Manfred Peter Hein: Über die dunkle Fläche

Mashup von Juliane Duda zu dem Buch von Manfred Peter Hein: Über die dunkle Fläche

Hein-Über die dunkle Fläche

BUCH DER UNRUHE

Aufgelassener Ölmühle Schilfdach
Schatten der fällt wo ich lese
im Buch der Unruhe während

langstreift am Strandgemäuer
wie gestern das Maultier
sich scheuernd am Ölbaum

Stimme des Schattens schürft
im Schatten
zu gleicher Stunde

Wo

mögen die wahrhaft
in Wahrheit lebendig
Lebenden sein

 

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Manfred Peter Heins Gedichte machen hellhörig

für das Vergessene, das Ungesagte, für das Reich des Dazwischen. Denn wenn nichts mehr verschwiegen wird, kann auch nichts mehr gesagt werden, und jede Mitteilung versinkt in einer Sprachtapete, deren pausenloser Wechsel Aktualität vortäuscht. In solch einer Zeit ist es Aufgabe des Dichters, vor dem Gemurmel souverän das Ohr zu schließen und auf das Atmen der Bilder zu lauschen, die der Ruß der Geschichte in den Innenraum der Sprache zeichnet.
„Der Atem erinnert Die Fährte denkt wieder die Jahre“, könnte als Leitmotiv über den Gedichten Manfred Peter Heins stehen, die uns der in Finnland lebende Dichter übers Meer schickt – Botschaften über das Verdrängte der Geschichte, den Schmerz der Gegenwart und das Unterwegssein der Stimme. Von Sprachinsel zu Sprachinsel formulieren die Gedichte eine Moral, die „in den Zeiten des Reality- TV überlebensnotwendig ist“ (Hermann Wallmann in der Süddeutschen Zeitung)

Ammann Verlag, Klappentext, 1994

 

Opfer und Täter in einer Zelle

− Manfred Peter Heins unerbittlich genaue Gedichte gegen das Verdrängen des Folterns und Mordens Schreiben um der Gegenwirkung der Sprache und ihrer Obertöne willen. −

Der Dichter bittet den Engel um eine Frist für die eigene Erinnerungsarbeit, denn es ist spät, den Engel hat schon ein Sturm vom Paradies her ergriffen: Unaufhaltsam fliegt er rückwärts in die Zukunft hinein, vor sich die Trümmer der Menschheitsgeschichte. Das geschichtspessimistische Bild stammt von Walter Benjamin, und es fand Eingang – der Autor erwähnte es auch während einer Veranstaltung im LCB im letzten Monat – in die Lyrik von Manfred Peter Hein.
Aber welche Frist? Die nächsten beiden Zeilen heißen:

hängen
schreien
bellen – schlafende Hunde wecken

Die an keine Zeit gebundenen drei Infinitive verweisen auf das zu allen Zeiten der Menschheitsgeschichte verübte Foltern und Morden.
Zeitlos ist aber auch das Verdrängen dieser Untaten. Die Lyrik Manfred Peter Heins dagegen ist unerbittlich genau.

Tappen lallen schlagen
daß aus den Augen
das Wasser schießt

Die schon geh- und redeunfähig Geschundenen werden noch einmal geschlagen. Der vokalische Gleichklang der ersten Zeile verweist auf die letzte verbliebene Gemeinsamkeit: die Zelle, in die beide, Opfer wie Täter, eingeschlossen sind.
Das „aggressivste“ Wort des ganzen Gedichts schließt die Strophe ab. „Das Wasser schießt“: Das ist Ohnmacht und Wehr zugleich. Ein Hinweis auch darauf, daß die Geduld des Katastrophen schauenden Engels ein Ende haben könnte. Und auch das lyrische Ich, das hier spricht, ist müde, die Katastrophen nur zu notieren, nur Gedächtnis zu sein, deswegen seine Bitte um Fristsetzung: eine Bitte, die Forderung und Anklage zugleich ist.
Er ist nicht nur Notar der Geschichte, er ist ihr – anders als der Engel – auch ausgeliefert:

Wer schlug mich
Wer fing mich auf

Das ist der Umschlagspunkt des ganzen Gedichtes: Gehört der Retter zu den wenigen Gerechten, derentwegen die Welt noch besteht? Läuft neben der Unheilsgeschichte noch eine Heilsgeschichte? Eine, die nur der Engel sieht? Denn der Bittsteller wird überwältigt durch die Unheilsgeschichte:

Der Sturz auf den Bahnsteig
Sturz der ins Leere
die Schneise schlägt

Mnemosyne, die Göttin der Erinnerung, ist der Geschichte ausgeliefert. Muß Sie tatenlos bleiben? Aber ist auch nicht das Wortgedächtnis des Gedichts ein Asyl für jene, die sonst keinen Ort mehr haben? Das Gedicht endet, wie es begann, mit einer Anrufung:

Engel einmal noch höre mich
setz mir die Frist

Die Lyrik Manfred Peter Heins war von Anfang an dem Vorwurf ausgesetzt, hermetisch, sprich: schwer zugänglich zu sein. Dabei verweigert sie sich nur dem allzu schnellen interpretatorischen Zugriff. In einer seiner wenigen poetologischen Bemerkungen hat der erste Träger des Peter-Huchel-Preises (1984) beschrieben, worauf es ihm ankommt:

Ich schreibe um der Gegenwirkungen der Sprache, um ihrer Obertöne willen, die, auf die Figur gebracht, die Absurdität der Wirklichkeit ad absurdum führen.

