Wystan Hug Auden: Gedichte Poems

Auden – Gedichte

ODE AN TERMINUS

Die Hohenpriester der Teleskope und Zyklotronen
geben unentwegt Erklärungen ab über das, was geschieht
und zu riesenhaft oder zu winzig ist für die Wahrnehmung
unserer angeborenen fünf Sinne.

Entdeckungen, die elegant aussehen in der schönen
Verhüllung der Algebra, auch harmlos
und ziemlich unschuldig, jedoch, übersetzt
in die gemeine anthropomorphische

Mundart, kein Grund zur Heiterkeit sind
für Gärtner und Hausfrauen: wenn Milchstraßen
wie von Panik erfaßter Mob ins Leere rasen, Mesonen
wie Fische beim Füttern in Aufruhr geraten,

dann klingt das zu sehr nach politischer Geschichte,
um die Bürgertugend zu heben, zu sehr nach Symbol
für Verbrechen, Streiks, Demonstrationen,
woran wir uns weiden sollen beim Frühstück.

Wie platt unsere Angst doch ist  neben dem Wunder,
hier zu sein und zu schaudern, daß so ein Dingsda,
ganz versessen auf Tod und Gewalttat,
diesen gutartigen Haufen Erde doch irgendwie

zusammengerührt hat aus genau den richtigen Ingredienzien,
um Leben zu hecken und warm zu halten, diesen himmlischen
Einfall, für dessen Pflege wir Rechenschaft
geben müssen am Tag des Gerichts, unsere Mittelpunkt-

Erde, wo Sonnenvater für jeden, der Augen hat,
tagsüber von Osten nach Westen fährt,
und sein Licht wird als freundliche Gegenwart
empfunden, nicht als Photonenbeschuß;

wo alles Sichtbare deutlichen Umriß hat,
an den es gebunden bleibt, ruhend oder
bewegt, und wo sich Liebende,
einer den andern, an ihrer Oberfläche erkennen;

wo jeder Gattung, nur der redseligen nicht,
ihre Nische bestimmt ist und auch die Nahrung,
die ihr bekommt. Denn das, was immer die Mikro-
biologie darüber denkt, ist die Welt, auf der wir

in Wirklichkeit wohnen und die uns bei Sinnen erhält;
wir wissen es nur zu gut, wie noch der gelehrteste
Geist sich im Dunkeln verhält ohne ein Gegenüber,
das ihn zur Deutung zwingt,

und wie er, wenn Rhythmus, Metapher und Interpunktion
von ihm abfällt, in sabbernde Monologe versinkt,
zu buchstäblich, um einen Witz zu verstehen
und einen Penis von einem Pinsel zu unterscheiden.

Venus und Mars sind allzu natürliche Mächte,
um unsere Extravaganz zu bändigen:
Du allein, Terminus, Mentor,
kannst uns lehren, unsere Gesten zu ändern.

Gott der Mauern, Türen und der Verhaltenheit, Nemesis
wird ihn erlegen, den technokratischen Frevler,
aber gesegnet die Stadt, die dir Dank weiß,
daß du uns Spielregeln gabst und Grammatik und Versmaß:

Weil durch deine Gunst jedwede Versammlung
von zweien oder dreien in Vertrauen und Freundschaft
das pfingstliche Wunder erneuert,
wo jeder in jedem den rechten Übersetzer findet.

Dies ist die Welt, die wir in wilder Vermessenheit
ausgeraubt und vergiftet haben, und doch ist es möglich,
daß du uns noch einmal bewahrst, wenn wir endlich
begreifen lernen, daß Wissenschaft, um wahrhaftig zu sein,

zugeben muß: alles, was sie zu sagen hat, ist im Grunde
Jägerlatein, und dem Himmel wird grauen vor denen,
die sich selbst zu Dichtern ernennen, um
ihr Audotorium zu verblüffen mit volltönenden Lügen.

