Crauss: Schönheit

Mashup von Juliane Duda zu dem Buch von Crauss: Schönheit

Crauss-Schönheit

(…)

was helfen uns beschreibungen, die geist und herz kalt lassen, leblose beschreibungen der leblosen natur!1

es ist ein anfang, wenn das Novaliswort „alles muss poëtisch seyn“ von mir als forderung poetisiert euch! unter zwei gesprochene lieder gestellt wird,2 das verlagshaus j. frank dies als motto übernimmt und es – abgesehen von profanen marketingüberlegungen – als einladung zum schauen, sich wundern weiterverbreitet.

wunder welt und naturwelt. geisterreich und wirckliche welt. freyer wechsel dieser beyden zustände [112].3

spread the word:

wer nicht jeden fremden gedanken wie einen seinigen und einen eigentümlichen wie einen fremden gedanken behandelt, ist kein echter gelehrter.4

sich mit Novalis in die aktuellen plagiats- und urheberrechtsdebatten einmischen, denke ich… inzwischen finden sich die bumper sticker in österreich, frankreich, der schweiz, italien mehrfach, san francisco, japan, israel, den philippinischen inseln… die welt kann, abgesehen von aufklebern an autos, straszenlaternen, taschen und laptops wirklich mehr gemeinsames gebrauchen. die poesie ist teil dessen, und sei es als name für eine arznei gegen schmerz und psychose. „dabei verselbständigt sich die angst und verliert ihre zweckmäszigkeit und relation“, heisst es über die generalisierte angststörung im beipackzettel zum krampflöser lyrica. wie beruhigend, denke ich, endlich etwas gegen abhör-, antiterror- und sicherheitswahnsinn allerorten. her damit, und bitte groszzügig verteilen!
es ist also doch nicht alles in schönster ordnung, en la plej bela ordo, wie mein weltensprachler in der küche mir hatte weismachen wollen. er war, während ich mich in den belles lettres verloren hatte und die lektüren sich um mich herum stapelten, über einem alten BUTTmagazin eingeschlafen. ich fand ihn, den kopf auf der tischplatte, seine hand das portrait des filmregisseurs John Waters, des „baron of bad taste“ bedeckend. aufgeschlagen war die seite, auf der der hier als interviewer agierende photograph Wolfgang Tillmans herausfand, Waters sei „obsessed by Michael Jacksons polka dot penis“.5 „freund, dein poëtisches gefühl wird dir schon sagen, was anstöszig ist“, mahnte Novalis.

die kunst kann allerdings bis zu einem gewissen punkte fortgedeihen, auch in zeiten und orten, wo das politische leben schon im verfall begriffen ist; aber […] ein fortgedeihen unter solchen verhältnissen tritt nur da ein, wo ein gesunder, groszartiger aufschwung des gesammtlebens vorangegangen ist und noch nachwirkt. […] die eigentliche blüthe des ästhetischen lebens fällt immer zusammen mit der eigentlichen blüthe, der verfall derselben mit dem verfall des gesammten politischen, intellectuellen und socialen lebens.6

wer ausschlieszlich den verstand zum führer nimmt, wird nie einen begriff von der schönheit erlangen, klagt Schiller, denn der reine vernunftmensch begreift nicht, dass die forderung nach schönheit „nicht in der ausschlieszung gewisser realitäten, sondern in der absoluten einschlieszung aller besteht, dass sie also nicht begrenzung, sondern unendlichkeit ist.“7 beim aufstellen wissenschaftlicher kategorien benutzt beinahe jede disziplin ihr eigenes system – und läuft gefahr, sich damit in einem selbstreferenziellen kreise zu drehen ohne je fortschritt zu erzielen. dabei muss, wenn er einflüsse anderer disziplinen zulässt, beispielsweise der kunst, niemand angst vor einer übermacht des poetischen bekommen:

die poesie muss nie der hauptstoff immer nur das wunderbare seyn

 

[296]

ohnehin ist sie nicht erlernbar wie die rhetorik: „poësie ist poësie, von rede(sprach)kunst himmelweit verschieden [431]“, und darum auch universell, über rein technische verfahren hinausgehend.

es giebt einen speciellen sinn für poësie [und das heisst hier ebenfalls: für schönheit] – eine poëtische stimmung in uns.8

beeilen wir uns also, dorthin zu kommen, wo wir bereits waren und reimen uns die welt. mit respekt zwar, aber ohne gottfurcht vor der wissenschaft. leben wir! poetisieren wir uns! denn es gehört

zu den wichtigsten aufgaben der kultur, den menschen auch schon in seinem blosz physischen leben […] ästhetisch zu machen, weil nur aus dem ästhetischen, nicht aber aus dem physischen zustand der moralische sich entwickeln kann.9

dichter, und nicht blosz diese, sondern poeten jedweder disziplin sind wissenschaftler:

der sinn für poësie […] ist der sinn für das eigenthümliche, personelle, unbekannte, geheimnissvolle, zu offenbarende, das nothwendigzufällige

