Ron Winkler: Fragmentierte Gewässer

Mashup von Juliane Duda zu dem Buch von Ron Winkler: Fragmentierte Gewässer

Winkler-Fragmentierte Gewässer

HALB INSEL

aus übertriebenen Dünen wuchs allmählich Herbst.
wir waren da, uns schlug Pollockwetter entgegen.
die Wellen – es herrschte See – griffen auf jede Menge Wasser
aaaaazurück.
in jedem Moment konnte Nässe ausbrechen.
Fisch hielten wir für eine seltsame Art von Ateminhalt.
die Gitterstäbe der Bäume kulminierten in Früchten.
andere, mobile Container sahen nach Menschen aus.
das lag nur bedingt am Draußen.

 

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Ron Winklers Lyrik ist,

um es mit dem Titel eines seiner Gedichte zu sagen, ein „Leitfaden für Landschaftstouristen“ — zu denen wir heute alle geworden sind, wenn wir vor die Berg-, See- und Waldbilder der Natur treten:

vor der Mattscheibe eines Sees
existiert etwas. Es könnte wesentlich sein.
auf einer Oberfläche grasen Tiere.
vielleicht sind sie echt.
am Horizont versinkt etwas Altes.

Die der Natur entlehnten, fast verblassten Metaphern, die sich seit der Romantik in unserem Sprachgebrauch herumtummeln, zeitgenössische Begriffe aus Wissenschaft und Computertechnologie – Ron Winkler nutzt sie für eine neue lyrische Beschreibung der Natur, voller Reflexionen und überraschender, oft ironisch –komischer Verweise. Die sinnliche Erfahrung von Natur ist für ihn immer unterwandert von einer Mediengegenwärtigkeit, „Natur“ wird zur Projektionsfläche für ein modernes Lebensgefühl.

Berlin Verlag, Klappentext, 2007

 

Die Kunst der Paraphrase

− In Ron Winklers Gedichten verschiebt sich der Fokus von der Natur als dem erst zu Entdeckendem auf eine Metaebene: in der Betrachtung des Bekannten wird das Wahrnehmen selbst zum Thema. Neu ist diese Idee nicht, doch manifestiert sie sich hier in zeitgemäßer und vielfältiger Form. −

Natürlich ist heutzutage gar nichts mehr, auch die Natur nicht. Seit Jahrhunderten von Menschen kultiviert, taugt sie nicht mehr für Ursprünglichkeitserfahrungen. Überall finden sich Spuren menschlicher Gestaltung; ganze Gegenden werden in touristisch verwertbare Formen gepresst, um ihnen einen Standortvorteil zu verschaffen. Landschaftsfotografien à la Reiseprospekt hinterlassen daher meist einen zwiespältigen Eindruck: die Natur übt darin zwar einen diffusen Reiz aus, im Hinterkopf stellt sich hingegen sofort die Frage, welchem ästhetischen Klischee man gerade auf den Leim gegangen ist.
Die Natur im Zeitalter ihrer ökonomischen Verwertbarkeit bleibt nicht ohne Auswirkungen auf die Naturlyrik. Nach der Anprangerung von Umweltsünden in der Ökolyrik der 1970er Jahre gerät nun die Gestaltung von Natur in den Fokus. So etwa in Ron Winklers drittem Lyrikband Fragmentierte Gewässer, in dem die Natur – neben einigen Kindheits- und Reisegedichten – das dominierende Thema ist:

die Dinge stehen in Wettbewerb. zwei Strandkiefern
ringen um die ästhetischste Neigung.

So wenig wie Natur noch etwas Natürliches ist, so wenig bedient sich Ron Winkler der Alltagssprache. O-Töne wird man hier vergeblich suchen; an deren Stelle treten einfallsreiche, aus einer Vielzahl von Themenbereichen ausgewählte Formulierungen, die in kurzen Bildsequenzen aneinandergereiht werden:

aus einer vorbereiteten Köderlandschaft extrahierten wir einen Teil des Weichbilds:
eine typische Unschärfepopulation Rehe.

Solcherart dekuvriert Winkler kulturell vermittelte Schemata gegenwärtiger Naturwahrnehmung, wobei bisweilen seine sprachlichen Fügungen etwas steril oder ungelenk wirken.
Diese Form der erhellenden Verfremdung stößt dort an ihre Grenze, wo sie ihre ästhetische Funktionalität oder ihre Aussagekraft verliert. Wechselt in einigen Gedichten bei nahezu jedem Vers das Wortfeld, das auf der Suche nach neuen Ausdrucksmöglichkeiten herangezogen wird, so zerfällt der Text in eine Aneinanderreihung von mehr oder weniger gelungenen Umschreibungen. Die Kunst der Paraphrase beherrscht Winkler in außergewöhnlichem Maß; ihre Wirkung schlägt jedoch in dem Moment um, wenn die Metapher zum bloßen Ornament wird.