Dabei sollen die „Zugänge zum Gedicht zugleich die Zugänge zur Wirklichkeit des Fragenden“, also des Lesers, sein.
Hein bekennt sich zu der von Mallarmé begründeten, über Benn, Celan, aber auch Huchel weitergeführten „poésie pure“ deren Anliegen es ist, zu einem reinen, evokativen Sagen der Sprache zu kommen, das nur jenseits oder diesseits der kommunikativen Vernutzung zu finden ist. Ein Indiz dafür ist auch die Reduktion des Sprachmaterials: Hein läßt sich für den Entstehungsprozeß eines Gedichtes drei bis vier Monate Zeit. Ebenso lange dauert mitunter der Zerstörungsprozeß des Gedichtes, bis die endgültige – wenn überhaupt – Fassung fertig ist.
So schmal der neue Gedichtband ist, er wiegt schwer und fordert zum Immer-wieder-Lesen auf. Hein bleibt sich treu, indem er sich konsequent der alltäglichen Verwendung der Sprache verweigert. Der Lyriker Hein fordert den genauen, den geduldigen Leser; daher unterlag die Rezeptionsgeschichte Heins in der Bundesrepublik Schwankungen. Wurden die ersten beiden Gedichtbände 1960 und 1962 noch von der literarischen Öffentlichkeit wahrgenommen, so fand der dritte Gedichtband erst 1974 wieder einen Verleger, und dann dauerte es noch einmal zehn Jahre, bis der nächste veröffentlicht wurde. Es waren die Jahre, in denen das „Gedicht im Handgemenge“ gefordert wurde. So Jürgen Theobaldy in einem programmatischen Essay 1975.
Die von Mallarmé begründete hermetische Gedichtstradition wurde schlichtweg abgelehnt; sie galt als weltlos, nur artistisch und elitär.
Heute gelesen, können nur noch ganz wenige der „im Handgemenge“ entstandenen Gedichte bestehen. Die meisten von ihnen lassen sich nur noch als Dokumente des damaligen Zeitgeistes lesen. Die Gedichte der damals Kritisierten – u.a. Celan, Huchel – sind durchaus welthaltig, ohne diesen Weltgehalt an die Tagespolitik zu verraten. Und auch das läßt sich an der Lyrik Heins zeigen: poésie pure und poésie engagée müssen sich nicht ausschließen.
Gerade der neue Gedichtband des Lyrikers – der auch als Übersetzer aus dem Finnischen arbeitet und als Herausgeber der Reihe Trajekt Beiträge zur finnischen, lappischen und estnischen Literatur geschrieben hat und als Herausgeber einer Anthologie der osteuropäischen Avantgarde 1919 bis 1930 hervortrat, ist gesättigt von Geschichtserfahrungen. „Wolke 1989“ heißt ein Gedicht:

Flügelschlag im Schlaf
gelb auf schwarz
Freiheit Drachen −
Lichtkontur auf dem Platz des Himmlischen Friedens
− Und die Hoffnung
dem Erbteil
Enkel der Freiheit – Lies noch einmal lies: Ratte

Der Engel Walter Benjamins und die Lyrik von Manfred Peter Hein klagen sein Stummsein ein und beginnen für ihn zu sprechen.

Bernd-Erich Wöhrle, Neue Zeit, 7.5.1994

Manfred Peter Hein: Über die dunkle Fläche

Manfred Peter Hein, in Ostpreußen geboren, lebt seit 1958 in Finnland und ist als Vermittler der finnischen Literatur und für seine Übersetzungen mit dem Finnischen Staatspreis ausgezeichnet worden. Eines der schönsten und wichtigsten Bücher, für Lyrikleser ganz unverzichtbar, ist ihm (und dem Ammann-Verlag!) zu danken: Auf der Karte Europas ein Fleck. Gedichte der osteuropäischen Avantgarde 1910–1930. Es sind Dichter aus vielen Literaturen, die hier, 1991, für uns gutteils zum erstenmal zugänglich wurden. Hein: „Man weiß nicht einmal, was man ignoriert“.
Für seine eigene Lyrik ist Hein 1984 mit dem Huchelpreis ausgezeichnet worden. Sie ist nicht eben leicht zugänglich, dem früher hermetisch genannten Muster verpflichtet, was Hein mit leichter Ironie ausstellt: „schwärze bespringt seinen mund“, heißt es im Gedicht „vexierbild“. Und auch die Anspielungen auf den romantischen Topos „dunkles Licht“ lassen sich in diesem Zusammenhang lesen:

Licht widerruft Licht…
Schwarzes Ameisenlicht

Noch deutlicher:

Sag
das Licht
soll gehen

– das zielt gegen das Grundphantasma der „Aufklärung“, freilich mit dem Anspruch eines anderen Lichts, also nicht im Verzicht auf Erkenntnis. Heins Lyrik setzt, immer wieder auch auf Celan bezogen, ästhetisches Erkennen als ein anderes voraus:

Der Weg hält mich auf,
die Zusammenstellung von Wörtern baut
am Himmel

(…)
Der neue Band, der die Gedichte der vergangenen Jahre zugänglich macht, ist wiederum dem streng pathetischen Tonfall verpflichtet. Pathos meint ja „leib- und leidgedeckte Rede“, also das Wort, für das man einstehen muß. Stets unbedingter gehen Heins Gedichte „nach innen“, auf Bilder, in denen nicht nur persönliche Erfahrungen kondensiert sind:

Dein Scherge behauptet sein Recht
So geh und erwarte das Eisen

Bildbeschreibungen „im Lichtsturz“ (Celan), Träume von der „Mergelgrube“ (Droste), Gedichte mit „erloschenen Bildern“ (Huchel) entwickeln ein reiches Verweisungsnetz, das nicht unbedingt rekonstruiert sein will, aber sich als Dimension hinzufügt. Ein zentrales Thema heißt „Krieg und die kommenden Kriege“, und seine Aktualität wird man dem nur scheinbar abseits lebenden Dichter („jenseits nördlich“) leider nicht bestreiten können. Das letzte Gedicht des Bandes beginnt denn auch mit der deutlichen Zeile:

Hier
wo ich überwintere mit geringem Zuspruch

Heins Gedichte, „schwarz gehüllt / mit jeder / Verheißung“, warten auf „Widerhall“, und mag der von den Lesern her gering sein, die Zeit selber hat den allzu reich gewährt.

Alexander von Bormann, Deutsche Bücher, Heft 2, 1994

Weitere Beiträge zu diesem Buch:

Daniel Rothenbühler: Augenblicke vor dem Erlöschen
Tages-Anzeiger, 25.4.1994

Helmut Böttiger: Gedichte mit und ohne Süßreserve
Frankfurter Rundschau, 30.4.1994

Hermann Wallmann: Trümmerfeld Rede
Süddeutsche Zeitung, 13.7.1994

Wulf Segebrecht: Klage eines mageren Gespenstes
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12.8.1994

Hanns Schaub: Spröde anmutende Sprachbewegungen auf Abstürze hin
Der Landbote, 26.11.1994

Michael Braun: Rattenengel der Geschichte
Basler Zeitung, 4. 3. 1994

Francis Michael Sharp: Manfred Peter Hein: „Über die dunkle Fläche“
World Literature Today (Oklahoma), Herbstheft, 1994

 

Der Sammler und die Seinigen.

