LESUNG IM HAUS DES BUCHES
Die Arena ein Tisch, um ihn
Gruppiert die Autoren, Büchlein
In den Händen, mit Lesezeichen
Wie in einem Gesangbuch.
Die Reihenfolge ergibt das Alphabet
Aber die Alten fangen alle mit
A an
Alphatier aller Vokale
Also warten die Jungen
Die vom Tablet lesen, während
Die Alten mit dem Zeigefinger
Ihrem Mund vorausfahren.
Alle lesen zu Ehren Gottfried Benns
Hübsch werden die kleinen Schnauzen
zitiert
Auch die Astern müssen sein.
Die Jungen haben sich den Dichter
Aus dem Netz geholt
Die Alten aus der Erinnerung.
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Zur Poetik des Widerspruchs
In dem vorliegenden, mit expressiven Pinselzeichnungen Karl Oppermanns kongenial illustrierten Gedichtband, dessen Titel Die Saison ist eröffnet. Neue Gedichte den Literaturfreund sogleich an die Anthologie Saison für Lyrik (1968) und damit an eine Kultur der poetischen Gegenrede erinnert, widmet sich Ralph Grüneberger unterschiedlichen Lebens- oder Alltagswelten des Widersprüchlichen. Diese werden aus der Sicht des Dichters mal distanziert, mal pointiert, häufig aber mit Ironie und Sarkasmus vermessen.
In der Geschichte der europäischen Philosophie kann die Rede vom Widerspruch bekanntlich höchst signifikante Denkansätze für sich reklamieren, welche von den formallogischen Überlegungen des Aristoteles zum ausgeschlossenen Widerspruch bis zu den dialektischen Verfahren reichen. Letztere folgten dabei häufig einer Zielsetzung, die mit wechselndem Erfolg auf die Aufdeckung von Widersprüchlichkeiten in der Praxis staatlicher Herrschaftsausübung abstellte. In der Literaturgeschichte und ihrem korrespondierenden Gegenstand wird der Topos vom Widerspruch als Denk- und Ausdrucksschema hingegen weiter gefasst. Schein-und-Sein-Kontraste sind hier ebenso häufig anzutreffen wie die situationsbedingte Ko-Präsenz sich widersprechender Momente, etwa von Diskrepanzen und Devianzen oder von Aporien und Antagonismen. Auch ließen sich gleich mehrere Stilfiguren des vorgeblichen oder tatsächlichen Widerspruchs benennen, die beispielsweise in Gestalt des Oxymorons oder des Paradoxons plötzlich und unerwartet den poetisch-formalen Schlüssel zu einem tieferen Verständnis der Zusammenhänge liefern können. Widersprüche lassen sich durchaus positiv aufladen und als Ursprung eines individuellen und sozialen Wandels begreifen, der aus dem Zusammenspiel von Kreativität und Innovation resultiert. In der Lyrik dürfte die Bedeutungsaufladung, die in der Rede vom kreativen Widerspruch aufscheint, wohl vornehmlich im Modus der Zuspitzung erfolgen, sie wird aber letztlich der poetischen Widerrede im Sinne des impliziten oder expliziten Widersprechens bedürfen, um sich Gehör zu verschaffen. Dies gilt gleichermaßen für Konstellationen beobachteter Ungleichzeitigkeiten, deren immanente Widersprüche in den unterschiedlichsten Bereichen gesellschaftlichen Zusammenlebens zur lyrisch vermittelten Gegenrede auffordern.
