GEDICHT IN BI-SPRACHE
Ibich habibebi dibich,
Lobittebi, sobi liebib.
Habist aubich dubi mibich
Liebib? Neibin, vebirgibib.
Nabih obidebir febirn,
Gobitt seibi dibir gubit.
Meibin Hebirz habit gebirn
Abin dibir gebirubiht.
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Nachwort
Im Jahre 1837 setzte Heinrich Heines Verleger Campe als Preis für das beste lyrische Gedicht eine goldene Feder aus; Heine war skeptisch und antwortete:
Die lyrische Poesie hat ein Ende, und Sie, lieber Campe, werden sie nicht wieder auf die Beine bringen –
Der Sangesvogel, der ist tot,
Du kannst ihn nicht erwecken!
Du kannst Dir ruhig in den Steiß
Die goldne Feder stecken.1
Rund neunzig Jahre später veranstaltet Die literarische Welt ein literarisches Preisausschreiben für die jüngste Generation; Preisrichter für die Lyrik ist Bertolt Brecht. Er verwirft alle eingesandten Gedichte (über 100), fordert „Gebrauchswert“ und glaubt, daß „,rein‘ lyrische Produkte“ ohnehin überschätzt würden.2 Brechts Entscheidung, keines der eingesandten Gedichte, sondern Hannes Küppers Song auf den Champion des Berliner Sechstagerennens, „He! He! The Iron Man“, zu krönen, war umstritten und regte sogar eine Lyrik-Anthologie an, die Klaus Mann und Willi R. Fehse 1927 herausgaben. Auf diesen aktuellen Streit spielt Robert Neumann in einer Rezension von Ringelnatzens Gedichtband Allerdings an:
Diese Herren also […] verkünden mit Vorliebe, daß es heutzutage keine Lyrik mehr gebe.3
Lyrik als die poetische Gattung hatte unter dem scheinbaren Funktionsverlust seit der Entstehung der Autonomieästhetik am stärksten zu leiden. Seit gut zweihundert Jahren wird, wie Reinhard Baumgart festgestellt hat, „in immer neuen Variationen“ der Abschied von der Literatur durchgespielt;4 so steht Brechts Forderung nach dem Gebrauchswert Goethes Klage von 1786 zur Seite:
Denn die Zeit des Schönen ist vorüber, nur die Not und das strenge Bedürfnis erfordern unsre Tage.5
Für Ringelnatz ist Literatur, ist Lyrik nie zum Problem geworden, und viele Zeitgenossen und manche Literaturwissenschaftler zählen ihn dann auch zu den „naiven“ Autoren, so jüngst im Literaturlexikon: „unliterarischer Außenseiter“ und „verquerer Brettl-Philosoph“ sind die Epitheta, die man ihm gern anhängt.6 Und in der Tat ist er in einer Hinsicht ein zutiefst unmoderner Autor: Keinerlei theoretische Reflexionen begleiten seine literarische Produktion (weshalb auch die Literaturwissenschaft sich nicht an ihm abarbeiten zu können glaubt); andere Autoren seiner Generation bilden die frühesten Vertreter der deutschsprachigen literarischen Avantgarde, so Franz Kafka (* 1883), Carl Einstein (* 1885), Hugo Ball (* 1886), Hans Arp (* 1886), Gottfried Benn (* 1886) oder Kurt Schwitters (* 1887); Hans Bötticher aber, wie der am 7. August 1883 in Wurzen (Sachsen) Geborene eigentlich heißt, überwand das Kunstverständnis und die gesellschaftlichen Werte des 19. Jahrhunderts nur vordergründig. Anders als Mehring, Tucholsky oder Erich Kästner, mit denen er oft in einem Atemzug genannt wird, steht er aber auch abseits der linken Intelligenz mit ihrer von Walter Benjamin diagnostizierten „linken Melancholie“.7