− Laudatio auf Manfred Peter Hein anläßlich der Verleihung des 1. Rainer-Malkowski-Preises in der Bayerischen Akademie der Künste, München, 29.6.2006. −

Meine Damen und Herren,
wer von Manfred Peter Heins Arbeit – auch seiner Lebensarbeit – eine Ahnung hat, weiß, daß er sich nichts schenkt, und daß ihm nicht viel geschenkt wurde – seinen einzigartigen Botendienst zwischen europäischen Literaturen, zum Beispiel, versieht er seit bald einem halben Jahrhundert gewissermaßen zum Nulltarif, und da es sich vorzugsweise um sogenannte kleine Literaturen handelt, hätte ein Unternehmen wie die Bahn oder die Post die entsprechenden Verbindungen längst eingezogen. Ganz offenbar liegt Heins Tätigkeit eine andere Vorstellung von öffentlichem Dienst zugrunde, dessen Medium nach betriebswirtschaftlichen Maßstäben nicht gewinnbringend sein kann; nach anderen Begriffen um so viel mehr, daß das Engagement dafür auch bestimmte Opfer lohnt – um ein Wort zu verwenden, das der Betriebwirtschaft wohl das fremdeste ist; und darin wäre der Dichter mit ihr wohl ganz einig, wenn auch aus unvergleichbaren Gründen. Denn auch in seiner Arbeit ist von Opfer nicht die Rede; er handelt von Glück, und auch dieses Wort verdient einen zweiten und dritten Blick, denn mit der Sphäre des Konsums – mit der es sich im üblichen Sprachgebrauch zu verbinden pflegt, hat es nichts gemein. Es ist ein Begriff aus der Produktionssphäre, und da hat Poesie allerdings mit Opferverweigerung zu tun; nämlich einer Einstellung, die Verlust nicht gut sein läßt, am wenigsten gut zum Vergessen. Verluste an seinem Eigentum, oder was der Mensch dafür hält, lassen sich mit bestimmten Topoi des Gefühls verbinden, dem der Heimat zum Beispiel, und dann beginnen sie zu schillern und zu schwanken und rufen nach einem bestimmten konditionierten Reflex: dem des Klammerns; man will verlorene Orte zurückgewinnen, sich an verlorener Zeit festhalten, die leidvolle Erinnerung nicht annehmen: Niemals vergessen! Und mit diesen Reflexen pflegen sich dann auch bestimmte Zungenschläge, Denk- und Redemuster zu verbinden, die dem Gedicht noch ferner liegen als die Sprache der Betriebswirtschaft – und es noch weiter, und sogar irreversibel, von seiner eigenen Sprache entfernen.
Hein, 1931 im ostpreußischen Darkehmen geboren, hat, im Zug einer bekannten katastrophalen Geschichte, den vertrauten Boden unter seinen Kinderfüßen verloren, und, wie wir bei ihm lesen können, noch viel mehr. Diesen Raum, diese Zeit kann er nicht gut sein lassen, denn die Einsicht, wie wenig daran gut, und wie tief auch das Beste daran vergiftet gewesen ist, ist ihm im Lauf seiner Lebenszeit immer unentrinnbarer zugewachsen. Doch gerade weil diese Geschichte von menschlicher und unmenschlicher Verlorenheit zeugt, kann er sie nicht verloren geben.
Aber einen Verlust nicht gut sein lassen, ist etwas fundamental anderes als: ihm die Anerkennung verweigern. Die Heimat der Kindheit ist verloren, nicht nur durch einen natürlichen Lauf der Dinge, sondern durch das Mörderische ihrer Behandlung; man steigt nicht zweimal in denselben Fluß. Aber wenn dieser Fluß – wie es bei Gryphius heißt – „von Leichen fast verstopft sich langsam fortgedrungen“, muß sich eine neue Kunst finden, ihn umzukehren, verlassenen Raum, veruntreute Zeit aufzuheben; auf den Seuchenzug der Geschichte anders zu antworten als mit Rückzug aus der Geschichte. Gerade um der realen Opfer willen muß es gelingen, von Glück zu reden; einem Glück, das stärker sein muß als die Scham über den Menschen.
Manfred Peter Hein hat, wenn ich recht sehe, zwei Wege zum Glück gefunden, die auf den ersten Blick wie getrennte Wege aussehen. Der eine Weg ist der zum eigenen Gedicht, und das heißt: zu einem erinnerungsmächtigen Gebrauch der deutschen Sprache, die von der Anerkennung ihrer Verluste lebt, ohne an ihnen zu ersticken, ohne unter dem Druck ihrer untilgbaren Hypothek wehleidig oder kümmerlich zu werden. Das ist, zur Not, und aus Not, als poetischer Prozeß zu beschreiben. Der andere Weg hat Hein in einen sozialen, einen kulturellen, ja, auch: einen politischen Prozeß verwickelt. Er beginnt mit der Erfahrung, daß die verlorenen Räume, die gestohlenen Zeiten kein Reservat des poetischen Subjekts sind, das es nach eigenen Bedürfnissen hermetisch behandeln kann. Diese Räume sind real von anderen Menschen bewohnt, an denen keine Vorstellungskraft vorbeiführt; sie müssen, um ihrerseits von Glück reden zu können, nicht weniger, nur ganz anders von Verlust reden. Spricht ihre Klage eine ganz andere Sprache, so verdient sie nicht weniger Respekt als die eigene: und weil dieser Respekt in seinem Kern unteilbar ist, verlangt er, geteilt zu werden; er verlangt nach Mitteilung, im Rahmen des Menschenmöglichen. Wer die verlorenen Räume, wer die verlorene Zeit nicht gut sein lassen, wer sie neu besetzen will – und vom Willen dazu zeugt bei Hein jedes geschriebene und gesprochene Wort –, der muß sich dieser Mitteilung der andern aussetzen; der sucht, veranstaltet, organisiert, sie, denn wenn alles Wünschen nicht mehr hilft, ist sie das Einzige, was nicht nur zu wünschen übrig bleibt, sondern zu tun.
Und hier fließen die beiden Wege des Manfred Peter Hein nicht nur zusammen; hier kommt die Gemeinsamkeit ihres Ursprungs zum Vorschein. Hein, der Poet, zu Deutsch: der Macher, der Verfasser von Gedichten, ist kein anderer als Hein, der Übersetzer, der Bote, der getreue Makler finnischer, estnischer, tschechischer Dichtung: ja: einer ist der eigentliche Verfasser des andern. Die unerhörte lyrische Energie, die Heins Gedichte ausstrahlen, ist aus dem Zusammenprall – denn hier sind idyllische Umschreibungen nicht am Platz – aus der Kon-Fusion mit anderen, in ihren eigenen Verlusten heimatberechtigten Sprachen erzeugt worden. So eigen wäre der Dichter Hein nicht geworden, wenn er die Erfahrung des Andern nicht an der realen Fremdsprache gemacht hätte, auf Teufel und Engel komm raus. Am gründlichsten, am treffendsten lernt man an Sprachen, die man um so weniger beherrscht, je empfindlicher man ihnen begegnet, eben das, was sich an keiner Sprache, am wenigsten der scheinbar eigenen, beherrschen läßt – und in jeder etwas unendlich besseres verdient hat: Takt, Sorgfalt, Passion, Freiheit.
Traduttore – traditore, sagt das italienische Sprichwort; es trifft für Hein auf eine fabelhafte und zugleich auch kulturspezifische Weise zu. Er hatte den Übersetzer aus dem Finnischen, Tschechischen usw. nötig, damit sich der deutsch schreibende Dichter recht verraten konnte; aber an diesem Verrat erkannten ihn auch diejenigen, die er übersetzte, als einer der Ihren; in diesem Verrat zeigte sich eine Treue zu sich selbst, die ohne Verrat nicht möglich gewesen wäre. Zugleich verrieten einander die getrennten Sprachen ihren gemeinsamen Grund in der geteilten Tiefe ihres Verlustes. Auf diesem merkwürdig tragfähigen, sogar belastbaren Grund stellte sich eine grenzüberschreitende Geselligkeit her, die wir heute – im Werk, und als Werk Manfred Peter Heins – als Glücksfall feiern.
