Zbigniew Herbert: Inschrift

Herbert-Inschrift

TESTAMENT

Ich vermache den vier elementen
was ich zur kurzen verfügung hatte

dem feuer – meine gedanken
möge das feuer blühen

der erde die ich zu sehr geliebt
den körper das taube korn

und der luft die worte und gesten
die sehnsucht das heißt nutzlose dinge

was übrig bleibt
ein wassertropfen
mag zwischen himmel und erde
kreisen

mag es durchsichtiger regenfall sein
farnkraut des frosts flocke des schnees

mag es den himmel niemals erreichend
zum jammertal meiner erde
zurückkehren treu als reiner tau
geduldig die harte scholle zu rühren

bald gebe ich den elementen zurück
was ich zur kurzen verfügung hatte

ich kehre nicht wieder zur quelle der ruhe

 

 

 

Lyrik heute

Man muß kein großer Kenner der heutigen Literatur sein, um einen ihrer wesentlichen Charakterzüge zu bemerken – den Ausbruch von Verzweiflung und Unglauben. Alle Grundwerte der europäischen Kultur sind heute in Frage gestellt. Zahllose Romane, Theaterstücke und Gedichte sprechen vom unabwendbaren Untergang, von der Sinnlosigkeit des Lebens, von der Absurdität der menschlichen Existenz. Es ist nicht meine Absicht, den Pessimismus leichterhand zu verspotten, dort, wo er eine Reaktion auf das Böse in dieser Welt ist. Aber ich meine, daß die schwarze Tonart der Gegenwartsliteratur aus der Einstellung der Autoren zur Realität kommt. Und diese Einstellung wollte ich im Gedicht angreifen.
Die romantische Konzeption vom Dichter, der seine Wunden bloßlegt, der das eigene Unglück besingt, hat heute immer noch, trotz der Wandlung der Stile und des literarischen Geschmacks, viele Anhänger. Man glaubt, die betonte Selbstbezogenheit, das Manifestieren seines wunden „Ich“ sei des Künstlers heiliges Recht.
Gäbe es eine Schule der Literatur, müßte man in ihr vor allem die Beschreibung der Gegenstände üben und nicht die der Träume. Jenseits des Ichs des Künstlers erstreckt sich eine schwere, dunkle, aber reale Welt. Man darf nicht aufhören zu glauben, daß wir diese Welt ins Wort fassen, ihr Gerechtigkeit widerfahren lassen können.
Sehr früh, fast zu Beginn meiner literarischen Arbeit, wurde mir klar, daß ich meinen Gegenstand außerhalb der Literatur zu suchen hatte. Das Schreiben als stilistische Übung fand ich unfruchtbar. Lyrik als Kunst des Worts langweilte mich. Ich begriff auch, daß ich mich von den Gedichten anderer nicht lange hätte ernähren können. Ich mußte aus mir und aus der Literatur ausbrechen, mich in der Welt umsehen, andere Wirklichkeiten erobern.
Die Philosophie machte mir Mut, erste wesentliche Fragen, Grundsatzfragen zu stellen: ob die Welt existiert, wie ihr Wesen ist und ob sie erkennbar ist. Wenn man aus dieser Disziplin einen Nutzen für die Lyrik stiften kann, dann nicht dadurch, daß man Systeme beschreibt, sondern daß man den Gedankenprozeß offenbart.
Ich wende mich nicht an die Geschichte, um aus ihr eine leichte Lektion der Hoffnung abzuleiten, sondern um meine Erfahrung mit der Erfahrung anderer zu konfrontieren, um für mich etwas zu gewinnen, was ich das universelle Mitleid nennen würde, auch Verantwortungsgefühl, Gefühl der Verantwortung für den Zustand der menschlichen Gewissen.
Alt ist der Traum des Dichters davon, daß sein Werk zum konkreten Gegenstand werde, wie der Kiesel oder der Baum, daß es, aus der Materie der Sprache gebildet, die einer ständigen Wandlung unterliegt, ein dauerhaftes Leben erlange. Für eine der möglichen Methoden halte ich diese: sich selbst zu überwinden, die Beziehungen, die das Gedicht mit dem Autor hat, zu verwischen. So verstehe ich die Empfehlung Flauberts: „Der Künstler sollte sich in seinem Schaffen verstecken, ähnlich wie sich der Schöpfer in der Natur versteckt.“
Und Paracelsus sagte, die Erschaffung der Welt durch Gott sei unvollendet geblieben, der Mensch sei berufen, den Schöpfungsakt zu vollenden. Ich halte es für einen sehr schönen humanistischen Glauben.
Das Gefühl der Zerbrechlichkeit und der Nichtigkeit des menschlichen Lebens wirkt weniger deprimierend, wenn man es in die Kette der Geschichte einordnet, die ein Weiterreichen des Glaubens an den Sinn unseres Tuns und Wollens ist. Auf diese Weise verwandelt sich sogar der Schrei des Schreckens in einen Ruf nach Hoffnung.

