Isabel Koellreuter und Franziska Schürch: Rainer Brambach – Ich wiege 80 Kilo und das Leben ist mächtig

Mashup von Juliane Duda zu dem Buch von Isabel Koellreuter und Franziska Schürch: Rainer Brambach – Ich wiege 80 Kilo und das Leben ist mächtig

Koellreuter und Schürch-Rainer Brambach – Ich wiege 80 Kilo und das Leben ist mächtig

„ICH SCHREIBE GEDICHTE“ 

LEBEN

 

Ich schreibe keine Geschäftsbriefe,
ich beharre nicht auf dem Termin
und bitte nicht um Aufschub.
Ich schreibe Gedichte.

 

Ich schreibe Gedichte auf den Rummelplätzen,
in Museen, Kasernen und Zoologischen Gärten.
Ich schreibe überall,
wo Menschen und Tiere sich ähnlich werden.

 

Viele Gedichte habe ich den Bäumen gewidmet.
Sie wuchsen darob in den Himmel.
Soll einer kommen und sagen,
diese Bäume seien nicht in den Himmel gewachsen.

 

Dem Tod keine Zeile bisher.
Ich wiege achtzig Kilo, und das Leben ist mächtig.
Zu einer anderen Zeit wird er kommen und fragen,
wie es sei mit uns beiden
.1

Rainer Brambach gehört zu den bedeutendsten deutschsprachigen Lyrikern der Nachkriegszeit. Seit dem Erscheinen seiner ersten drei Gedichte in den Akzenten 1954 wurden seine Texte in Anthologien und Schulbücher aufgenommen; dies ist bis heute so geblieben.

In seiner Heimatstadt Basel haben ihn viele gekannt, den Dichter Rainer Brambach. Sie haben den Tisch mit ihm geteilt in einer Beiz, sie haben mit ihm getrunken, sie haben mit ihm gelacht. Sie haben ihm zugehört, wenn er Gedichte rezitierte – auf der Bühne seine eigenen, zu später Stunde in einer Gaststube Gedichte anderer, die er liebte. Er erzählte Witze und machte aus einer banal erscheinenden Gegebenheit etwas Bemerkenswertes. Er hatte viele Freunde, nicht nur in Basel und in der Schweiz, auch in Deutschland. Wenn man sie heute nach Rainer Brambach fragt, erzählen sie von seinem Lachen, seiner Lebendigkeit, und sie beschreiben seine Präsenz: Er war nicht zu übersehen, auch wenn er gar nichts sagte.

Rainer Brambachs literarisches Werk ist überschaubar: Rund einhundertvierzig Gedichte und neunzehn kurze Erzählungen gab er zum Druck frei. Gemeinsam mit Freunden – zuerst mit Jürg Federspiel, später mit Frank Geerk – schrieb er weitere achtzig Gedichte.
Seine Gedichte und auch seine Prosatexte sind unverwechselbar: Sie sind ein Destillat, reduziert auf das Wesentliche, dabei wunderschön und glaubwürdig. In seiner kargen Sprache gelingt es Rainer Brambach, Bilder voller Farben zu skizzieren und dabei Empfindungen und Stimmungen auszulösen, so dass sich vor dem inneren Auge des Lesenden eine ganze Landschaft entfaltet.
Dank dieser Texte ist er bis heute gegenwärtig; durch sie hindurch erscheint ein facettenreiches Bild von Rainer Brambach: als Erdarbeiter und Gefangener, in der Figur des Narren. Züge von ihm finden sich in einem Findling, in einem Baum, in einem Bären. Manchmal hört man ihn fröhlich pfeifen, dann wieder begegnet man einem müden oder auch einem wütenden Rainer Brambach. 

In verschiedenen staatlichen Archiven finden sich Spuren aus seiner Kindheit, seiner Jugend und seinem Erwachsenenalter: Rainer Brambach, in Basel zur Welt gekommen, war der Sohn einer Berner Herrschaftsköchin und eines deutschen Klaviertechnikers. Wegen der Herkunft seines Vaters war auch Rainer Brambach für die Schweizer Behörden Deutscher. Als er sich um die Basler Bürgerschaft bewarb und sie ihm verweigert wurde, als er 1938 aus Basel ausgewiesen und später gar interniert wurde, befassten sich die Schweizer Behörden mit dem Ausländer Brambach. Die Beamten füllten Seite um Seite mit Informationen über den jungen Mann mit der abgebrochenen Malerlehre, der während seiner Inhaftierung im Interniertenlager Witzwil zum Erd- und später zum Gartenbauarbeiter wurde. Als Staatenloser wurde er auch nach seiner Freilassung in regelmäßigen Intervallen kontrolliert. Er musste über seine berufliche und private Situation Auskunft geben, bis sein rechtlicher Status rund sechs Jahre nach Ende des Krieges endlich geklärt wurde.
Nach Jahren unter behördlicher Beobachtung wechselt in den 1950er Jahren die Perspektive: Rainer Brambach, der Beschriebene, wird selber zum Schreibenden, zu einem großen Lyriker. Er war aber nicht nur Verfasser dieser schönen, klaren Gedichte, Rainer Brambach war auch ein begnadeter Briefeschreiber: Er schrieb seinem Freund und frühen Förderer Armin Mohler, über Briefe lernte er sein Vorbild Günter Eich kennen, über Briefe wuchs seine Freundschaft mit Hans Bender, einem Förderer, Vertrauten und Weggefährten. Viele dieser Briefe sind erhalten und im Deutschen Literaturarchiv in Marbach, im Schweizerischen Literaturarchiv in Bern und in Rainer Brambachs Nachlass in der Universitätsbibliothek Basel zugänglich. Entschlossen, ein Dichter zu werden, vertraute Brambach sich in den 1950er Jahren Günter Eich an und fand mit ihm und durch ihn zu einer eigenen Sprache. Doch auch andere Dichter und ihre Werke waren der Stein, an dem Brambach sich schliff. Über Hans Bender kam er in Kontakt mit der Avantgarde der deutschen Literaturszene und erhielt, noch bevor er überhaupt einen Band mit Gedichten veröffentlichte, bereits zwei wichtige Preise und auch Aufmerksamkeit.
Seinen Weg zum Dichter, den er mit seinem Brotberuf als Gartenbauarbeiter zu verbinden suchte, musste Rainer Brambach sich hart erarbeiten. Dabei war seine tägliche Arbeit weit mehr als nur eine Verdienstmöglichkeit, Rohstoff für Gedichte oder gar seine „Marke“ als Dichter: Sein Zugang zum Schreiben war der Tätigkeit eines Handwerkers ganz nahe. Brambachs Freund und Literaturvermittler Hans Bender schrieb darüber:

Er lebte mitten im Stoff, der zu kneten war. Er tat, indem er Gedichte schrieb, das Natürlichste und Einfachste, wozu sein Wesen und sein Talent ihn drängten.

