Wolf Biermann: Deutschland. Ein Wintermärchen

Mashup von Juliane Duda zu dem Buch von Wolf Biermann: Deutschland. Ein Wintermärchen

Biermann-Deutschland. Ein Wintermärchen

KAPITEL I

Im deutschen Dezember floß die Spree
Von Ost- nach Westberlin
Da schwamm ich mit der Eisenbahn
Hoch über die Mauer hin

Da schwebte ich leicht übern Drahtverhau
Und über die Bluthunde hin
Das ging mir so seltsam ins Gemüt
Und bitter auch durch den Sinn

Das ging mir so bitter in das Herz
– da unten, die treuen Genossen –
So mancher, der diesen gleichen Weg
Zu Fuß ging, wurde erschossen

Manch einer warf sein junges Fleisch
In Drahtverhau und Minenfeld
Durchlöchert läuft der Eimer aus
Wenn die MP von hinten bellt

Nicht jeder ist so gut gebaut
Wie der Franzose Franz Villon
Der kam in dem bekannten Lied
Mit Rotweinflecken davon

Ich dachte auch kurz an meinen Cousin
Den frechen Heinrich Heine
Der kam von Frankreich über die Grenz
Beim alten Vater Rheine

Ich musste auch denken, was allerhand
In gut hundert Jahren passiert ist
Dass Deutschland inzwischen glorreich geeint
Und nun schon wieder halbiert ist

Na und? Die ganze Welt hat sich
In Ost und West gespalten
Doch Deutschland hat – wie immer auch –
Die Position gehalten:

Die Position als Arsch der Welt
Sehr fett und sehr gewichtig
Die Haare in der Kerbe sind
Aus Stacheldraht, versteht sich

Dass selbst das Loch – ich mein’ Berlin –
In sich gespalten ist
Da haben wir die Biologie
Beschämt durch Menschenwitz

Und wenn den großen Herrn der Welt
Der Magen drückt und kneift
Dann knallt und stinkt es ekelhaft
In Deutschland. Ihr begreift:

Ein jeder Teil der Welt hat so
Sein Teil vom deutschen Steiß
Der größre Teil ist Westdeutschland
Mit gutem Grund, ich weiß.

Die deutschen Exkremente sind
Dass es uns nicht geniert
In Westdeutschland mit deutschem Fleiß
Poliert und parfümiert

Was nie ein Alchemist erreicht
– sie haben es geschafft
Aus deutscher Scheiße haben sie
Sich hartes Gold gemacht

Die DDR, mein Vaterland
Ist sauber immerhin
Die Wiederkehr der Nazizeit
Ist absolut nicht drin

So gründlich haben wir geschrubbt
Mit Stalins hartem Besen
Dass rot verschrammt der Hintern ist
Der vorher braun gewesen

 

 

Wolf Biermann – Deutschland, ein Wintermärchen, 1. Kapitel

 

Wolf Biermann – Deutschland ein Wintermärchen 1965

 

 

(…)

Vor gut hundert Jahren unternahm ein anderer politischer Schriftsteller, Heinrich Heine, eine ähnliche Reise – auch er bewegte sich in dem, was die Leute mit dem nötigen Kleingeld Heimat nennen, wie ein Fremdling im eigenen Haus.
Die Reise geht von Ost Oben nach West Unten: Vom Bahnhof Friedrichstraße an Mutters Küchentisch, von der Neuen Wache in die Hamburger Kanalisation, wo Teddy Thälmann unermüdlich für die Weltrevolution schuftet. Das Poem endet auf dem Fischmarkt: in einer Feier der zukünftigen Siege des Kommunismus.

Verlag Klaus Wagenbach, Klappentext, 1972

 

Wolf Biermann, ein gesamtdeutscher Dichter?

– Am 10. Januar gab es im Malersaal des Hamburger Schauspielhauses die Premiere der Aufführung von Wolf Biermanns Deutschland. Ein Wintermärchen. Biermann sang und rezitierte das seit 1972 in Buchform vorliegende Versepos über Deutschland. Er hat für diese und die folgenden Aufführungen einen Prolog und Epilog geschrieben und einige Lieder neu aufgenommen. Der Wintermärchentext indes ist aktuell geblieben. Das hat seine Gründe in der Geschichte und der jüngsten Entwicklung Deutschlands. –

Es geht um Deutschland
Wolf Biermann ist nach Heinrich Heine der erste deutsche Dichter, der das Thema „Deutschland“ in größerem Umfange reflektiert, lyrisiert und besungen hat.
Im Jahre 1964, während einer Reise nach Westdeutschland, nahm er die Eindrücke für sein Wintermärchen auf. Er schrieb 1965 das erste Kapitel, nachdem ihm „die Ähnlichkeit mit der Wintermärchensituation des Meisters Heine (…) wie Schuppen von den Augen“ gefallen war.
Biermanns Deutschland. Ein Wintermärchen ist die komplexe Auseinandersetzung eines Autors mit seinem Vaterland, das sich zwiespältig und gespalten, fortschrittlich und reaktionär zugleich zeigt.
Die politische Situation Berlins mit der Mauer, das geteilte Deutschland und die Probleme der Wiedervereinigung werden von ihm mit bitterer Ironie und mit bitterer Wahrheit dargestellt. Der Vergleich der Volksarmee mit „Preußens Gloria“ ist ebenso bemerkenswert wie seine brüderliche Liebe zum einfachen Sowjetsoldaten. Das reaktionäre Bewußtsein der DDR-Rentner, der BRD-Bürger und der eigenen Genossen wird gleichermaßen angegriffen. Biermann setzt sich mit dem Stalinismus, mit der Stagnation der Revolution in seinem Vaterland DDR auseinander, wendet sich aber auch liebevoll seiner Vaterstadt Hamburg zu und kuriert Ernst Thälmann symbolisch vom Stalinismus.
Ein deutscher Kommunist, dessen Vaterland die DDR ist, kommt auf einer Westreise in seine Vaterstadt, die nicht in der „bessren Hälfte“ Deutschlands liegt. Die Probleme, die damit erkennbar werden, sind durch die Ausweisung Biermanns nur noch größer geworden.
Heute lebt Biermann in seiner Vaterstadt Hamburg als ausgewiesener Kommunist in einem Land, das zu Kommunisten eine spezielle Aversion entwickelt hat und das in seinen gesellschaftlichen und Produktionsverhältnissen ganz und gar nicht seinen Vorstellungen entspricht. In diesem Land lebt Biermann, und dieses Land heißt auch Deutschland. Und von all dem, was Deutschland heißt hüben und drüben, wird und muß Biermann sprechen und singen, und was er zu sagen hat, wird in Ost wie West sowohl mit Beifall als auch mit Kritik aufgenommen.
Ein gesamtdeutscher Dichter also?

