Unbekannter Autor Gedicht „Wildes Fräulein“

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UNBEKANNTER DICHTER

Wildes Fräulein

Dass mir niemands hold ist,
Des freu ich mich gar sehr;
Was die Leut verdreusset,
Das treib ich desto mehr.
aaaaaMir und dir ist niemands hold,
Das ist unser beider Schold.
aaaaaHo ho Lieber, –
Tu so wol und friss mich nit,
Hab mich lieb und acht mein nit.

1555

 

Konnotation

Die vermutlich um 1555 entstandene Frauenstrophe wirft ein aufschlussreiches Licht auf den Herbst des Mittelalters. Gattungshistorisch ist die Frauenstrophe ursprünglich Teil des sogenannten Wechsels, eines mehrteiligen Gedichts über die Liebe, das in Monologen Mann und Frau abwechselnd auftreten lässt. In konventionalisierter, volkstümlicher Form zeigt das Gedicht Frau und Liebe nicht im klassischen Sinn der Minne, sondern in einer derberen, straßennahen Spielart.
Der unverhüllt rüde Ton der „Frauenstrophe“ verweist auf volkspoetische Quellen: Hier ist keine Kunstsprache am Werk, sondern der Tonfall der Marktplätze und Gaststuben. So freizügig und offenherzig die Frau sich in den Versen zeigt, inklusive der von ihr verheißenen Bindungsfreiheit: Im Gegensatz zur Suggestion des Titels hat keine Frau diese Strophe geschrieben, sondern ein Mann, der seiner erotischen Phantasie eine weibliche Stimme gab.

Norbert Lange (Gedichtkommentar) Michael Braun, Deutschlandfunk-Lyrikkalender 2011, Verlag Das Wunderhorn, 2010

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