Zbigniew Herbert: Rovigo

Mashup von Juliane Duda zu dem Buch von Zbigniew Herbert: Rovigo

Herbert-Rovigo

ROVIGO

STATION ROVIGO. Unklare Zusammenhänge. Ein
aaaaaDrama von Goethe
oder etwas aus Byron. Ich bin durch Rovigo gefahren
x-mal und beim x-ten mal hab ich verstanden
daß dies in meiner inneren Geographie ein
aaaaabesonderer
Ort ist wenn auch weniger wichtig als
Florenz. Nie hat mein Fuß diesen Ort berührt
stets nahte Rovigo oder es blieb zurück

Damals lebte ich in der Liebe zu Altichiero
aus dem Oratorium San Giorgio in Padua und zu Ferrara
das ich schätzte denn es erinnerte mich
an die geraubte Stadt meiner Väter. Ich lebte gestreckt
zwischen Vergangenheit und Gegenwart
vielfach gekreuzigt von Ort und Zeit

Und dennoch glücklich im festen Vertrauen
daß mein Opfer nicht vergeblich sein wird

Rovigo zeichnet sich durch nichts Besonderes aus es ist
ein Meisterwerk der Durchschnittlichkeit gerade Straßen unschöne Häuser
nur vor oder hinter der Stadt (je nach der Fahrtrichtung des Zugs)
erhob sich plötzlich aus der Ebene ein Berg von rotem Steinbruch zerschnitten
er glich dem Festtagsschinken umlegt mit Winterkohl
sonst nichts was das Auge erfreut betrübt nachdenklich gestimmt hätte
Und doch war es eine Stadt aus Blut und Stein – ganz wie die andern
eine Stadt in der gestern jemand gestorben jemand verrückt geworden
jemand die ganze Nacht über hoffnungslos gehustet hat

VON WELCHEN GLOCKEN BEGLEITET ERSCHEINST DU ROVIGO

Reduziert auf den Bahnhof das Komma den gestrichenen Buchstaben
nichts nur der Bahnhof – arrivi – partenze
und warum denke ich an dich Rovigo Rovigo

 

 

 

Rovigo

− das sind Gedichte Zbigniew Herberts. Der Titel ist dem letzten gleichnamigen Gedicht entliehen. Der Autor ist oftmals durch Rovigo gefahren. Rovigo sei weniger wichtig als Florenz, doch ein besonderer Ort, verborgen in der inneren Geographie.

Suhrkamp Verlag, Ankündigung

 

Erinnerungen an Begegnungen

Nichts Neues – das von einem Autor zu sagen, der bisher ein halbes Dutzend Gedichtbände vorgelegt hat und dann zumindest die deutschsprachige Leserschaft zehn Jahre lang auf den nächsten Band warten ließ, heißt im Fall von Zbigniew Herbert nur, daß der polnische Lyriker und Essayist seine Könnerschaft ohne Verluste bewahrt hat. Die nun doch neuen Gedichte halten in Tonlage und Thematik, im Abstand zu Sprachspiel und Rhetorik mühelos den Anschluß an die letzten bei uns veröffentlichten. In ihnen wirkt immer noch das Vertrauen, „daß die Lyrik in allen ihren anspruchsvollen Versuchen stets die Wirklichkeit zu berühren trachtet“, wie es Herbert vor fast dreißig Jahren sagte und davon sprach, daß er aus seiner Beschäftigung mit der Geschichte das „universelle Mitleid“ gewinnen wolle, das „Gefühl der Verantwortung für den Zustand der menschlichen Gewissen“ (und nicht der Gemeinwesen). Sogar Herr Cogito, den Helden eines ganzen Bands, den Herbert sich und uns zu seinem fünfzigsten Geburtstag 1974 geschenkt hat, um mit diesem denkenden Herrn zu uns zu sprechen, treffen wir in zwei seiner stärksten Gedichte wieder: diskret vor sich selbst mit seinen Erinnerungen beschäftigt, den alten Kalendern, die dort, wo sie nicht einmal die banalste Alltagsnotiz enthalten, mit einer bedrängenden Stille aufwarten.
Rovigo ist ein schmaler Band geworden oder geblieben und mutet wie eine späte Ernte an: Persönliche Zeugnisse auch der Auseinandersetzung mit Freunden und Versäumtem, den Kampf um den besonnenen Ausdruck hinter sich lassend, selten eine Spur selbstgefällig im Sieg über die Aufgeregtheiten früherer Jahre, noch seltener mit einem Hauch zuviel an Sicherheit, ein schon klassisch gewordenes Werk fortzuschreiben. Pathos schimmert hindurch, eher schwach, weil gedämpft von der Scham des Autors, Recht behalten, die Wahrheit oder einfach, um nicht zu sagen: sogar, das Glück erfahren zu haben. Es ist das Pathos der Zurücknahme, der Einsicht in die Folgerichtigkeit des Geschehenen, die einem Einverständnis nahekommt, darin aber nie einwilligen wird. Eher schreibt Herbert aus dem stillen Wissen desjenigen, der nicht an seinen Wurzeln rühren will, weil er sonst stürzt, der aber gerade dieser unverdrängten Wahrheit ins Auge sieht, indem er den Sturz zu vemeiden weiß:

Ich habe dem Greis gelauscht der Homer rezitierte
ich kannte vertriebene Menschen wie Dante
im Theater sah ich sämtliche Stücke von Shakespeare
es ist mir gelungen
man kann von mir sagen ein Glückspilz
mach das den anderen klar
ich hatte ein herrliches Leben
ich habe gelitten.

Auch wenn Herbert die „betrügerischen Dialektiker“ verwünscht, übrigens nicht weniger als „die Bekenner des Nichts“, so neigt er doch selber dem Paradoxon zu, gleichsam der Dialektik ohne Versöhnung, mit der er ein ganzes Leben zu fassen sucht. Er tut es mit der noblen Geste eines, der diese Versöhnung nicht mehr braucht, der die folgende Erfahrung, nicht nur aus Büchern, machen durfte und sie deshalb gerne weitergibt: „in Sachen des Geistes ist Eile das Schlimmste“: Tatsächlich verspürt man hinter den Gedichten von Rovigo nicht die Ungeduld, die aus diesem Vers eine heimliche Selbstberuhigungsformel machen würde. Und man verspürt dennoch etwas: daß Herbert diejenigen nicht vergißt, die solch eine Erfahrung nicht mit ihm teilen konnten.
Aus Herberts späten 26 Gedichten kann man vielleicht lernen, was Reife ist: In der Hinnahme des Weltenlaufs unbestechlich zu bleiben, ohne verbittert zu werden, einen Halt an der Gewißheit haben, daß sich zumindest die, die einem Vorbild waren und sind, nie ergeben haben. Dann wird es Zeit, ohne Hast mit dem Abschiednehmen zu beginnen, wie Herr Cogito von den toten Freunden zuletzt. Denn „mit denen die für immer gegangen / hinter die Mauern des Kaiserreichs der Empirie / unterhält er lebhafte / und unverändert gute Beziehungen“.
Das ist eine geglückte Strophe, mit der das Gedicht hätte enden können. Doch Herbert ist ein Meister des Ausschreibens, das bei ihm nirgends geschwätzig wirkt, weil er auf eine sehr sparsame Weise zu Ende formuliert. Nichts scheint ihm weniger erstrebenswert als die flinke Pointe. Herbert macht das deutlich, indem er auf sie nur zuschreibt, um sie zu vermeiden und fortzufahren, bis schließlich sein Herr Cogito zu einem direkt erhabenen, im Gedicht dann ganz prosaischen, zunächst fast umständlichen Ausdruck findet für sein Verhältnis zu jenen Freunden:

sie bilden gleichsam den Hintergrund
und aus diesem lebendigen Hintergrund
schiebt sich Herr Cogito einen halben Schritt vor
nicht mehr als einen halben Schritt
in der Religion gibt es dafür einen Begriff
die Gemeinschaft der Heiligen.

Im übrigen ist das Gedicht auch mit diesen Versen noch nicht zu Ende.
Herbert gestaltet seine Abschiede so, daß er dabei die Verabschiedeten ins eigene Leben zurückruft: die Untergrundkämpfer ebenso wie die erschossenen polnischen Offiziere von Katyn, die für die Länge eines Gedichts und dessen Echos die Köpfe des Lesenden bevölkern. Aber unter Empiristen muß auch diese Art Gestaltung Erinnerung und Rückruf von Vergeblichkeiten bleiben. Immerhin können sich solche Rückrufe von deprimierenden Anlässen lösen, zum Beispiel im Gedicht „Der Schwur“: Er gilt jenen Frauen, deren Gesichter Herbert (bauschen wir hier die Differenzen zum lyrischen Ich nicht weiter auf, wo es gar nicht um die Wunden dieses Ichs geht) unterwegs unverhofft erblickt und einen buchstäblichen Augenblick lang erfahren hat „wie eine Erscheinung im Spiegel / bei der Vermählung dessen was ist / und des kaum Erahnten“: Es geht ein großer Zuwachs an Selbstgewißheit von solchen flüchtigen Momenten aus, und doch sind sie auch Belege von Begegnungen, denen keine Zukunft beschieden war.
Deshalb hat die schmale Sammlung das Gedicht Rovigo zum Titel, und nicht zufällig steht es an ihrem Schluß. Mit der kleinen Stadt in Venetien verbindet Herbert nichts, als daß er mehrmals auf der Reise zu wichtigeren Orten durch sie hindurchgefahren ist, um beispielsweise aus Ferrara ein wolkenleichtes Gedicht mitzubringen. Und dann, gegen Ende eines Lebens, wird Rovigo auf einmal die Metapher für eine unerfüllte Sehnsucht – wonach? Eine Anrufung, eine Wiederholung dieses. Anrufs: schlichter als mit dem zweimaligen Nennen des Namens von einem „Meisterwerk der Durchschnittlichkeit“ läßt sie sich nicht sagen, diese Ahnung, daß ein Leben in welcher Intensität auch immer einen unstillbaren Rest behält, weil die Erwartung selbst das Leben ist. Wohl dem oder der, die hier „Erfüllung“ statt „Erwartung“ einsetzen kann. Herberts Werk dürfte seinen Autor davor schützen, hierauf neidisch zu sein.

