Zbigniew Herbert: Gewitter Epilog

Herbert-Gewitter Epilog

PORTRÄT VOM JAHRHUNDERTENDE

Von drogen verwüstet erwürgt von der abgase schal
zum lohenden stern verbrannt verglüht die Supernova
dreier abende – chaos begehren qual
betritt das trampolin fängt von neuem an

zwerglein unserer zeit sternchen verkohlter abende
künstler mit bocksfuß der den demiurgen verhöhnt
jahrmarktapokalypse o fürst der mondsüchtigen
verbirg dein haßgesicht

solange noch zeit ist rufe das wasserbad das lamm
möge der echte stern aufgehn Mozarts Lacrimoso
rufe den wahren stern das hundertblättrige land
die epiphanie beginne offen ist die Neue Karte

 

 

 

Inhalt

In dem Gedichtband Gewitter Epilog konzentrierte sich Zbigniew Herbert am Ende seines Lebens noch einmal ganz auf sein ureigenes Gebiet, die Lyrik. Der Ton in Herberts Gedichten ist leise, lakonisch und gelassen, geprägt von Ironie und einem hellsichtigen Blick auf die eigene Existenz. Prägende Lebenserfahrungen und -einsichten tauchen immer wieder in diesen Gedichten auf, aber auch die Kritik an Mißständen, Krieg, Gewalt und Sinnlosigkeit zeichnet thematisch die Lyrik Herberts aus. Seine Sprache wirkt zunächst einfach, sie ist unprätentiös und „leicht“, ist die Sprache eines einzigartigen Poeten.

Suhrkamp Verlag, Ankündigung

 

Der Eulenschrei

Allem Anfang wohnt ein Zauber inne – doch was haust im Ende? Erste Gedichtsammlungen junger Dichter lassen nicht selten durch einen neuen Ton aufhorchen – was aber ist aus den letzten Gedichtbänden der gealterten Dichter herauszuhören? Wobei mit „letzte Gedichtbände“ nicht solche gemeint sind, die eher zufällig ein Œuvre beschließen, sondern jene, die das derart bewußt tun, daß bereits der Titel vom Finale kündet: Zu guter Letzt nannte Wilhelm Busch seine letzte Veröffentlichung, Aprèslude ist Gottfried Benns Spätestwerk überschrieben, und Gewitter Epilog hat Zbigniew Herbert den Gedichtband getauft, der kurz vor seinem Tod im Jahre 1998 im polnischen Original veröffentlicht wurde.
Ich habe das 78 Seiten starke Buch mit gemischten Gefühlen in die Hand genommen. Wovon mag einer schon reden, wenn es mit ihm zu Ende geht? Vom Ende vermutlich, vom Leid wahrscheinlich, vielleicht vom Schmerz. Will man das hören? Zugleich umstrahlt noch das banalste letzte Wort die Aura des zeitverfallener Kritik entrückten Unwiderruflichen. Will man da weitere Worte machen? Hieße das nicht zwangsläufig: Worte verlieren? Versuchen wir es trotzdem. Sagen wir vorweg, daß Zbigniew Herbert in der Tat von all dem redet, was der Epilog eines Lebens erwarten – befürchten? – läßt, von Alter, Krankheit, Abschied. Und fügen wir sogleich hinzu, daß damit wenig gesagt ist, da solche Aufzählung mit keinem Wort verrät, wie Herbert das alles zur Sprache bringt.
Da er das Wie selber in Worte gefaßt hat, kann ich sie mir sparen. Etwa zur Mitte des Gedichtbands läßt Zbigniew Herbert Herrn Cogito, sein seit Jahren bewährtes Alter ego, eine dankenswert deutliche, „Ars longa“ überschriebene Poetik formulieren:

in jeder generation
kreuzen leute auf mit einem starrsinn
der einer besseren sache würdig wäre
bestrebt die poesie aus den krallen
des alltags zu reißen
schon in jungen jahren
gehören sie zum orden
der Allerheiligsten Subtilität
und Himmelfahrt



Für die Mitglieder dieses Ordens aber haben der Herr Cogito und sein Dichter nur kopfschüttelndes Mitleid übrig:

und sie ahnen nicht einmal
welche verheißungen
welche schönheiten
und überraschungen
jene sprache in sich birgt
die alle sprechen
scherge und Horaz