An seine Freundin Alma Baumgarten schreibt er 1914, „die wahre Kunst wie auch die wahre Religion hätten nichts mit Politik und Krieg zu tun, sondern ständen erhaben und unverletzbar darüber“.8 Auch nach dem Kriege hält er in einem Brief an seine Frau, die er „Muschelkalk“ nannte, am ästhetischen Credo des Bildungsbürgertums fest, das ihm wie vieles sein Vater Georg Bötticher (1849–1918), Leipziger Lokalschriftsteller und Tapetenzeichner, vermittelt hatte: Das „Höchste, das einzig Wahre, ist Kunst und Frömmigkeit“.9 Ringelnatz bleibt ästhetisch wie geistig der Tradition des 19. Jahrhunderts verhaftet, aber er parodiert sie gleichzeitig. Und dieses schillernde Spiel macht den Reiz seiner Werke aus und sichert ihm bei Avantgardisten wie bei Traditionalisten seinen Platz. Ringelnatz aber wußte, daß seine avantgardistischen Bewunderer nur eine Seite seines Werkes wahrnahmen; in einem Brief vom August 1921 an seine Frau klagt er:
Oh, die Neuesten (sie, die auf mich schwören), sie sind so blind, sie gehen so ab vom Herzen der Kunst u. fallen auf den Verstand und auf Berechnung herein.10
Bis zur ,Wandlung‘ von Hans Bötticher zu Joachim Ringelnatz,11 also bis 1919, hielt sich das Œuvre, auch das lyrische, ganz in traditionellen Bahnen. Die vorliegende Sammlung enthält von diesen frühen Gedichten nur zwei (S. 13), die allerdings aus dem Rahmen der sonstigen meist schwül-melancholischen Verse in der Nachfolge Heines, Eichendorffs, Geibels oder Dehmel fallen. Zwar schreibt Hans Bötticher schon zwischen 1900 und 1919 skurrile Prosa und Verse, doch gibt erst das Erlebnis der Münchner Boheme den Anstoß zur komischen Lyrik. Vor der Landung im Mekka der deutschen Vorkriegskunst jedoch verwirklicht er sich erst seine Kindheits-Abenteuersehnsüchte, indem er die kaiserlichen und nationalen Flottenträume der Jahrhundertwende ins Private umsetzt. Er fährt 1901, entgegen den literaturwissenschaftlichen Lexikonlegenden12, mit Billigung des Vaters, der ihn sogar nach Hamburg begleitete, als Schiffsjunge zur See, beginnt 1903 eine kaufmännische Lehre in Hamburg, unterbrochen von einem Jahr im Marine-Militärdienst, wird Kommis in Leipzig, reist in dieser Eigenschaft, bis er 1908 in München landet, wo er zunächst, seine kaufmännische Ausbildung in die Praxis einer eigenständigen Existenz umsetzend, ein Tabakhaus betreibt, das er nach seiner „eigentlichen“ Tätigkeit „Tabakhaus zum Hausdichter“ nennt, nämlich in Kathi Kobus Simplizissimus-Künstlerkneipe. „In München. ,München‘: Schlürfe dieses Wort!“ schwärmt er noch 1911 in einem Versbrief an einen seiner Vorkriegsfreunde.13 Doch nicht seine scherzhaften Simplizissimus-Gedichte, die auf Lokalverhältnisse Bezug nehmen, sind der eigentliche lyrische Ertrag dieser Jahre, sondern die Gedichte der Schnupftabaksdose (1912; hier S. 14–16). Mit ihnen setzt er allerdings eine Tradition des 19. Jahrhunderts fort, die dem Gebildeten damals wie heute nur durch Ringelnatz und die Galgenlieder Christian Morgensterns vertraut geblieben ist. Alfred Liede hat diese Tradition scherzhafter Künstlergeselligkeit, zu der auch Ringelnatzens Vater und dessen Künstler-Bekanntenkreis zählen, auch für Morgenstern eingehend beschrieben.14 Ringelnatzens Verse haben nicht das ästhetische Raffinement und den sprachkritischen Hintergrund wie manche Gedichte Morgensterns; doch schafft er nach dem Kriege eigenständigere „Unsinnsdichtungen“, vor allem mit den Turngedichten, den Gedichten von Kuttel Daddeldu und mit einigen Versen von und über Kinder.