Rainer Brambach hat nie eine Hochschule besucht. In der Literaturszene der Nachkriegszeit war er auch deshalb eine schillernde Figur. Doch ganz heimisch wurde er nicht inmitten der anderen Autorinnen und Lyriker: Die harte körperliche Arbeit absorbierte Kraft und Zeit, die ihm fürs Dichten fehlte. Es ist beeindruckend, wie er dennoch beharrlich bei seiner Leidenschaft blieb, auch in Zeiten, in denen ihm das Schreiben schwerfiel und er wiederholt in existentielle Nöte geriet. Rainer Brambach hat von seiner Substanz gelebt und daraus gedichtet: In jedem seiner Texte ist er enthalten, in jedem Gedicht hat er sich zur Disposition gestellt. 

Bereits ein Jahr nach Rainer Brambachs Tod 1983 gab Frank Geerk in Zeit wär’s: Gedichte und Prosa aus dem Nachlass Einblicke in unveröffentlichte Gedichte und Texte. 1989 stellte er darüber hinaus eine Gesamtausgabe zusammen, die mit einem dreiundzwanzigseitigen Nachwort unter dem Titel Heiterkeit im Garten im Diogenes Verlag erschien. Auch Hans Bender, der bereits zu seinen Lebzeiten engagiert für die Verbreitung von Brambachs Werk einstand, gab zum zwanzigsten Todestag 2003 zwei Publikationen heraus: In Freunde erinnern sich meiner präsentiert er den Lyriker anhand einer Auswahl von Gedichten, Briefen und einem persönlichen Nachwort. Im selben Jahr erschien unter seiner Federführung eine Gesamtausgabe von Brambachs Gedichten, wiederum im Diogenes Verlag.

Nur wenig und teilweise Widersprüchliches war allerdings in den bisher erschienenen Texten über Rainer Brambachs Jugend zu erfahren. Dieser Abschnitt seines Lebens erfährt in der vorliegenden Biographie besondere Aufmerksamkeit. Verschiedene Dokumente aus den Archiven und Zeitungen und vereinzelt auch die Erinnerungen von Freunden, Freundinnen und Verwandten geben ein Bild des Schweizer Lyrikers, das sich vor allem an seinem Werk orientiert. 

Rainer Brambach war ein ausgesprochen geselliger Mensch, eingebunden in eine Vielzahl von Freundeskreisen in Basel, im Schwarzwald, in Richterswil. Anekdoten und Erinnerungen ergänzen seine Lebensgeschichte. Sie ist nicht vollständig, weil nicht alle Abschnitte seines Lebens gleich gut dokumentiert sind: Rainer Brambach hat einen Teil seines Nachlasses, Briefe und eigene Texte, vor seinem Tod ausgewählt und geordnet. Dabei hat er auch vieles aussortiert. Die zur Aufbewahrung bestimmten Dokumente befinden sich heute in der Handschriftenabteilung der Universitätsbibliothek Basel. Private Erinnerungen bewahrte seine langjährige und letzte Lebensgefährtin Ulea Schaub auf. Am 23. Juli 2007 stürzte ein Kleinflugzeug in Basel ab, just auf ihr Haus. Der gesamte Dachstock ging in Flammen auf, mit ihm Fotoalben, Briefe und Dokumente von Rainer Brambach.

 

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Inhalt

– „Ich schreibe Gedichte“

– Das Haus in der Vorstadt

– „Niemand wird kommen“

– Flüchtling im eigenen Land

– „Ich wollte mir etwas Dunkles von der Seele schreiben“

– Die Suche nach dem „brambachantischen Ton“

– „Der Baum wächst“

– Marco Polo und Kneipenlieder: Gemeinschaftswerke

– „Dem Tod keine Zeile bisher…“

 

Anhang

Dank
Zeittafel
Personenverzeichnis
Anmerkungen
Werkverzeichnis
Quellenverzeichnis
Literaturliste
Bildnachweis

 

Der Lyriker Rainer Brambach

hinterließ rund 140 Gedichte und zwei Dutzend kurze Erzählungen: kein großes, aber ein außerordentliches, sehr eigenständiges und erfrischend unakademisches Werk. Der ehemalige Malerlehrling und spätere Gartenbauarbeiter war in der Literaturszene der Nachkriegszeit eine Ausnahmeerscheinung. Höhepunkt seines Schaffens waren die 50er und 60er Jahre, als seine Gedichte regelmäßig in der renommierten Literaturzeitschrift Akzente erschienen – neben Texten von Enzensberger, Bachmann, Celan, Canetti und anderen Größen dieser Zeit. Isabel Koellreuter und Franziska Schürch sichteten Erinnerungen von Kollegen und Weggefährten, Archivmaterial und Rainer Brambachs Textzeugnisse. Entstanden ist eine vielschichtige und lesenswerte Biographie über ein außergewöhnliches Leben und einen wortmächtigen Schweizer Lyriker.

Diogenes Verlag, Ankündigung, 2017

Rainer Brambach war Lyriker

und Gelegenheitsarbeiter. Er veröffentlichte Texte in renommierten Literaturzeitschriften und schlug sich mit Schreibblockaden herum. Er war gebürtiger Deutscher, wurde aus der Schweiz ausgewiesen und war schließlich staatenlos. Und Rainer Brambach schrieb Gedichte: unverstellt, melodisch und sinnlich. Die Biographie eines ungewöhnlichen Lyrikers; mit unveröffentlichten Texten.