„Sprache die alle sprechen“ – das könnte alltägliche Sprache meinen, kämen nicht unvermutet der nicht ganz alltägliche Scherge und der einzigartige Poet Horaz ins Spiel. Und was heißt schon „alltäglich“, wenn der Alltag etwas so Aufregendes ist wie ein Raubtier, das die Poesie in den Fängen hält? Was schließlich geschähe der Poesie, versuchte man, sie diesem Alltag zu entreißen? Würde sie diesen Versuch unbeschadet überstehen? Nicht vielmehr dabei verenden und unter dem unseligen Beifall der Allerheiligsten Subtilität gen Himmel fahren?
Andererseits: Darf der Dichter die Poesie den Krallen des Alltags überlassen? Muß er vor dem scheinbar allmächtigen Raubtier die Waffen strecken, um sich bescheiden darauf zu beschränken, in nun wirklich alltäglicher Sprache Alltägliches mitzuteilen? Natürlich nicht. Was dabei herauskommt, haben uns die letzten Jahrzehnte des letzten Jahrhunderts gelehrt: Befindlichkeitsgedichte und Laberlyrik.
Wie also dann? Auf welche Weise vermag es der Dichter, dem heiklen Mit- und Ineinander von Poesie und Alltag jene Verheißungen, Schönheiten und Überraschungen abzugewinnen, von denen der Orden der Allerheiligsten Subtilität nichts ahnt?
Das führt Zbigniew Herbert Seite für Seite derart exemplarisch und inspiriert vor, daß es eine – es sei eingestanden auch: unheimliche – Freude ist, seinem Leidensweg zu folgen.
Dichters Alltag ist hart, und er beschönigt nichts. Gleich zu Beginn des Buches spricht er von „spritzen mitsamt nadeln, dick oder hauchdünn“, von „bandagen“, „tropf“ und „heftpflaster“.
„Ich weiß meine tage sind gezählt“ beginnt ein Gedicht, ein anderes antwortet auf die klassische Krankenhausfrage „Was kann ich noch für Sie tun“. Herbert nennt die Krankheit beim Namen, „Parkinson“, er spricht vom Schmerz und vom Behindertsein, und er überschreibt ein Gedicht umstandslos mit „Das Ende“.
Der Alltag hat die Krallen ausgefahren – wie also die Poesie retten? Da Herbert weiß, daß mit Gewalt nichts zu machen ist, greift er zur List: Er luchst dem Raubtier die Beute ab. Das Gedicht beispielsweise, in welchem er die medizinischen Utensilien aufzählt, ist nicht der erwartete Klagegesang, sondern ein Dankgebet:

Herr, dank sag ich Dir für all die
spritzen mitsamt nadeln
dick oder hauchdünn, bandagen,
heftpflaster



− und bereits die Nennung eines Adressaten macht aus der Aufzählung eine Anrufung, aus eindeutigen Alltagsworten eine zweideutige Litanei:

dank für den tropf, die mineralsalze
und ganz
besonderen dank für all die
schlaftabletten mit namen
wohllautend wie die der römernymphen



schön, dieser helle und schnelle Brückenschlag von antiker Mythologie zu den Produkten der modernen Medizin:

die gut sind, weil sie den tod erbitten,
an ihn erinnern,
stellvertretend.



Das ist rasch gegangen: von ironischer Anrufung zu unverstellter Lagebeschreibung, und es ist dieser stete Wechsel der Tonfälle und Blickwinkel, der den Leser zunehmend aufmerksamer zuhören läßt und ihn immer genauer hinsehen lehrt.
Herbert liebt es, Redeweisen wörtlich zu nehmen. Er kämpft um sein Leben? dann aber richtig!
„Die letzte Attacke. Für Mikolaj“ hat er jenes Gedicht überschrieben, in welchem der Feind beim Namen genannt wird. Zunächst aber spricht er sehr förmlich, von Kompaniechef zu Kompaniechef:

Laß mich zuerst mein freudiges
erstaunen äußern
daß wir nun beide unsre kompanie
anführen
verschiedene uniformen verschiedene
kommandos
doch ein gemeinsames Ziel: überleben



Sodann läßt er Mikolaj zu Wort kommen, der ebenfalls für einen Abbruch der Kampfhandlungen plädiert:

der krieg macht nur auf paraden einen
schönen eindruck



− doch haben beide die Rechnung ohne den Gegner gemacht:

während du das sagst geht ein
mächtiges artilleriefeuer
auf uns nieder der schurke Parkinson
hat so lange gewartet
bis er uns erwischte als wir lässig vor
uns hintrotteten
die kragen aufgeknöpft die hände in
den taschen
in gedanken auf urlaub nun macht
parkinson uns plötzlich klar
der krieg ist noch nicht aus ist noch
nicht zu Ende
dieser verdammte krieg



Anrufung, Grußwort, Bericht, Verwünschung – der Dichter schlüpft von einer Rolle in die andere, und sei es nur zu dem Zweck, aus der Rolle fallen zu können und Klartext zu reden:

ein schwacher hüter
des nichts bin ich
nie im leben
ist es mir gelungen
eine anständige abstraktion
zustande zu bringen.



Nein, das hat Zbigniew Herbert auch in seinem Epilog nicht geschafft. Selbst „Das Ende“ kann er sich nicht anders als bildhaft vorstellen. Er ist nicht mehr? Dann wird man sich ja wohl auch kein Bild mehr von ihm machen können:

Fortan werde ich auf keinem
gruppenfoto zu sehen sein
(stolzer beweis
meines todes in allen literaturblättern
der welt)



− so beginnt ein fünfzehnzeiliges Gedicht, das mit einer jener Volten endet, welche den Herbert-Leser immer wieder überrascht aufhorchen und aufschauen läßt. Woran erinnert dieses Fehlen auf Fotos noch mal? Zumal den, der den kommunistischen Alltag erlebt hat? Ja, richtig:

ich bin so tyrannisch weg als wäre ich
wie einer
den eben noch die gunst des führers
schützte
plötzlich ein Volksfeind