 

Auf Distanz zur Kitschfalle
In Fragmentierte Gewässer meldet sich auffallend häufig ein „wir“ zu Wort; das lyrische Ich, aufgrund dessen die Poesie als subjektivste der literarischen Gattungen gilt, taucht nur noch sporadisch auf. Dieses „wir“ lässt sich – abgesehen von wenigen Ausnahmen wie dem titellosen Schlusstext, in dem sich xenienartig die Gedichte an den Leser wenden – nicht näher spezifizieren. Ob sich nun die gemeinschaftlichen Erfahrungen einer Gruppe, ein aufgespaltenes Ich oder eine gesellschaftliche Konstante dahinter verbirgt, eines jedenfalls ist klar: aus diesen Gedichten spricht kein vereinzeltes Individuum mehr, das seine Sinneswahrnehmungen mitteilt.
Dieses „wir“ nimmt durchgängig in eine ironische Grundhaltung gegenüber der Natur ein. Sie bietet sich an, um gar nicht erst in die Falle des idyllischen Naturkitschs zu tappen; Wallungswert kann aus einer solchen emotionalen Distanz heraus allerdings nicht entstehen. Den eher statischen Stil versuchen hier und da einige Wortspiele aufzulockern, die auch an der Grenze zum Kalauer nicht halt machen:

die verschiedenen Editionen von Katze laufen schlechter.
das hier ist auch kein Catwalk.

Ironie und Abkehr von individueller, sinnlicher Naturerfahrung bilden den Grundton von Fragmentierte Gewässer. Die Natur ist in diesem Gedichtband eher Projektionsfläche oder Ausgangspunkt für die Anfügung von Sprachmaterial und nicht primärer Gegenstand des Interesses oder der Empfindungen. Der Zugang zu ihr beschränkt sich auf wenige, immer wiederkehrende Elemente wie Wind, See, Vögel, Sonne oder Regen, Schafe, Rehe oder Kühe. Vielfältig hingegen sind die Darstellungsformen der Wahrnehmung von Natur. Der Fokus verschiebt sich so von der Natur als dem erst zu Entdeckendem auf eine Metaebene: in der Betrachtung des Bekannten wird das Wahrnehmen selbst zum Thema. Neu ist diese Idee nicht, doch manifestiert sie sich in Ron Winklers Gedichten in zeitgemäßer und vielfältiger Form.

Carsten Schwedes, titel-magazin.de, 23.7.2007

Brillieren kann Ron Winkler in diesem Frühjahr

In seinem Gedichtband Fragmentierte Gewässer gelingt dem Berliner nämlich nichts Geringeres, als das Genre Naturlyrik von dessen Patina und vom Romantikmief zu befreien. Obwohl seine Landschaftsgemälde von traditioneller europäischer Ernsthaftigkeit geprägt sind, weisen sie eine deutliche Parallele zu den US-Autoren auf. Es scheint, als habe Ron Winkler für jedes Gedicht zwei eigentlich unvereinbare Texte miteinander verschnitten: eine tradierte Landschaftsbegehung und eine Gebrauchsanweisung für das Leben im Informationszeitalter. Das ist nicht krude, sondern liest sich äußerst gewandt:

wie Farbfehler stehen schwarzweiße Kühe auf einer Wiese
sukzessive vergewissern sie sich ihres erstklassigen Sounds.

Oder:

die Bäume: weiterhin Vogelstützen
die Krähen: tendenziell rabenschwarz
das Obst: leider mitgenommen.

Martin Droschke, Falter, 11.4.2007

„Das gekonnt einfache Abbild einer Nässe“

− Mit Fragmentierte Gewässer hat der 1973 geborene Autor Ron Winkler seinen dritten Gedichtband vorgelegt. Mit viel Ironie und sprachlicher Kreativität trägt er mit seinen Naturgedichten zum lyrischen Sprecher einer neuen Generation bei. −

Begutachten Dichterkollegen untereinander die Früchte ihrer poetischen Kreativität, werden oft wenig schmeichelnde Worte ausgetauscht. Wie wohltuend ist es da, den Lyriker Ron Winkler als Kritiker zu erleben, der stets neugierig und respektvoll den Rätseln der Textur näher zu kommen versucht, um bei diesem Suchvorgang seine Beobachtungen verstehen zu lernen. Seine Kritik zum Gedichtband Auszug aus Xanadu des Schweden Lars Gustafsson führt das exemplarisch vor. Dabei formuliert Winkler Sätze, die sich längst vom Gegenstand der Betrachtung losgelöst haben:

Es sind die Erfindungen der Kunst, die auf die Essenz einer Sache verweisen können, indem sie diese ein wenig ignorieren und anders machen.

Ron Winkler ist Jahrgang 1973. Er studierte Germanistik und Geschichte in Jena, sein erster Lyrikband vereinzelt Passanten erschien 2004 bei kookbooks. Ein Jahr darauf wurde ihm der Leonce-und-Lena-Preis der Stadt Darmstadt mit der Begründung verliehen, Winkler würde es verstehen, das Naturgedicht „als Referenz eines modernen Lebensgefühl nutzbar“ zu machen. Auch sein neues Buch schlägt bereits im Titel jene Klaviatur an, die zur Klangsystematik seiner Gedichte verführt. Zwischen dem kalkuliert wirkenden Wortpaar fragmentierte Gewässer und dem Wort Regen, der „das fragmentierte Gewässer als Erscheinung zwischen den Adjektiven leicht und stürmisch“ erzeugt, deutet sich Winklers poetische Energie und poetologische Ausrichtung an. Der Buchtitel und das Gedicht „Der Sachverhalt Regen“ lassen eine Referenz an den österreichischen Sprachphilosophen Ludwig Wittgenstein (1889–1951) erkennen, dem der Sachverhalt beim Beschreiben von Wirklichkeit ein zentraler Terminus war. Und so fühlt man sich bei Winklers Gedichten mehrfach an Wittgensteins Tractatus logico philosophicus erinnert, denn das Erschauen von Welt läuft über Bilder, die – ausgehend von wahrgenommenen Sachverhalten – als Sprache manifestiert werden. Dort hakt sich Winkler ein und tänzelt mit unglaublicher Vitalität und kesser Eleganz angenehm unakademisch auf sprachlichphilosophischem Parkett. Bei dieser „Dance fiction“ werden Pappeln am Horizont zum „Irokesengestrüpp“ oder Wolken als „im Prinzip nichts“ deklassiert, um eine Zeile später schon als „das gekonnt einfache Abbild einer Nässe“ von signifikanter Bedeutung zu sein. Neben seinen lustvoll-voyeuristischen Streifzügen durch die leise Geräuschkulisse der „Osmose“, ironisch flankiert von einer „Lärmgruppe der Frösche“, verschafft die Lektüre immer wieder nasse Füße, die eine verdammt kritische Erdung signalisieren. Ob als „Diagnostischer Seeaufenthalt“, wo ein „flüchtiger Blick auf das Wasser genügt“ oder als „Telegramm von einer See“, in dem das Wasser „eher signifikant“ erscheint – im Element Wasser spiegeln sich die Beobachtungen des Lyriker. Wenn dann noch zwei Strandkiefern um „die ästhetische Neigung“ ringen, ist jener Moment gekommen, wo die Kritikerin ihr Tun beendet und sich vor der so genannten Natur und ihren Elementen in Sicherheit bringt.

