Tom Schulz: Die Erde hebt uns auf

Mashup von Juliane Duda zu dem Buch von Tom Schulz: Die Erde hebt uns auf

Schulz-Die Erde hebt uns auf

Die Erde hebt uns auf, wir fallen durch den Weltraum.
Klettern die Hügel hinauf. Vieles ist offen, und nicht
zu schreiben. Der unentschlossene, verwirbelte Himmel.
Die Türen aus Dornbüschen und Gestrüpp. Jeden Tag
kommt der Hund mit dem eisernen Halsband. Wir rufen
uns manchmal. – Gras, wie eine späte Schwester.
Dass wir verzichtbar sind. Vom Meer angezogen, durch-
lässig und leicht. In den Schuhen Sand, kleine Steine.
Schwellen, Ängste. Alles wird weniger. Die Elstern
haben die Herrschaft übernommen. Regenbänder
und die Begleitschiffe bleiben aus. Die Küste gibt es
nicht in der Zentralperspektive. Liebe, nicht von woher.
Wir sind wenige. Die Erde hebt uns auf. Wo wir liegen
blieben, wo wir verlassen waren. Da ist die Stelle
zu schürfen, und der Faden des Glücks hält.

 

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Die Adriatischen Gedichte

von Tom Schulz sehen unseren Planeten in seiner Schönheit, der Vielfalt von Dingen, Pflanzen und Lebewesen, die einer zunehmenden zerstörerischen Gefahr ausgesetzt sind. Die dichterisch aufgerufenen Fragen nach einem Auskommen auf der Erde und mit ihr schaffen neue Konnotationen und einen Raum der Imagination, der uns den Ort und die Zeit erkennbar und fühlbar macht. Sprachliche und formale Strenge stellen dabei einen Kontrast zur Ästhetik des Naturschönen und zur sinnlichen Fülle her.
Auch im zweiten großen Zyklus des Bandes sind Orte zentral: In ihnen treffen wir auf Geschichten und Biografien literarischer Gestalten von der Günderode und Novalis bis zu Johannes Bobrowski und Uwe Johnson. Sie werden aus der Atmosphäre ihrer Umgebung wachgerufen, seien es städtische oder landschaftliche Topografien und Stimmungen. Gelingen und Scheitern, Glück und tragische Lebensumstände werden in eine kristalline Sprachmusik verwandelt.

poetenladen, Ankündigung

 

Als Ovid das Finanzamt austrickste

– Zwischen Hommage und Karikatur: Tom Schulz ringt in seinem neuen Lyrikband Die Erde hebt uns auf vergnüglich mit dem literarischen Kanon. –

Man muss nicht lange suchen, um in der Gegenwartslyrik – angesichts von Klima- und Umweltkrisen – auf Dystopien zu treffen. Und gewiss, man findet sie auch in den neuen Gedichten von Tom Schulz. Dann nämlich, wenn uns der Meeresspiegel bis ans Knie reicht und wir uns „die letzten Jahre / vor dem Knall“ dekadent mit Karneval versüßen.
Doch abseits von Warnungen und Mahnungen ist die poetische Ambition des 1970 in Großröhrsdorf in Sachsen geborenen Autors eine andere. Statt Mensch und Natur im Gegeneinander zu zeigen, zielt dessen Band unter dem Titel Die Erde hebt uns auf auf einen integrativen Ansatz. Wir alle erweisen uns demnach als Teil der Flora und Fauna, „gehören Bruchsteinen, Wasser und Wind“. Mehr noch: Die Natur gewährt uns gar ein metaphysisches Obdach, hat ferner das Zeug zur Ersatzreligion. „Worauf ich siedle / und treidle“, stellt das lyrische Ich klar, „mir ist die Petersilie (…) näher als der Petersdom“.
Unmittelbar vermittelt sich der ironische Lidschlag hinter diesen Versen, genauso wie der insgesamt leichtfüßige Ton der Texte. Trotzdem verfolgt der Autor ein ernsthaftes Anliegen, insofern es ihm vor allem um eine Auseinandersetzung mit der Romantik geht.
Angetan ist er insbesondere vom Fragment, das einst der Vordenker der Epoche, Friedrich Schlegel, zum utopischen Ideal erhob. Wie die Schriftsteller zu Beginn des 19. Jahrhunderts reizt Schulz daran das unabschließbare Erfinden ganzer literarischer Landschaften. In ihnen befindet sich alles im Wandel. Farben und Wesen wie Bienen und Ameisen verschwimmen, Grenzen basieren auf bloßen Konstruktionen. Allzu deutlich vernimmt man daher die Bemerkung, dass „in jedem Körper / ein Text (steckt), der sagt: Lass mich unvollendet, nach allen / Seiten offen –.“
Diesem Plädoyer folgend, setzen Schulz’ Gedichte ganz auf die Macht der Ambivalenz. Während er im ersten Teil seines Bandes viele historische ästhetische Innovationen der Literatur feiert, zeichnet er im zweiten, leider ziemlich bildungshuberischen Part allerlei Karikaturen von ihnen. Novalis schickt er in die Bahnhofsmission und den Schönheitssucher Stefan George lässt er Schleim auf den Bodensee spucken. Noch spöttischer und durchaus mit hohem Unterhaltungswert lesen sich die letzten Gedichte über den in unsere Gegenwart geschleuderten, antiken Poeten Ovid. Wenn er nicht gerade Erdbeer-Smoothie im Gartenhaus kredenzt bekommt, wo er sich über den noch fehlenden Nobelpreis wundert, trickst er munter das Finanzamt aus.
Aufmerksame Leser und Leserinnen mögen zwischen den Zeilen überdies noch Spuren von Paul Celan, Wilhelm Müller und anderen entdecken. Man darf all die Anspielungen für klug oder eben überfrachtet halten. Wahrscheinlich stimmt beides. Unbestritten ist indessen der Facettenreichtum dieser Lyrik, deren gewitzte Unberechenbarkeit erfrischt.

