… Schon schlepp ich mein Herz
von Kummer zerrüttet,
schon heule ich,
der Dunkle, Devote.
So trägt
ein winselnder Köter
zur Hütte
die
von der Lok plattgefahrene Pfote.
Mein Blut sei der Straße ein Labsal mehr,
Blumen klebt sie dem Staub der Sutane an.
Und die Sonne umhüpft als Salome
die Erde,
das Haupt des Iokanaan.
Und findet mein Lebenstanz
schließlich sein fades Aus,
führt die Spur der verschütteten Blutsubstanz
in meines Vaters Haus.
Schmutzig
(vom Schlafen in Straßengräben)
komme ich zu ihm, der so bigott,
beuge mich vor
und will Tacheles reden:
− Hören Sie mal, Herr Gott!
Immer nur glotzen
ins Wolkendessert,
vor lauter Güte fast eingedöst?
Warum nicht lieber
ein Karussel
am Baum der Erkenntnis von Gut und Bös?
Jeder Schrank beweist deine Allgegenwart,
dann lassen wir derart knallen den Korken,
daß auch Petrus, der sonst dagegen war,
beginnt, im Tango zu torkeln.
Wir besiedeln Eden mit kleinen Evchen,
und willst du
gar hübschere Mätressen,
schlepp ich dir an – die feschsten Äffchen
von der Straße,
Da grollst du?
Kein Interesse?
Schüttelst die struppige Mähne? −
Denkst du wirklich,
es weiß
auch nur einer von denen,
die da flattern,
was Liebe heißt?
Bin selbst ein Engel, zumindest gewesen -
blickte drein als putziges Zuckerlamm.
Doch nie wieder schenk ich den Stuten Gefäße
aus schmerzgehärtetem Porzellan.
Deine Allmacht, die uns zwei Arme leiht,
einen Kopf,
ein Knochengerüst,
vermag sie es nicht,
daß man ohne Leid
immer küßt, immer küßt, immer küßt?! …
Bereits nach den allerersten Schreibversuchen widmete er sich der „Tragödie Wladimir Majakowski“ sowie dem Poem „Wölkchen in Hosen“. Als seine frühesten Langgedichte bilden sie gleichsam ein Fundament für all seine weiteren Wortschöpfungen. Darum sind gerade diese Werke besonders dazu geeignet, die spezifische Poetik des Dichters zu entdecken: seine Inhalte, seine Gestaltungsprinzipien und seine Sprache.
Beide Texte liegen bereits in mehreren deutschen Übersetzungen vor, die allerdings kaum etwas von der Kunstfertigkeit des Originals ahnen lassen. Die neue Übertragung von Alexander Nitzberg stellt sich zur Aufgabe, sie als sprachliches Kunstwerk wiederzugeben. Besondere Aufmerksamkeit wird der charakteristischen Klanglichkeit und Rhythmik Majakowskis sowie der Komplexität seiner Bilder geschenkt. Im übrigen berücksichtigt die Übersetzung zum ersten Mal die eigenwillige Form des Originals: seine avantgardistischen Techniken des Metrum- und Reimgebrauchs. Nitzbergs Übersetzungen dieser Meilensteine der russischen Avantgarde verstehen sich als Ansätze zu einem neuen Majakowski-Bild, dessen Akzent nicht auf der politischen Ideologie, sondern auf der sprachlichen Gestaltung liegt. Ganz im Sinne des Dichters, dessen Autobiographie mit den Worten beginnt: „Ich bin ein Dichter. Nur das macht mich interessant. Nur davon schreibe ich. Vom übrigen – nur dann, wenn es sich sprachlich gesetzt hat.“
Urs Engeler Editor, Ankündigung, 2002
-Wölkchen in Hosen: Wladimir Majakowski in neuer Übersetzung.-
Ursprünglich habe er nichts als Ich sagen können, lautet die Charakterisierung des russischen Avantgarde-Dichters Majakowski durch seine Kollegin Marina Zwetajewa. Das schien zunächst nicht eben viel. Doch mit dem Anwachsen seiner lyrischen Gestalt schien es beinahe alles zu beinhalten. Majakowski fand und erfand sich als Gegenentwurf zu der schönheitstrunkenen Dekadenzkultur vor dem Ersten Weltkrieg, der Spätblüte des „Silbernen Zeitalters“. Der Dichter fühlte sich von einer Kraft besessen, die den stummen, nichtigen, schmutzigen Dingen Stimme und Bedeutung verlieh. So wurde die bolschewistische Revolution geradezu zwangsläufig zur persönlichen Sache des Dichters, an deren Verbürgerlichung und Bürokratisierung auch er selbst zugrunde ging. Doch während Majakowskis klassische Propagandapoesie der Sowjetzeit zum Goldschatz des russischen Literaturkanons gehört, schätzt man im Westen vor allem das Frühwerk, wo der Kampf um neue Worte und Formen noch nicht entschieden, sondern als schöpferisches Drama mitzuverfolgen ist. Den bisherigen Übertragungen von Majakowskis erstem Poem, der „Wolke in Hosen“, und der Tragödie „Wladimir Majakowski“ hat nun Alexander Nitzberg eine neue hinzugefügt, in welcher er auf Bedeutungsgenauigkeit, vor allem aber auf eine deutsche Nachahmung von Majakowskis Reimtechnik, besonderen Wert legt.