Jürgen Theobaldy, Frankfurter Rundschau, 28.11.1995

Gleich einem denkenden Stein

Man soll nicht viel erzählen, sagen diese Gedichte. Man soll das Bündnis zwischen Leben und Denken schmieden, wenn man von sich spricht. So entstehen aus dem organischen Stoff Kristalle in Gedichtform.
Der 71jährige Zbigniew Herbert zieht die Summe seines Lebens. Zwar tragen alle Arbeiten aus späteren Jahren den Stempel des Endgültigen. Aber das hängt mit ihrer außergewöhnlichen Qualität zusammen; Herbert würde sagen: weil die Kunst „unmöglich“ ist. Jetzt hingegen ist die biographische Absicht deutlich spürbar, obgleich das gängige Zubehör fehlt, Herkunft, Bildungsroman, Lebens- und Werkgeschichte.
Kein Lebenslauf, dafür schreibt er ein Gedicht mit dem Titel „Lebenslauf“ über einen AllerweItsmenschen namens Zbigniew Herbert, der in der Schule fleißig, aber nicht begabt ist, danach als Referent (der Nationalbank) in der Tretmühle zwischen Straßenbahn, Büro und Schlaf lebt und einmal als Urlauber am Schwarzen Meer „fast glücklich“ ist. „Durchschnitt“, sagt er, mit allen Kräften bemüht, keine Stützen zu suchen und keine Dummheit zu machen.
Aus dem Stoff seines Lebens, das die polnische Geschichte dieses Jahrhunderts und der Widerstandskampf geprägt haben, destilliert er das Ringen um persönliche, in nationalen Maßstab übertragbare Souveränität. Am Ende, wenn sein Rundblick sich in einen Rückblick verwandelt, erhält dieses Selbstbildnis die schärferen Konturen eines „von Ort und Zeit“ Gekreuzigten.
Zusammen mit dem benachbarten Gedicht „Orwells Album“ entstehen Außen- und Innenansichten einer künstlerischen Existenz im geschichtlichen Einsatz. Das Gedicht erzählt in zwei zopfig verschlugenen Strophensäulen Orwells Leben, wie es die Albumphotos zeigen. Zu sehen sind der schwache Schüler, der junge Mann im Kolonialdienst bei mörderischen Strafaktionen gegen Burmesen, der Spanienkämpfer und am Ende das häuslich familiäre Leben des inzwischen Berühmten.
Aufschlußreicher als die Anzeigen und Fehlanzeigen des Albums ist aber die Auswahl des Betrachters. Herbert schert sich keinen Deut um die Künstlerexistenz Orwells. Stattdessen beobachtet er das Drama des Intellektuellen in seiner Zeit.
Es ist der Blick des verwandten Moralisten, der den objektiven Standpunkt der Kunst mit den Grenzen seines Bewußtseins vereinbaren muß, ein Gemeiner des Lebens und sein Wächter. Wie Münchhausen zieht er sich am eigenen Schopf auf seinen Wachtposten in furchtbarer Geschichtsnacht. Die Kunst, heißt das, hat ihren Zweck außerhalb ihrer selbst. Sie dient dem Leben.
Lyrik als Sprachkunstwerk langweile ihn, ließ er einst verlauten. Für die Haltbarkeit des Wortes ist in Herberts Werkstatt ein Schmelzofen zuständig, der unter dem Licht grundsätzlichen Fragens so extreme Gegensätze wie die einzelne Erfahrung und die Wissensgeschichte verschweißt und das Lebensmaterial in der Verbindung mit Geschichte härtet.
Das Gedicht ist das Werk eines einzigartigen Synthetikers, der durch spannungsvolle interne Allianzen eigenständige Bauelemente zu einem bestechend einfachen lyrischen Organismus verbindet: Im rationalen Licht seiner Sprache gewinnt das Gedicht bei beträchtlicher Sinnfracht eine leuchtende Körperlichkeit. Kunstphilosophie könnte man sagen, führte der Begriff statt in die Theorie ins offene Leben.
Eine Skulptur, monumental wie Auguste Rodins menschliches Gebirge mit den Zügen Balzacs, steckt in dem Selbstporträt als „denkender Stein“. Die Metapher bildet aber im Vers-Paar eine Einheit mit der folgenden Apposition und auf der Vers-Achse einen Infinitiv, der die Bindung zum anderen Vers-Schenkel, die syntaktische Einheit im Terzett und die Sinneinheit der Strophe sucht. Ein dichtes Netz von Klammern verfugt die Strophe mit einem Geburtstagspoem für Zbigniew Herberts Philosophielehrer Henryk Elzenberg, der den Lesern des Dichters kein Unbekannter ist. Jetzt feiert der Schüler den Lehrer als geistigen Vater: „Gelobt sei Deine Wiege“: Als Doppelporträt schrumpft das Selbstbildnis auf ein sehr menschliches Maß.
Das Gelegenheitsgedicht besetzt als Bekenntnis zu einer dem Pessimismus abgerungenen Lebensfrömmigkeit und als Denkmal seiner geistigen Kindheit mit zwingender Notwendigkeit die Spitze dieses Lebensbuchs – neben einer Hommage an das Buch der Bücher. Die Bibel wird aufgeschlagen, aber kein Glaubensbekenntnis folgt. Stattdessen spricht die Stimme des Buchs und erzieht den Lesenden zur geduldigen Lektüre dunkler Wörter von dreifacher Bedeutung, über seinem Kopf der Spott einer himmlischen Bruderschaft fortgeschrittener Leser.
Spielerisch leicht vollzieht das Bild seine Dehnung in ein intimes kleines Weltbild mit der unsichtbaren Loge seliger und irdischer Leser. Immer entwickeln Herberts Gedichte diesen gegen Denk- und Sichtgrenzen gerichtete Sprengkraft, diese Weite und kosmische Dimension.
Das Bekenntnis zu einem gottesfürchtigen Rationalismus wurzelt in der Geschichte seiner Kindheit und Jugend, die vom Gegensatz zwischen väterlichem Vernunftglauben und der Frömmigkeit der armenischen Großmutter geprägt war. Aber nicht die biographischen Fakten interessieren die Schreibenden, sein Augenmerk gilt den Grundstoffen und Wirkkräften seiner Existenz.
Nacheinander werden die geistig moralischen und künstlerischen Pfeiler seines Lebens aufgerichtet. Die fertige Säulenhalle läßt Einzelheiten erkennen, Berufsjahre, Exil, Untergrundkampf, doch kommt Herbert ganz ohne die üblichen Selbstpreisgaben aus. Von der trüben autobiographischen Mixtur aus Dichtung und Wahrheit bleibt die Wahrheit.
Er bindet sie an Dinge und Menschen. Die Mehrzahl der Gedichte benennt das Gegenüber in Zuneinungen und persönlichen Adressen. Dem hermetischen Gedicht, das wie ein Lösungsmittel auf sein Material einwirkt, setzt Herbert den Zündstoff entgegen, der beim Dialog mit Welt und Mensch entsteht. Seine Gedichte sind Argumente eines Lebensphilosophen und ganz dinglich.
„Knöpfe“ ist der Nachruf auf die ermordeten polnischen Offiziere im Wald bei Katyn überschrieben. Gemeint sind die „unbeugsamen“ Uniformknöpfe, deren „leibliche Auferstehung“ das stille Waldstück in ein Mahnmal verwandelt.
Herberts Gedächtniskunst hat sich dem flüchtigsten, dem namenlosen Leben verschrieben. Ihm setzt er Denkmäler von klassischer Schönheit – obgleich er mit Klassikern nichts im Sinn hat. Den, der ihm empfohlen wird, liest und vergißt er, auch den Namen. Unvergessen dagegen ist Rovigo.
Ein „Meisterwerk der Durchschnittlichkeit“ inmitten der Kunstlandschaft Oberitaliens. Er kennt die Stadt nicht und huldigt ihr doch in einem Gedicht, das als Schlußstein seine geistige Biographie krönt. Die Erinnerung an Rovigo besteht aus dem Steinbruch im Weichbild der Stadt und der Anzeigentafel im Bahnhof arrivi – partenze. Ein flüchtiges Stationsbild und das Inbild hinfälligsten Lebens.
Das ist der Schlußton dieser von Klaus Staemmler vorzüglich übersetzten „Abschiedsarie“ und das manifest eines einzigartigen Sprachkünstlers, der in einfachen Worten voller Schönheit die Wahrheit sagt. Wahr, sagt er, ist das Grauen.

