Sprachverrückte Autorschaft
zwischen Lyrik und Klinik
HENRI MICHAUX
Über die Sprach- und Schreibverrücktheit des belgisch-französischen Dichters Henri Michaux (der bekanntlich auch ein höchst produktiver Bildkünstler war) ist soviel schon veröffentlich worden, dass kaum noch jemand in der Lage ist, die einschlägige Sekundärliteratur – die zahlreichen Katalogwerke mit eingeschlossen – vollumfänglich und adäquat zur Kenntnis zu nehmen, geschweige denn, sie durch weiterführende Forschungsbeiträge zu ergänzen. Eben dies gelingt nun aber der Autorin und Herausgeberin Muriel Pic mit einer materialreichen Archivpublikation (Leçons de possession, Paris 2025), die erstmals den Zugang zu Michaux’ Originalskripten aus den Jahren seiner Drogenexperimente eröffnen, jenen Skripten also, die er später als Grundlage für seine vielbeachtete Wahnsinnspoetik und die daraus erwachsende Wahnsinnspoesie genutzt hat.
Freilich war Wahnsinn für Henri Michaux weit mehr als blosse Verrücktheit; er erkannte darin eine komplexe, letztlich unauflösbare Verquickung von Wahn und Sinn, mithin von Rausch und Rationalität, Exzentrik und Ordnungszwang, Besessenheit und Abgehobenheit, Begehren und Askese – keins vom andern zu trennen, keins gegen das andere aufzubringen oder mit dem andern zu versöhnen. Weder dem Wahn, noch dem Sinn als solchem, und auch nicht beidem in einem galt Michaux’ Interesse, vielmehr konzentrierte er sich bei seinen Experimenten wie dann ebenso in seinen diesbezüglichen Schriften auf das, was als unerschlossener, noch unbenannter Freiraum zwischen Sinn und Wahn sich auftut, sei’s als dunkler Abgrund oder lichte Höhe, sei’s als Horror oder Faszinosum. Provisorisch verwendete er dafür den neutralen Begriff der Weisse, auch der Weissheit, um diese entrückte Zone zu charakterisieren, ohne sie zu definieren.
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Oft hat man den Wahnsinn mit dem Drogenrausch verglichen, oder man setzte diesen mit jenem gleich. Michaux selbst mag sich bei seinen wiederholten Experimenten mit Meskalin, Psilocybin, LSD und sonstigen «Schocksubstanzen» dem Wahnsinn angenähert haben, jedoch nicht, um ihm zu verfallen, sondern um ihn aus der Extremposition des Berauschten zu erkunden. Mehrfach hat er betont, kein «Wahnsinniger» zu sein, sondern lediglich das Medium eines «experimentellen Irreseins»; dazu erklärt er in seinem Erfahrungsbericht über Die grossen Heimsuchungen (Les grandes épreuves, 1966): «Wenn man an sich selbst die Erfahrung des Irreseins macht, so ist es von grösster Bedeutung, dass man wach und präsent genug bleibt, um den geistig Misshandelten [d.h. sich selbst] beobachten zu können, der, stets in Bewegung, seine Tätigkeiten fortzuführen sucht.»
Erst in vorgerücktem Alter (mit 56 Jahren) hat sich Michaux auf Drogenversuche eingelassen. Diese erstreckten sich über den Zeitraum zwischen 1955 und 1966, sie wurden sorgfältig vorbereitet und fanden stets unter ärztlicher Aufsicht statt. In mehreren Büchern verarbeitete der Dichter, der hier weniger als Autor, vielmehr als «Patient» und Versuchsperson gefragt war, seine halluzinatorischen Erfahrungen. Werke wie Unseliges Wunder (Misérable miracle, 1956), Turbulenz im Unendlichen (L’infini turbulant, 1957), Ruhe in den Brechungen (Paix dans les brisements, 1959), Einsicht über den Abgründen (Connaissance par les gouffres, 1961), Momente (Moments, 1973), Der exaltierte Garten (Le jardin exalté, entstanden 1966; erschienen postum 1983) oder Die grossen Heimsuchungen des Geistes und die zahllosen kleinen (Les grandes épreuves de l’esprit et les innombrables petites, 1966), in denen er seine spontanen Notate zu poetischen Texten ausarbeitete, legen davon Zeugnis ab.
