
nur
vier Beine.

Es sei noch ein anderes Bild aus dem Gedicht erwähnt:

In Rostow wollte
in aller Frühe
ein Arbeiter
Tee sich bereiten –
er erstarrte vor Schreck:
eine rote Brühe
floß
aus der Wasserleitung.

Auch wenn Majakowski aus überkommenen poetischen Bildvorstellungen schöpft, weiß er durch eine plötzliche Wendung oder einen überraschenden Bezug eine bestürzende Wirkung hervorzurufen. Der „Totentanz“ ist eine allgemeine Vorstellung aus dem christlichen Mittelalter, der tanzende Tod über Gefallenen ist ein assoziativ daraus gewonnenes Bild und wäre nicht besonders neu:

… da fielen zu Boden
die Bataillone –
der Tod kam gehüpft
und tanzte auf Leichnamen –

Doch Majakowski bringt die ihm und nur ihm eigentümliche Wendung in der darauffolgenden Zeile:

eine nasenlose Taglioni!

In die außerwirkliche Vorstellung des tanzenden oder fiedelnden Totengerippes (an die man sich gewöhnt hat) wird plötzlich die Realität einer der weltberühmtesten Tänzerinnen geschoben, der Maria Taglioni, Verkörperung alles Lebendigen, Anmutigen, Luftigen: nasenlos! Der auffälligste Ausweis des Totenschädels hier nun als Verstümmelung des Lebendigsten! Das Makabre in Majakowskis Bildsprache verliert das Allegorische (also das „Andersreden“, übersetzen wir einmal Drumherumreden) und reißt dem mystifizierten Tod des ersten imperialistischen Weltkrieges – denn der ist mit dem frühen Gedicht „Krieg und Welt“ (1915/16) gemeint – die konventionelle Maske vom Gesicht: Wir sehen die verstümmelten Leiber einst blühender Menschen! Diese Beispiele aus einer frühen Dichtung Majakowskis mögen genügen. Die Gefahr der „Futuristen“, denen Majakowski angehört hatte, lag freilich in der Verselbständigung des auffälligen, unkonventionellen Bildes. Diese Gefahr erkannte Majakowski rechtzeitig und wandte sich gegen den „Selbstzweck der Poesie“, darin er eine „Herabwürdigung der Dichtkunst zu einer rein technischen Fertigkeit“ sah. Dieser Gefahr ist Majakowski grundsätzlich niemals erlegen. „Verse und Revolutionen flossen in meinem Kopf irgendwie zusammen.“ Wenn Zugriff und Gegenstand in seiner frühen Dichtung auch nicht immer mit jener unerhörten Präzision der reifen Dichtungen ineinander passen, so hatte Majakowskis genialische Jugendgebärde, immer aus echtem Übermaß geboren, doch schon Richtung – und zwar auf den allgemeinen Inhalt seines Dichtertums: „Ich bin… der kommenden Klarheit Erklärer“ – bis zur zeitlich fast präzisen Vorauskündigung der Revolution. Und auch schon die Methode des Zupackens ist dem Zweiundzwanzigjährigen bewußt („Wolke in Hosen“):

Sehnen und Muskeln sind mehr als Gebete.
………………………………………………………………………..
Ein jeder von uns
hält des Weltalls Drähte
mit fünf Greifern
der geballten Faust.

Oder der Vers aus „Krieg und Welt“:

… entfeßle den Tastsinn fürs kommende bessere
Sein!

Dieser unerhörte Drang in die Sinnfälligkeit, ja Körperlichkeit des Bildes, das den Leser fast als eine leibliche Berührung anmutet, ist bei Majakowski also nicht eine rein ästhetische oder gar beiläufige Geschmacksfrage, sondern entspringt seiner ganzen Haltung. Er will mit seinen Bildern wirken, einwirken, „selbst winzige Einzelbilder… für den Kampf… ausnutzen“. Nun gibt es wohl kaum einen bedeutenden Dichter, der nicht in seiner Weise auf seine Zeit einwirken wollte. Majakowski als Dichter wollte die Entwicklung der heutigen Menschheit mit Hilfe der Poesie fördern. Wie dies am besten zu bewerkstelligen sei, darüber hat er ununterbrochen nachgedacht – und seine unmittelbar aus der Tagesforderung erwachsene Ästhetik in einem theoretischen Konzentrat „Wie macht man Verse?“ und in einigen seiner Gedichte, am genialsten in seinem berühmten „Gespräch mit dem Steuerinspektor über die Dichtkunst“, dargelegt. Grundvoraussetzung für die neue Poesie, wie sie Majakowski forderte und erfüllte, war: die Dichtung ihrer „Besonderheit“, in die sie der bürgerliche Idealismus und besonders die späte bürgerliche Dekadenz gehüllt hatte, zu entkleiden. Um diese Tat, von Majakowski in allen theoretischen und praktischen Konsequenzen durchgeführt, ganz zu ermessen, sei an das bekannte Goethesche Spätgedicht „Gedichte sind gemalte Fensterscheiben“ erinnert:

Sieht man vom Markt in die Kirche hinein,
da ist alles dunkel und düster;
…………………………………………………………….
Kommt aber nur einmal herein,
begrüßt die heilige Kapelle!
Da ist’s auf einmal farbig helle:
…………………………………………………………….
Bedeutend wirkt ein edler Schein.

Wie in einer kopernikanischen Wendung werden bei Majakowski Poesie und Hörer aus dem heiligen Raum mitten auf den Marktplatz gestellt. Alles wandelt sich: Lautstärke, Thema, Zweck, Bildersprache. Aus dem „edlen Schein“ wird agitatorisches Sein. Majakowski wird nicht müde zu fordern, „mit der Auffassung zu brechen, als nehme die Dichtkunst… eine Sonderstellung außerhalb der übrigen Formen menschlicher Betätigung ein“.
Mit großartigen Bildeinfällen sucht er nun die Tätigkeit des Dichters lückenlos in die Tätigkeiten aller übrigen Erdenbürger einzubeziehen, als eine „der schwierigsten“ freilich, als eine, wenn gut ausgeführt, hochzubewertende Tätigkeit – wie Majakowski von einer fundierten „Produktionstheorie“ überhaupt erhofft, daß sie „die Grundsatzlosigkeit des Geschmacks beseitigen“ und die Möglichkeit geben werde, „exakt an die reif gewordene Frage nach der dichterischen Entlohnung und Bewertung heranzugehen“. Wie sehr real und richtig diese Forderung ist, sehen wir am besten an der Grundsatzlosigkeit des Geschmacks und der Fragwürdigkeit der dichterischen Entlohnung und Bewertung, die größtenteils bei uns noch herrschen – und gewiß mit auf den Mangel einer Ästhetik unserer Zeit zurückzuführen ist, wenn wir Majakowskis „Versuch, den Prozeß der dichterischen Produktion selbst aufzudecken“, so nennen wollen. Doch hören wir nun Teile aus dem erstaunlichen Gespräch Majakowskis mit dem Steuerinspektor:

aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaIch bat,
meiner delikaten
aaaaaaaaaaaaaaFrage
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaIhr Gehör zu schenken:
…………………………………………………………………………..
wo ist der Platz
aaaaaaaaaaaades Dichters
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaim Arbeiterstaat?
…………………………………………………………………………..
Meine Arbeit
aaaaaaaaaaaist jeglicher
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaArbeit
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaavergleichbar:
hier – bitte:
aaaaaaaaamein Aufwand,
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaadie Auslageposten;
auch ich bin
aaaaaaaaaafür Schäden und Rückschläge
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaerreichbar;
hier sehen Sie Verluste,
aaaaaaaaaaaaaaaaaahier Rohstoffunkosten.
Sie kennen natürlich
aaaaaaaaaaaaaaaaden Reim,
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaadiese Erscheinung:
eine Zeile schließt,
aaaaaaaaaaaaaaasagen wir,
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaamit dem Ausdruck
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa„O weh“,
dann muß
aaaaaaaaadie zweitnächste
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaazwecks lautlicher Einung
enden
aaaaaetwa mit:
aaaaaaaaaaaaaJuchheirassa, juchhe!
In Ihrer Sprache:
aaaaaaaaaaaaaaReim –
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaist ein Zahlungsversprechen.
Einzulösen
aaaaaaaaaim übernächsten Verse.
Nun muß man
aaaaaaaaaaaadie Wortenden
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaabiegen oder brechen
und Mittel
aaaaaaaaaermitteln
aaaaaaaaaaaaaaaaain der Abwandlungsbörse.
…………………………………………………………………………..
In meiner Sprache:
aaaaaaaaaaaaaaaader Vers
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaist eine Lunte.
Der Reim
aaaaaaaaist das Faß dran,
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaadas Pulverfassel.
Und raucht die Zeile
aaaaaaaaaaaaaaaaazum Rande herunter,
fliegt strophisch
aaaaaaaaaaaaadie Stadt in die Luft
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaamit Geprassel.
Wo findet man
aaaaaaaaaaaaReime
aaaaaaaaaaaaaaaaavon solchen Brisanzen,
daß sie treffend
aaaaaaaaaaaaagleich töten?
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaUnd zu welchem Tarif?
Vielleicht gibts
aaaaaaaaaaaaunerhörte fünf Stück noch
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaim ganzen
in einem
aaaaaaavenezuelischen Kaperbrief.
Und es zieht mich
aaaaaaaaaaaaaain die Fremde,
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaain die kalte und heiße,
verstrickt
aaaaaaaain Vorschüsse und Anleihn,
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaariskante.
Genosse,
aaaaaaaberücksichtigen Sie die Kosten der Reise!
Dichtung
aaaaaaaa– insgesamt! –
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaist eine Fahrt ins Unbekannte.
Dichten
aaaaaaaist dasselbe wie Radium gewinnen.
Arbeit: ein Jahr.
aaaaaaaaaaaaaAusbeute: ein Gramm.
Man verbraucht,
aaaaaaaaaaaaaaum ein einziges Wort zu ersinnen,
Tausende Tonnen
aaaaaaaaaaaaaaaSchutt oder Schlamm.
Doch neben dem Erz,
aaaaaaaaaaaaaaaaadem zerfallenden,
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaafahlen,
brennt
aaaaaajenes Wort
aaaaaaaaaaaaaaaur-elementar;
es setzt in Bewegung
aaaaaaaaaaaaaaaaamit seinem Strahlen
Millionen Herzen
aaaaaaaaaaaaaadurch tausend Jahr.

Es ist wohl kaum in der Weltliteratur von einem Lyriker mit solcher Leidenschaft und Schlagkraft der Bilder und Vergleiche die ungeheure, ja ungeheuerliche Arbeit des echten großen Dichters geschildert worden wie in diesem Gedicht Majakowskis, das zu lesen sich immer wieder lohnt. Man vergleiche die schönen Verse Schillers aus „Das Ideal und das Leben“ über die Tätigkeit des Künstlers, um das neuartige Klima unseres Jahrhunderts zu verspüren, und das besondere Klima Majakowskis:

Wenn, das Tote bildend zu beseelen,
mit dem Stoff sich zu vermählen,
tatenvoll der Genius entbrennt,
da, da spanne sich des Fleißes Nerve,
und beharrlich ringend unterwerfe
der Gedanke sich das Element.
Nur dem Ernst, den keine Mühe bleichet,
rauscht der Wahrheit tiefversteckter Born;
nur des Meißels schwerem Schlag erweichet
sich des Marmors sprödes Korn…

Und man mag auch fast gleichzeitig Entstandenes nebeneinanderstellen – etwa von unserem größten Lyriker der spätbürgerlichen Epoche, von Rilke, aus den Duineser Elegien:

Ja, die Frühlinge brauchten dich wohl. Es muteten manche
Sterne dir zu, daß du sie spürtest. Es hob
sich eine Woge heran im Vergangenen, oder
da du vorüberkamst am geöffneten Fenster,
gab eine Geige sich hin. Das alles war Auftrag,
aber bewältigtest du’s?

Oder aus den „Winterlichen Stanzen“:

Hast du denn ganz die Rosen ausempfunden
vergangnen Sommers? Fühle, überlege:
das Ausgeruhte reiner Morgenstunden,
den leichten Gang in spinnverwebte Wege?