Sibylle Cramer, Süddeutsche Zeitung, 8.11.1995

Apostel auf Dienstfahrt

− Zbigniew Herberts stille Dichtkunst scheut das Pathos nicht. −

Sechsundzwanzig Gedichte. Ein schmales Bändchen, das schon an Gewicht und mit seiner unspektakulären Aufmachung kaum anzukommen scheint gegen die dickleibigen Folianten des Bücherherbstes, in denen die Probleme der Geschichte, der Nation und der Einheit aus allen Blickwinkeln beäugt und tiefsinnig abgehandelt werden. Aber das ist ein weites Feld. Zbigniew Herbert beackert das seine zögerlich, leise und mit der angemessenen Skepsis, ob seine Lyrik in dieser prosaischen Zeit überhaupt noch irgend jemanden erreicht.
Und so redet Zbigniew Herbert – um mit dem titelgebenden Gedicht anzufangen – von Rovigo, einer kleinen italienischen Stadt zwischen Ferrara und Padua. Kennt Herbert Rovigo? „Nie hat mein Fuß diesen Ort berührt“, bekennt er offen. Was ist über Rovigo zu sagen? Nicht eben viel: „Rovigo zeichnet sich durch nichts Besonderes aus.“ Der Dichter erwähnt die unschönen Häuser, die geraden Straßen, den Bahnhof, durch den er stets nur durchgefahren ist. Warum schreibt Herbert dann überhaupt von Rovigo, diesem „Meisterwerk der Durchschnittlichkeit“? Wohl eben gerade, weil es durchschnittlich ist, weil es sich unter den so eigenartigen italienischen Städten durch nichts Besonderes auszeichnet. „Und doch“, heißt es, „war es eine Stadt aus Blut und Stein – ganz wie die andern / eine Stadt in der gestern jemand gestorben jemand verrückt geworden / jemand die ganze Nacht über hoffnungslos gehustet hat.“
Vielleicht ist das Gedicht in einer Öffentlichkeit, die nurmehr nach dem Spektakulären, dem Besonderen giert, das angemessene Medium, vom Alltäglichen und Privaten zu sprechen – und das Alltägliche ist eben meist unspektakulär. Wie wäre es sonst auszuhalten? So heterogen die sechsundzwanzig Gedichte auch sind – der Zug nach dem Unspektakulären, Alltäglichen zeichnet alle aus, wenn nicht vom Inhalt, dann von der Form her.
Wie sonst nur Hans Magnus Enzensberger hat Zbigniew Herbert jeden hohen Ton aus seiner Lyrik verbannt. Er pflegt über die Trennung von Versen und Strophen hinweg den beiläufigen Tonfall eines bedächtigen, kultivierten Gesprächs. Herbert erreicht diese gelassene Lakonik auch durch den weitgehenden Verzicht auf Interpunktion. Es kommt fast nie zu Umstellungen der kolloquialen Wortfolge. Man kann dieses prosaische Gleiten der Sprache beinahe überall verfolgen:

Also bist Du in Freiburg auch ich war einst dort
um leicht zu verdienen für Papier und für Brot
Unterm zynischen Herzen trug ich naiv die Illusion
ich sei ein Apostel auf Dienstfahrt

schreibt er dem Freund Adam Zagajewski.

Die Verse, deren genau auskalkuliertes Maß nur noch ganz leicht durchscheint, sind hier beinahe aufgehoben vom trockenen, selbstironischen Tonfall des Briefes. Solcherart fiktiven Genre-Wechsel nutzt Herbert meisterlich. Warum heute noch die Mühe eines Gedichtes auf sich nehmen? Eine Ansichtskarte tut es doch auch, oder ein kleiner Prosatext, eine Nachricht oder ein formeller Lebenslauf. Aber gerade diese Stilübungen entpuppen sich als die besten Gedichte.
Herberts falsche Bescheidenheit hat nichts mit manieristischen Spiegelfechtereien zu tun. Kleine formale Täuschungsmanöver gehören zu seiner poetischen Strategie; sie geben seiner Lyrik eine gewisse Umständlichkeit, wie sie auch die feinen Umgangsformen des bürgerlichen Polen auszeichnet, der eine Dame noch mit Handkuß begrüßt. Wenn wir auch keine feinen Damen und Herren mehr sind, bedeutet diese Sitte, so leben wir wenigstens mit der Fiktion etwas angenehmer. Dasselbe gilt für die Gedichte: Wenn sie den zielstrebigeren Formen des Sprechens den Vortritt lassen, bewahren sie wenigstens ihre Würde.
Indem er die großen Themen von Politik und Ethik lässig abtut, holt Herbert sie aus dem Dunstkreis der Feiertagsreden und Leitartikel zurück auf den Boden des kultivierten Gesprächs, wohin sie gehören. „Mitteleuropa“ ist so ein Thema. Mit gelindem Überdruß handelt Herbert da einen „gewissen Otto von Habsburg“ ab. „Es gab da noch die Bourbonen / doch ehrlich gesagt / sie lohnen sich nicht so ganz.“ Was am Ende von Mitteleuropa bleibt, ist eine schöne Illusion, derer sich der Dichter fast ein wenig schämt: der Mond mit seiner Magie, seinen uralten Mythen und der versöhnlichen Sicherheit seiner Anwesenheit. „Ein bißchen mag er noch leuchten / das farbige Spielzeug der Kinder / der nostalgische Traum der Alten“.
Und im milden Licht des Mondes wird Mitteleuropa, das soeben in Bosnien zu Grabe getragen wird, zu einem Phantom – nett, aber völlig bedeutungslos: „Ich glaub’ an das alles nicht recht / (und sag’s nur heimlich ins Ohr)“. Die Lebenshaltung, von der diese Dramaturgie der verblaßten Mythen und der alltäglichen Mühen spricht, läuft bei Herbert allerdings nicht in jeder Lage auf Koketterie mit der Resignation und der Selbstreferenz hinaus – wie zuweilen bei seinem beinahe ebenbürtigen Kollegen Enzensberger.
Herbert scheut, wenn es angebracht ist, das Pathos nicht. Doch gerade weil es von Plaudereien über das Unspektakuläre umgeben ist, wirkt ein solches Gedicht um so nachhaltiger. Hier spricht Herbert entschieden von den Werten, die ihm etwas bedeuten, und vor allem von den Taten, die einzig zählen. Das Gedicht „Wölfe“ überrascht, weil es auf Endreime zurückgreift, weil über fünf Strophen mit je vier Versen ein strenges Maß waltet. Von den „Wölfen“ „im guten Schnee ist gelber Harn / und diese Fährte nur geblieben“. Und es hätte nicht des Hinweises am Seitenrand bedurft, um zu begreifen, daß hier von den Untergrundkämpfern gegen die Nationalsozialisten die Rede ist.
Daß Herbert – wie in seinem gesamten, immer milder und resignativer werdenden Œuvre – niemals ein Tabu vor dem Feierlichen errichtet hat, hängt mit seiner Nationalität zusammen, die man dem weltläufigen europäischen Plauderer sonst nicht anmerkt. Doch Herbert kommt aus einer Kultur, in der der Dichter noch nicht wie bei uns vom Dichter-Darsteller ersetzt wurde, in der man, zwar selten, noch Menschen stundenlang über Lyrik diskutieren hören kann, in der die Dichter immer noch ein entscheidendes Wort zu sprechen vermögen.
Der Dichter, der den schönen Frauen seines Lebens einen wehmütigen Gruß entbietet („Der Schwur“), der sich schneidend mit der katholischen Kirche anlegt („Homilie“) oder sein Außenseitertum stilisiert („Wolken über Ferrara“), konnte diese Gedichte nur als Pole schreiben. Über den vorzüglichen Übertragungen von Klaus Staemmler kann sich der deutsche Leser fragen, ob vielleicht auch bei uns die Verdrängung der Grundbedürfnisse durch die Großsprecherei des Geldes irgendwann einmal ein Ende hat und ob es dann möglich sein wird, wie Zbigniew Herbert vom Heldentum und von der Liebe, von den Ahnen und vom Glauben wieder anders zu schreiben als mit Anführungszeichen.
Der Dichter selbst sieht eher die umgekehrte Entwicklung, aber er fürchtet sie nicht. Auch er, dessen Bücher noch vor gut zehn Jahren daheim verboten wurden, richtet sich nun auf das Exil des Überhörtwerdens ein. Man mußte kein Seher sein, um vorherzusagen, daß das Ende der Unterdrückung des Wortes auch aus der Lyrik Ostmitteleuropas ein Minderheitenprogramm machen würde.
Und doch – ein Lyriker vom hohen Rang eines Zbigniew Herbert hat sowieso nie geschrieben, um bei einem großen Publikum Wirkung zu erzielen:

Der Handvoll die uns zuhört gebührt das Schöne
aber auch die Wahrheit
das heißt – das Grauen
damit sie tapfer sind
wenn der Augenblick kommt.

Rovigo ist ein schmales Bändchen. Es zeichnet sich durch nichts Besonderes aus. Es ist ein Meisterwerk der Durchschnittlichkeit. Und doch enthält es sehr viel. Sechsundzwanzig Gedichte.

Dirk Schümer, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 10.10.1995

Postkarte aus Rovigo – der Dichter

Zbigniew Herbert war kein moderner Nomade,

sondern ein ewiger Zeitreisender

– „Herr Cogito“, der Denkende, nannte der polnische Dichter Zbigniew Herbert (1924–1998) sein Alter Ego, das in fast allen Lyrikbänden als weiser Skeptiker auftritt. Herbert war ein radikaler Kritiker alles Ideologischen. So darf bei ihm nichts und niemand unvergessen bleiben ‒ dem galt sein ewig sehnsüchtiges Reisen. –

Ich arbeite am liebsten in der Nacht, wenn die Menschheit endlich schläft (zumindest kann ich es mir einbilden!), und manchmal  denke ich an Herrn Cogito  und daran, ob er mein Schutzengel oder eher ein strenger Inspektor ist. Ich muss nämlich gestehen, dass ich mich von ihm oft beobachtet fühle, während ich schreibe. Herr Cogito  sitzt mir einfach im Nacken wie der Schalk und passt darauf auf, dass ich beim Schreiben und Denken nicht abdrifte, dass ich am Ball bleibe und dass ich nicht vergesse, was wir der Aufklärung zu verdanken haben: den gesunden humorvollen und beseelten Skeptizismus unseres Verstandes, der sich gegen jedweden Missbrauch und jedwede Korruption erfolgreich wehrt.
Ich weiss natürlich, dass  Herr Cogito (Herr Denke  könnte man im Deutschen sagen) selbstverständlich jemand ist, der keine Angst vor Begeisterung oder Mitgefühl hat. Doch dieses Wissen hilft mir wenig, ich bin  Herrn Denke völlig ausgeliefert, da er ständig den Kopf schüttelt und immer wieder fragt:

Muss das jetzt wirklich sein? Kann man es nicht anders sagen und schreiben? Der Satz ist doch viel zu prätentiös, oder?

Schliesslich verliere ich die Geduld und antworte meinem spitzfindigen Gast:

Bitte, ich muss jetzt alleine sein! Kommen Sie morgen wieder! Morgen werde ich bestimmt eine plausible Antwort für Sie haben, ganz gewiss!