Das Stück „Wladimir Majakowski“, das ursprünglich den Titel „Aufstand der Dinge“ tragen sollte, schildert in freien, durch unregelmäßige Reime gebündelten Versen, wie die Erzeugnisse der technisierten Welt sich aus ihrer Zweckordnung losreißen und die Menschen zu verstörten Strichmännchen machen. Pulsierende Satzfetzen künden von Hexentänzen technischer Geräte, Revolutionsängsten und Aufbruchspathos. Majakowskis Dichter-Ich, eine Mischung aus Narr, Sündenbock und Prophet, macht sich zu deren Sammelbecken. Zum Lohn sieht er sich beladen mit den grotesk verdinglichten Tränen und Küssen der vielen Erniedrigten und Beleidigten, die er einem gottfreien Glauben darbringen will.
Das im Kriegsjahr 1915 entstandene Poem „Wolke in Hosen“, dessen eigentlicher Titel „Der dreizehnte Apostel“ von der zaristischen Zensur verboten wurde, formuliert in seinen vier lyrischen Exkursen über Liebe, Revolution, Poesie und Religion ein neues Evangelium. Mit kräftiger Umgangssprache im hohen Odenton verwandelt der Dichter seine Liebesklage in die Klage aller Leidenden, preist das Leben über alle Buchweisheit, rebelliert gegen Gottes menschenfeindliche Ordnung und sagt nebenbei die russische Revolution voraus. Majakowskis Markenzeichen, die vielfältigen Stamm-, Binnen-, Stabreime, welche die vom rhetorischen Impuls getragenen Verse zusammenhalten, verleihen dem Werk eine zwingende Wucht, die in einer Übersetzung nachzuahmen ebenso wichtig wie problematisch ist. Dies hat mit seiner Neuübertragung nun Alexander Nitzberg unternommen, der beansprucht, Majakowski endlich als Sprachneuerer zur Geltung kommen zu lassen, im Gegensatz zu dem biederkommunistischen Hugo Huppert oder dem verhaltenen Karl Dedecius. Der sprachliche Einfallsreichtum Nitzbergs, der „Überschwang erschafft“ auf „Schwangerschaft“ reimt, vermittelt tatsächlich etwas von der expressiven Magie des Originals. Freilich, jede Sprache ist eine eigene Welt. Sprachschöpfungen, die im Russischen folkloristische Wärme haben, etwa die Wendung „Morsch werden im Mund der Worte krepierte Krüppel“, klingen auf deutsch expliziter, beinahe überanstrengt. Und wenn Nitzberg den Titel des Poems, ein Bild für den vergeistigten Mann, mit „Wölkchen“ statt „Wolke“ übersetzt, weil das russische Wort „oblako“ nur die Schäfchen-, niemals die Gewitterwolke meint, so hat er philologisch nicht unrecht, verleiht dem Werk aber einen Namen, der biedermeierlich und satirisch klingt, aber nicht wie Majakowski.