Die neuen und bislang nicht veröffentlichten Gedichte Grünebergers sind im Wesentlichen drei thematischen Feldern gewidmet, und zwar dem Landleben, den Erinnerungsorten sowie – nicht zuletzt – ausgewählten Schriftstellerinnen und Schriftstellern. Demgegenüber treten etablierte Themen, wie die urbane industrielle Arbeitswelt und das (sozial)politische, die man seit mehr als dreißig Jahren mit dem Namen Ralph Grüneberger verbindet, nunmehr etwas in den Hintergrund, ohne jedoch gänzlich randständig zu werden. Dies lässt sich beispielsweise an den Gedichten „Turnhalle“ und „Vorkaufsrecht“ belegen, in denen der Autor höchst aktuelle Entwicklungen aufgreift. Deren spezifische Behandlung unterstreicht ein Literaturverständnis, das nach wie vor auf Sichtbarmachung und Handlungsveränderung setzt. In dem Text „Turnhalle“ richtet Grüneberger den widerspruchsreichen Fokus auf Schutzsuchende, die, aus unterschiedlichen Milieus kommend, nach einer lebensgefährlichen und buchstäblich atemraubenden Flucht in der Notunterkunft Formen der Entindividualisierung erleben und es aus Angst vor Übergriffen in der neu gewonnenen Freiheit nunmehr kaum noch wagen, einen Schritt vor die Tür zu setzen. Das Gedicht „Vorkaufsrecht“ greift einen authentischen Fall in einer kleinen thüringischen Gemeinde auf, in der ein couragierter Bürgermeister im Verein mit dem Gemeinderat den Verkauf eines Gasthauses unterbindet, um damit die Einrichtung eines rechten Treffpunkts zu verhindern. Durch entsprechende Zeilen geschickt vorbereitet, spielt das Gedicht mit den Begriffen „Wert“ und „Handicap“, um eine Bezahlung über Wert mit einem soziopolitischen oder moralischen Mehrwert zu kontrastieren, der es auch den Menschen mit nicht bloß sportlichem Handicap, sondern wirklicher Beeinträchtigung erlaubt, sich vor Ort auch in Zukunft frei bewegen zu können.
Grünebergers poetische Skizzen des Landlebens haben mit pastoraler Idylle oder einem Arkadien, das als Gegenpol zu einer friedlosen Stadt in Szene gesetzt wird, nichts gemein. Vielmehr gerät der kleinstädtische oder ländliche Ort, so wie er unter anderem in den Gedichten „In der Oberlausitz“, „Trebnitz an der Elster“, „Doktor S. in Hohenstein-Ernstthal“, „Saison in der Maiskornkammer“ und „Am Ende der Regenzeit“ beschrieben wird, zur Lokalität der Ungleichzeitigkeit, zur Region des demographischen Wandels, der Krise, der Saisonarbeit und des allgemeinen Verfalls. Dabei leben die Texte zumeist vom provokanten Blickwinkel des Auktorialen, das nicht nur Vergangenes, Gegenwärtiges und Zukünftiges ins Verhältnis setzt, sondern auch zu den Motivationen und Denkweisen der so Beobachteten vordringt. Selbstverständlich setzt sich eine derart manifeste Außenperspektive mitunter dem Risiko aus, als latenter Ausdruck urbaner Standards und ebensolcher Erwartungshorizonte gelesen zu werden, aber mit einem Widerspruch dieses Zuschnitts wird eine poetische Stimme stets zu rechnen haben, die selbst Widersprüchliches in den Vordergrund rückt.
Die Topographien der Erinnerungsorte, die Grüneberger mit einer lyrischen Inschrift versieht, versammeln Stätten individuellen wie kollektiven Gedächtnisses, verweisen auf unbekannte wie auch auf bekannte Personen oder Entwicklungen. Letzteren sind die Gedichte „Im Osterzgebirge“, „Zwei Meldungen zu gleicher Zeit“, „Jüdisches Viertel in Prag“ sowie „Marburg 2013“ gewidmet, insofern sie den thematischen Bogen vom Zweiten Weltkrieg über den Holocaust bis zur Bücherverbrennung mit zum Teil sarkastischen Zwischentönen zurückverfolgen. In diesem Zusammenhang verdient das Gedicht „Zwei Meldungen zu gleicher Zeit“ besondere Beachtung. Es synchronisiert die Online-Auktion einer Ausgabe von Mein Kampf, die aus dem Privatbesitz Adolf Hitlers stammt und einen erheblichen Geldbetrag einbringt, mit dem Diebstahl des Eingangstors zum KZ Sachsenhausen. Wie aus dem Nichts stellen die letzten drei Zeilen die entscheidende historiographische Frage nach Ursache, Wirkung und Nachwirkung des Nationalsozialismus. Sie lauten:
Wieviele Fingerabdrücke Hitlers
Sind am Tor des KZ
Zu finden?