Was mir aber Zbigniew Herbert von allen polnischen, international geschätzten Dichtern der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts am rätselhaftesten erscheinen lässt, ist die Tatsache, dass er sich im Kalten Krieg nie für die Emigration entscheiden konnte und wollte. Er ist von seinen zahlreichen ausländischen Reisen, Stipendienaufenthalten und Lehraufträgen in Westeuropa oder in den USA jedes Mal in die von Kommunisten und ihren treuen Dienern belagerte Polis brav zurückgekehrt, als wollte er damit sagen, dass er der Versuchung der Freiheit im Westen sehr wohl widerstehen könne.
Ähnlich wie Czesław Młosz wusste er dem Lebensstil und der Denkweise der westlichen Intellektuellen wenig abzugewinnen: Die ewigen netten „Partys“ bei den Uniprofessoren, die ontologischen Leiden und die grimmigen Gesichter der Dichter, die in den Cafés ihre Zeit mit endlosen Diskussionsrunden totschlugen, und die politischen Wohlfühloasen der Linken, deren Konformität wenig Spielraum für einen durch den Realsozialismus erprobten Osteuropäer und Intellektuellen liess ‒ all das wirkte nicht allzu einladend, eher sogar lähmend, nachdem man zur Genüge die praktische, an Marx, Engels und Lenin geschulte Umsetzung der Hegelschen Dialektik auf eigener Haut erlebt hatte.
Und Herberts Reisen nach Italien, Griechenland oder in die Niederlande sind mir immer wie grossartige, penibel geplante Expeditionen eines preussischen Kunsthistorikers vorgekommen, obwohl ich wusste, dass der polnische Dichter oft wie ein Student gereist war und dabei sogar seine Gesundheit riskiert hatte ‒ immerhin überlebte er, der leichtsinnige Tramper, einen Autounfall, der ihm auf dem Weg nach Griechenland und kurz vor der Grenze zum ehemaligen Jugoslawien passiert war. Herr Cogito dürfte ihm bei all den kräftezehrenden Reisen kein Schutzengel gewesen sein; er hätte nämlich nach einem Blick in die Reisekasse und auf das Besichtigungsprogramm seines Schützlings gewiss gesagt, dieses Unternehmen sei zum Scheitern verurteilt.
Die Lektüre der Gedichte und Essays von Herbert erzeugt bei mir jedenfalls stets den Eindruck, da sei ein besessener Späher nach verlorenen Schätzen unterwegs, der ganz genau wisse, was er in Siena oder Ferrara sehen und studieren wolle, und der selbst in einem scheinbar unbedeutenden Städtchen namens Rovigo, das man aus dem Fensterchen des Zuges für wenige Augenblicke zu sehen bekommt, einen sensationellen Schatz vermutet.
„Rovigo“ ist auch in der Tat der Titel des Gedichtbands von Herbert, der mich immer wieder beschäftigt und erstaunt, was ja nicht nur daran liegt, dass ich selbst aus Rovigo komme, denn in gewisser Hinsicht sind wir alle Kinder und Bewohner dieses wenig bekannten Ortes, der in der Milchstrasse unzählige Doppelgänger und Klone besitzt.
Nein, meine Leser- und Dichterliebe zu diesem aussergewöhnlichen Buch rührt auch daher, dass ich dort all das finde, all die Schätze, die Herbert und seine Denke für mich ausmachen: die gnadenlose Kritik an den Schurken (bei Herbert „Idioten“), die das 20. Jahrhundert ideologisch vergiftet haben; die Huldigung an seinen geistigen Meister, den Philosophen Henryk Elzenberg, ohne dessen Einfluss es den ironisch-lakonischen Dichter Herbert, wie wir ihn kennen, niemals gegeben hätte; die Huldigung an die Kindheit, obwohl das Leben des Dichters doch nur eines von vielen gewöhnlichen Schicksalen gewesen sei – so er selbst; die Ironie und der Skeptizismus, die beide bei Herbert voller Scharfsinn sind und dann zum Tragen kommen, wenn er solche Menschen porträtiert, die glauben, sie könnten das Rad der Weltgeschichte eigenhändig in eine gänzlich andere Richtung bewegen, um die Gerechtigkeit wiederherzustellen – wie es zum Beispiel bei der mutigen und tragischen Marat-Mörderin Charlotte Corday der Fall gewesen ist, die sich während der Französischen Revolution kläglich verrechnet hat.
Die verzweifelte Suche nach Gott, der sich dem Dichter leider nicht offenbaren will, weder auf Erden noch am Himmel; die Zerbrechlichkeit der Schönheit und Liebe, die beide von unserer Unwissenheit und/oder unserem Hass vernichtet werden können, wie man es am Beispiel des Achilles-Mythos sehen kann (Penthesilea, die Amazonenkönigin, wird von Achilles im Troja-Krieg getötet, und als er sie erblickt, nachdem ihr der Helm abgenommen worden ist, verliebt sich Achilles in die tapfere Amazone); die Liebe zur flüchtigen Schönheit der Jugend und der jungen Frauen ‒ eine Schönheit, die man nicht besitzen kann, obwohl man ihr täglich begegnet; die ästhetische Erhebung und Erlösung durch die Kunst, die es trotz den vergänglichen Taten und Werken des Menschen immer wieder schafft, zu überleben, als könnte nur sie die Ewigkeit endlich einfangen, sie sogar erklären bzw. materialisieren; die Hassliebe zu seinem Freund und Übersetzer (und letztlich Meister…) Czesław Milosz; und zum Schluss die nicht enden wollenden Monologe von  Herrn Cogito, der, gealtert, merkt, wie einsam man doch im Alter wird, wenn sich im Kalender eine gähnende Leere breitmacht ‒ auch das ist nämlich Herbert, der Realist, Freund und Chronist des Alltags.
Mit anderen Worten: Was mich an dem Bändchen Rovigo fasziniert, ist die tief im Humanismus und in der Menschenliebe verankerte Haltung des Dichters, dass in seiner Dichtung niemand unvergessen bleiben darf ‒ jeder muss berücksichtigt werden, jeder Mensch und auch jeder Ort, wenn sie auch namentlich nicht erwähnt werden können, da sie zu zahlreich sind. Herbert wehrt sich gegen die Verallgemeinerung und Reduktion, die beiden „Todsünden“ der Postmoderne (im soziologischen Sinne!); er erinnert uns an die Aussergewöhnlichkeit und an die Einmaligkeit jedweder Form und daran, dass jede inkarnierte Form bzw. jede Materialisierung ihren festen Platz im Universum hat, mag sie auch vergänglich sein (wie letztlich der Kosmos selbst). Aber die Menschen und ihre Biografien gehen trotzdem nicht verloren, solange man in dem Städtchen Rovigo den ewigen Moment einfängt und bewusst erlebt, möge man sich auch nur auf der Durchreise befinden. 
Ich teile auch Herberts Liebe zu Italien, und vor allem teile ich diese Liebe mit ihm zu dem kulturgeschichtlichen Raum der ehemaligen Grossmacht und Freiheitsinsel und Freiheitsrepublik Venedig. Auch die geliebte Stadt Ferrara, die Herbert an seine Kindheitsstadt Lemberg erinnerte, befand sich über viele Jahrhunderte im Einflussbereich von Venedig, obwohl sie heute an der Grenze zu Venetien liegt, wo im Übrigen auch das europäische Musterstädtchen Rovigo beheimatet ist. 
Hier geht es ‒ bei dieser bedingungslosen Liebe ‒ nicht nur um die Schönheit der mediterranen Architektur oder um das Verstehen und Erforschen der kulturgeschichtlichen Prozesse, die in der Epoche der Renaissance Italien zur Mutter des europäischen Denkens und Dichtens gemacht haben. Ferrara besitzt zum Beispiel eine der ältesten Universitäten Europas, und der historische Stadtkern zählt zum Weltkulturerbe der Unesco, doch solcher Aufzählungen von Auszeichnungen können sich viele italienische Städte rühmen, und der im Gedicht „Rovigo“ erwähnte Maler Altichiero da Zevio ist für die dichterische Imagination genauso befruchtend wie Tizian, dessen bekanntestes Gemälde „Assunta“ (Mariä Himmelfahrt) in der Frari-Kirche in Venedig bewundert werden kann.
Denke ich nämlich an Herberts Liebe zu Italien, wie ich sie auch für mich im Laufe meiner eigenen, sich regelmässig wiederholenden Reisen nach Venedig und Venetien entwickelt habe, taucht bei mir sofort eine gewisse Melancholie auf, die wohl am besten von Andrei Tarkowski in seinem u.a. in der Toskana spielenden Film Nostalgia thematisiert worden ist. Die fiktional-autobiografische Handlung des Films ist jedem bekannt: Der russische Dichter Andrei Gortschakow reist nach Rom und in die Toskana und will dort eine Biografie über seinen Landsmann Pawel Sosnowski, den Komponisten des 18.  Jahrhunderts, schreiben, doch die Reise des russischen Dichters wird plötzlich zu einem berauschenden „Sehnsuchtstrip“ ‒ zum einen wegen der Sehnsucht nach dem „Mütterchen“ Russland, zum anderen wegen des Fernwehs, das sich während der Besuche in den Kapellen und Kirchen der Toskana, in den entlegenen Kirchenruinen und Badeorten, die seit Jahrhunderten von ihrer sakralen Rätselhaftigkeit nichts eingebüsst haben, einstellt.
Heim- und Fernweh als ein kollektives Gefühl des Europäers ist das eigentliche, weil auch postmoderne Thema in Tarkowskis Film und sicherlich auch eines der wichtigsten Themen von Herbert, da im Nebel der Zeit und ihrer ephemeren Ausgeburten Dinge zur Sprache kommen, die wir normalerweise in unserem kulturgeschichtlichen Unterbewusstsein tragen ‒ als unsere europäischen Archetypen.
Und was würde eigentlich Zygmunt Bauman zu Herbert sagen? Würde er ihn auch als einen „Touristen“ und damit als einen der typischen Vertreter der „flüchtigen Moderne“ bezeichnen? Eine schwierige Frage, denn Herberts Mobilität und Reiselust fügen sich vorzüglich in die Bauman’schen Charakterisierungen des postmodernen Menschen ein, dessen Leben sich auf dem Treibsand abspiele, so der Soziologe, und der in seiner Sehnsucht nach immer schnelleren und intensiveren Erlebnissen (Orgasmen!) und nach Sicherheit bereit sei, selbst seine Freiheit aufzugeben.
Dennoch will Herbert in diese Schubladen, die Bauman für uns Zeitgenossen aufgemacht hat, irgendwie gar nicht passen. Vielmehr ist er, ähnlich wie Czesław Miłosz, an dem „ewigen Moment“, der Gedicht werden will, interessiert und nicht an dem Studium der „flüchtigen Moderne“, in der die Schnelllebigkeit das pochende Herz unserer Gesellschaft bilde ‒ so Bauman ‒, so dass die Unersättlichkeit des Konsummenschen, der selbst zum Konsumprodukt geworden sei, keine Grenzen kenne und dadurch das Gefühl seiner Ohnmacht und Einsamkeit verstärke. Nein, Herbert ist für mich kein „Tourist“ unserer „flüchtigen Moderne“, allenfalls ein ewiger Zeitreisender.
Mir liegt noch etwas Wichtiges auf der Zunge, was ich zum Schluss meiner bescheidenen Liebeserklärung an die Dichtung Herberts nicht verschweigen darf. Zum Glück konnten sich die beiden Dichter und Freunde, Zbigniew Herbert und Czesław Miłosz, in ihrem letzten Telefongespräch versöhnen, kurz vor dem Tod des „ewigen Zeitreisenden“ aus Rovigo; der Teufel Schnaps weckt manchmal in uns solche Dämonen, die niemals das Tageslicht hätten erblicken dürfen, und beide polnischen Dichter haben einen viel zu grossen Preis bezahlt ‒ für ihre gemeinsame Zeche an einem einzigen Abend in Berkeley vor mittlerweile fast fünfzig Jahren. Jedweder Hang zur Radikalität führt zur Zerstörung des geistigen und seelischen Gleichgewichts in unseren menschlichen Beziehungen ‒ ihr alter Dichterstreit um die Zukunft Polens und um den Patriotismus sollte deshalb uns allen eine Lehre sein.

