Hans Carl Artmanns Gedicht „Deutschländisches Volkslied“

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HANS CARL ARTMANN

Deutschländisches Volkslied

ein päckchen cigaretten
ein mädel vom rhein
das müßte in holland
der holzhammer sein
die augen voll bläue
und feuer dazu
ich kenn keine treue
mein schätzel bist du.

1986

aus: H.C. Artmann: Sämtliche Gedichte. Hrsg. von Klaus Reichert. Verlag Jung und Jung, Salzburg 2003

 

Konnotation

Um seinen Begriff von Dichtkunst zu erläutern, hat der österreichische Sprachmagier Hans Carl Artmann (1921–2000) gerne physikalische Kategorien benutzt. Die Worte seines Gedichts definierte er einmal als „magnetische Masse“, die nach bestimmten Regeln vokabulare Anziehungskräfte freisetze. Im Fall seines 1986 erstmals veröffentlichten „Volkslieds“ ist es verstreutes Treibgut aus real existierenden Volksliedern, das anziehend wirkt und in paradoxer Fügung und beträchtlicher Komik neu kombiniert wird.
Allein schon das ungewöhnliche Adjektiv „deutschländisch“, das in österreichischen und schweizerischen Wörterbüchern die nur im Deutschen vorkommenden, also „binnengermanischen“ Wörter meint, bremst erheblich die volksliedhafte Eingängigkeit. Dann kollidieren gleich vier Stereotypen aus deutschen Liedern mit gegenstrebigen Fügungen: das „mädel vom rhein“, die „augen voll bläue“, die obligatorische „treue“ und das „schätzel“ werden durch Banalisierung oder Widerspruch demontiert.

Michael Braun, Deutschlandfunk-Lyrikkalender 2008, Verlag Das Wunderhorn, 2007

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