Zbynĕk Hejda: Lady Feltham / Valse mélancolique

Hejda-Lady Feltham / Valse mélancolique

***

Die chinesischen Dichter,
diese alten chinesischen Dichter,
betrinken sich und schauen hinauf,
wo Wildgänse die Trauer des Herbstes
hinter sich herziehen.
Oder sie blicken
auf eine Wasserfläche,
auf ihr eigenes Bild darin
und malen Verse
über einen blühenden Pflaumenzweig.

Ach, diese alten
chinesischen Dichter, die
die Poesie des Alters aus der Trunkenheit destillieren.

 

 

 

Zbynĕk Hejdas „Roman in Versen“

Wie nahe sind sich doch poetische Lüge
und jegliches Glück.

Z. Hejda, Für Ivan Blatný (1987)

Als man Zbynĕk Hejda 1996 den Jaroslav-Seifert-Preis, eine der höchsten literarischen Auszeichnungen Tschechiens, zuerkannte, stellte man einen Dichter ins Rampenlicht, der wie viele namhafte tschechische Autoren nach 1968, nach der Niederschlagung des Prager Frühlings, aus dem offiziellen Kulturleben verbannt worden war und daher im Bewusstsein breiterer Leserschichten nicht mehr figurierte. Obwohl die Ehrung für Hejdas letzten Gedichtband, den im gleichen Jahr bei Petrov in Brünn erschienenen Valse mélancolique (Das mit dem Erscheinungsjahr 1995 ausgewiesene Buch kam in Wirklichkeit erst im März 1996 heraus.), ausgesprochen wurde, galt sie eigentlich seinem Gesamtwerk, das er im Lauf von rund vierzig Jahren abseits von Strömungen und Moden und kompromisslos in künstlerischen wie auch politischen Fragen verfasst hatte. Es ist ein poetisch suggestives Werk, das sich weniger durch den Umfang, als die ungewöhnliche motivische und formale Geschlossenheit auszeichnet. Getragen vom Bewusstsein der Vergänglichkeit jeglichen Seins, bewegt es sich, ohne einen Ausweg aus der schmerzlich empfundenen menschlichen Geworfenheit anzubieten, um zwei einander durchdringende Themenkreise – Tod und Eros.
Die Herausgabe aller Sammlungen Hejdas war bis zum Ende des Kommunismus 1989 von Schwierigkeiten begleitet. In den siebziger Jahren wurden seine Gedichte, die sich zu dieser Zeit besonders ausdrucksvoll von den verlogenen poetischen Klischees der offiziellen Lyrik abhoben, von der dogmatischen linientreuen Kritik als „spiritualistisch“ und „entartet“ gebrandmarkt. Doch schon in den kulturpolitisch liberaleren sechziger Jahren standen die „bitter-sarkastischen Verse und Bilder“, so der 1968 nach Paris emigrierte Surrealist Petr Král (*1941), in einer zwar „diskreten, aber wirkungsvollen polemischen Beziehung zur offiziellen Fortschrittsideologie und ihrem obligatorischen Optimismus“. Der erotische Fakten ungeschminkt beim Namen nennende und mit einem ausgesprochenen Sensorium für das Tragische und Abgründige des Lebens ausgestattete Dichter skizzierte eine phantastisch anmutende und seltsam faszinierende imaginäre Landschaft: Ausgeburt ganz persönlicher Seelennot und archetypischer Ängste und Ahnungen, gleichzeitig aber auch Ausdruck einer Art „Urgedächtnis“ der Erde (Sergej Machonin). Obwohl Züge der realen Topografie erkennbar sind, dient diese letztendlich als Projektionsfläche eines von Hejda als einzige Sicherheit erlebten, sich in allem manifestierenden Nichts.
In der ersten Werkphase mit den zwischen 1957 und 1965 verfassten Sammlungen Všechna slast (Alle Lust). A tady všude muziky je plno (Und alles ist hier voller Musik) und Blízkosti smrti (Nähe des Todes), die 1963/64 beziehungsweise 1978 verlegt wurden, kreierte Hejda (mit Abstechern in urbane Räume) einen „grausamen ruralen Mythos“ (Vratislav Färber). Den variiert wiederkehrenden Topoi Wirtshaus und Friedhof, die die Eckpunkte einer emotionslos entworfenen, irrealen Arena menschlicher und kreatürlicher Misere im Kreislauf zwischen Geburt und Tod sind, steht ein ebenso konstantes Inventar von Opfer und Täter versinnbildlichenden Protagonisten und symbolträchtigen Motiven gegenüber: Dirnen, Betrunkene, Schinder, Debile, unschuldige kleine Mädchen, herumstreunende Hunde, scheuende Pferde, malträtierte Hähne und Vögel, Staub, Blut, Verwesung, das Weiß gekalkter Mauern… Hejdas „ruraler Mythos“ beschwört keine dekorative folkloristische Idylle, ist aber auch nicht die Ausgeburt einer krankhaften Phantasie. Es ist, wie man aus Aussagen des Dichters schließt, der ästhetisch sublimierte Succus realer Erfahrung einer heute in dieser Gestalt kaum mehr bestehenden Dorfwelt und auch Amalgam aus mündlich tradiertem Erzählgut, zu dem auch ihm geschilderte Träume zählten.
Nicht außer Acht gelassen werden darf, wie bei allen seinen Sammlungen, der politisch-gesellschaftliche Kontext, aus dem sie hervorwuchsen und der dem tschechischen Leser bei der Lektüre präsent ist, nämlich die triste Atmosphäre des Stalinismus in den fünfziger Jahren und der von Hejda als Zeit einer unendlichen Depression erlebten „Normalisierung“ in der Husak-Ära. Auf diesen Zusammenhang verwies der Literaturkritiker und prominente Dissident Sergej Machonin in Křik proti smrti (Aufschrei gegen den Tod), dem Nachwort zur ersten, 1979 im Samisdat herausgekommenen Gesamtausgabe von Hejdas Poemen (Básně), in dem er auch nahelegt. diese nicht nur als bizarren Totentanz zu lesen, sondern als Appell, das Leben aus der Warte der Endlichkeit zu schätzen und zu achten:

Den Ängsten, Visionen und Träumen des Inneren des Dichters zugewandt, wird diese Poesie (…) zum indirekten Bild der Welt, in der wir leben: von Dörfern, Städten, Ländern, Landesherren dieser Zivilisation, die den Menschen in seiner Menschlichkeit bedroht, die ganze Systeme, Apparate und Unterdrückungsmaschinerien ausgearbeitet hat, um ein manipulierbares Objekt aus ihm zu machen, einen toten ersetzbaren Bestandteil gesellschaftlicher Mechanismen.

Mit der Erinnerung an die „schwarzen Bilder“ einer Zivilisation, in der nicht genehme Dichter geächtet, aus dem Gedächtnis gelöscht, wie Hunde am Gängelband gehalten wurden, und mit dem seinem Freund Machonin gewidmeten Gedicht „Variation auf Gellner III“, als einer illusionslosen Zukunftsprognose, lässt Hejda Valse mélancolique beginnen – seine Lebensbilanz nach zwanzigjährigem Publikationsverbot und seinen (hoffentlich nur vorläufigen) Abschied aus der Literatur. Der Band schließt nach Pobyt v sanatoriu (Aufenthalt im Sanatorium), 1993, die zweite Werkphase ab, die er mit Lady Felthamová, 1979 (Samisdat), eröffnet hatte.
Mit Lady Felthamová, dem eine Liebesbeziehung im Zusammenhang mit einer Reise nach England im Jahre 1969 zu Grunde liegt, schlug Hejda ein neues – und wie die Reaktionen zeigten, für seine Leser höchst faszinierendes – Kapitel seines „Romans in Versen“ auf, der „Geschichte seines Gefühlslebens und zugleich Curriculum einer Poetik, die fähig ist, diese Geschichte zu tragen und zu reflektieren“ (Antonín Petruželka). Ohne von seiner nihilistischen Grundeinstellung und seiner Poetik des Tabubruchs abzurücken, gibt Hejda in Lady Felthamová mehr von sich selbst preis und bringt sich mit persönlichen Emotionen ein. Damit kommt Dynamik in die bisher in sich selbst kreisende und auf sich selbst verweisende starre Welt der „Todesnähe“. Sich deutlicher abzeichnende Konturen von Inseln der Tagwelt mit biografischen Details tauchen auf, der hermetische imaginäre Raum bekommt durch einen nun einsetzenden Erinnerungsprozess Risse: Friedlichere Stimmungen verbreiten sich – der Friedhof belebt sich, wie das Gedicht „Jetzt im Sommer am Abend“ zeigt. Auch die Polarität eines „hellen Oben“ und „düsteren Unten“ (in „Die Tür tut sich auf“) zeichnet sich ab, in der man – vielleicht wider die Intentionen des Autors – den Schimmer einer transzendierenden Hoffnung erblicken kann, auch wenn das Leitmotiv der Sammlung die Nichtigkeit bleibt.
Als neues formales Element treten jetzt in gehäufter Form Träume auf, die in ihrer tatsächlichen Alogik belassen und nicht selten unwillkürlich komisch sind. Hejda bereitet darin den Komplex ihn prägender Ängste und sexueller Obsessionen, aus denen sich die früheren „Bildkonzentrate“ (Jiři Trávníček] herauskristallisiert hatten, mit epischen Mitteln auf. Gleichzeitig enthalten diese Traumprotokolle aber auch, als eine Art Paralleltext zu den Gedichten, die Reflexion seines Liebeserlebnisses aus der Perspektive des Unbewussten – eines Erlebnisses, durch das sich vom bisher verfestigten Topos der Frau als anonymem Lustobjekt das belebte, vermenschlichte Bild eines weiblichen Sehnsuchtsobjekts abspaltet. Mit den Peripetien eines aus den Texten herauszulesenden Läuterungs- und Wandlungsprozesses, der zusammen mit der fragmentarisch nachgezeichneten, verschlüsselten „Liebesstory“ den roten Faden der Sammlung bildet, korreliert die aufgelockerte Komposition der Sammlung mit einer Mischung aus verschiedenen Genres: den für Hejda bisher typischen kompakten kürzeren Gedichten in freien oder metrischen Versen und den neu verwendeten monologisierenden Poemen sowie Prosa.
