Singsang arktisch im Fünfton Schamanengepoch Wo schließt sich sein Kreis
Ebenbild selbstvergessen Froststarres Gras wo ich geh –
Worten hinterher Flammendes Geisterhaar strählt Ein kosmischer Wind
ziehen Bilanz, sie sind Selbstvergewisserungen über den Platz des Autors in der Welt, Expeditionen „ins Nachtlabyrinth“. Ruhe spricht aus ihnen, jedoch alles andere als Beschaulichkeit. Hein ist ein Autor der Anteilnahme, am Schicksal des Nächsten, aber auch an den politischen Zeitläuften. Sein Blick kommt von weither, aus der geographischen Distanz seiner Wahlheimat Finnland, und er reicht „in die Tiefe des Raums“, „wo die Geister sich scheiden“ und die Gegenwart nur ein Moment einer großen Geschichte ist.
– Vom Kraut, das dem Alter erblüht, und anderen Funden am Wegesrand: Manfred Peter Heins neue Gedichte. –
„Dieser Text ist verschwunden.“
Manfred Peter Heins Ruf als bedeutender Lyriker der Nachkriegszeit reicht bis in die fünfziger Jahre zurück. Damals veröffentlichte Walter Höllerer erste Gedichte von ihm in der legendären Anthologie Transit (1956), und bald darauf erschienen auch die Gedichtbände Ohne Geleit und Taggefälle. Man rückte Heins Gedichte seither gern in den Einzugsbereich der sogenannten „hermetischen Lyrik“ in der Tradition von Paul Celan, Ernst Meister und Johannes Bobrowski, deren Gedichte sich nicht leicht erschließen, sondern vom Leser besondere Sorgfalt und Geduld fordern. Daran hat es in den fünfziger und sechziger Jahren offensichtlich gefehlt; auch bei den deutschen Verlegern.
Hein zog sich zurück; er entzog sich dem Literaturbetrieb. Man kann auch sagen: Er floh aus Deutschland nach Finnland. Fluchtfährte heißt die zuerst 1998 publizierte, bewegende autobiographische Erzählung, mit der er die Spurensuche seiner Entfernung vom nach dem Krieg unverbesserten Deutschland und vom unverbesserlichen Vater unternimmt und seine eigene frühe Prägung durch den Nationalsozialismus – er besuchte eine Nationalpolitische Erziehungsanstalt (Napola) – und dessen Ostland-Ideologie reflektiert. Seine Orientierung zum europäischen Osten hin hat durchaus den Charakter einer Abrechnung, Korrektur, ja Wiedergutmachung. Hein entwickelte sich im Verlauf seines Finnland-Exils durch Übersetzungen, Studien, Anthologien und Jahrbücher zum wichtigsten Vermittler zunächst der finnischen, dann auch anderer osteuropäischer Literaturen.
Die eigene Lyrik trat demgegenüber lange zurück. Erst seit den achtziger Jahren erschienen regelmäßig wieder neue Gedichtbände von ihm. Wer die Fluchtfährte kennt, liest sie mit anderen Augen. Der Anschluss an Verfahrensweisen der Moderne, die Verrätselungen, die Betonung des Außenseitertums in seinen Gedichten werden dann auch als Formen der Distanzierung von jeder Möglichkeit der Einvernahme lesbar.
Wie schon in seinen früheren Gedichtbänden bietet Hein auch im neuen Band seine Gedichte der Jahre 2010 bis 2014 in der chronologischen Folge ihrer Entstehung; im Inhaltsverzeichnis werden sie auf den Tag genau datiert. So erhalten sie etwas tagebuchartig Dokumentarisches. Soweit dabei Reiseeindrücke oder Berichte aus Israel, Libyen, Ägypten oder Tibet erkennbar werden, ist das durch den thematischen Zusammenhang legitim und nachvollziehbar, insgesamt aber ist die genaue Reihenfolge der Eindrücke eher für den Autor als für den Leser von Gewicht.
Anders verhält es sich, wenn aktuelle Unglücksfälle wie die Katastrophe von Fukushima oder historische Ereignisse wie die ägyptische Revolution auf dem Tahrirplatz oder der Bürgerkrieg in Libyen ins Gedicht gerufen werden. Hein kommt dabei ohne Appelle und ohne Emphase aus. Die bloße Mitteilung des Geschehens enthält bereits alles, was zu sagen ist:
MELDUNGEN AUS NAHOST
Sie töten verbrennen bei
Lebendigem Leib ihre
Kinder –
Oder:
Gestern in Auschwitz
standen befreit wovon am
Zaun die Häftlinge
geschrieben zum Gedenktag für die Opfer des Holocausts. Niemand kann behaupten (wie es geschehen ist), es fehle Hein die Wahrnehmung der politischen Wirklichkeit außerhalb der privaten Sphäre seines Nachdenkens über Phänomene und Sinneseindrücke des Alltags.
Das gibt es freilich auch: Betrachtungen am Wege, wo der Giersch wächst, ein „Kraut“, das als Heilpflanze geträumt wird, „dem Alter erblüht“ gegen Gichtschmerzen. Es lindert selbst dem einst ekstatisch geilen, nun aber „abendlahm“ hinkenden Waldgott Pan brüderlich die Altersbeschwerden und lässt ihn von neuer Liebesjugendlichkeit träumen:
Hinter den Blütenständen
schäkert die Frühjahrsnymphe.