Diogenes Verlag, Klappentext, 2017

 

Der existenzielle Dichter

– Zum 100. Geburtstag des Schweizer Dichters Rainer Brambach erscheint nun die allererste Biografie über ihn. Er war ein dichtender Autodidakt – viel dokumentarisches Material über ihn existiert nicht. –

LEBENSLAUF

 

Wasserfläche
Wasserwurzel
Wasserjunge
Wassermann
Wassergreis
Plumps!
Wasserringe
Wasserfläche.

„Lebenslauf“ heißt dieses Gedicht von Rainer Brambach aus dem Jahr 1977. In Variation zur liturgischen Bestattungsformel „Erde zu Erde, Asche zu Asche, Staub zu Staub“ wird darin das Element Erde gegen das Element Wasser getauscht. Der Mensch erscheint so als Wesen, das aus dem Wasser kommend wieder zu Wasser wird. Das verleiht den wenigen Worten eine quasi-religiöse Bedeutung. Ein typisches Beispiel für Brambachs Lyrik, die oft auf’s Existenzielle abzielt, ohne sich aufzuplustern.
Zugleich aber ist mit dem Gedicht „Lebenslauf“ rein faktisch natürlich noch nicht viel gesagt über die wechselvolle Biografie von Rainer Brambach, der sich als Einzelgänger Namen und Anerkennung erschrieb. Brambach, ein dichtender Autodidakt, machte nur wenige Worte über sich. In einem Vortrag vom 19. Februar 1962 – dem einzigen, den er je hielt – beschrieb er sein Leben einmal so:

Ich bin im Jahr 1917 in Basel geboren, besuchte während acht Jahren die Primar- und Sekundarschule und wurde – außer im Singen und Turnen – mit einem miserablen Zeugnis versehen zum staatlichen besoldeten Berufsberater geschickt, der mich und meinen Ausweis stirnrunzelnd betrachtete und nach wenigen Minuten herausfand, dass eine Flachmalerlehre das einzig richtige für mich sei.

 

Dokumentarisches Material ist verloren gegangen
Wer darüber hinaus mehr über den Schweizer Dichter erfahren will, kann nun die Biografie von Isabel Koellreuter und Franziska Schürch lesen, die allererste über den 1917 geborenen Rainer Brambach überhaupt: Aus Anlass seines 100. Geburtstags kommt sie sorgfältig recherchiert daher, sachlich im Ton und ohne zu viel Gefühligkeit. Zudem weisen Koellreuter und Schürch schon im Vorwort auf Lücken hin, die notwendig bleiben müssen: Teils, weil kein dokumentarisches Material existiert, teils, weil es von Brambach selbst und durch einen merkwürdigen Unglücksfall 2007 vernichtet wurde.

Private Erinnerungen bewahrte seine letzte Lebensgefährtin Ulea Schaub auf. Am 23. Juli 2007 stürzte ein Kleinflugzeug in Basel ab, just auf ihr Haus. Der gesamte Dachstock ging in Flammen auf, mit ihm Fotoalben, Briefe und Dokumente von Rainer Brambach.

Ein Flugzeugabsturz, der fast zeichenhaft wirkt – wie ein Nachhall auf den Tod Brambachs: Denn auch der Dichter starb am 13. August 1983 durch einen fatalen Sturz. Schon länger litt er unter Herzschwäche. Bei einem Ausflug kippte er dann plötzlich vom Fahrrad und war tot.
Den Tod hatte Rainer Brambach zuvor oft bedichtet. Sein Gedicht „Paul“, das an einen im Zweiten Weltkrieg gefallenen Schulfreund erinnert, gehört zu den bekanntesten seines Werks:

PAUL

 

Neunzehnhundertsiebzehn
an einem Tag unter Null geboren,
rannte er wild über den Kinderspielplatz,
fiel, und rannte weiter, den Ball werfend über den Schulhof,
fiel, und rannte weiter, das Gewehr im Arm über das Übungsgelände,
fiel, und rannte weiter, an einem Tag unter Null
in ein russisches Sperrfeuer…
… und fiel.

Brambach war der Sohn des deutschen Klavierbauers Franz Brambach und der Schweizer Köchin und Putzfrau Mina Brambach-Born, der 1917 in die Wirren des Ersten Weltkriegs hineingeboren wurde und in Basel in Armut aufwuchs. Die Mutter, die viele Gedichte rezitieren konnte, weckte wahrscheinlich früh sein Interesse für Sprache.

 

Viele Stolpersteine in der Biografie
Als Sohn binationaler Eltern musste sich Brambach dann dem komplizierten Schweizer Einbürgerungsverfahren unterziehen. Aufgrund seiner finanziellen Verhältnisse und seiner mangelnden Motivation als Malerlehrling blieb ihm die Schweizer Staatsbürgerschaft jedoch lange verwehrt. Was umso schwieriger für ihn war, als er wegen des Schweizer Verfahrens die deutsche Staatsbürgerschaft hatte aufgeben müssen.
Längst nicht der einzige Stolperstein dieser ungeraden Künstlerbiografie. Es folgten: Eine abgebrochene Malerlehre, ein Gefängnisaufenthalt, nachdem Brambach sich im Zweiten Weltkrieg dem Reichsarbeitsdienst verweigert hatte, dazu zwei gescheiterte Ehen. Ausgerechnet im Gefängnis aber wurde er zum leidenschaftlichen Leser, der Werke von Büchner, Céline, Cervantes, Hemingway, François Villon und anderen gierig verschlang.
Daneben, so betonen Koellreuter und Schürch, weckten aber auch Freunde Brambachs Literaturbegeisterung. Etwa Armin Mohler, der spätere Sekretär von Ernst Jünger, der den jungen Querkopf nach Kriegsende zu ersten Gedichten ermunterte:

Über das Feld im Morgenlicht
geht groß der Tod
und sieht mich nicht.

