Peter Braun und Martin Straub (Hrsg.): Ins Innere. Annäherungen an Franz Fühmann

Mashup von Juliane Duda zu dem Buch von Peter Braun und Martin Straub (Hrsg.): Ins Innere. Annäherungen an Franz Fühmann

Braun und Straub (Hrsg.)-Ins Innere. Annäherungen an Franz Fühmann

FRANZ FÜHMANN. EIN FREMDLING IN SEINER WAHLHEIMAT DDR

Franz Antonia Josef Rudolf Maria Fühmann – Dichter, Nacherzähler und Herausgeber, Lyriker und Kinderbuchautor und auch zeitweiliger Funktionär – war zeit seines Lebens ein Suchender, der seine mehrfachen Wandlungen in jeder Faser seines Körpers durchlebte und in einzigartiger Weise literarisch aufgearbeitet hat.
Der 1922 als Sohn eines Apothekers in Rochlitz an der Iser (heute Rokytnice nad Jizerou) geborene Franz Fühmann gehörte einer Generation an, die „über Auschwitz zum Sozialismus gekommen ist“.1 Zunächst einmal bestimmten jedoch Jesuitendrill und Nazijugend, Wehrmacht, Krieg und sowjetische Gefangenschaft sein Leben, Fühlen und Denken. Ende 1949 als glühender Stalinist aus sowjetischer Kriegsgefangenschaft entlassen, ging Franz Fühmann in die gerade gegründete DDR. Sie verkörperte für ihn fortan jenes Andere, „das den Menschen auch nach Auschwitz nicht aufgab, weil es immer das Andere zu Auschwitz ist“.2
Wir wollen hier von Franz Fühmanns Leben und Arbeiten in der DDR berichten, die er selbst als seine sozialistische deutsche Wahlheimat bezeichnet hat. Vornehmlich von seinen Wandlungen: seinen Illusionen beim Eintritt in die dort entstehende neue Gesellschaft als einen Eintritt ins Reich vollkommener Gerechtigkeit, Menschlichkeit und Demokratie, von Franz Fühmanns tragischem Ringen, den Widerspruch zwischen Doktrin und Dichtung zu überwinden und der viel zu kurz geratenen zweiten Hälfte seines Dichterlebens. Als wichtige Quellen dienen uns hierbei einerseits die autobiographischen Passagen in Fühmanns Buch Vor Feuerschlünden,3 andererseits die umfangreichen Akten der Staatssicherheit zu Franz Fühmann.4 Doch so sehr sich Fühmann um Wahrhaftigkeit bemüht haben mag und so akribisch die Sicherheitsorgane gearbeitet haben mögen – müssen wir uns immer bewusst halten: Zwischen dem, was textlich erfasst, bzw. gestaltet ist, und dem, was sich historisch zugetragen hat, bleibt immer ein uneinholbarer Rest.
Im Mittelpunkt unserer Darstellung steht die Entwicklung des literarischen Intellektuellen Franz Fühmann, weniger seine Texte selbst. In ihnen zeigen sich die Risse und Widersprüche seines Lebens noch einmal anders und oftmals früher. Verbunden damit wird der Frage nachgegangen, ob Franz Fühmann, wie sein Landsmann, der Dichter Georg Trakl, letztendlich das Paradoxon eines „unlebbaren Lebens“ in einer selbstgewählten sozialistischen Gesellschaft gelebt hat, in der er wegen seiner Wandlungen immer mehr ein Fremdling wurde.

 

1. Die Welt lag im Licht, und ich schritt ihr entgegen, endlich ins richtige Glied eingereiht5

Im Labyrinth der Kriegsereignisse des Mai 1945 begann Franz Fühmanns lange andauernder Wandlungsprozess.6 Anders, als bei seinem zweifelhaften Versuch gedacht, sich als überzeugter Nazi und Wehrmachtssoldat zu den Amerikanern durchzuschlagen, geriet er „im Bewußtsein individueller Schuldlosigkeit“7 in sowjetische Kriegsgefangenschaft. Während des Verhörs durch einen russischen Kommissar überkommt ihn Verzweiflung und Todesangst.