Carola Wiemers, Deutschlandradio Kultur, 2.3.2007

Gewohnt wortgewaltig

Mit seinem neuen Gedichtband setzt Ron Winkler da an, wo er mit Vereinzelt Passanten aufgehört hat. Gewohnt wortgewaltig entwürft er sprachliche Miniaturen, die in ihrem ästhetischen Konzept eine Zuspitzung und Weiterentwicklung der Ansätze aus seinem Debüt darstellen. Waren es in Vereinzelt Passanten noch häufig Begriffe aus dem Reich der Sprachwissenschaft, die benutzt wurden, um neue, innovative Metaphern zu entwickeln, sind es in Fragmentierte Gewässer Wörter aus der Technik- und Wissenschaftssprache. In ihrer Qualität fallen diese Sprachbilder unterschiedlich aus. Viele sind gelungen („die Katzen unverändert per Sie mit ihrer Umgebung“), andere wirken, als sei der Autor unbedingt auf der Suche nach Originalität („die verschiedenen Editionen von Katze laufen schlechter. das ist hier auch kein Catwalk.“). Im Ton sind die rund siebzig Texte zumeist relativ ähnlich. Hier hätte ich mir mehr Mut zur Variation gewünscht. Insgesamt fehlt diesem Band die Leichtigkeit, die Vereinzelt Passanten innehatte. Ging es dort vorwiegend um Sprachästhetik, steht bei Fragmentierte Gewässer zu häufig Manierismus im Vordergrund. Hoffen wir, dass Ron Winkler für seinen dritten Gedichtband experimenteller wird, denn der Ton aus seinen ersten beiden Bänden scheint ausgereizt.

Andreas Hutt, amazon.de, 20.3.2007

Ron Winkler schrieb mit vereinzelt Passanten

ein Buch, das mich etwas aus der Bahn warf. Ich schlug es auf, es schlug zurück. Ein ganz eigener Stil war das, eine Behutsamkeit und eine Poesie lag darin, die immer wieder aufs Neue erstaunlich war. Winkler übersetzt die natürlichsten Dinge der Welt ins Sachliche. So würde ich das bezeichnen und mir fällt auch nach längerem Überlegen keine bessere Umschreibung ein, obwohl ich weiß, dass es nicht den Kern der Sache trifft. Denn da ist ja noch mehr. Denn diese auf den ersten Blick oft nüchterne Betrachtung der Umwelt hat Zimmertemperatur, hat Witz, hat Zärtlichkeit, hat mich. Gepackt.
Umso gespannter war ich auf das neue Buch. Nun also Fragmentierte Gewässer. Keine Wiederholung des Alten, aber auch keine Abkehr, eine Weiterentwicklung, konsequent und gekonnt. Keiner sonst schreibt so. Diese Art der Beobachtung:

die Landschaft gediegen, als hätten
hier ausgiebig flämische Maler gelebt

Ich bekam das Buch, es war kalt, ich stieg in den Bus, es wurde wärmer, ich stieg nicht aus, ich war gefangen. Es wurde dunkel, ich pfiff nicht.

um Mitternacht die Regionalhymne
der Frösche am Teich

Ich war auf dem Dorf, ich ging zu Fuß nach Hause, schnappte Luft. Ich staunte über Gedichte einer Kindheit, die niemand nachträglich angemalt hat, die einfach Alltage sind.

oder Sonntage in eiliger Nacktheit:
man badete festgesetzt und so
gründlich wie für den Export

Ich kam aus mir heraus, fiel auf die Knie vor einer Schaufensterpuppe, dem „Atlas der Stiche“, auf dem über Jahre hinweg die erlittenen Mückenstiche markiert worden sind. Ich las Winklers Gedichte noch einmal und habe bisher nicht damit aufgehört.

ich
war nie so zu zweit wie mit dir

Das Buch und ich.

stundenhotel, amazon.de, 8.10.2007

Ein Ozean frischer, einnehmender, präzisester Lyrik

Bei Ron Winkler sitzt einfach alles. Kaum ein Lyriker seiner Generation schafft es mit derlei spitzkantigen, geschliffenen Zeilen aus einer pointiert intellektuellen Haltung emotionale Gewässer zu schaffen, die mitreißen und einen kleinen Weltgesang anstimmen, dem man sich nur zu gerne überlassen würde. Allein einlullend ist das ganze nicht, man muss schon mitschwimmen, sonst verliert man den Gedanken auf seiner Reise zwischen Emotion, Intellektualität und purer Poesie:

ATLAS DER STICHE

 

über die Jahre hattest du deine Mückenstiche
auf einer Schaufensterpuppe eingetragen.