Der Erste Weltkrieg bot erst einmal die Gelegenheit, die Abenteuerträume der Kindheit fortzusetzen; als er in den Krieg zog, dachte er „an Kriegsromantik und Heldentod, und meine Brust war bis an den Rand mit Begeisterung und Abenteuerlust gefüllt“.15 Er brachte es hinter der Front bis zum Marineoffizier. Wie wenig ihn allerdings diese Zeit als Seemann wirklich erfüllt hatte, zeigt nach dem Kriege die parodistische Verklärung der Seemannsträume: Kuttel Daddeldu. Der einst von Heldentod und Gefahren träumte, der sich noch als Reserveoffizier „wie ein Dandy“16 pflegte, der „kleine Menubbel mit dem gewaltigen Zinken einer Nase im Gesicht“ (Friedrich Luft),17 wird jetzt zur unfrisierten Kuriositätennummer des Kabaretts: Den Höhepunkt der Vortragskunst bildet aber Joachim Ringelnatz mit seiner blauen Lyrik; die Turngedichte und die Erzählungen von „Diddel-Daddel-Dur“ [!] setzen alle Lachmuskeln in Bewegung.18
Ein Kritiker ruft aus:
Dieses Gesicht, diese Physiognomie, dieser Kopf – so etwas hat man noch nicht gesehen!19
Kurt Pinthus, der 1920 in seiner Anthologie Menschheitsdämmerung die repräsentative Lyrik des Expressionismus versammelt hatte, stellt drei Jahre später als Lektor im Kurt Wolff Verlag zwei Bände mit Gedichten von Ringelnatz zusammen: die Turngedichte und Kuttel Daddeldu, die bereits seit 1920 in dünnen Heftchen des Berliner Verlegers Alfred Richard Meyer zu haben waren. Im selben Jahr 1923 berichtet Pinthus über ein Programm von Trude Hesterbergs Kabarett Wilde Bühne:
Mittendrin aber schwankt einer auf die Bühne, über den die Leute am meisten lachen. Und gerade dieser ist die ernsthafteste Sache des Programms. Denn von diesem R i n g e l n a t z behaupte ich, daß er der größte lyrische Dichter unserer Epoche ist.20
Ein Jahr später kommentiert Erich Kästner:
Merken denn so wenige, daß man keine Kabarettnummer, sondern einen Dichter vor sich hat?21
Das ist weniger, wie Oskar Loerke mutmaßt, „die Verbeugung vor dem Artisten“,22 als die Bewunderung der Einheit von antibürgerlicher Provokation und traditionellen Werten, existentieller Verlassenheit und komischer Alltagsverlorenheit, subjektiver Stimmungslyrik und öffentlichem Kabarettvortrag. Auf diese Weise schien Lyrik wieder eine Funktion jenseits der hermetischen Feier der „Zerlösung des Ichs“23 und jenseits einer ästhetischen Selbstbezüglichkeit von Traditionalisten wie George oder Rilke zu erhalten. Denn große Lyrik im Sinne von Pinthus ist solche, die dem Zeitgefühl am besten Ausdruck verleiht.
In einem Gedicht wie „Wenn ich allein bin“ (hier S. 46f.) steigert sich das private Ich zum Ichsein schlechthin,24 wird aus der subjektiven Befindlichkeit ein objektives Bild alltäglicher Einsamkeit, das kunstvoll traditionelle lyrische Bilder, Alltagsbildlichkeit und privateste Körperlichkeit vereint: Auf „bohrt sich meine Schere / Die Nagelschere in die Zähne“ folgt „Der Tropfen hängt. – Der Zeiger steht. –“ Am Schluß gibt das Gedicht selbst auf grotesk-komische Weise den Kern solchen lyrischen Sprechens preis:
Wenn ich allein bin, pups ich lauten Wind.
Und bete laut. Und bin ein uralt Kind.