Björn Hayer, Frankfurter Rundschau, 7.2.2024

Weiterer Beitrag zu diesem Buch:

 

 

Vermessung der Wirklichkeit

– Nah am Erzählen: Liliencron-Dozent Tom Schulz ging im Literaturhaus in Kiel auf Streifzug durch das eigene Werk. –

„Ich habe nie einen Roman geschrieben“, sagt Tom Schulz und klingt dabei, als würde ihn das selbst ein wenig verwundern.

Dabei hätte ich schon was zu erzählen.

Die Kindheit in der DDR, mit der Mutter, die als Reisekader im Außenhandel auch ohne Parteiausweis im Westen unterwegs sein durfte. Mit den Großeltern in deren Wohnung in der ehemaligen Stalinallee. Und mit dem HSV, den sich der Junge als Fan aussuchte – weil alle in der DDR einen Westverein verehrten. Über das aktuelle „Grottenspiel“ am Sonntag kann er sich immer noch echauffieren.
„Ich hab’ das alles ins Gedicht gepackt“, sagt der Berliner Lyriker mit diesem einnehmenden, die Worte verschleifenden Slang. Zwei Tage lang gibt der von der Kieler Universität und dem Literaturhaus Schleswig-Holstein gewählte Liliencron-Dozent für Poetik Einblick in sein Werk und seine Arbeit.
Vorsichtig auf dem Tisch im Literaturhaus hat Tom Schulz Bücher gestapelt. Zehn Bände vielleicht, die nur ein Teil sind aus seinem vielfältigen, seit Ende der Neunziger entstandenen Werk. „Mit 18 war das Ziel, jede Woche eine Zeitschrift mit einem abgedruckten Gedicht im Briefkasten zu haben“, erinnert sich Tom Schulz an seinen ersten Preis, der dem Schüler 200 Ostmark bescherte.
Auch in den Gedichten steckt viel Zeitgeschichte. Von der Wendezeit, die den damals 19-Jährigen in die Literaturszene der Hauptstadt und des Westens spülte, wo sich plötzlich beide Seiten mischten. Und auf dem Prenzlauer Berg traf man sich zum kleinen Dichterwettstreit in den richtigen Kneipen und probierte das Geschriebene aus. Auch im Rückblick spürt man die elektrisierte Aufbruchsstimmung der Zeit.
„Wenn du gute Leute um dich hast, wirst du auch besser“, sagt Tom Schulz. Der Satz geht auch an die junge Lyrikerin Loreley Löffler, die an diesem Abend mit dem dritten Liliencron-Förderpreis ausgezeichnet wurde, vergeben und begleitet von Studierenden am Literaturinstitut der Kieler Uni. Die 18-jährige Schülerin aus Elmshorn trifft mit morbidem Witz und eigenwilliger Sprachverschiebung schon ihren eigenen Ton.
Der hat eine spielerische Wortlust, die den unverhofft assoziativen Verknüpfungen in Schulz’ Gedichten gar nicht mal fern ist. Da drückt sich in seinen Stadtgedichten aus den Neunzigern und 2000ern das „Alles ist möglich“ der Jugend und der Zeit aus. „Das Schlagzeug schepperte“ – der Zusammenbruch des „römischen Reiches“. Reiseberichte aus der täglichen Umgebung, die Schulz auswählt auf die Welt, von Krakau bis Mexiko, von Sonnenallee bis Italien, wohin er von Berlin der Liebe wegen pendelt.
Wenn es um die DDR geht und die elektrisierte Wendezeit, dann erweist sich der 55-Jährige im Gespräch als sprudelnder Erzähler; beim Streifzug durch sein Werk lässt er die Gedichte eher für sich wirken. Da hält der „alte Schulweg“ goldene Birnen bereit, „herein / geschraubt in die Fassung des / Abends“, fährt im Dresden-Gedicht „die Erinnerung vor / die abgedunkelte Limousine“.
Tom Schulz findet die unsichtbaren Bezüge unter dem Offensichtlichen, hat eine Wachheit für Natur, aber auch für das Leben der Dinge. Mit einem oft beiläufig politischen Einschlag. Im Band Verlegung der Stolpersteine (2017) entwirft er es besonders deutlich, die eigene Erinnerungskultur. Etwa von Auschwitz, wo der Bayer-Konzern am Vernichtungshahn der Nazis verdiente.
Oder von friedlich grasenden Kühen vor dem AKW Brokdorf, die Schulz als Döblin-Stipendiat in Wewelsfleth bei seinem Radtouren am Deich entdeckte. „Als ich das schrieb, habe ich noch gedacht, dass wir ja jetzt keine Kernkraftwerke mehr brauchen“, sagt er.