Vordergründig und objektbezogen wird der Status einer Berührungsreliquie zum Thema gemacht, in einem übertragenen Sinne verweist der Text indes auf den Nexus zwischen Programmschrift und Holocaust, wobei die Attraktivität der KZ-Trophäe höchst nachdenklich stimmt. Wer aber nun annimmt, dass alle Gedichte, die sich auf Erinnerungsorte beziehen, einer kritisch-abwägenden Rückschau verpflichtet wären, dem sei die Lektüre von „Görlitz-Tourist“ empfohlen. An diesem Ort der gut betuchten Senioren zeigt ein Stadtführer, dem dieser Titel noch unheimlich ist, den älteren Touristen am Ende des Rundgangs das sogenannte Napoleon-Haus und dessen Balkon:
Hier habe Napoleon herabgeblickt
Sagt er, wieder angekommen am Ausgangspunkt,
und die Vorstellung
kreist
Bis zur Gelächterernte, eine Pracht
Die sanierten Gebisse!
Was für ein später plebejischer Witz
Daß nur der Dreispitz übers Geländer
ragte.
Da geht man doch gleich
Aufrecht am Stock.
Mit der posthumen Dekonstruktion vermeintlich historischer Größe verknüpft das Gedicht auf sehr humorvolle Weise eine temporäre Neubestimmung des Subjekts, das sich ob dieser paradoxalen Relativierung nur allzu gerne der eigenen Bedeutung versichert. Der Transfer in die Jetztzeit bestimmt auch die Schlusszeilen des Gedichts „Luther erlebbar“, das den Fußspuren des Reformators auf dem Lutherweg folgt, um schließlich die sprachliche Leistung des Gelehrten mit dem heutigen Sprachverlust zu kontrastieren. Während die beweglichen Lettern bei Luther mit der Freiheit des Geistes korrelieren und dadurch das Herrschaftswissen subversiv in Frage gestellt werden kann, gefällt sich die Twitter-Generation in der Reduktion der Zeichen und der Inhalte, der stereotypen Wahrnehmung stets zu Diensten.
Der Übergang zwischen kultureller Erinnerung und Jetztzeit kennzeichnet auch jenes knappe Drittel der Gedichtsammlung, das Lebensabschnitte bekannter Schriftstellerinnen und Schriftsteller aufgreift oder ihnen gewidmet ist. Zu ihnen gehören, um nur einige zu nennen, Wolfgang Hilbig, Karl Mickel, Wolfgang Rischer, Volker Braun, Marieluise Fleißer, Gottfried Benn, Les Murray, Ingeborg Bachmann, Paul Celan, Adalbert Stifter, Heinrich Mann, Franz Kafka und Erich Loest. Mitunter werden in diesen und anderen Gedichten Polaritäten der Wertschätzung greifbar, die dem literarischen Rang ein im doppelten Wortsinn defizitäres Gedenken gegenüberstellen. Gleich fünf Gedichte beschäftigen sich mit Bertolt Brecht, dem Grüneberger bereits in seinem 1986 erschienenen Band Frühstück im Stehen ein lyrisches Denkmal gesetzt hat. Während der Text „Augsburg 1956“ die diskursive Verdrängung des scheinbar ungeliebten Sohnes der Stadt zum Inhalt hat, monieren „Berlin, Januar 1955“ und „Dorotheenstädtischer Friedhof“ die Beeinflussbarkeit des Kulturschaffenden und dessen gelebte Harmoniesucht.
Grünebergers semantisch-poetische Potenz schenkt dem Widerspruch zwischen Schein und Sein ein geradezu räumliches Pendant, das Volksnähe und Volksferne ins Bild zwängt und schließlich Phasen des Denkens und Lenkens auf eine unheilige Allianz verpflichtet. So finden sich in dem oben bereits erwähnten Gedicht „Berlin, Januar 1955“, das Brecht als Liebhaber von Luxusautos einführt, folgende Zeilen des Ungleichzeitigen, die durch den Erwerb des Cabriolets im Winter noch an Wirkung gewinnen:
Ein Sechszylinder, 55 PS, 135 Stunden
Kilometer schnell
Für den Theaterdichter, der Mühe hat,
Den Wagen durch die enge Durchfahrt
Im Vorderhaus zu bugsieren.
