Zbigniew Herbert: Bericht aus einer belagerten Stadt

Mashup von Juliane Duda zu dem Buch von Zbigniew Herbert: Bericht aus einer belagerten Stadt

Herbert-Bericht aus einer belagerten Stadt

DIE EINSTIGEN MEISTER

Die Einstigen Meister
kamen ohne Namen aus

ihre Signaturen waren
weiße Madonnenfinger

oder die rosa Türme
di cittá sul mare

auch Szenen aus dem Leben
della Beata Umiltá

sie lösten sich auf
im sogno
miracolo
crocifissione

fanden Zuflucht
unter dem Lid der Engel
hinter Hügeln aus Wölkchen
im dichten Gras von Eden

sie ertranken restlos
im goldenen Himmelszelt
ohne Entsetzensschrei
ohne Ruf um Gedenken

die Oberfläche ihrer Bilder
sind glatt wie ein Spiegel
es sind keine Spiegel für uns
es sind Spiegel für Auserwählte

aaaaaich rufe euch Alte Meister
aaaaain schweren Momenten des Zweifels

aaaaamacht daß die Schlangenhaut
aaaaader Hoffart von mir abfällt

aaaaalaßt mich ertauben
aaaaafür die Versuchung des Ruhms

aaaaaich rufe euch Einstige Meister

aaaaaMaler des Manna-Regens
aaaaaMaler Gestickter Bäume
aaaaaMaler der Heimsuchung
aaaaaMaler des Heiligen Butes

 

 

 

Bin zu alt um Waffen zu tragen

zu kämpfen wie die andern
man bestimmte mir gnadenhalber den minderen Part des Chronisten
ich notiere – wer weiß für wen – die Ereignisse der Belagerung

Unklar ist, wann diese Belagerung stattgefunden hat:

vor zweihundert Jahren Dezember September vielleicht gestern früh
alle kranken wir hier am Schwinden des Zeitgefühls

es folgen die Fakten.
Die Fakten – dieses 1982 entstandenen Gedichts – bewegen. Mit im Zaum gehaltenen Gefühlen berichten sie von langer Belagerung, von Feinden, die einander ablösen:

Goten Tartaren Schweden Rotten des Kaisers das Heer der Verklärung des Herrn
wer kann sie zählen.

Und das Bekenntnis:

nur unsere Träume sind nicht gedemütigt worden.

Die Träume sind dazu da, inmitten der Verbrechen über Jahrhunderte nicht aufzuhören, die Welt zu lieben. Eben dies gelingt Herbert – wieder und wieder – in seinen Gedichten. Er befolgt das Wort Marc Aurels: Prüfe die Beschaffenheit der Dinge in der Welt und unterscheide an ihnen die Stoffe, die wirkende Kraft und den Zweck.
Was Jerzy Kwiatkowski vor mehr als zwanzig Jahren schrieb, hat seine Gültigkeit bewahrt, oder wird noch einmal bestätigt: „Herberts Ziel ist nicht die Neuheit. Sein Ziel ist die Vollkommenheit … Maß, Harmonie, Gleichgewicht. Gleichgewicht von Überraschung und Mitteilung, von Konstruktion und Emotion. Von Gewichtigkeit des Problems und Kraft der ästhetischen Wirkung. Poesie der ausgewogenen Waagschalen.“
Das Original des vorliegenden Bandes erschien 1983 in Paris.

Suhrkamp Verlag, Klappentext, 1985

 

Nur unsere Träume sind nicht gedemütigt

In einem seiner frühen Gedichte verglich Zbigniew Herbert seine Vorstellungskraft mit einem Stück Brett, an das ein kurzes Hölzchen schlägt:

ich klopfe ans Brett
und es antwortet mir
ja – ja
nein – nein.

Gegen die „bilderlawinen“ der anderen Dichter setzte er seine „klapper“ oder „das trockene gedicht des moralisten“. Wie immer es mit den Bilderlawinen seiner Konkurrenten bestellt sein mochte – Herberts Bescheidung war selbstbewußt und nicht kokett, und dennoch mußte der Leser ihr widersprechen. Seine Gedichte zeigten Phantasie und Intelligenz, viel mehr Einfallsreichtum jedenfalls, als der Autor zugeben mochte. Ihre Trockenheit war die eines guten Weines, einer guten Spirituose – ihre Klarheit war inspiriert. Vor allem war ihr Autor, der im Gedicht gefragt hatte „Wozu Klassiker“, selbst zu einem solchen geworden – zu einem Klassiker der modernen polnischen Literatur, zu einem Schriftsteller von europäischem Rang und Renommee. Darüber mochte man einiges vergessen oder verdrängen.
Ein Beispiel: daß Herbert ein Debütant des polnischen Oktobers von 1956 war, daß viele seiner Gedichte Parabeln auf polnische Zustände sind – nicht Produkte einer „Sklavensprache“, sondern unmißverständliche Schlüsselgedichte. Und daß der „Klassiker“ Herbert in dem alten Konflikt für Marsyas und gegen Apoll Partei ergreift. Freilich faszinierten uns auch seine Reise-Essays, vornehmlich aus dem Mittelmeerraum. Und wer da als Ein Barbar in einem Garten firmierte, war ein hochsensibler und kulturgesättigter Geist, der Anschauung und Reflexion in eine schöne Balance brachte. Nicht anders der Verfasser der Gedichte Herr Cogito (1974), in denen der Poet durch die Maske des Philosophen spricht – ein lyrischer „Monsieur Teste“, ja vielleicht mehr als das.
Womöglich, nein sicher gab es auch für Zbigniew Herbert eine Versuchung: nämlich die, sich in der „besseren Welt“ irgendwie einzurichten, seine Wunde „der chemischen Reinigung anzuvertrauen“ – das heißt auch, die polnische Problematik als bloßes Exempel anzusehen und zum bloßen Klassizisten zu werden. Herbert ist diesen Versuchungen nicht erlegen. Er lebt – nach vielen Reisen – seit Jahren wieder in Polen; in der Nähe von Warschau. Auch Herr Cogito hat eine Heimat. Was Rückkehr kostet und was sie bedeutet, darüber ist nicht zu spekulieren. Wir halten uns ans Gedicht, denn es gibt neue Gedichte von Herbert zu lesen. Daß freilich die Originalausgabe des neuen Bandes 1983 in Paris erscheinen mußte, ist mehr als nur eine historische Pointe.
Warum also kehrt Herr Cogito in den „steinernen Schoß des Vaterlandes“ zurück?