Artur Becker, Neue Zürcher Zeitung, 25.8.2018

Die Kunst der Empathie

– Gespräch mit Zbigniew Herbert. –

Renata Gorczyńska: Zu den Schlüsselwörtern Ihrer Poesie gehört für mich das Wörtchen nein. Die Definition eines Begriffs, einer Sache, einer Figur stützt sich oft auf eine Verneinung. Etwas ist etwas nicht. Zum Beispiel: „Es bedurfte beileibe keines großen charakters“; „… an den orten zu sein die nicht die orte sind“ oder in „Herr Cogito über die Tugend“: „… als flennende alte Jungfer mit verkniffenen Lippen wiederholt sie ihr großes – Nein“. Und vermutlich haben diese Verneinungen in Ihrem Schaffen einen tieferen Sinn.

Zbigniew Herbert: Diese offenbar sehr wichtige Frage hat mir noch kein Kritiker gestellt. Meine Gedichte sind für mich keine Bettlektüre, es sei denn, ich bereite mich auf eine Lesung vor. Aber als ich einmal Gedichte für eine kleine Anthologie aussuchte, fiel mir auf, daß ich oft das Wörtchen nein gebrauche – ein Augenblick, wie wenn man sich zum ersten Mal im Spiegel sieht. Bei Menschen, die pausenlos etwas verneinen, mag ich das nicht, und auch an mir mag ich diese Reaktion eigentlich nicht. Aber irgendein Sinn muß darin ja liegen – auch wenn ich nicht allzusehr ans Unterbewußtsein glaube. Offenbar versuche ich in diesem Fall, etwas nicht direkt zu definieren, sondern über eine Verneinung. Indem ich dem Dasein oder einer Sache einen negativen Zug abspreche, vermeide ich die unangenehme Eigenschaft der Arroganz, der Selbstüberhebung, und kreise die Sache, die lyrische Situation oder das Gefühl doch irgendwie ein, nicht wahr?

Gorczyńska: Aber steckt in diesem Nein nicht manchmal auch ein moralisierender Aspekt? Wie bei dem Vater, der zu seinem Kind sagt: Tu das nicht.

Herbert: Ich bitte zu bedenken, wie schwierig es ist, eine positive Ethik zu konstruieren, deren Gebote für uns annehmbar sind. Die Zehn Gebote fußen auf dem Nein. Ich habe ein Gespür für Tabus, das heißt, ich weiß nicht, was gut ist, aber ich weiß genau, was ich nicht tun darf, was verboten ist. Und in meinem Kodex kommt das eben durch die Negation zum Ausdruck. So kann man es mit ein bißchen gutem Willen sehen, das Entsetzen beim Lesen meiner eigenen Gedichte, in denen ich so oft das Wörtchen nein entdeckte, aber rührt daher, daß ich schon den Verdacht von nihilistischen Gefühlen wie den Teufel fürchte. Man mag mich bezeichnen, wie man will, aber um Gottes willen nicht als Nihilisten. Das würde mir nicht gefallen…

Gorczyńska: Kann man davon ausgehen, daß das lyrische Ich in Ihrer Poesie viel mit dem Autor gemein hat?

Herbert: Ich weiß nur nicht, was dieses lyrische Ich überhaupt ist. Stanisław Barańczak hat einmal versucht, es mir zu erklären, und er hat das sehr gut gemacht. Aber der Leser erwartet vom Autor, daß er sich voll und ganz mit seinen Gedichten identifiziert. Seiner Meinung nach dürfen Gedichte weder Hypothesen noch vorläufige Entwürfe sein, das fände er unseriös. Der Autor soll hinter seinen Gedichten stehen. Das ist das schwere Los des polnischen Dichters, der ein Sklave seiner Worte ist. Er kann nicht sagen: „Laßt den Dichtern diesen Augenblick der Freude, sonst ist eure Welt verloren.“ – Ich zitiere Miłosz. – Das nimmt jedoch keiner zur Kenntnis. Wir haben mit den Lesern eine Art Pakt geschlossen, den ich respektieren möchte. Aber ich versuche auch zu erklären, daß der Autor nicht unbedingt selbst auftritt. Er schafft eine bestimmte poetische Persona, die – leider – besser ist als er. Damit meine ich, daß der Mensch nicht der ist, der er ist – wer von uns weiß schon, wer er ist –, sondern der er sein möchte. Das ist meine grundlegende Entdeckung auf dem Gebiet der Psychologie. Deshalb habe ich soviel Sympathie für alte Leute, die sich jünger machen, und für alle O-Beinigen, die sich ausgerechnet aufs Tanzen verlegen. Ich sympathisiere mit denen, die keine schöne Stimme haben, aber bei jeder Gelegenheit das „Gebet einer Jungfrau“ singen. Ich finde das rührend; dieses Bestreben, der Versuch, über den eigenen Schatten zu springen, ist doch nichts anderes als Literatur. Diese Sehnsucht nach dem besseren Ich, das ich ersinne, und die sich dann an mir rächt. Denn die Leute sagen: Seht mal, so schreibt er, aber so lebt er – was soll das!

Gorczyńska: Ich habe den Eindruck, daß viele Ihrer Gedichte eine Warnung enthalten: Körper und Geist nicht zu trennen, da das zu einer Kettenreaktion führen würde.

Herbert: Das ist eine richtige Beobachtung. Und vielleicht beginne ich mit einer Erfahrung, die für mich ein Schlüsselerlebnis war. Im ersten Jahr unseres Philosophiestudiums befaßten wir uns nämlich mit Psychologie. Das sah so aus, daß wir in eine Schule gingen und uns in eine Klasse setzten. Der Professor hatte uns aufgetragen, ein bestimmtes Kind zu beobachten und sein Profil zu erstellen. Dabei sollten wir zwischen seinen volitiven, emotionalen und rationalen Reaktionen unterscheiden. Diese Dreifaltigkeit der aristotelischen Psychologie ist sehr hilfreich bei der Unterscheidung von Eigenschaften. Ich mußte jedoch feststellen, daß ich den kleinen Jungen, den ich beobachtete, nicht beurteilen konnte. Er schob ständig etwas unter die Bank, zog es wieder hervor, kramte herum. War das nun ein volitives, ein emotionales oder ein rationales Verhalten? Mit einem Wort, von der sogenannten höheren Warte aus muß man diese Dinge anders betrachten, nicht vulgär-dichotomisch. Mein Freund Jan Lebenstein sagt, man malt nicht mit den Fingern, sondern mit der Leber, mit Enttäuschung, Verzweiflung, Hoffnung, Angst und all dem, was ich nicht zu den zwei getrennten Kategorien zählen würde: hie Körper, da Geist. Ich bin mehr für Eingliederung und Konkretisierung. Mein Gottesbegriff ist unklar, aber Christus und die Passion sind für mich konkrete, ergreifende, zutiefst bewegende Dinge, die Zorn und Liebe wecken. Ambivalente Gefühle. Zorn – war ein so großes Opfer für diese schreckliche Menschheit nötig? Gäbe es in der christlichen Religion nicht dieses Zeugnis, gäbe es kein Evangelium, würde ich mich in der Welt wohl nicht zurechtfinden…

Gorczyńska: Die Phantasie, schreiben Sie in einem Ihrer Gedichte, ist „… ein werkzeug des mitgefühls“. Warum ist das so? Woher kommt das?

Herbert: Wissen Sie, die Phantasie war für mich nie ein Problem. Ich spreche immer von mir. Da gab es keine merkwürdige Vermischung mit anderen Seinsformen – halb Frau, halb Fisch, oder nehmen wir die Zentauren, für die ich eigentlich viel übrig habe… Das ist nur ein bestimmtes Verfahren. Überhaupt ist das Schreiben nur ein Verfahren, sich nicht auszudrücken, sich nicht selbst auszudrücken, so etwas wie die Kunst der Empathie, das heißt der Einfühlung. Ich kann keine Romane schreiben und lese übrigens auch nicht allzu oft welche, denn ich mag sie nicht, besonders wenn es dem Autor nicht gelingt, sich aufzuspalten – in Protagonisten und Antagonisten oder wie man das nennt. Das ist für mich etwas Elementares und bedarf keiner Erläuterung. Offenbar ist das ein Mangel, denn solche verbale Phantasie, solche Vorstellungskraft besitze ich nicht. Dafür habe ich wohl einen gewissen Hang zur Empathie, zur Einfühlung. Die Fähigkeit, sich in die Lage eines anderen hineinzuversetzen, ist im Leben sehr hilfreich…

Gorczyńska: Im Gedicht „An Ryszard Krynicki – Ein Brief“ schreiben Sie, von der Poesie des 20. Jahrhunderts würde nicht viel bleiben. Sie nennen Rilke und Eliot und beantworten gleichzeitig die sich aufdrängende Frage, warum das so ist:

… wir glaubten leichthin daß schönheit nicht erlöse

Ist die platonische Beziehung zwischen dem Guten und dem Schönen nicht eine Konstruktion von abstrakten Ideen, wie auch Ihr berühmtes Gedicht „Die Macht des Geschmacks“ beweist?

