Zsófia Balla und Alfred Kolleritsch: Dichterpaare

Mashup von Juliane Duda zum Buch von Zsófia Balla und Alfred Kolleritsch: Dichterpaare

Balla und Kolleritsch-Dichterpaare

DIE DRITTE GESCHICHTE

Verdächtig alle Nachwelt. Auch die Stille ist
bloß ein anrüchig Schleichweg des Leugnens.
Nach der Antike Sagen und Worten der Bibel
ist deine heilige Schrift der Rauch der Verwüstung.

Was ist geschehen? Zweitausend Jahre zu flüchtig,
es zu erfahren. Frage Hiob. Ihn haben die
Toten beerbt. Jeder Treffer zieht seine Schußbahn
im Äther weiter. Gott bestimmt. Das Böse deutelt.

Die wiegen ab dein Gewicht, die vernichtet wurden.

Deine Liebe ist bitteres Salz. Keine Freiheit
im anderen Körper – nie findet die Leidenschaft
in Bangigkeit Erfüllung: Halte die Wacht als der
nackte Spiegel, damit nicht dein Träumen
ihr Dasein verhülle. Erkenne ihr Zeichen.

Auch du entgehst nicht, vergeblich die Gnade.
Schuldlos bist du zufällig, du weißt es.
Die Schande beschmiert dich von oben bis unten.
Gott spricht mit mir immerzu über sie. Er
gäbe sein Leben hin, um den Tod abzuwerfen.

Zsófia Balla

 

 

IDYLLE

Nichts fanden wir,
was zu leben war, wie es war,
oder es war nichts,
wie es war,
wir lasen Todesanzeigen,
aber auch diese Trauer
war keine Trauer.
Wir waren die Maske
und das ihr erlaubte Gefühl
gegen die Kälte,
klirrend vor Zerstörung
des nie Dagewesenen. Wir zogen mit,
froh über das Blut,
die Scherben, die Schnitte,
es bluteten Gespenster,
die Lust auf Bodenlosigkeit
überdrehte sich ins Paradies,
die Morde dafür
zahlten wir ein fürs andere,
von den Zusammenhängen
redeten die Zusammenhänge,
nicht die Dinge, auch nicht wir.

Alfred Kolleritsch

 

 

 

Vorwort

Die Ahnungen der Dichter sind die vergessenen Abenteuer Gottes.1

Dieses Wort Canettis im Ohr, haben wir uns die Frage gestellt, ob diese „vergessenen Abenteuer“ der Grund sind, warum die Lyrik gegenüber der Prosa – zumindest in der Gegenwartsliteratur – ein Schattendasein führt.
Ahnungen haben mit Abenteuern eines gemeinsam: sie sind nicht nur ungewiss, sondern auch immer etwas bedrohlich. Das lyrische Ich ist ein gefährdetes Ich. Es liefert sich aus, ist bereit, Erfahrungen in Grenzbereichen zu machen und diese Erfahrungen aus dem Vorsprachlichen in die Sprache zu holen, uns teilhaben zu lassen an diesem Grenzgang. Es ist die Sprache des Dichters, die den Leser herausfordert zu einer neuen Wahrnehmung der Welt.
Nach einem aufmerksamen Blick in die ungarische und die deutschsprachige Gegenwartslyrik haben wir einen „Schatz gehoben“, der in uns die Idee hat reifen lassen, eine Reihe ins Leben zu rufen, in der wir die Dichter präsentieren, die sich in die „Minenschächte“ ihrer Biographien, an die Grenzlinie zwischen Unbewusstem und Bewusstem gewagt haben. Sie wollten wir der Öffentlichkeit nicht als Einzelne, sondern jeweils als „Dichterpaare“ vorstellen. Paare, die vielleicht ähnliche Ahnungen in jeweils ihrer Sprache zum Ausdruck bringen. Daraus ergab sich die Frage nach einer möglichen „Seelenverwandtschaft“. Wir haben deshalb ungarische Dichter, die wir vorstellen wollten, eingeladen, sich einen deutschsprachigen „Partner“ zu suchen.
Zsófia Balla, die in Siebenbürgen geborene, ungarisch schreibende Dichterin hat sich Alfred Kolleritsch, den an der Grenze zu Slowenien geborenen Österreicher ausgesucht.
Dieser Band, der erste der geplanten Reihe, versammelt Gedichte, aus denen wir erkennen können, wie nahe die ,,Ahnungen“ zweier Dichter sich zueinander verhalten.
Jeder von beiden hat sich auch eine Graphik ausgesucht, die symbolisch für das steht, was er sagen will. Um ihre Stimmen für die Nachwelt zu bewahren, wird dem gedruckten Text eine Höraufnahme als CD beigegeben.

Elke Atzler, Vorwort

 

Fakten und Vermutungen zur Autorin
shi 詩 yan 言 kou 口

 

Zsófia Balla in der Fernsehsendung Záróra am 28.2.2010.

 

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Präsentation des Lyrikbandes Es gibt den ungeheuren Anderen von Alfred Kolleritsch im LITERATURHAUS GRAZ am 5.2.2013.
Ausschnitte aus der gemeinsamen Lesung von Alfred Kolleritsch und dem Grazer Schauspieler Daniel Doujenis.

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