Zbigniew Herbert, Vorwort

Zbigniew Herberts Leben und Lyrik

Zbigniew Herbert ist in Lemberg am 29. Oktober 1924 geboren. Sein Vater – Jurist – war Bank- und Versicherungsdirektor. Den größten Einfluß im Elternhaus hatte die Großmutter, eine Armenierin der Herkunft nach und eine fromme Christin. An ihr hing die Liebe des Knaben. Die Mutter hatte zwischen den Gegensätzen zu vermitteln.
Das eigentliche Elternhaus Herberts lag im Walde: eine weiße Villa unweit von Lemberg, in der die Ferien verbracht wurden; ein Reich mit einem selbstgebastelten „astronomischen Observatorium“ auf dem Dachboden, mit Nestern wilder Wespen und Fledermäusen. Man konnte von hier aus phantastische – einsame – Ausflüge unternehmen, Streifzüge ins hohe Gras und in den Wald, zu den „türkischen Gräbern“ wo es Gespenster gab und Fichten, „den Baum meiner Kindheit“.
Dieses Leben ging in Trümmern, als Herbert vierzehn war. Die Familie wurde auseinandergetrieben; Terror, Hunger und die Verschleppung nach Rußland wurde allerdings überstanden. Das Jahr 1941 brachte mehr „Ordnung“ ins Leben: Gymnasium, dann Universität, die illegal waren, Posten eines Blutspenders, Teilnahme an der Widerstandsbewegung.
Danach kam das Leben in Krakau. Herbert begann an der Handelsakademie zu studieren; darauf folgten das Studium der Rechte in Thorn und der Philosophie in Warschau, die Teilnahme an literarischen Diskussionen und politischen Versammlungen, seine Kontakte mit der Akademie der Schönen Künste und der Schauspielschule. Ruhelose Lehr- und Wanderjahre.
Herbert redigierte die Kaufmännische Rundschau und war Angestellter an der Nationalbank. Dabei fand er noch Zeit genug, um die Abschußarbeit über den Ästhetischen Aspekt der philosophischen Systeme vorzubereiten. 1951 trat Herbert aus dem Schriftstellerverband aus, zwei Jahre später in die Redaktion des katholischen Allgemeinen Wochenblatts ein, das bald darauf liquidiert wurde. Das Jahr 1956 brachte endlich die ersten Publikationen und die erste Anerkennung – Herbert debütierte mit dem Lyrikband Lichtsaite, dem ein Jahr darauf ein zweiter folgte: Hermes Hund und Stern. Der dritte Gedichtband, Studium des Gegenstandes erschien 1961, der vierte Inschrift, 1969.
Im Jahre 1971 gab sein Verlag (Czytelnik in Warschau) die Gesammelten Gedichte, ein Jahr davor das Staatliche Verlagsinstitut (PIW in Warschau) seine Dramen heraus.
Reisen durch Frankreich, England, Italien und Griechenland entsprang ein Buch bester polnischer Prosa – Ein Barbar in einem Garten (1962). Historische Betrachtung, Kunstbeschreibung, Reisebericht und lyrische Impression verbanden sich hier zu einer klassischen Einheit.
1965 erhielt Zbigniew Herbert den Nikolaus-Lenau-Preis: „Ich bin froh, daß das dichterische Werk heute Grenzen passiert und Gespräche mit anderen Bewohnern dieser Erde führt … Die Poesie ist dazu berufen, ein Verständigungsmittel der Welt zu sein, weil sie der Menschheit wirkliche Erfahrungen übermittelt.“ (Aus Herberts Rede bei der Preisverleihung in Wien.)