Sollten sie mir eine Kugel durch den Kopf schießen oder einen Strick um den Hals hängen, wenn nur Schluß war, nur Schluß mit allem. Ich hob den Kopf und sagte laut: „Ja, ich war in der SA“.8

Die sowjetischen Genossen schickten den Wojennoplenny (russ. Kriegsgefangenen) Fühmann in eines der vielen Gefangenenlager in den Weiten Sibiriens. Quälender Hunger, harte Arbeit in einem Bleibergwerk, keine Verbindung zu den Verwandten, eine völlige Ungewissheit über die Zukunft prägten dort den Alltag der deutschen Kriegsgefangenen.
Der Reue und Eifer beweisende junge Mann, der nach seinem Notabitur bis dato nichts anderes gelernt hatte „als ein Maschinengewehr [zu] bedienen und [zu] gehorchen und Befehle auszuführen“,9 wurde 1947 Schüler in einer der zahlreichen Antifa-Schulen in der Sowjetunion, in denen ehemalige Nazis für die sozialistische Sache begeistert werden sollten.10 Franz Fühmann erwies sich dort als ein äußerst gelehriger Schüler, der von Gier nach dem Neuen, dem Unerhörten getrieben ist, „da das Alte geendet war“.11 Auch noch Jahrzehnte später erinnerte sich Fühmann an seine Zeit in dieser Umerziehungsanstalt „als das kostbare Glück eines Neubeginns“.12
Die dort vermittelten Ideen von Marx, Engels und Lenin in einer durch Stalin geformten Gestalt wurden zur Allzweckwaffe erklärt, mit der sich im Handumdrehen die kompliziertesten Probleme lösen ließen. Alles wurde in ein duales Koordinatensystem gepackt, „worin die soziale Zuordnung eindeutig alle Werte bestimmte, insbesondere den moralischen.“13 Franz Fühmann war seinen Lehrern dankbar, klärten sie ihn doch nach eigenem Bekunden nicht nur über Kriegsschuld und Judenverfolgung auf, sondern wiesen ihm zugleich einen Ausblick in eine sinnreiche Zukunft. Diese Zukunft hieß für ihn Sozialismus, und sie führte ihn „nicht zu irgendeinem Sozialismus der Haltung oder der Idealität, sondern zu eben dem in staatlicher Gestalt existierenden Sozialismus, dessen entscheidende Leistung eben jene der Eigentumsumwälzung gewesen ist. Sie ist das Primäre, und in diesem Sinn ist der schlechteste Sozialismus besser als der beste Kapitalismus.“14
Wie weit Franz Fühmanns Umerziehung bereits im Sommer 1947 fortgeschritten war, geht aus dem Abschlussbericht des von ihm besuchten Halbjahreskurses in der Zentralschule in Noginsk bei Moskau hervor.15 Dort heißt es: FÜHMANN hat viele Voraussetzungen für die Entwicklung und Herausbildung zu einem gebildeten Marxisten.16
Die sowjetischen Genossen hielten es für angebracht, den Wojennoplenny Fühmann fortan auf kulturell-theoretischem Gebiet oder als Assistent in der Antifa-Schule einzusetzen:

Durfte ich einer der Ihren werden, ich, Sohn des Ortsgruppenleiters und Fabrikanten,17 nahm mich die Klasse der Zukunft auf? Ich begehrte es aus ganzem Herzen, ich begehrte, mich in ihren Zug zu reihen, mit der Blechflasche am Gürtel, die ich nun schön fand, schön wie alles, was dieser Klasse entstammte, der anzugehören ich mich sehnte, und plötzlich ergriffen mich all die Vokabeln, die ich erst hier auf der Schule gehört und als befremdliche Fachsprache empfunden, mit einer magischen Gewalt: „Klasse“; „Klassenkampf“; Revolution; „Proletariat“.18