Was heißt hier „Wintermärchen“?
Heine wählte vor 125 Jahren diesen Titel Deutschland. Ein Wintermärchen, da er auf ein Erwachen der deutschen Bürger aus einem tiefen Winterschlaf hoffte. Biermann kolportiert diesen Titel in unsere Gegenwart. Auch ihm geht es um Deutschland, aber um ein anderes, um ein historisch-politisch anders deformiertes Deutschland, um die Darstellung der dogmatischen Erstarrung auf beiden Seiten und um die Kritik an der Stagnation der revolutionären Entwicklung. Aber auch das „Prinzip Hoffnung“ ist mit diesem Titel gemeint, denn Biermann hofft auf „Tauwetter“, auf eine Veränderung zum demokratischen Kommunismus („Ganz Deutschland wird ein rotes Land“), wie ihn der „Prager Frühling“ 1968 in Ansätzen antizipiert hatte, der aber von den Panzern der Warschauer Pakt-Staaten (darunter auch denen der DDR) mit Gewalt wieder in einen stalinistischen Winter verwandelt wurde.
Von Resignation und Revolution handeln Text und Lieder zugleich, die Deutschland meinen, ein zweigeteiltes, zu dem Biermann hofft, einmal DEUTSCHLAND sagen zu können.
Neu aufgenommen ins Wintermärchen hat er deshalb ein Kinderlied von Eisler und Brecht, dem er die Funktion einer neuen Deutschland-Hymne gibt:

Das Lied von Eisler und von Brecht
Das soll in beßren Tagen
Die deutsche Hymne werden,
wenn Wir wieder DEUTSCHLAND sagen:

Anmut sparet nicht noch Mühe

Anmut sparet nicht noch Mühe,
Leidenschaft nicht noch Verstand,
Daß ein gutes Deutschland blühe,
Wie ein andres gutes Land.
Daß die Völker nicht erbleichen
Wie vor einer Räuberin,
Sondern ihre Hände reichen
Uns wie andern Völkern hin.

Und nicht über und nicht unter
Allen Völkern woll’n wir sein.
Von der See bis zu den Alpen,
Von der Oder bis zum Rhein.
Und weil wir dies Land verbessern,
Lieben und beschirmen wir’s.
Und das Liebste mag’s uns scheinen
So wie andern Völkern ihrs.

Aus dem Inhalt und im Zusammenhang mit diesem Lied zeigt der Titel Deutschland. Ein Wintermärchen seine eigentliche negative dialektische Funktion, die Biermann beabsichtigt hat. Die Heinesche Utopie „Das Miserere ist vorbei, die Sterbeglocken schweigen“ wird von Biermann in aller Skepsis als zu positiv angesehen. In seinem neu geschriebenen Prolog sagt er deutlich, daß er Heines Zukunftsvisionen nur als Antithese akzeptieren kann:

Es stirbt sich inzwischen so massenhaft,
Wir verrecken so unter dem Hund
Und sind an uns selbst so verdorben
– und darum läuten die Glocken nicht mehr:
Es wird ja zu viel gestorben.

*

Die Ähnlichkeiten mit der Wintermärchensituation des Meisters Heine fielen mir nach meiner Westreise im Dezember 64 wie Schuppen von den Augen – – – natürlich war diese wohlfeile Parallelität der Umstände nur Gelegenheit für ein Gedicht über deutsche Zustände, mit den damaligen des Heinrich Heine vergleichbar nur in dem Sinn, daß man nur Dinge vergleichen kann, die nicht identisch sind.
Aus einem Brief Biermanns an seine Mutter

Biermann und „Meister Heine“
Heine und Biermann reisen beide (1843 und 1964) in ein Deutschland zurück, das sie vor Jahren verlassen hatten und zu dem beide eine ähnliche Gegenposition einnehmen, der eine als Radikaldemokrat, der andere als demokratischer Kommunist. Beide kommen aus einem selbstgewähIten „Exil“. Heines „Exil“: das Frankreich, das aus der 1830er Revolution als Bürgerkönigtum hervorgegangen ist, eine konstitutionelle Monarchie. Für Heine ist das „Exil“ im Wintermärchen ohne Bedeutung.
Jedoch für Biermann ist das inzwischen zum Vaterland gewordene „Exil“ vorwiegend Gegenstand der Kritik, der Auseinandersetzung und der Retrospekive.
Während Heine in frecher Attitüde ein reaktionäres Deutschland anklagt und ein demokratisches anstrebt, hat Biermann gleich zwei reaktionäre Deutschlandhälften zu bewältigen: ein kapitalistisch-reaktionäres und ein stalinistisch-stagniertes. Die Parallelität der politischen Konstellation und die Verwandtschaft („mein Cousin, der freche Heinrich Heine“) mit Heines Diktion haben Biermann Impulse gegeben, dieses Thema Deutschland in seinem „Wintermärchen“ völlig neu zu gestalten und originär zu bearbeiten. Der Heineschen ironischen Brechung der Zeitsituation stellt Biermann klare und kräftige Aussagen gegenüber. Aus den Trommelwirbeln Heines macht Biermann Paukenschläge, die einem Deutschen, auch wenn er nicht Kommunist ist, unter die Haut gehen.
Für beide Dichter ist aber das Thema Deutschland traumatisch. Bei Heine ist es der wehmütig-romantische Verlust des Vaterlands. Die Liebe zu Deutschland kompensiert er mit Ironie. Bei Biermann ist es der Kampf um sein Vaterland, das auf dem Wege zum Sozialismus in Bürokratie und Intoleranz steckengeblieben ist. Der Kommunist Biermann kann nur die Dominanz der „beßren Hälfte“ über die andere zulassen, jedoch ist die „beßre Hälfte“ noch nicht die beste aller Welten, und das war sein Problem, als er sein Wintermärchen schrieb. Heine kehrte in sein „Exil“ zurück und starb halb vergessen in seiner Matratzengruft. Biermann wurde aus dem selbstgewählten „Exil“ inzwischen exiliert. Jetzt ist er ein „In-die-Heimat- Vertriebener“ (Böll).