Dieses Gestaltungsmuster bestimmt auch den Aufbau von Valse mélancolique, einem unsentimentalen Epilog zu seinem Leben und Werk. Hejdas „Schwanengesang“ mit Texten, die er sich vor und nach einer schweren Gehirnoperation im Jahre 1985 abrang, wurde von seiner Lesergemeinde und der Kritik als ein authentisches privates und, eingedenk der für so viele bitteren Erfahrungen der letzten Jahrzehnte, auch überpersönlich gültiges Dokument des Dichters – als ein „melancholischer Walzer unseres seinem Ende entgegengehenden Jahrhunderts“ (Aleš Haman) – begeistert aufgenommen. Hejda vermerkt in diesem auf den ersten Blick unspektakulär, ja disparat wirkenden persönlichen Zustands- und Erinnerungsbericht, den man von der Struktur her als formal hybride poetische Causerie charakterisieren könnte, ihm aus der Altersperspektive wichtig erscheinende Koten seines Lebens und schlägt, indem er zum Teil frühere Formulierungen wieder aufnimmt und gewisse Motive aktualisiert, den Bogen zu seinen ersten Sammlungen. Das bestärkt die Hypothese, er hätte im Grunde an einem einzigen, seinen Seelenmythos umkreisenden Buch geschrieben.
In diesem formal bunten Kaleidoskop aus Erinnerungen und Impressionen – wie beispielsweise in der „Variation auf Blatný“ und der im anschließenden Gedicht folgenden Replik – kehrt er zu hier deutlich lokalisierten Orten seiner Kindheit zurück, denen er sich stets emotional verbunden fühlte. Gemeint sind vor allem Pouchov, einst ein ländlicher Vorort von Königgrätz, und vor allem Horní Ves, ein Dorf auf der Böhmisch-Mährischen Höhe unweit von Jihlava, wo er sich in einem seinerzeit seinem Großvater gehörenden Bauernhaus aufzuhalten pflegt, wenn er nicht in Prag weilt. Seinen Eltern setzt Hejda ein Denkmal in gegenüber Lady Felthamová stark vereinfachten Träumen und Traum-Gedichten, in denen er hauptsächlich die ihn lebenslang bedrängenden Verlustängste thematisiert, jene ihn stigmatisierende psychische Wunde, für die die zwei „leeren Löcher in der Küchenmauer“ stehen und die durch den frühen Tod des Vaters (1939) gerissen wurde. In für Außenstehende möglicherweise nicht ganz einsichtigen Szenen wiederum rekapituliert er andere in sein Gedächtnis eingeschriebene, einschneidende Momente und Erkenntnisse seines Lebens, wie es die Waldszene bei Bojanov darstellt, mit dem Erlebnis einer absoluten Existenzlosigkeit, in der selbst das Nichts und damit, wie man interpretieren könnte, auch die letzte Sicherheit ausgelöscht ist. Den Blick in das sich real nähernde Nichts gerichtet, kommentiert er schmerzlich und voller Selbstironie – alles Überflüssige, Beschönigende und auch Tröstliche aussparend – und mit einem seiner Seelenlage entsprechenden verbalen Minimalismus den sich ankündigenden körperlichen Verfall und Libidoverlust.
Diese den Eindruck banaler Marginalien erweckenden, aber sorgfältig ausgefeilten kleinen Artefakte mit genauer Reimstruktur und perfektem Rhythmus sind freilich im Deutschen wirkungsgleich kaum nachbaubar. Der diesen Gedichten eigenen Stilisierung der Aussage, die auf dem Kontrast zwischen traditionalistischer Form und einer bewusst zurückgenommenen Diktion beruht, stehen die nicht minder ausgeklügelten Verfremdungen kanonisierter Gedichtformen wie des Sonetts gegenüber, in denen Hejda die Fragmentarisierung der normiert vorgegebenen Struktur zur Unterstreichung seiner metaphysischen Zweifel einsetzt. Zum Ausdruck der eigenen Todesfurcht bedient er sich des bereits in Lady Felthamová anklingenden Motivs der Einsamkeit von Jesus Christus im Garten Gethsemane, einer modellhaften existentiellen Situation, die für ihn einen Archetyp der Verlassenheit repräsentiert. Der ebenfalls schon in Lady Felthamová neu eingeführte Topos des Meeres steht, abgesehen von seinem symbolischen Gehalt, in Verbindung mit einer in den siebziger Jahren in Hejdas Lebensgeschichte eingetretenen Protagonistin: seiner aus Südfrankreich stammenden Frau Suzette, deren licht gezeichnete Heimat zur Spiegelfläche der schwermütigen böhmischen Landstriche und des verrauchten, kalten Prag wird. Durch die in Valse mélancolique gehäuft auftretenden Reminiszenzen an ihm teure Schriftsteller deklarierte Hejda nicht nur – was im folgenden Abschnitt näher behandelt werden soll – seine literarischen Vorlieben und Wahlverwandtschaften, sondern stellte sich gewissermaßen auch in eine bestimmte Filiation, wobei die Einbeziehung eines Malers, Josef Sima, nicht nur auf eine besondere Identifikation mit dessen Bildwelt verweist, sondern überhaupt mit der betont optischen Ausrichtung von Hejdas Dichtung in Einklang steht.