Herbert wurde 1966 zum korrespondierenden Mitglied der Bayerischen Akademie der schönen Künste gewählt, 1971, nach seiner Heimkehr von mehrjährigen Auslandsreisen – Bundesrepublik, USA, Holland, Österreich – vom Polnischen Schriftstellerverband in den Vorstand aufgenommen. 1973 verlieh ihm die FVS-Stiftung Hamburg den Gottfried-von-Herder-Preis in Wien.
In deutscher Sprache liegen (alle im Suhrkamp Verlag) folgende Bücher Herberts vor.
Gedichte (es 88, 1964), Ein Barbar in einem Garten, Essays (es 111, 1965), Inschrift, Gedichte aus zehn Jahren (1967), Ein Barbar in einem Garten 2 (es 365, 1970), Im Vaterland der Mythen, Griechisches Tagebuch, Gedichte, Dialoge, Essays (BS 339, 1973), Inschrift, Gedichte (BS 384, 1973). Als vervielfältigtes Manuskript liegen im Theater Verlag Suhrkamp folgende Stücke Herberts deutsch vor: Das andere Zimmer (1966), Die Höhle des Philosophen (1966).
Dieses Buch ist eine revidierte Ausgabe der Inschrift von 1967: das Konzept, die Anordnung, die Zahl der Gedichte (100) blieb, es sind nur einige Übersetzungen gegen neuere ausgetauscht. Die Auswahl, vom Herausgeber thematisch geordnet, ist ein Querschnitt durch Herberts lyrisches Gesamtwerk.
Obwohl Herbert in der englischen und französischen Dichtung zu Hause ist und sich zuweilen an der deutschen (vor allem an Benn) orientiert, schuf er ein in der polnischen und wohl auch europäischen Lyrik durchaus originelles, in Tonfall, Tendenz und Temperament spezifisches Gedicht, das eine zurückhaltende und deshalb um so wirksamere Entzauberung der klassischen und der modernen Mythologie betreibt; im Namen der Ratio, die nach einem philosophisch und moralisch vertretbaren Erkenntnissystem fahndet. In dieser Lyrik finden wir das poetische Postulat von MacLeish – das Gedicht habe nicht zu bedeuten, es habe zu sein – verwirklicht, aber auch mehr: Herberts Gedichte sind und bedeuten. Metapher, Gedanke, Moral, die Phantasie und die Realien widersprechen in ihnen einander nicht. Sie bilden einen harmonischen Sinn- und Klangkörper, in dem keins der Teile das andere, auf Kosten des anderen, überfordert. Sie schaffen die von Przyboś so häufig apostrophierte Stimmungseinheit des Gedichts. Diese Meisterschaft in der Komposition eines Ganzen aus sehr unterschiedlichen Elementen und Stilen macht Herbert, wie der Warschauer Kritiker J.J. Lipski feststellte, „zu einer der intellektuell reichsten künstlerischen Erscheinungen der heutigen Lyrik“. Es gelingt ihm wie keinem seiner Altersgenossen, die Konfliktsituation des modernen Menschen mit gedanklich wie ästhetisch gleichermaßen gültigen Parabeln zu bestimmen.
Biblische, historische und mythologische Stoffe sind Herbert ein Idealgelände für Meditationen, für seine subtil ironisierenden Vergleiche.
Herbert ist Dichter eines Jahrtausendealten und zugleich ewig aktuellen Gleichnisses von der Grausamkeit der Götter und der Verlorenheit des Menschen. In diesem Kampf – zwischen Apollo und Marsyas – steht Herbert auf der Seite der Erniedrigten und Beleidigten, ohne den Kampf um die Befreiung aus den Zwängen der alten und der neuen Mythen aufzugeben, ohne das Loblied des Lebens zu versäumen.