Man höre nun über das gleiche tiefe Anliegen jedes wirklichen Dichters die Verse Majakowskis aus seinem hier behandelten Gedicht:

Ich behaupte als Fachmann
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaund nicht als Phantast:
aus dem Fond
aaaaaaaaaaaunsrer literarischen
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaHochfinanz
bleib
aaaa– allein! – ich
aaaaaaaaaaaaaaaim Bann großer Schuldenlast.
…………………………………………………………………………..
Der Poet
aaaaaaakann nie ganz
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaseine Zahlungspflicht erfüllen,
er tilgt
aaaaaakaum zur Not
aaaaaaaaaaaaaaaaadie Zinsen und Pönen.
Ich steh
aaaaaaain der Schuld
aaaaaaaaaaaaaaaaaabei den Lampions am Broadway;
bei dir,
aaaaaabagdadischer Berghorizont,
bei der Kirschblüte Japans,
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaabei der Roten Armee –
bei allem,
aaaaaaaawas ich noch nicht
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaabesingen gekonnt.

Man mag sagen, daß Majakowski hier eben die Bilder und Vergleiche aus den Fakten unseres technischen, wirtschaftlichen, militärischen Jahrhunderts holt (abgesehen einmal von der „Kirschblüte Japans“ und dem „bagdadischen Berghorizont“), Fakten also, denen spätbürgerliche Lyriker in ihrer Weltflucht sowieso ablehnend oder zumindest skeptisch gegenüberstehen. Nun kann man aber spätbürgerliche Dichter, Impressionisten und Expressionisten, anführen, die durchaus Bilder aus unserer technisierten und wissenschaftlichen Welt entlehnen. Hier aber bilden sie nur neue Reizmittel innerhalb der alten Motive, auch noch bewußt zu Schockwirkungen dubiöser Art benutzt (Benn und andere). Von all dem kann bei Majakowski keine Rede sein. Schon die ungeheure bleibende Wirkung seiner Bilder neben der ephemeren Überschwemmung einer gewissen „zeitnahen“ Lyrik mit Telegrafendrähten, Antennen und Geburtszangen und sonstigen Geräten fordert eine Vertiefung der Frage. Sie kann nur bei der grundlegenden Änderung der Position des Dichters und der gesamten Ästhetik einsetzen, wovon am Anfang dieser Bemerkungen die Rede war: Dichter und Dichtung aus ihrer „Sonderstellung“ (die im Grunde ein erzwungenes oder freiwilliges Exil war) herauszulösen. Majakowski stand als Dichter auf der gleichen Plattform mit den Matrosen, Soldaten, Ingenieuren, Wirtschaftlern, Journalisten und anderen, deren Handlungen, Erfindungen, Zeitungsberichte, Apparate, Waffen und Pläne wirkende Faktoren waren und sind im Vorwärtsbewegen der Welt. Der ganze Ernst und die ganze Kraft der technischen und wissenschaftlichen Errungenschaften liegt seinen entsprechenden Bildern zugrunde und verleiht ihnen den fast berechenbaren (und von Majakowski in einer enormen Gedankenarbeit auch berechneten) ungeheuren Effekt. Daß die Poesie darunter leide, ist wohl kaum mehr ein ernst zu nehmender und ernst genommener Einwand.
Und Majakowski kann es auch wagen, für seelische Prozesse, die ans Tragische streifen, bildliche Argumente etwa aus der Sphäre der Buchhaltung zu gebrauchen – wie er ja mit einem shakespearischen Ingenium in diesem Gespräch immer wieder auf den Vorstellungskreis des Steuerinspektors eingeht. Er will ihm die Gefahr des Versiegens der schöpferischen Kräfte und das Problem des alternden Künstlers plausibel machen:

Die Liebe wird flau,
aaaaaaaaaaaaaaaader Mut will sich schonen,
das Alter
aaaaaaasprengt mir
aaaaaaaaaaaaaaaadie Schädelnaht.
Es naht
aaaaaadie gefährlichste der Amortisationen,
die Amortisation der Seele
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaanaht.

Dieses Bild als Argument ist schlagender als jede Weltschmerzvokabel und verkleinert nicht die Schwere mancher Künstlertragik.
Der Leser der hier zitierten Teile des Gedichts wird auch, ohne daß man sie ihm näher analysiert, die Fruchtbarkeit der Majakowskischen Bilder erkennen, das heißt das Ineinandergreifen des Vergleichenden mit dem Verglichenen bis in letzte Verzahnungen, so daß sich das vergleichende „wie“ meistens erübrigt. („Dichtung – insgesamt! – ist eine Fahrt ins Unbekannte“.) Das Charakteristische jedoch ist, daß die Bilder aus der Welt des modernen Menschen in der modernen Gesellschaft genommen sind, ihm also unmittelbar einleuchten als Argumente und darum die Unausweichlichkeit der wirkenden Kräfte, seien sie materieller, seien sie geistiger Art, unserer Zeit haben. Majakowskis Wort hat eben die Wirkung eines „Gramms Radium“. Und er, dessen Feder dem Kampf gegen die Reaktion und dem sehr sichtbaren Bau einer neuen Gesellschaft galt, konnte mit Fug fordern:

Ich will –
aaaaaaaameine Feder ins Waffenverzeichnis!
Bajonett und Feder –
aaaaaaaaaaaaaaaaaso laute das Gleichnis!
Neben das Roheisen,
aaaaaaaaaaaaaaaaaneben den Stahl hin
trete das Wort,
aaaaaaaaaaaazum Vers verdichtet!

Auf solcher ästhetisch-theoretischen Grundlage seines Dichtens konnte also Majakowski unter allen Lyrikern unserer Epoche am wirksamsten in dem großen revolutionären Prozeß unserer Zeit für den Fortschritt argumentieren. Seine Gedichte wirken wie die Dramen des jungen Schiller zwar nicht von der „Schaubühne“, aber doch von der Tribüne „als eine moralische Anstalt“ auf die Massen. Denn in diesen Gedichten wird die große Auseinandersetzung der Zeit mit dem lyrischen Mittel des Bildes ausgetragen. Und das befähigte auch Majakowski, eine der schwierigsten und höchsten Formen der Poesie, nämlich die Ballade, wieder auf klassische Höhen zu führen, nachdem sie in den letzten Dezennien etwa in unserer deutschen Poesie zwar beliebt, aber völlig verrottet gewesen war. An Stelle des Ethos war das Requisit getreten, an Stelle der Entscheidung die schummrige, bestenfalls historisierende Stimmung, an Stelle des Anrufs des Menschen die Wundermär. Man denke nur an Börries von Münchhausen und ermesse die Niederungen, in die wir nach den Welthöhen der Bürgerschen, Herderschen („Edward“) und Schillerschen Balladen geraten waren. In den Majakowskischen Balladen „Syphilis“, der großartigsten, „Black and White“ und der satirischen Ballade „Liturgisch“ ist wieder jene vorbildliche Höhe erreicht. Was die Bildargumentation betrifft, so lese man in „Black and White“ nach, wie die reaktionäre Einteilung in Weiße und Schwarze auf „weiße Arbeit für Weiße“ und „schwarze Arbeit für Schwarze“ und dann plötzlich in Vorbereitung der Gegenargumentation diese Farbeinteilung auf die Produkte der Arbeit selbst übertragen wird, so daß der arme Neger Billy nun den „Rohrzuckerkönig“, der beim „Zigarrenkönig“ zu Besuch ist, fragen kann:

I beg your pardon, Mister Bragg!
Warum muß den Zucker,
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaden weißen-weißen,
machen der Schwarze,
aaaaaaaaaaaaaaaaaathe negro black!
Die schwarze Zigarre
aaaaaaaaaaaaaaaaaaim weißen Gefrieße
paßt schlecht;
aaaaaaaaaaasie gehört
aaaaaaaaaaaaaaaaaaains schwarze Gesicht.
Und woll’n Sie,
aaaaaaaaaaaadaß Zucker
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaden Kaffee versüße,
so machen Sie selber
aaaaaaaaaaaaaaaaaden Zucker
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaafür sich.

Die Begrenzung dieses Aufsatzes erlaubt es nicht, näher auf die ergreifende Ballade „Syphilis“, die ebenfalls das Rassenproblem behandelt, einzugehen. Sie kann in ihrem dramatischen Aufbau nicht genug unseren jungen Lyrikern zum Studium empfohlen werden. Ihnen, die sich um die Ballade oder den balladenhaften Ton bemühen, zeigt sie eindringlich, daß jede echte Ballade im Keim ein Drama ist (sei es Schauspiel, Tragödie oder Komödie), während jede naturalistische Zustandsmalerei den Tod der Ballade bedeutet. Exposition, Schürzung des Knotens, Höhepunkt, Bildhaftigkeit usw. sind hier an modernen kämpferischen Inhalten genauso gemeistert wie bei Schiller in seinen weltberühmten Balladen im idealen Raume des ewig Guten und Schönen und Wahren. Die Sache selbst im dichterischen Bild hat zu wirken! So heißt es in den vorletzten Zeilen der Majakowskischen Ballade:

Mein Lied
aaaaaaaaavermied
aaaaaaaaaaaaaaaaden politischen Ton.
Ich bot nur
aaaaaaaaaein Bildchen
aaaaaaaaaaaaaaaaaaadem Blick.