Rollenspiel, Gedankenspiel, Spiel mit Worten, Spiel mit Bildern – mal ist das Ende eine Art Foto-Finish, mal eine Abreise des Herrn Cogito in die Ferien:

man kann doch die abreise
in die ferien
nicht auf den Sankt Nimmerleinstag
aufschieben

Mal ist vom „Abflug“ des Herrn Cogito die Rede, dann, in dem Gedicht „Herr Cogito und die Position seiner Seele“, ist sie es, die sich von heute auf morgen davon machen könnte:

vorerst aber
sitzt sie auf der schulter
abflugbereit



Zbigniew Herbert hat die Zeit bis zu ihrem Abflug dazu genutzt, dem verrinnenden Alltag und seiner Beute mit Witz, Einbildungskraft und Kunstverstand beizukommen. Und er hatte wohl noch andere, sehr persönliche Methoden parat, die Poesie zumindest ein Gedicht lang auf wundersam unangestrengte Weise ganz und gar von jeder Alltäglichkeit zu befreien. Anders sind jene Zeilen nicht zu erklären, die wie Zaubersprüche wirken, zugleich dunkel und einleuchtend. In „Der Kopf“, dem letzten Gedicht des Buches, schreitet Theseus „in die Zeit der erneuerung“, den skalpierten Kopf von Minotaurus in der Faust hochhaltend, und die letzte der beiden Strophen lautet:

Des sieges bitterkeit der eulenschrei
des tagesanbruch mißt mit kupfermaß
damit des süßens scheiterns warmen
atem
er bis ans ende spürt im nacken

Robert Gernhardt, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23.9.2000

Herr Cogito nimmt Abschied

− Zbignew Herberts letzte Gedichte. −

Der Krieg ist noch nicht aus:

der schurke Parkinson hat so lange gewartet
bis er uns erwischte als wir lässig vor uns hintrotteten
die kragen aufgeknöpft die hände in den taschen
in gedanken im urlaub

und nun gibt es nur noch „ein gemeinsames ziel: überleben“. So spricht ein alter Mann, der das Ende ahnt, zu einem Freund und zu sich selbst. Der polnische Dichter Zbignew Herbert (1924–1998) hat in seinem Werk für das lyrische Ich oft den Decknamen „Herr Cogito“ verwendet, auch sein bekanntestes Buch trägt ihn als Titel. Kurz vor seinem Tod hat Herbert diesen Herrn Cogito ein letztes Mal auftreten lassen, in der Gedichtsammlung Gewitter Epilog.
In Polen war Zbignew Herbert derart als Klassiker anerkannt, dass sich die politischen Lager um ihn stritten, das Regime und die Opposition sahen ihn gleichermassen als einen der ihren an. Dabei stand er gar nicht klassisch über den Zeiten, seine Kunst kam direkt aus den Ruinen der Geschichte. Er kannte den Staatsterror und die Zensur, legte sich aber nur in Anspielungen mit ihnen an. Sein Ziel war ein grösseres, nämlich grundsätzlich noch Dichtung zu machen trotz Auschwitz und Katyn.
Auch in seinem Abschiedsbuch besichtigt der Autor sein Zeitalter, das politische sowie das private, etwa in dem Gedicht „Das Hohe Schloß“, anlässlich einer Reise in „die verstummte stadt Lemberg“, in der er geboren ist, die nun zur Ukraine gehört. Seine Muttersprache gibt es nicht mehr in der Vaterstadt. Der Schlossberg erinnert an gehängte Freiheitskämpfer, „uns aber tragen sie / bald / (…) in ein anderes / noch höheres / schloß“. Immer ist in diesen letzten Gedichten das nahe Lebensende präsent („kurz vor dem schlussteil / abgerissene akkorde“), und immer noch mischen sich in der Seele des Herrn Cogito die Sorgen mit sich selbst und die mit der ganzen übrigen Welt.
Beiläufig ist die gesamte Kultur des Abendlandes in Zbignew Herberts Dichtungen ständig dabei. In seinem stupenden Essayband Ein Barbar in einem Garten (1962) führt er den Leser an einige ausgesuchte Orte der Geschichte und der Kunst. Nun, in diesem letzten Gedichtband, nimmt er auch davon Abschied, vom Lächeln der Gioconda, der Nofretete und der etruskischen Mädchen. Neben diesen Ikonen der Hochkultur stehen jetzt aber, als Zeuginnen beinahe ebenbürtig, die Abbilder des neuesten Zeitalters, Prinzessin Diana und die Sängerin Dalida: „dank ihrer / ward die tyrannei / verschönt / durch schlager“. Ähnlich war auch die Lebensaufgabe des Herrn Cogito, der Tyrannei mit Kunst zu trotzen.

Franz Haas, Neue Zürcher Zeitung, 10.7.2000

Den Kopf sanft senken

− Letzte Gedichte des großen Danksagers und Lobpreisers Zbigniew Herbert. −

Nicht viel wird bleiben Richard wirklich nicht viel
von der dichtung dieses wahnsinnsjahrhunderts sicherlich Rilke und Eliot
auch ein paar andre würdige schamanen die das geheimnis kannten
widerstandsfähige wörter gegen die wirkung der zeit zu beschwören
(„An Ryszard Krynicki“).