Karl Dedecius, Nachwort

 

Die hundert Gedichte dieses Bandes

sind ein gültiger Querschnitt durch Zbigniew Herberts lyrisches Gesamtwerk. „Ich glaube, das macht die Gedichte des Zbigniew Herbert so bedeutsam, daß in jeder Zeile der Zweifel an der Sprache wohnt, aber zugleich die Bejahung der Sprache als Mitteilung von Welt.“ Horst Bieneck

Suhrkamp Verlag, Klappentext, 1973

 

Die Lyrik Herberts

Während die moderne Lyrik des Westens mit der Sache des Menschen offenbar nicht mehr viel anzufangen weiß, sind für die Lyrik der anderen Seite die anthropologischen Fragen nach wie vor von zentralem Rang. Nicht wenige tonangebende Kritiker hier halten die Zersetzung des Stofflichen und Gedanklichen, also des „Inhalts“, für unerläßlich und machen die Fortschrittlichkeit eines Gedichts davon abhängig, inwieweit es sich als fähig erweist, aus sich selbst oder durch sich selbst zu existieren, das heißt, sein eigenes formales Problem als Sprachgehalt in Erscheinung treten zu lassen. In den sozialistischen Ländern ist man anderer Ansicht. Dort lassen die Lyriker nicht gelten, daß poetische Progressivität mit Sprach- und Formmonomanie identisch sein muß. Nach ihrer Meinung kann ein Gedicht von heute durchaus noch etwas bedeuten, das außerhalb der formalen Sphäre liegt, ja, sein literarischer Wert ist auf ein großes menschliches Thema geradezu angewiesen. Nicht, daß diese jugoslawischen, polnischen, russischen Dichter keine Sprachprobleme und Ausdruckskrisen hätten. Dennoch haben sie eine zeitgerechte Lyrik geschaffen, die sich nicht gewillt zeigt, auf die humane Bedeutung des Gedichts zu verzichten.
Vor allem die polnische Lyrik ist ein Beispiel. Seit dem Oktober 1956, dem „polnischen Oktober“, hat sie mit Elan und Radikalität einen neuen „Kurs in Richtung Wahrheit“ eingeschlagen. Einziges Dogma, das sie zuläßt: die Menschlichkeit. Ihr wahrscheinlich berühmtester Vertreter ist Zbigniew Herbert. In einem Zeitraum von nur zehn Jahren und mit einem relativ schmalen Œuvre von drei Lyrikbänden und einem Band Reiseprosa hat er sich einen Namen gemacht, den man überall in der Welt mit Bewunderung und Verehrung ausspricht. Der Ruhm Herberts ist ein anderer als etwa der von Dylan Thomas zu Lebzeiten. Er ist viel stiller, reiner, vollkommen aufs Werk bezogen, fast unabhängig von der Biographie des Dichters.
Was wir über die Person wissen, hat der Übersetzer Karl Dedecius aufgezeichnet. Zbigniew Herbert ist Jahrgang 1924. Er wurde in Lemberg geboren, als Sohn eines Bank- und Versicherungsdirektors. „Den größten Einfluß im Elternhaus“, schreibt Dedecius, „hatte die Großmutter, eine Armenierin der Herkunft nach und eine fromme Christin“. Als der Krieg ausbrach, war Herbert vierzehn. Seine Familie wurde nicht geschont. Aber sie überstand „Terror, Hunger und die Verschleppung nach Rußland“. Herbert absolvierte das Gymnasium, studierte illegal, war Blutspender, beteiligte sich am Widerstand. Nach dem Krieg setzte er sein Studium in Thorn und Warschau fort, nahm Kontakte zu Literaten und Künstlern auf und reiste viel. Dann folgten Jahre, in denen er sich vor allem als Redakteur umtat, bei der Kaufmännischen Rundschau, später bei dem kurzlebigen katholischen Allgemeinen Wochenblatt. 1956 erschien sein erster Lyrikband Lichtsaite, 1957 Hermes Hund und Stern. Die Gedichte wurden rasch bekannt, brachten ihm Anerkennung und ermöglichten ihm neue Reisen: durch Frankreich, England, Italien, Griechenland. In dem vortrefflichen Prosabuch Ein Barbar in einem Garten hebt er die großen Augenblicke seiner Reisen, hervor. 1961 veröffentlichte Herbert seinen bisher letzten Gedichtband Studium des Objekts. Heute redigiert er die Monatsschrift Poezja in Warschau.
Sein berühmtestes Gedicht ist „Die Heimkehr des Prokonsuls“, ein sogenanntes Rollengedicht. Herbert erzählt in der ersten Person von den Überlegungen eines römischen Prokonsuls, der es nicht länger in der Provinz aushält und an den Hof des Kaisers zurückzukehren gedenkt. Es ist ein lebensgefährlicher Entschluß:

man wird sich aufs neue einrichten müssen mit dem gesicht
der unterlippe damit sie lernt die verachtung zu zähmen
den augen damit sie vorbildlich leer sind
und mit dem verhängnisvollen kinn dem hasen meines gesichts
der zittert sooft der garde befehlshaber eintritt