*

Proletarische Revolutionen (…) kritisieren beständig sich selbst, unterbrechen sich fortwährend in ihrem eigenen Lauf, kommen auf das scheinbar Vollbrachte zurück, um es wieder von neuem anzufangen, verhöhnen grausam-gründlich die Halbheiten, Schwächen und Erbärmlichkeiten ihrer Versuche.
Karl Marx

Biermann und seine „Genossen“
Nachdem Biermann ironisch-parodistisch am Beispiel Teddy Thälmanns die stalinistische Borniertheit und gleichzeitig die Möglichkeit zur Wandlung vorgeführt hat, setzt er sich im „Gesang für meine Genossen“ mit den innerkommunistischen Problemen auseinander. Dieser „Gesang“ bildet einen wichtigen Teil des Abschlusses des „Wintermärchens“, er steht im ideologischen Zusammenhang zum Kontext, weil Biermann hier seinen politischen Standpunkt zusammenfaßt.
Er spricht alle Probleme offen aus und wendet sich sowohl an seine „verratenen Genossen“ wie an seine „Genossen Verräter“.
Seine „verratenen Genossen“, das sind all die revolutionären Kommunisten, die bereit waren und bereit sind, in der DDR einen demokratischen Kommunismus aufzubauen, ein Engagement übrigens, das Biermann 1953 bewog, in die DDR zu gehen, die aber durch die stalinistische Parteibürokratie mit tötendem Mißtrauen an einer Mitarbeit gehindert wurden. All diese „Genossen“ im Zustand der Vertrauenslosigkeit oder hinter Gittern meint er mit seinen „verratenen Genossen“.
Die „Genossen Verräter“ sind jedoch „die selbsternannten Arbeiterführer“, die in „kugelsicheren Staatskarossen“ einherfahren und in „protzigen Privatpalästen hinter Stacheldraht im Luxus-KZ von Wandlitz“ wohnen. Der „parasitäre Lebenswandel der Fürsten im deutschen demokratischen Feudalsozialismus“ zeigt ihm, wie sehr die sozialistische Revolution verraten wurde und wie sie heute „an der bürokratischen Syphilis dahinsiecht“ (Biermann).
Für beide Gruppen von „Genossen“ singt er in seinem „Gesang“, und deshalb hat seine Gitarre einen doppelten Boden:

Und meine Gitarre stöhnt vor Scham
Und meine Gitarre jauchzt vor Glück

Eine Strophe widmet er dem „Prager Frühling“ 1968. Die Niederwerfung des Versuchs zu einem demokratischen Kommunismus unter Dubček bezeichnet er als „Reaktion“ und „Konterrevolution“. So sehr er den demokratischen Kommunismus bejaht, so sehr verurteilt er auch Dubčeks Verhalten:

… Dubček
der jetzt auf dem türkischen Hund ist
und lieber hätte gehen sollen
den krummen Weg unter das Hackbeil
oder den geraden Weg unter die Panzer
oder hätte schwimmen sollen i
n seinem Volk
wie der berühmte Fisch des Genossen Mao…

Diese Forderung Biermanns nach dem „geraden Weg unter die Panzer“ zeigt seinen Widerstandswillen und seinen Mut. Die Anspielung auf Mao Tse-tungs Fisch, der als Symbol der proletarischen Untergrundbewegung im Volke trotz aller reaktionären Gegenströmungen schwimmt, gibt Aufschluß über seine Meinung zum revolutionären Kampf. Deshalb ist der „Gesang für meine Genossen“ ein Aufruf zur längst fälligen Revolution und eine Herausforderung an seine „Genossen Verräter“:

Und darum singe ich den revolutionären Krieg
für meine dreimal verratenen Genossen
und noch für meine Genossen Verräter:
In ungebrochener Demut singe ich den Aufruhr

Der „Gesang für meine Genossen“ wurde von Biermann vorgetragen. Es gibt dafür wohl keine adäquate Melodie, die die Härte des für Biermann immer noch gültigen politischen Standpunktes ausdrücken kann. Biermann, zum erstenmal primär Rezitator seines Textes ohne Mikrophon in dem kleinen überfüllten Malersaal (unter Einbeziehung des Fußbodens ca. 350 Sitzplätze), nahm sich selbst geschickt zurück, um den Inhalt und das Problem in den Vordergrund zu stellen, und traf einen Ton ohne Pathos.

Der im Programm abgedruckte aber bei der Aufführung von Biermann nicht vorgetragene „Epilog nach 14 Jahren“ ist nicht unbedingt Bestandteil des Wintermärchens geworden, aber er gehört damit zum Kontext und sollte als dialektische Scheinzurücknahme gesehn werden. Der Epilog relativiert nur ironisch das Wort von der „Jauche“ und bleibt Angriff.
Der Dialektiker Biermann will kein Rezept geben, er bleibt undogmatisch, stellt keine Thesen auf und keine Prognosen. Er weiß selbst noch nicht ganz genau: Ist sein zweijähriges Exil in Westdeutschland das Ende oder ein neuer Anfang? Die Winterreise von Deutschland nach Deutschland ist deshalb heute mehr als 1964 für Biermann von existentieller Problematik. Sein Wintermärchen antizipiert im Grunde auch seine ungewollte Ausreise. Daher bleibt es gültiges Dokument für Resignation und Hoffnung eines Deutschen, der die politischen Realitäten erlebt hat und erlebt und der in beiden Teilen Deutschlands – drüben heimlich, hier unheimlich – ins deutsche Bewußtsein dringt.
Im Prolog heißt es immerhin:

Wir gehen ganz und gar zugrund und erheben uns wieder.

Das Pantarhei seiner kommunistischen Existenz und die versichernde Verunsicherung der Utopie hat ihn auch bewogen, sein Wintermärchen ganz neu abzuschließen, und zwar mit dem Lied „Mag sein, daß ich irre“, von dem Emma Biermann sagt: „Nee, das würd’ ich nicht machen. Dann gehen die Menschen mit Zweifeln nach Hause.“
Aber Biermann antwortet: „Das Lied macht beides, Zweifel und Mut.“

MAG SEIN, DASS ICH IRRE

Mag sein, daß ich irre und dich nur verwirre
Mag sein, daß ich hoffe und bin längst verlorn
– ich leb ja den Traum der Commune noch immer
Dazu hat mich ja meine Mutter geborn.

Wir haben uns selber am schlimmsten von allen
Verraten, verkauft und blutig genarrt
– und doch sind nicht all meine Träume, die roten
Mit all unsern Toten verreckt und verscharrt

Und ob es mir schwer wird – und ob es mir leicht ist
Ich geh unsern Weg, geh mit Sehnsucht und Zorn
– mag sein, daß ich einmal, wenn alles erreicht ist
Erreicht habe nichts, als ein’ Anfang von vorn.

