Zbigniew Herbert: Herr Cogito

Herbert-Herr Cogito

HERR COGITO UND DER GEDANKENVERKEHR

Gedanken gehn durch den Kopf
meint eine Redensart

die Redensart überschätzt
den Gedankenverkehr

die meisten
stehn reglos
mitten in der öden Landschaft
der grauen Hügel
und dürren Bäume

manchmal erreichen sie noch
den reißenden Fluß der fremden Gedanken
bleiben am Ufer stehn
auf einem Bein
wie hungrige Reiher

erinnern sich traurig
an die versiegten Quellen

drehn sich im Kreise
suchen nach Körnern

sie gehn nicht
denn sie kommen nicht an
sie gehn nicht
denn sie wüßten nicht wohin

sie sitzen am Stein
ringen die Hände

unter dem tiefen
bewölkten
Himmel
des Schädels

 

 

 

Lieber Zbigniew,

dieser Band soll Dich aus besonderem Anlaß erreichen – als Gratulation, Geburtstagsgeschenk, Zuspruch. Als Wiederspiegelung (Echo), als Rückblick auf ein vollendetes halbes Säkulum, als Bilanz.
Hattest Du nicht vor Jahren in Deinem Gedicht Inschrift geschrieben, der duft des welkens sei der allerschönste?
Aber ich sehe kein Gewelke. Ich sehe Ernte.

Deine letzten Gedichte – die Meditationen und Modifikationen, auch Metamorphosen des Herrn Cogito – sind aus mehreren Gründen dem Anlaß dieser Publikation angemessen. Sie sind Zusammenfassung und Rundschau. Sie sind sowohl Bekenntnis als auch Distanz. Und außerdem bedeuten sie, wenn ich sie recht verstehe, eine Wende.
Poetologisch sind sie sowieso die Form-Parade Deiner Möglichkeiten, Deiner lyrischen Tonart und Skala.
Was Du in den letzten fünf Jahren geschrieben hast, faßt zusammen, was Dir die letzten fünfzig Jahre zu denken aufgegeben haben. Hier ist Deine ganze, in Dichtung übertragene Lebensphilosophie gegenwärtig, auf engstem Raum, kompakt. Von der ersten Saite aus Licht, deren Themen hier als Konzentrat und Variation wiederkehren, bis zum letzten Identitätszeugnis des Herrn Cogito. Eine gerade Linie aus Konsequenz und Treue.
Es ist eigenartig schön, Deinen alten, ewig jungen „Familien“-Bildern zu begegnen: dem Kiesel (III), dem reißenden Fluß (XXIII), dem großen reinen Wasser (XXIX, XXXIV).
Auch Deine Medien und Modi, Deine Finalfiguren, die wohlvertrauten Charakteristika, tauchen, assoziationsreich, in den neuen Themen, im neuen Kontext auf: Die Betrachtung eines verstorbenen Freundes (XXXIII) endet am Tor des Tals – mit dem Titel des früheren Gedichts; in Kropotkins Spiel (XXXVIII) dröhnen die beschlagenen Stiefel genauso wie seinerzeit in Fortinbras’ Klage. Die Absicht ist unübersehbar. Die Hauptmotive der Gesamtkomposition werden zum Kehrreim, zum Memento mobilisiert. Das gibt der Sammlung noch stärker die Bedeutung einer Rechenschaft, einer Summe.

Ist diese Summe eine Spiegelbild Deiner Selbst, ganz Dein eigen, so ist sie doch zugleich eine Summe aller Errungenschaften der polnischen Nachkriegslyrik insgesamt. Die Beweiskraft der „nackten Poesie“ der ersten Jahre ist darin enthalten, die Entdeckung der kargen Wahrheit, und dann die Revision der schulbuchpflichtigen Geschichte, der klassischen wie der unklassischen, auch das Verhör der Moral. Und dann – der plötzliche Ausbruch, die Öffnung, nach allen Seiten, von der unmittelbaren „Parteinahme für die Dinge“ bis zu der entferntesten angloamerikanischen instant communication, die polnisch beispielsweise sehr eindrucksvoll Czesław Miłosz vertritt. Ein mehrere Welten umspannender Bogen, eine lyrische Kosmographie fast – doch erdgebunden. Eine Weltsynthese.