Bevor nun auf die Biografie Zbynĕk Hejdas eingegangen wird, sollen noch zwei Weggefährten aus der „parallelen Kultur“ der Dissidentenkreise Erwähnung finden, die sich seit den siebziger Jahren als Editoren verdient gemacht haben: Antonín Petruželka (*1952) und Vratislav Färber (*1952), die beiden wichtigsten Propagatoren von Hejdas Œuvre. Ein Jahr vor der Veröffentlichung von Lady Felthamová in ihrer Samisdat-Reihe KDM hatten sie auch den wohl bedeutendsten Gedichtband der sechziger Jahre mit dem auf das gleichnamige Trakl-Gedicht verweisenden Titel Nähe des Todes publiziert. (Dieser war 1970 im Zuge der „Säuberungen“ nach dem Prager Frühling kurz vor der vorgesehenen Veröffentlichung in einem Staatsverlag eingestampft worden.) Auch die 1996 im Prager Verlag TORST veröffentlichte Gesamtausgabe – Zbyněk Hejda, Básně (Gedichte) (Der von Michael Spirit verfasste Kommentarteil enthält eine genaue Zusammenfassung der wichtigsten Rezensionen und Studien über Hejdas Werk.) – wurde von Petruželka und Färber zusammengestellt.

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Zbyněk Hejda wurde 1930 in Hradec Králové (Königgrätz) geboren, wo er seine Kindheit verbrachte und ein klassisches Gymnasium absolvierte. Nach dem Studium der Philosophie und Geschichte an der Karlsuniversität wirkte er ab 1953 als Assistent für politische Geschichte und zwischen 1958 und 1968 als Angestellter des Prager Informationsdienstes. Nach einem kurzen Intermezzo als Verlagsredakteur, das durch das Scheitern des Prager Frühlings beendet wurde, arbeitete er von 1969 bis 1977 in einem Antiquariat, eine Stelle, die er durch die Unterzeichnung der Charta 77 verlor. Von 1981 bis 1989 verdiente er seinen Lebensunterhalt als Hausbesorger. Neben diesen Brotberufen war er seit der zweiten Hälfte der fünfziger Jahre als Dichter und Publizist literarisch tätig. Sein literarisches Debüt am Beginn der sechziger Jahre fällt in die Zeit, in der auch hierzulande bekannte Lyriker wie etwa Jiří Gruša (*1938), Petr Kabeš (*1941) oder Ivan Wernisch (*1942) in die Literatur eintraten. Als Mitglied des Redaktionsstabs der legendären, zweimal behördlich eingestellten, nonkonformistischen Literaturzeitschrift Tvar (1964–65, 1968–69) lernte er Jan Lopatka und Andrej Stankovič kennen. Zwischen 1968 und 1989, in der Zeit der „Normalisierung“, veröffentlichte er in Samisdat- und Exilrevuen und beteiligte sich an inoffiziellen Publikationsprojekten, zum Beispiel an der Edition eines Gedichtbandes des tschechischen Exillyrikers Ivan Blatný. Seine Tätigkeit für den illegalen „Ausschuss zur Verteidigung ungerecht Verfolgter“ (VONS), in den er auf Aufforderung Stankovičs eingetreten war, brachte ihm polizeiliche Verfolgung ein.
Schon in Samisdat-Zirkeln eine Kultfigur – und nicht nur im Autorenkreis um die noch heute bestehende Revolver Revue, die ihn 1988 mit dem renommierten Preis der Revolver Revue würdigte –, übt Zbyněk Hejda eine über die Wertschätzung seines literarischen Werks hinausgehende, auf seinem persönlichen Charisma beruhende starke Anziehung auch auf die Repräsentanten jüngerer, nach 1989 in die Literatur eingetretener tschechischer Dichtergenerationen aus, von denen zumindest der im deutschsprachigen Raum bekannte Petr Borkovec (*1970) genannt sei. Schlechter bestellt ist es um die literarhistorische Kanonisierung seines Œuvres, das sich durch seinen hermetischen Charakter und nicht zuletzt durch die raffinierte Struktur intertextueller Zusammenhänge innerhalb seiner sechs Gedichtbände endgültigen Deutungen bisher widersetzt hat. Anstrengungen, Hejda, den „Phänomenologen des Todes“ (Jaroslav Med), in eine bestimmte Nachfolge zu stellen, sind an der (ihm von allen Auslegern seines Werks attestierten) Unverwechselbarkeit seines dichterischen Codes gescheitert, gleichgültig ob man in seinen Dichtungen Analogien zur Barockdichtung oder einen Widerhall von Volksliedern und volkstümlicher Lyrik (Karel Jaromír Erben) feststellte oder Ähnlichkeiten mit der Grundfragen der menschlichen Existenz aufwerfenden Poesie von František Halas (1901–1949) oder Vladimír Holan. Auch (allerdings nur oberflächlich angestellte) Vergleiche mit dem spiritualistischen Lyriker Bohuslav Reynek, dessen religiös motiviertes Harmonisierungsbestreben Hejda fremd ist, und mit ausländischen Repräsentanten des Expressionismus waren nicht zielführend, wiewohl Hejda den ihm, laut eigenen Worten, wirklich seelenverwandten Georg Trakl wie auch Gottfried Benn auszugsweise übersetzte – Letzteren freilich erst Ende der sechziger Jahre. Hejda selbst, dem keine Interpretation seiner Gedichte zu entlocken ist und der als literarische Vorlieben unter anderem die „poetes maudits“, vor allem Paul Verlaine, nennt, sieht in etwaigen Übereinstimmungen mit anderen Poeten zufällige Affinitäten. In seinem Werk vorzufindende und zum Teil im Titel als „Variationen“ bezeichnete Paraphrasierungen erklärt er mehr als Festschreibungen seines inneren Bildes von den betreffenden Autoren, denn als bewusste stilistische Anleihen oder Zitate. Dennoch kann man sich in einigen Fällen nicht des Eindrucks erwehren, dass er sich einer fremden Maske bediente, um wie in der „Variation auf Blatný“ oder in jenen auf Gellner in Valse mélancolique für andere typische Verfahren und Stilisierungen zur Evokation einer bestimmten Atmosphäre beziehungsweise zur Unterstreichung und Pointierung der eigenen Aussage zu verwenden.