 

denn nichts könne nur Zufall sein,
alles habe System, oder nichtmechanistisch
gesprochen: einen Gott im Gepäck.

 

und jenem System nach sein dein Atlas der Stiche
längst eine nicht mehr zu leugnende Welt.

Und ebenso grandios:

EIN TAG WIE DEZEMBER

 

dieser Tag hat glazialen Charakter
wie könnte es anders sein: ihm liegt Winter zugrunde.
das Couvert der Wolken ist noch nicht geöffnet.
obwohl mich diese Sendung sehr angeht, par Avio.
der Himmel gehört einer Graubranche an.
es herrscht ein neuer Ton irgendwie: diätetisches Licht.
wenigstens wahrt die Sonne den Anschein.
(…)

Daniel Bergner, amazon.de, 19.9.2008

Grillensoftware

Auf der Suche nach „Zeitgenossenschaft“, einer eigenen Stimme, einem besonderen Stil, einem Platz in der schwer überschaubaren Lyrikszene, konkurrieren derzeit viele junge Autoren. Der 1973 geborene Ron Winkler zum Beispiel hat – so liest man in dem 2006 erschienenen Band der Zeitschrift Text+Kritik über „Junge Lyrik“ – auf beeindruckende Weise vorgeführt, wie man einen „lyrischen Paradigmenwechsel“ inszeniert. Hatte Winkler bei seinem ersten Auftritt 2003 die Juroren des Leonce und Lena-Preises noch mit pompös aufgeladenen mythologischen Geschichtsbildern verstimmt, so sorgte er beim Literarischen März 2005 für Verblüffung. Der „geschichtsphilosophische Überflieger“ hatte sich „in einen urban-ironischen Betrachter der Natur“ (so der Kritiker Michael Braun) verwandelt und durfte dafür den Leonce und Lena-Preis und weitere Auszeichnungen entgegennehmen.

Seither bevorzugt Winkler ein poetisches Verfahren, bei dem er sich nicht substantiell auf den jeweiligen Gegenstand einlässt, sondern ihn als vermeintlich Überlegener mit einer alles beherrschenden Ironie überzieht: „am Rand einer theoretischen See: theoretische Schafe.“ Elementare Naturerfahrung scheint nicht mehr möglich, vielmehr hat die penetrante Gegenwart der Medien die Wahrnehmung so sehr zersetzt, dass wahre Schönheit nicht mehr aufkommt. Im Grund ein alter Hut. Nicht nur der Mensch ist dabei, seinen Subjektcharakter einzubüßen („mobile Container sehen nach Mensch aus“), auch die Natur lässt sich auf computergesteuerte Formeln und Graphikbilder reduzieren. Daraus resultiert eine Lyrik von abstrakter Begrifflichkeit, die sprachlich nicht viel riskiert. Die Verse müssen nur witzig, cool und „irgendwie“ intellektuell klingen, während sie an der Oberfläche künstlicher Welten entlang streichen.

ansonsten ging es uns
eigentlich irgendwie.

Fast alle Gedichte des vorliegenden Bandes, die Themen wie Kindheit, Familie, Tourismus, vor allem Landschaft und Tierleben umkreisen, wirken modisch überinstrumentiert. Sie wollen am laufenden Band brillieren, wobei eine Pointe kokett die nächste erschlägt. Schiefe Wortspiele („an vielen Tagen bestimmt die Seine das Sein.“), verfremdete Zitate, Anspielungen, Redewendungen, aufgeblasene wissenschaftliche Termini und Anglizismen drängen sich auf engstem Raum. Von „frei möwenden Vögeln“ ist die Rede, von der „Lärmgruppe der Frösche“, den „verschiedenen Editionen von Katze“; und „eine Streu Rehe“ entzieht „einer Wiese Gras“: So gestelzt kann man den schlichten Vorgang der Nahrungsaufnahme beschreiben. Ähnlich verquer der Vers:

einige Tümpel verleihen sich Wäldern als glasige Orden.

Es gibt den „Sachverhalt Regen“ und die „white boxes unserer Augen“, das „friedliche overbombing“, und vom Wind heißt es, er mache „im Moment eine pädagogische Phase durch“. Was jedoch ein „glazialer Charakter“ oder „die makrobiologische Auswirkung des Quantenstichtheorems“, „unser Downloadverhalten“ oder „eine schöne Form von Agglutinierung“ bedeuten könnten, will ich gar nicht wissen, ich schaue nicht einmal im Lexikon nach, weil solch theoretisch hochgezwirbelter Sprachschrott in einem Gedicht nichts zu suchen hat.
Sobald eine Naturstimmung aufkommt, wird sie sofort ins Albern-Triviale und Mediale umgebogen:

die Existenzform Frosch betreibt ein Lautaggregat.

Momente der Ruhe, poetische Beobachtungsphasen sind rar:

und der Sommer schloss an mit Schwalbengewittern,
den Bögen einer rasenden Tierart –
so folgenlos, dass man staunen mußte. kaum
Platz zwischen ihnen für Himmel.

Gelegentlich findet man hübsche Aphorismen, wie Winklers Lyrik überhaupt eine Neigung zum Rationalen und pointenhaft Ausgeklügelten hat:

die Katzen unverändert
per Sie mit ihrer Umgebung.

Oder:

ich fühle mich hund. kaue geduldig am zähen Fleisch
der Erkenntnis.