Anzumerken ist übrigens, dass Michaux – anders, als seine «surrealistisch» anmutende Dichtung es erwarten lässt – von eher nüchterner Natur war, Süchte, Abhängigkeiten waren ihm fremd und verhasst (kein Alkohol, Tabak, Kaffee), schon früh fühlte er sich zu den exakten Wissenschaften, zur Medizin, zur Technik hingezogen, und auch in der Drogenklinik war er auf wissenschaftliche Strenge bedacht, auf korrekte Versuchsanordnungen, Risikoanalysen, Vorsichtsmassnahmen; sein Dokumentarfilm Bilder der visionären Welt (Images du monde visionnaire, 1963), erstellt in Zusammenarbeit mit der Chemiefirma Sandoz in Basel, wie seine Aufzeichnungen aus zahlreichen Sessionen im Versuchslabor sind Beleg dafür.
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Insgesamt 225 Seiten (Einzelblätter oder in Heften) hat Henri Michaux zwischen 1956 und 1966 während seiner Drogenstudien und -experimente ausgeschrieben. Die von Muriel Pic beigebrachten Faksimiles lassen die sehr unterschiedliche graphische Qualität und inhaltliche Kohärenz der Schriftstücke erkennen, je nachdem, in welcher Phase der Berauschung sie abgefasst wurden – viele davon sind kaum zu entziffern, andere nehmen sich aus wie gewöhnliche Gebrauchstexte, wieder andere – wie Entwürfe zu Aufsätzen oder Gedichten.
Was vorab auffällt, ist die Uneinheitlichkeit der Textgestalt, bedingt durch die ständig wechselnde Ausformung und Grösse der Handschrift, die nicht linear, sondern in Voluten verläuft, ausgeführt mit Kugelschreiber oder Bleistift, ergänzt durch vielerlei Unterstreichungen, Einschübe und Randkommentare, durchzogen von Trennungs- oder Verbindungslinien. Entsprechend uneinheitlich ist die Sprachform all dieser Skripte – vollständige Sätze bleiben die Ausnahme, vorwiegend notiert Michaux kurze fragmentarische Wortgruppen, oft auch Einzelbegriffe, Namen, Zahlen, Daten. Motiv und Gegenstand der Aufzeichnungen sind Momente der Selbstwahrnehmung unter Drogeneinfluss (Schmerz-, Angst- und Lusterfahrungen, Bewusstseinserweiterung, Erinnerungen, Visionen), die sich bald protokollartig, bald spekulativ oder poetisch zu einer ebenso detailreichen wie widersprüchlichen Berichterstattung fügen.
Angesichts der in sich wie auch unter sich disparaten Blätter drängt sich bisweilen die Vorstellung auf, sie könnten von verschiedenen Personen beschrieben worden sein, eine Vorstellung, die vom Autor insofern bestätigt wird, als er ja selbst vom Zerfall beziehungsweise von der Vervielfachung des Ich-Bewusstseins unter Drogeneinfluss berichtet, einem Phänomen, das auch bei schizophrenen Störungen, bei religiösen Ekstasen oder bei schöpferischen Inspirationen zu beobachten ist. Durch seine Drogenexperimente hoffte Henri Michaux den gemeinsamen Grund dieser vielfältigen Grenzerfahrungen erhellen und darüber hinaus die staunenswerte Reichweite der menschliche Gefühls-, Traum- und Geisteswelt adäquat ermessen zu können.