Aber das war ein Bild, da habe ich gedacht: Finde den Fehler.

Vielschichtig vermisst Tom Schulz in seinen Gedichten die Wirklichkeit, was für ihn wenig mit Staunen zu tun hat, das Lyrik gern zugeschrieben wird. Darum geht es gar nicht“, sagt er.

Ich glaube, dass man Dinge entdecken kann und dann sieht, wie sie sich verknüpfen lassen. Das will man lesbar machen, ohne simpel oder banal zu sein.

Ruth Bender, Kieler Nachrichten, 28.1.2026

 

 

DIE NANDUS IN TÖRPT

Sie wissen, alles Ferne hat Augen.
Stumm folgen ihnen große Wagen, und
da sind immer Hunde in den Schatten, die
hinter den roten Hecken flach im Gras liegen
und nach Sterben riechen. Sie kennen Tränen.
Sie sind Muldenvögel, lieben Laubkrater,
sind schlehenbeerenversessen. Einer
auf einem Bein ist sofort ein Baum.

Nachts weite Pampa. Träume, blau.
Keiner wird je vergessen, was war, nur
die dreizehn Alten, die an dem Tag
durch den Zaun brachen, runter
zum Ufer rannten und rüber
über die Wakenitz kamen,
sehen das Leuchten nicht mehr,
das ihnen da hell vor Augen stand.

Die Nandus sammeln im Maiswald
Beiträge zur Geschichte der Freude,
ein unerklärlich langsames Schreiten.
Goldene Sterne funkeln den Jüngeren
in den Augen, die im Dunkeln in Törpt
an die Maurine spurten zum Saufen
und erschöpft zitternd ausruhen
unter zwei verrosteten Tankwagen.

Sie rupfen sich Gras, das Nachtgras
im Knickschatten, und sie wärmen
einander, beinahe hundert, auch
wenn keiner von ihnen noch Bilder
für den Nanduweg weiß, namenloses
freies Hinfliegen knapp über dem Laub,
hinter der Stirn nur die Wärme der Liebe
zum Rennen durchs dunkelgrüne Licht.

Für Tom Schulz

Mirko Bonné

 

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shi 詩 yan 言 kou 口

 

Tom Schulz rezitiert seine Gedichte „Bobrowski in Friedrichhagen“ und „Krakau im Nebel“: Live-Mitschnitt seiner Lesung vom 19.6.2011 in der Offiziersmesse des Schulschiffs Deutschland, Bremen (Vegesack). 12. Internationales Literaturfestival Bremen „POETRY ON THE ROAD“.

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