Herbert: Dem stimme ich zu, allerdings mit dem Vorbehalt, daß diese Linie ein Ausdruck des Bedauerns ist. Den Worten „… wir glaubten leichthin“ müßte man ein „leider“ hinzufügen. Ich werde jedoch weitersuchen. Mein Lehrmeister, Professor Henryk Elzenberg, hat nach einer generellen Definition des Guten und des Schönen gesucht. Schließlich ist das Häßliche das Böse im Bereich des Schönen, und das Böse ist das moralisch Häßliche. In der Alltagssprache sind die Wörter häßlich und böse austauschbar. Und das nicht von ungefähr. So ist es in allen Sprachen, die ich kenne. Ich nehme also an, daß zwischen dem Guten und dem Schönen ein Zusammenhang besteht, daß Menschen, die dem Schönen dienen, Gutes tun. In unserer Zeit gibt es die Tendenz, das Schöne zu meiden. Das Schöne wird mit Ästhetizismus gleichgesetzt, es ist zu einer peinlichen Angelegenheit geworden. Anfangs begegnete man meiner Poesie in Deutschland mit einer gewissen Unsicherheit – womöglich war ich einer von denen, die ständig zu den Griechen reisen und dann darüber schreiben. So wie die Romantiker oder sexuell Unbefriedigte mit gewissen Neigungen. Das ist geradezu ein Muster. Simpel, unzutreffend und widerlich, aber es hat sich eingebürgert. Die Wiedergewinnung des Glaubens an das Schöne – sagen wir es pathetisch, denn wie soll man es sonst sagen –, an den ästhetischen Wert, ist sowohl eine Voraussetzung für das Glück des Menschen als auch für das Gute – und dessen braucht man sich nicht zu schämen. Wir haben uns zu leicht mit der uns umgebenden Häßlichkeit, der moralischen Häßlichkeit aller Totalitarismen, abgefunden. Wir müssen dieses große Thema nicht nur der europäischen Kultur endlich aufgreifen. Die Menschen wollten durch das Schöne etwas ausdrücken – vermutlich das Gute. Als es noch eine sakrale Kunst gab, war die Sache einfach: Man errichtete ein Heiligtum zu Ehren Gottes. Heute wird so was unterdrückt. Ich glaube aber, daß dieses Thema aufgegriffen wird, und zwar in verschiedenen Bereichen – in der Architektur, in der guten Malerei und der guten Poesie, die dem Menschen dient, ihm Mut macht und ihm sagt: Siehst du, wir können auch singen.

Gorczyńska: „Die Macht des Geschmacks“ spricht nicht intellektuell von der Ablehnung der totalitären Doktrin, denn das wäre nur wenigen verständlich, sondern mit Hilfe der Sinne, mit dem Körper. Kann man daraus schließen, daß der Körper weise ist?

Herbert: Aber ja. Ich würde wagen, das zu behaupten. Jedenfalls ist er klüger als ich. Er rebelliert auf eine – sagen wir – rationale Weise. Die Widerstandskraft hat Grenzen. Bei der Vorstellungskraft bilden wir uns ein, daß sie keine Grenzen hat, daß unsere Möglichkeiten unerschöpflich sind, der Körper aber… Der Körper ist weise.

Gorczyńska: Also sollte man sich auf ihn verlassen…

Herbert: Man darf ihm nicht zuviel durchgehen lassen, ihm nicht alles erlauben, aber man muß auch auf ihn hören. Ich nenne Ihnen ein Beispiel aus der Architektur. In Italien erkenne ich auf Anhieb, was für Mussolini erbaut wurde. Das ist gar keine so schlechte Architektur. In unserer – ich sage es einfach mal so – Gemeinschaft ist es dagegen kein Wunder, wenn Häßliches entsteht. Diese Häßlichkeit fällt sofort ins Auge. Meine Augen, meine Sinne, mein Körper akzeptieren das nicht. Es ist einfach nicht mehr menschlich, es fehlt die Basis, das Verhältnis, das rechte Maß, das die großen Kathedralen auszeichnet. Es geht mir nicht um das Gigantische, sondern einzig und allein um die Proportion. Man muß doch mit dem Ellenbogen, mit dem Fuß beginnen. Der Fuß im klassischen Bauwesen geht schließlich vom menschlichen Fuß aus.

Gorczyńska: Demnach besteht eine Kathedrale aus zig Ellenbogen und Füßen…

Herbert: Aus einem Vielfachen des Menschen. Und deshalb fühlen wir uns in dieser Kathedrale heimisch, vertrauen ihr. Damals erschien die ganze Welt logisch und nicht unendlich. Sie bestand aus sieben Sphären und war von Gott erschaffen, man konnte sie erkennen und definieren. Und diese Begriffe ließen sich in die Alltagssprache übertragen, daraus ergaben sich für den Menschen Konsequenzen.

Gorczyńska: Adam Michnik, der in der „Geschichte der polnischen Ehre“ Ihr Gedicht „Apollo und Marsyas“ analysiert, meint, Marsyas ist ein Symbol für die gemarterte Seele und Schmerzen und Leiden sind für sie unabdingbare Erfahrungen. Ich aber glaube, daß sich in diesem Gedicht vor allem eine Warnung verbirgt: Jede personifizierte Vollkommenheit – ob in der Gestalt Gottes oder eines Staates – ist bedrohlich, da sie zum Totalitarismus führt.

Herbert: Von Michnik stammt eine Interpretation dieses Gedichts. Das, wovon Sie sprechen, ist eine Art Ergänzung. Ich wehre mich jedenfalls ein bißchen gegen das romantische Modell, es ist nicht das meine. Ich akzeptiere die Bedeutung des Leidens und der Erfahrung – des körperlichen und auch des geistigen Leidens –, aber empfehlen würde ich es nicht. Ein kluger Mann hat mir kürzlich gesagt, daß der Mensch, wenn er allein und leidend ist, sich bemühen sollte, das Leiden zu opfern. Ein guter, praktischer Rat. Mit dem Leiden kann ich nichts anfangen, aber ich kann es durch einen inneren Akt veredeln. Jedenfalls glaube ich nicht, daß nur Leid adelt. Im Leben eines Menschen muß es eine bestimmte Proportion zwischen Leiden und Freude geben, erst sie, meine ich, führt zu wahrer Menschlichkeit. Der nur Leidende zieht sich in sich selbst zurück. Das Buch Hiob, ein Meisterwerk, sagt eigentlich alles über das Leiden, das Aufbegehren, über die Überwindung des Aufbegehrens, das Annehmen. In dieser Hinsicht ist es höchst lehrreich.
Und was den Totalismus, den Totalitarismus, angeht, so entspringt er einer schrecklichen Arroganz… Ich würde ihn eben auf Hochmut zurückführen, auf eine Eigenschaft Satans, der das Reich Gottes auf Erden errichten will. Wie sich zeigt, können aus guten Absichten schlimme Dinge entstehen – Konzentrationslager, Verbannungen. Und wie es scheint, ist eine Prise Skepsis unentbehrlich, der alte, verlachte Liberalismus und die Einsicht, daß ein anderer, auch wenn wir uns noch so sehr in ihn einfühlen, ein anderes Wesen ist, mit eigenen Rechten und eigenen Normen. Das sage ich natürlich nicht als Pfarrer, denn ich fühle mich selbst des Verstoßes gegen diese Grundsätze schuldig, aber ich erkenne sie an. Wenn das für jemanden jedoch der einzig richtige Weg zum menschlichen Glück ist, nimmt das ein fatales Ende. Und diese Typen – ich bin gegen die Todesstrafe, aber nicht unbedingt gegen das Gefängnis – muß man irgendwie diskret von der Gesellschaft isolieren.

Gorczyńska: Sie schreiben viel über die Notwendigkeit der Demut, um den Hochmut in sich selbst zu überwinden. Dieses Thema findet sich in „Herrn Cogitos, des Reisenden, Gebet“ und im Gedicht „Die Einstigen Meister“, in dem Sie sagen, daß von den größten Malern des Mittelalters nur die Werke bleiben, wir aber weder ihren Namen noch ihre Biographie kennen.

Herbert: Ich bin, und das mag paradox klingen, für ein anonymes Schaffen. Wir sollten endlich versuchen, uns nicht mehr Dupont oder Schmidt zu nennen, sondern einfach zu Ehren von irgend jemand schreiben. Das geht natürlich nicht, aber ich habe den Eindruck, daß wir zugunsten der Individualität gleichsam die Weltseele aufgeben. Wir haben die Verbindung zu den Generationen verloren, die wir nur so wie die Archäologie zu unserem Erbe machen können – ausschließlich über die Dinge, ausschließlich über die Werke. Selbst die Knochen sind schon zerfallen. Das geht mir nahe, und eben deshalb möchte ich Anonymität als Demut verstehen. Die Kunst verlangt jedoch von mir, daß ich besser bin als mein Kollege, besser als mein Nachbar, und sie kommt nicht ohne Namen aus. Ich aber denke, daß nach zehn Jahren derartiger Enthaltsamkeit diejenigen ausscheiden, die nur schreiben, um sich einen Namen zu machen. Ich meine, daß viele Dichter das Bedürfnis verspüren, etwas zu sagen, und zwar nicht nur, damit es ihnen angerechnet wird. Sie, meine ich, nähern sich der Objektivität über die Anonymität, indem sie nicht ihre ganze Individualität einbringen, nicht einmal deren schlechteren Teil. Überdies macht mich, was mich vom anderen unterscheidet, zu seinem Gegner, ja sogar zu seinem Feind, da die Konkurrenz ja eine Art Kampf ist…

Gorczyńska: Warum gehen Sie so oft in die ferne Vergangenheit, in die Antike, zurück? Suchen Sie nach einem Muster für das menschliche Handeln, weil es da besser zu erkennen ist? Noch nicht im Durcheinander der Götter und Stimmen, in den Ablagerungen der Geschichte untergegangen?

