Wolfgang Schneider: Zu Heiner Müllers Gedicht „Ich kaue die Krankenkost“

Mashup von Juliane Duda zu der Beitragsserie „Im Kern“

Im Kern

– Zu Heiner Müllers Gedicht „Ich kaue die Krankenkost“ aus Heiner Müller: Werke 1 – Die Gedichte. 

 

 

 

 

HEINER MÜLLER

Ich kaue die Krankenkost

Ich kaue die Krankenkost der Tod
Schmeckt durch
Nach der letzten
Endoskopie in den Augen der Ärzte
War mein Grab offen Beinahe rührte mich
Die Trauer der Experten und beinahe
War ich stolz auf meinen unbesiegten
Tumor
Einen Augenblick lang Fleisch
Von meinem Fleisch

 

Die Kunst des Aushaltenkönnens

Der Tod ist ein großes Thema der Literatur. Wenn es ans eigene Sterben geht, ist allerdings meist Schluß mit der Lust auf poetische Überhöhung. Aber wie Marcel Proust, der noch seine letzte Nacht dazu nutzte, um in der „Recherche“ beim Tod des Schriftstellers Bergotte Beschreibungsdetails aus eigener Sterbe-Erfahrung einzufügen, gehört Heiner Müller zu den Autoren, deren Existenz bis zuletzt mit dem Schreibimpuls unauflöslich verbunden scheint.
Und dann hatte der Geschichtspessimist, Zynismusvirtuose und bekennende Liebhaber des Martialischen, der in seinen Stücken die Welt als Schlachthaus vorführte, mit seinem Tod auch etwas zu beweisen. Von der „Gier des Dramatikers auf die Katastrophe“ hat er einmal gesprochen. Die Jahrhunderttragödie des Kommunismus war ihm jenseits des Politischen ein ästhetisches Ereignis, und seine Treue zur DDR wollte er in diesem Sinn als „Leben im Material“ verstanden wissen. Konnte sich diese Haltung souveränen Darüberstehens auch angesichts des persönlichen Untergangs bewähren? Wie verhält sich der literarische Apokalyptiker, wenn es ihm selbst an den Kragen geht?
Als Ideal erschien Müller ein Leben ohne Verzweiflung und ohne Hoffnung; eine „realistische“ Einstellung nannte er das, die durch die „christliche Ermordung der Antike“ verlorengegangen sei. Und tatsächlich, scheinbar frei sowohl von Hoffnung wie Verzweiflung war Müller bald nach seiner Krebsoperation – man hatte ihm die Speiseröhre entfernt – wieder mit Whiskyglas und Zigarre zu sehen, ein gelassen geistvoller Plauderer, der wußte, daß ihm nicht viel Zeit bleiben würde. Noch im letzten Jahr seines Lebens unternahm er eine Tournee durch die Talkshows und Nachtprogramme. Mit ruhiger Stimme, unter dezentem Räuspern erzählte er Anekdoten aus dem Weltbürgerkrieg und wußte Witz, Provokation und Freundlichkeit zu vereinen.
Sein Stoizismus faszinierte, weil er nicht aus Mangel an Empfindlichkeit resultierte. Und so wirkt auch dieses Gedicht heroisch und anrührend zugleich. Mit dem Wort „Ich“, sonst keine Leitvokabel im Werk des Geschichtsdramatikers, wird umstandslos das Feld lyrischer Subjektivität eröffnet. Im beiläufigen Parlando-Ton – was dem Kranken bei der Mahlzeit so durch den Kopf geht – wird das Entsetzliche vergegenwärtigt:

Der Tod
Schmeckt durch…

Der Befund ist eindeutig, das Grab offen. Aber dann schwingt sich das Gedicht buchstäblich aus dem Nichts zu anmaßender Souveränität auf:

und beinahe
War ich stolz auf meinen unbesiegten
Tumor

Die großen Müller-Motive von Krieg und Schlacht klingen an, nun in ganz existentieller Wendung. Die Truppen der Medizin mußten kapitulieren; vom inneren lyrischen Feldherrnhügel aus wird ihnen die Blamage gegönnt. Es ist eine ungeheuerliche Anwandlung, durch das wiederholte „beinahe“ ins leicht Konjunktivische gerückt. Aber dieser „Augenblick“ hat Methode: Schon im deutschen Selbstzerfleischungsstück Germania Tod in Berlin verkündete der Maurer Hilse:

Wir sind eine Partei, mein Krebs und ich.

Die Identifikation mit dem Aggressor, durch die sich das Opfer von der Opferrolle zu befreien sucht, ist (als Versuchung) eine charakteristische Denkbewegung Müllers. Vom erhabenen Müller-Standpunkt aus betrachtet, weist der Krebs zudem wie ein organischer Anarchist den Machtapparat der Medizin in die Schranken, der im Gedicht ja ebenfalls in den Blick rückt:

Beinahe rührte mich
Die Trauer der Experten…

Das ist eine gemeißelte Formulierung, voll innerer Gespanntheit und Widersprüchlichkeit. Denn der Habitus der Sachlichkeit, der dem Wort „Experten“ anhaftet, paßt schlecht zur Betroffenheit der „Trauer“. Das lyrische Ich, dem eigentlich das Lachen vergangen sein sollte, gibt sich leicht amüsiert über diese Experten, die ein Gefecht nach dem anderen verlieren.
Müllers erprobte Stilmittel der Lakonie und Verdichtung kommen voll zur Geltung, und seine Kunst der schwarzen Pointe triumphiert beim effektsicheren Schlußzitat aus dem Alten Testament. Biblisch ist die Fleisches-Formel auf das Verhältnis von Mann und Frau gemünzt, hier wird sie auf die Lebenspartnerschaft mit dem Tumor übertragen. Übrigens schmecken zwei Vorbilder des Lyrikers Müller unaufdringlich durch: Brecht (eher im Satzbau) und Benn (eher in der Motivik) – wozu die Anekdote paßt, daß der Autor, als er am letzten Tag seines Lebens, dem 30. Dezember 1995, zum Sterben ins Krankenhaus gefahren wurde, noch schnell einen Band mit Benn-Gedichten mitnahm. Von Heiner Müller ist zu lernen: die Kunst des Aushaltenkönnens.

Wolfgang Schneideraus Marcel Reich-Ranicki (Hrsg.): Frankfurter Anthologie. Dreiunddreißigster Band, Insel Verlag, 2010

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