Die wichtigsten Freunde und Förderer aber waren für Rainer Brambach wohl Günter Eich und Hans Bender. Mit dem in der Nachkriegszeit berühmt gewordenen Eich, dessen minimalistische Gedichte er bewunderte, korrespondierte Brambach ab 1950 20 Jahre lang intensiv.
Doch vor allem Hans Bender unterstützte als Mitherausgeber der Literaturzeitschrift akzente den Dichter schon bald unermüdlich. Nicht genug, dass er zwölf Gedichte Brambachs bis 1983 in den Akzenten abdrucken ließ: Bender sorgte auch dafür, dass der Baseler Lyriker in Deutschland Verlagskontakte knüpfte und mit Preisen bedacht wurde.
Der Protegierte wiederum dankte es seinem Freund aus Köln mit einem Gedicht aus dem Jahr 1962, das den Titel trägt: „Brief an Hans Bender“. In Anspielung auf Bertolt Brechts „An die Nachgeborenen“, heißt es hier:

Für dich der Tisch, das Papier
und die verläßliche Feder –
für mich die Axt,
ich mag Trauerweiden nicht.
Was sind das für Bäume,
die zu Boden zeigen, Hans,
seit Straßburg neben mir unterwegs
auf dieser Erde.

Anders als viele Lyriker sonst war Rainer Brambach ein ungewöhnlich teamfähiger Dichter. Immer wieder veröffentlichte er auch Gemeinschaftsgedichte – etwa die „Trinklieder“ von 1974, die er zusammen mit Frank Geerk schrieb:

REBENLIED

 

Woher kommen die Geschichten,
woher kommen all’ die Lieder?
Singt und singt es immer wieder:
Dichter trinken, Trinker dichten.

Isabell Koellreuter und Franziska Schürch gelingt mit ihrer Brambach-Biografie eine interessante Studie über einen Außenseiter, dessen Dichtung einerseits ernst und andererseits sehr lebensbejahend war. Diese Dichtung ist nicht zuletzt eine Aufforderung, die Freude an der puren Existenz nicht zu vergessen.

Beate Tröger, Deutschlandfunk, 27.2.2017

Weitere Beiträge zu diesem Buch:

Manfred Orlick: Der „Gärtner-Dichter“
literaturkritik.de, 21.1.2017

Michael Luisier: Der Gartenarbeiter, der zum Dichter wird
SRF, 22.1.2017

Iris Meier: Die Basler Beizen waren Rainer Brambachs Zuhause
bz, 14.12.2016

Peter Burri: Erst verleumdet, dann gefeiert
Basler Zeitung, 10.1.2017

 

 

Der Schmerz bleibt und die Bilder gehen

– Über Rainer Brambach und Günter Eich. –

In einem seiner letzten Interviews hat Günter Eich sehr hellsichtige Sätze über den literarischen Nachruhm formuliert: 

Vielleicht ist Eich in Kürze passé… als was man mich nachher ansieht, ist mir egal. 

Eich hat leider Recht behalten. Zwar hatte man ihm anlässlich seines 100. Geburtstags im Februar 2007 posthum attestiert, er sei „der bedeutendste Dichter der Nachkriegsliteratur“ (Iris Radisch in der ZEIT), aber sein Werk ist in der literarischen Debatte der vergangenen Dezennien ignoriert worden. Sein Ruhm ist längst verblasst, seine Gedichte momentan so unauffindbar wie seine Grabstelle oberhalb des Bieler Sees. Er wurde 65 Jahre alt, sein Freund Rainer Brambach, der im August 1983 in Basel starb, ist nur ein Jahr älter geworden. Brambachs Œuvre wiederum, das dereinst selbst von Martin Heidegger bestaunt wurde, ist heute vollkommen vergessen. Diese beiden Dichterfreunde will ich hier vorstellen. Und beginne mit einem „Maulwurf“.

Ach und O sind zwei Gedichte, die jeder versteht. Und verhältnismäßig kurz, sie erfordern keine langjährige Übung im Lesen. Ob sie jedem gefallen, ist eine andere Frage, sie passen nicht, wenn man den schönen Götterfunken voraussetzt. Bravo oder bis bis wäre da viel besser, aber nicht so kurz. Jedenfalls führt Schwermut in die Anarchie, so einfach ist das. Entzückt verzehrt der Wolf sein Bein, das ihm ein Tellereisen abgerissen hat. Gesegnet sei der Tag, der mir Nahrung gab, ruft er. Eine tabula rasa ist besser als ein leerer Tisch, von der fabula rasa kam ich darauf, die Welt ist ein Druckfehler.

Wir gehen hier den Weg von der Schwermut in die Anarchie. Unsere Reiseführer sind Rainer Brambach und Günter Eich. Die beiden Dichterfreunde wählten unterschiedliche Techniken, um der Schwermut auszuweichen. Beide liebten die poetische Verweigerung, den Rückzug auf ein Terrain, auf dem die lyrische Konvention zerfällt. Brambach wählte die lyrische Direktheit und floh später vor dem Verstummen in übermütige „Kneipenlieder“. Eich sendete „Botschaften des Regens“, verbarrikadierte sich aber danach immer mehr hinter kryptischen Formeln, die das Konventionelle der Gedichtform von innen her zersetzten.

Ach und O sind zwei Gedichte, die jeder versteht.

Rainer Brambach und Günter Eich sind zwei Dichter, die nicht jeder versteht. Der eine kam aus der Verborgenheit, der andere aus dem Torf. Der eine liebte Maulwürfe, „weiße Krallen nach außen gekehrt“, der andere die „stille Arbeit im Garten“, die Bäume, die trinkfeste Geselligkeit und – mehr oder weniger unglücklich – die Frauen. Der eine widersetzte sich poetisch der „Sprache der Macht“, der andere wurde zum veritablen Deserteur. Rainer Brambach und Günter Eich: Zwei Dichterfreunde, die sich einig waren in der Skepsis gegenüber der gesellschaftlichen und der literarischen Ordnung. Der eine entzog sich allen akademisch aufgeblasenen Debatten, der andere zog es vor, „Unrecht zu behalten“, wie es das Gedicht „Timetable“ sagt. Das Misstrauen gegenüber den kulturellen Tonangebern, gegenüber der verführerischen Macht der Definitionen verband sie zwei Jahrzehnte lang.
Wenn Rainer Brambach voll scheinbarer Zuversicht pointierte: „Ich habe Bleibendes geschaffen“, dann meinte er nicht die Poesie, sondern den Gartenbau. Wenn Günter Eich ein Gedicht mit dem Titel „Zuversicht“ überschrieb, dann zielte er auf das zivilisatorische Minimum: 

In Saloniki weiß ich einen,
der mich liest.
Und in Bad Nauheim.
Das sind schon zwei.