Als Assistent und später sogar Lehrgruppenleiter gab er „mit großem Eifer und mit ausgeprägtem Pflichtgefühl“,19 wie es in seiner Abschlussbeurteilung heißt, die gerade erst erworbenen neuen Gewissheiten und Überzeugungen bis 1949 an seine Schüler in der Zentralschule im Lager 2040 in Ogre/Lettland weiter. Seither verfocht der noch ganz frische Konvertit eine Weltanschauung, die nicht den kleinsten Widerspruch duldete. Mit dieser Einstellung unterrichtete er zur größten Zufriedenheit der Lagerleitung bis zum November 1949 deutsche Kriegsgefangene im Fach Marxismus-Leninismus. Belohnt mit einer makellosen Auskunft-Charakteristik, gewissermaßen einem Empfehlungsschreiben an die deutschen Genossen, wurde Franz Fühmann Ende 1949 aus der Kriegsgefangenschaft in die gerade erst gegründete DDR entlassen. Die sowjetischen Genossen bescheinigten ihm nicht nur „vollständig mit seiner faschistischen Vergangenheit gebrochen“ zu haben, darüber hinaus hielten sie ihn für befähigt, „mit Erfolg in leitender Tätigkeit sowohl in der zentralen Presse der SED als auch im Kulturbund oder in der Gesellschaft für deutsch-sowjetische Freundschaft zu arbeiten.“20

 

2. Es war mir ernst mit der Doktrin, hinter der ich noch durch die verzerrtesten Züge das Gesicht der Befreier von Auschwitz sah21

Mit dem Rüstzeug eines „Neophyt[en], mit all den Eigenschaften dieser Gattung“,22 kam Franz Fühmann kurz vor Weihnachten 1949 in den Osten Deutschlands, wo „sich das Volk nun seinen eigenen Staat“23 schuf, wie es in seiner Erzählung Das Judenauto nachzulesen ist. Bis zu seinem Lebensende wird er dem von ihm öffentlich apostrophierten antifaschistischen Teil Deutschlands die Treue halten.
„Nun Bürger der Deutschen Demokratischen Republik“, sah Franz Fühmann seinen Platz in der SED.24 Doch im Unterschied zu rund 160.000 anderen ehemaligen NSDAP-Mitgliedern, die nach 1945 entgegen dem antifaschistischen Gründungsmythos SED-Mitglieder werden konnten,25 blieb dem Apothekersohn Franz Fühmann dieser Karriereweg versperrt. Ihn sah die ,führende Kraft‘ zwischen Rügen und Vogtland viel besser in der bereits 1948 gegründeten Nationaldemokratischen Partei Deutschlands (NDPD) aufgehoben. Diese sogenannte Blockpartei26 stellte ein Sammelbecken für geläuterte Nazis, ehemalige Wehrmachtssoldaten und sich national verstehende Konservative dar. Als ,Blockfreunde‘ sollten diese Parteimitglieder zunächst die SED bei der Bewältigung nationaler Aufgaben wie etwa der damals noch angestrebten Errichtung eines einheitlichen antifaschistisch-demokratischen Deutschlands unterstützen.
Franz Fühmann fand seine politische Heimat nicht nur in der NDPD, sondern trat dort auch „in die Siele der politischen Arbeit“27 ein und machte fortan als Parteiarbeiter im Zentralvorstand seiner Partei in Ostberlin und als Schriftsteller das, was von ihm verlangt wurde. Stets ging er dabei seine Aufgaben mit einem atemberaubenden Optimismus, gepaart mit großem persönlichem Ehrgeiz, an. Für Franz Fühmann verstand es sich von selbst, als Funktionär und Schriftsteller – beides wollte er sein – all sein Schreiben und Trachten einem besseren Deutschland zu widmen.
Innerhalb kürzester Zeit stieg Franz Fühmann in seinem Hauptberuf als NDPD-Funktionär vom persönlichen Referenten des stellvertretenden Parteivorsitzenden Vincenz Müller zum Kandidaten des Parteivorstands (Hauptausschuss) auf.28 Auf dem IV. Parteitag seiner Partei im Juni 1952 hielt er bereits ein kulturpolitisches Grundsatzreferat. Wie in seinen Artikeln in der Nationalzeitung, der Parteizeitung der NDPD, die auch im Zentralorgan der SED hätten stehen können, sprach er in voller Überzeugung auf dem Parteitag davon, dass in Europa durch die amerikanische Intervention in Korea die Gefahr eines neuen Krieges gewachsen sei:

In ernster Stunde sprechen wir heute über Fragen unserer nationalen Kultur. Adenauer hat den Generalkriegsvertrag und den Vertrag über die Verhökerung der westdeutschen Jugend an das Söldnerheer des vereinigten westeuropäischen Rückschritts unterzeichnet.29 In den Straßen von Essen ist Blut geflossen; das Leben Philipp Müllers wurde ausgelöscht.30 Es war ein Herz, das amerikanische Kugeln durchbohrten; aber das Gewehr des amerikanischen Krieges zielt auf das Herz unserer ganzen Nation.31

Bei seinem Furor gegen westliche Dekadenz wurden selbst Jean-Paul Sartre und Salvadore Dalí zu Handlangern des Imperialismus abgestempelt.
Seine eigenen Gedichte in den frühen 1950er waren durchdrungen von der Gegenwart des „ewig lebenden Genius Stalin“. So schrieb Franz Fühmann beispielsweise für die dritten Weltfestspiele der Jugend und Studenten im Sommer 1951 in Ostberlin ein Gedicht mit dem Titel „Chor der Komsomolzen“. Darin heißt es:

Sie sind so jung. Viel tausend Jahre
lang sammelte die Menschheit Licht,
zu schaffen dieses wunderbare,
im Siegen sichere Gesicht.
Sie waren ungeformtes Leben,
da Rußland Leningrad gebar;
doch wenn sich ihre Stimmen heben,
naht der Oktober uns ums Haar;
und Manifest wird, was sie singen,
für die gereifte Welt verfasst:
An alle! Ihre Lieder klingen,
und Stalin ist bei uns zu Gast
.32

Ähnliche Gedichte, man denke nur an die Stalin-Hymnen von Stephan Hermlin und Johannes R. Becher, waren damals durchaus an der Tagesordnung.33
Während der großen Formalismus-Realismus-Diskussion in den frühen 1950er Jahren, die wie alle Kunstdebatten in diesem Land ideologisch aufgeladen waren, kämpfte Franz Fühmann getreu der Doktrin der Schdanowschtschina (Name der nach Andrej Schdanow benannten und von ihm in seinen letzten Lebensjahren angeführten repressiven Kulturpolitik) gegen jegliche Erscheinungen des Formalismus bzw. der Dekadenz in der Kunst und damit gegen all das, was sich nicht geradlinig ins kulturelle Erbe überführen ließ. In der Zeit dieses Kulturkampfes las er zwar Gedichte von Georg Trakl und Gottfried Benn, die er entgegen offizieller Lesart für ernstzunehmende Dichter hielt, womit er „in völligen Widerspruch zur kulturpolitischen Ausrichtung“34 geriet. Als Funktionär verbot sich Franz Fühmann aber, solche Gedanken zu denken oder gar öffentlich auszusprechen.35 Es sollte noch etliche Jahre dauern, bis er die kulturpolitischen Vorgaben der SED nicht mehr als für sich gültige Handlungsanweisungen verstand.
Zunächst einmal lag vor dem linientreuen Franz Fühmann eine glänzende Zukunft, nicht nur in seiner Partei, sondern auch auf dem literarischen Feld. So wurde er bereits 1951, ohne bis dahin ein eigenes Buch vorgelegt zu haben, in den Schriftstellerverband aufgenommen und zwei Jahre später sogar in den Vorstand des Verbandes gewählt. Zu Franz Fühmanns frühen, heute kaum noch bekannten Arbeiten gehören die beiden Gedichtbände Die Nelke Nikos (1953) und das Poem Die Fahrt nach Stalingrad (1953). Wie viele andere Schriftsteller in der noch jungen Republik sah auch Franz Fühmann seine Aufgabe darin, aufbauende Verse zu schreiben, die das erreichte ,Gute‘ rühmten und Zuversicht auf das noch zu erreichende ,Bessere‘ geben.36 Seine Arbeiten aus dieser Zeit lesen sich wie Texte eines beflissenen Konvertiten, der sich, mit Fühmanns Biograph Gunnar Decker gesprochen, verpflichtet fühlt, „den Kleinen Katechismus des Stalinismus herunterzubeten“.37