an Fortschritt glaubt er nicht mehr
die eigene Wunde bewegt ihn
der Schaufenster Überfluß
erfüllt ihn mit Langeweile

das sind einige Gründe, wobei der wichtigste, so will mir scheinen, fast unauffällig mitläuft: „die eigene Wunde“. Erst der Schluß des Gedichts steigert das existentielle Moment in ein skeptisch gefaßtes Pathos:

vielleicht kehrt Herr Cogito heim
um Antwort zu geben

auf die Einflüsterungen der Angst
auf ein unmögliches Glück
einen unerwarteten Hieb
eine tödliche Frage

Aus der Cogito-Maske spricht die persönliche Stimme von Leiden, Heimweh, Gefaßtheit. Auch in den anderen Gedichten vertraut der Dichter darauf, daß unter allen Masken und Gestalten der leidende Mensch – und nicht bloß das private Individuum – sichtbar wird. Das gelingt ihm am schönsten und bewegendsten im „Bericht aus einer belagerten Stadt“, dem Titelgedicht des Bandes.
Berichtet wird aus der Perspektive dessen, der zu alt ist, „um Waffen zu tragen und zu kämpfen wie die andern“ und dem man „gnadenhalber den minderen Part des Chronisten“ bestimmte. Aber eben dieser „mindere“ Part ermöglicht jene Perspektive, in der die Wahrheit sichtbar wird: der Zustand einer belagerten Stadt, in der Hoffnung und Verzweiflung, Tapferkeit und Verrat nebeneinander existieren und manchmal ineinanander übergehen. Diese Doppelgesichtigkeit prägt auch die Darstellung. Parabolik und Fakten kommen zueinander. Im „Schwinden des Zeitgefühls“ der Belagerten zieht sich die Geschichte zusammen zu einem ewigen Jetzt. Es ist die Erfahrung polnischer Geschichte: „die Belagerung dauert lange die Feinde lösen einander ab / nichts verbindet sie außer dem Trachten nach unsrem Untergang.“ Das macht die Belagerten sensibel für die Einsamkeit aller vom Unglück Berührten: „die Verteidiger des Dalai-Lamas die Kurden das Bergvolk Afghanistans“. Und der Chronist erlaubt sich – im Gegenzug und ironisch – auch an die mitleidigen „Verbündeten hinter dem Meer“ zu denken:

sie schicken Mehl Säcke voll Zuversicht Fette und guten Rat
und wissen gar nicht daß ihre Väter uns verraten haben