Zwei Dichterfreunde also, die den Rückzug liebten, die rigide Selbstbegrenzung. „Endlich die Türen verschlossen, die Hähne auf Null gedreht“, heißt es bei Günter Eich. Und in einer Notiz: 

Die Sprache, die ich sprechen möchte, müßte verbergen.

Ein Gedicht der späten Jahre resümiert: 

Erfahrungen abdrehen…
man hat wenig Abwechslung.

Rainer Brambach antwortet mit derselben Bestimmtheit: 

Niemand wird kommen…
niemand wird kommen, der sagt:

 

Lehmgestalt, steig aus dem Graben,
ich habe deine Gedanken gehört.

Es geht in diesem Essay um zwei Dichterfreunde, die in der Lage waren, die eigene Zukunftslosigkeit auszuhalten. Ich will von Rainer Brambach und Günter Eich sprechen, von ihrem Weltgefühl der metaphysischen Bodenlosigkeit. Und beginne mit zwei programmatischen Gedichten.
Als ihn sein Freund Hans Bender im März 1961 um ein poetologisches Statement für eine Anthologie bittet, winkt Brambach ab. Er wolle nichts Theoretisches über Gedichte schreiben, antwortet er dem Freund, denn zwischen den Zeilen seiner Gedichte sei die Poetik schon deponiert. Und dennoch erschien 1962 in der von Hans Bender herausgegebenen Anthologie Widerspiel ein Statement Brambachs. Drei Jahre später, im August 1965, trägt Brambach diese Prosazeilen in einem Vortrag für das Studio Zürich als Gedicht vor: 

Ich schreibe keine Geschäftsbriefe,
ich beharre nicht auf dem Termin
und bitte nicht um Aufschub.
Ich schreibe Gedichte.

 

Ich schreibe Gedichte auf den Rummelplätzen,
in Museen, Kasernen und Zoologischen Gärten.
Ich schreibe überall,
wo Menschen und Tiere sich ähnlich werden.

 

Viele Gedichte habe ich den Bäumen gewidmet.
Sie wuchsen darob in den Himmel.
Soll einer kommen und sagen,
diese Bäume seien nicht in den Himmel gewachsen.

 

Dem Tod keine Zeile bisher.
Ich wiege achtzig Kilo und das Leben ist mächtig.
Zu einer anderen Zeit wird er kommen und fragen,
wie es sei mit uns beiden.

Das Bekenntnis zur Verbundenheit mit allen sinnlichen Vergnügungen und die demonstrative Confessio, das poetische Gespräch über Bäume fortzusetzen, ließen sich als Credo eines poetischen Hedonisten begreifen. Aber das gerät in der Schlussstrophe ins Wackeln. „Dem Tod keine Zeile bisher“: Was diese Verse verneinen, rufen sie herbei. Denn das Gespräch mit dem Tod hat Brambach schon früh gesucht, immer wieder sprach er von einem „nicht auszudeutenden Gefühl der Bodenlosigkeit“.
Dieses Weltgefühl eines Ausgesetztseins an Sterblichkeit und Kontingenz verbindet ihn mit Günter Eich, der seine „Botschaften des Regens“ sehr fatalistisch auslegte. Als ihm die Eingemeindung in den konformistischen Literaturbetrieb drohte, übte sich Eich in der Kunst der poetisch diskreten Aushebelung aller sinnstiftenden Weltbilder. Im Unterschied zu Brambach, dem erklärten Liebhaber der Bäume, die in den Himmel wachsen, präsentierte sich Eich als Spezialist einer lakonischen Negativität, der im Verborgenen die Äste absägt, auf denen die moderne Heilsgeschichte sitzt.
In seiner Prosaminiatur „Späne“ verweist Eich auf seine Poetik der Demontage: 

Wäre ich kein negativer Schriftsteller, möchte ich ein negativer Tischler sein.

Und 1964, in seinem Gedichtband Zu den Akten, zieht er sich im Gedicht „Huhu“ zurück in die vollkommene Unsichtbarkeit: 

HUHU

Wo die Beleuchtung beginnt,
bleibe ich unsichtbar.
Aus Briefen kannst du mich nicht lesen
und in Gedichten verstecke ich mich.

 

Den letzten Schlag
gab ich euch allen.
Mich triffst du nicht mehr,
solang ich auch rufe. 

In seinem Gedichtband Zu den Akten zog Eich einen Schlussstrich unter die naturfromme Poesie, auf die man ihn noch im Band Botschaften des Regens von 1955 festlegen wollte. Den von ihm erklärten Widerstand gegen die offizielle „Sprachlenkung“ transformierte er in poetische Versteckspiele wie eben in „Huhu“. Hier spricht ein Ich, das sich buchstäblich jeder Aufklärung verweigert. Schon der Ausruf „Huhu“ scheint bedeutungslos, entzieht sich jeder Interpretation. Fortan verweisen Eichs Gedichte in radikaler ästhetischer Negativität auf einen Zustand letztgültiger Ausgesprochenheit, in dem es nichts mehr zu sagen gibt.
Bereits in seinem 1955 publizierten Band Botschaften des Regens hatte Eich eine Rückzugsposition markiert. Die „Briefstelle“, auf die das gleichnamige Gedicht verweist, bleibt ohne Adressat. Der Dichter beschränkt sich auf Negationen. Keine störenden Kontakte zur Außenwelt soll es mehr geben, nur noch die stumme Korrespondenz mit den Dingen. 

BRIEFSTELLE

Keins von den Büchern werde ich lesen.

 

Ich erinnere mich
an die strohumflochtenen Stämme,

 

an die ungebrannten Ziegel in den Regalen.
Der Schmerz bleibt und die Bilder gehen.

 

Mein Alter will ich in der grünen Dämmerung
des Weins verbringen,
ohne Gespräch. Die Zinnteller knistern.

 

Beug dich über den Tisch! Im Schatten
vergilbt die Karte von Portugal.

