Nikolaus Lenaus Gedicht „Herbstgefühl“

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NIKOLAUS LENAU

Herbstgefühl

Mürrisch braust der Eichenwald,
Aller Himmel ist umzogen.
Und dem Wandrer, rauh und kalt,
Kommt der Herbstwind nachgeflogen.

Wie der Wind zu Herbsteszeit
Mordend hinsaust in den Wäldern,
Weht mir die Vergangenheit
Von des Glückes Stoppelfeldern.

An den Bäumen, welk und matt,
Schwebt des Laubes letzte Neige,
Nieder taumelt Blatt auf Blatt
Und verhüllt die Waldessteige;

Immer dichter fällt es, will
Mir den Reisepfad verderben,
Dass ich lieber halte still,
Gleich am Orte hier zu sterben.

1832

 

Konnotation

„Als ich neulich dem Rauschen der Blätter zuhorchte“, so schreibt der Dichter Nikolaus Lenau (1802–1850) in einem Brief vom September 1843, „wollt’ es mich bedünken, als rausche der Wald im Herbste ganz anders als im Frühling, viel rauher und härter“. Die Härte des Herbstwindes scheint auch den einsamen Wanderer des Gedichts aus allen seinen festen Verankerungen zu reißen. Die Reise gelangt an ein fatales Ende – denn das lyrische Subjekt des Melancholikers Lenau wird durch Todeswünsche überwältigt.
Die Natur eröffnet für den Spätromantiker Lenau, den Dichter des quälenden Seelenschmerzes, kein Refugium, sondern bleibt Teil einer feindseligen Lebenswelt. Der Wind ist zur Mordmaschine geworden, die alle Gedanken an Glück vernichtet. Eine Fortbewegung in dieser herbstlichen Wüstenei ist für den Wanderer sinnlos geworden. Unter den zahlreichen Herbstgedichten, die der aus dem Banat stammende Nikolaus Franz Niembsch Edler von Strehlenau alias Nikolaus Lenau schrieb, ist dieser 1832 entstandene Text über einen verzweifelten Wanderer sicherlich der finsterste.

Michael Braun, Deutschlandfunk-Lyrikkalender 2008, Verlag Das Wunderhorn, 2007

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