Winklers sich ironisch-witzig gerierende Überlegenheitsgestik, sein Outrierzwang („frei / konvertierbare Grillensoftware“), könnten auch etwas zu tun haben mit der Unsicherheit eines Autors aus der DDR-Provinz, der sich in der schillernden Marktwirtschaft zu behaupten sucht. Der aus Jena stammende Lyriker hat über Durs Grünbein promoviert, der in seinen Anfängen ebenfalls mit Fachtermini Weltläufigkeit demonstrieren wollte, sich freilich längst in klassische Gefilde abgesetzt hat.
In einem Gedicht mit dem manirierten Titel „surrounding Schnee“ heißt es gleich zu Beginn (und wie häufig bei Winkler im unbestimmten Plural): „wir lieben diese fraktale Grammatik“, während Vorbild Grünbein einst in Falten und Fallen von „fraktaler Gelassenheit“ sprach, was ganze Dechiffrier-Kollektive in Aufregung versetzte.

Michael Buselmeier, die horen, Heft 233, 1. Quartal 2009

 

Sich selbst widerlegende Turbulenzen

− Warum Ron Winklers Gedichte mit dem Mondseer Lyrik-Preis ausgezeichnet wurden. −

„Zusatzmodul“ ist ein schreckliches Wort – und das liegt nicht nur daran, dass dieses Wort zur gleichen Zeit genau ist und etwas nur schwer zu Greifendes besitzt. Dass diese Vokabel darüber hinaus ohne jeden poetischen Reiz zu sein scheint, liegt daran, dass sie etwas Technisches bezeichnet, und beides, Gedicht und Technik, bilden eine Gleichung, die auf den ersten Blick nicht aufgehen mag – und auf den zweiten, kritisch abwägenden Blick ebenfalls: Konservieren Gedichte nicht das, was durch Technik verloren geht?
In Ron Winklers Gedichten kommt aber nicht nur das Wort „Zusatzmodul“ vor. In seinen Gedichten lassen sich Vokabeln finden, die noch weitaus sperriger und poesieunaffiner sind. In dem Gedicht „zoologisches warten“ spricht er von „der allgemeinen Biologie in Form von Betrachtung“. In anderen Gedichten ist von „unserem downloadverhalten“, „Intensivstationen“ und „Hydrogenität“ die Rede, von „zyklischen Permutationen“ und „Schrödingerflimmern“. Beim Lesen einiger Gedichte ist es durchaus angeraten, den Computer anzuschalten, damit wir uns die Bedeutung des einen oder anderen Wortes ergoogeln können. Dennoch verlieren wir an keiner Stelle von Ron Winklers Gedichten den Eindruck, dass wir es dabei mit lyrischen Sprachkunstwerke zu tun haben. Und nicht nur das: Jede dieser zitierten Wendung besitzt einen poetisch hochprozentigen Kern.
Nun liegt diese Nähe vor allem zur technischen Sprache von Computern im Alter des Autors begründet. Ron Winkler ist 1973 geboren, der Umgang mit dieser Technik ist für ihn so selbstverständlich wie Spaziergänge in Parks, zu denen die Generation Stefan Georges aufgebrochen ist. Dennoch hängt der selbstverständlich poetisch anmutende Umgang mit dem Computer, und den neuen Wortfeldern, die durch den Gebrauch des Computers geschaffen wurden, nicht nur daran, dass diese Techniken zu Ron Winklers selbstverständlicher Erfahrungswelt gehören. Ausschlaggebend für seine verblüffende Fähigkeit, diese Dingwelten einen legitimen Platz in seinen Gedichten einzuräumen, ist noch etwas anderes: Seine Fähigkeit, das zu können.
In seinem Essay aus dem Jahr 1998 mit dem Titel „Was ist Lyrik heute?“ stellt Michael Rutschky fest:

Dies gewiß nicht, eine Mode, welche der aufstrebende Jungmensch begeistert anhängt.

Und warum ist das nach Michael Rutschky so? Weil aus Gedichten in den 50er und 60er Jahren des letzten Jahrhunderts alles, was mit Erfahrung, Gefühl, überhaupt unserer Erfahrungswelt zu tun hätte, verbannt worden sei. Er glaubt, auf die Frage, „was Lyrik heute sei, als Antwort ins Auge fassen zu müssen: Rock’n Roll.“ Gedichte würden sich auf asketische Sprachübungen beschränken, meint Rutschky – eine Vorstellung, die viele Lyrik-Verächter mit ihm teilen. Dass dies allerdings keineswegs so ist, dass sich also Gedichte, damit sie als Gedichte Bestand haben, sich aus unserer Erfahrungswelt zurückziehen müssen und sich unzugänglich für Empfindungen machen, die uns in unseren täglichen Verrichtungen begleiten, dies belegen die Gedichte von Ron Winkler auf sehr anschauliche Weise.
Wie? Sehr einfach. Indem er in seinen Gedichten etwas anspricht, das von Gedichten angeblich ferngehalten wird: gewöhnliche Beobachtungen, Alltagserfahrungen. Ein Beispiel:

das hätte man sofort einsehen müssen, alpinistische Wiesen
wie Schismen zwischen gravierenden Bergen (…).

Oder die ersten beiden Zeilen aus einem anderen Gedicht:

Wir kamen hier her wegen der Handflächenstrände
und der weit über meine Bedürfnisse hinaus geöffneten Wellen.