Kerstin Holm, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 11.11.2002
-Alexander Nitzberg übersetzt Wladimir Majakowski.-
Mit der hohen Ambition, im deutschen Sprachraum einem „neuen Majakowski-Bild“ zum Durchbruch zu verhelfen, legt der umtriebige Übersetzer Alexander Nitzberg – Vermittler so unterschiedlicher Autoren der russischen Moderne wie Abram Efros, Michail Senkewitsch oder Anna Achmatowa – eine weitere bemerkenswerte Arbeitsprobe vor. Es handelt sich dabei um die Eindeutschung zweier futuristischer Frühwerke von Wladimir Majakowski, nämlich einer Vers-Tragödie, die als Titel den Namen des Autors trägt („Wladimir Majakowski“, 1913), sowie eines vierteiligen Langgedichts mit Prolog („Wolke in Hosen“, 1915). Beide Texte sind dominiert von einem grotesk überhöhten, zwischen Grössenwahn und Zerknirschung ständig schwankenden lyrischen Ich, das bald für Majakowski als Person, bald für den Autor als künstlerische Instanz – hier als Prototyp des radikalen Neuerers und Einzelgängers – zu sprechen scheint. Und beide Texte können als beispielhaft gelten für die „zukünftlerische“ Poetik, die von der Moskauer Fraktion der russischen Futuristen ab 1910 erarbeitet und zu einem eigenständigen Konzept dichterischen Redens entwickelt wurde.
In seinem ersten Drama wie in seinem ersten grossen Poem hat Wladimir Majakowski die futuristischen Postulate, die damals in zahlreichen Programmschriften mit revolutionärem Furor vorgetragen wurden, produktiv umgesetzt. Traditionsbruch, Innovationswille und Prioritätsanspruch waren auch für ihn die Voraussetzungen einer Dichtkunst, bei der es mehr auf das Sagen der Sprache als auf die Aussage des Autors ankam, die das „Wort als solches“ – das Wort als Klangereignis oder als bildhaftes Skriptum – dem Wort als Bedeutungsträger vorzog, die den kühnen Reim ebenso wie die kühne Metapher kultivierte und die im Übrigen mit Gott und dem Zaren, mit Spiessern und Akademikern gleichermassen erbarmungslos ins Gericht ging.
„Ich flehte, / fluchte, / das Messer zückte, / verbiss mich in Schenkel, / schrie permanent … / Vibriert meine Stimme / – ein rohes, tristes / Geläster – fortwährend / durch alle Säle, / schnuppert womöglich Herr Jesus Christus / am Vergissmeinnicht meiner Seele.“ Scharfe Satire und larmoyantes Pathos, Witz und Zärtlichkeit, Dissonanz und Melos verbinden sich bei Majakowski zu einem unverwechselbaren lyrischen Parlando, dem kein Register zwischen Gassenhauer, Gebet und arationaler Wortakrobatik fremd ist.
Hoher Anspruch
Texte von derartiger rhetorischer und semantischer Komplexität adäquat zu übersetzen, ist gewiss kein Leichtes. Im Unterschied zu allen bisherigen Majakowski-Übersetzern, denen er nicht bloss sprachliche und sachliche Inkompetenz, sondern auch ideologische oder psychologische Voreingenommenheit ankreidet, erhebt Nitzberg den Anspruch, nun erstmals Nachdichtungen zu liefern, die der verstechnischen Virtuosität wie auch der innovativen Metaphorik des Autors gerecht werden. Diesen Anspruch kann nur erfüllen, wer den jeweiligen Originaltext in der Zielsprache nachbaut, das heisst seine Entstehung unter sprachlich ganz andern Bedingungen rekonstruiert. Dabei ist naturgemäss mit grossen, vorab inhaltlichen Abweichungen und Verlusten zu rechnen, doch wird so der übersetzte Text dem Original insgesamt am ehesten entsprechen – in seiner formalen Struktur, seiner Intonation, seiner Bild- und Sinnhaftigkeit.
Alexander Nitzbergs Neuübersetzungen erbringen gegenüber früheren Versuchen einen deutlichen Mehrwert in Bezug auf die Nachbildung von Majakowskis äusserst vielfältigen Assonanzen und Reimen, dabei vernachlässigen sie allerdings die ebenso variantenreiche Rhythmik und Strophik, verfahren zu frei mit den poetischen Bildern, so dass im Effekt nur eine partielle formale Übereinstimmung gewonnen, nicht jedoch die Analogie zwischen allen relevanten Elementen und Ebenen der vorliegenden Texte hergestellt wird. Daraus erklärt sich wohl auch die Tatsache, dass Nitzbergs deutsche Versionen durchweg sehr artifiziell, bisweilen geradezu verquält wirken, während Majakowski noch den ungewöhnlichsten Formulierungen und den kunstvollsten Konstruktionen eine Natürlichkeit, eine Ungezwungenheit verleiht, wie man sie sonst nur aus der Alltagssprache kennt.