Herbert läßt es also auch an aktuellster und direcktester Deutlichkeit nicht fehlen.
Dazu gehört auch die Datierung einiger Gedichte. Das an den Schluß gesetzte Titelgedicht stammt aus dem Jahr 1982, aus der Zeit des Kriegsrechts also, das im Jahr darauf lediglich formal aufgehoben wurde. Bericht aus einer belagerten Stadt – das ist nicht bloß als Parabel zu lesen, sondern als buchstäbliche Wahrheit. Am Eingang des Bandes stehen zwei Gedichte von 1956, mit dem Datum einer Epoche, die Hoffnung zuließ. Sie wirken an dieser Stelle als Memento und Warnung. Das Gedicht „Was ich sah“ weist auf die falschen Propheten und die „Schergen im Schafspelz“ und setzt dagegen das Bild der Opfer: „den Menschen sah ich den man gefoltert hatte.“ Das andere Gedicht „Von der Höhe der Treppe“ warnt vor der revolutionären Illusion, man könne die Treppe, auf der die Herrschenden stehen, im Sturm erobern – der Hydra wachsen die Köpfe nach. Nicht ein Realpolitiker spricht hier, der aus Opportunität zur Mäßigung mahnt, sondern der Dichter, der aus seiner Phantasie ein Werkzeug des Mitgefühls machen möchte – eines Mitgefühls, das auch die „verkniffenen Münder“ der Mächtigen einschließt.
Diesen Dichter Herbert könnte man über engagierter Parabolik und kritischem Klartext womöglich vergessen. Die politisch interpretierbaren Texte, die das Buch umschließen, schließen auch drei Jahrzehnte polnischer Hoffnungen und Niederlagen ein. Die Schlußzeile des Buches „und nur unsre Träume sind nicht gedemütigt worden“ weist über allen manifesten politischen Gehalt hinaus. Der freie, nicht gedemütigte Traum ist mehr, ist Menschlichkeit und Poesie.
So darf man auch die Fortsetzung des Buchtitels nicht überlesen: „und andere Gedichte“. Dies sind vermischte Gedichte: neue wie ältere Cogito-Gedichte, Gedichte auf Beethoven, aber auch auf Isadora Duncan, eine Nänie auf die Mutter, Verse auf Freunde und – wie immer bei Herbert – subtile Selbstreflexionen des Dichters und seines Gedichts. Sich selbst oder – bescheidener – seinen Herrn Cogito rechnet er zu den „minores“, zu den minderen Poeten mit Chronistenpart. Darüber mag die Nachwelt befinden. Aber wem soll sie denn Gnade erweisen, wenn nicht dem, der seinen Part aufrichtig und wahrheitsgemäß versah und das mit jener Präzision, deren Notwendigkeit Herr Cogito betont. Diese wahrhaft menschliche Präzision geht davon aus, daß wir trotz allem „die Hüter unsrer Brüder“ sind und daher keinen von ihnen vergessen dürfen:

wir müssen daher wissen
genau zählen
beim Namen rufen
für den Weg versorgen

Daran erinnern uns die Gedichte Zbigniew Herberts.

Harald Hartung, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 14.9.1985

Zbigniew Herbert: Bericht aus einer belagerten Stadt

und andere Gedichte

Zbigniew Herbert ist jetzt einundsechzig Jahre alt. Er lebt in der Nähe Warschaus. Früher kam er öfter nach Deutschland, in die Bundesrepublik und auch nach Frankreich. Schottische Verwandtschaft soll im Hintergrund der Familien bestehen. Der Name, der Familienname ließe eher auf deutsche Herkünfte schließen. Aber wir wissen zu wenig über alle diese Zusammenhänge, und das neue Buch verrät in seinem Klappentext auch kaum etwas Neues. Zbigniew Herbert hat in den Gedichten dieses Bandes einen in Wien lebenden, in Ostgalizien geborenen Übersetzer gehabt, man muß wohl besser sagen: Nachdichter, mit Namen Oskar Jan Tauschinsky, Professor an der Wiener Universität. Der Band trägt seinen Titel von dem den Beschluß machenden Gedicht. Es ist und liest sich wie eine Summe polnischer Gedichte und polnischen Schicksals, als die es wohl auch gedacht ist, im Jahr 1982 geschrieben. Eine französische Erstausgabe des Bandes, die auch das Copyright hat, erschien 1983. Der Suhrkamp Verlag ist seit über zwanzig Jahren der deutsche Vermittler dieses ebenso geheimnisreichen wie ausdrucksstarken Gedankenlyrikers polnischer Sprache. Der Band hat in gewisser Weise Sammelcharakter. Er enthält Gedichte aus rund zwanzig Jahren und stiftet sehr leicht Verwirrung und Ratlosigkeit, wenn man sich naiv in ihn hineinlesen will. Da taucht immer wieder ein Cogito (also „ich denke“) benannter poetischer Wortführer mit den unterschiedlichsten Reflexionen aus Geschichte und Literatur, Politik und Psychologie als Sprecher der Dichterperson auf. Dieser Cogito war schon ein Deckname in einem unmittelbar nur auf ihn bezogenen Gedichtband Herberts aus dem Jahre 1974. In einer Anmerkung wird dazu verraten, daß die hier übernommenen Einzelgedichte, wo sie mit einem Sternchen versehen sind, vom Verfasser eine Überarbeitung erfahren haben. Aber das alles sind Zusammenhänge und Hinweise, die nicht viel über die Form, die Qualität, den Charme, das Geheimnis der Dichtung Zbigniew Herberts verraten. Ein dunkles Gefühl von Überwältigung beschleicht den Leser, dazu ein Bildungsüberfall, wie er vergleichbar wohl nirgendwo in deutschen oder auch englischen, französischen Gedichten wiederzufinden ist. Zbigniew Herbert flügelt mit seinen Gedichten in ebenso höllischen wie positiv-transzendentalen Sphären herum. Die Geschichte seiner polnischen Heimat gibt ihm da existentiell in der Tiefe erarbeitete Anstöße. Der späte Goethe könnte manchmal am ehesten als Vaterfigur vermutet werden, wenn man sich in die Poesie der einzelnen Gedichte tiefer hineinliest.