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Ein paar wenige Extrakte aus den Laborprotokollen, aufgezeichnet in verschiedenen Phasen des Rauschzustands, müssen hier als Beispiele dafür genügen, wie der Autor als Versuchsperson seine jeweilige geistige und physische Verfassung wahrgenommen und schriftlich festgehalten hat:
«Worte um zu orten den Feind / um sich zu halten in Form / sich vernehmen lassen / sich packen lassen / sich von sich vernehmen lassen» – «4h 30 eine doppelte Prise / 5h im Ramakrishna / Liebe / 5h 15 / Drogen / guter Wind der einem das Schiff hebt / der hebt was gehoben werden muss / und vergisst was vergessen werden muss» – «im Herzen so etwas wie Kosung / grosse Kosung ohne Grund / so völlig, so völlig / … Abgründe von Kosungen // ‹Dilataste cor meum› / ‹Dilataste cor meum› / das ist es / eben das / von dem her sicherlich» – «Institutionen wollen helfen von einem [unleserlich] / – aber an der Peripherie, im Gegenzug / sind sie schlecht, hart für die Unbezwungenen / die Undisziplinierten, die welche abweisen was sie / schenken [unleserlich] die Faulpelze / die schlechten Köpfe, oder die Menschen die haben / andere Ideen …» – «… bevor die Halluzination eintritt / das halluzinierte Objekt, erfolgt / wie ein Schub zum Sein / – ein beinah, ein sehr nah Sein zu sein / auch wenn man noch nichts davon sieht. / Bei einem Gedanken den ich höre über die Mädchen / wende ich mich ab zur 3. Schälung der Orange / die ich nicht daran hindern konnte Frau zu werden» – «Aber lesen, das heisst durch die Wörter hindurch, was / der Autor an Wahrheit gesehen hat, und dass er hatte / einen andern Moment übersetzt und abgefasst mehr oder minder anders, / der aber gleichermassen durchquerte, oder musste / seine Sätze finden + oder – glücklich, / mehr oder minder wirksam […] / Die Wahrheit / die er wollte (das Geschriebene ist keinesfalls / gleich dem Menschen. Ist ein Gefüge das / oftmals lieber geben wollen in Formen von / Formeln. Deswegen eben muss man ihre Schrift / durchqueren, vor allem nicht von ihr sich führen lassen / die so lächerlich ist, unangemessen, schwerfällig usf.»
Notate dieser Art finden sich zu Hunderten in Michaux’ Drogenprotokollen. Obwohl hier durchwegs über Extremzustände und Extremerfahrungen rapportiert wird, bleiben die Aufzeichnungen (soweit sie überhaupt verständlich sind) grösstenteils völlig unaufgeregt, ständig schwankend zwischen der Beschreibung äusserer Gegebenheiten und innerer Befindlichkeiten, das meiste in stark fragmentierter, verfremdeter oder auch einfach fehlerhafter Sprache. An kaum einer Stelle wird die Stimme des Dichters Henri Michaux vernehmbar; kaum irgendwo schreibt er in Versen und folgt seiner poetischen Einbildungskraft – auch wenn in den Protokollen immer wieder von bedrängenden Bildern und Klängen die Rede ist, so werden sie eben doch nur als halluzinatorische Phänomene festgehalten, nicht aber künstlerisch formatiert und entfaltet.
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Als Ausnahme kann der nachfolgende titellose Text gelten, den Michaux – in ekstatischer Verfassung – ohne jede Korrektur, ohne Streichungen oder nachträgliche Zusätze auf einem undatierten separaten Blatt niedergeschrieben haben soll. Die typographische Gestalt des Texts (die regelmässige, linksbündige Aufreihung kurzer Zeilen) und einige diskrete Assonanzen (extase/paysage; noir/gloire) lassen vermuten, dass er tatsächlich als Gedicht intendiert war und nicht bloss als Aufzeichnung einer drogenbedingten Vision. Bei der Lektüre der deutschen Fassung ist zu berücksichtigen, dass die lautlichen und rhythmischen Qualitäten des Originals nicht wiedergegeben werden können:
die höllen lodern im kamin
schritte und pflaster im verbund
getränkt
im liegen unweitsichtig
schönheit
kindheit
gewalt
die grabstatt entspricht
fruchtbares ei
die ähnlichen blühen
bittend bauch vor
vage ekstase landschaft
weg ungekannt gestern
verschüttet in meinem [morgen]
auf kosten des autors
die schwärze der ruhm
das …
der [tag]
platz frei für die auflösung
abfallen atem
absterben atem
minimer vogel der zeit
Zobel
das tier trinkt
das tier hat getrunken
das tier hat getrunken
lid hochgezogen
stück frühe
da bebt der knochen
tal des mannes
tal des weibes
unterirdisch schnee
um klar zu sehen
asyl für die hände
sonne der täler
wasser gegoldet
tür an tür
die augen den augen nah
wiesen kurz aufgelacht
um zu reifen
im lippenschein
widerschein von morgentau
ein herz davor das strahlt
meine wüste einfasst
geht nochmals den weg von den blicken entzückt
(aus dem Französischen von Felix Philipp Ingold)
Von Michaux’ übrigen Drogentexten aus dem Labor unterscheidet sich dieses «Gedicht» lediglich seiner äussern Form nach, auf der Aussage- beziehungsweise Bedeutungsebene bietet es sich gleichermassen «verrückt» dar, vielfach gebrochen, ohne erkennbaren Zusammenhang, so dass unentscheidbar bleibt, inwieweit hier unkontrollierter Wahnwitz und gewollter Hermetismus involviert sind. Und wie, so lautet die Zusatzfrage, verhält sich das im Rausch verfertigte «Gedicht» zu den Gedichten, die Michaux als solche geschrieben und veröffentlicht hat?