Das, was der Dichter Hein stiftet, und das, wozu er anstiftet, sind Ein Werk. Er hat seinen Wohnsitz dafür, wenn ich ihn recht lese: ohne programmatische Absicht seit 1958 außerhalb des deutschen Sprachraums verlegt, seine Schriften tragen seit Jahrzehnten den Absender eines Vororts von Helsinki mit dem merkwürdigen Namen Karakallio: um über den Ort auch am Internet mehr zu erfahren, müßte man finnisch lesen können. Aber die familiären Gründe für diese Exterritorium oder Expatriat entbehren, angesichts ihrer Folgen für Heins Sprachhaushalt: nicht des Symbolischen: nach der unfreiwilligen Vertreibung aus der Landschaft der Kindheit das selbstverantwortete Exil des Dichters, das zum Ausgangspunkt für eine Repatriierung anderer, subtiler Art geworden ist. Von diesem Punkt am Rande sucht er heim und führt, virtuell oder real, schreibende und lesende Menschen zusammen, die, in vielen europäischen Sprachen, die Erinnerung an den gemeinsamen Verlust bewahren und, wenn ihnen ein Gedicht diesen Verlust vollkommen vergegenwärtigt, von Glück reden und dieses Glück als Freunde teilen. Im Barock hätte ein solcher Dichterverbund vielleicht „fruchtbringende Gesellschaft“ geheißen, und sich eines fürstlichen Mäzenats erfreut; heute müssen, schlecht oder recht, Kulturveranstalter in die Lücke springen – zum Beispiel mit Preisen.
Beim ersten, der Manfred Peter Hein vom deutschen Kulturbetrieb verliehen wurde – nach einem finnischer Staatspreis – war ich als Juror beteiligt; daran erinnerte mich Peter Horst Neumann, selbst ein Lyriker von Graden, als er mich für diese Laudatio anfragte. Unwiderstehlich wurde der Köder, als sich der Freund auf einen Wunsch des Dichters berief: vielleicht war eine kleine Geschichte zu ihm gedrungen, die mir nicht mehr gegenwärtig war. Ich erzähle sie nach Peter Horst Neumann:
Die Jury des ersten Peter Huchel-Preises tagte 1984 in den Räumen seines Stifters, der damals noch Südwestfunk hieß, und saß nach einem langen Nachmittag ziemlich ratlos vor einem reich gedeckten Büchertisch, ratlos nicht, weil es darauf nichts zu prämiieren gegeben hätte, sondern erschlagen vom Überfluß des – im genauen Wortsinn – unvergleichbar Preiswürdigen. Wir verhungerten, wie Midas, vor unserer Goldmahlzeit und waren es, was uns Ehre machte, aber nicht weiterhalf, verzweifelt müde, über Karat und Feingehalt zu streiten. Es drohte das Schlimmste: preispolitische Erörterungen mit ihrem unvermeidlichen Einschlag von Patronage, Profilsorge und Oberlehrergerechtigkeit. Die hat doch gerade einen großen Preis gehabt. Der hätte einen verdient, aber stimmt er zu Peter Huchel? Würden wir damit das richtige Zeichen setzen? Von dem weiß ich zufällig, daß er ihn besonders nötig hätte.
Wir saßen schon ganz krumm vor Peinlichkeit, da soll ich einen Band in die Hand genommen und ein Gedicht daraus laut vorgelesen haben. Und siehe da: das weiße Rauschen, in dem wir gesessen hatten, verzog sich mit jedem Wort, und als es eine Weile ganz still geworden war, sagte jemand: Ja. Klar, der ist’s, und sprach nur aus, was alle gedacht haben mußten: Der Peter-Huchel-Preis für den Band Gegenzeichnung von Manfred Peter Hein. Von wem? Er übersetzt auch aus dem Finnischen, hieß es, damals gab es – auch in diesem Kreis – nicht viele, denen der Name geläufig war. Aber nun hatten wir sein Wort. Es war noch weniger geläufig. Es war das Wort eines Dichters.
Als solcher war er damals schon bei Hanser verlegt worden, seine Übersetzungen aus dem Finnischen bei Suhrkamp, und von den im Süddeutschen und Saarländischen Rundfunk gesendeten Hörspielen konnte der 1958 in die finnische Heimat seiner Frau übergesiedelte Dichter beinahe leben. Inzwischen sind von Andreas F. Kelletat registriert und begleitet, an die hundert Publikationen bekannt – oder auch unbekannt – aus beiden Genera, die man bei Hein, wie gesagt, nur fließend unterscheiden sollte; sogenannte große Verlage haben sich der sogenannten kleinen Literaturen angenommen, aber es sind doch die sogenannten kleinen Verlage, die das Größte geleistet haben, für die ich stellvertretend – den Ammann – und den Wallstein-Verlag nenne, der Hein gewiß nicht darum die Treue hält, weil er ein Geschäft, sondern weil er ein Dichter ist. Wenn Hein eine Anthologie der europäischen Grenzländer im Norden und Osten nicht selbst besorgt – für Auf der Karte Europas ein Fleck hat er von dieser Bayrischen Akademie bereits 1992 den Horst-Bienek-Preis für Lyrik erhalten – so ist er, namentlich was die finnischen Sprachen – es sind ja schon ihrer vier –, aber auch was das Estnische und das Tschechische betrifft, der obligatorische Ansprechpartner für andere Veranstalter großer Übersichten der Lyrik, von Enzensberger bis Sartorius. Was an Einbürgerung der Klassiker, aber auch der Avantgarde seiner familiären Wahlheimat Finnland ins Deutsche einem einzelnen Menschen überhaupt möglich war, hat Hein geleistet, von Kivi, dem er auch eine große philologisch-strukturelle Studie gewidmet hat, über Saarikosi und Haaviko bis zu den Autorinnen und Autoren der unmittelbaren Gegenwart.
Aber all diese Arbeiten sind nur der reiche Fang einer nicht mit Händen zu greifenden menschenfischenden Tätigkeit und grenzüberschreitenden Kollegialität, deren Netz Hein immer weiter auszuwerfen und an ausgewählten Orten an der Ostsee oder am Niederrhein zusammenzuziehen weiß. Nicht allein, gewiß, doch die Geburtstagssymposien, an denen sich seine Kolleginnen und Kollegen in Fünfjahresabständen zu seinen Ehren zusammenfinden, bezeugen, daß sie wissen und feiern, was sie an seinem Magnetismus haben. Die Nachhaltigkeit dieser Convivia ist auch in der monumentalen, von 1979 bis 1986 fortgeführten Reihe Trajekt bezeugt, von der 29 Bände mit Beiträgen zu den finnischen und baltischen Literaturen erschienen sind, unter einer doppelten Verlagsadresse in Helsinki und in Stuttgart. Das Wort „Sammlung“ scheint mir in seinem Doppelsinn nicht unpassend für Manfred Peter Heins literarische Konstitution. Es bezeichnet einerseits eine extensive, dialogisch bestimmte Tätigkeit, und anderseits den Geist, der ihre Früchte erntet und konzentriert.