Wir lagen in einer Reihe
auf dem Grund des Tempels des Absurden
mit Schmerzen gesalbt
in nassen Bahrtüchern der Furcht

wie Früchte
gefallen
vom Baum des Lebens…

heißt es aus dem Munde Cogitos im „Aufzeichnungen aus einem Totenhaus“ betitelten Langzeilengedicht. Die Bilanz ist, daß der Mensch, der hier einfach mit seinem Grundnamen Adam angesprochen wird, sich selbst in die Ewigkeit zurückgezogen habe. Solche Ewigkeit wird aber nur selten von Engeln oder Heiligen oder auch bloß von religiös geprägten Christen bevölkert. Der Pessimismus, die Schwermut und die Skepsis dominieren in Herberts Altersgedichten, zu denen man zum mindesten den Schlußbericht aus der belagerten Stadt doch wohl zählen muß. Der Dichter läßt selten und nur intimen Freunden etwas von seinen derzeitigen Lebensumständen wissen, und seine Gedichte verachten jeglichen in konkretere Andeutungen ausartenden Realismus, auch wenn sie auf der andern Seite in die gängigen europäischen Zeitstile welcher Färbung auch immer ebensowenig einzubeziehen sind. Ein Lyriker, über den noch viel nachgedacht sein will, ehe man seinem Genius einigermaßen gerecht zu werden vermag. Der Übersetzer hat diesen Gedichten eine Aura moderner Deutschsprachigkeit verliehen, daß man kaum auf den Gedanken kommen wird, daß hinter ihnen die uns so unverständlich bleibende polnische Sprache zu suchen ist. Ein alles in allem rätselhaft wichtiger und nicht leicht wieder vergeßlicher Gedichtband.

Wilhelm König, Neue Deutsche Heft, Heft 187, 3/1985

Ein Gespräch über das Schreiben von Gedichten

A: Ich möchte mit einer anscheinend banalen Frage beginnen. Bei Lesungen habe ich festgestellt, daß die Zuhörer häufig nach den Anfängen eines Autors fragen. Sie möchten einfach wissen, wie man Schriftsteller wird. Sind Ihnen derartige Fragen schon begegnet?

B: Natürlich. Sie haben das übrigens sehr gut ausgedrückt, mein Fräulein, denn auch mir kommt es so vor, als ob solchen Fragen immer oder fast immer das Verlangen zugrunde liegt, das Geheimnis, den rätselhaften Zauberspruch, die Formel zu erhaschen, die denen, die von einer Schriftstellerkarriere träumen, eben dazu verhelfen.

A: Und worin besteht dies Geheimnis?

B: Ich weiß es nicht, bisweilen scheint mir sogar, als gebe es überhaupt keins. Verstehen Sie mich bitte richtig: Ich mag nicht die sogenannten erleuchteten Künstler, das heißt jene, die beim Publikum den Eindruck erwecken, als bewegten sie sich in Zonen, die für den Durchschnittsleser unerreichbar sind. Ich mag auch nicht jene, die sich seltsame Lebensumstände ausdenken und behaupten, ebendiese hätten bewirkt, daß sie eines Tages Künstler wurden. Eine derartige Selbsternennung zu einer außergewöhnlichen Person ist romantisch und mir jedenfalls ziemlich fremd.

A: Ich gebe mich nicht so leicht geschlagen. Es ist wohl kaum zu leugnen, daß bestimmte Elemente der Biographie, nennen wir sie Erlebnisse, die Fähigkeit zum Schreiben wecken können.

B: Ich wage zu behaupten, daß jeder oder fast jeder die Fähigkeit zum Schreiben besitzt, ebenso wie die Fähigkeit, zu malen oder einfache Musikstücke zu komponieren. Wäre es nicht so, würden Dichter nur für Dichter schreiben, Komponisten würden nur von ihren Kollegen verstanden und Maler malten nur für Maler. Doch so ist es zum Glück nicht. Der perfekte Rezipient ist ebenfalls Künstler und zwar ein ungewöhnlicher. Er ist jemand, der imstande ist, eine Arie, das Kolorit eines Bildes oder ein Gedicht in sich nachzubilden und zwar genau nachzubilden, mit der gleichen uneigennützigen Freude, als sei er selbst der Autor.

A: Gut. Nehmen wir an, Sie hätten recht. Vielleicht ist der rezipierende Leser, Hörer oder Zuschauer wirklich ein potentieller Autor, das heißt, er könnte schreiben, hat aber, vermutlich aus Mangel an Mut, darauf verzichtet. Sie aber haben den Mut gehabt. Ich möchte wissen, in welchem Augenblick und weshalb?

B: Nun, gut, ich will es Ihnen sagen; vielleicht ist es wirklich wichtig. Ich habe während des Krieges zu schreiben begonnen. Das damals entstandene Gedicht „Zwei Tropfen“ (Dwie krople) ist, wenn ich mich recht entsinne, nicht mein erstes, wie ich einmal schrieb, sondern das erste, zu dem ich mich nach all den Jahren noch bekennen kann. Ich war noch ein Jüngling. Es war Krieg. Bei einem der schwersten Bombardements lief ich in den Luftschutzkeller und bemerkte, denn ich war von großer Angst getrieben, auf der Treppe zwei junge Menschen, die sich küßten. Das war in dieser Situation außergewöhnlich.