Und dann:

der kaiser übrigens mag die civilcourage
bis zu gewissen grenzen gewissen vernünftigen grenzen
im grunde genommen ist er ein mensch wie alle
und schon sehr müde der kunststücke mit dem gift
er kann sich nicht satttrinken wegen des ewigen schachspiels
der linke pokal ist für Drusus am rechten die lippe netzen
danach nur wasser trinken Tacitus im auge behalten
zum garten hinausgehn und wiederkommen wenn die leiche schon entfernt ist

Die Vorliebe für die Parabel wie die für Geschichte kennzeichnen Herberts Lyrik, bestimmen sie weitgehend. Es ist klar, daß es sich im Falle des „Prokonsuls“ um ein eminent politisches Gedicht handelt. Man könnte von Verkleidung sprechen, Verschlüsselung, davon, daß hier jemand den Machthabern die Wahrheit sagt, ohne sie auszusprechen. Auch ein Gedicht kann lebensgefährliche Folgen haben. Doch wer sich mit diesen Erwägungen zufriedengibt, schließt zu kurz. Ich glaube eher, daß für Herberts Begabung die Parabel vorgegeben ist, sie bildet das Fundament seiner Poesie, von List allein ist sie jedenfalls nicht herzuleiten. Dieses Reden in Gleichnissen heißt auch nicht, daß der Dichter, die Vergänglichkeit aktueller Anlässe für Gedichte bedenkend, sich aufs „Gültige“ zurückzöge, sich „klassisch“, richtiger: klassizistisch absicherte. Der geborene Poet Herbert wählt die Parabel instinktiv: als etwas, das keine plumpe Analogie, das nicht auszudeuten ist und doch von allen, die bestimmte Erfahrungen gemacht haben, sofort verstanden werden kann. Darin unterscheidet sich seine Dichtung von sogenannter Bildungslyrik. Aus der Zeit kommend und doch zeitunmittelbar: das ist Poesie.
Zbigniew Herbert begnügt sich nicht mit Stoffen aus der griechisch-römischen Geschichte. Ebenso oft verankert er die Erzählgedichte in der klassischen Mythologie oder in der biblischen Vorstellungswelt. Aber Namen wie Marc Aurel, Seneca, Thukydides sind ihnen doch am allergemäßesten. Vielleicht, weil sie mit den Wesenszügen der Herbertschen Lyrik korrespondieren: Zurückhaltung, Tapferkeit, Würde, Lakonität. Immer, wenn die großen Namen des Altertums fallen, kulminiert das dichterische Gelingen. „Warum Klassiker“, „Reife“, „An Marc Aurel“ sind Exempel dafür.
Mit den Stücken aus dem Umkreis der russischen Revolution kommt Herbert unserer Zeit schon sehr nahe. Auch sie wieder bezeichnend für die Perspektive des Dichters. Nicht die glorreichen Taten, sondern die Untaten beschäftigen ihn. „Das Ende der Dynastie“ beginnt so:

Damals wohnte die ganze königliche familie in einem zimmer. Hinter den fenstern war die mauer, vor der mauer die abfallgrube. Dort bissen die ratten die katzen tot. Das sah man nicht. Die fenster waren mit kalk bestrichen.
Als die Schinder eintraten, sahen sie die alltägliche szene…

Es folgt die verhalten ironische Beschreibung des Königs und seiner Familie; unschwer zu erkennen, daß hier die Romanows Modell gestanden haben.

Seine Hoheit korrigierte das reglement des regiments der wandlung des Herrn, der okkultist Philippe versuchte durch suggestion die nerven der königin zu beruhigen, der thronfolger schlief zusammengerollt zum knäuel im sessel, und die großen (und mageren) prinzessinnen sangen fromme lieder und stopften die garderobe.