Gedeichselt hat die Fuhre der Kulturminister,
Wissend um die Beweglichkeit
Des Denkens beim Lenken.
Das Widersprüchliche, das hier unter dem Vorzeichen der Nichtvereinbarkeit verhandelt wird, prägt auch das Gedicht „Im Juni 1953“ und dessen intertextuelle Referenz auf Brechts „Böser Morgen“. Im zeitlichen Kontext des Aufstandes antizipiert das Symbol der sich krümmenden Schreibmaschinentypen das Dilemma des Schriftstellers Bertolt Brecht, in dessen Referenzgedicht der innere Widerspruch dominiert, sich die traumatische Entfremdung von den Arbeitenden im nunmehr düsteren Landschaftserleben spiegelt. Deutlich spürt der Leser des Gedichtbandes Die Saison ist eröffnet, wie wichtig es für seinen Autor Ralph Grüneberger ist, Entfremdungen dieser Art zu verhindern und die Aufdeckung von Widersprüchen mit dem Instrumentarium der poetischen Widerrede wortgewaltig und wirkmächtig auf den Weg zu bringen oder zu begleiten. Auf diese Weise bleibt der kreative Umgang mit Widersprüchen authentisch und höchst lesenswert zugleich. Wer wollte da widersprechen?
Norbert Schaffeld, Nachwort
Von Ernte, Erinnerung und der immerfrischen Lust auf lebensfrische Anfänge
Hinter Leipzig gibt es auch noch Leben. Görlitz, Oberlungwitz, Berlin, Unterwellenborn. Dichter reisen gern. Zum Glück. Sonst gebe es wirklich nur die skandalösen Meldungen der Nachrichtenagenturen. Und kein Bild vom Sein und Bleiben da draußen in einer Welt, die immer erst nachrichtentauglich wird, wenn Häuser brennen oder seltsame Provinzbewohner den Aufstand proben. Geht es um Provinz?
Mehr oder weniger. Indirekt, so, wie Dichter sich immer mit dem beschäftigen, was sie sehen und vorfinden. Sie müssen ja keine Lösungen anbieten, keine Probleme anprangern. Wirklich nicht. Deswegen spricht der Literaturwissenschaftler Norbert Schaffeld im Nachwort zu diesem neuesten Grüneberger-Gedichtband auch eher vorsichtig-theoretisch vom „(Sozial)Politischen“, das man aus Grünebergers Gedichten seit 30 Jahren gut kenne. Und liegt daneben. Auch wenn Ralph Grüneberger geradezu berühmt ist für seine Gedichte über das Arbeitsleben und das Leben der Arbeitenden. Denn er gehört ja zu diesen richtigen Ostgewächsen der Dichtung, die das ewige Gerede von der „Feier der Arbeit“ und dem Ruhmgesang auf die Schaffenden ernst genommen haben. Wer so etwas ernst nimmt, wird ganz selbstverständlich zum Schwejk. In diesem Fall einem sehr einfühlsamen. Er macht sich nicht lustig über das, was er sieht, sondern er fühlt mit.
Deswegen wurden seine großen Gedichte auf die müden, abgearbeiteten, lebenshungrigen und vom Leben gebeutelten Menschen aus den Fabriken, Kantinen und Arbeitervierteln des Ostens auch nie eine Hymne, eher (eine ganz stille Verwandtschaft zu Neruda) ein Lobgesang auf das Leben. So, wie es ist. Wie es immer weitergeht, egal, wer gerade regiert, schwadroniert und dirigiert. Denn selbst in den verrußten Vorstadtstraßen Leipzigs (in denen er aufgewachsen ist und die er bis heute besingt) ging es immer nur um das eine: um Werden und Vergehen, Träume vom richtigen Leben, von Verlässlichkeit und machbarer Zukunft.
