Ulrike Almut Sandig: Poesiealbum 323

Mashup von Juliane Duda zu dem Buch von Ulrike Almut Sandig: Poesiealbum 323

Sandig/Ohlmer-Poesiealbum 323

dieses gedicht ist vollkommen – durchsichtig.
das ist gar nicht lesbar. das ist so gut

wie nicht da. das wurde noch gar nicht
geschrieben. das vollkommene gedicht wird

nur gesungen und gesprochen, gespielt und
gehört und wieder von vorn abgespielt:

geräusche in einem dunklen gebäude
wie jene im magen eines sehr grossen fisches

aus leuchtenden dioden. sie sehen gar nichts?
dann schauen sie bitte knapp dran vorbei.

aaaaaaaaaaaaNach Edgard Varèses Poème électronique

 

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Stimmen zur Autorin

Ein Fallen, ein Schweifen, ein Flügelschlag: Ulrike Almut Sandigs Gedichte sind ein federndes Umkreisen des Ich. Lyrik in ihrer schönsten Form ist das, eine poetische Selbstbegegnung.
Sascha Conrad

Sandigs Gedichte sind anmutig, überraschend und neu.
Matthias Kußmann

Hier ist es wieder zu hören, das trancehafte Murmeln, somnambule Flüstern und traumversunkene Beiseite-Sprechen.
Michael Braun

Echos von Wiegenliedern aus Des Knaben Wunderhorn tönen durch ein Dickicht, das mal dem Kafkaschen Labyrinth gleicht, mal dem Refugium der Emily Dickinson im Graswald zwischen Immer und Nie.
Dorothea von Törne

Zum Mitkreiseln, Mitzittern, Mitflirren. Einfach schön.
Karoline Laarmann

Das Bemerkenswerte an Sandigs Lyrik ist: Sie bedarf keiner kühnen Metaphorik, kaum einmal ausgefallener Wortbildungen, keiner Reime und strengen Formen. Ihre Gedichte führen uns in geheimnisvolle Räume der Poesie und strahlen doch Geborgenheit aus, als seien wir hier schon immer daheim gewesen.
Andreas Wirthensohn

… überzeugt durch Sprachwitz, Selbstironie und Humor, philophische Phantasie und ein emphatisches dichterisches Selbstverständnis.
Wulf Segebrecht

Jedes Wort ist mit Bedacht gesetzt und dabei von beneidenswerter Leichtigkeit.
Irmtraud Gutschke

Streng die Form, karg die Seiten. Worte in homöopathischen Dosen. Elegant, introvertiert – und immer: leise sehnsüchtig. Gedichte, die man leise lesen sollte – um sich dann still daran zu freuen.
Eva-Maria Lemke

MärkischerVerlag Wilhelmshorst, Klappentext, 2016

Poesiealbum 323

Sandig hat einen ganz eigenen Ton gefunden, der zwischen Kinderlied, romantischer Märchenmelodie und zarter Fantastik changiert. Hier ist es wieder zu hören, das trancehafte Murmeln, somnambule Flüstern und traumversunkene Beiseite-Sprechen. Die romantisierenden Topoi werden durch Bilder des Unheimlichen konterkariert – damit das Gedicht seine Balance zwischen utopischem Wunschbild und alltäglicher Desillusionierung bewahrt.

Michael Braun, MärkischerVerlag Wilhelmshorst, Klappentext, 2016

 

