Ulrike Almut Sandigs Gedicht „war einmal“

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ULRIKE ALMUT SANDIG

war einmal

ein Zimmer, drin hast du geschlafen, warn einmal
drei andre, drin summten Geräte, war einmal ein
Körper, sah ganz aus wie deiner. war nur etwas
kleiner und trug deinen Namen. war nicht mit dir
verwandt, war dir kein Freund und kannte dich nie.

2008

aus: Sprache im technischen Zeitalter. Heft 189/2009, Berlin-Köln 2009

 

Konnotation

Hier wird zunächst ein Märchen-Ton angeschlagen, die verheißungsvolle Erzählgeste des „Es war einmal“, freilich unter systematischer Aussparung der beruhigenden Subjektposition des „Es“. So bekommt das erzählende Rekapitulieren etwas Atemloses, Gehetztes. Im Gedicht der jungen Leipziger Dichterin Ulrike Almut Sandig (geb. 1979) entfaltet sich eine Suchbewegung, eine tastende Selbstvergewisserung und zugleich die Erinnerung an ein verstörendes Erlebnis aus der Vergangenheit.
Ist es eine Selbstbegegnung, eine Traumszene, der Schock des Gewahrwerdens der eigenen Person als Fremdling? Oder geht es doch um eine verstörende Begegnung mit dem Unbekannten? Die Wahrnehmung des lyrischen Protagonisten registriert nur ein Summen und verwirrende Ähnlichkeiten zwischen Körpern. Es sind jedenfalls unbefestigte Grenzen zwischen einem Ich (das sich in der zweiten Person anredet) und dem oder den Anderen. Die Erinnerung bleibt verwischt – die Erfahrung der Fremdheit ist bedrängende Realität.

Michael Braun, Deutschlandfunk-Lyrikkalender 2011, Verlag Das Wunderhorn, 2010

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