Und wer das alles liest, der sieht auch bei Grüneberger (ganz ähnlich wie beim Leipziger Dichter-Kollegen Thomas Böhme) die Kontinuität. Dichter sind rücksichtslose Burschen, das muss mal gesagt sein. Sie nehmen die ganzen „historischen Ereignisse“, die Fahnenschwenkereien, Ordensverleihungen und die ganze Regelungswut der amtlich gewählten Bürokraten nicht ernst. Sie blinzeln beim Schauen. Und sehen hinter der starren Maske den Menschen – von seiner Rolle völlig überfordert. Die Überforderung der Großmäuligen in all ihrer Oberflächlichkeit. Dichter nehmen diese eher mit Entsetzen wahr. Weil sie zu etwas führt, was mit Aufmerksamkeit und lebendigem Dasein nichts mehr zu tun hat – dem Eigentlichen.
„Luther erlebbar“ heißt so ein Gedicht von Grüneberger, in dem er fast genüsslich auf heutigen Luther-Wegen spaziert und auf das zu sprechen kommt, was die PR-Experten nicht wissen und deshalb auch nicht miterzählen.
Der Häuer-Sohn nimmt
Das Herrschaftswissen auseinander
Subversiv dann die beweglichen
Lettern führen zu beweglichem Geist
Wer weiß das schon, wenn er sich in die Anspruchslosigkeit heutiger Häppchen-Medien stürzt? Nicht nur die Dichter leiden, wenn Menschen nicht mehr lesen. Und auch die Kompetenz verlieren zu lesen.
Dabei ist so vieles wie früher:
Die Wölfe haben Nachwuchs
wie die Vorurteile…
Was ja nicht neu ist: Wer die Gehirne besitzt und füllt mit den Parolen des Tages, der kann Menschen dazu bringen, alles zu tun. So wie 1914, wo ein paar Wochen genügten, um ein Land in einen rasenden Kriegstaumel zu versetzen. Daran denkt ein Dichter wie Grüneberger, wenn er ausgerechnet durch Marburg spaziert: „Marburg 2013“. Es sind ja alles Gedichte aus jüngerer Zeit, eine Zwischenbilanz für den 65-Jährigen, der wohl in seiner Verblüffung immer 35 bleiben wird, verwundert, verwirrt beim Anblick dessen, was er sieht, was Menschen mit sich tun und anstellen lassen. In Marburg, mit einem Fuß schon in der Welt der Brüder Grimm, denkt er an Hölderlins „Hyperion“ und die billigen Reclam-Bändchen in den Tornistern der fröhlich in den Krieg Gezogenen.
So verwandelten sich junge Aufgestachelte in Fundstücke für Archäologen. So wie auch einen Krieg später, der dann bei Oberlungwitz aus dem Feld gegraben wird: „Oberlungwitz nach 70 Jahren“. Fast parallel werden Hitlers Mein Kampf versteigert und das Tor des KZ Sachsenhausen gestohlen. Geschichte spielt immer wieder hinein in seine Gedichte. Als menschliche Geschichten, als Versuch, in komplizierten Verhältnissen das Richtige zu tun. Oder nur einfach das Notwendige. Die Betten zu schütteln, bevor die neuen Gäste kommen. Die Ernte einzufahren. Zu lieben und sich zu vermehren (deswegen dominieren in den etwas sehr expressiven Bildern von Karl Opperman in diesem Buch wohl auch die Anspielungen).
Dem Land und seinen Leuten begegnet er – oft bei Lesungen im Land. Das gibt es tatsächlich noch. Und dann bringt er diese große Begeisterung mit für pralle Erdäpfel und glänzende Baumäpfel und wogende Mais- und Sonnenblumenfelder. Man merkt, wie er das einsaugt und versucht, es fest zu verstauen im Kopf, bevor er wieder zurückfährt in die große Stadt. Oder anderswohin. Seine Gedichte ergeben eine Topografie der Reisen: In Prag will er die Spuren jüdischer Vergangenheit finden und sucht nach Dr. Frantisek Kafka (findet ihn aber in Linz), in Berlin versucht er, den schlitzohrigen und wankelmütigen Brecht zu verstehen, den er bewundert – und ihm die parteiliche Untertänigkeit ankreidet. In Weimar begegnet er Frau von Stein und hat so ein Déja vu: War nicht auch der Herr Hofrat nur ein Angestellter des Fürsten? Hängt der Verdienst des Dichters am Ende nicht von seinen Verdiensten für die Fürsten ab?