In beiden Fällen gibt uns der Autor keine Rätsel auf, wovon er spricht. Im ersten Gedicht betrachtet er eine Wiese, die zwischen zwei Bergen liegt, im zweiten hält sich der Autor an einem weitläufigen amerikanischen Strand auf, und der Titel „Palm Beach“ lässt sogar einen Rückschluss zu, wo sich dieser Strand befinden könnte – in Florida. Ron Winklers Gedichte sind keine weltfernen Gebilde, sie legen einen erkennbaren Wert darauf, dass der Leser die Örtlichkeiten, die in ihnen eine Rolle spielen, gut erkennen kann, und dies aus einem einsichtigen Grund: Die Leser sollen ihre Erfahrungen mit ins Spiel bringen können.
Auch in seiner Sprachgebung arbeitet Ron Winkler nach anderen Grundsätzen als denen, die die asketischen Sprachartisten als bindend für ihr Schreiben angesehen haben. Er achtet auf Nachvollziehbarkeit und ist sich keineswegs zu fein, in vielen Fällen sogar nach effektvollen Formulierungen zu suchen. Erfahrungen dürfen durchaus auf eine zugespitzt plausible Weise und überscharf prägnante Weise formuliert werden. Wieder Beispiele:

die See schien wie immer eine Koryphäe in der Andeutung von Wasser.

Oder:

hinter ausgiebigen Schafen lagen Premium Highlands,
die Alphalandschaft war sofort erkennbar, das adäquate Design, (…).

Im letzten Zitat ließen sich gleich mehrere Belege für eine bestimmte Eingängigkeit finden, die Formulierung besitzen sollen. Der Leser darf schon davon beeindruckt sein, dass Beobachtungen auf eine derart bündige und, was speziell die Wortwahl angeht, verblüffend neue Weise ausgedrückt werden. Bei Ron Winkler herrscht also alles andere als Askese, er sucht nach einer sich mitteilenden Schlüssigkeit.
Allerdings geht Ron Winkler bei seiner Suche nach sprachlicher Evidenz alles andere als naiv vor. Das meint: Er passt sich nicht an den Publikumsgeschmack an. Im Gegenteil: Er arbeitet in vielen Fällen sogar mit einem Sprachmaterial, das ausgesprochen unpoetisch: u.a. mit verschiedenen Techniker-Fachsprachen. Dass er überhaupt dieses Vokabular aufgreift, hängt damit zusammen, dass wir Sprache keineswegs voraussetzungslos benutzen, sondern dass wir uns in vorgefertigten Sprachmustern bewegen. Angefangen von scheinbar unauffälligen Wendungen, die uns die Umgangssprache zuspielt, über Einsprengsel aus fremden Sprachen, vor allem dem Amerikanischen, bis hin zu Spezialsprachen, die sich entwickelt haben, damit wir uns über neue Techniken wie den Computer oder neuere naturwissenschaftliche Einsichten verständigen können, treffen wir auf Sprachschablonen, die ihre eigenen Bedeutungen transportieren, und von denen wir uns nicht ohne weiteres frei machen können.
Ron Winkler reagiert aber nicht nur in seinen Gedichten auf gestanzte Sprache, er reagiert auch in seinen Gedichtformen auf die Implikationen, die in diesen Formen liegen. Einfacher ausgedrückt: Er weiß, dass Gedichtformen ihrerseits eine Geschichte durchlaufen haben, aus der sie sich nicht ohne weiteres lösen lassen. Diese Überlegung ist für ihn sehr wichtig, weil er eine Gedichtform wiederbelebt, die lange in den historischen Asservatenkammern der Lyrik verbannt war und der er neue Reize abgewinnen möchte: Das Naturgedicht.
Dabei ist Ron Winkler weit davon entfernt, diese Gedichtsorte nur ironisch benutzen und damit auf eine spielerische und nicht ernsthaft gemeinte Weise neu beleben zu wollen. Nein: Er schreibt Naturgedichte in der umfassenden Bedeutung, die dieser Formulierung beigemessen werden kann. Ein Beispiel:

Rehvermessung
aus einer vorbereiteten Köderlandschaft extrahierten wir
einen Teil des Weichbildes: eine typische Unschärfepopulation Rehe
wir tauchten eine homöopathische Probe davon in unsere synaptische Lösung
und stellten fest, ihre Waldfunktion verlief umgekehrt reziprok
zu den Bäumen, beziehungsweise verhielt sich so
(…)

