Wulf Segebrecht: Zu Bertolt Brechts Gedicht „Die Rückkehr“

Im Kern

– Wulf Segebrecht zu Bertolt Brechts Gedicht „Die Rückkehr“ aus Bertolt Brecht: Werke. Band 12: Gedichte 2. Sammlungen 1938–1956. –

 

 

 

BERTOLT BRECHT

Die Rückkehr

Die Vaterstadt, wie find ich sie doch?
Folgend den Bomberschwärmen
Komm ich nach Haus.
Wo denn liegt sie? Wo die ungeheueren
Gebirge von Rauch stehn.
Das in den Feuern dort
Ist sie.

Die Vaterstadt, wie empfängt sie mich wohl?
Vor mir kommen die Bomber. Tödliche Schwärme
Melden euch meine Rückkehr. Feuersbrünste
Gehen dem Sohn voraus.

 

Das Menetekel der Bomberschwärme

„das herz bleibt einem stehen, wenn man von den luftbombardements berlins liest“. „hamburg geht unter. über ihm steht eine rauchsäule, die doppelt so hoch ist wie der höchste deutsche berg, 6000 m“ (Arbeitsjournal, S. 612 und 594). Notizen des Entsetzens, niedergeschrieben 1943 von Bertolt Brecht im sonnigen Kalifornien, seinem Exil. Brecht war durch amerikanische Zeitungen und Zeitschriften stets gut informiert über den Kriegsverlauf und über die Luftangriffe der Anglo-Amerikaner auf deutsche Städte; er schnitt sich die Abbildungen aus und verwendete einen Teil davon später in seiner Kriegsfibel.
Brechts Vaterstadt Augsburg wurde zwischen 1940 und 1945 mehrfach bombardiert. Am 17. April 1942 wurde auch die Papierfabrik Haindl, deren kaufmännischer Direktor Brechts Vater bis zu seinem Tod im Jahre 1939 gewesen war, während eines Luftangriffs von britischen Bombern getroffen. Weitaus schwerere Bombardements der Stadt sollten noch folgen.
Im Jahre 1943, als an eine Rückkehr in die Vaterstadt noch kaum zu denken war, schrieb Brecht das Gedicht „Die Rückkehr“ so, als stünde sie unmittelbar bevor:

Folgend den Bomberschwärmen
Komm ich nach Haus

Die Bombenangriffe auf die Vaterstadt und die bevorstehende Rückkehr des Sohnes in die Vaterstadt werden aufs engste miteinander in Verbindung gebracht. Die Rückkehr steht fortan – wann und unter welchen Umständen sie auch zustandekommen mag – immer unter dem Menetekel der tödlichen „Bomberschwärme“.
Sie werfen in beiden Strophen des Gedichts die Fragen auf, die sich dem Sohn stellen, wenn er sich seine Rückkehr in die Vaterstadt vorstellt. Sie fordern ihm zunächst – in der ersten Strophe – eine Neuorientierung ab: Nicht nach dem Vaterhaus und den vertrauten Stätten der Kindheit und Jugend hat er zu suchen, wenn er „nach Haus“ kommt; diese Heimat ist unauffindbar geworden. Sie liegt „in den Feuern“, und über ihr stehen „die ungeheueren / Gebirge von Rauch“. Die Vaterstadt ist für den Sohn nur noch als kaum mehr identifizierbarer Ort des Schreckens und der Vernichtung aufzufinden. Ihre Zerstörung ist nicht nur die zeitliche Voraussetzung, sondern zugleich die schreckliche Bedingung seiner Heimkehr:

Folgend den Bomberschwärmen
Komm ich nach Haus

Das steht für ihn fest.
In der zweiten Strophe ändert sich die Perspektive. Hier wird nicht mehr gefragt, wie der Rückkehrer seine Vaterstadt nach den verheerenden Bombenangriffen wohl wiederfinden mag, sondern wie die zerstörte Stadt ihrerseits diesen Rückkehrer wohl empfangen wird, dessen Vorboten die tödlichen Bomber und die Feuersbrünste sind. Wird sie den, der so angekündigt wird, als „Sohn“ überhaupt akzeptieren können? Brecht wendet sich hier ausdrücklich an die Bewohner der Stadt:

Tödliche Schwärme
Melden euch meine Rückkehr

Sie müssen, ebenso wie der Rückkehrer selbst, zur Kenntnis nehmen, dass die Rückkehr des Sohnes an die Zerstörung der Stadt gebunden ist.
Das Gedicht nimmt Probleme und Kontroversen vorweg, die nach dem Ende des Krieges die Diskussion über die Rückkehr der Exilanten bestimmen sollten. Die Exilschriftsteller vermissten im Nachkriegsdeutschland die Einsicht in die Notwendigkeit eines fundamentalen Umdenkens; die im Lande Gebliebenen glaubten, es fehle den Exilanten zur selbständigen Urteilsbildung an einer vergleichbaren Leiderfahrung. Die „Bomberschwärme“ über Deutschland hatten eher zu einer Trennung zwischen den Vaterstädten und ihren Söhnen geführt als zu ihrer Annäherung.
Auch Brecht kehrte nicht heim. Er lebte und arbeitete seit 1949 als österreichischer Staatsbürger in Ostberlin, des Theaters wegen, das man ihm versprochen hatte. Am 3. September 1949 sah er auf der Durchreise von München nach Berlin seine Vaterstadt Augsburg wieder: „augsburg etwas zertrümmert, fremd, läßt mich ziemlich kalt“, schrieb er in sein Arbeitsjournal (S. 908). Eine Rückkehr im Sinne des Gedichts „Die Rückkehr“ hat es damals nicht gegeben, geschweige denn einen Empfang. Erst lange nach Brechts Tod bekannte sich Augsburg zu seinem großen Sohn.

Wulf Segebrecht, aus Wulf Segebrecht: Der Blumengarten oder: Reden vom Gedicht, Königshausen & Neumann, 2015

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.