Herbert: Geschichte interessiert mich einfach. Sie zeigt, daß der Mensch ewig ist und sich doch verändert. Das ist eine grundsätzliche, fundamentale Frage: Bewahrt der Mensch seine Natur, oder verändert er sich so, daß er die Möglichkeit einbüßt, sich mit anderen Generationen zu verständigen? Die Gefahr eines Wechsels der Stile und der Philosophie besteht immer. Dabei gab es, zumindest in der europäischen Kultur, stets eine gewisse Kontinuität. Also habe ich diese mythologische Dachkammer für mich entdeckt und mir gesagt, daß mich daraus niemand vertreiben kann.

Gorczyńska: Der grausamste Ihrer Götter ist wohl Apollo, der seine Vollkommenheit eifersüchtig verteidigt. Sie nennen ihn den Gott „… mit den Nerven aus Kunststoff“. In einem anderen Gedicht trifft ihn Herr Cogito auf dem Weg nach Delphi, wohin er das verdorrte Medusenhaupt bringt, wobei er sich sagt:

Der Künstler muß die Grausamkeit ergründen.

Und im Gedicht „In der Werkstatt“ schreiben Sie, daß Gott eine vollendete, rationale Welt erschaffen hat, in der es sich eben deshalb nicht leben läßt. Der Maler dagegen erschafft eine gute Welt, denn sie hat Fehler. Hier haben wir also zwei Arten von Künstlern – einen in apollinischer Gestalt, jener höchsten, vollkommensten Inkarnation, und einen zweiten, der, sagen wir, mit verkehrter Perspektive malt…

Herbert: Es gibt da einen Widerspruch, dem ich gar nicht ausweichen will. Ich stelle zu meinem Leidwesen fest, daß ich keine Schule begründe und kein kohärentes philosophisches System schaffe. Es gibt zwei Arten von Künstlertum. Das apollinische, das bar allen Mitgefühls ist und danach strebt, die Grausamkeit zu ergründen. Auch im Künstler steckt eine gewisse Grausamkeit. Nehmen wir nur Beschreibungen des Sterbens. Warum hat sich beispielsweise der arme Flaubert so damit gequält, warum wollte er es so genau beschreiben? Das ist fast mehr, als man ertragen kann. Oder Rembrandt, der seine kranke Frau porträtiert. Die Gesichtszüge festzuhalten, wenn sich der Tod bereits im Menschen eingenistet hat. Jener reine Künstler ist eigentlich apollinisch, während der andere seine Bilder nicht einmal korrigiert. Ich sage das mit einem Augenzwinkern. Der Künstler erschafft einfach eine Welt. Der Mensch sieht die Welt nicht in geometrischer Perspektive, das ist ein Irrtum. Eine so gemalte Straße dagegen mildert, naiv betrachtet, die Realität, verwischt die scharfen Konturen. Das sind die beiden Gesichter der Kunst – jener reinen und derjenigen, die sich mit der Unvollkommenheit, mit dem eigenen Ungeschick, dem Irrtum, dem eigenen Wesen abfindet.

Gorczyńska: Ich habe den Eindruck, daß Sie in Ihrer Poesie oft versuchen, Gott zu vermenschlichen, so in dem Gedicht „Herr Cogito erzählt von der Versuchung Spinozas“.

Herbert: Es gibt einen Gott der Philosophen, einen Gott der Maler und einen Gott der Dichter. Das hat nichts mit Polytheismus zu tun; die Menschen finden auf verschiedenen Wegen zu ihm. Genau so, wie es der Pfarrer sagt. Ich habe eigentlich meinen Beruf verfehlt. Und zu Spinoza, dem Philosophen, der gewissermaßen eine Ethik ohne Gott – eine geometrische Ethik – geschaffen hat, kommt Gott und sagt: Ich möchte von den Einfachen, Ungebildeten geliebt werden, sie bedürfen meiner wirklich. Vor kurzem habe ich einen Brief von Józef Czapski bekommen, mit dem ich einen engen, herzlichen und freundschaftlichen Umgang pflege. Und er hat mir geschrieben, daß er sich an eine Zusammenkunft von Frauen in Kasachstan erinnert, die, aus den Lagern kommend, vor einer stümperhaft gemalten Muttergottes für den Erhalt ihres Hauses und die Rückkehr ihrer Männer und ihrer Kinder beten. Und der wunderbare Józef Czapski schreibt: Sie mußten doch wissen, daß nichts mehr so werden würde, wie es vor Jahren war, das Haus war längst abgebrannt, der Mann tot. Ich will solche Glaubensbekundungen nicht unterschätzen, aber ich für mein Teil bringe es nicht fertig, auf die Knie zu fallen. Bei einer Lesung in Polen wurde ich gefragt: Wie ist Gott für Sie? Und ich habe geantwortet: Unfaßbar. Das war die Antwort, die mir spontan, als mein Glaubensbekenntnis, einfiel. Denn wenn ich mir Gott vorstellen kann, vermenschliche ich ihn natürlich. Warum liebe ich wohl die griechische Mythologie? Weil sie ein Mittelding ist zwischen dem Gott der Philosophen, dem Gott Platos und vor allem dem Gott des Sokrates, der bereits parachristlich erscheint, als Präfiguration eines einzigen Gottes. Und dazu all diese Bettgeschichten, diese Jagden, diese Metamorphosen der Götter, an die – das ist mein Eindruck – die Griechen einer aufgeklärten Epoche nicht mehr recht glaubten. Das war eher eine rhetorische Figur. Ich schreibe Apokryphen, in denen die Götter klagen, daß sie ewig leben müssen. Wieviel glücklicher sind doch die Menschen, die einen endlichen Weg zurückzulegen haben: von – bis. Ab und zu lese ich gern philosophische Werke – dort wird einem alles erklärt, alles wird von Begriffen hergeleitet. Mich aber überzeugt das nicht. Da ist ein Bedürfnis des Geistes und des Herzens. Mein Vorbild ist Pascal – der Mystiker und Physiker.

Gorczyńska: Aber auch Cartesius, von dem Herr Cogito seinen Namen hat, nicht nur als Autor der „Abhandlung über die Methode“, sondern auch als ein Mensch, der eine große mystische Vision hatte.

Herbert: Eben, eben. Seine drei Träume… Eine wunderbare Sache. Simone Weil schreibt, und das war für mich frappierend, wo wir auf Widerspruch stoßen, sei die große, ontologische Realität. Und dieser Widerspruch ist, wie ich meine, so fruchtbar, daß man sich nicht zu schämen braucht, denn gerade darin steckt ein Mysterium…

Gorczyńska: Und woher kommt Ihr großes Interesse für die Dinge in Ihrer Poesie – für einen Stuhl, ein Vorstadthaus, einen Tisch, einen Stein?

Herbert: Das kann ich einfach genealogisch herleiten. In einer Zeit, als alles zerfiel, sich veränderte, wandte ich mich den Dingen zu, um mir meine Privatontologie zu schaffen. Białoszewski, den ich damals noch nicht kannte, hat ähnliches gemacht. Wir wußten nichts voneinander. In dieser chaotischen Welt, in diesem ideologischen Getöse versuchten wir eine Ontologie aus einfachen Dingen zu schaffen, die sich immer gleich bleiben, sich nicht verändern. Ich stehe hinter den Werten. Sie müssen beständig sein, man kann nicht sagen: Ach, wir leben in einer anderen Zeit, heute ist alles anders. Irgend etwas muß beständig sein, sonst ist Bewegung sinnlos. Man kann sich entfernen, man kann sich annähern, ich aber liebe beständige Dinge. Und wahrscheinlich hat man deshalb sofort entschieden, daß ich ein Reaktionär bin. Natürlich liebe ich die Dinge aus Selbstsucht, damit ich etwas habe, zu dem ich jederzeit zurückkehren kann, damit ich mich nicht dauernd nach Neuem sehne. Daher meine Beziehung zu Stilleben – ein paar Gegenstände, eine Pfeife, das bleibt. Das ist der Triumph der Dinge über uns. Das war einst Vanitas, das Symbol der Vergänglichkeit, aber die von den Holländern gemalten Gegenstände finde ich in Antiquitätenläden wieder. Sie haben Rembrandt überlebt.

Gorczyńska: Und deshalb erwecken Sie die tote Natur so oft zum Leben?

Herbert: Ja, ich möchte in so ein Gemälde hineingehen und zu diesen Gegenständen sagen: He, ihr seid Geister. Das beruht übrigens auf einem Erlebnis in meiner Kindheit. Ich habe in diesem Zusammenhang ein Gedicht über meine Schwester geschrieben, in dem ich mir darüber klar werde, daß ich eigentlich alles Mögliche sein könnte. Ich könnte ein Herr mit Bauch sein, der eine komische Melone trägt, ein Hündchen oder eine Mauer. Wissen Sie, das hatte nichts mit Philosophie zu tun, das war etwas Ursprüngliches. Ich hatte das Gefühl, daß meine Individualität nicht absolut, bestimmt und abgeschlossen ist, daß ich rein zufällig in der Familie von Vater Herbert zur Welt gekommen bin. Ich hätte doch auch jenes Kind sein können, mit dem ich auf dem Hof spielte, die Tochter des jüdischen Krämers, die ich sehr geliebt habe – meine erste Liebe. Damit kehre ich zur Empathie zurück, die für mich eine ganz natürliche Sache, ja gewissermaßen eine Bedingung fürs Schreiben ist.