Der Schlußsatz lautet:

Der lakai aber stand an der wand und gab sich mühe, die tapete nachzuahmen.

Für den Dichter also kommt die ideologische Betrachtung der Geschichte nicht in Frage. Der Herrscher ist in seinen Augen kein Popanz, seine Familie keine Horde von Ungeheuern. Es sind Einzelne, Menschen mit Schwächen und Schrullen, angesichts des gewaltsamen Todes, der ihnen droht, haben sie fast etwas Rührendes. Herbert vermeidet sowohl den sentimentalen als auch den brutalen Effekt. Die düstere Szenerie am Anfang, der unheimlich-komische, lautlose Schluß: das genügt ihm. So kommt ein Gedicht zustande, aus dem man „einen gedämpften Ruf nach Güte“ heraushört. Dasselbe Motiv wird noch einmal in den Versen der „Kronprinzessin“ variiert:

Ich die kronprinzessin
Alexandra
tochter des zaren
heut eine kleine greisin
die letzte der Romanows
weiß alles…

Was folgt, ist das Porträt einer Irrsinnigen. Wirklichkeit, Erinnerung und Angsttraum durchdringen einander. „Die Erzählung von den russischen Emigranten“ führt dann bis in jene Jahre, in die schon Herberts Kindheit fällt: eine alltägliche Geschichte vom Bewundert- und Vergessenwerden adliger Flüchtlinge, mit ruhiger klarer Stimme vorgetragen, erst ganz zum Schluß spürt man das unterdrückte Beben:

Dies erzählte mir Nikolai
der den zwang der geschichte kennt
um mich zu entsetzen das heißt zu überzeugen

Entsetzen – damit sind wir bei den zeitgeschichtlichen Gedichten angelangt. Spätestens hier wird uns deutlich, wie reich die Skala der Motive ist, die Herbert zur Verfügung hat, und wie groß seine Kraft, die einen solchen Bogen in Spannung hält. Nun meldet sich der Augenzeuge zu Wort. „Warschauer Friedhof“, „Unsere Angst“, „Zwei Tropfen“, „Die Fünf“, alles Versdichtungen aus der Besatzungs- und Untergrundzeit, deutlich scharf und doch gar nicht im Stil lyrischer Wochenschauen, auch keine Anklagen eines Gerechtfertigten, sondern Klagen eines überlebenden, Menschlichkeit heischend für die geschundene Kreatur Mensch. Noch in die privateren Gedichte wie etwa jenes über einen Lehrer bricht der Schrecken der Zeit ein:

im zweiten kriegsjahr
wurde der für naturkunde
von den strolchen für geschichte
erschlagen

„Der für Naturkunde“ gehört zu Herberts schönsten Gedichten, ja es ist singulär durch die Zartheit eines Humors, der sich dem Schmerz überlegen zeigt:

Ich kann mich an sein gesicht
nicht erinnern
er pflegte stehenzubleiben
hoch über mir
auf langen gespreizten beinen
ich sah
das goldene kettchen
den aschgrauen rock
den mageren hals
daran die tote krawatte
geheftet

als erster zeigte er uns
das bein vom krepierten frosch
das von der nadel berührt
sich heftig zusammenzog

er führte uns
durch den goldenen kneifer
ins heimliche leben
unseres urgroßvaters
des pantoffeltierchens

er brachte
ein dunkles korn
und sagte: mutterkorn

von ihm ermuntert
wurde ich vater
im zehnten lebensjahr

als die ins wasser getauchte kastanie
nach spannungsvoller erwartung
den gelben keim zeigte
und alles ringsum
sang

im zweiten kriegsjahr
wurde der für naturkunde erschlagen
von den strolchen für geschichte

wenn er in den himmel kam –

vielleicht spaziert er jetzt
auf langen strahlen
in grauen strümpfen
mit riesigem netz
und grüner botanisiertrommel
die lustig baumelt

doch kam er nicht hinauf –

wenn ich auf dem waldpfad
einem käfer begegne
der über den sandhügel klettert
trete ich näher
scharre mit den füßen
und sage:
– guten tag herr lehrer
erlauben sie daß ich ihnen helfe –
ich hebe ihn vorsichtig hinüber
und sehe ihm lange nach
bis er verschwindet
im dunklen lehrerzimmer
am ende des laubkorridors

