Peter von Matt: Zu Kurt Schwitters Gedicht „An Anna Blume. Merzgedicht 1“

Mashup von Juliane Duda zu der Beitragsserie „Im Kern“

Im Kern

– Zu Kurt Schwitters Gedicht „An Anna Blume. Merzgedicht 1“. –

 

 

 

 

KURT SCHWITTERS

An Anna Blume. Merzgedicht 1

O du, Geliebte meiner siebenundzwanzig Sinne, ich liebe dir! – Du deiner
dich dir, ich dir, du mir. – Wir?
Das gehört [beiläufig] nicht hierher.
Wer bist du, ungezähltes Frauenzimmer? Du bist – – bist du? – Die Leute
sagen, du wärest, – laß sie sagen, sie wissen nicht, wie der Kirchturm
steht.
Du trägst den Hut auf deinen Füßen und wanderst auf die Hände, auf
den Händen wanderst du.
Hallo, deine roten Kleider, in weiße Falten zersägt. Rot liebe ich Anna
Blume, rot liebe ich dir! – Du deiner dich dir, ich dir, du mir. – Wir?
Das gehört [beiläufig] in die kalte Glut.
Rote Blume, rote Anna Blume, wie sagen die Leute?
Preisfrage: 1. Anna Blume hat ein Vogel.
aaaaaaaaaa2. Anna Blume ist rot.
aaaaaaaaaa3. Welche Farbe hat der Vogel?
Blau ist die Farbe deines gelben Haares.
Rot ist das Girren deines grünen Vogels.
Du schlichtes Mädchen im Alltagskleid, du liebes grünes Tier, ich liebe
dir! – Du deiner dich dir, ich dir, du mir, – Wir?
Das gehört [beiläufig] in die Glutenkiste.
Anna Blume! Anna, a-n-n-a, ich träufle deinen Namen.
Dein Name tropft wie weiches Rindertalg.
Weißt du es, Anna, weißt du es schon?
Man kann dich auch von hinten lesen, und du, du Herrlichste von allen,
du bist von hinten wie von vorne: „a-n-n-a“.
Rindertalg träufelt streicheln über meinen Rücken.
Anna Blume, du tropfes Tier, ich liebe dir!

 

 