Das nachdrücklich Neue schließlich: Hattest Du früher Spiegelbilder gemieden, Dich im Gedicht zu verstecken gesucht, im Sinne der Stoiker und Pascals, um Dich nicht irritieren zu lassen von außen, so blickst Du heute häufiger offen und öffentlich Dir ins Gesicht (VII), beobachtest Deinen Gang (V), sinnst der Beschaffenheit Deiner Träume nach (VI, IX), um eine neue Ausgangsposition zu finden. Dein Mut bekommt konkretere, direktere Zielrichtung. Das Engagement tritt deutlicher aus den Metaphern hervor.

Warten, bis diese Deine letzten Gedichte auf Polnisch erschienen sein würden, konnte ich nicht, wollte ich den wichtigen Termin – Deinen Geburtstag – nicht versäumen. Ich wählte also, übersetzte und gliederte „freihändig“, wie schon oft, aus Manuskripten, die Du mir überlassen hast, oder aus dem, was in Zeitschriften zu finden war.
So stellt ich fünfzig Gedichte zusammen und ordnete sie in Zehnergruppen an. Auf diese Weise fiel es mir leichter, Dich architektonisch zu begreifen und begreifbar zu machen: als Bauwerk, das sich symmetrisch auf die zehn Säulen der musischen und der philosophischen Weisheit stützt. So sind auch die Motti zu den Kapiteln zu verstehen. Sie entstammen den Werken Deiner Lehrer, Deiner Wahlverwandten, Deiner Freunde.
Meine translatorischen Eigenmächtigkeiten – um Dir auch das noch zu berichten – sind diesmal nicht häufiger als sonst: sie überschreiten das eine zulässige Prozent nicht. Wenn ich Baldachine von gestern (XLI) übersetze, statt unmoderne Baldachine, dann deshalb, weil in meine Reihenfolge kurz davor das unmoderne Hütchen (XXXV) vorkommt. Wenn ich im Gedicht XLII genau angegeben in genau aufgezeichnet ändere, dann deshalb, weil „Angabe“ – deutsch zweideutig – mir den Sinn zu beeinträchtigen schien. Mathematik des Mitgefühls zog ich wiederum der wörtlichen Arithmetik des Mitgefühls aus Gründen des Rhythmus in der Schlußzeile vor. Solcherart sind die Freiheiten, die ich mir herausnehme.
Nun bleibt mir zum Schluß noch dies: euch beiden Glück zu wünschen, Dir und Deinem Herrn Cogito,
Karl.

Karl Dedecius, Nachwort

Zum 50. Geburtstag von Zbigniew Herbert

hat Karl Dedecius fünfzig neue Gedichte aus den Manuskripten des Autors ausgewählt und übersetzt. Sie sind geordnet zu fünf Komplexen und mit Motti versehen, die Philosophen zitieren, denen sich der Poet und Denker Herbert verpflichtet fühlt.
Diese Gedichte eröffnen den Rückblick auf ein vollendetes halbes Säkulum: die bekenntnisartige Bilanz eines Lyrikers.
„Was man an Zbigniew Herberts Gedichten bewundern kann, ist das beispielhafte Gleichgewicht zwischen individuellem Ausdruck und Öffentlichkeitscharakter.“ Walter Helmut Fritz

Suhrkamp Verlag, Klappentext, 1974

 

 

ABSCHIED VON ZBIGNIEW HERBERT

Am Anfang nur Kirschen und der komische Flug
der Fledermäuse, der Apfel des Mondes und die schläfrige Eule,
der Geschmack kalten Wassers während der ersten Ausflüge.
Die Türme der Stadt waren Liebeserklärung.
Später, viel später, der Goldstaub der Provence,
Feigenbäume im Wingert, Lektion vom weißen Griechenland,
Provinzmuseen, Piero und seine Madonna del parto
– dazwischen zwei Besatzungen, zwei menschenfeindliche Armeen,
schwerfällige Fuhrwerke des Todes auf deinen Straßen.