Es gibt einen poetologischen Essay des Dichters, in dem er erklärt:

Es ist nicht meine Absicht, den Pessimismus leichterhand zu verspotten, dort, wo er eine Reaktion auf das Böse in der Welt ist. Aber ich meine, die schwarze Tonart der Gegenwartsliteratur komme aus der Einstellung der Autoren zur Realität. Und diese Einstellung wollte ich im Gedicht angreifen.

Das heißt: Für Herbert ist die Erfahrung der „Verstümmelung“, marxistisch: der Entfremdung des Menschen eine Grunderfahrung, jedoch sie ist nicht die volle Wahrheit. Das Wahrheitsproblem wird dem Dichter zum Realitätsproblem; er bringt vor, was sich „in Wahrheit sagen“ läßt. Hier nimmt der philosophisch geschulte Herbert einen Gedankengang der modernen Philosophie auf. Einmal heißt es:

es ist nicht wahr was in den zeitungen steht.

Oder:

wundert euch nicht daß wir die welt nicht beschreiben können.

Das, was der Schreiber von Gedichten aber versuchen soll, ist das Namhaftmachen der ihm zugänglichen Welt. Auch ihre dem Leben abgewandte Seite muß in der Dichtung erscheinen. So wirft Herbert immer wieder die Frage nach dem Tod auf. Nach dem eigenen fragt er so:

was wird mit den gedichten
wenn der atem fortgeht

es müßte egal sein
doch es ist es nicht

Die Befragung der Erscheinungen und Objekte bringt bei Herbert zweierlei ans Licht. Erstens die Erkenntnis, daß die Wirklichkeit nicht dort endet, wo wir „satt von der welt bei der schranke der wimper“ verharren – wie es in seinen Versen über die Existenz der Engel heißt („Sieh mal“). Dieser offene Horizont des Wirklichen, der die konkreten Objekte wie der nicht abzusehende Raum unseren Planeten umgibt, ist in Herberts Lyrik stets gegenwärtig, für ihn verbürgt er sich. Dichtung, so sagt er in seinem schon erwähnten Essay, müsse selbstverständlich „auf anderen Wegen als die Wissenschaft“ die Wirklichkeit zum Sprechen bringen. Zweitens macht diese Lyrik klar, daß wir („aus blut und täuschung“) in dieser Welt nicht ohne Zuversicht bleiben. Dabei setzt Herbert seine Hoffnung nicht auf ein Jenseits. Er glaubt an einen „Sinn unseres Tuns und unseres Wollens“. Er versteht sich selber als Moralist, bezeichnet seine Hervorbringung als „das trockene gedicht des moralisten“:

meine vorstellungskraft
ist ein stück brett
mein instrument
ein kurzer stock

ich klopfe ans brett
und es antwortet mir
ja – ja
nein – nein

Was kann der Künstler tun, um der Hoffnung einen Weg zu bahnen? Human sein. Das bedeutet wiederum für seine Arbeit und besonders für die Herberts: Anteilnahme an den Beladenen, Geringen, den „geprügelten und betrogenen“, an den Zu-kurz-Gekommenen der Gesellschaft. In einer typisch Herbertschen Parabel beklagt der Dichter nicht Hamlets Tod, sondern das Schicksal des Fortinbras, in dessen Rolle er sich versetzt:

du wähltest den leichteren teil den effektvollen stich
aber was ist der heldentod gegen das ewige wachen
mit kaltem apfel im griff auf erhöhtem stuhl
mit sicht auf den ameisenhaufen und auf die scheibe der uhr

Leb wohl mein prinz mich erwartet das kanalisationsprojekt
und der erlaß in sachen der dirnen und bettler
ich muß auch ein besseres gefängnissystem erfinden
denn wie du richtig meintest Dänemark ist ein gefängnis…

