Angst, Ängste habe ich − ausser vor mir selbst − keine.
Aber ich habe eine kleine unverlierbare Furcht, die sich seit Jahren als posttraumatische Störung auslebt; es ist die Furcht, ins Rutschen zu kommen, auszurutschen auf vereistem Grund, vorn- oder hintüber der Schwerkraft nach hinzuschlagen und nie wieder aufzustehn. Für diese Furcht, für diese Störung gibt es einen genau benennbaren Grund. Zu datieren ist er auf einen frühen Märztag 1969, und beschreiben kann ich ihn, in aller Kürze, wie folgt.
Ich war, von Prag kommend, mit meinem kleinen vollbepackten PKW auf einer Ausfallstrasse westwärts unterwegs, um nach mehrmonatigem Aufenthalt in der damaligen Tschechoslowakei nach Basel zurückzukehren. Bei leichtem Schneeregen durchquerte ich, nur wenige Kilometer ausserhalb der Stadt, einen schütteren Birkenwald, vor mir die kaum befahrene schnurgerade zweispurige Strasse, die sich weit vor mir in der dichter werdenden Grisaille verlor.
Bis plötzlich auf der linken Fahrspur ein laut rasselnder langgestreckter Schatten sich näherte − ein Eisenbahnzug mitten auf der Strasse! dachte ich zunächst, erkannte dann aber gleich, dass es sich um einen Konvoi von Kriegspanzern handelte, die in dichtem Abstand und hohem Tempo mir entgegenfuhren. Die Panzer waren so breit, dass sie mit ihrer linken Raupe einen Teil meiner Strassenseite beanspruchten.
Ich schreckte auf, sofort war mir klar, dass bei den winterlichen Verhältnissen weder Bremsen noch Ausweichen als Option in Frage kamen. Ich wäre unweigerlich ins Schleudern geraten, wäre vermutlich schräg in die Kolonne, vielleicht auch zwischen zwei Panzer gerutscht.
Und Schluss.
Also blieb mir nur, vom Gas zu gehen, rasch vom vierten und den dritten Gang herunterzuschalten und − für Sekundenbruchteile − abzuwarten, was geschehen würde.
Was geschah, kam völlig unerwartet. Mein Auto kam leicht ins Schlingern, links von mir durchs Seitenfenster sah ich in unmittelbarer Nähe die gewaltigen Panzerraupen, darüber, rasch vorbeiflitzend, ein paar grosse russische Schriftzeichen, und schon gab es einen Stoss, einen Knall, ein dumpfes Splittergeräusch vor mir und ein wüstes metallisches Knacken unter mir −
− auf der Kühlerhaube lag vor der geborstenen Frontscheibe ein Mensch, ein Mann, und als ich ausstieg (die Panzerkolonne war bereits verrauscht) entdeckte ich unter dem Auto ein völlig zerstauchtes Fahrrad. Ich hatte, fixiert auf die Panzerfahrzeuge und abgelenkt durch meine Todesangst, den Radfahrer vor mir übersehen, ihn von hinten angefahren: Er wurde durch den Stoss auf mein Auto gehoben; unverletzt blieb er für eine Weile vor der zertrümmerten Frontscheibe auf der Kühlerhaube liegen, begann dann aber bald zu plaudern und beglückwünschte uns beide zu dem unwahrscheinlichen Überlebensakt. Zu zweit gelang es uns, das Fahrrad unter dem PKW hervorzuziehen.
Nichts passiert! So gut wie nichts!
Wir hielten eins der entgegenkommenden Autos an, liessen uns in die Stadt zurückfahren, ich meldete den Unfall bei der erstbesten Polizeistation, von wo aus auch gleich der Pannendienst aufgeboten wurde, um die liegengebliebenen Fahrzeuge zu bergen.
Usf.
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Der Zwischenfall in jenem Birkenwald und seine administrative Bewältigung zwangen mich, meine Abreise um zwei Wochen aufzuschieben; gesundheitliche und juristische Konsequenzen gab es nicht; alles war − im Hinblick auf die damalige Gefahrensituation − glimpflich abgelaufen.
Und dennoch wurde ich das Rutsch-Trauma nie wieder los. Noch heute, Jahrzehnte danach, gerate ich sofort in Panik, wenn Schnee in der Luft, Eis am Boden liegt. Ich geh dann mit dem Auto konsequent nicht mehr auf die Strasse, und als Fussgänger bewege ich mich mit höchster, meist übertriebener Vorsicht, um jedes Risiko, auf der Schnee- oder Eisglätte auszurutschen, zu vermeiden. Doch die Vorsicht genügt nicht, das einstige Trauma scheint fortzuwirken. Sicherlich ein halbes Dutzend Mal bin ich seither auf glattem Grund gestürzt, zwei-, dreimal mit ernstlichen Verletzungen wieder aufgestanden.
Inzwischen frage ich mich, ob und inwieweit mein angestrengter Vermeidungswille in derartigen Situationen den Unfall, das Umfallen geradezu provoziert, statt es zu verhindern. Und ich erinnere mich dabei an eine Reminiszenz von Lew Tolstoj, der in einem Brief oder in seinem Tagebuch eine entsprechende Erfahrung beim Schlittschuhlaufen rapportiert: Noch als Schüler habe er sich auf der Eisbahn in eine elegante junge Frau verguckt, mit der er unbedingt in Kontakt kommen, aber keinesfalls kollidieren wollte. Doch es sollte nicht sein: Trotz − oder eben gerade wegen − der krampfhaften Vermeidung eines Zusammenstosses prallte er gleich schon bei der ersten Annäherung unglücklich mit der schönen Unbekannten zusammen, stiess sie um und schlug selbst mit dem Gesicht voran aufs Eis.
Bis in seine späten Lebensjahre konnte Tolstoj diese Peinlichkeit nicht vergessen, konnte nicht begreifen, wie immer wieder Unfälle − generell: Zufälle − eintreten, die man doch unabweisbar kommen sieht und gegen die man sich um so entschiedener abzusichern sucht.
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Bei mir ist diese Erfahrung zwar nie wirklich fatal geworden, sie hat sich allerdings so oft wiederholt, dass ich den Zufall nun eben als eine besondere Erscheinungsform der Notwendigkeit erfahre.
Mein „Prager Trauma“ war der Beginn einer langen Kette solch notwendiger, stets von Schnee und Eis konditionierter Zufälle, die heute unter dem Kürzel PTBS als psychische Störungen abgehakt, wenn auch keineswegs behoben werden.
In diesem (allein in diesem) Verständnis kenne ich so etwas wie Angst, erkenne aber auch, dass der Anlass dazu nicht irgendwo draussen in der realen Welt oder in meinem sogenannten Schicksal liegt, sondern in mir selbst.
aus Felix Philipp Ingold: Endnoten
Versprengte Lebens- und Lesespäne








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