Unter Originalitätszwang
Wie jeder Zweit- oder Drittübersetzer scheint sich auch Nitzberg unbedingt von seinen Vorgängern (Huppert, Reich, Müller, Dedecius u. a.) emanzipieren zu wollen, was ihn selbst dort zu immer noch artifizielleren Versionen zwingt, wo überzeugende Lösungen bereits gefunden sind. Der Eigensinn des Nachdichters macht auch vor den schlichten Werktiteln nicht Halt. Wenn der im Deutschen längst eingebürgerte, sprachlich durchaus korrekte Titel des Poems „Wolke in Hosen“ nun als „Wölkchen in Hosen“ daherkommt, ist das eine ganz und gar unnötige Demonstration übersetzerischer Originalität, abgesehen davon, dass die Verkleinerungsform eine Putzigkeit und Biederkeit evoziert, zu der es im Text keine Entsprechung gibt. Auch die Titelei des Versdramas vermag in der deutschsprachigen Neufassung – „Tragödie Wladimir Majakowski“ – nicht zu überzeugen. Das russische Original (Erstdruck 1914) bringt als Titel „Wladimir Majakowski“, als Untertitel „Tragödie von Wladimir Majakowski“, stellt also den Gegensatz zwischen Autornamen und gleich lautendem Werktitel deutlich heraus. Dieser für das Stück und dessen Verständnis essenzielle Gegensatz, der bei der Uraufführung zusätzlich verstärkt (und problematisiert) wurde dadurch, dass Wladimir Majakowski selbst in der Rolle des „Wladimir Majakowski“ auftrat, wird bei Nitzberg ohne Not ins Unverbindliche aufgehoben. Wo der Übersetzer zu viel für sich selbst will, kommt in der Regel der Autor zu kurz.
Felix Philipp Ingold, Neue Zürcher Zeitung, 16.11.2002
-Müssen Wolken Wölkchen werden? Wladimir Majakowski, neu übersetzt.-
Unter den bedeutenden Literaturübersetzern aus dem Russischen ist der Dichter Alexander Nitzberg gewiss der streitlustigste. Wer sich die derben Angriffe ansieht, die der 1969 in eine Moskauer Künstlerfamilie hineingeborene Autor seinen Kollegen widmet, kann den prekären Eindruck gewinnen, hier werde mutwillig ein Verdrängungswettbewerb gestartet. Die meisten kanonischen Übersetzungen moderner russischer Poesie – von Ralph Dutli, Peter Urban oder Felix Philipp Ingold – verwirft Nitzberg als mehr oder minder fehlerhafte Freveleien am Urtext.
In einem bislang noch unveröffentlichten Essay hat Nitzberg in stolzer Apodiktik definiert, worauf es ihm – etwa bei der Übersetzung von Gedichten Anna Achmatowas – ankommt: nämlich auf die „exakte prosodische Nachbildung der Textvorlage (in Rhythmus, Melodik, Reim)“. Die Kühnheit dieses Glaubens an die semantische und phonetische Texttreue manifestiert sich nun auch in seiner jüngsten Übersetzungs-Tat, der Übertragung zweier futuristischer Frühwerke von Wladimir Majakowski. Nicht weniger als eine kongeniale Mimesis der „gänzlich neuartigen Reimtechnik“ Majakowskis hat sich Nitzberg vorgenommen, nebst der überfälligen Revision der „zahlreichen Missverständnisse und Bezugsfehler“, die nach Nitzbergs Ansicht in den bislang existierenden Übertragungen zu finden sind. Tatsächlich gibt es in Sachen Majakowski einen markanten Revisions-Bedarf, basiert doch das Bild des Dichters noch immer auf den Vermittlungsbemühungen des österreichischen Essayisten Hugo Huppert, der den Lebensweg Majakowskis als glücklichen Reifungsprozess vom verworrenen futuristischen Feuerkopf zum klassischen Revolutionär idyllisierte.