Die langen Tage, als du Georg Trakl übersetzt hast,
Gesang einer gefangenen Amsel, die Freude: zum ersten Mal Paris
nach Jahren sowjetischer Häßlichkeit und Armut;
dein schalkhaftes Lächeln, die jungenhaften Scherze, Humor
und Ernst, als du die kleine Kathedrale in Meaux besuchtest
(Bossuet sah uns eigentlich streng an),
die Berliner Abende: Herr Doktor, Herr Privatdozent,
der Reis, den du wie Konfetti bei der Trauung der Freunde streutest
– aber auch böse Monate der Stille und Bitternis.

Ich stelle mir deine Spaziergänge vor
in Ligurien oder in Umbrien: elegante Jagden,
nach jener Stelle suchen, wo der Gletscher der Vergangenheit
schmilzt und Formen freigibt.
Ich stellte mir gern deine Wanderungen vor
im Gebirge der Poesie, nach jener Stelle suchen,
wo das Schweigen plötzlich mit Sprache explodiert.
Doch begegnet bin ich dir stets in den engen Wohnungen
der grauen Moloche, die wir Großstadt nennen.

Manchmal erinnerst du mich an die Tragik des Lebens.
An dich dachte das Leben fast täglich.
Ich denke an deine vom Schicksal zermalmten Altersgenossen,
daran, wie du in Madrid, in Amsterdam (Hotel „Ambassade“),
sogar im heiligen Jerusalem erkranktest,
an das Krankenhaus Saint-Louis, wo du im Sommer lagst,
als die Hitze Häuserwände und Staatsgrenzen schmolz,
an deine letzten Wochen in Warschau.
Ich bewundere den königlichen Stolz deiner Gedichte.

Adam Zagajewski

 

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Zbigniew Herbert – Dokumentarfilm Obywatel Poeta, Teil 1/8.

 

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1 Antwort : Zbigniew Herbert: Herr Cogito”

  1. Redaktion sagt:

    Selbstvorstellung
    Anläßlich der Aufnahme in die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung

    Meine Damen und Herren, werte Kolleginnen und Kollegen, liebe Freunde –
    Hand aufs Herz: wer dekuvriert sich denn schon gern? Sich einfach vorstellen, ist schwierig, weil es leicht ist. Das Einfache mißrät zu oft, wenn es geraten scheint. Wir stellen uns arglos vor, und schon ist eine Vorstellung passiert, die in Verstellung, wenn nicht sogar in Unterstellung endet.
    Dabei wäre zur Person alles kurz und rasch gesagt. Name, Vorname, Geburtsjahr und Ort sind in Dateien gespeichert und jedem Unbefugten zugänglich. Auf Klappentexten oder anderswo. Aber – was haben Daten zur Person zur Sache? Die Sache steht für die Person, und die Person steckt in der Sache. In unserem Falle: in litteris. (Ein Schreibender ist sowieso ein Exhibitionist, auch wenn er sich in Wörtern, mit Wörtern, durch Wörter verkleidet.)
    Das Thema des gestrigen Tages ist von nachhaltiger Inspiration. Es inspiriert und es irritiert mich, meinen lateinischen Kopf hier herzuhalten. Nominative sind verräterisch. In meinem Falle sagt der Name eigentlich alles. Mein abwertendes Präfix de – wie deplaciert – fixiert mich im voraus und für immer. Ich bin mit diesem überflüssigen „de“ de-dekoriert, das heißt, wenn ich nicht irre, abgeschmückt, und das sogar im Komparativ. Was wunder also, wenn mich Sprachempfindliche, denen das Stottern nicht über die Lippen kommt, verlegen variierend, persiflierend, parodierend zum Desiderius oder auch Deditius oder Dekadentius deformieren. Nur die sehr Wohlwollenden sagen manchmal delikat Delicius. Eine kleine Selbstlautfälschung, und alles wäre decens – schicklich, kleidsam. Ich könnte deduzieren, dezidieren, dedizieren. So aber bin ich Vorstellungen ausgeliefert, die bis zur „Schändung“ und „Beschämung“ reichen. Ein kleines „de“ zu viel ist keine Kleinigkeit. Mein Werfall ist ein melancholischer Fall. Ein de-Fall, Ab-wärts-Fall, fast Unfall.
    Beschränken wir uns auf das Wesentliche.
    Meinem lateinisch-slawisch-germanischen Mischmasch haftet also Melancholia an. Melancholia sei das Wochenbett des Geistes, hatte so oder ähnlich – Aristoteles gemeint. Talent zum Ernst, Besinnlichkeit. Nein, nur getrübte Sinnlichkeit, widersprachen die Biologen, weil die dunkle Galle die Vernunft verstopfe. Sie sei Temperament, meinten noch andere, als solches eine Neigung und Begabung, ja, auch Vorbestimmung. Und Cicero verallgemeinerte, daß „omnes ingeniosos melancholicos esse“ (Tusc. 1.33). Nein, sie sei Apathie, Gemüt im Lichtbereich des Saturn. Komplex des Unmuts, sagt der Volksmund. Nein, Melancholia ist das Poetische an sich, behauptet Poe.
    Antinomien jeden Augenblick, und alle stimmen. So ist die Sprache, so ihr Staat, so unser Haus. Das ist in der kürzesten Kürze mein nomen omen fatum Schicksal.
    Dürer sah die Melancholie in Kreuzstruktur: als einen meditierenden Engel mitten weltlichen Krams. Die Kunstbuchhalter machten Inventur im Bild und zählten zehn Hauptgegenstände, dazu zehn kleinere am Boden und zehn über der Mitte. Die Zahl erhoben sie zum Rhythmus; den Zirkelkopf zur Achse.
    Dem Laien ist die Ordnung und das Dezimalsystem im Bild nicht gleich erkennbar. Sein Auge flüchtet vor dem Durcheinander. So findet er den Stützpunkt in dem Rechteck: in der rechten Ecke. Dort hat sich die Magie der Mathematik im Mauerwerk verankert. Unter der Glocke, die die Ankunft anzeigt, neben dem Stundenglas, in dem der Abschied rieselt. Die Zehn, die Zahl der Menschheit, auch die Zahl der Decii, finde ich links; allerdings am zweiten Platz, in jeder Richtung, hinter dem Rücken der anderen, versteckt, als hätte sie Scheu oder Angst, ein Initial zu werden. Ihr genügt es, zu wissen, daß sie im magischen Quadrat, ob waagerecht, ob senkrecht, an der Summe mitwirkt.
    Ich lebe, um auch das zu bekennen, in Frankfurt und habe dort beruflich mit Zahlen und mit Namen zu tun. Dies, um den Zahlenfetischismus und Nominalismus zu erklären.
    Auf Delos, auf der Insel Apollos, sind Natur und Kunst seinerzeit zur Einheit geworden. Delos, erinnern wir uns, war das griechische Banken- und Handelszentrum – gewissermaßen das Frankfurt von Hellas. Es hatte Apollo nicht gehindert, dort zur Welt zu kommen, Delos in Melos zu verwandeln. Obwohl Delos der größte Markt für Hetären und Sklaven war.
    Geschäft und Göttliches großzügig beieinander ist sehr Griechisch. Delos bedeutet übrigens das „Erscheinende“, das „Vorstellbare“, das „Vorgestellte“. Damit möchte ich auf die Vorstellung zurückkommen und bitten, diese definitiv beenden zu dürfen.

    Karl Dedecius 1977, aus: Michael Assmann (Hrsg.): Wie sie sich selber sehen. Antrittsreden der Mitglieder vor dem Kollegium der Deutschen Akademie, Wallstein Verlag, 1999.

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