D.P. Meier-Lenz, die horen, Heft, 113, 1. Quartal 1979

Wolf Biermanns Wintermärchen

– Wolf Biermann im Gespräch mit D.P. Meier-Lenz unmittelbar nach der Uraufführung des Wintermärchens in Hamburg. –

„Ein Beitrag zur Diskussion über das Thema Deutschland“

D.P. Meier-Lenz: Ihr Wintermärchen hat eine längere Entstehungsgeschichte. Der Ursprung ist ja im Jahre 1964. Als Buch liegt es seit 1972 vor. Nun haben Sie gestern – also am 10. Januar 1979 Ihr Wintermärchen in Hamburg aufgeführt. Weitere Aufführungen werden folgen. Was hat Sie eigentlich dazu bewogen, nach all diesen Jahren auf das Wintermärchen wieder zurückzukommen?

Wolf Biermann: Solange ich in der DDR lebte, hatte ich keine Gelegenheit, das Wintermärchen öffentlich vorzutragen. Als ich nach zwölf Jahren Berufsverbot in der DDR die Genehmigung zu einer Tournee nach Westdeutschland kriegte – als ich noch glaubte, es würde eine Tournee werden – machte ich mir in der Chausseestraße in der DDR einen Plan für diese Tournee, für diese sechs Auftritte, der erste in Köln, der letzte in Hamburg. Und da ich ja so lange Zeit keine Gelegenheit gehabt hatte, öffentlich aufzutreten, hatte ich mir vorgenommen, jeden Abend ein anderes Programm zu machen. Der Kölner Abend, der nun so eine bittere Berühmtheit gekriegt hat, war eben nur das erste dieser sechs Programme. Das letzte sollte in Hamburg das Wintermärchen sein.
In Hamburg wollte ich das Wintermärchen deswegen aufführen, weil es ja eine Art politischer Lokalposse, eine nicht sehr possenhafte Lokalposse ist, es ist ja ein Gedicht auch zugleich über Hamburg. Es kam dann aber nicht dazu, weil wir alle viel zu aufgeregt waren nach dieser Ausbürgerung.
Das Wintermärchen ist eine große Form, eine komplexe, die eignet sich nicht so sehr fürs Getümmel wie einzelne Lieder. Ich warf also meinen Plan um und habe hier in Hamburg damals ein normales Liederprogramm gemacht. Ganz normal war’s auch nicht – es hat sechseinhalb Stunden gedauert – es war ein guter Abend. Und ich bin froh im Nachhinein, daß ich das Wintermärchen nicht gemacht habe. Daß so etwas kompliziert Komplexes damals nicht über die Rampe kommen konnte, hatte ich in München schmerzhaft begriffen.
In München nämlich – nach meiner Ausbürgerung – machte ich das zweite oder dritte Liederprogramm, und zwar einen speziellen Abend über Krieg und Frieden, über Fragen des Pazifismus, des revolutionären Krieges, ein ganzes Bündel von Liedern und Gedichten zu diesem Thema, und damit landete ich, was ich in der Chausseestraße ja noch nicht wissen konnte, in der Basketballhalle der Olympischen Spiele in München, saß dort auf der riesigen Spielfläche allein. Der erste Zuschauer war – ich weiß nicht – 3 km entfernt von mir. Und da war dieses viel zu differenzierte Programm über Krieg und Frieden zu raffiniert, viel zu verästelt für so eine riesige Sporthalle. Da müssen Tore geschossen werden.
Und mit dieser Erfahrung, die mich dort bald umgebracht hat, kam ich nach Hamburg und wußte nun, daß ich nicht das Wintermärchen machen kann. Jetzt mache ich es, weil etwas mehr Ruhe da ist, etwas mehr Gelassenheit sowohl in mir als auch bei den Leuten. Der Fall, der spektakuläre Fall steht nicht mehr so im Vordergrund, alles hat sich ein bißchen normalisiert, und es ist jetzt mehr Bereitschaft bei mir und auch bei den Leuten, sich mit so einem Werk einzulassen.
Was mich aber besonders freut, ist, daß inzwischen die Zeit mir entgegengekommen ist. Das Wintermärchen ist jetzt aktueller als vor zwei Jahren aus dem einfachen Grund, weil das Thema meines Wintermärchens, „Deutschland“, inzwischen wieder zu einem öffentlichen Thema geworden ist, über das öffentlich wieder nachgedacht wird. Sie wissen ja, daß das lange Jahre nicht so war.
Über Deutschland öffentlich – wenn schon nicht nachgedacht – aber doch salbadert haben die Rechten, die reaktionären Leute, die sprachen gerne von Deutschland, und sie meinten damit die Annexion der DDR, die sprachen gerne von der Wiedervereinigung, sie meinten die Einverleibung. Als dann diese Leute kalte Füße kriegten und merkten, daß das nicht geht, sprach überhaupt niemand mehr von Deutschland, die Linken nicht, weil sie nicht in diese Richtung schliddern wollten, und die Rechten nicht, weil sie keinen Gedanken mehr verschwenden wollten auf das Unabänderbare.
Inzwischen aber ist die Diskussion wieder in Gang gekommen, und das hat auch seine Logik. Solange die DDR nicht anerkannt war – und ich schrieb ja mein Wintermärchen in einer Zeit des heftigen Kampfes der DDR um die staatliche völkerrechliche Anerkennung – seit diese Anerkennung da ist, die staatliche Existenz der DDR in keiner Weise mehr in Frage gestellt wird, die DDR nicht mehr bedroht ist, kann man auch wieder über deutsche Wiedervereinigung, über das nationale Problem nachdenken.
Es war wirklich schwierig in der Zeit, als ich mein Wintermärchen schrieb, „Deutschland“ zu sagen oder sogar „Vaterland“. „Vaterland“ zu sagen, war damals auch aus literarischen Gründen ein faux pas. Ich glaube, die meisten meiner Kollegen, die irgendwelche Gedichte, Lieder, Romane oder sowas schreiben, hätten dieses Wort kaum über die Lippen oder auf Papier gebracht. Also Wintermärchen 1979: ein Beitrag zur Diskussion über das Thema Deutschland.

Meier-Lenz: Bezeichnen Sie nun die DDR weiterhin als Ihr Vaterland?

Biermann: Ja. In den verschiedensten Bedeutungen sogar, auch in der traurigen Bedeutung, nämlich, daß ich das Land meines Vaters – denn das war ja die DDR als ich 1965 hinging – verloren habe, wie ich meinen Vater verloren habe. Die DDR ist meine politische Heimat. Hamburg ist meine soziale Mutter-Heimat und auch eine Art politische Heimat. Ich bin ja auch hier politisch aufgewachsen, man könnte sogar sagen indoktriniert, kommunistisch. Aber da ich ja den größten Teil meines bewußten Lebens in der DDR war – 23 Jahre – mich dort überhaupt entfaltet habe, zu mir selbst gekommen bin, war ich fast ausschließlich mit der DDR verwachsen.
Und das ist wohl auch mein großes Glück gewesen. Hier im Westen wäre ich verkommen. Wenn ich jetzt im Westen hier nicht verkomme, wie es im Moment aussieht, dann doch in erster Linie, weil ich nicht hiergeblieben bin damals, weil ich das traurige Glück hatte, in der DDR aufzuwachsen.