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Zum Vergleich mit dem zitierten Drogentext sei ein Text aus dem Band Der ich war (Qui je fus, 1927) herangezogen:
Gesegnet!
die den ton angeben
rundum
das alles heckt
das rollt das geht das schmilzt
und bildet sich neu
andre die leben und sterben im gerüst
unwissend schwankend und linkisch wie nationen
die mit neunzig immer noch auf ihre portion warten
mit augen immer offen und nullig wie fische
und seit jeher rutsch- und krepiertüchtig
tausendmal war’s fast so weit dass es zu ende ging
einfach so wie’s jetzt zu ende geht ein für allemal
so dass nie wieder die rede sein wird davon
amen amen amen gesegnet die toten alle
die gerhirnerschütterten die eingewimmelten in den
katastrophen-schuppen
die ertrunkenen auf ihren leitern die langsam wieder
nach oben klettern durchs wasser
ohne weitere begründung noch erklärung
als erworben und gewohnt
wie sie beide fortbestehn über euch
und mit dem rest man weiss nicht wie blau machen
gesegnet der gesamtbafel
die spielmarkenbraven
die stocksüchtigen sklaven
mit einem wort das «man»
die denen alles fehlt zum runden
und nicht weniger zum aufrecht-geraden – : gesegnet
gesegnet gesegnet
gesegnet da sie denn doch tot sind und der feind
anderswo steht
(deutsch von Paul Celan)
Auch dieses Gedicht ist ein Beleg für die «Sprachverrücktheit» des Autors, der sich hier jedoch keineswegs als «Verrückter» und auch nicht als Drogenkonsument artikuliert, sondern mit Bedacht seinen schlingernden Personalstil durchsetzt, ohne sich auf irgendwelche Trends oder Publikumserwartungen einzulassen. Die sprachlichen Verrückungen und stilistischen Brüche, generell die Strapazierung des eigenen Sprachvermögens und des Vermögens der Sprache schlechthin sind Teil einer ebenso weit- wie tiefreichenden Versuchsanordnung, mit der Henri Michaux die Kapazitäten der Sprache (Information, Evokation, Verführung, Verfälschung, Verallgemeinerung, Verdichtung und – nicht zuletzt – Dichtung) auszuloten versucht.
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Henri Michaux’ Bereitschaft, sich zumindest experimentell der Sprachverrücktheit hinzugeben (auf Sprachbeherrschung also zu verzichten), und seine Fähigkeit, die Sprachverrückung als künstlerisches Verfahren produktiv zu machen, haben ihn zum Sprachskeptiker werden lassen – weder diskursiver noch dichterischer oder eben künstlich (durch chemische Substanzen) disponierter Sprachgebrauch kann der aussersprachlichen Realität wahrheitsgemäss entsprechen, ihr gerecht werden. Mit andern Worten: Die Wirklichkeit ist sprachlich nicht einzuholen, nicht adäquat wiederzugeben, im Gegenteil – Sprache verzerrt und verfälscht grundsätzlich das, was sie benennt, tritt in Widerspruch zu dem, was sie zu vergegenwärtigen sucht, evoziert eine Scheinwelt, die sich zu einer alternativen Realität verfestigt.
