Wulf Kirsten (Hrsg.): Veränderte Landschaft

Kirsten-Veränderte Landschaft

DER LAUBENPIEPERFRIEDHOF
In memoriam Paul Gurk

Wenn wir hier sterben, haben wir es nah,
Noch weniger weit als bis zur S-Bahnstrecke,
Wir haben es bequem, Sie, wirklich, ja,
Kurz durch den Wald und einmal um die Ecke.

So sauber wie die Laubenkolonie
Die Gräber dort, gepflegt wie hier die Beete –
Ja, unser alter Friedhof! Wissen Sie,
Man zieht ganz einfach um – wie Wallners Grete

Vor einem Monat –, in den Wald hinein
Und aus dem Wald heraus, zweihundert Schritte,
Und hinter Ihnen her blickt winzig klein
Das Fenster Ihrer lieben Laube, bitte.

Adolf Endler

 

 

 

Nachbemerkung

Die ersten Landschaftsgedichte in der deutschen Literatur entstanden im frühen achtzehnten Jahrhundert. Dieser spezielle Gedichttyp entwickelte sich aus dem Naturgedicht. In seinen Ursprüngen läßt er sich meist nur an der Lokalisierung der Natur, der natürlichen Landschaft erkennen. Eine genauere Grenzziehung ist in jener frühen Phase nur vereinzelt möglich. Am deutlichsten vielleicht erstmals bei Albrecht von Haller mit seinen Alpen (1729). Georg Maurer nennt Barthold Hinrich Brockes den „ersten ausgesprochenen Natur- und Landschaftslyriker“. In seiner nuancenreichen und detaillierten Naturbeschreibung bleibt Brockes unübertroffen. Bei ihm wird die Genauigkeit der Anschauung als poetische Kategorie eingeführt. Diese Methode war eine entscheidende Voraussetzung für eine möglichst konkrete, naturgetreue Wiedergabe einer Landschaft. Nach Brockes ist Klopstock zu nennen, der – so Maurer – „die Dichte der detaillierten Beschreibung… auflichtet zur Weite des Begriffs, dessen erhaben gewordener Umfang mit dem Verlust an konkreter Bestimmung erkauft wird“. Damit sind die beiden Pole vorgegeben, innerhalb deren sich die Landschaftsdichtung bewegen kann. Das ist bis in die Gegenwart so geblieben. Goethe, Voß, Hölderlin, Eichendorff, Uhland, Heine, die Droste, Lenau, Mörike, Storm, Liliencron setzen diese Traditionslinie fort. Mit zunehmender Industrialisierung hebt sich die natürliche und agrarische Landschaft immer stärker von der Großstadt und dem Industriegebiet ab. Die Besonderheiten der Landschaft werden deutlicher wahrgenommen und können demzufolge präziser gefaßt werden. Das Landschaftsgedicht gewinnt an Eigenständigkeit. Die reine, abgezogene Natur tritt zugleich mehr und mehr zurück, sie wird zu einem Aspekt neben anderen. Auch der Begriff ,Landschaft‘ wandelt sich. Er erfährt eine Erweiterung, zumindest was den literarischen Umgang und Umfang betrifft. Unter Landschaft wurde ursprünglich die natürliche Gegebenheit (Fluß, See, Wald, Gebirge, Heide usw.) einer Region aufgefaßt. Die vom Menschen veränderte Landschaft rückt erst später ins Blickfeld, wobei die verschiedensten Bereiche, Lebensformen und gesellschaftlichen Verhältnisse für die Literatur geradezu stückweise neu entdeckt werden müssen. Aber dies ist ein Vorgang, der freilich nicht nur für das Landschaftsgedicht gilt. Die Entdeckung der Landschaft als menschliche Umwelt hatte im achtzehnten Jahrhundert die Erlebnisfähigkeit erweitert und das Lebensgefühl vertieft; die Ausdehnung des individuellen Lebensbereiches ermöglichte eine größere Vielfalt menschlicher Beziehungen. Im Zeitalter des aufstrebenden Bürgertums, das seiner selbst (als Individuum und Klasse) gewahr wird, ist dieser Sensibilisierungs- und Humanisierungsprozeß von einschneidender und weitreichender Bedeutung. Bereits im neunzehnten Jahrhundert aber beginnt der Umschlag des Progresses zum Regreß. In der spätbürgerlichen Literatur wird die Landschaft zum Fluchtort aus der gesellschaftlichen Wirklichkeit. Dieser Rückzug ins Idyll führte zwangsläufig auch zu einem anderen Landschafts- und Naturverhältnis. Es nahm sentimentale Züge an. Es würde hier zu weit führen, die Stationen des Verfalls, die letztlich zu einem nationalistischen Mißbrauch der deutschsprachigen Landschaftsdichtung führten, im einzelnen nachzuzeichnen.
Neben dieser sehr grob skizzierten Entwicklungslinie gibt es aber auch eine andere, an der abzulesen ist, wie wenigstens partiell humanistische Positionen bewahrt werden. Und gerade das Landschaftsgedicht ermöglicht dies einigen bürgerlichen Lyrikern des frühen zwanzigsten Jahrhunderts auf beeindruckende Weise. Freilich bleibt die Resonanz all dieser Bemühungen gering. Ohne die ,Vorgaben‘ etwa eines Oskar Loerke, Theodor Kramer, Peter Huchel, Günter Eich, um nur die wichtigsten der Stilprägenden zu nennen, sind die Landschaftsentdeckungen, die dann nach 1945 bei uns gemacht werden, kaum denkbar.
Unmittelbarer war allerdings der Einfluß, der auf ganz unterschiedliche Weise von zwei Lyrikern ausging, die in der DDR lebten: Georg Maurer und Johannes Bobrowski. Zuvor muß aber an dieser Stelle Johannes R. Becher genannt werden, der in seinen ,Bemühungen‘ verschiedentlich auf die Bedeutung des Landschaftsgedichtes hingewiesen hat und in seinem umfangreichen Komplex der Deutschland-Dichtung zahlreiche gelungene Beispiele, meist in Sonettform, gab („Tübingen und die Harmonie“, „Oberbayrische Hochebene“, „Maulbronn“, „Dinkelsbühl“, „Urach“). Vor allem polemisiert Becher, wenn auch an einem für diesen Zweck wenig tauglichen Objekt, gegen die Misere unserer deutschen Dichtung, die noch ganz und gar im Allgemeinen befangen ist und nicht versteht, vom Besonderen ins Allgemeine aufzusteigen.