Ein Zuhause erfinden

Die Dichterin verläuft sich auf langen fluren von Wohnhäusern, und du wähnst dich „auf sinkenden schiffen der geschichte“. Korridore wie Kajütenfluchten. Alles schwankt. Hinter Türen Liebe, mit der sich Menschen mit „warmen atemzügen gegen die vorrückenden wände auflehnen“. Denn immer rücken Wände gegen das Ich – und „während wir ruhen treibt jemand direkt auf uns zu“; es hilft da nur ein Zuhause, „das hast du dir selber gedichtet“. In dieser Lyrik hockt die Angst vor der Welt. Im Vers überwintert Melancholia. Aus dem Schreiben wachsen Bilder vom Staub auf den alten Sagen vom Sieg des Guten.
Es berührt, mit welcher Trefflichkeit die 1979 in Großenhain geborene Ulrike Almut Sandig Alltäglichkeiten, Profanbeobachtungen, Naturbilder und Unscheinbarkeiten in einen Ausdruck zwingt, nein!, natürlich nicht zwingt, sondern geleitet; im Vers weitet sich dieser Geringstoff des gewöhnlichen Lebens zu einer Art weit geöffneter Tür – zu einer Heimat, die freilich keinen Boden hat. Wo der Mensch ist, so erzählen die Gedichte, dort tummeln sich nicht Wesen wie alle anderen im bereits bestehenden Licht der Sonne, sondern es geschieht eine Erleuchtung, die die Welt überhaupt erst offenbart. Erst in unserem Augenaufschlag kommt die Welt gewissermaßen zu sich. Augenaufschlag ist Weltaufgang. Dichterins Augen als kostbares Weltschaffungsorgan – die Umwandlung der Sehkraft in etwas, bei dem uns das Hören nicht vergehen möge. So, als „wenn leis aus zwei blauen Boxen / ein fast verschwundener Ozean rauscht“.
Nichts, worauf die Dichterin wahrnehmend stößt, bleibt auskunftslos. Du liest diese Gedichte – die oft keinen Titel haben, aber im Text ein Wort fett gedruckt hervorheben – und bist plötzlich auf ganz eigentümlich rührende, besänftigende Weise befreundet mit jener Verletztbarkeit deines Daseins, die dich täglich mit Schüben aus Verwitterung, Einsamkeit quält. Mit Sandig lässt sich gut staunen, wie man mit den Unfassbarkeiten der Existenz doch weiterlebt – jeden Tag ein Stück unsicherer, hautdünner und doch auch auf seltsame Weise gefasster.
Ratgeberpoesie: Etwas Vages mit den Augen so lange einkreisen, bis aus diesem mehrfach wiederholten Etwas, das vielleicht gar nicht da ist, just das hervortritt, was immer schon da war. Hervortritt mit der Deutlichkeit eines Schmerzes, der schmückt. Die Gedichte – die mit Block- und Flattersatz spielen – liest man gläubig: Erlösung ist möglich. Erlösung vom Gram, dass man immerzu, am Tag tausendmal, fällig wird für die Grobheit. Man hält plötzlich vieles wieder für möglich und zukünftig. Agelebtes. Agetanes. Es ist, als wirke und webe diese Lyrik an einem ganz besonderen Spiel-Raum – an eben jenem Raum, der ihm immer da sein muss. Nicht für die Erfüllung einer bestimmten, ausgewählten Sehnsucht. Sondern ein Raum für die schöne Bewegung mehrerer Sehnsüchte aufeinander zu.

Hans-Dieter Schütt, neues deutschland, 10.8.2016

 