Dieses „Bildchen“ ist freilich eine der menschlichsten, erschütterndsten Anklagen.
Die Suche nach dem treffendsten, „nackten, genauen“ Ausdruck ist der rote Faden im Streben Majakowskis nach der Meisterschaft. („Wißt ihr, ich bin eigentlich Handwerksgeselle.“) In seiner Schrift „Wie macht man Verse?“ hat Majakowski am Beispiel seines polemischen Gedichts „An Sergej Jessenin“ die gedankenharte, rhythmisch präzisierende und bildersuchende Arbeit an seiner argumentierenden Poesie aufgedeckt: in diesem Fall, um den letzten entnervenden Zeilen des Dichters Jessenin

Sterben ist in diesem Leben nicht gerade neu,
doch das Leben ist ja schließlich auch nicht neuer…

entgegentreten zu können.
Die „ständige Auffüllung der Vorratskammern und Speicher… mit notwendigen, ausdrucksvollen, raren, erfundenen, erneuerten, erzeugten und allerlei anderen Worten“ befähigte nun Majakowski, die beiden großen Poeme „Wladimir Iljitsch Lenin“ und „Gut und schön“ in ihren Riesenbögen mit gleichbleibender Spannung zu beleben. Das Bildmaterial steigert das Ganze und ordnet sich ihm zugleich unter. Das Ganze ist der große Vorwurf, das „Hauptbild“, in dem einen Fall die Persönlichkeit Lenins, in dem andern das Gesamte der Oktoberrevolution. Über das Verhältnis hat sich Majakowski ausgesprochen:

Eines der wichtigsten Mittel der Ausdruckssteigerung ist das Bild. Nicht das ursprüngliche visionäre Bild, das im Anfang der Arbeit als erste, noch nebelhafte Antwort auf den sozialen Auftrag entsteht. Nein, ich spreche hier von Hilfsbildern, die jenem Hauptbild zur Entfaltung verhelfen. Diese Bilder sind eines der ewigen poetischen Mittel, und die Strömungen, die sie zum Selbstzweck erhoben – wie zum Beispiel der Imaginismus –, verurteilten sich im Grunde zur ausschließlichen Bearbeitung einer einzigen technischen Seite der Poesie.

Diese Einsicht des reifenden und gereiften Majakowski in das echte dialektische Verhältnis von lyrischem Ausdruck (in diesem Falle das Bild) und Inhalt verhalf ihm zur Klassizität seiner beiden großen Poeme, während in seinen großen Jugendgedichten die Grellheit der Einzelbilder oft noch abstach von den verfließenden Konturen des Gesamtentwurfs: sie wirken – um ein Bild zu gebrauchen – wie brennende Schiffe auf einem dunklen Meer. Dieser Verzicht auf die Auffälligkeit ist die Beschränkung des Meisters im Dienst der Aussage. Majakowski formuliert es selbst in seiner Autobiographie im Hinblick auf „Gut und schön“:

Einschränkung der abstrakten poetischen Mittel (Hyperbel, das ,eigenwertige Bild‘ als Vignette), Erfindung von Mitteln zur Bearbeitung des zeitgeschichtlichen und propagandistischen Materials.

Die Darstellung der Arbeit des Dichters bei der Bewältigung des Stoffes bildet die mehrseitige Einleitung zum Lenin-Poem:

Wort für Wort
aaaaaaaaaaaaruf ich
aaaaaaaaaaaaaaaaaaus der Gedächtnispforte,
keinem sag ich:
aaaaaaaaaaaaaDu bist hier
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaam Platz.
Ach wie arm
aaaaaaaaaaist auf der Welt
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaadas Atelier der Worte!
Woher nehme ich
aaaaaaaaaaaaaaaaein Wort, das paßt?