Wie bewusst oder unbewusst alle diese Echos auch sein mögen, stellen die formalen und inhaltlichen Bezüge zu bedeutenden tschechischen Dichtern, durch die die semantische Dichte seiner Texte gesteigert und das dichterische Ich multipliziert (und auch gebrochen) wird, ein wesentliches Spezifikum von Hejdas Poetik dar, durch das allerdings wohl auch die Rezeption durch den ausländischen Leser, dem das zum vollen Textverständnis notwendige kulturelle und literarische Hintergrundwissen fehlt, erschwert wird. Diese Bezüge reichen zurück bis zu Karel Hynek Mácha, dem Hauptrepräsentanten der tschechischen Romantik und Verfasser des berühmten, den Tod und die Leere besingenden Poems „Mai“ (Mai), 1836. Vor allem Máchas Vers „wie weißer Städte Bild, versenkt im Wasserschoß“ aus der jedem Kenner der tschechischen Literatur bekannten, zentralen Passage aus „Mai“, in der die verlorene Kindheit und das Verfließen der Zeit beklagt wird, wird bei Hejda (wenn auch vielleicht unbewusst) des Öfteren paraphrasiert. Verwandt erscheint er Macha über strukturelle poetologische Aspekte hinaus aber vor allem in der radikalen metaphysischen Skepsis, der Oszillation zwischen Phantastik und Naturalismus und in der komplex aufgefassten, Ideal und Trieb vereinenden Erotik, wie es in der „Erinnerung an Macha und an Josef Sima“ (Valse mélancolique) in dem in der Übersetzung nicht adäquat wiederzugebenden Wortspiel „luna“-„lůno“ (Mond-Schoß) direkt zum Ausdruck kommt. Wie aus Valse mélancolique mit den dort namentlich erwähnten Schriftstellern zu schließen ist, bekannte sich Hejda zu einem literarischen „Stammbaum“ formal innovatorischer, gegen die jeweils herrschende literarische Norm anschreibender und sich gegen gesellschaftliche Anpassung und Vereinnahmung wehrender Autoren, die sich in ihrem von besonderer Poetizität gekennzeichneten Schaffen mit dringlichen existentiellen Fragen auseinandersetzen.
Außer Mácha zählen zu diesen in der Ära des Kommunismus verfemten „Outsidern“ der tschechischen Literatur der formbewusste dekadente Symbolist Karel Hlaváček, der provokante anarchistische Bohemien František Gellner, der seine seelischen Wunden, vom Leben desillusioniert, hinter schwarzem Humor versteckte und sich dabei gerne unter anderem der Coupletform bediente, sowie der lästerliche, mit Gott und der Welt hadernde, von den Kirchenbehörden geächtete Priester-Dichter und Sprachmagier Jakub Deml, der wie Mácha den Traum als ein literarisches Gestaltungsmittel ästimierte. Beide wurden von der tschechischen Avantgarde in der Zwischenkriegszeit zu Vertretern einer Art „Proto-Surrealismus“ erhoben, und der Wiederentdeckung Demls nahm sich in der Zeitschrift Tvář vor allem Hejdas enger Freund, der später nach Wien emigrierte Philosoph und Essayist Jiří Němec (1932-2001), an. Die besondere Verbundenheit mit Jakub Deml bringt Hejda nicht nur verbal zum Ausdruck, sie geht auch aus seiner als Einführung in seinen poetischen Kosmos gewerteten lyrischen Prosa Nikoho tarn nepotkám (Ich werde dort niemanden vorfinden), 1960/61, sowie aus einer 1968 in Tvář publizierten Rezension einer damals soeben erschienenen Auswahl von Demls Prosa hervor. Die von Hejda herausgestrichene Verwurzeltheit Demls in der heimatlichen Landschaft auf der Böhmisch-Mährischen Höhe und die für ihn typische Einbeziehung außer- und aliterarischen Materials, von Träumen bis hin zu banalen Details privater Art, in sein literarisches Werk sind neben dem hohen Grad an Selbstbezogenheit seiner Texte (was auch Mácha von Literaturwissenschaftlern bescheinigt wird) Eigenheiten, die man auch Hejda zuschreiben könnte. Das Interesse für das Unbewusste und das Bemühen, das sich eigentlich der Formulierung entziehende Unfassbare dichterisch zu benennen, stellen ihn wiederum, um ein letztes markantes Beispiel zu nennen, an die Seite eines anderen „Monolithen“ der tschechischen Literatur, des oft mit Kafka verglichenen, existentialistisch orientierten Prosaikers und Lyrikers Richard Weiner (1884–1937), der während seines beruflichen Aufenthalts in Paris Mitglied der Surrealistengruppe Le Grand Jeu war und aus dessen Werk Hejda das Motto zu seinem ersten Gedichtband Všechna slast entlehnte. Eine gründliche Analyse nicht nur der hier angedeuteten „literarischen Verwandtschaften“, wie sie meist in Studien und Rezensionen erwähnt werden, steht zusammen mit der „Heimholung“ Hejdas in die tschechische Literaturgeschichte [Einen ersten Schritt zur literarhistorischen Aufarbeitung Hejdas, zu dem man in Literaturgeschichten nur knappe Angaben findet, hat Zdeněk Štipl mit der Diplomarbeit Básník Zbyněk Hejda (Der Dichter Zbynek Hejda), Prag 2001, gesetzt.] noch aus, obwohl sich maßgebliche Kritiker und Literaturwissenschafter aus unterschiedlichen Lagern darüber einig sind, dass Hejda zu den „ausdrucksvollsten Persönlichkeiten“ (Vladimír Novotný) der modernen tschechischen Dichtung zählt.