Im Gedicht auf einen Maler („In der Werkstatt“) fällt am Schluß jenes vielsagende Wort von der „harmlosen hand / die die welt verbessert“.
Formal bedient sich Zbigniew Herbert abwechselnd des metrischen Gedichts, des freien Verses und des Gedichts in Prosa. Auf deutsch hat seine Sprache viel von jener Tugend, die der Übersetzer Dedecius „erhabene Einfachheit“ nennt. Ähnlich wie bei Piero della Francesca, dem von Herbert über alles gestellten Maler, herrscht in dieser Sprache „die Ordnung des Lichts und Gleichgewichts“. Nur in den mythologischen Grotesken ist Herbert manchmal nicht auf der Höhe seiner Kunst. Er selbst meint, Lyrik als Kunst des Wortes langweile ihn. Das dürfen wir nun keineswegs so verstehen, als käme es ihm in den Gedichten allein auf das Was, nicht auf das Wie an. Doch seine Ausdruckskraft hat einen Grad erreicht, wo das Kunstvolle wieder so natürlich geworden ist, daß es sich „von selbst“. Wer genauer hinschaut, sieht freilich, daß auch in diesen Gedichten Wort für Wort von einem gediegenen Kunstverstand gewogen wurde, ehe es seinen Platz erhielt. Man spürt polnische, französische Einflüsse, etwa den Surrealismus, hört Anklänge an Traditionen heraus – Herbert ist in vielen europäischen Literaturen bewandert. Als Arbeitsprinzip greift er die Forderung Apollinaires „Ordnung und Abenteuer“ auf:

fügt zu der idee der ordnung
die idee des abenteuers

Was ihm vorschwebt, formuliert er so:

ich gäbe alle metaphern hin
für einen ausdruck
der geschält wäre aus der brust wie eine rippe

Das ist ein melancholisch stimmendes Paradox. Brennend wünscht sich der Dichter die metaphernfreie Rede, aber diesen Wunsch kann er präzis wieder nur durch eine Metapher ausdrücken. Das Elend des Dichtens. Und doch liegt in der Metapher etwas, das sie an den Höhepunkten der Dichtung dem nackten Ausdruck überlegen macht. Das Bild ist widerstandsfähiger als das Argument. Herbert wünscht für seine Gedichte „das dauerhafte leben“ beispielsweise „eines kiesels“. Nicht wenige werden ihn überdauern. In seinem „Testament“ erklärt er:

Ich vermache den vier elementen
was ich zur kurzen verfügung hatte
dem feuer – meine gedanken
möge das feuer blühen

der erde die ich zu sehr geliebt
den körper das taube korn

und der luft worte und gesten
die sehnsucht das heißt nutzlose dinge

was übrig bleibt
ein wassertropfen
mag zwischen himmel und erde
kreisen

mag es durchsichtiger regenfall sein
farnkraut des frosts flocke des schnees

mag es den himmel niemals erreichend
zum jammertal meiner erde
zurückkehren treu als reiner tau
geduldig die harte scholle zu rühren

Heinz Piontek, aus Heinz Piontek: Männer die Gedichte machen, Hoffmann und Campe Verlag, 1970

 

Fakten und Vermutungen zum Herausgeber
DAS&D + Johann-Heinrich-Voß-Preis
Porträtgalerie
Nachrufe auf Karl Dedecius: FAZ ✝ FR ✝ NZZ ✝ BB ✝ Echo ✝
SZ ✝ Die Zeit ✝ Übersetzen

 

 

Fakten und Vermutungen zum Autor + KLfG
Porträtgalerie

 

Zbigniew Herbert – Dokumentarfilm Obywatel Poeta, Teil 1/8.

 

Zbigniew Herbert – Dokumentarfilm Obywatel Poeta, Teil 2/8.

 

Zbigniew Herbert – Dokumentarfilm Obywatel Poeta, Teil 3/8.

 

Zbigniew Herbert – Dokumentarfilm Obywatel Poeta, Teil 4/8.

 

Zbigniew Herbert – Dokumentarfilm Obywatel Poeta, Teil 5/8.

 

Zbigniew Herbert – Dokumentarfilm Obywatel Poeta, Teil 6/8.

 

Zbigniew Herbert – Dokumentarfilm Obywatel Poeta, Teil 7/8.

 

Zbigniew Herbert – Dokumentarfilm Obywatel Poeta, Teil 8/8.

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