Wolfgang Preisendanz: Zu Rainer Maria Rilkes Gedicht „Der Pavillon“

Mashup von Juliane Duda zu der Beitragsserie „Im Kern“

Im Kern

– Zu Rainer Maria Rilkes Gedicht „Der Pavillon“ aus Rainer Maria Rilke: Die Gedichte. –

 

 

 

 

RAINER MARIA RILKE

Der Pavillon

Aber selbst noch durch die Flügeltüren
mit dem grünen regentrüben Glas
ist ein Spiegeln lächelnder Allüren
und ein Glanz von jenem Glück zu spüren,
das sich dort, wohin sie nicht mehr führen,
einst verbarg, verklärte und vergaß.

Aber selbst noch in den Stein-Guirlanden
über der nicht mehr berührten Tür
ist ein Hang zur Heimlichkeit vorhanden
und ein stilles Mitgefühl dafür –,

und sie schauern manchmal, wie gespiegelt,
wenn ein Wind sie schattig überlief;
auch das Wappen, wie auf einem Brief
viel zu glücklich, überstürzt gesiegelt,

redet noch. Wie wenig man verscheuchte:
alles weiß noch, weint noch, tut noch weh –.
Und im Fortgehn durch die tränenfeuchte
abgelegene Allee

fühlt man lang noch auf dem Rand des Dachs
jene Urnen stehen, kalt, zerspalten:
doch entschlossen, noch zusammzuhalten
um die Asche alter Achs.

 

Alles redet noch

Das Gedicht aus dem zweiten Teil der Neuen Gedichte entstand am 18. August 1907 in Paris. In einem Brief vom Dezember 1905 berichtet Rilke von einem Besuch zusammen mit Auguste Rodin in Versailles:

Wir gingen zwei graue, leise Stunden im Garten von Groß-Trianon herum, der uns ganz gehörte und so neu und eigen war mit einer Reihe von Palästen und Pavillons, die auch der Meister noch nie so gesehen hatte.

Die Erinnerung dieser Stunden mag dem Gedicht zugrunde liegen.

Die beiden ersten Strophen beginnen mit dem Bindewort „aber“, das einen Einwand ankündigt. Wogegen sich der Einwand richtet, bleibt unausgesprochen; es erschließt sich nur durch das siebenmalige „noch“: der Doppelaspekt von „noch“ und „nicht mehr“ motiviert das Gedicht. Verschwundenes, Vergangenes drängt sich dem Anblick einzelner Elemente (Flügeltüren, Steingirlanden, Wappen) des Bauwerks auf, die Vorstellung von unwiederbringlich Versunkenem vertieft und belebt die Wahrnehmung dessen, was da als verlassenes Relikt vor Augen steht, Relikt einer Kulturepoche, in welcher der Pavillon seine Stelle im Leben hatte als Schutzraum verborgenen, so strahlenden wie flüchtigen Liebesglücks. Imaginäres und Sichtbares verschränken sich im Anblick einer Stätte, die noch immer etwas parat hält, was sie als Denkmal, sogar als Komplizin des aus ihr entschwundenen Lebens sprechend werden läßt. Sprechend freilich nur für einen Betrachter, dem sich im materiell Gegenwärtigen dessen Gesichtstiefe auftut, weil sich seiner Sensibilität die Aura mitteilt, die dem Pavillon anhaftet und innewohnt. Ein „stilles Mitgefühl“ mit dem erotischen Glück, das sich in ihm „verbarg, verklärte und vergaß“, umwittert die Stätte und bemächtigt sich des Betrachters über die Zeitferne hinweg:

alles weiß noch, weint noch, tut noch weh.

Daß sich eine noch so fern gerückte Sache unser bemächtigen könne, hat Rilke in einem Brief kurz nach der Niederschrift des Gedichts „unsere Eingenommenheiten“ genannt, die viel mehr vom Gegenstand als von uns selbst ausgingen. Was einst die Stätte mit Leben erfüllte, überdauert als ihre Aura die Leere eines architektonischen Relikts.
Hugo von Hofmannsthal hat mit Bezug auf Gedichte wie das vorliegende von „einzigartigen, im Visuellen wurzelnden, ins Seelische hinübergehenden Evokationen“ gesprochen. Das trifft die Sache besser als der Begriff „Dinggedicht“, der sich für Gebilde wie „Der Pavillon“ eingebürgert hat. Denn dieser Begriff besagt nichts über das wahre Gedichtmotiv: auszusprechen, wie sich die Aura eines „Dings“ der Wahrnehmung bemächtigen, wie Anschauen zum Eingedenken werden kann. Die kaum unterbrochene Kette von gleichklingenden Vokalen und gleichanlautenden Wörtern sowie das vielmalige Ineinandergreifen der Sätze über das Versende hinaus ergeben eine Klanggestalt, die im Vergleich mit gegenwärtiger „sperrigerer“ Lyrik zu eingängig erscheinen mag. Und Rilkes „Eingenommenheit“ von der verbliebenen Aura eines verwaisten Pavillons mag man nostalgisch finden; aber den flachen, unbetroffenen Blick touristischer Besichtigung übertrifft sie allemal.

Wolfgang Preisendanzaus Marcel Reich-Ranicki (Hrsg.): Frankfurter Anthologie. Fünfzehnter Band, Insel Verlag, 1992

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

0:00
0:00