Felix Philipp Ingolds Skorpioversa – Anthologika – Nur Bestes ist gut genug (Teil 5)

Nur Bestes ist gut genug
Weltlyrik in Anthologien von Ezra Pound1 und René Char2

Teil 31 siehe hier

«Gedichte für dunkle Zeiten» – unter diesem Arbeitstitel komponierte der Dichter René Char (1907-1988) in den 1970er Jahren eine Lyrikanthologie, mit der er seine bevorzugten Autoren zusammenführen und zu Wort kommen lassen wollte, um «das aufgewühlte Menschenmeer ein wenig aufzuhellen» zu einer Zeit, da «eine Vielzahl von Rechten verloren gingen». Die Poesie sollte demnach gegen die zunehmende Verfinsterung der Welt in Stellung gebracht und gleichsam als Festung gegen den zivilisatorischen Niedergang positioniert werden. Diesen hohen, im eigentlichen Wortsinn «aufklärerischen» Anspruch bekräftigte Char durch den definitiven Buchtitel «Lebensplanke» (La planche de vivre, 1981), der auch als «Rettungsplanke» begriffen werden kann, als ein letzter Halt zum Überleben.3
Mit Ezra Pounds grosser Anthologie «Von Konfuzius zu Cummings» stimmt Chars viel knapper gefasste Gedichtauswahl (18 Autoren, 45 Texte) in zweierlei Hinsicht überein – sie ist ebenso willkürlich und subjektiv, sie umgreift viele Jahrhunderte und mehrere Sprachbereiche, auch präsentiert sich der Herausgeber zugleich als Übersetzer. Jedoch unterscheiden sich die beiden Sammlungen fundamental durch ihre gegensätzliche Intention.
Wenn bei Pound die didaktische Absicht und die poetologische Musterung im Vordergrund stehen, dominiert bei René Char der elitäre Ansatz, wonach «das Beste» nur von ganz Wenigen geschaffen und verstanden werden könne – nicht Popularisierung, Erklärung, Nutzanwendung sei für die Poesie vonnöten, vielmehr müsse ihr unergründliches Mysterium akzeptiert und gewahrt werden, eine Forderung, die Char für seine eigene Dichtung wie auch für das Schaffen der von ihm vorgestellten Autoren hochhält: «Diese Dichter haben sich uns zur Seite eingefunden in solidarischer Hingabe, derweil wir die geheime Linie, die dem Vergnügen und dem Leiden gemeinsam ist, überschritten haben, um uns ihrer Lektüre anzunähern. Eine strenge Matrone hielt sich in ihrer Reichweite, um die Seiten zu wenden, so blass indes war sie, dass sie von jeglichem Wort abgeschieden blieb.»
Mit solchen und ähnlichen (letztlich unverständlichen) Sätzen schreckt Char von der Lektüre eher ab, als dass er dazu anregt. Wenn er die Poesie als «die traumhafteste Leihgeberin schlechthin» belobigt, ist dies wohl schön und anspielungsreich formuliert, doch was soll damit gesagt, gemeint sein?

… Fortsetzung am 4.4.2026 …

© Felix Philipp Ingold & Planetlyrik

0 Kommentare

Einen Kommentar abschicken

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

„Suppe Lehm Antikes im Pelz tickte o Gott Lotte"

Literatur

eine Art Itinerar oder Ritual? Lied oder Tat? Liter, Teer, Rat, Rute, Uhr? litt er, Arthur? ruht er? rate ! – Lied in A–Dur!

Michel Leiris ・Felix Philipp Ingold

– Ein Glossar –

lies Sir Leiris leis

Würfeln Sie später noch einmal!

Lyrikkalender reloaded

Luchterhand Loseblatt Lyrik

Planeten-News

Planet Lyrik an Erde

Tagesberichte zur Jetztzeit

Tagesberichte zur Jetztzeit

Freie Hand

Haupts Werk

0:00
0:00