Die Schönheit gesprochener Bilder

Das ist sehr ungewohnt, was Ulrike Almut Sandig am Freitag und Sonnabend mit in den Eckernförder Ratssaal brachte. Man mochte zuerst stutzen und sich fragen: Das ist Lyrik? Doch bei allem anfänglichen Zögern waren schnell Türen geöffnet, und über verbleibende Stolpersteine half die Dichterin mit leichter Hand hinweg. Am Ende der beiden Lehmann-Tage waren alle Zuhörer vermutlich im Sandig-Reich angekommen, konnten die Entscheidung der Jury nachvollziehen und in der ungewöhnlichen Frau und ihrer verbalen Jonglierkunst die richtige Preisempfängerin bestätigen. Die Lyrikerin aus Berlin erhielt den diesjährigen Wilhelm-Lehmann-Preis in Höhe von 10 000 Euro. Das ist großzügig, das macht was her, das hat Ulrike Almut Sandig verdient.
Nicht, dass Sandig dabei einen Text vorlas. Man wurde Zeuge des Vorgangs, hörte das Zischen des Ballons, bekam die Erdstöße vermittelt, dazu sang und sprach sie ins Mikro, begleitet von ihrer zweistimmig unterlegten Sprache, scharfer Rhythmus inklusive. So viel dramatisch Hörbares schuf Bilder in den Köpfen. Man konnte sich nur die Ohren reiben bei dieser machtvollen akustischen Präsenz.
Und hat man schon Lyrik über die unvorstellbaren Grausamkeiten in aktuellen Straflagern gehört? „…in einer Gefangenenanlage auf dem hinteren Zeitstrahl der Geschichte unserer Art“ vernimmt man aufrührend Brisantes. Ja, Ulrike Almut Sandig ist politisch, beobachtet Flüchtlinge und Weltveränderungen, verarbeitet Heutiges, Zukünftiges, bleibt dabei jedoch ganz ihrer Kunst, ihrer Sprache verhaftet. „Wörter sind mein Handwerkszeug“ sagt sie und kann mit ihnen – Wortneuschöpfungen inklusive – jonglieren wie eine Zauberkünstlerin. Nein, ihre Gedichte reimen sich nicht mit Zeilenende, aber „Ulrikes rhythmisches Feingefühl und ihre Vorliebe für den tänzerisch-leichten Daktylus“ (Jan Wagner) lassen unauffällige Binnenreime zu und „geben ihrem Gedicht eine unsichtbare, doch belastungsfähige Struktur.“
Zauberei, fast kindlicher Hang zu den Inhalten der Grimm’schen Märchen – das alles trägt sie in ihrem Wappen, malt daraus Sprachbilder, die in ihrer Schönheit ergreifen und einem fast den Atem nehmen. Sie ist ein „zweistimmig singender Vogel mit Menschengesicht“ und: „Ich bin ein Feld voller Raps, verstecke die Rehe und leuchte wie dreizehn Ölgemälde übereinander gelegt.“
Die exakt passgenaue Laudatio brachte Lyriker Jan Wagner per Flieger aus Berlin. Er ist ebenfalls Preisträger der Wilhelm-Lehmann-Gesellschaft, inzwischen mit weiteren namhaften Auszeichnungen überschüttet, seit langem „Ulrikes“ Dichter-Freund, der sie einst nach Eckernförde und zu Wilhelm Lehmanns Werk brachte. Er ist überzeugt, dass ihre Kunst Magisches hat, dass man beim Lesen eines ihrer Gedichte „ein bis zwei Zentimeter über dem vertrauten Grund“ zu schweben beginnt.
Wie Dr. Beate Kennedy zum Einstieg ins Unbekannte sagte, sei Sandigs Sprache vertraut, spreche das tiefste Innere an, beschwöre oft Märchen herauf, eine Urwelt, die es zu erinnern gelte. Sie verbinde mit ihrer Poesie die Kraft von Musik, Klang, Rhythmus, sei eine Performancekünstlerin, die eine neue Gattung, ein Hybrid erschaffe. So hatte auch Dr. Alfred Nottrodt alle Hände voll zu tun, um die nötige Technik zu installieren, Technik für Sicht- und vor allem Hörbares. Mit „Ohren auf – es geht los!“ gab Beate Kennedy den Startschuss. Die junge Dichterin, im Osten geboren, seit einiger Zeit mit „Klangastronaut“ Sebastian Reuter und der gemeinsamen kleinen Mathilde in Berlin ansässig, legte ab. Es ging auf große Reise, eine Reise durch viele ihr bekannte Länder wie Indien, Neuseeland, Australien. Globales hatte Zugriff, ließ die erdachte alte Enkelin 2117 im Heißluftballon über Erdbeben und Verwüstung schweben – in fernerer Zukunft.

Eckernförder Zeitung, 7.5.2018

Lyrik neu 

Als dritte im Bunde die in Berlin lebende Ulrike Almut Sandig. Sie hat mit Marlen Pelny Literaturprojekte, Lesekonzerte, Hörbücher gemacht. Hat diverse Lyrik-Preise erhalten (etwa den Leonce-und-Lena-Preis oder den Meraner Lyrikpreis), arbeitet für ihre Sprechkonzerte mit verschiedenen Musikern zusammen und hat jetzt in der renommierten Reihe Poesiealbum eine Auswahl ihrer Texte freigegeben, Altes und Neues gemischt, zusammengestellt von Axel Helbig. Feine, längere Texte, die gesamt ein reiches Bild der Autorin, genauer: ihrer Schreib- und Lebensweise zeigen. Mein Lieblingstext: „von einer, die auszog, das fürchten zu lernen“ – daran könnte ich mich gewöhnen…

Nils Jensen, Buchkultur, Heft 168, Oktober/November 2016

 

5 Fragen an Künstler*innen: „Bei der Freiheit der Kunst hapert es allerdings ganz schön“ Ulrike Almut Sandig, Schriftstellerin _ Berlin 26.2.2022

 

Fakten und Vermutungen zum Poesiealbum + wiederentdecktInterview
50 Jahre 1 + 2 + 3 + 4 + 5 + 6

 

 

 

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Ulrike Almut Sandig – Ein Porträt.

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