Gorczyńska: Als Schutz vor dem Nichts, dem Nihilismus empfehlen Sie im Gedicht „Die Dämonen des Herrn Cogito“ die Mimesis: Man nimmt die Gestalt eines Steins oder eines Blattes an. Läßt sich das nicht in einen konkreteren Rat übertragen?

Herbert: Ob sich das übertragen läßt? Na, da ist zum Beispiel der Trost, daß die Welt auch nach mir existiert, es sei denn, jemand löscht sie aus. Aber auch die Dinge werden sich erneuern, die Eichen werden blühen. Mit mir hat nichts begonnen – nur mein Leben –, und nichts wird mit mir enden. Denn. solange es Leben gibt, bin ich ein austauschbares, unwichtiges Teilchen. Das ist auch für mich ein schwieriger Versuch der Aussöhnung mit dem Sturz in das physische Nichtsein. Da muß ich an Rodin denken, bei dem Rilke Sekretär war. Einmal klagte Rilke, daß er nicht schreiben könne, daß es ihm schwerfalle. Darauf riet ihm Rodin: Wissen Sie was? Gehen Sie in den Jardin des Plantes und beobachten Sie dort die Tiere. So entstanden großartige Gedichte. Das heißt doch, daß man von sich zu den Dingen hingehen muß. Das kenne ich von mir – unentwegt stolpernd und klagend, gehe ich meinen Weg: Ich untersuche einen Gegenstand, nicht mich, versenke mich in etwas, das sich außerhalb von mir befindet. Sich in etwas versenken heißt es durchdenken, es mit den Augen in sich aufnehmen, die merkwürdige Erfahrung machen, daß etwas außerhalb von mir existiert. Das philosophische Staunen darüber, daß da etwas ist, während ich bin.

Gorczyńska: Poesie ist Erinnerung – das ist, grob gesagt, der Sinn des „Berichts aus einer belagerten Stadt“. Die Erinnerung überdauert das Nichts, das sich als Amnesie erweist. Große Poesie aber ist wohl auch eine prophetische Gabe. Kann sie Ihrer Meinung nach den Lauf der Dinge antizipieren?

Herbert: Ob die Poesie prophetisch ist? Das weiß ich wirklich nicht. Ich habe jedoch den Eindruck, daß dem Dichter durch unbedingte Konzentration – ich nenne es nicht Inspiration oder Vision, sondern eben Konzentration – auf unlösbare Fragen mitunter etwas glückt, daß er ein Traumgesicht hat. Und überhaupt haben Dichter Ahnungen. Die Unheilspropheten mit Miłosz an der Spitze haben die reale Bedrohung gesehen, die über der Welt hing. Die anderen haben nichts bemerkt, weil die Welt nicht in Gefahr geraten will. Dichter aber ahnen so etwas, denn sie sind wachsam. Die anderen schlafen – laßt uns in Ruhe, alles ist gut, warum macht ihr uns angst. Sie dagegen sehen das Unheil, bevor es ausbricht. Das ist jedenfalls mein Eindruck. Sie haben eine Nase für Schwefelgeruch. Für die anderen müssen erst Schwefelwolken aufziehen, damit sie überhaupt was merken, die Dichter aber nehmen auch die kleinsten Bestandteile in der Luft wahr. Wissen Sie, ich spüre es, wenn sich die Luft in Zeiten des Terrors verdichtet, so wie ich ihn während der Okkupation und auch später erlebt habe. Ich kann das nicht wissenschaftlich begründen, ja ich versuche es gar nicht, aber ich nehme eine Bedrohung oder auch den Tod mit all meinen Sinnen wahr. Ich hin kein Wahrsager und werde auch nie aus den Karten lesen, aber ich habe Gedichte veröffentlicht, die im nachhinein genau der Situation entsprachen. Das ist nicht mein Verdienst, ich habe nur nachgedacht und dabei ins Schwarze getroffen…

Gorczyńska: Es ist bekannt, daß Sie die Bezeichnung Moralist nicht lieben. In dem Gedicht „Klapper“ ist der Moralist jemand, der gegen ein Brett klopft, und es antwortet: ja, ja, nein, nein. Der Moralist hat das Zeug zu einem ganz guten Totalitaristen.

Herbert: Tatsächlich besteht zwischen einem inquisitorischen Moralisten und einem Totalitaristen kein großer Unterschied. Darüber hat schon mein Lehrmeister, Professor Elzenberg, geschrieben. Er ist der Verfasser des sensationellen Essays „Brutus oder der Fluch der Tugend“. Es gibt jedoch einen sehr wichtigen Unterschied in Argumentation und Motivation. Wenn ein Mensch einen anderen im Namen eines übermenschlichen Ideals zum Leiden verurteilt, ist das etwas anderes, als wenn er jemanden zum Leiden im Namen einer sozusagen rein menschlichen Ordnung verurteilt. Da muß man schon unterscheiden. Die Folgen sind in bei den Fällen verheerend. Aber warum ich kein Moralist sein will? Weil ich, der ich mich nach dauerhaften Werten sehne, Stilleben und Vermeers „Ansicht von Delft“ liebe, auch jene Veränderungen durchmachen möchte, die zugleich Veränderungen meines Körpers sind. Das heißt, wenn es mir gegeben ist, möchte ich in Würde alt werden. Kornel Filipowicz schrieb in einem, übrigens berühmt gewordenen, Gedicht, daß die einen Gott um Ruhm bitten, die anderen dagegen um Geld, ich aber bitte darum, daß mir das Alter nicht allzu übel mitspielen möge. Im Augenblick habe ich davor furchtbare Angst. Wenn ich mir das Schicksal so mancher nicht gerade strahlenden Gestalt ansehe, habe ich Angst vor Gebrechlichkeit, vor dieser Bedrohung und infolgedessen davor, einen Fehler zu begehen, der das ganze Leben ausstreicht.

Gorczyńska: Könnten Sie Ihre Poesie mit einem einzigen Satz definieren?

Herbert: Wenn sich der Mensch zu dem schrecklichen Schritt der Veröffentlichung entschließt, weiß er nicht, welche Konsequenzen das für sein Leben und für seine Gesundheit hat. Das Schreiben oder Malen – erst recht das Musizieren – geht nicht spurlos an seiner Seele vorbei. Es macht sie besser oder schlechter, aber nie gleichgültig. An dieser Stelle werden meine jüngeren Kollegen sagen: Der hat’s gut, er hat Preise eingeheimst, sitzt in Paris und gibt gute Ratschläge. Dennoch ist das eine Entscheidung für die Gefahr, für ein Schicksal, ein schwieriges Leben. Dabei möchte ich nur, daß was ich schreibe das Spiegelbild eines Menschenlebens – eines unwichtigen, alltäglichen Lebens, meines Lebens – ist und damit auch meiner Generation, meiner Beziehung zu den Alten, den Meistern. Das ist eine Verpflichtung zur Kontinuität und – trotz meiner furchtbaren Charakterschwächen – eine Verpflichtung zur Treue. Ja, ich würde sogar sagen, daß es in meiner Poesie um Treue geht, um die Tugend der Beständigkeit, um eine Bejahung des Lebens in all seiner Komplexität. Dabei träume ich davon, daß ich, wenn ich eines Tages merke, daß ich auf dem Papier ausgleite, den Mut habe, mir zu sagen: Nein, danke, ich ziehe mich zurück. Mauriac hat diese uralte Frage gestellt: Warum hat Rimbaud nicht weitergeschrieben? Nun, er hatte schon alles gesagt.

Aus dem Polnischen von Helga Gutsche
Sinn und Form, Heft 5, September/Oktober 2004

 

Jan Wagner: Im Königreich der Dinge. Insbesondere über Zbigniew Herbert. Dritter Bamberger Poetikvortrag im Rahmen der Bamberger Poetikprofessur

 

ZBIGNIEW HERBERTS STUHL

An einem Tag im März 2014 in Warschau
darf ich auf Zbigniews Stuhl sitzen.
Die Sonne scheint durch die kahlen Äste
der mürrischen Bäume vor seinem Fenster
und läßt den Staub nicht zur Ruhe kommen
über den Büchern, eine solide Wand
aus Philosophie und Kunstgeschichte
in fünf Sprachen. Hat er die Katze noch gekannt,
die vor den griechischen Klassikern liegt?
Mit seiner Spinnenschrift hat er die Bücher
vollgekritzelt: Alles war anders,
als gesagt wird, sagt seine zittrige Schrift,
die den krummen Pfaden der Geschichte folgt
bis ins helle Herz der Schönheit.
Und dann betritt Herr Cogito das Zimmer,
die keuchende Stimme voller Rauch,
setzt sich mir gegenüber auf einen neuen Stuhl
und spricht vom Verschwinden der Religion
in der Theologie. Wir brauchen ein Leben,
sagt er, um zu begreifen, was ein Fremder
mit einem Blick erkennt, daß wir nämlich
so unbedeutend sind wie alle anderen auch.
Herr Cogito lächelt. Es wird schnell dunkel.
Warschau ist bald wieder eine dunkle Stadt.

Michael Krüger

 

 

 

Fakten und Vermutungen zum Übersetzer

 

Fakten und Vermutungen zum Autor + KLfGIMDbPIA +
Internet Archive
Porträtgalerie: Autorenarchiv Isolde Ohlbaum + Keystone-SDA

 

Zbigniew Herbert – Dokumentarfilm Obywatel Poeta, Teil 1/8.

 

Zbigniew Herbert – Dokumentarfilm Obywatel Poeta, Teil 2/8.

 

Zbigniew Herbert – Dokumentarfilm Obywatel Poeta, Teil 3/8.

 

Zbigniew Herbert – Dokumentarfilm Obywatel Poeta, Teil 4/8.

 

Zbigniew Herbert – Dokumentarfilm Obywatel Poeta, Teil 5/8.

 

Zbigniew Herbert – Dokumentarfilm Obywatel Poeta, Teil 6/8.

 

Zbigniew Herbert – Dokumentarfilm Obywatel Poeta, Teil 7/8.

 

Zbigniew Herbert – Dokumentarfilm Obywatel Poeta, Teil 8/8.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

0:00
0:00