Zu den paar andren, deren Poesie Zbigniew Herbert Haltbarkeit attestierte, zählte zweifellos er selbst, auch wenn er so gar nichts von einem Schamanen an sich hatte. Er war und blieb, auch in bedenklich bacchantischen Situationen, stets ein Herr, ein polnischer Herr, der als Dichter nicht von ungefähr am liebsten in der Gestalt des Pan Cogito – des Herrn Cogito – auftrat. Diesem Alter Ego verdanken wir einige Gedichte, die in ihrer Anschauungskraft, Gedankenklarheit, Welt- und Menschenzugewandtheit einzigartig dastehen in der lyrischen Landschaft des 20. Jahrhunderts, Gedichte, die diesem Wahnsinnsjahrhundert wahrhaftig Widerstand leisteten.
Es sind ziemlich altmodisch anmutende Attribute, die sich in der Erinnerung an Zbigniew Herbert als Erstes bei mir einstellen: Stolz, Großmut, Treue, Tapferkeit (sie vor allem), Weisheit (ja, auch sie). Doch wie viel Intelligenz und Ironie – Selbstironie insbesondere – gehörten dazu, um alle diese Eigenschaften, die sich unter den einen Begriff Humanität subsumieren ließen, unbeschädigt über die schrecklichen Zeiten zu bringen. Unter den vielen Engeln seines Werks – nur Rafael Alberti hat es auf noch mehr Engel gebracht – gibt es nicht nur einen engel der skepsis, sondern auch einen engel der ironie. Ohne seine wunderbare Waffe des Lachens, ohne sein entwaffnendes Lachen wäre Zbigniew Herbert verloren gewesen in einer Zeit, die einem Polen, einem polnischen Dichter zumal, furchtbare Prüfungen auferlegte.

Aus der inneren wurde die äußere Emigration
Der 1924 in Lemberg Geborene, dessen großbürgerliche Familie – der Vater war Bankdirektor – in den vierziger Jahren auseinander getrieben und unter dem Nazi- wie dem Sowjetterror zu leiden hatte, studierte nach 1945 in Krakau, Thorn und Warschau nicht nur Polonistik, Philosophie und Kunstgeschichte, sondern auch Jura und Ökonomie und besuchte daneben eine Schauspielschule. Dem polnischen Schriftstellerverband, in den für einen Jungautor der Eintritt obligatorisch, aus dem aber ein Austritt nicht vorgesehen war, kehrte Zbigniew Herbert schon 1951 den Rücken. Das war so unerhört und unopportunistisch wie seine Mitarbeit an einem katholischen Wochenblatt, das bald schon vom kommunistischen Regime liquidiert wurde. Erst 1956, im Jahr des polnischen Tauwetters, wollte und konnte er seinen ersten Gedichtband publizieren, der sofort in Polen und über Polen hinaus große Beachtung fand. Als aber bald darauf Polen erneut vom ideologischen Frost befallen und der sozialistische Realismus zum Schriftstellersoll wurde, unterzog sich Herbert erneut der Prüfung des Schweigens. Er verdingte sich als kaufmännischer Angestellter und strapazierte im Übrigen so oft als möglich sein letztes Privileg: die Auslandsreisen (ihnen verdanken wir sein großartiges griechisches Tagebuch Im Vaterland der Mythen und seine wunderbar augenöffnenden Reiseskizzen aus Italien, Frankreich und Schottland Ein Barbar in einem Garten).
Aus der inneren wurde dann doch auch eine äußere Emigration, die Zbigniew Herbert in vielen Ländern sah. Ein Gedichtband wie Bericht aus einer belagerten Stadt, dessen Titel schon unüberhörbar auf den Belagerungszustand in Polen anspielt und in dem vom „wehrlosen Vaterland“, von Prozessen, Gefängniszellen, vom „Niedergang durch Apathie“ und von der „Erwürgung durch das Amorphe“ die Rede ist, konnte 1983 nur in einem Pariser Exilverlag erscheinen. Das Titel gebende Gedicht darin schließt voll Bitterkeit: „wir schauen ins Antlitz des Hungers ins Antlitz des Feuers des Todes / und ins ärgste Gesicht von allen – in das des Verrats // und nur unsere Träume sind nicht gedemütigt worden“.
Es wirkt wie ein später Triumph derer, die Herbert aus der Heimat vertrieben, dass in dem jetzt vom Suhrkamp-Verlag vorgelegten Auswahlband Herrn Cogitos Vermächtnis, den Zbigniew Herbert kurz vor seinem Tod für einen Verlag im nunmehr demokratischen Polen zusammenstellte, dieses programmatische Gedicht um das „nicht“ seiner Schlusszeile gebracht wurde und nun also so endet: „und nur unsre träume sind gedemütigt worden“!
Es ist noch anderes misslich in diesem sonst verdienstvollen Band, so erscheint etwa Herberts Gedicht „Die alten Meister“ – eine Art Schlüsselgedicht, weil es Herberts Sehnsucht nach Anonymität ausdrückt – in O.J. Tauschinskis alter verballhornter Übersetzung als „Die Einstigen Meister“, über die schon Herbert selbst, den ich einmal bat, dieses Gedicht fürs Radio auf Deutsch vorzutragen, sich vor Lachen so ausschüttete, dass es nicht mehr zur Lesung kam.
Zbigniew Herbert war ein großer Träumer und überhaupt kein Fantast. Wie sein Herr Cogito „traute er niemals den Künsten der Phantasie“ und den „künstlichen Feuern der Dichtung“, sondern „verehrte Tautologien… / daß der Vogel ein Vogel sei / die Knechtschaft Knechtschaft / das Messer ein Messer / der Tod der Tod“ (Herr Cogito und die Phantasie). Seine Gedichte, die ohne jedes künstliche Dunkel und ohne alle Stimmungseffekte, ohne Suggestion und Sophistik auskommen, sind ganz unmissverständlich, weil ganz gegenstandssüchtig. Herbert, der aller Metaphorik misstraute, meinte einmal: „Gäbe es eine Schule der Literatur, so müßte man in ihr vor allem die Beschreibung der Gegenstände üben und nicht die der Träume“. In seiner ergreifenden „Elegie auf den Fortgang der Feder der Tinte der Lampe“, in der er die verschwundenen Gegenstände seiner Kindheit beschwört und zugleich mit der Geschichte abrechnet („die dialektische bestie an der leine der häscher“), summiert er zuletzt, was ihm im Alter geblieben ist: „nicht viel ist mir übrig geblieben / sehr wenig // gegenstände / und mitleid“.
Mitleid erfüllen muss jeden Herbert-Leser, der die Musikalität seiner lang ausschwingenden Sätze bewundert, wenn der im Alter nach Warschau zurückgekehrte und von schwerem Asthma gequälte Dichter, der den Verlust ebendieser seiner Fähigkeit zu langen Perioden fürchtet, in einem seiner Brevier-Gedichte bittet:

Herr,

leih mir die gabe, lange sätze zu bilden, deren
linie von atemzug zu atemzug sich spannt
wie hängebrücken, wie regenbogen, wie das alpha und omega
des ozeans

Herr,

leih mir kraft und geschick derer, die lange sätze bilden,
ausladend wie die eiche, geräumig wie ein weites tal,
damit in ihnen platz finden welten, weltenschatten,
welten aus dem traum

Diese Brevier-Gedichte finden sich in dem schon im Frühjahr von Suhrkamp vorgelegten Band Gewitter Epilog, der die letzten Gedichte Herberts aus der Zeit seiner Warschauer Matratzengruft enthält, Gedichte, die freilich ganz ohne Selbstmitleid sind und noch einmal Herberts Liebe für den ganz gewöhnlichen, das heißt aller Ideologien entkleideten Menschen bezeugen, Gedichte, die noch einmal seiner Leidenschaft für das „heilige Ritual der Alltäglichkeit“ frönen, das er auf den Bildern der von ihm so verehrten und in seinem Essayband Stilleben mit Kandare so einfühlsam beschriebenen Kleinmeistern des Goldenen Zeitalters der niederländischen Malerei gefeiert fand.

Dank für die Brillen, Knöpfe, Stecknadeln, Hosenträger
In diesem letzten schmalen Gedichtband erleben wir auch noch einmal den großen Danksager und Lobpreiser Zbigniew Herbert, der gerade die kleinen und kleinsten Freuden des Lebens als die eigentliche Lebenssubstanz begriff und dabei nicht einmal die „magazinbeilagen“ oder „Dalida“ vergaß („dank ihrer / ward die tyrannei / verschönt / durch schlager“) und erst recht nicht seine armenische „allerheiligste Großmutter“, die ihm einst mit ihren Geschichten „das universum“ erzählte, aber etwas vorsätzlich aussparte:

sie erzählt nichts
vom gemetzel
vom gemetzel der Türken
an den Armeniern

sie gönnt mir
ein paar jährchen illusion

Im ersten dieser Brevier-Gedichte, das wie eine Fortschreibung des gewaltigen frühen Dankgedichts Herrn Cogito, des Reisenden, Gebet wirkt, sagt der alte Dichter auch Dank „für diesen lebenskrempel, worin ich / ewiglich rettungslos versinke“, für „knöpfe stecknadeln hosenträger brillen tintenströme und das allzeit gastfreundliche papier“, und selbst wenn das Geschenk der Illusionen nun nahezu aufgebraucht ist, stimmt Herbert lieber ein Dankgebet als einen Klagegesang an:

Herr, dank sag ich Dir für all die spritzen mitsamt nadeln
dick oder hauchdünn, bandagen, heftpflaster, schmiegsame
kompressen, dank für den tropf, die mineralsalze und ganz
besonderen dank für all die schlaftabletten mit namen
wohllautend wie die der römernymphen

die gut sind, weil sie den tod erbitten, an ihn erinnern,
stellvertretend

Mit dem Tod, nein, mit den Toten stand Zbigniew Herbert früh auf vertrautem Fuß, seine poetische Welt wird weit mehr von diesen als von Lebenden bevölkert. „So lebe ich in verschiedenen zeiten“, bekennt noch eines seiner letzten Gedichte, Die Zeit, das an Herberts Fähigkeit erinnert, in den Dialog zu treten mit Göttern und Göttinnen der antiken Mythologie ebenso wie mit Denkern und Künstlern des klassischen Erbes der westlich-mediterranen Kultur und mit ihren Zungen zu sprechen, um auf diesem Umweg kunstvoll ironisch, aber ganz ohne den Brechtschen Belehrungsgestus unliebsame Wahrheiten über seine eigene Zeit loszuwerden. Zbigniew Herbert, dieser so überaus unakademisch anmutende Poeta doctus, blieb auch bei der Frage nach den letzten Wahrheiten und letzten Dingen ganz seiner Philosophie von den Wonnen der Gewöhnlichkeit und der Größe im Kleinen treu. So lässt er in seinem Gedicht „Herr Cogito erzählt von der Versuchung Spinozas“ niemand anderen als Gott selbst dem portugiesischen Juden in Amsterdam auf seine Fragen nach dem ersten und dem letzten Grund antworten:

betrachte deine hände
sie sind verletzt und zittern

− dein augenlicht leidet
im dunkel

− du ernährst dich schlecht
kleidest dich ärmlich

− kauf dir ein neues haus
verzeih den venezianischen spiegeln
daß sie die oberfläche wiederholen

− verzeih die blumen im haar
dem liederlichen trinker

− sorge für einnahmen
wie dein kollege Descartes

− sei schlau
wie Erasmus

− widme Ludwig XIV.
ein traktat
er wird’s sowieso nicht lesen

− beschwichtige
die rationale furie
sie macht die throne stürzen
die sterne schwarz

− denk
an ein weib
das dir kinder schenkt

− siehst du Baruch
wir reden von Großen Dingen

− ich möchte daß sie mich lieben
die ungebildeten ungestümen
sie sind die einzigen
die nach mir wirklich verlangen

Diese ungebildeten ungestümen, jene, denen sich Zbigniew Herbert zeitlebens am nächsten fühlte, die Leidenden und mühselig Beladenen, vermutete er eher in Rovigo als in Florenz. „Rovigo“, nach dieser kleinen Industriestadt, zu der der Italien-Tourist allenfalls ein Autobahnausfahrtsschild kurz vor Florenz assoziiert, nach diesem „meisterwerk der durchschnittlichkeit“ hat Zbigniew Herbert einen ganzen Gedichtband genannt. In seinem Gedicht „Herr Cogito meditiert über das Leid“ – und wieder bin ich versucht zu sagen, einem seiner schönsten Gedichte, wenn Herbert nicht so viele schönste Gedichte geschrieben hätte! – erteilt er einige Ratschläge über den Umgang mit dem Leid, wie nur er, dieser von der Geschichte seines Wahnsinnsjahrhunderts so sehr gebeutelte und doch stets unbeugsame Pole und Dichter, sie erteilen konnte:

man muß sich fügen
den kopf sanft senken

nicht die hände ringen
sich maßvoll und ungezwungen
des leids bedienen
wie einer prothese

ohne falsche scham
doch ebenso ohne überflüssigen hochmut
nicht mit dem stumpf
über den köpfen der andern fuchteln
nicht mit dem weißen stock
an die fenster der satten klopfen
den sud dieser bitteren kräuter trinken
doch nicht zur neige
vorsorglich ein paar schluck
für die zukunft lassen
wenn möglich
aus der materie des leids
ein ding oder eine person erschaffen
spielen
mit ihm
natürlich
spielen
spielen mit ihm
sehr behutsam
wie mit einem kinde
das krank ist
und das man am ende
mit albernen kunststücken doch
zu einem schwachen lächeln
zwingt