Und nun läßt Majakowski eine Reihe von hochtrabenden Ausdrücken defilieren wie „Prophet, Genie, überpersönlich, fürstliche Erscheinung, Führer von Gottes Gnaden“, um sie gespensterhaft verblassen zu lassen vor den die Person Lenins charakterisierenden Worten „irdisch“ und „menschlich“, die nun zum Leitmotiv des Poems werden. Daraus entwickelt sich nun überraschend das Bild, das mitten in den Kampf Lenins hineinführt:

Schwächen
aaaaaaaaaakannte er,
aaaaaaaaaaaaaaaaaawie unsereins sie liebt
mußte sich,
aaaaaaaaaawie wir,
aaaaaaaaaaaaaaaaaoft krank hinlegen.
Mein Spiel
aaaaaaaaaist Billard,
aaaaaaaaaaaaaaaaaweil dran mein Aug sich übt,
er hat Schach bevorzugt,
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaÜbung
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaadem Strategen.
Ging vom Schachbrett
aaaaaaaaaaaaaaaaaaastracks zum Schauplatz
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaechter Stürme,
wo im Feld die Bauern
aaaaaaaaaaaaaaaaaaanicht mehr
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaSpielfiguren:
Kapital, den König,
aaaaaaaaaaaaaaadie Gefängnistürme
schlug er
aaaaaaaamit der menschlichsten
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaader Diktaturen.

Das sind die überraschenden Majakowskischen bildlichen Wendungen, genial benutzt an der Stelle etwa, wo er „des Kapitalismus Familienbild“ entwirft vom Anbeginn, da das Kapital „die engen feudalen Trikots sprengt“, bis zu seinem Marasmus, da es „schlaff dem Weltgeschehn im Wege liegt“. Uralte Bilder reißt er in die Dynamik seiner Bildschöpfungen hinein:

Führend
aaaaaaalehrte
aaaaaaaaaaaaMarx:
aaaaaaaaaaaaaaaaaaIn Klassenkriegen
schlagen
aaaaaaadas zum Stier erwachsene
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaagoldne Kalb.

Wie Lessing vom bildenden Künstler die Darstellung des „fruchtbaren Augenblicks“ fordert, so sucht und findet Majakowski das fruchtbare Bild, das er entwickelt, um zum Schluß das schlagende Argument, ganz aus der bildlichen Vorstellung heraus, zu bringen – so in der Schilderung der schweren Situation vor Einführung der NÖP:

Wo ist der Hafen?
aaaaaaaaaaaaaaaDie Leuchttürme schweigen.
Die Masten
aaaaaaaaaaneigen
aaaaaaaaaaaaaaaaihr Kreuz übers Meer.
Wir kentern –
aaaaaaaaaaaader Bord will nach rechts
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaasich neigen:
die hundert Millionen Bauern
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaasind schwer.

Diese Beispiele bildlicher Argumentation mögen genügen. Nicht weniger schöpferisch ist Majakowski in der Theorie und Praxis des anderen fundamentalen Elements der Lyrik: des Rhythmus, des „rhythmischen Tonstroms“, wie es bei Majakowski heißt, und schließlich des Reims. Doch sprengt ihre Behandlung den Rahmen dieser Bemerkungen, die – das muß gestanden werden – nicht aus Kenntnis des Originals, sondern aufgrund von Übertragungen gemacht wurden. Freilich mit einigem Recht: Die großen reifen Gedichte und Poeme Majakowskis sind in der Übertragung von Hugo Huppert zu einer Realität für unsere fortschrittliche deutsche Lyrik geworden. Es gibt wohl kaum einen unserer jüngeren Lyriker, der nicht in eine heilsame und fruchtbare Auseinandersetzung mit Majakowskis Genie in der Gestalt der deutschen Übertragung geraten wäre. Einwirkungen sind bereits greifbar und auch dort vorhanden, wo sie nicht unmittelbar sichtbar sind. Das Massiv von Majakowskis poetischem Werk ist eine Wasserscheide: Von ihm aus fließen die Quellen zukunftswärts. Nach eigenem Zeugnis war Huppert die Treue gegenüber dem Original in Geist und Gestalt höchstes Ziel, also auch im Bild. Der bilderschaffende Geist Majakowskis, auch in seinem titanischen Humor der Übertreibung („um deutlicher zu machen“), ist von Huppert beglückend vermittelt worden, so daß wir besonders treffende Stellen bereits zitieren, als wären sie von einem deutschen Dichter geschrieben. An dieser Stelle sei auch A.E. Thoß für die Übersetzung der frühen Gedichte und S. Bersing für die Mitteilung der Schrift „Wie macht man Verse?“ Dank gesagt! Man würde nun aber gegen den Geist Majakowskis verstoßen, wollte man seine Art Dichtung zur alleinseligmachenden Regel erheben. Dagegen hat er sich leidenschaftlich verwahrt.