Die lyrische Imagination produziert Bilder der Erinnerung an unvollendete Lebenspläne – denn „die ungebrannten Ziegel in den Regalen“ kann man durchaus als biografische Reminiszenz entziffern. Sie verweisen auf die Ziegeleien, die Eichs Vater nach der Jahrhundertwende ohne viel Erfolg betrieb. Auf den universalen Triumph des Schmerzes reagiert das Ich mit schroffer Kommunikationsverweigerung. Selbst die Landkarten mit einem Sehnsuchtsland („Portugal“) können keinen Trost mehr bieten. Sie sind vergilbt.
Andererseits: Im kleinen Kosmos der Dichterfreundschaft blühten die Gespräche. Für den trinkfesten Brambach war das Zusammensein „in der grünen Dämmerung des Weins“ geradezu eine Rettungsmaßnahme, die er mit den Jahren immer ausgiebiger nutzte. Zuerst mit Günter Eich, später auch mit Hans Bender und dem jungen Schweizer Autor Frank Geerk, mit dem er dann auch Kneipenlieder verfasste.
Aber wie hat alles begonnen, wie haben sich die Freunde kennengelernt? Im niederbayerischen Provinzflecken Geisenhausen, in dem Günter Eich von 1944 bis 1954 lebte, traf Anfang des Jahres 1950 Fanpost eines gewissen Rainer Brambach ein. Der junge Mann aus Basel hatte einige Gedichte Eichs in einer Zeitschrift entdeckt und teilte dem gerade als Hörspielautor berühmt gewordenen Kollegen seine Begeisterung mit. Daraus erwuchs dann ein Briefwechsel, der zu einer Lebensfreundschaft wurde. Im Mai 1951 kam es zu einem ersten Zusammentreffen in Basel, bald darauf besuchte Brambach zum ersten Mal seinen prominenten Kollegen in Geisenhausen. Aber wer hatte da eigentlich den berühmten Günter Eich aus der Reserve gelockt? 

Rainer Brambach, ein durch unterschiedlichste Berufe vagabundierender Lebenskünstler, wurde am 22. Januar 1917 in Basel geboren, als Sohn eines Klavierstimmers und einer Köchin, war also zehn Jahre jünger als Günter Eich. Sein Vater, der Klavierstimmer und Abkömmling einer Orgelbauerdynastie, war 1905 von Köln nach Basel gezogen und verfügte, so schreibt der Brambach-Freund Frank Geerk, über das „absolute Gehör“. Seine Mutter hatte als Herrschaftsköchin gearbeitet und stammte von einem Bauernhof in Niederbipp im Kanton Bern. Nach Ausbruch des Krieges hatte er sich dem Zugriff der deutschen Wehrmacht entzogen und eine abenteuerliche Vagabondage überlebt. Er floh mithilfe einer Freundin in die Schweiz, wurde dort mehrfach inhaftiert, setzte sich nach Paris ab und kehrte wieder in die Schweiz zurück, wo man ihn in ein Internierungslager steckte, woraus er Ende 1940 entlassen wurde. Beruflich hatte es Brambach zuerst mit einer Lehre als Flachmaler versucht, später dann als Torfstecher und Landarbeiter, danach als Chauffeur eines Bankiers. 1947 wurde er Mitarbeiter in einem graphischen Atelier. Schließlich fand er zu seiner Passion als Erdarbeiter und Gärtner.
Von dieser Passion spricht auch das Gedicht „In jenen Tagen“, das erstmals 1954, im allerersten Heft der Literaturzeitschrift Akzente veröffentlicht wurde – dank der Vermittlung von Hans Bender und Günter Eich. 

IN JENEN TAGEN

In jener Zeit, von der ich dir erzähle,
war ich ein Erdarbeiter, aß mein Brot am Zaun,
trug grobes Hemd, Manchesterhose, Garibaldihut,
und schneuzte meine Nase mit der bloßen Hand.

 

Es regnete im März, verdrossen
hob ich die Erde aus und stand
im Graben im August, Gesicht nach unten,
lautlose Staubgewitter über mir.

 

Wohl acht Etagen tiefer als der Maulwurf
schlug ich mit Wucht die Hacke in den Kies.
Im Stein glomm kaltes Feuer, Funken fuhren
gegen die Holzverschalung hin.

 

Der Schnee lag auf dem Erdwall dann beim Kabelziehen –
Dezember und ein Himmel aus Zement.
Da half nur noch die selbstgedrehte Zigarette,
der Burrus bleu, der ledern roch.

In seinem letzten Gedichtband Auch im April von 1983 hat Brambach dieses Bekenntnis wiederholt; in ebenso trotziger Unverzagtheit, was das Werk seiner Hände betrifft. Der Dichter „hat Bleibendes geschaffen“ – eine Treppe aus Granit und eine Trockenmauer. 

Ich mit meiner Prosa,
ich mit meinen Versen
und auch sonst einfach ich –
Aber jene Treppe aus Granit,
ihre zwölf Stufen,
die Unterzüge aus Kalkstein
und die Trockenmauer
doppelhäuptig, hüfthoch –
vor gut zwanzig Jahren
habe ich sie erstellt.
Ich war ein Gartenbauarbeiter,
ich habe Bleibendes geschaffen.

Aber ist es noch möglich, Bleibendes in der Dichtung zu erschaffen? Brambach zweifelte, ebenso Günter Eich. In dem Gartenbauarbeiter aus Basel entdeckte Eich jedenfalls einen geistesverwandten Melancholiker. Im Dezember 1950 schreibt Eich dem neuen Bekannten einen sehr offenherzigen Brief, worin er emphatisch von seinem bayerischen Refugium „am Rande der Welt“ berichtet: 

Lieber Rainer Brambach,        21. Dezember 1950

 