Althergebrachte Klage! Als Sprachskeptiker reiht sich Michaux in eine lange, von Philosophen, Linguisten und Dichtern gemeinsam – bis heute – getragene Tradition ein. Doch er tut’s auf singuläre, besonders radikale Weise. Statt in blosse Sprachkritik zu verfallen und herauszustellen, was die Sprache nicht zu leisten vermag, konzentriert er sich – konkret – auf die Leerstellen, die die Sprache innerhalb ihres Einzugs- und Wirkungsbereichs offenlässt, jene Stellen nämlich, wo das Unsagbare sich kundtut, indem es die Rede unterbricht beziehungsweise sie abbricht (Stottern, Verstummen, Pausieren, Schweigen), oder indem es sich in unverständlicher Weise artikuliert (Orakel, Zungenrede, Wahnsinn, Ekstase). Michaux geht es dabei nicht um Wahrheit und/oder Unwahrheit, nicht um Wirklichkeit und/oder Fiktion in ihrer Gegensätzlichkeit, nicht um deren rationale Trennung und Bewertung, sondern – in dezidiertem Widerspruch dazu – darum, die Gegensätze zu versöhnen, sie aufzuheben im erweiterten Bewusstsein, dass alles mit allem korrespondiert.
Solch erweitertes, jedes Wissen übersteigendes Bewusstsein gewann er im Drogenrausch, so wie andere es in der Ekstase, in mystischer Versenkung oder auch im Wahnsinn gewinnen, mit der Folge, dass jede vorgegebene (gewohnte, verordnete, automatisch befolgte) Ordnung hinfällig wird; dass das Ich-Gefühl sich zersetzt und vervielfacht; dass Subjekt und Objekt austauschbar werden; dass Logik, Dialektik, Chronologie, Kausalität und der sogenannte gesunde Menschenverstand ihre «Wahrheit» und ihre übliche Geltung verlieren; dass alles im offenbaren Sein (als Dasein, Sosein) aufgeht und gleichzeitig das Haben jede Bedeutung, jede Attraktivität verliert.
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Für Henri Michaux eröffnet sich eine chaotische Gefühls- und Geisteswelt, die wohl wechselnde, dabei durchwegs gleichrangige Intensitäten (optische, akustische, haptische Sensationen) kennt, jedoch freibleibt von auferlegten Normen und hierarchischer Fügung. Es ist eine unübersichtliche, verwirrende, erschreckende, aber auch faszinierende Welt ohne zeitliche und räumliche Koordinaten, eine fluktuierende Welt, in der Kategorien wie früher/später, oben/unten, rechts/links nicht mehr zu unterscheiden und deshalb gleichermassen gültig sind, eine Welt auch, die keine Gegensätze kennt zwischen Schmerz/Lust, Depression/Enthusiasmus, männlich/weiblich, Mensch/Tier, Körper/Seele, Geräusch/Sprache/Musik und in der selbst die Antinomie von Wirklichkeit einerseits und Wahn/Phantasie/Traum/Fiktion andrerseits hinfällig wird.
Michaux hält diese totalisierte, gleichzeitig offene und geschlossene Welt für die eigentliche Welt, d.h. die einzig wesentliche, eben weil sie Wirklichkeiten und Möglichkeiten gleichrangig in sich vereint, aber auch deshalb, weil sie für jedermann erreichbar ist unter Einsatz der individuellen Einbildungskraft, der mystischen Versenkung, des Drogenrausches oder unter der bewussten wie unbewussten Einwirkung krankhafter Wahnvorstellungen. «In der Unbestimmtheit bleiben», «dem Dunkel nahebleiben» und damit «die Schwierigkeit zu sein» aufzuzeigen – das hat Michaux (in einer «Ansprache», 1959) für sich als Dichter wie als Bildkünstler in Anspruch genommen. An einer solchen, durch nichts eingeschränkten Welt teilzuhaben, setzt allerdings den Verzicht auf all das voraus, was die alltägliche Lebenswelt ausmacht und was die Orientierung in ihr ermöglicht, erleichtert und auch weitgehend lenkt.