Ich gebe keinerlei Regeln, wie man Dichter werden, wie man Verse schreiben soll.

Und an einer andern Stelle:

Die Situationen, die nach Formeln, nach Regeln verlangen, liefert das Leben.

Was ist es aber nun, das uns mit solcher Begeisterung bei den Meistern zum Studium, zum Lernen reizt, seien sie auch von ganz anderer Artung oder im Lauf der Menschheitsgeschichte in eine von unsrer Tagesforderung verschiedene Situation gestellt worden? Es ist die Vollendung, mit der sie ihnen von der Zeit und von ihnen selbst gestellte Aufgaben lösten. Das Wie ist in der Kunst das große, ewig neu zu enträtselnde Geheimnis, so wie das Was das unabdingliche Öffentliche der Menschheit ist. Und das Wie, mit dem Majakowski die „Tribünenlyrik“ zum Preise der Oktoberrevolution in den Rang der Weltlyrik, sei es einer Goetheschen Natur- und Liebeslyrik oder der Pindarschen Siegeslieder, erhoben hat, ist das erstaunliche Faktum in der Weltgeschichte der Lyrik. Und der von den Kritikastern und Dichterlingen gebührend gequälte Dichter ruft mit Recht über die Schmähungen hinweg den fernsten Nachgeborenen zu:

Der Agitator,
aaaaaaaaaader Anführer,
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaader Schreihals gibt Bericht.
Übertäubend
aaaaaaaaaaadie rauschenden Strömungen der Dichtung
überschreit ich
aaaaaaaaaaaader Gedichtbändchen
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaapapierne Schichtung –
wie ein Lebender,
aaaaaaaaaaaaaaader mit Lebenden spricht.
……………………………………………………………………………………………..
Mein Vers durchbricht
aaaaaaaaaaaaaaaaaaamit Müh
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaadie Jahre, die gestauten,
und zeigt sich
aaaaaaaaaaaagriffig,
aaaaaaaaaaaaaaaaadeutlich derb,
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaanicht zu bestreiten,
wie bis zum heutigen Tag
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaadie Wasserleitungsbauten
der Sklaven Roms
aaaaaaaaaaaaaaanoch stehn und Wasser leiten.
Grabt ihr im Hügelgrab der Bücher,
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaadrin der Vers still ruht,
und stoßt auf brockenharte Zeilen,
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaastahlbeschaffen,
nehmt sie voll Achtung
aaaaaaaaaaaaaaaaaaain die Hand
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaund prüft sie gut,
als alte,
aaaaaaaber furchtbar starke Waffen.

Georg Maurer, Neue Deutsche Literatur, Heft II, 1955

 

FÜR MAJAKOWSKI

Über der Kreuze und Schornsteine Mitte
feuer- und rauchgetauft,
Erzengel der schweren Schritte,
Gruß über die Zeit, Wladimir!

Kutscher und Pferd in einem Lauf,
launisch und stetig in eins,
in die Hände gespuckt mit Geschnauf:
„Kutscher Ruhm, halt fest!“

Sänger der Marktplatzwunder –
Grüß dich, stolzer Dreck
wählt sibirischen Topas,
gibt ihn gegen Diamant nicht weg.

Grüß dich, Kopfsteinpflaster-Donner!
Gähnt und grüßt und ruckt die Flügel –
Deichsel – Siebentonner
Kutscher-Engel.

Marina Zwetajewa
übersetzt von Christa Reinig

 

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Fakten und Vermutungen zum Poesiealbum + wiederentdeckt +
50 Jahre 1 + 2 + 3 + 4 + 5 + 6

 

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Zum 85. Geburtstag von Wladimir Majakowski:

Fritz Mierau: Majakowski lesen
Sinn und Form, Heft 3, Mai/Juni 1978

Fakten und Vermutungen zum Herausgeber
Fakten und Vermutungen zum Autor + Erinnerungen

 

Wladimir Majakowski – Dokumentarfilm Teil 1/2.

 

Wladimir Majakowski – Dokumentarfilm Teil 2/2.

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