Übersetzung Hans Egon Holthusen

 

 

Nachbemerkung

Die Gedichte dieses Bandes wurden in enger Verbindung mit Wystan Hugh Auden und den Übersetzern zusammengestellt. Alle deutschen Texte sind vom Autor durchgesehen und autorisiert. Die notwendigen Gespräche und Arbeiten geschahen meist während der Aufenthalte des Autors in seinem Haus in Kirchstetten nahe von Wien. Einige Gedichte wurden in mehreren Übertragungen wiedergegeben, wodurch Einblicke in die Möglichkeiten des Übersetzens eröffnet werden sollen. Die Anordnung der Gedichte folgt den Erscheinungsdaten der Originalbände und wurde innerhalb der Gruppen – soweit nicht genaue Zeitangaben der einzelnen Titel vorlagen – ihrem Charakter nach getroffen. Besonderer Dank gebührt den Übersetzern, die diesen Band ermöglichst haben.

Wolfgang Kraus, Nachwort

 

Wystan Hugh Auden

ist einer der bedeutendsten Dichter der Gegenwart. Er verwendet einfache Worte und bewegt sich in strenger Form. W.H. Auden ist dem Geheimnis hinter der Realität zugewandt, das er in seinen Gedichten spürbar macht. Sein Werk ist moderne Klassik, es wird zu jenen Dichtungen gehören, die unser Jahrhundert überdauern.
Der vorliegende Band bring zum erstenmal eine repräsentative Auswahl der Gedichte in deutscher Sprache. Um die Nähe des originalen Werkes zu erhalten, wurde der englische Text ebenfalls aufgenommen.
W.H. Auden wurde mehrmals für den Nobelpreis vorgeschlagen.

Europaverlag, Klappentext, 1973

 

BRIEF AN W.H. AUDEN

I
Wir wurden uns leider nie vorgestellt.
Jedoch Verse wie die Ihren hinterlassen,
wenn sie aufwachen, Spuren. Und wenn
der Ton sich im Ohr niedergelassen hat,
ist der Komplize mit dir schon mitten in
der Strophe. Was wir dann Muse nennen,
entpuppt sich als kopulierende Worte –

oder Zeiten. Denn jedes Werk braucht für
seinen Unterhalt die ganze Vergangenheit.
Berührungen sind somit nicht zu vermeiden,
Intimeres nicht ausgeschlossen (man hört ja so
einiges – von alten und neuen Stimmen) und
wenn ich Ihnen schreibe, antworte ich nur,
weil sie schweigt, die Zeit nach Ihrer Biographie –

wie Geschichte es gewöhnlich tut, dieses
unvollendete Werk – hinter irgendeiner
Hand, die den Blick verwehrt auf den
Ausschnitt der Leinwand, der eben entsteht –
ist im nachhinein reine Kausalität und
schluckt Leben, verdaut aber schwer jegliche
Poesie: Kunst pflegt eine eigene Historie.

Wir tun, was wir können, jetzt, und nehmen
Gott beim Wort: machen uns untertan das All,
knacken des Lebens Zahlencode und stöhnen
wie gewissenhafte Affen, wenn es vergeht.
Was uns allerdings noch fehlt, ist, neben
vorbeugender Reue, eine zuverlässige Theorie,
die uns sagt, was wir ignorieren werden.

Was soll ich Ihnen – ach Gott – erzählen: Heuer war die
Weinernte nicht übel. Aber ohne Importe werden
die Einsamen schlechter schlafen. Das Quecksilber
läßt sich nicht blicken, dafür kann jung und alt ihre
Hieroglyphen ins Eis ritzen. Aber was tun mit den
Marktschreiern bei dieser Kälte. Kundschaft bleibt aus
und für die Spalte Vermischtes steht man Schlange.

Einer Ihrer Nachfolger in Oxford – übrigens ein
fast idealer Ort, um die Auferstehung der Poesie
abzuwarten – wurde unsterblich in Stockholm,
zieht man in Betracht, wenn ich an das wüste Land
oder den I. September 39 denke, daß meine Existenz
von derjenigen des Verfassers abhängt (wobei es
ratsam ist, die Gedanken nicht zu verschwenden).

Angefügt sei diesbezüglich noch folgendes:
was für den Dichter gilt, wird doch jeden
ereilen. Unsterblichkeit bedarf also weder
der Ewigkeit noch einer Werkausgabe, es
genügt ein nervöses Sofortbild, was
bedeutet, daß dieser ungewöhnliche Brief
auch der Vernunft einleuchten wird.