A: Weshalb außergewöhnlich?

B: Weil in solchen Situationen das Entsetzen den ganzen Menschen erfaßt, so daß er selbst die, die ihm am nächsten stehen, vergißt. Der in Augenblicken absoluter Bedrohung aufgestachelte Selbsterhaltungstrieb erfüllt uns mit einer Rattenangst, mit dem ausschließlichen Verlangen, uns zu retten. Und trotz alldem haben diese beiden Menschen der tobenden Grausamkeit die zerbrechliche Macht der Liebe entgegengesetzt.

A: Und Sie beschlossen, dies zu beschreiben?

B: Nicht so sehr, es zu beschreiben, als es zum Ausdruck zu bringen. Sie verstehen, ich hatte Wörter im Überfluß zur Verfügung, die meine Empörung, meinen Widerstand auszudrücken vermochten. Ich konnte etwas schreiben in der Art von: Ach, ihr Verfluchten, ihr Schufte; ihr tötet unschuldige Menschen, ihr Lumpen. Wartet nur, ihr werdet eurer verdienten Strafe nicht entgehen! Aber das sagte ich nicht, denn ich wollte der individuellen Situation eine größere Dimension verleihen oder vielmehr ihre tieferen, allgemeinmenschlichen Perspektiven zeigen.

A: Aber macht ein solches Vorgehen die Dichtung nicht zu etwas Kaltem, Abstraktem, vom Leben Losgelösten? Ihre Erklärung der Genese, des Grundes für die Entstehung der „Zwei Tropfen“ hat mir vieles klargemacht, doch was macht ein Leser, der diese Erklärung nicht kennt?

B: Es ist nicht möglich, ja nicht einmal nötig, ein Gedicht durch die Beschreibung des Augenblicks, der seine Entstehung inspirierte, zu erklären. Ebendeshalb habe ich mich vorhin gegen die Beschreibung meines Lebensgangs gewehrt. Eine literarische Arbeit muß wie jedes Kunstwerk selbständig sein, „auf eigenen Füßen stehen“, unabhängig von den Erlebnissen, die es aus dem dunklen, ungewissen Reich der Bilder, Emotionen, Ahnungen herbeigerufen haben. Und es muß in einer Weise, die sich der Vorstellungskraft geradezu aufdrängt, sprachlich festgehalten werden. Ich schreibe gerade eine Skizze über die minoische Kultur, die vor siebzig Jahren auf Kreta entdeckt wurde und seitdem die Wissenschaftler in Atem hält. Evans, der Entdecker dieser Kultur, und auch andere Archäologen haben uns die Ruinen herrlicher Paläste, Fresken und bezaubernde Keramik aus der Zeit vor dreitausend Jahren übergeben, und angesichts dieser Meisterwerke hält der Besucher voller Bewunderung und Nachdenklichkeit inne. Aber wir wissen nur wenig darüber, wie die Minoer gelebt und vor allem, was sie gedacht haben. Denn ihre Schrift, die Linear Bund Hieroglyphenschrift, wurde noch nicht entziffert. Ich will damit sagen, daß sich erst in der Sprache der ganze Mensch offenbart – seine Beunruhigungen und Freuden, die Werte, die er akzeptiert, und der Glaube des Volkes.

A: Ich möchte dennoch auf meine Frage zurückkommen. Was die Leser hindert, die moderne Dichtung aufzunehmen, das sind offenbar ihre Kälte, ihre Abstraktheit und ihr übermäßiger Intellektualismus. Wurden solche Vorwürfe jemals gegen Sie erhoben?

B: Sie haben da eine wesentliche Frage berührt, mein Fräulein, und wir müssen die Mißverständnisse, die sich um die Gegenwartsdichtung in der Tat aufgetürmt haben, nacheinander aufklären. Ich werde nicht über die gesamte zeitgenössische Dichtung sprechen, denn dazu bin ich nicht in der Lage, es gibt so viele verschiedene Richtungen, und mit vielen kann ich mich nicht einverstanden erklären. Ich werde vielmehr darüber sprechen, wie ich die Sache sehe. Für einen Augenblick erlaube ich mir jedoch, unsere Rollen zu tauschen und Ihnen eine Frage zu stellen.
Woran ist Ihrer Meinung nach dem Autor am meisten gelegen?

A: Gelesen zu werden, und zwar mit Anerkennung oder gar Verehrung.

B: Gewiß, aber noch wichtiger ist, daß der Leser etwas akzeptiert, das ich die Spielregeln nennen möchte. Das Grundprinzip ist das Verständnis für die Intention des Autors, seine Absichten, seine Poetik, seine Welt. Das hat nichts mit unkritischer Haltung zur Kunst zu tun, andererseits darf man vom Autor nicht alles verlangen, also daß er etwa gleichzeitig lustig und traurig, locker und tief, gelehrt und leicht zugänglich ist. Der Schriftsteller lädt den Leser zu einem Spiel ein, einem ernsten Spiel, einem Spiel der Phantasie, und man kann ihn nur danach beurteilen, wie er dieses Spiel spielt, also wie er seine Versprechen im Rahmen der Konvention oder Übereinkunft erfüllt. Nur so darf man ein Buch kritisieren. Doch zurück zu dem unseligen Intellektualismus der modernen Dichtung.