Sie sind doch ein rührender Mensch, denn eigentlich wärs ja an dem faulen Schriftsteller, diese Kunstgewerbedrohne, dem Stein- und Erdarbeiter Weihnachtspäckchen zu schicken. Aber wir wollen das natürlich nicht als sozialen Ausgleich ansehen, sondern als ein Zeichen von Freundschaft. So also haben Sie mich herzlich erfreut und ich trinke also Ihren Kaffee, esse Ihre Schokolade, kleide mich in Ihre Socken und lese Ihre Bücher…
Was Rilke betrifft, so stimme ich mit Ihnen überein (– außer darin, daß ich ihn dennoch für einen bedeutenden Dichter halte –). Von seiner Dünnblütigkeit abgesehen, ein solches Dasein für die Kunst erscheint mir frevelhaft und hochmütig, ja es hat für mich Züge von Komik, – bei seinen Nachfahren ist das noch gesteigert. Wie kann man auch von einem Dichter ausgehen, der selber ein später Abglanz war! Am unausstehlichsten finde ich die Ästhetik seiner nach Ewigkeit schielenden Briefe. Da tut einem der Magen weh wie nach zuviel Konditorware. Man soll Kunst nicht so humorlos ernst nehmen. Wenn sie sich nichts vom Spiel bewahrt hat, ist es schlecht mit ihr zu leben.
Übrigens muß ich mich neulich sehr missverständlich ausgedrückt haben. Ich meinte nicht Entscheidungen Ihres oder meines persönlichen Lebens, sondern die inneren Entscheidungen der Welt, die man vielleicht nicht benennen und erkennen kann, die aber ein Kraftfeld haben, dem man sich nicht entziehen soll. In diesem Sinne, wollte ich sagen, liegt Geisenhausen idyllisch am Rande der Welt…
Gute Weihnachten! Und kommen Sie gut ins neue Jahr. Mit Dank und herzlichen Grüßen,
Ihr Günter Eich.

Weitere Beispiele aus diesem Briefwechsel sind in Roland Berbigs kürzlich erschienener Günter-Eich-Biografie zu finden. Der komplette Briefwechsel liegt aber bis auf weiteres im Literaturarchiv Marbach. Eine geplante Briefausgabe ist nach einem Zerwürfnis zwischen Axel Vieregg, dem Herausgeber der Eich-Werkausgabe, und dem Suhrkamp Verlag bis heute nicht zustande gekommen.
Das Werk der beiden Autoren ist schmal. Von Brambach sind gerade einmal 140 Gedichte überliefert, vier Gedichtbände in vierzig Jahren lyrischer Produktion. Günter Eich war nur in seiner frühen Periode schreibwütig, als er während der NS-Diktatur zu einem viel beschäftigten Funkautor aufstieg.
Brambach, der melancholische Vitalist, wollte der ihn bedrängenden Einsamkeit und der Philosophie der Trostlosigkeit entkommen, indem er den Naturstoff feierte. Er war erfasst, so schreibt Hans Bender über ihn, „von den naturmagischen Einflüssen, doch für ihn waren Natur, Landschaft, Flora und Fauna – was also andere Dichter am Schreibtisch erzeugten – unmittelbare Umgebung. Er lebte mitten im Stoff, der zu kneten war.“
Aber auch „mitten im Stoff“ konnte ihn die sinnliche Gewissheit des Alleinseins überfallen. Davon spricht das Gedicht „Das Ende von Etwas“, das sich den Titel von einer Kurzgeschichte Ernest Hemingways geborgt hat. Zwei Menschen sitzen an einem Tisch in einem Gasthaus einander gegenüber, eine unspektakuläre Szene. Sie mögen einige Zeit zusammengewesen sein, als Freunde oder als Liebende. Doch es hat sich etwas verändert, es ist etwas zu Ende gegangen, das schöne, innige Einverständnis. „Das Glas Wein auf dem Tisch“, schreibt Brambach dazu, „wird zum Brandmal, es dient nicht mehr dazu, Geselligkeit zu fördern, hier wird es zum Zeichen der Vereinsamung“. 

DAS ENDE VON ETWAS

 

Du hattest ein Lachen im Hals.
Ich das Weinen.
Im Glas,
das Brandmal auf schäbigem Plüsch,
saßen wir ohne Aufsehn.
Wie man öffentlich sitzt.
Teegesicht Heilsarmee sang
O Vater Booth, Sonnenschein, Himmel
und Jugendstilkasse
die zum Schrott fuhr –
das Lokal ist umgebaut,
schmiedeisern.

 

Totsein überzeugt durch Schweigen,
und sicher lachst du noch immer mich
immer mich kommt ein Weinen an, manchmal.

 

Nicht deinetwegen.

In eine noch tiefere Einsamkeit führt das Gedicht „Niemand wird kommen“. Möglicherweise hatte Brambach gerade Kafka gelesen, nämlich die Erzählung „Der Jäger Gracchus“, in dem der tote Protagonist die „Freitreppe ins jenseits“ betritt: „Niemand wird lesen, was ich hier schreibe“, sagt bei Kafka der tote Jäger Gracchus, „niemand wird kommen, mir zu helfen; wäre als Aufgabe gesetzt mir zu helfen, so blieben alle Türen aller Häuser geschlossen, alle Fenster geschlossen, alle liegen in den Betten, die Decken über den Kopf geschlagen, eine nächtliche Herberge die ganze Erde.“ Und wie eine freie Variation dieser Evokation eines Zustands der Verlorenheit klingt Brambachs Gedicht: 

NIEMAND WIRD KOMMEN

 

Niemand kam über das Feld.
Nur Regengewölk, Wind.
Niemand wird kommen, der sagt:

 

Lehmgestalt, steig aus dem Graben,
ich habe deine Gedanken gehört.
Gehe! Die schöne Welt erwartet dich.

 

Niemand ruft: He, noch nicht unterwegs?
Dein Freibrief ist gültig,
leicht lesbar die Schrift der Redlichkeit.

 

Ich sah als Kind auf dem Jahrmarkt
den Tanzbären sich drehen,
hielt mich später am Tage versteckt,
kenne einige Gefängnisse inwendig
und auswendig die Sprache der Henker.

 

Niemand, Regengewölk, Wind.

An die Erwartung, dass „niemand kommen wird“, um den Verlorenen aus seiner Vereinzelung zu lösen, knüpfen auch die folgenden Brambach-Gedichte an, die aus dem 1977 erschienenen Band Wirf ein Münze auf stammen. Zunächst ist da ein Poem über die „Generation 1917“, die auf den Schlachtfeldern des Zweiten Weltkriegs verblutete. Über einen Jugendfreund, der bei der Belagerung Stalingrads gestorben war, schrieb er das Gedicht „Paul“, das dem Schweizer Autor Jürg Federspiel gewidmet ist und als Antikriegs-Gedicht Eingang gefunden hat in viele Lesebücher: 

PAUL
Für Jürg Federspiel

 

Neunzehnhundertsiebzehn
an einem Tag unter Null geboren,

 

rannte er wild über den Kinderspielplatz,
fiel, und rannte weiter

 

den Ball werfend über den Schulhof,
fiel, und rannte weiter

 

das Gewehr im Arm über das Übungsgelände,
fiel, und rannte weiter

 

an einem Tag unter Null
in ein russisches Sperrfeuer

 

und fiel.