Peter Hamm, Die Zeit, 19.10.2000

Der rührendste Ort ist der Bauchnabel

Nüchtern – diese bei einem Dichter überraschende und einem Slawen selten unterstellte Eigenschaft ist es, die man vor allen anderen nennen muss, wenn man von dem vor zwei Jahren verstorbenen polnischen Lyriker Zbigniew Herbert spricht. Nüchtern, insofern er weiß, dass das Wort nichts bewirkt, keinen Krieg aufhält, keinen Toten zurückholt, keine verwendbaren Gegenstände herstellt. Sich als Gewissen der Nation aufzuspielen, war Herbert zu viel und zu wenig. 1924 geboren und durch den Krieg geprägt, sah er sich als Chronist nicht nur des letzten, sondern auch früherer Kriege, als Gesprächspartner der Toten, als jemand, der die verehrten Gemälde alter Meister beschreibt und die nützlichen kleinen Dinge des Alltags lobt. Da ihm die Gewissheit des Weltverbesserers fehlte, schickte er sein polnisches Wort auf Reisen. Beflügelt zieht es in ferne Zeiten und fremde Räume, zu Engeln und Toten, mal in heiligem Ernst, mal in heiterer Ironie, immer urteilend, aber nie revoltierend. Denn was Herberts Gedichte auszeichnet, ist eine tiefe Skepsis, die sich zuallererst gegen das lyrische Ich selbst richtet. Es kann sich durchaus eine Welt vorstellen, in der es nicht vorhanden ist. Sie wäre nicht besser und nicht schlechter, sie wäre nicht einmal anders. Diese Haltung verleiht Herberts Gedichten eine Wucht, die ihre Trauer beschwert und ihre Heiterkeit beschwingt. Im Frühjahr brachte der Suhrkamp Verlag unter dem Titel Herrn Cogitos Vermächtnis eine noch von Herbert selbst zusammengestellte repräsentative Auswahl von Gedichten heraus, die zu verschiedenen Zeiten entstanden sind. Im Herbst folgte mit Gewitter Epilog ein Band mit den im Bewusstsein des nahenden Todes geschriebenen letzten Gedichten des Autors. Dieser Gedichtband ist intimer und existenzieller, aber einen Bruch zu Herberts früheren Gedichten bedeutet er nicht. Auch wo es um den eigenen Tod geht, verbietet sich der Autor eine nur subjektive Sichtweise, schlüpft gelassen in die probate Rolle seines distanzierten „Herrn Cogito“ und zwingt den Unwilligen lächelnd, einen Blick über den Tellerrand seiner individuellen Existenz zu werfen:

Herr Cogito gelangt zu der einsicht
dass all das so weitergehen wird
wie vor den ferien
sicherlich schlechter
als zu lebzeiten
des Herrn Cogito
aber immerhin geht es weiter.

Der unerschüttert weiter existierenden Welt stellt Herbert die wie ein Vogel auf der Schulter des Herrn Cogito sitzende abflugbereite Seele gegenüber. Und die Gedanken an das Ende wenden sich in einer Kehrtwendung dem Bauchnabel als „rührendstem Ort“ zu, als „Stickerei des Körpers“ und als „Zopfende“. In dem umfangreicheren Auswahlband Herrn Cogitos Vermächtnis, der 89 Gedichte aus verschiedenen Zeiten enthält, finden sich die großen Gedichte mit den Ausflügen in die alten Mythen und die Kriege der Weltgeschichte, angefangen von der Antike bis zum 1980 begonnenen Afghanistan-Krieg. Angesichts der kriegerischen Leidenschaften der Massen und ihrer Herrscher fordert Herbert die stoische Leidenschaftslosigkeit des Einzelnen. Eins seiner Lieblingsbilder ist der „sich selber gleiche, auf seine Grenzen bedachte“ Stein. Wie antwortet doch der griechische Vasenmaler bei Herbert auf die Frage des mordenden König Midas, „weshalb er das Leben der Schatten verewige?“. „Weil der Hals eines galoppierenden Pferdes / schön ist / und weil die Kleider der Mädchen die Ball spielen / wie lebendige Bäche sind und unwiederholbar.“ Anders als Brecht, für den „ein Gespräch über Bäume in finsteren Zeiten fast ein Verbrechen ist“, leitet Herbert gerade aus der Verpflichtung gegenüber den Toten die Aufgabe ab, das Leben in seinen vielfältigen Formen zu preisen, „die Farbe des Himmels am Morgen festzuhalten“ und „unnütze Verse von Blumen“ zu schreiben. Und so heißt es denn bei ihm im Andenken an seinen „im zweiten Kriegsjahr von den Strolchen für Geschichte erschlagenen“ Biologielehrer:

wenn ich auf dem waldpfad
einem käfer begegne
der über den sandhügel kriecht
trete ich näher
scharre mit den füßen
und sage: guten tag herr professor
erlauben Sie dass ich Ihnen helfe

ich hebe ihn vorsichtig hinüber
und sehe ihm lange nach
bis er verschwindet
im dunklen lehrerzimmer
am ende des laubkorridors.

Birgit Veit, Berliner Zeitung, 16.12.2000

„Das endgültige Wort“

Zbigniew Herbert, 1998 in Warschau gestorben, war einer der liebenswürdigsten und härtesten Poeten unserer Zeit. 1997 erhielt der polnische Lyriker den Preis für europäische Poesie. Seine Essays und philosophisch-literarischen Betrachtungen erschienen unter so schönen, sprechenden Titeln wie Stilleben mit Kandare oder Ein Barbar in einem Garten und haben ihn auch einem großen Publikum nähergebracht.
Hier ist nun sein letzter Gedichtband anzuzeigen, Gewitter Epilog geheißen, von Henryk Bereska nach bestem Vermögen ins Deutsche gebracht. Vorzüglich in den freien Versen, etwas hilflos beim Reim und den gebundenen Maßen. Es sind Gedichte, die vom Wissen um den nahenden Tod gekennzeichnet sind.
Wie es sich für den Erfinder der Figur des „Herrn Cogito“ gehört – sie bestimmt viele seiner Gedichte –, ist das kein tragisches, sondern eher ein ironisch gelassenes Wissen: „nicht alles läuft / meint Herr Cogito / nach der perspektive dieser welt“; und er vertauscht spielerisch Jenseits und Diesseits, was freilich ebenso folgenlos bleibt wie die sogenannte richtige Ordnung. Die gibt es ja auch im Alltäglichen nicht, und der Dichter spricht dem Rezensenten aus dem Herzen, wenn er seine „Brevierverse“ so beginnt:

Herr,
dank sag ich Dir für diesen lebenskrempel, worin ich
ewiglich rettungslos versinke, unentwegt suchend nach
irgendeinem kleinkram…

Es geht dann freilich ernsthaft weiter, wenn Herbert „all die spritzen mitsamt nadeln, die bandagen und kompressen und den tropf“ mit einbezieht, ebenso „die schlaftabletten mit namen wohllautend wie die der römernymphen“. Sein Gebet gilt vielleicht einem sanften Tod, vor allem aber – ecce poeta – der „gabe, lange sätze zu bilden, ausladend wie die eiche, geräumig wie ein weites tal, / damit in ihnen platz finden welten, weltschatten, / welten aus dem traum / und damit der hauptsatz sicher über die nebensätze herrscht / … um lange sätze also bete ich, sätze, in mühsal gefügt…“ Es ist eine reich instrumentierte, schöne, engagierte und humorbestimmte Poesie, mit der sich Herbert von uns verabschiedet hat. Er beschönigt nichts, verschweigt auch nicht das Versprechen, das er einst dem Geheimdienst – „schlinge um den hals“ – gegeben hat. Es sind sehr eindrückliche Verse, die uns diese Situation des Jungen vor Augen führen. Die Vernunft riet ihm, sein Wort zu verweigern und sich lauter Entschuldigungen auszudenken:

ich mach es nach dem abitur
nach dem armeedienst
nachdem ich mein Haus gebaut habe

Aber diese Überlegungen und guten Vorsätze schützen nicht vor der Situation der Vernehmung und des Drucks:

aber die Zeit explodierte
es gab nicht mehr das vorher
es gab nicht mehr das nachher
im gleißenden jetzt
war die entscheidung fällig
also gab ich mein wort

Herbert fügt hinzu: „wort – schlinge um den hals – das endgültige wort“. Natürlich war es kein endgültiges Wort, wie Leben und Werke zeigen. Aber es ist doch spannend, wie der Dichter mit der lyrischen Tradition spielt, die das gleißende Jetzt der lyrischen Wortfügung bejubelt, während dem polizeigeprüften Subjekt die Ausdehnung der Zeit als das Humanum schlechthin erschiene.
Schon ein so großes Gedicht wie das Epitaph „Auf den Jungen den die Polizei tötete“ macht alle Irrtümer und Zwangslagen wett. Da heißt es:

So viele schlaflose nächte so viele
windeln lawinen von waschpulver
so viele paare unterwäsche spritzen küsse
auf den warmen hintern
so viele klapse
so viele hoffnungen die vielen verweinten augen
und plötzlich all das zermalmt unterm stiefel
wie zigarettenstummel als sie angriffen…

Kennzeichnend sind freilich weniger die politisch getönten Texte. Charakteristisch ist Herberts Bekenntnis zur Traumsprache – einer „sprache herrlich weitgreifend / hauchzart / wenn sie die grammatik verläßt“. Herbert beruft „des süßen grauens / reine sprache“ ein Widerspruch, ein Oxymoron, verständlich, wenn man hinzunimmt, wie reich, wie gebildet er den Tod in seine Gedichte aufnimmt. So verliert der seinen Schrecken, wird zum Hausgenossen.
„Die derzeitige position seiner seele“ beschreibt Herberts Herr Cogito als „auf der schulter“: das bedeute einsatzbereitschaft, „abflugbereit“ heißt es von diesem Schultersitz. Und entsprechend gibt es viele große Abschiedsgedichte in diesem Band.
Aus dem Krankenzimmer, umstellt von Erinnerung und Gegenwart, heißt es:

so lebe ich in verschiedenen zeiten, nicht existent
schmerzlich reglos und schmerzlos beweglich, und ich weiß
wahrlich nicht, was mir gegeben ist und was mir
genommen
für immer

Es sind aber nicht nur Abschiedsgedichte in diesem Band zu finden, der in die Gegenwart gesprochen ist, er ist viel reicher angelegt, auch thematisch. Gleichwohl – Herbert hat seinen lyrischen Abschied so philosophisch und human gelassen formuliert, daß er zitiert werden muß:

also eines tages
oder eines nachts
wenn alles aufhört
lehnt Herr Cogito
sich bequem in die kissen
deckt die kalten knie
mit einem plaid zu
und gelangt zu der einsicht
daß all das so weitergehen wird
wie vor den ferien
sicherlich schlechter
als zu lebzeiten
des Herrn Cogito
aber immerhin geht es weiter

Nicht nötig, fand Herberts Herr Cogito konsequent, das Thema ,Alter‘ auszuschlachten, gerade „da sich ja alles wiederholt“. Diese Gelassenheit hat sich den Versen von Zbigniew Herbert mitgeteilt, der von sich meinte: „so lebe ich in verschiedenen zeiten“. Dieser Band ist ein weiterer Beweis dafür, daß unsere jedenfalls dazugehört.

Alexander von Bormann, die horen, Heft 203, 3. Quartal 2001

 

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