A: Wieso unselig?

B: Weil alles auf einem Mißverständnis beruht, das ich aufklären möchte. Es stimmt, daß die meisten Leser, sagen wir mal, gefühlvolle Gedichte lieben, also solche, in denen man die uns wohlbekannten Gefühle ohne weiteres wiedererkennen kann. Da ist der Sonnenuntergang und die damit verbundene Wehmut oder der Schmerz wegen einer Person, die fortgegangen ist, oder auch die Freude über das Wiedersehen mit einem lieben Menschen, den man lange nicht gesehen hat. Ich will diese Gefühle überhaupt nicht lächerlich machen…

A: Zumal, wenn Słowacki und Kochanowski sie beschreiben…

B: Genau, „Traurig bin ich, o Gott“ und „Klagelieder“ usw. Vielmehr möchte ich, zu mir selbst zurückkehrend, sagen, daß ich gegen Gefühle einigermaßen mißtrauisch oder reserviert bin, denn ich habe im Leben allzu viele Ausbrüche von Begeisterung oder Haß für bzw. gegen Personen und Dinge erlebt, die es nicht verdient hatten. Und dann ist die Kontrolle des Verstandes gar nicht hoch genug zu bewerten.

A: Also sind Sie doch ein intellektueller Dichter.

B: Ich mag dieses Epitheton nicht, weil ich nicht weiß, was es bedeutet. Ich weiß nur, daß ich keine einzige Zeile geschrieben habe, um irgend jemanden durch Wissen oder Gelehrsamkeit zu beeindrucken. Obendrein besaß ich eine Erfahrung, die zu erwähnen ich mir hier erlaube. Während meines Philosophiestudiums sollten wir in einem Kindergarten Kinder beobachten und auf großen Blättern vermerken, mit welchen Verhaltensweisen sie Willen, Verstand und Gefühl zum Ausdruck brachten. Dabei gelangte ich ziemlich schnell zu dem Schluß, daß diese drei Sphären des Seelenlebens untrennbar und ununterscheidbar sind. Und das gilt auch für die Erwachsenen.

A: Aber Thema Ihrer Gedichte ist nicht das unmittelbare Erleben, sondern das Nachdenken über die Welt?

B: Selbst wenn es so ist, schließt das eine emotionale Beziehung nicht aus. Man kann, ja man muß sogar leidenschaftlich denken.

A: Sie werden mir aber beipflichten, daß bestimmte intellektuelle Gehalte, wenn sie in literarischen Werken überwiegen, die Lektüre erschweren können.

B: Vielleicht. Aber bitte verstehen Sie mich richtig: Ein Gedicht, das sich wie die abgenutzte Platte eines alten Tangos anhört, fasziniert mich nicht. Ich möchte, und darin besteht mein Glaube an den Leser, daß er mein Partner ist, daß er mit mir zusammenarbeitet. Wer leichte Unterhaltung bietet, verhält sich, so glaube ich, irgendwie herablassend zu seinem Leser. Ich behandle ihn als Mitstreiter und respektiere seine Andersartigkeit, sein Urteils- und sein Kritikvermögen.

A: Sind Sie einverstanden mit der These, daß in Ihren Werken der Inhalt wichtiger als die Form ist, daß Sie auf das Was größeren Wert legen als auf das Wie?

B: Die Schule hat uns an die Trennung von Inhalt und Form gewöhnt, und sicher erinnern Sie sich, wie unsere Lehrer uns damit plagten, daß wir ein Gedicht mit eigenen Worten wiedergeben mußten. Das ist natürlich Unsinn. Nur in schlechten Gedichten lassen sich Inhalt und Form, lassen sich großmütige Gedanken von deren unbeholfener Wiedergabe trennen. Es ist eine völlig irrige Vorstellung, der Dichter sei jemand, der seinen Inhalt in unterschiedliche Flakons gießt. Dieses Flakon ist ein Sonett, jenes eine Oktave, ein drittes ein Blankvers. In Wirklichkeit sind Inhalt und Form vom Beginn des Schöpfungsaktes an untrennbar miteinander verbunden.
Beim Schreiben strebe ich nicht danach, den Leser durch reichhaltige Vergleiche, ungewohnte Sprache oder ausgesuchte Rhythmik und Metaphorik in Erstaunen zu versetzen. In meinen Gedichten sollen die Wörter und ihre Anordnung transparent sein.

A: Und was bedeutet das?

B: Daß sie die Aufmerksamkeit des Lesers wachhalten, daß sie ihn nicht zu dem Ausruf nötigen: Oh, welch ein Könner!, sondern daß sie die Wirklichkeit möglichst rein und klar erscheinen lassen.

A: Also ist Ihr poetisches Ideal die gegenständliche, objektive, auch klassisch genannte Poesie im Gegensatz zu der wirren, emotionalen, subjektiven romantischen Poesie?

B: Genauso wollten das einige Kritiker definieren. Für mich ist der Streit von Schulen oder Richtungen der Poetik nicht das wichtigste. In der Dichtung vollzieht sich ein viel wesentlicherer Streit, nämlich der zwischen Gesinnungen.