Da hat er aber was gesagt. Dafür hätten sie ihn vor 30 Jahren aber gerügt. Da nahmen auch die Fürsten noch ernst, was geschrieben wurde von ihren Künstlern, von den unbeauftragten noch viel mehr als von den beauftragten. Heute? Bezahlt man mit Applaus und meidet den Büchertisch am Ausgang. So wie in Weltewitz („Dichterlesung in Weltewitz“). Was auch diesen Dichter, der so genau hinschaut, auf moderne Abwege führt, denn wenn immer weniger Menschen überhaupt noch Gedichte lesen, aber die großen Steuerer des Landes immerfort die Preise erhöhen fürs pure Leben, was bleibt da noch als die Forderung:
Passt die Lyrik dem Goldpreis an!
(„Gedichte müssen einfach teurer werden“)
Und da hat er sich selbst missverstanden aus lauter Frust über eine Welt, in der das Lesen von Texten länger als 140 Zeichen geradezu verpönt scheint, lächerlich, überholt. Die Folgen sind fatal, Dichter wissen das. Denn so gehen die Gesprächspartner verloren, Menschen, die noch offen und fähig sind zum Gespräch. Ohne Gespräch keine Gemeinschaft. Man kann sich ja nicht immer nur mit den Kolleginnen und Kollegen Dichtern im Regal unterhalten. Was Grüneberger rege tut, weil er sich mit ihnen übers Leben unterhält. Oder einfach sagt, dass einer nun fehlt. Einer wie Loest zum Beispiel, dessen Nachlass versteigert wird. Oder „Großdichter“ Mickel, der noch reden konnte über Gedichte, „ohne Schaden anzurichten“.
So gesehen also auch eine Kiepe Abschied in einem Buch, das Grüneberger herausfordernd mit Die Saison ist eröffnet betitelt hat. Erntesaison, wenn man die ersten Gedichte liest mit den versonnen-optimistischen Gedichten aus der sächsischen Provinz, fetter Frühling, wenn man die Ausklanggedichte liest. Der Walnussbaum sucht einen Zweiten, wozu wohl? Und ein altes Foto zeigt Längstvergangenes und Immerneues in einem:
Die Straße, abschüssig wie das Leben.
Ihr Haus, das älter ist als sie
Zieht Wasser, wie der Baum
Der alles überblüht.
Norbert Schaffeld versucht, diese Arbeitsweise im Nachwort auf die ganz theoretische Ebene zu ziehen. Dabei geht es doch immer nur um das genaue Sehen, das Wahrnehmen von Liebe, Angst und Not. So kommt das „(Sozial)Politische“ von ganz allein herein, wenn Grüneberger von Turnhallen, Heilstätten und einer alten Dorfgaststätte in Crawinkel erzählt. So ergibt das eine aufmerksame Feier des Lebens, wo Europas Provinzen in immer längeren Regenzeiten versinken. Selbst da wachsen am „Wegrand Mohn und Melde / Grasnelken, Wildhafer, frisches Nesselgrün“. Die Saison ist längst eröffnet. Wer nicht hinguckt, merkt nichts davon.
Ralf Julke, Leipziger Zeitung, 17.7.2016
mein blatt papier nie weiß und leer
Der vor allem als Dichter bekannte Ralph Grüneberger studierte von 1978–1982 am Literaturinstitut „Johannes R. Becher“, organisiert seitdem literarische Veranstaltungsreihen und Lesungen und gibt Dichtung heraus. Mit seinem jüngst erschienenen Band Die Saison ist eröffnet stellt er eigene Gedichte vor, die ganz nach seinem inneren Konzept des Widerspruches geschrieben wurden und die neue Wirklichkeit in Ostdeutschland nach der Wende an konkreten Beispielen kritisch in den Focus nehmen und hinterfragen. Dabei wird kein Blatt vor den Mund genommen, manchmal aber auch nur sanft angedeutet: Schon im ersten Gedicht „In der Oberlausitz“ werden die Schönheit und Fruchtbarkeit des Landstriches und sein innerer Verfall artikuliert:
Katholische Sachsen in Neschwitz
Wo der Samen aufgeht
Inmitten der fruchtbaren Böden
Gewässert vom Schwarzwasser.