Dieses verdoppelte Lebenswerk ist ein kunstvolles, kunstbestimmtes Labyrinth, das Raum und Zeit auf ganz eigene Art verwickelt. Man kann es als Leser in zeitlicher Folge begehen und wird dann etwa von der 1998 erschienen wunderbaren Erzählung „Fluchtfährte“ in Anfänge zurückverwiesen, die in der Tiefe der Kindheit, also auch vor den ersten Gedichten liegen – zu denen sie keine Schlüssel liefern, aber Türen öffnen, in deren Licht man das lyrische Werk besser zu lesen glaubt. Auch Heins Selbstzeugnisse unter dem Titel „vom Umgang mit Wörtern“ erhellen vieles daran – zum Beispiel: seine literarischen Verwandtschaftsbeziehungen – was man sich ebenfalls hüten muß, auf den Begriff zu bringen und für Aha-Erlebnisse zu verwenden, denn in der Poesie ist das Licht der Aufklärung nie ohne die Verstärkung der Vieldeutigkeit zu haben. Erleuchtet – und dann: ohne die Frage: worüber – wird man nur durch das einmalige Zünden des Gedichts, das an jedem seiner Orte referenzlos ist, autonom – und zugleich ohne einen Schimmer von Selbstgenügsamkeit. Bei der Lesewanderung durch das Labyrinth gedichteter Lebenszeit findet sich – das ist auffällig – keine Stelle, die Zeitlosigkeit fingiert. Wäre Hein ein Dichter der sogenannten inneren Emigration – und angesichts der berühmten finnischen Natur könnte die Versuchung dazu ja überwältigend sein –, so wäre seine poetische Arbeit nicht, an jedem ihrer Orte, so deutlich von der Empfindlichkeit des Zeitgenossen gezeichnet. Er weiß, daß er jedes Wort in eine geschichtliche Welt setzt, die seine Widerständigkeit prüft. Es ist nicht Ewigkeit, was die Dichtung gegen ihre Zeit zu erinnern hat. Als ins Wort geprägte Zeit bleibt sie in einem geheimnisvollen Bund mit der Vergänglichkeit.
Diese Verbindung gehört zur sterblichen Seele der Poesie, nicht nur der fernöstlichen, an der sich der Befund am deutlichsten erheben läßt, auch von Hein erhoben worden ist. Vor einigen Tagen habe ich am Deckenbalken einer Gastwirtschaft im Engadin eine Inschrift aus dem 16. Jahrhundert gelesen: tempora tempore tempera. Wörtlich: die Zeiten zügle durch die Zeit. In diesem temperare steckt der Begriff des Maßes – Maß halten, aber auch Maß finden und Maß geben. Für Heins Poesie scheint mir die Übersetzung nicht unpassend: entnimm das Maß, mit dem du die Zeiten bestehst, der Zeit selbst. Also keiner Transzendenz, auch keinem nur ethischen fundierten Grundsatz. Die Dichtung mußt du anders kennenlernen: sie hat keinen archimedischen Punkt außerhalb der vergehenden Zeit; sie muß deren Strömung selbst dafür benützen, Gegensteuer zu halten. Nur leichte, nur fließende Schläge retten das Gefährt wenigstens von einem Satz zum nächsten. Bei Krampf geht es unter.
So wie Hein schreibt kein Flüchtling aus der Zeit. Wie er schreibt aber auch kein Vertriebener aus dem realen Raum: nicht einmal, daß er einmal „Lebensraum“ genannt wurde, kann die Sprache dazu bewegen, ihm den Rücken zu kehren. Der europäische Raum, den Hein ins Labyrinth seiner Dichtung verwickelt, hat alle Eigenschaften eines real existierenden Raums; einen Dispens von diesem gibt es so wenig wie vor der wirklichen Geschichte, der wirklich schwindenden Zeit. Es bleibt der Raum, den ein angeblich raumloses deutsches Reich für sich beanspruchte und nach 1939 mit dem abscheulichsten Eroberungskrieg überzog, in der erklärten Absicht, von den Menschen, die diesen Raum als ihre Heimat betrachteten, bestenfalls Sklaven, von Juden und sogenannten Kommissaren aber gar nichts übrigzulassen – jedenfalls keine Spur ihrer eigenen Kultur, die diesen Namen in den Augen der Herrenrasse nicht verdiente. Hein ist nicht nur im Milieu solchen Denkens aufgewachsen; es  entsprach der Überzeugung seines Vaters, den er liebt; und dem Jungen selbst sollte dieses Denken in der Napola, der sogenannten nationalpolitischen Erziehungsanstalt, eingefleischt werden.
Was daraus geworden ist, steht in jedem Geschichtsbuch zu lesen; was sich Hein, als junger Mensch, und dann als Dichter, als Liebhaber einer schauderhaft mißbrauchten Sprache, daraus gemacht hat, steht auf einem andern Blatt. Ich bitte um Nachsicht, wenn ich anläßlich eines Lyrik-Preises für Manfred Peter Hein seine Prosa nicht genug – freilich auch: nicht diskret genug – feiern kann, die Erzählung „Fluchtfährte“ gibt den stärksten Begriff von der Mühe, die dieser Dichter mit seiner Sprache hat, dem Deutsch Hölderlins und Celans. Er verleugnet nicht, daß sich seine Liebe zu dieser Sprache aus einer tief gespaltenen Quelle nährt. Aber er besteht darauf, das Schlimmste, was sie, diese Sprache, nicht nur gelitten, sondern verbrochen hat, zusammenzuhalten mit ihrem Besten. Fast ohne Absatz, in einem Atem, der nie atemlos wirkt, arbeitet Hein die Kapitel seiner Jugend nach. Jeder Satz würde Stoff hergeben für eine große Abrechnung oder eine politisch-moralische Nachbesserung: der Dichter hätte allen Grund, den Mißbrauch seiner Jugend einzuklagen. Er tut nichts dergleichen; als wäre die Selbstgerechtigkeit, die dabei in sein Urteil einfließen müßte, nur eine Fortsetzung des Verbrechens. Nein: seine Sprache zeigt an, mit jedem Wort, daß er den verlorenen, den veruntreuten Raum seiner Heimat, noch mehr: daß er alles, was die deutsche Sprache mit Todeskommandos überzogen hat, wieder besetzen möchte; besetzen mit einer anderen Sprache. Wie sie lauten könnte, kann ihm niemand besser sagen, als diejenigen, die an den Orten, die einmal seine Heimat waren, die ihre eingerichtet haben, und ihre ganz andere Sprache sprechen. Er lernt diese Sprache, so gut es geht, in ihren Dichtern; er arbeitet an einem Deutsch, das sie verstehen, obwohl – oder weil – es die Sprache der Feinde war. Dieses andere Deutsch ist nicht Heins Art der Wiedergutmachung, er nimmt nicht in Anspruch, Vergangenheit zu bewältigen – ein Wort, in dem immer noch zu viel Gewalt steckt. Dieses andere Deutsch ist eine Sprache, die Gegenwart herstellt, wo immer, auch die Gegenwart ungeschmälerter Erinnerung, und die nicht trotzdem, sondern darum verstanden wird. Das ist – Hein hat es erfahren – nicht die Sprache der Reue, des Schuldbekenntnisses, der Scham, so geboten all das sein mag, und so gut die Politiker daran tun mögen, all das zu üben. Es ist allein die Sprache der Dichtung; sie ist es, die Hein an jedem Ort verlorener Heimat brauchen kann, ohne sofort als Fremder, als Feind erkannt, oder auch: als Deutscher mit widerwilligem Respekt behandelt zu werden. Es ist die wahre Heimatsprache, denn die andern, die diese Heimat jetzt bewohnen, verstehen sie auch dann, wenn sie jetzt polnisch, russisch, tschechisch reden. Wenn sie der Dichtung fähige Menschen sind (und als solche brauchen sie nicht Dichter zu sein) antworten sie in derselben Sprache: derjenigen des Verlusts, und seiner Anerkennung.
Ich glaube Hein aufs Wort, wenn er berichtet, daß er, als junger Mensch Legastheniker, sich nicht für sonderlich sprachenbegabt hielt; Sein literarisch ambitionierter Vater hatte ihn schon früh zum Schreiben bestimmt; daran hätte es scheitern können. Gen Ostland wollen wir reiten – er hat sich’s doch nicht nehmen lassen, aber das Pferd dazu muß man sich so vorstellen, wie er in einem Kindergedicht das „Turnpferd Muh“ beschrieben hat:

Ich heiße nicht,
ich kalte nicht.
………
Ich steh auf meinen Eisenschuhn
Mit keinem Roß auf Du.

Auf den Ritt mit diesem Pferd hat er sogar seinen Vater, den Nazi mitgenommen, zur Kenntlichkeit entstellt: nämlich der Brüderlichkeit im Vergehen. Ja, des Vergehen im doppelten Sinn: „des Feindes sein Vergehen / Entlägert uns. Das Feld ist rein“ heißt es in einem Gedicht des durchgedrehten schlesischen Barockdichters Quirinus Kuhlmann. Das Geheimnis ist: als Dichter muß man sich im Vergehen so weit vergessen können, daß einen auch das reine Feld nicht mehr kümmert: dann erscheint es unverhofft, und hat sich zu seinem Erscheinen des erfahrenen, aber im Kern kindlich gebliebenen Unwissens des rechten Meisters bedient. „An das Göttliche glauben / Die allein, die es selber sind“, heißt es bei Hölderlin, und gerade sie sollten ihre Göttlichkeit lieber nicht innewerden, sonst müßten sie auf der Stelle tot umfallen, wie nach der chassidischen Legende die 20 – oder waren es am Ende nur 10? – Gerechten, um deretwillen Gott die Welt nicht untergehen läßt.
Daß der Schriftsteller ein Mensch sei, dem das Schreiben schwerer falle, als anderen Leuten – so Thomas Mann –, ist in Heins Fall geschenkt. Viel eher ging es bei ihm, wie bei Kafkas Hungerkünstler, darum, die richtige Nahrung zu finden. Hein brauchte dafür nicht Hungers zu sterben: er fand seine Sprache, die eigene Sprache in der andern, die andere in der eigenen. Es gibt nicht zwei Heins zu prämiieren. Auch seine eigene Sprache ist eine Übertragung: vom unmöglich gewordenen Vaterdeutsch in eine stockende Sprache der Geschwisterlichkeit, die sich vor nichts mehr hüten muß als vor Geläufigkeit. Kunst sei kein Luxus, sondern ein Lebensmittel, las ich, vor der letzten Bundestagswahl, im Programm einer Partei, die seither ans Ruder gekommen ist und also mit Lebensmittelverteilen beginnen könnte – wenn der Satz nicht nur gut gemeint gewesen wäre. Kunst ist aber kein Lebensmittel, meine Damen und Herren: Kunst ist das Ganze Leben, als verlorenes und nie dagewesenes, in seiner Verlorenheit geliebtes, in seiner Niedagewesenheit unentbehrliches. In Heins Spurensuche lerne ich die Topographie dieses Urtopos kennen: er ist so real wie möglich, und so verloren wie wahr; kein Land von Gestern, in das man rechthaberisch gerechtfertigt zurückkehrt, sondern verloren für immer wie die Jugend, und als wirklich verlorene voll präsent und sogar voller Zukunft. Hein muß glücklich sein, denn er hat, in jeder seiner Sprachen, die er nicht beherrscht, Brüder und Schwestern gefunden, die ihre Sprache so wenig beherrschen wie er die seine und ihr durch Kunst – kunstvolle Nichtbeherrschung – abgewinnen, was noch keiner gesehen hat und was, ist es einmal gesagt, auf der Hand liegt. Das Fundstück hat keinen Namen, aber das Licht des Verlorenen, in dem es erscheint, leuchtet wie eine Hoffnung auf eine immer noch mögliche Zukunft der Sprache inmitten der Sprachen, und damit des Menschen in seiner Sprache.
Hein schreibt nicht leicht, auch nicht für Leser, aber seine Sprache möchte durchaus verstanden werden, sich verbreiten, etwas bewirken. „Geselle dich zur kleinsten Schar“ – das war schon im Westöstlichen Divan keine Einladung zum Orchideenpflücken, sondern die Devise zur Rettung des Kleinen Kreises, seiner Kunst der Zeichensetzung und des geselligen Taktes gegen das zunehmende Dröhnen – damals des kommenden Maschinenzeitalters. „Buch der Freunde“ sollte ein Kapitel des Westöstlichen Divans heißen: darin wollte der Dichter dem Gemeingeist einen Ort der Sammlung anweisen, nicht abseits des Sturms, sondern in seinem Auge: gerade dem einen Ort, an dem die Gesellschaft nicht blind werden darf für ihre eigene Entwicklung. Das „Buch der Freunde“ wurde nicht geschrieben: aber die Noten und Abhandlungen, die seine Stelle vertreten, verraten, daß der Divan, seiner Genese, seiner Art der Verbreitung, seiner poetologischen Methode nach kein Unterkapitel Freundschaft braucht, sondern ein Buch der Freunde, ein Dienst an der Freundschaft ist.
In ähnlichem Sinn verstehe ich Heins Werk, im Ganzen, wie im Einzelnen, als Zeugnis der Freundschaft. Seine Seele ist die Sammlung eines Dichters; und als solche zieht sie, wie ein Magnet, Sammlungsbedürftige an, versammelt einen Kreis von Freunden, die sich seinen Sinn zu übersetzen und zu diesem Sinn beizutragen wissen. Ein Werk wie dasjenige Heins braucht starke Freunde, aber es schafft sie sich auch: neben den Autorinnen und Autoren; Leser, Verleger, Herausgeber, Veranstalter, unakademische Kenner und Begleiter an den Universitäten. Diese Heinsche Großfamilie ist keine Kleinste Schar mehr, und ihre nachhaltige Zuneigung eine Ehre, die lebenden Dichtern nicht oft widerfährt und die ein Preis nicht übertreffen, nur unterstreichen kann.
Es spricht für die Juroren des ersten Rainer-Malkowski-Preises, daß sie – wie damals die Jury des ganz neuen Peter Huchel Preises – als ersten auf Manfred Peter Hein kommen. Sollte in diesem Satz ein wenig Eigenlob mitschwingen, so erledigt es sich gleich von selbst. Als ich nämlich mit dieser Laudatio dran war – 1985 hatte sie Michael Krüger übernommen – tat ich etwas Naheliegendes, aber auch sehr Ungeschicktes: ich versuchte im Band Gegenzeichnung das Gedicht wiederzufinden, dessen Zauber damals den Bann der Jury gebrochen hat. War es vielleicht dasjenige mit den drei Namen von Heins Geburtsstadt, dem deutschen, dem noch deutscheren, und jetzt dem vorläufig endgültigen russischen in der Exklave Kaliningrad?