Christa Rothmeier, Nachwort

 

„Die Sonne steigt langsam herab,

dunkle Röte sickert durch den Sommer am Abend“. – Eine fieberhafte Erotik durchzieht Zbyněk Hejdas Gedichte und Prosatexte, die zugleich vom Wissen um die Allgegenwart des Todes erfüllt sind. Vom ewigen roten Licht in den Kirchen, von offenen Gräbern, verwilderten Weingärten und modernden Federbetten ist da ebenso die Rede wie von stummen Verrückten, Verzweifelten, die geschüttelt im rosigen Fleisch der Dirnen vergehen. Und während der Regen ein durchfrorenes Grüppchen Begräbnisgäste durchnässt, pisst ein Betrunkener im Hof eines Wirthauses. „Man ahnt herrliche brennende Schöße“.
Zbyněk Hejda, 1930 in Hradec Králové (Königgrätz) geboren, lebt in Prag und im Dorf Horní Ves auf der Böhmisch-Mährischen Höhe. Seine Bücher konnten bis 1989 fast ausnahmslos nur im Untergrund erscheinen. Nach Unterzeichnung der Charta 77 musste Hejda – auch Übersetzer von Emily Dickinson, Georg Trakl und Gottfried Benn – seinen Lebensunterhalt als Hausmeister verdienen.
Mit Lady Feltham (1979) und Valse mélancolique (1995) schuf er zwei Schlüsselwerke der tschechischen Lyrik des 20. Jahrhunderts. Teilweise handelt es sich bei diesen Texten um Traumnotate – Träume von Japanerinnen etwa, oft skurril, mitunter verstörend –, nebst einem Lobgesang auf die alten chinesischen Dichter, die „vollkommen besoffen von Reisschnaps“ Verse über einen blühenden Pflaumenzweig schrieben und so „die Poesie des Alters aus der Betrunkenheit destillieren“.
Zbyněk Hejdas literarisches Schaffen wird mit diesem Band, der beide Sammlungen integral und in zweisprachiger Form enthält, erstmals auf Deutsch zugänglich gemacht.

