Zbigniew Herbert: Bericht aus einer belagerten Stadt

Herbert-Bericht aus einer belagerten Stadt

DIE EINSTIGEN MEISTER

Die Einstigen Meister
kamen ohne Namen aus

ihre Signaturen waren
weiße Madonnenfinger

oder die rosa Türme
di cittá sul mare

auch Szenen aus dem Leben
della Beata Umiltá

sie lösten sich auf
im sogno
miracolo
crocifissione

fanden Zuflucht
unter dem Lid der Engel
hinter Hügeln aus Wölkchen
im dichten Gras von Eden

sie ertranken restlos
im goldenen Himmelszelt
ohne Entsetzensschrei
ohne Ruf um Gedenken

die Oberfläche ihrer Bilder
sind glatt wie ein Spiegel
es sind keine Spiegel für uns
es sind Spiegel für Auserwählte

aaaaaich rufe euch Alte Meister
aaaaain schweren Momenten des Zweifels

aaaaamacht daß die Schlangenhaut
aaaaader Hoffart von mir abfällt

aaaaalaßt mich ertauben
aaaaafür die Versuchung des Ruhms

aaaaaich rufe euch Einstige Meister

aaaaaMaler des Manna-Regens
aaaaaMaler Gestickter Bäume
aaaaaMaler der Heimsuchung
aaaaaMaler des Heiligen Butes

Bin zu alt um Waffen zu tragen

zu kämpfen wie die andern
man bestimmte mir gnadenhalber den minderen Part des Chronisten
ich notiere – wer weiß für wen – die Ereignisse der Belagerung

Unklar ist, wann diese Belagerung stattgefunden hat:

vor zweihundert Jahren Dezember September vielleicht gestern früh
alle kranken wir hier am Schwinden des Zeitgefühls

es folgen die Fakten.
Die Fakten – dieses 1982 entstandenen Gedichts – bewegen. Mit im Zaum gehaltenen Gefühlen berichten sie von langer Belagerung, von Feinden, die einander ablösen:

Goten Tartaren Schweden Rotten des Kaisers das Heer der Verklärung des Herrn
wer kann sie zählen.

Und das Bekenntnis:

nur unsere Träume sind nicht gedemütigt worden.

Die Träume sind dazu da, inmitten der Verbrechen über Jahrhunderte nicht aufzuhören, die Welt zu lieben. Eben dies gelingt Herbert – wieder und wieder – in seinen Gedichten. Er befolgt das Wort Marc Aurels: Prüfe die Beschaffenheit der Dinge in der Welt und unterscheide an ihnen die Stoffe, die wirkende Kraft und den Zweck.
Was Jerzy Kwiatkowski vor mehr als zwanzig Jahren schrieb, hat seine Gültigkeit bewahrt, oder wird noch einmal bestätigt: „Herberts Ziel ist nicht die Neuheit. Sein Ziel ist die Vollkommenheit … Maß, Harmonie, Gleichgewicht. Gleichgewicht von Überraschung und Mitteilung, von Konstruktion und Emotion. Von Gewichtigkeit des Problems und Kraft der ästhetischen Wirkung. Poesie der ausgewogenen Waagschalen.“
Das Original des vorliegenden Bandes erschien 1983 in Paris.

Suhrkamp Verlag, Klappentext, 1985

Fakten und Vermutungen zum Übersetzer
Fakten und Vermutungen zum Autor

Zbigniew Herbert – Dokumentarfilm Obywatel Poeta, Teil 1/8.

Zbigniew Herbert – Dokumentarfilm Obywatel Poeta, Teil 2/8.

Zbigniew Herbert – Dokumentarfilm Obywatel Poeta, Teil 3/8.

Zbigniew Herbert – Dokumentarfilm Obywatel Poeta, Teil 4/8.

Zbigniew Herbert – Dokumentarfilm Obywatel Poeta, Teil 5/8.

Zbigniew Herbert – Dokumentarfilm Obywatel Poeta, Teil 6/8.

Zbigniew Herbert – Dokumentarfilm Obywatel Poeta, Teil 7/8.

Zbigniew Herbert – Dokumentarfilm Obywatel Poeta, Teil 8/8.

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