Im Zeitalter nach der Angst ist nun mehr
Zeit vorhanden, sich vor der Angst zu
fürchten. Das Übel, im Grunde, bleibt
dasselbe mit dem Unterschied, man geht
sich jetzt aus dem Weg oder trägt Perücke
und Sonnenbrille, bis irgendein Tölpel
die geschiedenen Leute einander vorstellt.

Die Frage bleibt: wie glücklich werden, ohne die
anderen dabei zu stören. Nicht wie es zu machen,
sondern, ob die Sache von Dauer ist, macht
Kopfzerbrechen. Da die Zukunft noch Zeit übrig hat,
ist jeder weiterhin gezwungen, den Hunger zu
stillen, dabei ist Gewohnheit ein praktisches Prinzip,
gewöhnt man sich an ein abwechslungsreiches Büfett.

II
Auch in der Wissenschaft kommt der Glaube
zu Wort, wenn man bedenkt, hat er doch
stets das letzte Wort. Denn bei jeder Theorie
droht ein infiniter Regreß oder ein letzter
Demiurg, der wie der Dichter schon zu
Lebzeiten an verschiedenen Orten zur selben
Zeit pfeift auf die Denkmöglichkeit.

Der Punkt ist doch, daß Sprache sich nicht
aus Prinzip an Gravitation halten kann, und
die Lichtgeschwindigkeit zu langsam ist,
wenn sie von Liebe etc. spricht. Jedes Gesetz
hat seine Untertanen, aber Anarchie ist
ein legales Mittel, schlachtet man Zeit aus,
um Demokratie zu stiften im Gesicherten.

Poesie ist nur Chemie und mit allfälligen
Nebenwirkungen bekommen Ereignisse
ein neues Gesicht (wobei Ausbeutung eine
Tugend ist). Die Physik kann sie dabei getrost
beiseite schieben, es genügt eine Portion Logik,
um dem Gedanken nachzuspüren, bis er
von der Oberfläche verschwunden ist.

Nicht Natur destilliert sich hier. Was
ich habe, ist, wie die Kosmetik, ein
Produkt der Kultur. Nur Abkehr wird
nötig sein, von verpaßter Kindheit, der
Hoffnung, von der Romantik und der
Form, wo Kunst, während sie masturbiert,
sich selbst in der Freiheit verliert.

Prognosen sind so ein hübsches Spiel, macht
die Vorsorge keine Sorgen. Werd’ ich bis
fünfzig schreiben? Machen die Organe mit
oder wie steht es um die Lebenserwartung
der Gattung? Dichtung ist kein Metier
wie die Chirurgie, sie ist ein Luxus, den sich
wenigstens der Verleger leisten muß.

Nebenbei, ich liebe meinen Arbeitsplatz: Tisch,
Stuhl, asketische Annehmlichkeiten.
Rationalisierung wird hier wie anderswo jetzt groß geschrieben.
Nur, Schlamperei im Management
bricht dem Dichter das eigene Genick und zerrt
nicht an der Gurgel von denen, die von profanen
Seelsorgern ungenügend getröstet werden.

Der Dichter wird zuweilen zum Vergnügen
eine Partie Schach spielen oder um der
Gesundheit willen eine Runde schwimmen.
Schiebt er aber beseite das Schreiben, um
andere Mittel anzugreifen, versagen nicht
die Impfstoffe der Poesie, es ist nur so, daß
die kollektiven Viren besser funktionieren.

Dann und wann schleicht sich die Sorge ein:
Gefühle sind nicht stabil. Oder mein Geist wird
vernachlässigt von Hunger und Sex. Wenn
Sie erlauben, kommt der Augenblick, bleibt
so vieles im Halse stecken, am meisten das, was
wir sein werden. Nur im Leben wie in der Strophe
wird es früher oder später ausgespuckt werden.

Ich lasse jetzt den Faden reißen, womit das
Leben mich um den Finger gewickelt hat,
und schau auf Ihre, vielleicht eigenen Verse,
damit Tatsachen und Lügen zugleich
sichtbar werden, denn die Lüge wird zur
Wahrheit nur durch kurzsichtigen Einblick
oder eine dem Anlaß genügende Reife.