Edition Korrespondenzen, Ankündigung

Wenn Röte durch den Sommerabend sickert

und die Schatten dunkeln, werden Ängste und Begierden, Träume, Visionen wach. Mit Sinn für das Tragische und Abgründige des Lebens schildert Zbynĕk Hejda die ländliche Szenerie seiner Herkunftsgegend. Zwischen Wirtshaus und Friedhof, in fieberhafter Erotik und Todesangst, spielt sich die menschlich-kreatürliche Misere ab.
In einer raffiniert komponierten Abfolge von Gedichten und Traumprotokollen legt Hejda in klarer, unprätentiöser Sprache persönliche Seelennot und archetypische Ängste und Ahnungen frei.
Mit Lady Feltham, das mit Nachklängen des Unbewussten um ein Liebeserlebnis während einer Reise nach England kreist, und mit Valse mélancolique, einem unsentimentalen Epilog auf sein Leben, schuf Zbynĕk Hejda zwei Schlüsselwerke der tschechischen Lyrik des 20. Jahrhunderts.

Edition Korrespondenzen, Klappentext, 2002

 

Spaziergang durch die neue Tschechische Lyrik

[…] Zbyněk Hejda bewahrt in seinem, im letztem Jahr in Deutsch erschienenen, Doppelband Valse mélancolique und Lady Feltham Erinnerungen an seine Eltern und die Räume seiner Großeltern. Bei Hejda ist dieser Ort Horní Ves, ein Dorf auf der Böhmisch-Mährischen Höhe, in dem er auch selbst lebt, wenn er sich nicht in Prag aufhält. Zbyněk Hejda wurde 1930 in Hradec Králové geboren. Er studierte Philosophie und Geschichte an der Karlsuniversität. Seine spätere Tätigkeit als Verlagsredakteur fand zeitgleich mit dem Prager Frühling ein vorzeitiges Ende. Daraufhin arbeitete er bis 1977 in einem Antiquariat. Durch seine Unterschrift unter der Charta 77 verlor er auch diese Stelle und schlug sich bis zur Samtenen Revolution als Hausmeister durch. Die faszinierende Welt seiner Gedichte wurde – durch ein mehr als zwanzigjähriges Publikationsverbot – auf im Untergrund verlegte Samisdat-Bände reduziert. Doch bereits in Samisdat-Kreisen avancierte er zur Kultfigur. 1988 erhielt der den renommierten Preis der Revolver Revue. 1996 wurde ihm dann auch der Jaroslav-Seifert-Preis, eine der höchsten literarischen Auszeichnungen Tschechiens verliehen, was sein Lebenswerk – nach den Jahre der verordneten Schweigen – schließlich krönte. Im letzten Jahr erschien die deutsche Ausgabe der beiden Gedichtbände Lady Feltham und Valse mélancolique in einem Buch. Das Buch besteht aus einer dichten Folge von Gedichten und Traumprotokollen. Valse mélancolique ist seine unsentimentale, doch brilliante Lebensbilanz und Lady Feltham kreist um ein Liebeserlebnis während einer Englandreise im Jahr 1969. In beiden Bänden trifft die erfrischend direkte Beschreibung erotischer Begegnungen mit sarkastischer Weisheit zusammen. Das Unbewusste – dem vor allem in Form prosaischer Traumsequenz Raum gegeben wird – und das mehr als Bewusste, ergänzen sich auf kreuzfidele Weise.
Hören Sie jetzt ein Gedicht, das Hejda seiner aus Südfrankreich stammenden Frau Suzette widmete:

POUR S.

Thymian wächst dort
und reglos mächtig trotzen die Pinien der Sonne
und kerzengerade Zypressen.
Und ein hoher klarer Himmel wie an einem Sonntag
und oben in den Bergen Garrigue,
und der Rest eines Mäuerchens, angeblich gab es dort einmal Weingärten.

Wir stiegen
zu den schon baufälligen Häuschen hinauf
am Abhang der Weinberge.
Früher verbrachten die Winzer mit ihren Familien
dort die Sonntagnachmittage
und schauten über das Tal
in Richtung St. Dionisy
oder St. Côme
odert dorthin, wo Caveirac ist.
Ein Tal namens Vaunage.

Was weiß ich schon
von deiner Heimat.
Hier ist dir kalt.
Einmal bist du voll Angst erwacht, voll Angst,
du würdest hier sterben.

Dort ist ein hoher,
unendlich hoher Himmel,
so wie hier manchmal
– so selten –
zu Ostern.

Und das Meer, das mir fremd und fern ist,
das Meer besitzt dich.

Und hier Nebel, Nebel und Rauch.

Und an Feiertagen laufen dort
in den Gassen Stiere, taureaux, herum.

Und biblische Olivenhaine gibt es dort,
Sommer und Winter silbergrün.

Hier ist es kalt,
und was bin ich dir?