Meier-Lenz: Sehen Sie nach Ihrer Ausweisung die Bundesrepublik Deutschland etwas anders, nachdem Sie über zwei Jahre hier leben? Oder hat sich an Ihrem Standpunkt nichts geändert?

Biermann: An meiner allgemeinsten politischen Einschätzung der Bundesrepublik hat sich wenig geändert. Ich wollte gerade „nichts“ sagen, und ich habe nur aus rhetorischen Gründen dann lieber das Wort „wenig“ gesagt, weil ich denke, wahrscheinlich hat sich doch einiges in meiner Meinung, in meiner Haltung geändert, auch wenn es mir nicht bewußt ist oder ich es nicht wahrhaben will. Aber wenn Sie kurz und allgemein fragen, dann muß ich erst mal kurz und allgemein sagen: nein, es hat sich nichts geändert, wobei ja mein Bild von der Bundesrepublik, vom Westen Deutschlands sich bilden konnte in der DDR unter relativ günstigen Bedingungen. Ich war nicht so verzweifelt abgeschnitten von Informationen. Ich hatte ja immer lebendigen Kontakt zu Menschen aus dem Westen. Ich hatte auch immer Gelegenheit, Westradio und -fernsehen zu empfangen, ich bekam im Grunde alle Bücher aus dem Westen, die ich haben wollte. In dem Punkt ging es mir besser als den meisten, einfach weil ich genügend Menschen kannte, die bereit waren, mir mal ein Buch rüberzubringen.
Wenn ich an die Menschen denke, die in der Sowjetunion leben, die so verzweifelt abgeschnitten sind von Information, dann begreife ich, daß ich auch darin Glück hatte, daß ich mir eben doch trotz all der Widrigkeiten ein einigermaßen realistisches Bild machen konnte vom Westen. Ich hatte also, als ich herkam, keine überschwenglichen Erwartungen weder im Guten noch im Schlechten, und in diesem Sinne hat sich mein Bild von den Verhältnissen hier nicht sehr geändert.
Ich war ein bißchen erschrocken, als ich herkam, aber mehr aus persönlichen Gründen. Die Morddrohungen waren was Neues für mich. In der DDR durfte mir niemand mit Mord drohen, da wachte die Staatssicherheit über mir, über mich – wie sagt man? – beides. Sie schützt das Privileg des Staates, zum Morden und zum Quälen. Aber mehr noch als solche Bedrohungen habe ich hier im Westen inzwischen Freunde getroffen, Menschen, die mir gut sind, ich meine, mit denen man leben kann.
Als ich meine erste Tournee durch die BRD machte vor einem halben Jahr und die neuen Lieder und Gedichte vortrug, die ich hier im Westen geschrieben hatte, da sagte ich oft zu den Leuten einen Satz zur Einleitung irgend eines neuen Liedes, daß ich inzwischen hier im Westen doch einige Freunde gefunden habe und sogar, fügte ich hinzu, einige Genossen…
Jetzt, ein halbes Jahr später würde ich diesen Satz nicht mehr sagen. Wenn ich jetzt eine Tournee machen würde und mir würde so ein Satz in den Kram passen bei meinem Konzert, dann würde ich wahrscheinlich umgekehrt sagen, ich würde sagen: Ich habe eine ganze Menge Genossen hier gefunden und sogar einige Freunde.

Meier-Lenz: Trotzdem die Frage: Fühlen Sie sich in der BRD im Exil oder ist es vorstellbar, daß ein Wolf Biermann sich eimnal hier heimisch fühlen wird?

Biermann: Als ich rüberkam, nahm ich mir im ersten Schreck das Wort Exil, um den Leuten hier auch deutlich zu zeigen, was für ein tiefer Einschnitt es für mich bedeutet. Und das hielt ich für nötig, weil ja im verbreiteten Bewußtsein der Leute hier die Sache ganz anders ist. Deutscher ist eben Deutscher. Und da dieses Westdeutschland nach Meinung der meisten hier das eigentliche Deutschland ist, war ich sogar endlich wieder nach Deutschland, heim ins Reich, gekommen. Es ist mein Interesse, diese Art von Meinung zu verunsichern und die Leute zu zwingen, darüber nachzudenken, wieso gerade ein Deutscher von sich behauptet, er sei in Deutschland ins Exil gekommen. Das ist ja eine produktive Fragestellung, weil diese scheinbare Unlogik geradezu ja vielleicht den Einstieg erleichtert in eine dialektische Betrachtungsweise.
Inzwischen hab ich mich vertrauter gemacht, bin auch den Leuten hier vertrauter geworden, bin auch nicht mehr dieser exotische Vogel aus dem Osten. Es ist mir gelungen, meinen eigenen Mythos los zu werden, denn ich war ja, für den Westen, solange ich im Osten lebte, nur ein Phantom, das Schallplatten absonderte. Und einige wenige erzählten, daß sie mich leibhaftig in der Chausseestraße gesehen hatten, und sie erzählten dabei außerdem noch tolle Geschichten, die meistens schwer abgefälscht waren, nicht durch schlechte Absicht, sondern durch die unvermeidbare Schiefheit, die bei solchen Besichtigungen entsteht. Es ist also in diesem Sinne viel normaler geworden. Dennoch bleibe ich bei dem Wort Exil.
Wenn Sie sich einmal vor Augen halten, daß ich 23 Jahre in der DDR lebte und jetzt zwei Jahre im Westen, dann kann man sich doch an einem Finger ausrechnen, daß das nicht so locker übern Hocker geht. Und dann kann man außerdem noch drüber nachdenken, ob das überhaupt gehen soll. Ich habe mal in einem Lied geschrieben:

Wir lassen uns die Laune nicht und auch kein Leid verderben.