III
Ich flüsterte: mein Gott! – las ich bei Brodsky: „Time
worships… language“ – aber fand den Beweis in den
gesammelten Gedichten nicht wieder. Verschwunden
war, was da stand beim doch ehrlichen Dichter. Oder war
es vielleicht ein vitales Versehen? Nur – Mendelson
hat die Tatsache glatt verschwiegen, als ob es sich
um eine infame Unterstellung handeln würde.

Ich räume ein, vielleicht tue ich dem Verwalter
Unrecht, waren Sie es, der die wehrlosen Strophen
einfach von der Bildfläche verschwinden ließ.
Wenn dem so ist, gibt’s für diese Sünde – in diesem
Fall – sicher Gründe: Auf der Hand liegt doch, daß
der Glaube seine Dauer bereuen könnte und es
dem Dichter wie der Sprache ergehen würde.

Als einer, der auf Fremdsprachen angewiesen ist,
erfuhr ich von Ihrer Muse (das soll aber unter
uns bleiben), die ohne Haushaltshilfe jetzt den
Laden selber schmeißen muß, daß neben so viel
Billigware ihr eigenes Produkt auf dem Markt schwer
abzusetzen ist. Sicher eine Folge der wütenden
Depressionen oder aber die Treue ist im Kurs gestiegen.

Seit Goethe gibt es in der oberen Etage
kaum noch nennenswertes Sesselrücken.
Nicht, daß keiner mehr klettern möchte,
es ist nur – still. Vielleicht gibt’s ja auch
Sturm, wer weiß. Nur gesichert scheint: die
Sprache hat es nach Kraus’ Beherrschung
schwer, sich frische Luft zu verschaffen.

Eindruck hat sicher auch Herrn Brecht gegolten,
dennoch fänden
weder seine noch Verse wie:
„if equal affection cannot be
let the more loving one be me“ ohne die
gepflegte Anlage kaum aus der Zeile
geschweige denn überhaupt dorthin.

Zwischen dem Öffnen und dem Schließen
der Œuvretür pfeift es einem mitunter
grausig um die Ohren. Das ist sicher auf
weitere offene Türen zurückzuführen,
die der Homme de lettres, trotz des drohenden
Schnupfens, dem Hausmeister oder den
späteren Bewohnern zu schließen überläßt.

Was eigenes Arbeiten anbelangt, geht er von
kleinen Wahrnehmungen aus: wie sie sich kleidet,
ihr Metrum und ähnliches, also alles, was die
Oberfläche zu bieten hat. Und der Erfolg der
Umsetzung ist im Nu ersichtlich, wenn nach dem
Rendezvous der Glacehandschuh von den Lippen
ins Vergessen gleitet oder sich zum Ausziehen eignet.

An dieser Stelle muß ich noch gestehen:
vergleiche ich Lyrik- und Lebensstil, hat
das Ähnlichkeit mit Ovids Bildhauerei.
Obwohl die Zeit nur einen Entwurf erlaubt,
glückt so einiges, auch ohne erschwitztes
Talent, in der eigenen und
auch in einer anderen Haut.

Lange habe ich da getratscht und von der
Entfernung des Adressaten profitiert, der
wie bei jedem Brief, erst zu Wort kommt,
wenn er es erhält. Da sitze ich nun und
kann es nicht mehr ändern, aufgeregt, als
hätte ich das Ganze wie ein delikates Billett
der Augenweide ins Jackett gesteckt.

Armin Senser

 

Zum 100. Geburtstag des Autors:

Hannes Stein: Ein Ruhmeslied für W.H. Auden und seine Verse
Berliner Morgenpost, 20.2.2007

Die Wahrheit mit eigenen Augen
Die Welt, 21.2.2007

Jens Brüning: Marx und Freud zum Vorbild
Deutschlandfunk Kultur, 21.2.2007

Erich Klein: Wenn die Nacht am tiefsten ist: W.H. Auden
Der Standart, 17.2.2007

Rüdiger Görner: Denkspiele im Zauberkreis der Sprache
Neue Zürcher Zeitung, 17.2.2007

Andreas Brunner: Die Poesie kann nichts bewirken
Wiener Zeitung, 16.2.2007

Fakten und Vermutungen zum Autor

 

Wystan Hugh Auden liest sein Gedicht Zum Gedenken an W.B. Yeats.

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