Ringelnatz modernisiert mit solchen Gedichten romantische Kindlichkeit und Subjektivität; diese Naivität erst erlaubt den spielerischen Umgang mit literarischen Traditionen und tradierten lyrischen Rollen vom betrunkenen Seemann über den Philisterschreck bis zum weisen Narren: „Vielleicht der ursprünglichste aller heutigen Dichter, in der Direktheit seines Empfindens und zugleich in der umherspringenden Wirrheit der Assoziationen“, kommentiert Kurt Pinthus die Reisebriefe eines Artisten (1927).25
Wenn Tucholsky in einer Rezension zur gleichen Gedichtsammlung meint, Ringelnatzens Verse seien „am schönsten da, wo die Form ganz lapidar da steht, wie aus der Sprache gewachsen“,26 so beschreibt er damit die ästhetische Seite zutreffend. Der Beleg, den Tucholsky dafür zitiert, wirft ein weiteres Schlaglicht auf die spezifische Art (lyrischer) Subjektivität: „Wie seine eigne Spucke schmeckt, / Das weiß man nicht.“ (So beginnt das Gedicht „Betrachtungen in einer Bahnhofswartehalle“, hier S. 60f.) Die beiden nächsten Verse aber, die Tucholsky nicht zitiert, lauten:
Wenn man in seinen Spiegel leckt,
Kriegt man die Spucke zu Gesicht.
Das ist nur auf den ersten Blick banal; ein zentrales Problem der Moderne, die Fremdheit dem eigenen Ich gegenüber und der Versuch der körperlichen Gründung des Selbstbewußtseins, wird in einfachste Bilder übersetzt. Die umstandslose körperliche Vergewisserung der eigenen Identität, die Gleichsetzung von geistigem und körperlichem Ich gehört zu den faszinierendsten Techniken ringelnatzscher Lyrik:
Aus meiner tiefsten Seele zieht
Mit Nasenflügelbeben
Ein ungeheurer Appetit
Nach Frühstück und nach Leben.
(„Morgenwonne“, hier S. 104.)
Die paradoxe Rettung traditioneller Werte und lyrischer Elemente durch ihre parodistische, aber nicht zerstörerische Verkehrung ist die eigentliche Leistung von Joachim Ringelnatz. Seine Gedichte lassen sich auch angesichts des Rückzugs ins Private und Alltägliche lesen als Ausdruck einer (zeittypischen) existentiellen (und politischen) Ratlosigkeit und deren Umwandlung in lyrisch geglückte Einfachheit. Was viele seiner Gedichte auszeichnet, ist die Fülle der kleinen Dinge, ihre oft unvergleichliche Sinnlichkeit bei gleichzeitiger symbolischer Qualität.
Das Beste dieser „ganz ursprünglichen, originellen und dabei schlichten Lyrik“27 ist in diesem Bändchen versammelt. Joachim Ringelnatz, der sich stets auch als (naiver) Maler verstand, erhält 1933 Auftrittsverbot, seine Bilder werden in den Museen als „entartete Kunst“ abgehängt. Eine Sammlung der Freunde für den verarmten und schwer Erkrankten kommt zu spät: Er stirbt, 51 Jahre alt, am 17. November 1934.
Walter Pape, Nachwort
Die Auswahl aus dem Werk von Joachim Ringelnatz,
der eigentlich Hans Bötticher hieß und zu den populärsten modernen deutschen Lyrikern gehört, versammelt die schönsten Gedichte aus allen Tonlagen: Seemannslieder von Kuttel Daddeldu, nachdenkliche literarische Kabarettstückchen, nette und weniger nette Kindergedichte, unsentimentale Beobachtungen des Lebens, wie es nun einmal ist, und vieles andere mehr.
Reclam Verlag, Klappentext, 1998
Fakten und Vermutungen zum Herausgeber + Kalliope
Fritz Bouquet: Der Eulenspiegel der deutschen Lyrik, Die Zeit, 3.6.1948
Hella Kemper: Joachim Ringelnatz, Die Zeit, 12.11.2009
Zum 80. Geburtstag des Autors:
Peter Rühmkorf: Joachim Ringelnatz zum 80. Geburtstag
Fakten und Vermutungen zum Autor + Instagram 1 & 2 + IMDb + Archiv 1 & 2 + Internet Archive + IZA + Kalliope
Porträtgalerie: akg-images + Keystone-SDA
Joachim Ringelnatz liest sein Gedicht „Im Park“.
Joachim Ringelnatz gelesen von Harry Rowohlt.
Nora Gomringer liest Joachim Ringelnatz: „Pssst!“.
Nora Gomringer liest Joachim Ringelnatz: „Das scheue Wort“.








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