A: Könnten Sie das erläutern?

B: Ich glaube, daß jeder beginnende Dichter bemüht ist, sich und seinen Nächsten als ein Außergewöhnlicher, Einzigartiger zu erscheinen und seine unverwechselbare Begabung zu demonstrieren. Doch wenn der Beruf oder die Berufung auch nach dreißig Jahren noch ausgeübt wird, drängt sich die Frage auf, wozu schreibe ich, zur Verteidigung welcher Werte, gegen welches Unrecht? Begabung ist etwas Kostbares, aber eine Begabung ohne Charakter geht zugrunde. Was heißt das, ohne Charakter? Es heißt, daß man nicht geklärt hat, was eine moralische Haltung zur Wirklichkeit ist, daß man nicht hartnäckig und kompromißlos die Grenze gezogen hat zwischen dem, was gut, und dem, was schlecht ist. Darum schätzt man an Schriftstellern neben ihren künstlerischen Fähigkeiten auch ihre Kompromißlosigkeit, ihren Mut und ihre Selbstlosigkeit, also außerästhetische Werte.

A: Einer Ihrer Gedichtbände heißt Studium des Gegenstands (Studium przedmiotu). Sie haben viele Gedichte geschrieben, deren „Held“ ein Stein, ein Schemel, ein Türklopfer, ein Stuhl – kurzum banale Objekte des Alltagslebens sind. Man könnte dies als eines Ihrer Interessengebiete bezeichnen. Aber es gibt auch die andere, ganz entgegengesetzte Gruppe von Gedichten wie „Die Tränen des Fortynbras“, die der Mythologie, der Geschichte und historischen oder literarischen Gestalten gewidmet sind. Wie bringen Sie diese Widersprüche miteinander in Einklang?

B: Man muß Widersprüche nicht miteinander in Einklang bringen. Vielmehr sollte man sie sich bewußtmachen. Ein Kunstwerk ist keine wissenschaftliche Theorie, die schlüssig zu sein hat. Wir leben in einer Welt von Widersprüchen, und wir selbst sind Opfer widersprüchlicher Ideen, Impulse, Phantasien. Und es ist sicherlich kein Zeichen von Armut, wenn eine Persönlichkeit sich zwischen zwei Polen bewegt.

A: Erscheint Ihnen meine Einteilung Ihrer Gedichte in solche, die Gegenständen, und solche, die der Kultur gewidmet sind, dennoch als zutreffend?

B: Das ist eine Einteilung nach Themen, also eine, die in gewissem Maße eine vorläufige Bestimmung der Texte erlaubt. Doch wahrscheinlich wollen Sie wissen, weshalb ich sowohl Verse über den Schemel als auch über Hamlet schreibe, über den banalen Alltag und über erhabene Gestalten der Kultur?

A: Ja, denn irgendwelche Motive müssen Sie ja gehabt haben…

B: Also will ich versuchen, es zu erklären. Ich habe, zwar nicht persönlich, aber als Zeuge, mehr als einmal die Kompromittierung einer Ideologie, den Zusammenbruch eines künstlichen Bildes von der Wirklichkeit und die Kapitulation des Glaubens vor den Tatsachen erlebt. Und da erschien mir das Reich der Dinge, das Reich der Natur als Stütz- und auch als Ausgangspunkt, der es ermöglichte, ein Bild von der Welt zu schaffen, das mit unserer Erfahrung übereinstimmt. Nach dem Abtreten der falschen Propheten zeigten die Dinge sozusagen ihr unschuldiges, nicht von der Lüge entstelltes, makelloses Gesicht. Das entspricht übrigens dem uralten Traum der Dichter…

A: Von Arkadien…

B: Vom Paradies, von einem Ort menschlichen Glücks. Doch die Dichter haben keine Macht über die Welt. Ihr Reich ist die Sprache. Nur darin sind sie souveräne Herrscher und Gesetzgeber.

A: Aber die Sprache ist das gemeinsame Kommunikationsmittel aller Menschen.

B: Genau das ist das Problem. Die Sprache ist das unreine Werkzeug des Ausdrucks. Die tagtäglich gefolterte, banalisierte Sprache, die niederträchtigen Eingriffen ausgesetzt ist. Folglich ist es der Traum der Dichter, zum jungfräulichen Gehalt der Wörter vorzudringen, das den Dingen gemäße Wort hervorzubringen, wie Cyprian Norwid sagt. „Die Worte sollen bedeuten, was sie bedeuten, und nicht das, wogegen sie gebraucht wurden.“ Das ist der Ausspruch eines anderen großen Dichters. Für mich war der Dialog mit den Dingen auch ein Versuch, zu den reinen Quellen der Rede vorzudringen. Und es war eine Rebellion gegen die Lügner und Betrüger.

A: Und der zweite Pol Ihres Schaffens? Die Gedichte, die der Mythologie und der Geschichte gewidmet sind? Kritiker sagen, Sie seien ein Dichter der Kultur.