… Hebammen sitzen auf
Gepackten Koffern, im Dorf
Ohne Kabelfernsehen
Wo die Nacht noch Lust
Und ohne Licht ist
Und Freiwillige am Tage
Im Mörtel rühren
Am Kindergarten neue Mauern
Hochzuziehen.
Erinnerungen an die aus Schlesien kommenden Flüchtlinge werden wach:
1946
Als die Deutschen aus Schlesien kamen
Vertriebene, die das Land erschlossen
Fleiß und Fruchtbarkeit
Im Gepäck
Aber noch immer zu unterscheiden sind…
Ralph Grüneberger setzt Paradoxon und Gegensätze geschickt in seinen Gedichten ein, die eher erzählerisch spröde und prosaisch wirken. Dichterische Form entsteht bei ihm durch den (etwas laxen) Gedankenfluss. Demnach fehlen oft Strenge und Maß. Alltag wird erzählt, poetisch und immer konkret mit sprachmächtigem Gestus, aber auch schlicht, verständlich und einprägsam. Grüneberger kehrt mit dem Besen der Sprache die muffigen Ecken von Menschen und Landschaften aus, die in Dumpfheit, Konsum und Lethargie zu versinken drohen. Das auch ist Dichters Aufgabe: Die Verödungen und Achtlosigkeiten des Lebens zu geißeln und dagegen Widerspruch anzumelden, auch wie wir miteinander umgehen und uns erinnern. Immer wieder macht er Lokalgeschichte lebendig und zieht eine Spur ins Gegenwärtige:
Loreley
Der Fährmann Bär, Erfinder des Muldenmarketings
Befuhr die Biegung bei Bahren, bot unterm Kluftberg
Lustfahrten für die nahen Pleißestädter an.
Warum auf dem Rhein schippern, wenn auch hier
Der Porphyrgipfel Loreley geheißen werden kann?…
Als die Kähne untergingen, an Land, waren auch
Die Fährmänner längst im Felde und keine Schönheit
Auf dem Wasserspiegel. Die Front verlief an der Mulde.
Das letzte Aufgebot sprengte die Fahrkähne weg.
Szenen aus dem Leben Bertolt Brechts, Grünebergers poetische Bezugsgestalt, an dem sich par excellence alles reibt, zeigen Grüneberger als minutiösen und lebendigen Dokumentaristen, der vieles plastisch und bis ins Detail zu schildern weiß, wie im Gedicht „Berlin, Januar 1955“ die Episode um den EMW Cabriolet. Fünf Zeichnungen und zwei Collagen von Karl Oppermann geben dem Band interessante und assoziationsreiche Blickpunkte.
Heinz Weissflog, Ostragehege, Heft 86, 10.12.2017
Weitere Beiträge zu diesem Buch:
Waler Neumann: „Die Saison ist eröffnet. Neue Gedichte“ von Ralph Grüneberger
dasgedichtblog.de, 13.9.2016
Axel Reitel: „Die Verbindung wird hergestellt“
kulturexpresso.de, 21.4.2017
Ralph Schüller: Wenn der Sommer ins Land zieht – Die Saison ist eröffnet
lyrikgesellschaft.de, 1.9.2016
Timo Brandt: Klare Kosmen – zu Ralph Grünebergers Gedichtband „Die Saison ist eröffnet“
lyrikpoemversgedicht.wordpress.com, 20.9.2017
Ralph Grüneberger Pressestimmen
ralphgrueneberger.de
Zum 75. Geburtstag des Autors:
Mann der Umwege
Leipziger Volkszeitung, 16.2.2026








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