Michaux spricht in diesem Zusammenhang von «Ent-Schöpfung» oder «Zer-Schöpfung» (dé-création). So können (und sollen) Erfahrungen, Erinnerungen, Wissensdaten, Wertungen, Überzeugungen, Meinungen, Vorlieben und Vorurteile, von denen jedes individuelle Weltbild geprägt, aber auch begrenzt ist, mit der vermeintlich jenseitigen Sphäre des Unwirklichen oder Surrealen sich verbinden, um ein inkohärentes, ständig sich wandelndes, dabei vollkommen gegenwärtiges geistiges Universum entstehen zu lassen.
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Zeit und Raum – Zeiträume! – lassen sich bei und mit Michaux in jeder Richtung ohne Behinderung «durchqueren»; vorab festgelegte Koordinaten, Grenzen, Dimensionen gibt es nicht; Linearität und Fortschritt verlieren ihren «Sinn» (ihre Richtung), lösen sich auf in unfassbaren Turbulenzen, wo alle «Ankünfte» immer auch – gleichzeitig – Abschiede sind.
Dieses richtungslos expandierende rauschbedingte Universum hat Henri Michaux retrospektiv (retrospekulativ?) ein letztes Mal vorgeführt in seinem Poesieband Momente (1973), der noch einmal die Drogenerfahrungen der 1960er Jahre aufleben lässt: «Dimension, die ausdehnt, vergrössert, die sich auseinanderfaltet, mich auseinanderfaltet. Was ist es, das ankommt, das abkommt, Musik, die mich beringt, die mich badet. Den Kopf voller Morgendämmerungen, rücke ich vor, flügellose Türen aufstossend.»
Alles vermengt sich hier mit allem, alles läuft allem zuwider und stimmt dennoch (oder eben deshalb) überein; eine Tür kann aufgestossen werden auch dann, wenn sie keinen Flügel hat (oder wenn sie bereits offensteht); Musik kann ein Ring sein und gleichzeitig ein Bad. Der gesunde Menschenverstand nicht anders als die formale Logik bleiben in diesen «Momenten» ausser Kraft, wenn (oder wo) «die Hölle Wolle wird», eine «Ornamentik aus Kitzel» entsteht, «die Himmel Augen wollen», «alles Fahrzeug ist» oder «ein Segel aus Tausenden von Segeln eine Undurchsichtigkeit macht» usf.
Ein Gedicht, das Henri Michaux 1966 aus einem seiner letzten Drogentrips hergeleitet hat, mag einen weiteren, hier nun abschliessenden Eindruck vermitteln von der Beschaffenheit dieses Universums, dessen Unstetigkeit und Widersprüchlichkeit als Garanten seiner Vollkommenheit hervortreten; die abrupten Zeilenbrüche, die inkonsequente Rechtschreibung und Interpunktion, der Zusammenschnitt (oder die Parallelisierung) unverbundener Eindrücke, Vorstellungen und Funktionen, insgesamt das Nebeneinander und Durcheinander von nicht zusammengehörigen Elementen ist charakteristisch dafür:
In diesem land
und in den ländern um dieses land herum
und in den ländern auf der andern seite
und in den ländern die die länder auf der andern seite
dieses landes umgeben
gegenwärtig
gedränge
überall gedränge
Krankheit der gemenge
Dies ist die flutepoche
Masse nimmt zu
Sie gedenken gemeinsam zu denken
Städte
Städte
Noch mehr städte
Stockwerke. Stockwerke
ohne ende stockwerke
doch es sind stockwerke zur einebnung
Geräusch
Geräusch nimmt zu
frisst die stille
so dass davon nichts mehr bleibt
Das blut der stille
rinnt unentwegt
Zwischen hohen mauern
karrt man die eigenen sorgen
die zeit auf der welt zu sein
vatermörderisch
brudermörderisch
Zwischen zwei zeitaltern
hisst man seine farben
Kann nicht mehr ändern die strömung
Die decke die nirgendwohin führt
kommt von überall her
Im kopf
eine verwitwete gottheit
An allen ecken der welt
hunde die queren die steppen der wölfe
um hunde aus ihnen zu machen
Unter der front können die leuchtenden pflanzen
nicht mehr verwehen
Das minderste wunder ist ein tick
Selbst die löwen in der savanne
haben erfahren dass sie nicht mehr könig waren
(aus «Lieux sur une planète petite», 1966; deutsch von Felix Philipp Ingold)
© Felix Philipp Ingold & Planetlyrik







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