B: Das ist für mich keine Beleidigung, auch wenn es sich aus dem Munde von Leuten, die von den Künstlern absolute Innovation fordern, wie ein Vorwurf anhört. Die Sache ist wichtig, deshalb erlaube ich mir, was ich zu sagen habe, hier etwas systematischer darzulegen. Ich halte es für absolut unerläßlich, daß jeder Künstler sich bemüht, eine eigene aktive Beziehung zur Tradition herzustellen, möglichst zur künstlerischen Tradition insgesamt, nicht nur zu einer Generation, wie es die jungen Dichter häufig tun, die ihren Vorgängern gern die Zunge herausstrecken und dabei Homer, Aischylos, Horaz, Dante und Shakespeare vergessen.

A: Sie schlagen demnach die Flucht in die Vergangenheit vor?

B: Keineswegs. Was uns verpflichtet, sind, wie ich schon sagte, ein aktives Verhältnis zur Tradition und die Anerkennung der Tatsache, daß wir ein Glied in der großen Kette der Generationen sind. Umgangssprachlich redet man häufig vom Kulturerbe. Doch die Kultur vererbt sich nicht automatisch wie etwa das von den Eltern vermachte Häuschen. Nein, man muß sie sich im Schweiße seines Angesichts verdienen, für sich gewinnen, durch sich selbst bestätigen. Und die Rechtfertigung und die Entschuldigung, daß wir in einer außergewöhnlichen Epoche leben, helfen dabei gar nichts, denn jede Menschheitsepoche war außergewöhnlich. Ebenso falsch ist die Ansicht, die Kultur existiere in den Bibliotheken und Museen und erhalte sich selbst. Die Geschichte lehrt, daß man Völker mitsamt ihrem Hab und Gut nahezu vernichten kann. Während des Krieges habe ich eine Bibliothek brennen sehen. Ein und derselbe Brand verzehrte kluge und dumme, gute und niederträchtige Bücher. Damals habe ich begriffen, daß vor allem die Kultur vom Nihilismus bedroht ist; vom Nihilismus des Feuers, der Dummheit und des Hasses.

A: Und dennoch kehren Sie zu Ihren Erinnerungen, Ihren Erlebnissen zurück?

B: Ja, obwohl ich mich bemühe, möglichst objektiv zu sein und nicht von mir zu reden. Was mir, wie ich sehe, nicht besonders überzeugend gelingt.

A: So sagen Sie mir doch zum Schluß noch, was für Sie Kultur ist und warum es in Ihrer Dichtung so viele Anspielungen auf die Bibel, die Mythologie, die Geschichte gibt?

B: Die Grundfunktion der Kultur ist die Erschaffung von Werten, für die zu leben sich lohnt. Es gibt einen mir lieben und wichtigen alten Begriff, der anderen lächerlich und unmodern erscheint: Humanist. Für letztere sind Humanisten ältere Herren, welche die Klassiker lesen, aber in der Welt der Gegenwart rettungslos verloren, hilflose Relikte der Vergangenheit sind. Und doch sind Humanisten Menschen, die danach streben, sich die Räume der Wirklichkeit soweit wie möglich anzueignen, sie zu assimilieren, sie zu erkunden. Eine Welt zu erschaffen, wenigstens ein Bild von der Welt, nach dem Maß des Menschen, nach seiner Fähigkeit, zu verstehen und zu empfinden. Weshalb kehre ich in meinen Gedichten immer wieder zu biblischen oder historischen Themen zurück? Nicht, um den Leser zu betören. Für mich ist es auch keine Flucht vor der Wirklichkeit. Zum Glück sind die Zeiten vorbei, da man Mythologie und Realismus miteinander konfrontierte. In den Sagen und Legenden sind wesentliche menschliche Erfahrungen enthalten. Und wenn ich über Apollo und Marsyas schreibe, kopiere ich diesen Mythos nicht einfach aus der griechischen Mythologie, sondern versuche die alte Überlieferung jenes grausamen Zweikampfes neu zu lesen und die Frage zu beantworten, welcher Gehalt, welche Wahrheiten darin aktuell und lebendig sind. Nicht nur für mich, sondern, wie ich hoffe, auch für meine Leser.

Zbigniew Herbert, Sinn und Form, Heft 4, Juli/August 2005
Aus dem Polnischen von Marga und Roland Erb

 

Fakten und Vermutungen zum Übersetzer
Fakten und Vermutungen zum Autor + KLfG
Porträtgalerie

 

Zbigniew Herbert – Dokumentarfilm Obywatel Poeta, Teil 1/8.

 

Zbigniew Herbert – Dokumentarfilm Obywatel Poeta, Teil 2/8.

 

Zbigniew Herbert – Dokumentarfilm Obywatel Poeta, Teil 3/8.

 

Zbigniew Herbert – Dokumentarfilm Obywatel Poeta, Teil 4/8.

 

Zbigniew Herbert – Dokumentarfilm Obywatel Poeta, Teil 5/8.

 

Zbigniew Herbert – Dokumentarfilm Obywatel Poeta, Teil 6/8.

 

Zbigniew Herbert – Dokumentarfilm Obywatel Poeta, Teil 7/8.

 

Zbigniew Herbert – Dokumentarfilm Obywatel Poeta, Teil 8/8.

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