Die wunderbaren Besonderheiten der deutschen Landschaft gilt es noch zu entdecken…

Er wendet sich gegen den immer wieder geübten Brauch, die Besonderheit einer Landschaft einzig und allein durch die geographische Bezeichnung zum Ausdruck zu bringen, die als Überschrift des Gedichtes gewählt wird. Anknüpfend an Hölderlins Stromgedichte, versucht er zu demonstrieren, wie etwa die charakteristischen Züge einer konkreten Landschaft zu gestalten seien. Eine präziser gefaßte Begriffsbestimmung gibt Britta Titel in dem Beitrag „Johannes Bobrowski. Eine Studie über seine Lyrik“ (1963), in dem sie Natur und Landschaft schärfer als bisher gegeneinander abgrenzt:

Natur und Landschaft sind zweierlei: Natur ist überall Natur, Landschaft aber ist überall anders; und gerade das Eigentümliche von Landschaften in ihrer geographischen, ethnographischen, historischen und kulturpolitischen Prägung sucht Bobrowski zu fassen.

Wohl hatte es die soziale Konkretheit bereits vor Bobrowski gegeben, neu waren aber der große historische Aufriß und die Geschlossenheit des Raumes. Jenseits aller Heimattümelei und Heimatkunst wird Landschaft entdeckt, neu gesehen, mit anderen Mitteln als bisher gestaltet. Das individuelle Lebensgefühl und die gesellschaftlich-politischen Bezüge werden in dieser Lyrik, die „sinnlich vollkommene Rede“ im Herderschen Sinne geworden ist, gleichermaßen transparent. Die poetische Durchdringung der Landschaft in Raum und Zeit ermöglicht vertiefte, gesteigerte Abbildungen der Wirklichkeit, die weit über bloße Deskription hinausgehen. Mit dieser Konzentration auf einen realen, begrenzten Raum wird eine ,lokale Totalität‘ erreicht. Das ist nicht zu verwechseln mit einem Sich-vor-der-Welt-Verschließen. Vielmehr gibt das genaue Sehen auf das Umliegende erst den Blick frei auf größere Räume und schafft Voraussetzungen für ein intensives Weltverständnis. Von diesem Fundament aus ergeben sich neue Bezugspunkte zur Welt. Dieses dichterische Verfahren sollte sich in der Folgezeit als sehr produktiv erweisen. Bobrowski gab damit einer ganzen Reihe von Lyrikern, die in den sechziger Jahren, unmittelbar nach ihm, ihre ersten Bände vorlegten, einen Begriff von Poesie. Landschaft war auf neue Weise tragfähig geworden. Von seinem Beispiel ging eine starke Faszination aus, was jedoch auch ein Gefolge von Epigonen auf den Plan rief, das den produktiven Entwurf reichlich verwässerte. Insgesamt aber ist zu sehen, daß Bobrowski für jene, die sich eine eigenständige poetologische Konzeption erarbeiteten, zu einem entscheidenden Anreger wurde. Er beschleunigte die Entwicklung der Lyrik.
In einem umfassenderen Sinne und in weit größerem Maße kommt ein solches Verdienst zweifelsohne Georg Maurer zu, der insbesondere als Lyriktheoretiker wirkte. Seine marxistische Denkweise prägte in der DDR eine ganze Generation von Lyrikern. In diesem Zusammenhang sind seine beiden Essays „Gedanken zur Naturlyrik“ (1971) und „Die Natur in der Lyrik von Brockes bis Schiller“ (1972) von Belang. Darin sind grundlegende Denkergebnisse zusammengefaßt, die auch für die Perspektive des Landschaftsgedichts von weittragender Bedeutung sind. Auf Grund der „Wesenhaftigkeit von Mensch und Natur“, von der Marx spricht, erkennt Maurer:

Die Natur war für mich ins Menschliche und ich ins Natürliche aufgenommen. So wird auch die Anrede zwischen Natur und Mensch wieder möglich. Sie geschieht in Wirklichkeit. Diese schießt auf, wenn man den Mehltau der Entfremdung von sich geschüttelt hat.

Diese Aufhebung des „Grenzzaunes zwischen Ich und Welt“ ist eines der grundlegenden Merkmale, wodurch sich die unter sozialistischen Verhältnissen entstandene Landschaftslyrik gegenüber der spätbürgerlichen Literatur auszeichnet. Charakteristisch für die neue Generation, die nach 1960 auftrat und dann in der Folgezeit die weitere Entwicklung der DDR-Lyrik in starkem Maße mitbestimmte, ist ein ausgeprägtes Geschichtsbewußtsein, ihr Vermögen, historische Aufrisse im Gedicht zu geben; dies bezeugen vor allem die Gedichte von Volker Braun, Karl Mickel, Heinz Czechowski, Kito Lorenc. Von einer solchen Position aus, in der nach Maurer das Wirkliche nicht mehr gespalten ist, wird die Landschaft auch zu einem menschlichen Raum, für den der Dichter die Verantwortung mit trägt, was sich nicht zuletzt in einem tiefen Worternst ausdrückt, in der Genauigkeit der Benennung. Für eine solche Haltung ist der Wille zu absoluter Ehrlichkeit Grundbedingung. Walter Werner bringt diesen Sachverhalt auf die Formel:

Wenn wir lügen, wird die Erde teuer.

Bei Volker Braun heißt es dazu:

Das natürliche Sich-Vermengen in Landschaften und in politische Vorgänge ist, glaube ich, eine Voraussetzung, dem Gedicht den Grad von Wahrhaftigkeit zu geben, der Poesie ausmacht.

Zwischen dem Ich und der Landschaft entstehen so große Spannungsbögen, die dem Gedicht Offenheit und Dynamik geben. Wie die Landschaft durch die ihr innewohnenden Widersprüche bewegt und in einem dialektischen Prozeß ständiger Bewegung gehalten wird, hat am eindringlichsten Volker Braun gestaltet. Die poetische Aufarbeitung der Landschaft in Raum und Zeit, ganz gleich, um welches Areal es sich dabei handelt, ob es im größeren Komplex oder nur punktuell geschieht, ist als eine Art geistiger Inbesitznahme zu sehen. Und jede sprachliche Neufindung und Neusetzung gleicht einem Akt der Selbstschöpfung. „Der Besitzergreifende ist der Besitzer seiner Stoffe geworden“, heißt es bei Adolf Endler (in der Rezension zu Walter Werners Gedichtsammlung Das unstete Holz). In dieser Phase, für die der Impetus des Aufbruchs typisch ist, spiegelt sich die aktive Teilnahme des Lyrikers an den gesellschaftlichen Prozessen besonders deutlich wider, am markantesten in dem ungestümen „Jugend“-Zyklus Volker Brauns. Ohne diese Unmittelbarkeit des Landschaftserlebnisses wäre eine differenzierte Wahrnehmung der sich durch menschliche Tätigkeit verändernden Wirklichkeit auch gar nicht möglich gewesen.

*

Die hier getroffene Auswahl von Landschaftsgedichten beschränkt sich von vornherein auf das Territorium der DDR. Angesichts der Materialfülle bei dieser Thematik ließen sich in der Insel-Bücherei jeweils nur charakteristische Proben bieten. Aus der Anordnung und den dabei entstandenen ,lyrischen Ballungsgebieten‘ sind keinerlei territoriale Wertigkeiten abzuleiten. Ein lyrischer Reiseprospekt konnte nicht Aufgabe dieser schmalen Sammlung sein. Vielmehr sollte die Verbundenheit zu dem Land, in dem die Lyriker leben, unter dem speziellen Gesichtspunkt des landschaftlichen Bezugs möglichst vielstimmig zum Ausdruck gebracht werden.

Wulf Kirsten, Nachwort

 

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Richard Pietraß: Dichterleben – Wulf Kirsten

 

Wulf Kirsten – Dichter im Porträt.

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