Das Gedicht „Ein Tag unter vielen“ führt uns dann noch einmal zu Günter Eich. 

EIN TAG UNTER VIELEN

 

An Schlachthausfenstern
blühen die Geranien,
und jemand, der mich haßt,
zieht seinen Hut und grüßt –
Um sieben
schlägt es sieben, weiter nichts.
Es wird die Nacht
mich an die Lampe zwingen.

Denn wenn hier an Schlachthausfenstern die Geranien blühen, wird die Büchnerpreisrede Eichs vom Oktober 1959 aufgerufen. Darin hatte Eich für eine Poetik der Frage plädiert und den Widerstand der Poesie gegen die manipulative Sprachlenkung gefordert: 

Ich optiere für die Frage, für die Kritik,… für einen Typus von Schriftsteller, der Fragen und in Frage stellt… Aber es gibt keine Fragen mehr, und keine Fenster, die sich öffnen lassen. Nichts steht in Frage, es ist alles beantwortet, von der Schwangerschaft bis zur Hinrichtung. Es gibt nur noch Antworten, sie werden mit Mengenrabatt abgegeben, so billig, daß man den Eindruck haben muß, es lohne sich nicht zu fragen…
Wenn es um Antworten geht, ist die Macht freigebig… Schiebt aber jemand die Papierblumen beiseite und entdeckt dahinter das zum Abfall Geworfene, das Gute, das Wahre, das Schöne, Glaube, Hoffnung und Liebe, geschunden und im Schmutz, entdeckt er das und fragt, was da vor sich gehe, so ist er destruktiv, ein Nihilist und wühlt im Unrat…
Es wird Ernst gemacht, die perfekt funktionierende Gesellschaft herzustellen. Wir haben keine Zeit mehr, Ja zu sagen. Wenn unsere Arbeit nicht als Kritik verstanden werden kann, als Gegnerschaft und Widerstand, als unbequeme Frage und als Herausforderung der Macht, dann schreiben wir umsonst, dann sind wir positiv und schmücken das Schlachthaus mit Geranien. Die Chance, in das Nichts der gelenkten Sprache ein Wort zu setzen, wäre vertan.

Als dann 1968 die Prosasammlung Maulwürfe erschien, glaubten viele verwirrte Rezensenten, der Dichter Eich sei in den kalauernden Unsinn desertiert. Niemand vermochte schlüssig zu erklären, warum sich der einst lesebuchfähige Eich hinter geheimnisvolle Wörter und kryptische Formeln zurückzog; Wörter wie „Lazertis“, „Fischbeinschwäche“ oder „Hortisilur“, Wörter also, die keinerlei Referenz auf gesellschaftliche Wirklichkeit mehr anzustreben schienen, sondern nur noch suggestive Klangreize ausstrahlten. Aber auch diese kryptischen Fügungen haben ihr eigene Bedeutungsgeschichte. „Hortisilur“ verweist zum Beispiel auf das lateinische „hortus“, den Garten, und auf die Gesteinsformation „Silur“. Eine Flucht in den kalauernden Unsinn hat es bei Günter Eich nie gegeben. Allerdings einen immer stärkeren Widerstand gegen jede dekorative Ausführlichkeit.

Ich bin eher graphisch, schwarz-weiß, bin fürs Weglassen, für die Abkürzung, fürs Stenogramm, meine, dass jedes Gedicht zu lang ist, habe nichts für Schmuck übrig und für malende Adjektive, kurzum, ich bin gegen das, was man landläufig poetisch nennt.

Sind Eichs Gedichte also verständlich, oder nicht? Vielleicht entscheiden wir uns hier für eine Zwischenlösung. „Verständlich und nicht“, heißt ein Gedicht aus dem Band Zu den Akten, und auf die Frage, welcher Seite man denn zugeneigt sei, dem „verständlich“ oder dem „nicht“, respektive dem „nicht verständlich“, kann man sich diplomatisch verhalten und postulieren: Wir entscheiden uns für das „und“. Denn tatsächlich hat Eich gleich in zwei Gedichten für das „Und“ plädiert. Das „Und“ ist ein hilfreiches Bindewort, eine Konjunktion, die Verknüpfungen herstellt, das „Und“, glaubt Eich, „macht die Welt begreiflich“, es sorgt für überraschende, auch unerwartete Verbindungen und erspart Begründungen. Wir bleiben also dabei: „Verständlich und nicht“.

UND

 

Nebel Nebel Nebel
und in den Ohren
Haare, eine
unverbindliche
Freundlichkeit
und
und
Rajissas süßes Gelächter.

 

Was zusammengehört,
eine Erfahrung,
was mit und zusammengehört
nur mit und,
keine Begründungen.

 

Das wird anhalten
wenn mir das und nicht
mit den andern Wörtern entfällt.
Es reicht, es reicht, danke, es reicht. 

Michael Braun, Ostragehege, Heft 73, 2014

 

 

Fakten und Vermutungen zu Isabel Koellreuter
Fakten und Vermutungen zu Franziska Schürch

 

Fritz Billeter: Begegnung mit Rainer Brambach
DU, Heft 3, März 1962

Am Rande der Welt Roland Berbig im Gespräch mit Michael Braun über den Briefwechsel von Günter Eich mit Rainer Brambach

Zum 100. Geburtstag von Rainer Brambach:

Felix Philipp Ingold: Gartenbau und Wortarbeit

Erich Hackl: „Ich habe die Erde bebaut“
Die Presse, 20.1.2017

Manfred Orlick: Der „Gärtner-Dichter“
literaturkritik.de, 21.1.2017

 

Fakten und Vermutungen zu Rainer Brambach + Instagram + Archiv 1, 23 + IZA + KLGKalliope
Porträtgalerie: Brigitte Friedrich Autorenfotos

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