Wir könnten jetzt den Versuch unternehmen, und dieses Gedicht in unseren Sprachgebrauch übersetzen. Dann wäre davon die Rede, dass es hier um eine Lichtung geht, die sich gut zum Auflauern auf Rehe eignet, die der Autor aber unserem Vorstellungsmögen ohne Rehe nahe bringen möchte. Schon während man mit dieser Paraphrasierungsarbeit beschäftigt ist, ist überdeutlich zu spüren, dass wir aus dem Weichbild dieses Gedichts seine wesentlichen Teile entfernen und einen Torso auferstehen lassen, der mit großer Mühe die Situation wiedergibt, um die es in diesem Gedicht geht. Auf der Strecke bleibt das Ganze Mit-Ausgesprochene, in der Wendung „Köderlandschaft“ zum Beispiel die darin mitschwingende Vorstellung von Klischeelandschaft und gleichwohl einer Landschaft, die absichtsvoll auf einen Zweck zugerüstet worden ist. Dieses Zugerichtete der Landschaft, sowohl was die optischen Signale angeht, die wir von ihr empfangen, als auch was ihren Zweck ausmacht, dem sie genügen soll, bleibt in der paraphrasierten Version unausgesprochen. Man könnte auch sagen, die Bedeutungsmatrix dieser Landschaft bleibt ausgespart, und dabei geht genau das, was uns diese Landschaft begreifbar macht und weswegen Ron Winkler überhaupt von ihr spricht, verloren.
Auf die Abbildung dieser aus vielen Quellen sich speisenden Matrizen kommt es Ron Winkler aber besonders an. In ihrem Begreifen sieht er eine besondere Chance. Das Naturgedicht in seiner traditionellen Form rechnete mit der Möglichkeit in Gottes Antlitz zu schauen, wenn es sich in die Schönheit der Natur versenkte. Mit dieser Möglichkeit rechnet Ron Winkler nicht, allerdings will er in seinen Naturversenkungen auch über die bloße Vergegenwärtigung des zu sehenden hinaus gelangen, und er gelangt auch darüber hinaus. Er nimmt naturwissenschaftliche, ästhetische, biographische und soziologische Gesetzmäßigkeiten wahr, wenn er festzuhalten beginnt, was sich seinem Blick darbietet. Und wenn er diese Gesetzmäßigkeiten entdeckt, dann sieht er auch nicht nur blitzende Elektrochips und verschlungen sich windende binäre Codes, sondern in diesem intellektuell hoch differenzierten Fixieren des Gesehenen eröffnet sich ihm eine einzigartige Chance.
Worin diese Chance besteht, zeigt sich am deutlichsten, wenn Ron Winkler seine Naturgedichte auf unser Leben überträgt, wenn er also Naturgedichte von den menschlichen Beziehungen schreibt. Ich könnte auch von Liebesgedichten sprechen. Auch im Austausch der Menschen untereinander herrschen Gesetzmäßigkeiten und greifen Verhaltenschablonen, die den einzelnen in ein Korsett von Handlungen hineinzwängen, ohne ihn zu fragen, ob er sich in diesem Korsett wohl fühlt. Bei Ron Winkler klingt das dann so:

Laut Statistik waren wir vorgesehen. ich formatierte
ein Lächeln und du, du, was sah dein Elektroplan vor?

Liebe bahnt sich hier auf der Grundlage von Reiz-Reaktionsschemata und elektrischen Strömen an, die Nervenbahnen miteinander in Verbindung bringen oder die Rezeptoren taub und die Transmitter unbenutzt lassen. Allerdings reduziert sich der Vorgang des Verliebens keineswegs auf zirkulierende Elektrizität. Anders gesagt: Ron Winkler baut in diese beiden Zeilen ein kleines, aber gut erkennbares Zeichen ein, dass nicht nur Biologie und Materie nach ihren jeweils in sie eingeschriebenen Plänen in Bewegung geraten sind, sondern über diese Naturprozesse hinaus etwas geschieht, was nur dieser einen Person widerfährt, von der die Rede ist, und was auch nur für diese Person von Bedeutung ist. In der zweiten Zeile gibt es ein doppeltes ,du‘, der Betrachter hält inne und nimmt sein Gegenüber wahr und beginnt es in seiner wachsenden Bedeutung für ihn zu erfassen.
Dieser kleine Sprachstopp und Verzögerungsmoment in der zweiten Zeile von Ron Winklers Gedicht „place to beast“ ist von außerordentlicher Kostbarkeit. In ihm rührt sich jenseits von bioneuronalen Schaltkreisen und den im ästhetischen Schema dazu passenden Endzeit- und Inferno-Stimmungen in Ron Winklers Gedichten das menschliche Maß. Hier wie in vielen ähnlichen Passagen in anderen Gedichten von ihm ist Sehnsucht zu spüren, ein leise sich artikulierendes Glücksverlangen, überhaupt Eigenart und Eigensinn. Sie verschärfen die Wahrnehmung, schmuggeln in das Gedicht eine Sensibilität ein, die sich nicht beruhigt und zufrieden gibt, wenn von Technik und Gesetzmäßigkeiten gesprochen wird und die Schilderung dieser Vorgänge untergründig beginnt bissig zu kommentieren. Das kann von der simplen, Klischees streifenden Formulierung gehen: „und füttern das Ambiente mit Coladosen“ bis hin zu Formulierung die das Wegwerfen dieser Büchsen nach sich zieht:

oh blechroter Weiher, interessiere uns noch. shuttle uns
nicht ab. wir sind gerne solche Zusatzmodule.