Ich werde mir mein „Leid“, das heißt – meine Sehnsucht nach den Menschen, aber auch nach den Verhältnissen trotz all ihrer Widrigkeiten in der DDR, mein Leiden an dieser Trennung von der DDR, und damit, wenn ich DDR meine, meine ich ja nicht Herrn Mielke und seine Stasi-Schweine, denn die DDR ist ja noch etwas anderes dieses Leiden werde ich mir nicht wegklatschen lassen von allzu forschen Leuten hier im Westen.
Daß ich zugleich aber in meiner Heimatstadt Hamburg gelandet bin, daß ich also, wie ich in meinem Prosatext: „Vorworte“ berichtet habe, ein in die Heimat Vertriebener bin, daß ich also zugleich auch wieder zurückgekommen bin, das ist die andere Seite der Medaille. Sie können genauso gut sagen, daß ich jetzt hier im Westen wieder zu Hause bin, das ist genau so richtig. Aber das bezieht sich eben dann mehr auf den engeren Begriff von der Heimat, wie Bloch ihn prägt, aber die Kindheit, die Heimat der Kindheit ist etwas anderes als das, was Hölderlin in seinem Hyperion meint, wenn er in dem berühmten Brief „So kam ich unter die Deutschen“ eine menschliche Menschheit antizipiert, eine menschliche Gesellschaft, eine menschenähnlichere Gesellschaft, von der er dann sagt, die Heimat aller Menschen sei bei solchem Volk, und gerne mag der Fremde sich verweilen. Diese Heimat habe ich hier nicht, und die hatte ich im ernsten Sinne auch in der DDR nicht, denn ich habe in der DDR geschrieben:

In diesem Lande leben wir wie Fremdlinge im eigenen Haus.

Daß das aus Versehen auch auf den Westen paßt, ist nicht mein Verdienst, ist aber so.
Und so bin ich, aus dem Käfig DDR herausgestoßen, gelandet nicht in Westdeutschland, sondern ich bin enger und weiter gelandet, ich bin Hamburger geworden, wieder. Und ansonsten jemand, der in der Welt endlich ein bißchen sich umguckt, und zwar nicht als Beobachter, sondern als einer, der sich einmischt, nicht als Tourist, sondern als einer, der seine Lieder und Gedichte vorträgt z.B. in Spanien, wo ich jetzt für die Kommunistische Partei in Barcelona singen werde. Ich bin einer, der sich ins Getümmel begibt, damit er überhaupt etwas begreifen kann. Denn die Leute, die in der Loge sitzen und den großen Überblick haben über die Arena, die glotzen bloß.

Meier-Lenz: Wenn Sie in die Verlegenheit kommen, sich ausweisen zu müssen, welche Pässe oder welchen Paß haben Sie?

Biermann: Ich habe einen normalen Bundespaß…

Meier-Lenz: … und den Paß der DDR außerdem, nicht zurückgegeben…

Biermann: Ja. Ich wollte die DDR nicht so leicht aus meiner Staatsbürgerschaft entlassen. Aber inzwischen bin ich da etwas unverkrampfter geworden. Der bundesrepublikanische Paß hat ja einen Vorteil, man kann mit ihm in alle Länder reisen, besonders leicht in die östlichen, was für einen DDR-Menschen nicht so einfach ist. Inzwischen gibt es ja nicht mehr diesen Visazwang nach Polen und Tschechoslowakei für DDR-Bürger. Man kann also reisen, wenn man nicht gerade den diskriminierenden PM-12-Ersatzausweis hat, den viele Leute in der DDR verordnet kriegen, damit sie das Land nicht verlassen können.
Ich wollte mal vor Jahren nach Polen fahren, als es noch Visazwang gab. Es wurde mir verboten. Ich wurde ins Polizeipräsidium zitiert – übrigens in dieselbe Stelle, wo ich mein Reisevisum gekriegt habe vor zwei Jahren – und da teilte mir ein glatzköpfiger, wohlgenährter, kleiner hoher Offizier mit, was er mir mitzuteilen habe, nämlich einen Satz:

Herr Biermann, Sie sind nicht würdig, die Deutsche Demokratische Republik im sozialistischen Ausland zu vertreten.

Und ich hab gesagt, ich wollte ja nur ganz privat nach Polen fahren.

Herr Biermann, ich kann nicht mit Ihnen diskutieren hier, ich teile Ihnen nur folgendes mit: Sie sind nicht würdig, die Deutsche Demokratische Republik im sozialistischen Ausland zu vertreten.

Da sagte ich: „Ja aber, wissen Sie, was heißt vertreten, ich will doch nicht als Botschafter dort anfangen, ich wollte doch nur privat fahren.“ „Also Herr Biermann, ich bin nicht befugt, mit Ihnen hier lange Diskussionen zu führen, ich teile Ihnen nur mit: Sie sind nicht würdig, die Deutsche Demokratische Republik im sozialistischen Ausland zu vertreten.“ Da wurde ich ein bißchen wütend und sagte:

Wissen Sie, als mein Vater 1943 im Februar mit einem Viehwaggon nach Auschwitz fuhr – denn ich will gerne nach Auschwitz fahren, um zu sehen, wo mein Vater umgebracht wurde – als mein Vater dorthin fuhr im Viehwaggon, hatte er überhaupt keine Paßschwierigkeiten gehabt.

Worauf dieser Offizier sagte: „Na sehen Sie, das waren eben auch ganz andere Zeiten.“ – Da wußte ich keine Antwort mehr, mir blieb die Spucke weg. Ich bin dann rausgegangen, verwirrt, und hab noch lange über seinen letzten Satz nachgedacht.

Meier-Lenz: Um noch einmal auf das Wintermärchen zurückzukommen: Das Wintermärchen zeigt ja viel von der Hamburger Geschichte, viel Hamburger Kolorit, ist dieses Wintermärchen deshalb nur spezifisch für diese Stadt hier aufführbar oder würden Sie es auch einmal in anderen Städten aufführen wollen?

Biermann: Deutschland – ein Wintermärchen, das kann sogar die Bayern im Sommer interessieren, das ist ja ein Weltthema. Daß es nur ein bißchen eingefärbt ist in die Lokalfarben der Hansestadt, macht ja nur ein bißchen Spaß und betrifft nicht das Wesen der Sache. Dennoch kann ich Ihre zweite Frage nicht beantworten. Ich weiß nicht, ob ich es, wenn schon nicht in San Francisco so doch zumindest in Düsseldorf, vortragen möchte. Ich bin da noch nicht meiner Meinung. Im Moment denke ich, es wär ja ganz schön, mit einer gewissen norddeutschen fischköpfigen Sturheit das Ding nur hier in Hamburg aufzuführen. Aber, wie gesagt, vielleicht bin ich schon bald nicht mehr meiner Meinung.
Es hat verschiedene Gründe, daß ich so was denke. Ich fahre mit meinen Liedern zu den Leuten hin und bin im Moment ein bißchen zu müde, wie ein Knallfrosch durch Europa zu springen. Und ich tu es doch und tu es gerne. Zugleich bin ich ja froh, daß ich endlich mal ein bißchen was von der Gattung Mensch sehen kann, daß ich mich überhaupt selber als Angehöriger dieser Gattung konkret begreifen lerne. Und das macht mir Spaß. Ich freu mich auch schon auf mein Konzert in Paris im Frühjahr. Aber mit diesem Wintermärchen – im Moment jedenfalls – möchte ich damit in Hamburg bleiben und bin so unbescheiden zu erwarten, daß die Leute, die nun unbedingt dieses Wintermärchen sich anhören wollen, nach Hamburg kommen sollen, weil mir auch der Saal im Schauspielhaus, dieser Malersaal, gut gefällt.
Für mich ist es ja ein sonderbares reziprokes Wagnis, daß ich mich heraufarbeite zu kleineren Publikumsmengen, daß ich ohne Mikrophon auftrete, daß ich so nah an den Leuten bin. Wissen Sie, was ich gestern gelernt habe bei der Premiere? Ich war erstaunt, es war ganz anders. Die Leute saßen bis vorne – ich hatte kein Podest, hab ja auf dem nackten Boden gespielt, diese paar dreihundertfünfzig Menschen, die hatten schon fast, gemessen an den großen Konzerten, was Familiäres. In dieser Atmosphäre war ich mehr isoliert vom Publikum als meinetwegen in Hannover, wo die fünftausend Menschen waren, oder in Köln mit den sieben- oder achttausend. Ich hatte auf dem Malersaalboden einen weißen Strich ziehen lassen wie einen magischen Kreis, den die Kinder um sich ziehen mit Kreide und sagen:

Hier ist mein Haus, gerettet, kannst mich nicht mehr fangen, unberührbar.

Und gestern bei meinem Vortrag war ich so getrennt vom Publikum wie noch niemals vorher. Das erschrak mich, und das habe ich auch genossen, das fand ich auch gut. Das paßte zum Wintermärchen, das sich selbst in all seinen komplizierteren Strukturen entfalten soll; denn wenn ich normal meine Lieder singe in den Konzerten, wo jedes Lied für sich steht, wo zwischendurch diskutiert wird, wo die Leute auf die Bühne kommen, wo es, wie man sagt, hoch hergeht, weil das Konzert sich sehr schnell in ein politisches Tribunal verwandelt, da kommen mir die Leute an die Wäsche und an die Haut.
Hier beim Wintermärchen bei der größeren Nähe ist die Entfernung viel größer. Und das ist die paradoxe Wirkung dieser Bedingungen im Malersaal; für mich eine sehr interessante Erfahrung. So hab ich das Publikum noch nie erlebt, und ich bin froh darüber, weil bei dieser Art des Vortrags die Sache selbst mehr in den Vordergrund kommt, und der Sänger, der Artist, drängelt sich nicht so vor.
Bei normalen politischen Lieder-Konzerten ist es anders, soll auch so sein. Hier tritt der Biermann hinter dem Wintermärchen ein Stück zurück und steht dem Publikum nicht im Wege. Also, das war anders, als ich dachte, und besser. Meine Empfindung, meine Meinung kann falsch sein, wäre interessiert zu hören, was Sie dazu denken, der nun schon so viel Mühen verwandt hat auf mein Wintermärchen, auf den Vergleich mit dem Wintermärchen von Heine, der auch meine Konzerte zum Teil gesehen hat.

Meier-Lenz: Ja, es war ein anderer Biermann, den ich im Malersaal erlebt habe. Es scheint mir auch notwendig zu sein, daß zu einem so emotional belasteten Thema wie Deutschland Distanz geschaffen wird, Distanz durch Zurücknahme der eigenen Person, durch listig-ironische Interpretation.

Biermann: Ich möchte noch hinzufügen, daß diese Beobachtung mich an eine Diskussion erinnert, die ich mal mit einem Straßengeiger in Bochum oder in Köln oder irgendwo hatte – oder in Kassel war das, glaube ich, ja ich tratt in Kassel bei Henschel, in der stillgelegten Henschelfabrik auf vor vielen tausend Menschen, und da trat auch dieser Straßengeiger auf. Wir fuhren zurück im Auto nach Köln – ich wohnte damals noch bei Wallraff – und der sagte zu mir:

Weißt du, Wolf, das ist alles nicht das Wahre, diese großen Auftritte, da kommt man ja nicht so richtig nah an die Menschen heran, du mußt Straßensänger werden. Da bist du wirklich hautnah bei den Zuhörern.

Ich wußte es damals zur Hälfte schon besser, denn ich hatte ja die Erfahrung gemacht, daß man auch in einem Riesensaal mit Mikrophonanlagen und allem technischen Kram sehr, sehr nah an den Menschen sein kann, und wie nah, das hab ich ja auch geschildert: in dem, was ich über das Kölner Konzert mal geschrieben habe in dem Text „Vorworte“. Aber ich habe dann Straßensänger beobachtet hier in Hamburg auf der Spitaler Straße, in Köln, bei verschiedener Gelegenheit, und ich habe die Beobachtung gemacht – ich habe auch selbst hier in Hamburg mal gesungen auf der Straße – daß in der Regel jedenfalls niemand so hoffnungslos, so verzweifelt und absolut isoliert ist von den Menschen wie der Straßensänger von den Menschen, die zwei Meter vor ihm stehen und ihn sich vom Halse halten, indem sie zwei Groschen in seine Mütze werfen. Es gibt kein wirkliches Gespräch mit den Menschen auf der Straße, sie beglotzen ihn, als wäre er hinter einer dicken Schaufensterscheibe eines Kaufhauses, und von irgendeinem lebendig gearteten Kontakt kann nach meiner Meinung keine Rede sein.
Die Leute, die wirklich auf der Straße stehen und dort geigen, fiedeln, Gitarre spielen, wissen es vielleicht besser – will mich da gerne belehren lassen. Aber so kommt es mir vor.
Und seit ich jetzt hier im Malersaal aufgetreten bin, von mir aus gesehen auch eine Art Schritt zu dieser größeren Nähe, und diese Erfahrung gemacht habe, der größeren Entfernung nämlich, denke ich, daß Nähe nicht unbedingt Nähe sein muß. Und ich bin nach wie vor davon fasziniert, wie leicht es ist – und staune darüber – wie leicht es ist, mit tausenden Menschen, von denen man scheinbar hoffnungslos isoliert ist schon durch die Verstärkeranlage, das Mikrophon, Lautsprechergebirge, wie leicht es ist, mit denen in so engem Kontakt zu sein wie wir jetzt vielleicht, die wir uns in Sesseln gegenübersitzen und dieses Interview machen. Vielleicht ist es sogar so, daß man eng sein kann nur mit Leuten, mit denen man wie wir hier im Zimmer zusammensitzt, oder mit Leuten in einem großen Konzert. Alles was dazwischenliegt vom Straßensänger bis zum Malersaal, macht eine größere Distanz. Für das Wintermärchen mag die gut sein.

die horen, Heft 113, 1. Quartal 1979

DEUTSCHLAND – EIN WINTERMÄRCHEN

Anmerkungen zur Aufführung im Januar 1979 im Malersaal des Deutschen Schauspielhauses in Hamburg

1.
Die Mauer war erst drei Jahre alt und noch nicht ganz so hoch wie heute. Die DDR-Obrigkeit gewährte mir damals das bedenkliche Privileg einer Westreise. Ich war von sozialistischen Studenten in verschiedene Universitätsstädte eingeladen worden, meine Lieder zu singen. Dieses unerhörte Vorrecht, halb beschämte es mich, halb genoß ich es. Zumindest empfand ich peinlich den Versuch der Korruption. Als einziger junger Mann unter an den Rentnern, so passierte ich gespenstisch leicht die Grenzen nach Westen. Mein WINTERMÄRCHEN schrieb ich nach dieser Reise, die mich ja auch in meine Vaterstadt geführt hatte.