OZERSK

 

die Buchstaben verschattet
auf diese Tastatur fällt kein Licht
ich bin unterwegs
mit zehn Fingern
ich schreibe drei Namen
dort und abseits am Fluß
hier und fremde Namen
auf einer Brücke am Mühlenwehr
hinter der Stadt mündet der Fluß in einen Toten Arm
Kopfsteinpflaster wo ich stehe
Hungerharke hinter mir die Stadt
zwischen Scheune und Amtsgericht auf der Straße
ich schreibe Ozersk
Darkehmen
Angerapp an der Angerapp
Hafer und Holunder
Schnee-Bunker
Dommert & Sammael
und hier ist nichts seitdem und alles geschehn
Was geschieht geht über die Straße
ein Totengräber
dem Gott in den Bäumen erschien
als goldenes Licht:

 

ICH ZÄHLE BIS ZEHN
DIE MÜHLE BLEIBT STEHN
ICH ZÄHLE BIS HUNDERT
DIE MÜHLE GEHT UNTER
ICH ZÄHLE BIS TAUSEND
DIE MÜHLE GEHT SAUSEND

War es dieses Gedicht, das den Bann gebrochen hat? Aber jetzt haben ihn die Gedichte wieder hergestellt, sie stehen dicht wie Bäume: ich lese mich von einem zum andern und brauche den Wald nicht mehr zu sehen. Was ist das Allgemeinste? Der einzelne Fall, sagt der alte Goethe. Jede dichterische Fügung von Wörtern ist ein einzelner Fall, den ich daran wiedererkenne, daß er noch nie dagewesen ist. Jeder Satz steht für sich; welcher steht für mich? Ich bin ein Anfänger vor jedem, und es ist des Anfangs kein Ende.
Ja, Peter Horst Neumann, ich erinnere mich genau. Nicht mehr an das Gedicht. Aber an die Stille danach.
Verehrter Manfred Peter Hein, wir danken Ihnen.
Ich danke Ihnen, meine Damen und Herrn

Adolf Muschg

Danksagung

(Rainer-Malkowski-Preis)

Liebe Frau Malkowski, lieber Adolf Muschg, liebe Sachwalter der Akademie, liebe hier versammelten Freunde der Schönen Künste,
einer, jemand könnte fragen, was es nach allem noch auf sich hat mit der Poesie, auch im weiteren Sinne mit der Literatur. Da nun einmal aufgerufen, seh ich mich beinah genötigt, auf etwas eine Antwort zu versuchen, wofür es wahrscheinlich keine Antwort gibt. Eine allseits befriedigende allemal nicht –. Ich steh zum zweiten Mal an dieser Stelle. Damals hieß der Namenspatron und Stifter des Preises Horst Bienek, heute ist es Rainer Malkowski. Beides Dichter, die mit ihrem nicht unter den Scheffel gestellten Pfund vor ihrem Ableben der sie überlebenden Dichter gedachten, mit ihrem Pfund wucherten für die Literatur und im besonderen für die Poesie. Das könnte den, den es ereilt, gesellschaftlich bedacht, beklommen machen. Und ich möchte meinen, der Umstand war beiden, Malkowski wie Bienek bewußt – als stumm imaginiertes Gespräch zum Beispiel mit mir.
Rainer Malkowski, der Poet, ist eine Verpflichtung eingegangen, die verbindet. Sein Liebesgedicht unter dem Titel „Sprachunterricht“ geht auf die drei Zeilen aus:

Du bist es, die mich lehrte,
wann ein Adjektiv
die Wirklichkeit kränkt.

Die gekränkte Wirklichkeit und die ungekränkte als Aufgabe des Dichters, das läßt mehr aufhorchen und den seinen Namen tragenden Preis gern in Empfang nehmen.
Literaturpreise sollten aufhelfen meinem Verständnis nach, den Autoren wie den Lesern, zusammengefaßt also dem literarischen Klima. Ich bin nicht eingeschworen auf dessen Bestimmung, kann ihm bedingt nur Stimme verleihen. Was wäre dazu zu sagen ohne adjektivisches Verlautbaren? Daß es den, der aus offensichtlich schwindendem Terrain kommt, zunächst verwunderlich anmutet? Die Erwartungen waren – schon fast verschämt gesagt, doch vom Heute sehr verschieden. Zu damaligen, fernerhin bestehenden Zweifeln gesellt sich Lethargie, die verstörend wirken könnte oder bereits zerstörend wirkt. Die Relationen Autor/Verlag mit Sortiment und Kritik sprechen sich herum, die konkreten Daten als Ausdruck einer veränderten, besonders was die Poesie betrifft kurzatmig beengenden Landschaft. Poesie heute, und ich sehe mich ausgezeichnet als einen, der in erste Linie damit befaßt ist – einen der etwas aus dem Kurs Geratenem, darum aber nicht über Bord Geworfenem nachhängt, das im Jahrzehnt von Gottfried Benns Marburger Probleme der Lyrik-Rede, den 50er Jahren, in denen ich zu schreiben begann, von heute kaum noch nachzuvollziehender Brisanz war. Wie weit die innere Freiheit des Schreibens beeinträchtigt ist, steht mir zu beurteilen nicht so recht an. Allenfalls kann ich für meinen Fall versuchen, einen Einblick ins Schreiben von Versen, sprich in die Produktion von Poesie zu vermitteln.
In den März 05 fällt mit der Eingangszeile „Ein Anderes“ ein Gedicht, das ich hersagen darf. Der Text, in Zwei- und Einzeilern niedergeschrieben, kommt aus erlebt wie imaginiert nördlicher Landschaft, was nur für den Gedichtschreiber selber wichtig sein muß – zusätzlich mit Korrespondenzen von möglicherweise literarwissenschaftlichergiebigem Interesse.

