Nur Bestes ist gut genug
Weltlyrik in Anthologien von Ezra Pound1 und René Char2
Teil 30 siehe hier …
Bereits mit seinen populären literarischen Brevieren «ABC des Lesens» (1934) und «Wegleitung zur Kultschur» (so! 1938) hatte sich Ezra Pound als ein engagierter pädagogischer Erotiker bewiesen – mit der Anthologie von 1964 bestätigt er seinen didaktischen Anspruch und zieht dafür erneut Autoren wie Chaucer, Villon und Robert Browning heran, deren Wertschätzung er über die Jahrzehnte hin hochgehalten hat.
Als Zielpublikum stellte er sich vorzugsweise Mittelschüler und private Leser vor, die sich durch die Lektüre von Gedichten «kultivieren» möchten. Fachleuten und Kritikern indes, vollends den «Professoren» sprach er diesen Willen verachtungsvoll ab: Poesie solle nicht gelehrt werden, vielmehr solle sie zum Lernen anregen. Dabei sollte die Aufmerksamkeit der Lernenden eher auf das Wie («the manner») als auf das Was («the matter») der Dichtung ausgerichtet sein.
Schon im «ABC des Lesens» hatte Pound seiner Leserschaft empfohlen, im Umgang mit poetischen Texten nicht immer gleich nach deren Aussage und Bedeutung zu fragen, sondern erst einmal darauf zu hören, wie sie klingen; danach – hinsehen, was als Text dasteht (und nicht, was dahinter oder zwischen den Zeilen gemeint sein könnte); schliesslich – unbelastet von Vorwissen auf das Gehörte, Gesehene, Gelesene eingehen, um nach eigenem Belieben und Vermögen etwas damit anzufangen, dabei vorrangig sich selbst zu bilden am Leitfaden grosser Poesie.
Was der alte Pound mit selbstbewusstem (und selbstgerechtem) Pathos hier und anderswo zu verstehen gibt, nimmt sich angesichts des heute vorherrschenden Bildungsnotstands geradezu elitär aus. Das Lernen als Tugend («Bildungsbeflissenheit») ist kein Interesse mehr und wäre als Gebot obsolet. Wo Information und Kommunikation von «leichter Sprache» dominiert sind; wo National- und Regionalsprachen zunehmend durch «Allerweltsenglisch» überlagert und hybridisiert werden; wo Zusammenfassung, Übersetzung und selbst das Verständnis von Texten durch künstliche Intelligenz zu bewerkstelligen sind – da verliert Ezra Pounds hochgemuter literaturpädagogischer Kanon jegliche Relevanz. Dennoch sollte man ihn nicht ganz vergessen, und sei’s auch bloss, um hin und wieder den Verlust seiner Autorität und Wirksamkeit zu beklagen.
… Fortsetzung am 3.4.2026 …
© Felix Philipp Ingold & Planetlyrik







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