Modernes Hohelied

Er trug immer einen kleinen Schraubenzieher bei sich. Damit schraubte er Hinweisschildchen ab, löste Anschläge von der Wand, Klebezettel. Kurt Schwitters konnte irgendwo in der Stadt mit ausdruckslosem Gesicht angelehnt stehen, und hinter seinem Rücken arbeiteten die Hände mit dem Schraubenzieherchen. Er sammelte alles, was sich zu Collagen fügen und kleben ließ. Je kunstferner das Material, um so wundersamer die Verwandlung in der Komposition. „Merz“ nannte er diese Kunst. Das Wort hatte sich aus einem zerschnittenen Inserat ergeben. Zufällig. Man nimmt an, daß die Schere durch „Commerzbank“ gefahren war.
Nicht anders ging er bei seinen Gedichten vor, auch seinem berühmtesten, „An Anna Blume“ von 1919. Sprachfetzen, Wortgruppen, stehende Wendungen, Zweckformeln, Banales und poetisch Aufgeladenes, er baute es zusammen, und siehe, es wurde zur Dichtung. Die Widerlogik der Sätze deckte in den Wörtern alte sinnliche Qualitäten auf. Es entstanden Oxymora wie „die kalte Glut“, die an das paradoxe Reden der Mystiker erinnert. Wenn er sagt: „Blau ist die Farbe deines gelben Haares“, verschwinden die zwei Farben nicht, obwohl es sie gar nicht geben kann, sie leuchten nur noch stärker aus dem Satz heraus. Die konventionelle Logik ist keine Voraussetzung für die ästhetische Erfahrung. Das verdanken wir unserem Gehirn, das uns Farben, Klänge, Gerüche genießen ließ, lange bevor wir eine geordnete Welt kannten. Die Kunst der Moderne hat daraus gewaltig Kapital geschlagen.
Am Anfang standen nicht die Dadaisten. Diese führten nur weiter und schärften zu, was die italienischen Futuristen begonnen hatten. Deren Kampfruf war: „Parole in libertà!“ 1912 stieß Marinetti ihn erstmals aus, 1916 griffen ihn die Dadaisten in einer verrauchten Zürcher Kneipe auf. Das Wort sollte aus den Ketten der Grammatik, des Sinnzwangs, der Satzlogik befreit werden, sollte sich frei auf dem Blatt bewegen können und mit andern Wörtern nach Belieben in Verbindung treten zu neuen Klängen und Visionen. Nicht nur das Wort, meinte dann Hugo Ball in Zürich, auch der einzelne Buchstabe, der Laut. So erschuf er das Lautgedicht, das Kurt Schwitters später weiterentwickelte und in der „Ursonate“ monumental machte.
„An Anna Blume“ ist eine Sprach- und Wortcollage, aus deren vordergründigem Unsinn ein tatsächliches Liebesgedicht entsteht. Nicht nur, weil es mit „O du“ beginnt, sondern weil uns Begeisterung daraus entgegenschlägt: „ungezähltes Frauenzimmer“, Zärtlichkeit: „ich träufle deinen Namen“, hochgemutes Rühmen: „rote Blume, rote Anna Blume“ und kaum verblümte Erotik: „man kann dich auch von hinten lesen“. Das ist nicht einfach eine Parodie der herkömmlichen Liebeslyrik – so etwas wäre billiger zu haben –, es ist selbst ein gültiges Exemplar dieser alten Poetenraserei.
Deshalb schlug das Gedicht auch so ein. In Berlin war es nach kurzer Zeit bekannt wie Rilkes „Panther“ oder Heines „Loreley“. Für das Buch, worin es stand, warb der Verlag mit einem Plakat: großgedruckt der Anna Blume-Text und unten winzig die Bemerkung:

Jeder Gebildete sollte es besitzen.

Man darf hier auch nicht einfach nur von Ironie sprechen. Ironie ist ein vielfältiges Phänomen und kann über Kritik und Satire weit hinausgehen. Hier wird sie zu einem Ereignis der Freiheit. Ein Wind von Ungebundenheit weht durch die Zeilen. Diesen spürt man auch sonst sehr oft in den Werken der frühen Moderne – bevor sie jeweils selbst wieder doktrinär wurde.
Das Gegenteil solcher Freiheit, die Sprache als Drill, wird gleich zu Anfang zitiert in der fast schulmäßigen Deklination des Personalpronomens: „Du deiner dich dir“. Dann aber geht diese trockene Reihe über in das Reden zweier Verliebter, mit sinnlichem Unterton: „ich dir, du mir“, um schließlich in das Wort zu münden, das zu pathetisch wäre, würde es nicht durch das Fragezeichen gedämpft: „Wir?“ Die kostbare Kette kehrt dreimal zurück und wird zum organisierenden Refrain.
Wie wenig es hier um Gewalt geht, die der Sprache angetan wird – der Vorwurf existiert –, kann man an den Zeichen der Weichheit, der Verflüssigung studieren, die den Schluß bestimmen. Was zunächst schmilzt, ist ein Wort, der Name Anna. Sichtbar, hörbar geschieht dies durch das Auflösen der festen Bezeichnung in die einzelnen Laute: „a-n-n-a“. Und dann heißt es tatsächlich: „Dein Name tropft.“ Jetzt erst entdeckt der Sprecher auch das Palindrom im Namen, eines der ältesten sprachmagischen Ereignisse seit der antiken Sator-Formel. Es gerät zum Zeichen der Verwandlung für beide, die Frau und den Mann. Beide werden weich und sanft wie dieses Wort. Das krasse Bild vom Rindertalg aber verhindert den drohenden Kitsch und krönt das Gedicht mit der kühnsten Liebesmetapher des 20. Jahrhunderts.

Peter von Matt, aus Peter von Matt: Wörterleuchten, „Dieser Text ist verschwunden.“, 2009

Carl Hanser Verlag, 2009

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