EIN ANDERES
aus Sprache in Sprache gebracht

 

im Nebelhornstoß
an Land gehen wo

 

fernnaher Sirenengesang –

 

Widerhall
von Felswand zu Felswand

 

Am Abgrund laß hören dich
nicht bloß in Fledermausohren

 

Dichterrede –

Die Verse gehören in meinen, dieses Jahr bei Wallstein in Göttingen erschienenen, siebten Gedichtband Aufriß des Lichts. Späte Gedichte 2000-2005. Das beginnende Jahrhundert, die Folge verstörender Einbrüche im Zeitgeschehen hat an Vers und Versgefüge mitdiktiert. Nach dem Neuen in den Kernpunkten der Poetik befragt, könnte ich womöglich nur enttäuschen. Aber wie sehn die Erwartungen aus und wonach richten sie sich? Für den der hier fragt, hat in dem Punkt, in dem was davon zu Gehör und Gesicht gekommen, sich kein einsichtiges Bild erstellt, die Schwingungsamplitude nicht eingependelt, und mag sein, es lag am Standort, am bekannten Abseits, worauf schwer zu bauen ist im windigen Durchzug.
So gut wie alles, treu zur Herkunftssprache Geschriebene, das den Schreiber als Autor ausweist – die erwähnten sieben Gedichtbände, die autobiographische Erzählung „Fluchtfährte“, die Sammlungen mit Gedichten und Erzählungen für Kinder, die Ansammlung mit genötigten und ungenötigten Essays wie die Reihe der Übertragungen und  Nachdichtungen sind im Lauf eines halben Jahrhunderts an abgelegenem Wohnort entstanden. Emigration nennt sich das, was da vorliegt – und das Herkunftsland deckt seit dem Ausgang des hoffentlich letzten Weltkriegs sich nicht mehr mit dem der Geburt. Das Geburtsland war Einwandererland, für meinen Fall aus salzburgischer wie oberschlesischer Richtung. So meine ich, das Exilantsein war vorprogrammiert, was zwangsläufig wie freiwillig ebenso das Œuvre geprägt hat, welsches rasant immer weniger zur Ausnahme wird. Das Thema Heimat- und/oder Wurzellosigkeit drängt sich allgemein literarisch vor –.
Stichwort Zugehörigkeit. Das Wort Heimat versteckt sich, kommt so gut wie nicht vor, ist, gelegentlich, durch die Vokabel Fremde ersetzt – oder kuschelt sich maskiert dem zugehörigen Text in anderer Lautung an. Der Versuch in nördlicher wie südlicher Richtung dem Längengrad zu folgen, auf dem das Städtchen liegt, das im Jahr meiner Geburt Darkehmen hieß, heute russisch Ozersk heißt – der zweifellos ostmitteleuropäischen Zone als heimatlich anmutende Antwort auf den Heimatverlust, ließe sich als Identitätssuche deuten, ist aber lediglich hinzunehmen mit an- und abschwellender Ironie. Identität in Frage gestellt, zugleich im Blick auf die Nachweltkriegszeiten zu danken alleuropäisch nomadisierende Mentalität. Das ist bemerkt worden, hat Bestätigung erfahren, ausgesprochen und unausgesprochen. Aber eitel wär’s, der Rede, was sich da niedergeschrieben, sei vor allem östlicher Sphäre zuzurechnen, nicht unkaschiert offen zu begegnen.
Ob, was mehr oder minder inhaltsbezogen, auch aufs Formale auszuweiten ist, soll dahingestellt bleiben – bei aller spürbaren Nähe zur osteuropäischen Poesie. Die mir hier – wie andernorts – zugestandene eigene Handschrift unters Brennglas und ihre Versschule ins Kreuzverhör nehmend, gerat ich in einen Echoraum, der weder danach fragen läßt, woraus die Kreation erwachsen ist, noch worauf sie zielen könnte. Gehen dem Blinden die Augen, dem Tauben die Ohren auf, redet er wie ein Buch und hinterhergeht das Schweigen. Sei’s drum –, man belasse ihn im Selbstgespräch bei sich selber!

Manfred Peter Hein, 26.6.2006

 

Am 25.3.1994 lesen und diskutieren Manfred Peter Hein, Uwe Kolbe mit den Gästen Michael Braun, Harald Hartung, Joachim Sartorius und dem Moderator Hajo Steinert im LCB über das hermetische und das unveröffentlichte Gedicht.

 

Zum 50. Geburtstag des Autors:

Andreas F. Kelletat/ Bernd Rüther (Hg.): Jubelzwerg. Zwiebelzwergin erikoisnumero. Manfred Peter Hein zum 50. Geburtstag
Zwiebelzwerg Company, 1981

Zum 60. Geburtstag des Autors:

Andreas F. Kelletat: Ein Deutscher Dichter aus Finnland
Ausblick (Lübeck), 1991, Heft 1/2

Gudrun  Partyka u.a.: Trifft man sich, in welchem Zustand, an welcher Stelle der Welt. Manfred Peter Hein zum 60.
Stuttgart, Warmbronn (Privatdruck), 1991

Zum 70. Geburtstag des Autors:

Martin Ebel: Ich will zurück zur dunklen Seite des Monats
Neue Zürcher Zeitung, 25.5.2001

Hermann Wallmann: Fluchtfährten
Süddeutsche Zeitung, 25.5.2001

 

Fakten und Vermutungen zum Autor + Instagram + IZAKLGUeLEXArchivKalliope
Porträtgalerie: akg-images + Autorenarchiv Isolde Ohlbaum + IMAGO + Keystone-SDA
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Nachrufe auf Manfred Peter Hein: VdÜ ✝︎

 

Beitragsbild von Juliane Duda zu Richard Pietraß: Dichterleben – Manfred Peter Hein

 

Manfred Peter Hein liest sein Gedicht „Vogelnamen“ nachgedichtet von Mahmoud Hassanein in arabische Reimprosa.

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