2.
Zwölf Jahre später erhielt ich wieder solch eine Genehmigung für eine West-Tournee. Ich hatte mir damals vorgenommen, das WINTERMÄRCHEN bei dieser Gelegenheit zum erstenmal öffentlich vorzutragen. Und natürlich in Hamburg. Hier, dachte ich, gehört mein WINTERMÄRCHEN am ehesten hin, es ist ja eine Art politische Lokalposse. Der Hamburger Aufstand vom Oktober 23, Teddy Thälmann, die hamburgische Schutzgöttin Hammonia, der Jungfernstieg und die zweigeteilte Alster; auf Sankt Pauli der „Silbersack“ und die Elbe. Die Fischköpfe in der Hansestadt, dachte ich, werden meine Sprache verstehn, denn ich bin ja selber ein Fischkopf. Aber dann, nach meiner Ausbürgerung, ging das alles nicht mehr so, wie ich es mir in der Chausseestraße ausgedacht hatte, da war nicht mehr genug Ruhe für dieses Projekt, in mir nicht und im Publikum auch nicht. Und so verschob ich es auf später.

3.
Jetzt, nach zwei Westjahren, ist immer noch keine Ruhe, aber doch mehr Gelassenheit. Und das Thema meines WINTERMÄRCHENS, nämlich Deutschland, ist inzwischen in beiden Deutschlands wieder ein Thema geworden.

Wolf Biermann, die horen, Heft 113, 1. Quartal 1979

Wolf Biermann im Gespräch mit seiner Mutter Emma

über die Aufführung des Wintermärchens

Wolf Biermann: Ich will mein Wintermärchen eröffnen mit einem Text von Heine. Die vielleicht schönsten Strophen aus einem Wintermärchen:

Ein neues Lied, ein besseres Lied,
O Freunde, will ich euch dichten…

Emma Biermann: Ja, das ist gut, das ist schön!

Wolf: Die Musik dazu hab’ ich so geschrieben, und ich will das auch singen, als wenn Heine hinter mir steht und mir immer seinen Text einbläst. Die erste Zeile sagt Heine:

Ein neues Lied, ein besseres Lied.
Und dann sing ich ihm nach:
Ein neues Lied, ein besseres Lied.

Emma: Wer soll denn den Heine darstellen? Irgendein Schauspieler?

Wolf.: Nein, nein, ich meine nur, in der Musik ist es so.

Emma: Ach so, ja.

Wolf: Und bei Heine heißt es doch am Schluß:
Die Totenglocken schweigen.

Emma: Nein! Die Sterbeglocken!

Wolf: Ja, die Sterbeglocken. Und da unterbrech ich dann im Schwung der Musik:
„Die Sterbeglocken schweigen…“ Da laß ich die Gitarre weiterspielen und singe dann sehr bedenklich hinter ihr her:
„Das Miserere ist vorbei,
Die Sterbeglocken schweigen.“
Als Heine das schrieb, waren ja weder die Misere noch das Miserere vorbei. Und die Sterbeglocken konnten gar nicht so viel Läuten, wie dann gestorben wurde. Aber vielleicht hat Heine das selbst geahnt. Oder sogar gewußt. Weißt du warum?

Emma: Na?

Wolf: In seinem Wintermärchen trifft er doch die Göttin von Hamburg, die Hammonia, die Schutzgöttin. Und er erzählt doch lang und breit, daß sie ihn hat in die Zukunft schaun lassen.

Emma: Ach ja…

Wolf: Du erinnerst dich? Die Zukunft sah er in ihrem Kacktopf. Und diese Zukunft roch nicht nach Veilchen.

Emma: Ja, ja, das mußt du betonen.

Wolf: Heine wußte, daß das Elend noch nicht vorbei war.

Emma: Vielleicht. Der war ja nicht dusseliger als du. Womit willst du dein Wintermärchen abschließen?

Wolf: Mit dem Lied „Mag sein, daß ich irre“.

Emma: Nee, das würd’ ich nicht machen. Dann gehen die Menschen mit Zweifeln nach Hause.

Wolf: Das ist doch gut so.

Emma: Aber man soll den Menschen doch auch Mut machen. Sonst versagen sie ja ganz und gar.

Wolf: Ich denke, das Lied macht beides, Zweifel und Mut.

Emma: Na ja, das mußt du, das müssen wir uns noch mal überlegen…

die horen, Heft 113, 1. Quartal 1979

 

LIED VOM BIERMANN

Wo wäre das bier ohne biermann?
Im faß

aaaaaHelles bier dunkles bier
aaaaaausgeschenkt nach dort und hier
aaaaaIhr wolltet nicht trinken

Wer trinkt nun das bier dieses biermann?
Der Grass

aaaaaStarkes bier dünnes bier
aaaaaausgeschenkt nach dort und hier
aaaaaIhr wolltet nicht trinken

Biermann sei ihrmann?
Achwas!

aaaaaMann ist mann bier ist bier
aaaaaBiermann kam von dort nach hier
aaaaaIhr wolltet nicht trinken

Reiner Kunze

 

Zum 75. Geburtstag des Autors:

Evelyn Finger: „Im Paradies würde ich vor Langeweile sterben“
Die Zeit, 3.11.2011

Fakten und Vermutungen zum Autor + IMDb + Archiv + KLG
Porträtgalerie: Autorenarchiv Isolde Ohlbaum

 

Bild von Juliane Duda mit den Übermalungen von C.M.P. Schleime und den Texten von Andreas Koziol aus seinem Bestiarium Literaricum. Hier „Der Biermann“.

 

Bild von Juliane Duda mit den Zeichnungen von Klaus Ensikat und den Texten von Fritz J. Raddatz aus seinem Bestiarium der deutschen Literatur. Hier „Biermann, der“.

 

 

Der Fall Biermann – die Geschichte von Wolf Biermann und der DDR.

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