 

[434].10

gerade durch die verzahnung von analytischer herleitung und zulassen der phantasie kann zukunft entstehen. „der wissenstrieb ist aus geheimnis und wissen wunderbar gemischt“, sagt Novalis und meint, was Ludwig Wittgenstein in einer theorie der familienähnlichkeit ausführt: manche begriffe sind mit hierarchischen systemen oder klassifikationen nicht hinreichend erklärbar, ohne dass sich „der verstand beulen holt“11 und werden daher durch eine ineinandergreifende, ungeschichtete systematizität bestimmt.12 dann wieder Novalis:

der echte beobachter ist künstler. er ahndet das bedeutende und weiss aus dem seltsamen, vorüberstreichenden gemisch von erscheinungen die wichtigen herauszufühlen.13

erst durch das gemeinsame, gleichzeitige denken von beidem ist der mensch in der lage, mensch zu sein. harmonie ist nicht nur pythagoräisches gleichgewicht konträrer elemente, sondern deren ineinanderfassen. schönheit werde seit der renaissance nicht mehr als ausgewogenheit der proportion begriffen, sondern als eine art verwindung, wie sie sich beispielsweise im goldenen schnitt ergebe, der sich, anders als die perfekte kreisform, potentiell ins unendliche fortsetzen lasse.14 auch das denken von schönheit im hinblick auf einen sozialen und praktischen nutzen, wie man es seit ende des 19. jahrhunderts geprobt hat, gehört hier her – oder umgekehrt: die überwindung sozialer und körperlicher schranken: selbstüberwindung, oder mindestens das verschmelzen des subjektiven mit dem kollektiven.
das bedeutende, das fortschritt bringende ahnen: wir wissen aus der rückschau längst, wie viele errungenschaften von literaten im voraus kombiniert wurden. erst mondsüchtige dichter wie Jules Verne und Cyrano de Bergerac haben die raumfahrt ermöglicht. über einen zeitgenossen Cyranos, John Wilkins, schreibt Grünbein: er „trug damals an gelehrtenwissen zusammen, was sich fand und was eine mondexpedition eines tages unaufschiebbar machte.“15 die anforderungen der natur an den menschen „gehen blosz auf das, was erwirkt, auf den in halt seines handelns“, schreibt Schiller, „über die art wie er wirkt, über die form desselben, ist durch die naturzwecke nichts bestimmt.“ schönheit als verknüpfung entgegengesetzter zustände des denkens und des empfindens. poetisiert euch! „dieser satz, der in diesem augenblicke vielleicht paradox erscheint [und] auch nur in der wissenschaft unerwartet [ist], wird eine grosze und tiefe bedeutung erhalten. […] er wird, ich verspreche es Ihnen, das ganze gebäude der ästhetischen kunst und der noch schwierigeren lebenskunst tragen.“16

ich liesz es dabei bewenden, trank die reste aus unser beider gläser, küsste meinen ronkulo sachte auf den scheitel und schaute das mich ans französische synonym für butt erinnernde wort sicherheitshalber nochmal in meinem esperanto-wörterbuch nach, bevor ich zu bett ging.

die poesie ist das absolut reelle. dies ist der kern meiner philosophie. je poetischer, je wahrer.

NOVALIS17

ich ahne klarheit hier […] / und ahne, dass die schönheit einst noch siegt.

MÜLLER VON ITZEHOE, MILDE DER NACHT18

 

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Fragen sind gefragt,

Gedanken gesucht: Haben Verse ein Geschlecht? Was ist das für eine Natur, von der die sogenannte Naturlyrik spricht? Kann sich Gewalt in Gedichten freisetzen? Schreibt Geschichte Gedichte oder machen Gedichte auch Geschichte? Was hat Lyrik mit Identität, was mit Chemie zu tun? Wie denkt man poetisch? Ist jemand da?
Die Edition Poeticon ist ein Forum für poetologische Reflexionen, eine Reihe zum Nach-, Um- und Weiterdenken. In der Lyrik eröffnen sich Erfahrungsmöglichkeiten eigener Art. Wie hängen sie mit den Begriffen zusammen, die unsere Diskurse bestimmen und unsere Lebenswelt prägen?
Die Edition Poeticon versammelt Essays von Dichterinnen und Dichtern, die sich poetologisch auf die zeitgenössische Lyrik und jeweils ein Thema fokussieren. Es entsteht ein Katalog an theoretischen Texten zu wichtigen Begriffen in poetischer Annäherung.
Die Edition Poeticon wird herausgegeben von Asmus Trautsch im Verlagshaus J. Frank | Berlin

Verlagshaus J. Frank | Berlin, Klappentext, 2014

 

Beitrag zu diesem Buch:

Dirk Uwe Hansen: Schönheit ohne Grazie reizt, aber hält uns nicht fest,…
signaturen-magazin.de

 

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Michel Leiris ・Felix Philipp Ingold

– Ein Glossar –

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