Lady Feltham und Valse mélancolique erschienen im vergangenen Jahr in einem schön gestalteten zweisprachigen Band der Wiener Edition Korrespondenzen. Bereits dessen äußere Aufmachung besitzt sinnliche Qualitäten und zeigt, dass sich hier Inhalt und Form auf höchst dankenswerte Weise verbinden. […]

Martina Zschocke, Radio Prag, April 2003

 

Gefährlich leise Pfoten

– Zum Tod von Zbyněk Hejda (1930–2013). –

Als mit der Sammlung Lady Feltham / Valse mélancholique (Edition Korrespondenzen) im Jahr 2002 erstmals eine Gedichtsammlung des tschechischen Lyrikers Zbyněk Hejda in vorzüglicher Übersetzung von Christa Rothmeier vorgelegt wurde, war eine längst überfällige Stimme zu Gehör gebracht worden. Der wehmütige und zugleich sperrige Ton ordnete die Verse des 1930 in Hradec Králové/Königgrätz geborenen Zbyněk Hejda der mitteleuropäischen Tradition und Wirkungsmacht eines Georg Trakls zu. Es scheint zuweilen, als entspringt Hejdas Lyrik aus der Melancholie herbstlicher Stimmungen: einsame Lichter, die hinter entblättertem schwarzem Gestrüpp das letzte Rätsel eines Gartens aufgeben. Motive wie Finsternis, Mauern, Schlaf und Abend bilden zentrale Koordinaten seiner Gedichte:

Dann berührt mich eine Hand
der Verputz des Schlafes splittert,
eine Hand, so leicht, so fein, dass sie webt.
Es ist Morgen. Die Vögel singen.

Oft findet sich nur in Träumen, die in Hejdas Schaffen eine bedeutende Rolle einnehmen, eine Form von Erlösung:

Es war die Vergangenheit, die sich von mir löste und gleichgültig fortschwamm. Der Schmerz war vorbei.

Hejdas distanzierte Beobachtung läßt ein unscheinbares Nebeneinander von Idylle und deren Einbrüche zu:

Duft aus alten Linden
eine Statue des heiligen Johannes
schwarz, vom Alter gebeugt.

Aus dem Wirtshaus gegenüber tritt ein Mann
mit schwankendem Gang.
Ihm nach Stimmen, auch von Dirnen,
man ahnt herrliche brennende Schöße.

Dieses Neben- und Ineinander von naturnaher Beschaulichkeit und triebhafter Bestimmung beherrscht Zbyněk Hejdas feinziselierten Verse, die auf gefährlich leisen Pfoten daherkommen. Vergeblich klingelt und tönt es, damit die Dunkelheit draußen bleibt:

Oben
tragen schöne Engel
den blauen Baldachin der Welt
auf alten Bildern
in düsteren Gewölben.

Unten
ist es unsagbar bang.

Jetzt
hat ein Vogelschrei das Dunkel zerrissen.

Immer wieder entstehen gefällige Beschreibungen, welche auch durch drastisch erotische Sequenzen nicht aus den Angeln gehoben werden. Es scheint, als ob Hejdas Ausloten der existentiellen Tiefen des Menschen bewußt bis an die äußerst möglichen Ränder betrieben wird, um sich des eigenen Seins zu vergewissern. Es ist eine schrecklich schöne Wirklichkeit, welche die Angst um sich selbst gebiert! Eine Angst, welcher Zbyněk Hejda ausschließlich Verse anzubieten vermochte.
In den 1950er Jahre hatte Hejda an der Prager Karlsuniversität Philosophie und Geschichte studiert. Seit den späten 1950er Jahren hatte Hejda erste Veröffentlichungen vorgelegt. Zwei Gedichtbände hatten in der Tschechoslowakei erscheinen können. Der Einmarsch der Warschauer Pakt-Truppen im August 1968 bildeten auch in Hejdas Leben eine schmerzhafte Zäsur, weitere Veröffentlichungen in der „normalisierten ČSSR“ waren ihm fortan versagt geblieben. Nachdem Hejda das Manifest der Bürgerrechtsbewegung CHARTA 77 unterschrieben hatte, verlor er seine Tätigkeit in einem Prager Antiquariat. Er fristete seinen Lebensunterhalt bis zum Ende der kommunistischen Herrschaft im Dezember 1989 als Hausmeister. Seine Gedichtsammlungen zirkulierten lediglich im Untergrund, unter anderem in der Reihe edice petlice (Edition Schloß & Riegel) des Schriftstellers Ludvík Vaculík, wo sie auf jüngere Dichter prägend wirkten. Hejda war seit 1985 Mitherausgeber der kritischen, oppositionellen Zeitschrift „Mitteleuropa“ (Střední Evropa), die damals nur im Selbstverlag, im Samisdat kursieren konnte und heute noch erscheint. Erst in den neunziger Jahren konnte Zbyněk Hejda in seiner Heimat wieder publizieren. Für sein dichterisches Schaffen wurde er 1995 mit dem Jaroslav-Seifert-Preis, der höchsten literarischen Auszeichnung Tschechiens, geehrt.
Am 16. November ist Zbyněk Hejda in Prag im Alter von 83 Jahren verstorben.

Volker Strebel

 

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