Den bilderhungrigen Avantgardisten aus der georgischen Provinz, der schon unter Stalin zur Ikone des autoritären Sowjetkommunismus umfunktioniert wurde, will nun Nitzberg gegen alle ideologischen Vereinnahmungen als virtuosen Sprachartisten retten. Tatsächlich fallen die ersten Werke des tragischen Dichters – die Verstragödie Wladimir Majakowski und das lange Poem Wolke in Hosen, die Nitzberg nun in neuer Übersetzung vorlegt – noch in die Jahre 1913 bis 1915, da sich Majakowski mit allen Mitteln der exzentrischen Selbstinszenierung in die Spektakel des russischen Futurismus stürzte. Der zwanzigjährige Dichter agierte damals als hochbegabter lyrischer Bürgerschreck, der in seinen Gedichten die Multiperspektivität der kubistischen Malerei in eine bizarre Metaphorik übersetzte. Sein erstes poetisches Lebenszeichen war im Mai 1913 die Veröffentlichung des vierteiligen Poems Ich!, das wegen seines hochfahrenden Gestus so manchen literarischen Zeitgenossen zu einem drastischen Urteil veranlasste. „Vorsicht! Da brüllt ein Menschenfresser!“ , urteilte etwa Alexey Krutschonych, und Marina Zwetajewa mokierte sich über den Ich-Exhibitionismus des jungen Kollegen. Auch Wolke in Hosen beginnt mit einer Hypostasierung des Ich, das als enttäuschter Liebhaber der verlorenen Geliebten hinterher trauert, aber die Trauer in eine heftige Anklage gegen alle religiösen, ästhetischen und politischen Normen ummünzt. Der Verzweiflungsschrei nach Liebe fraternisiert in den insgesamt vier Teilen des Poems mit dem typisch avantgardistischen Gestus des Bildersturms. Ein erklärter „Schreihals-Zarathustra“ räumt auf mit der traditionellen Kunst und Poesie.
Im furiosen Schlusskapitel von Wolke in Hosen inszeniert das liebesnärrische und rauschbereite Ich den Angriff auf Gott. Es ist schon erstaunlich, dass dieses ketzerische Evangelium eines Rebellen, dieses stilistische Wechselbad aus überhitztem Expressionismus, larmoyantem Liebes-Pathos, blasphemischem Wutschrei und alltagssprachlicher Derbheit, auch noch fast hundert Jahre nach seiner Niederschrift seine poetische Frische bewahrt hat. Dass die poetische Hass-Energie und die ästhetische Virtuosität des frühen Majakowski uns auch heute noch erreichen, ist ein unzweifelhaftes Verdienst der Nitzberg-Übersetzung. Tatsächlich gelingt es dem Übersetzer, für die von ihm präzis analysierte Reimtechnik Majakowskis mit ihren vielfach verschlungenen Binnenreimen und Assonanzen sehr dynamische und bildkräftige Entsprechungen zu finden. An einigen Stellen führt die Artifizialität der Reim-Übertragung aber zu manieristisch verschwitzten Nachbildungen. Majakowskis lyrische Antizipation der großen politischen Umwälzung von 1917 liest sich in einer früheren Übertragung von Alfred Edgar Thoß poetisch schlüssig: „Ich, das Gespött der Menschheit von heut, / lang und scharf wie ein schlüpfriges Lied, / ich sehe jenseits des Gebirges der Zeit, / einen Schreitenden, den niemand sieht. / Wo die stumpfen Blicke der Generationen / an den Häuptlingen hungriger Horden verlechzen, / geht, geschmückt mit dem Dornenkranz der Revolutionen, / das Jahr neunzehnhundertsechzehn.“ In seinem Verlangen nach eigensinniger Reimkunst hat Nitzberg die gleiche Stelle in ein recht preziöses Deutsch transferiert, wobei klanglich reizvolle und metaphorisch sehr taube Partien miteinander kollidieren: „Ich, / umgreint von Menschensippen, / ein langer / obszöner Witz, / nehme selbst über zeitliche Klippen / von dem, was da kommt, Notiz. / Denn fern, wo die Augen schlecht sehn, / da schreitet im Dornenkranz / das Jahr neunzehnhundertsechzehn, / als Haupt eines hungernden Aufstands.“ Hier bewährt sich der Übersetzer Nitzberg zwar als jener „Rastelli der Reimkunst“, auf den Peter Rühmkorf schon so manche Eloge gesungen hat. In seinem Anspruch auf lyrische Kongenialität riskiert der Übersetzer aber viele waghalsige Fügungen, die – wie das ungelenke „umgreint von Menschensippen“ oder die Wahl des Diminutivs im Poem-Titel Wölkchen in Hosen – nur dem übersetzerischen Überbietungszwang geschuldet sind, nicht aber der Poesie.
Michael Braun, Frankfurter Rundschau, 15.2.2003
Alexander Nitzberg rezitiert Wladimir Majakowski: Wölkchen in Hosen (Teil 1).
Wladimir Majakowski - Dokumentarfilm Teil 1/2.
Wladimir Majakowski - Dokumentarfilm Teil 2/2.