Eine schöne Apologie des ehrenhalber mit seinem botanischen Namen „Aegopodium Podagraria“ genannten wild wuchernden Unkrauts gibt es auch. Wer ein Gegenstück zu diesem Gedicht sucht, kann es bei dem mit dem Leipziger Buchpreis ausgezeichneten Lyriker Jan Wagner finden, der vierzig Jahre jünger ist als Hein. Sein „giersch“-Gedicht aus dem Band Regentonnenvariationen erweist sich als kunstvolle Darstellung des gierigen Wachstums dieser Pflanze selbst; sie überwuchert alles. Selbst der Versuch, sie in die strenge Form des Sonetts zu zwingen, misslingt mit Kunstabsicht: sie verschlingt gischtartig den Garten ebenso wie die Reime und die ganze Form des Sonetts „mit nichts als giersch“.
Solche Kunststücke liegen Hein fern. Er hält fest am Vorrang der wirklichkeitsnahen Aussage des Gedichts vor seiner äußeren Form, nur bleibt diese Aussage oft verschlüsselt. „Die Zugänge zum Gedicht sind zugleich die Zugänge zur Wirklichkeit des Fragenden“, sagt er, fast tautologisch. Je abstrakter und metaphernreicher die Verse ausfallen, desto mehr ist der nach ihrem Sinn Fragende darauf angewiesen, seine eigenen Zugänge zur Wirklichkeit an das Gedicht heranzutragen.
Die Gesichter rings
um den Schlafleib
reden ins
Schweigen
am Traumlicht –
Nur wer es vermag, diese Worte mit eigener Lebenswirklichkeit zu füllen, kann sagen, wovon hier eigentlich die Rede ist.
„Von ganz allein entstünden seine Gedichte, die kämen unentwegt, einfach so, sagte er unlängst“, berichtet Alfred Kelletat, der Freund und beste Kenner der Werke von Hein. In der Tat machen viele Gedichte den Eindruck absichtsloser Spontaneität. Stenogrammartig reihen sich Worte aneinander: Gedankenfetzen, Traumprotokollen ähnlich, die sich bereits vor einer nachträglich eingearbeiteten erzählerischen kausalen Verknüpfung der Stichworte als „Gedicht“ ausgeben:
Salz
ein paar Körner
auf Zunge und Gaumen –
Wort
das brennt Atem hebt –
Sphärisches Leuchten
Kristall
Blütendiagramm
Gedicht –
Immer wieder bedenkt und bedichtet Hein die Worte, die Sprache, die Verse und Gedichte – und ihre Vergeblichkeit. Sind es „Verlorne Worte“, ein „Röcheln am Ende“, „Gemurmel alter Kladde“? Wenig hoffnungsvoll klingt, was er zu sagen hat. Wer hört auf seine poetische Sprache, woran „erinnert sie noch die / Forthinlebenden“? Man kann auch – wieder einmal – fragen: Was bleibt?
Keine Botschaft, keine Verheißungen, kein Trost. Manfred Peter Hein tröstet nicht. Er bedarf selbst des Trostes. Der polnische Dichter Tadeusz Rózewicz war es, „Der Trost gespendet / dem in Schande lebenden / Sohn deutscher Väter“. Dieser kann nur das illusionslose, resignative Selbstporträt eines Migranten geben, das Bild eines ortlosen Grenzgängers, eines zur Unzeit Abgeschiedenen, der – allen Zweifeln und Skrupeln zum Trotz – uraltes „Steingewordenes / Saatgut“ wieder zum Leben erweckt und zum Keimen bringt im Gedicht, dessen „Sprache ein dunkles Reden“ ist. In ihr spiegeln sich unsere eigenen abgrunddunklen Zeitläufte.
ncb.: Versteinertes Korn
Neue Zürcher Zeitung, 28. 4. 2015
VERWEIGERUNG (für manfred peter hein)
später soldatenbruch
hoch
in den hügel
gemischt
postumpampe
etwa
die
grüngemagerten
marschierklumpen
einer davon
mit einem befehl untergewicht
der jüngste
duldet
von der fahne nur
die gelungene
scherbe
das goldne
abblenden der
blüte
Thomas Kunst
Poesiegespräch: Manfred Peter Hein (Autor, Helsinki), Moderation: Nico Bleutge (Autor und Literaturkritiker, Berlin), am 27. Oktober 2011 in der literaturWERKstatt berlin.
Zum 50. Geburtstag des Autors:
Andreas F. Kelletat/ Bernd Rüther (Hg.): Jubelzwerg. Zwiebelzwergin erikoisnumero. Manfred Peter Hein zum 50. Geburtstag
Zwiebelzwerg Company, 1981
Zum 60. Geburtstag des Autors:
Andreas F. Kelletat: Ein Deutscher Dichter aus Finnland
Ausblick (Lübeck), 1991, Heft 1/2
Gudrun Partyka u.a.: Trifft man sich, in welchem Zustand, an welcher Stelle der Welt. Manfred Peter Hein zum 60
Stuttgart, Warmbronn (Privatdruck), 1991
Zum 70. Geburtstag des Autors:
Martin Ebel: Ich will zurück zur dunklen Seite des Monats
Neue Zürcher Zeitung, 25.5.2001
Hermann Wallmann: Fluchtfährten
Süddeutsche Zeitung, 25.5.2001
Peter-Huchel-Preis 1984: Manfred Peter Hein Gegliedert in Texte, Dokumente und Materialien, enthält das Jahrbuch zum Peter-Huchel-Preis poetologische, bio- und bibliographische...
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