Das klingt zart nach Friedrich Hölderlin in traurigen spätmodernen Zeiten – nach einem Hölderlin, der seine Entgeisterung vor lauter Aufklärung schon wieder anzubeten beginnt. Allerdings kommt mir bei Ron Winklers Gedichten noch ein ganz anderer, viel sachlicher aus seinen Beobachtungen heraus argumentierender Denker in den Sinn, besonders wenn Ron Winkler in seinen Gedichten die Eigentümlichkeit unserer Sprache nutzt, durch Reformulierung eines Sachverhalts sein Verhältnis zu diesem Sachverhalt zu verändern. Ich meine Siegmund Freud, der diese Eigentümlichkeit in unserer Sprache dazu nutzte, seine psychoanalytische Therapie mit den drei Schritten „erinnern, wiederholen und durcharbeiten“ darauf aufzubauen. Ron Winkler ist an dieser Stelle bescheidener: Er will uns mit seinen Gedichten nicht heilen, aber er ergreift in seinen Gedichten im Wiederformulieren dessen, was bereits formuliert vorliegt, die einzigartige Chance, aus den Bruchstücken von Fachsprachen den Einzelnen in seinen Bedürfnissen aufleben zu lassen – nach Art von sich selber widerlegenden Sprachturbulenzen (wenn man Gedichte als Sprachturbulenzen bezeichnen darf). Auf diesem Weg werden aber die Gedichte von Ron Winkler nicht nur zu einem notwendigen, Lebensperspektiven andeutenden Begleitkommentar zu den Begleitkommentaren der Welt.
Damit sind wir am Anfang unserer Überlegungen zu Ron Winklers Gedichten wieder angekommen. In seinen Versen werden nicht nur Alltagserfahrungen gut erkennbar als Material zum Schreiben verwendet, und alleine damit wären die aufgeklärt sich gebenden, im Endeffekt aber extrem lyrikfeindlichen Vorstellungen von Alt-68ern wie Michael Rutschky bereits widerlegt. Ron Winkler aber gelingt darüber hinaus auch, in seinen Gedichten einen Bereich unseres Lebens anzusprechen, um den unsere Literatur traditionellerweise einen großen Bogen macht: den der Technik und der Naturwissenschaften. Vor allem aber besitzt Ron Winkler einen Sinn für eines: Worüber er auch immer spricht und welches Spezialvokabular er dabei auch verwenden mag, er nimmt das Gedicht in seiner jeweiligen Form ernst und schreibt Gedichte, die nach den strengen Baugesetzen der Lyrik Bestand haben. Zusammenfassend und in einem sicher etwas zugespitzt formulierten Satz könnte man über Ron Winklers Gedichten sagen: Sie holen den Rock’n Roll in die Lyrik wieder zurück.

Klaus Siblewski, manuskripte, Heft 176, 2007

Weitere Beiträge zu diesem Buch:

Felix Philipp Ingold: Ungewollte Widersprüche
manuskripte, Nr. 177, 2007

Helwig Brunner: war himmel, war boden, wir beide darauf
schreibkraft.adm.at, Ausgabe 17, 2008

 

 

POST AUS FALSTER
Für Ron Winkler

über die Ostsee kann ich nicht mehr
ich kann noch über die Blindenschrift
der Rehaugen auf dem Seitenstreifen
über den Mercedes Kompressor, in dem
ein Paar, verlobt oder so, auf der Gegenrichtung
nach Bad Sonstwas zum Wassertreten
über MACHEN WIR UNS KEINE SORGEN
DIE SCHWEINE VON HEUTE SIND
DIE SCHINKEN VON MORGEN, und von
den lieben Mäusegesichtern, sagt eine, mein Karton
der hat acht Ecken, soll sich, was reingeht
verstecken, ich kann von der Feuerwehr, die eine
Obsttorte ist, von der Insel mit zwei Bergen
ich will nicht über das Seelenheil, Grundgütiger
und bitte nichts über die Innenzustände, ach nee
und bitte keine neuen Augen, steht eh alles rum
wo es hin- oder nicht hingehört, vielleicht über Tiere
im Abblendlicht, Füchse oder was, aber die Ostsee
was soll man da, wenn ich die Beine neben
dem Feuerwehrschiff, der Wind in die Augen
und Deutschland da, wo man nichts sieht
wo ich mir den Zahnstein entfernen lasse, wo links
davon die kolossale, von hier aus daumennagelgroße
Fähre schaukelt, Hühnergötter gesammelt, nur
wenige, oh fleißiger, grundschöner Küstenstrich
paar flache Steine übers Wasser geschickt, die sind
was sonst, versunken, und in Kadaverlaune
nach Wolken in Kreditkartenform gesucht, schön
und gut, das liege sich nicht biegen, wars
über die Ostsee kann ich nicht mehr

Björn Kuhligk

 

Am 1.4.2014 sprachen Hendrik Rost und Ron Winkler unter der Überschrift Kontrastprogramm in der literaturwerkstatt berlin mit Insa Wilke über ihre Bücher und ihr Schreiben.

 

 

Fakten und Vermutungen zum Autor + Instagram 1 & 2 + Facebook + IZAPIABasler Lyrikpreis
Porträtgalerie: akg-images + Autorenarchiv Isolde OlbaumDirk Skiba Autorenporträts + IMAGO
shi 詩 yan 言 kou 口

 

Beitragsbild von Juliane Duda zu Richard Pietraß: Dichterleben – Ron Winkler

 

Ron Winkler liest zweites urbanes Panneau im Maxim Gorki Theater Berlin („Hardcover Studio“) am 5.2.2011.

1 Kommentar

  1. “Lyrikpreise mögen zwar, so Maik Lippert kürzlich am Rand einer Lesung in Graz, die Relevanz von Hühnerzüchterpreisen haben, die niemand anderer als die anderen Hühnerzüchter wirklich wahrnimmt.”

    Helwig Brunner hat mich da auf einer Lesung im Graz zitiert. Dass bestimmte Verlage unter bestimmten glücklichen Umständen trotzdem einen bestimmten Lyriker wahrnehmen und mit ihm dann ein Buch machen können, ist so zu sagen auch ein “Hühnerzüchter- Sparten”-Glück, d. h. den größten Teil der Leserschaft (und um so mehr der Nicht-Leserschaft), die keinen Draht zum “Planet Lyrik” haben, erreicht diese frohe Botschaft gar nicht. Und das war mit dem Hühnerzücher-Vergleich auch gemeint.

    Herzlichst
    Maik Lippert
    SEHNSUCHT PROVINZ mit ca. 20 Gedichten bei HOCHROTH (http://www.hochroth.de)
    Einblick in den Probedruck (Exemplar Nr. 000) unter
    http://www.bookrix.de/_mybook-malipp_1282296165.4766399860

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