 

3. Kritisch mit meiner Vergangenheit beschäftigt, nahm ich kaum wahr, wie ich meiner Gegenwart auswich38

Als Funktionär der NDPD war Franz Fühmann unaufhörlich mit Agitationsarbeit, Schulungsreferaten, Diskussionen über Tagesprobleme und Fragen politischer Teleologie beschäftigt. Es erinnert an Bertolt Brechts Erfahrungen in der DDR, wenn er von den Genossen mit den engen Stirnen spricht, hinter denen der Frieden wohnt. So  fern Franz Fühmann angesichts des politischen Tagesgeschäfts noch Zeit blieb, kreisten seine Gedanken um ,wahre Dichtung‘, die er „als grundsätzliche Abkehr von aller Lüge unseres verfluchten Vergangenen“ verstand. Wahre Dichtung, so Franz Fühmann damals, war nur möglich, wenn sie sich dem Postulat der Parteilichkeit unterwarf. Probleme und Konflikte von Zeitgenossen mit der Staatsmacht in seiner neuen Wahlheimat blendete er lange Zeit aus.

Sie blieben zu lange unreflektiert, obwohl sie mir so benachbart waren, dass sie sich mir mitteilen mussten – Gerüchte von Maßregelungen und Verhaftungen etwa: ich wehrte sie ab […]. Kritisch mit meiner Vergangenheit beschäftigt, nahm ich kaum wahr, wie ich meiner Gegenwart auswich.39

Als Franz Fühmann auf einer Tagung Zeuge einer Verhaftung eines Arbeitskollegen wurde, redete er sich ein, „unsere Sicherheitsorgane würden schon wissen, was not tat, einem Feind zu wehren, der das Leben unseres jungen Staates bedrohte, dieses wahren Vaterlandes des Volkes, das Goethe geschaut und Hölderlin ersehnt: der freie Grund für ein freies Volk, vereint im Glück friedlichen Schaffens, beschützt von dem Wächter mit dem flammenden Schwert.“40 In dieser Gemengelage war Franz Fühmann 1954 sofort bereit, als „Kämpfer für den Frieden“ für die politische Geheimpolizei (das MfS) zu arbeiten, als ihm gesagt wurde, „der Gegner versuche Wissenschaftler und Schriftsteller für seine verbrecherische Tätigkeit anzuwerben.“ Das sei ja wohl „Aufgabe eines jeden Funktionärs“,41 gab Franz Fühmann darauf zur Antwortet und wählte sich den Decknamen Salomon.
Trotz der Ermunterung seines Führungsoffiziers lieferte Salomon jedoch nichts Brauchbares für die Stasi. Er hielt die verabredeten konspirativen Treffen nicht ein oder entschuldigte sich wegen Krankheit. In Wahrheit hatten den glühenden Stalin-Verehrer, wie alle gläubigen Kommunisten, die auf dem XX. Parteitag der KPdSU enthüllten Verbrechen der Stalin-Ära kalt erwischt. Zum zweiten Mal in seinem Leben hatte sich sein blinder Glaube als tragischer Irrtum erwiesen.
Die SED-Führung hatte zwar beschlossen, die sogenannte Geheimrede Nikita Chruschtschows auf dem XX. Parteitag der KPdSU in der DDR nicht zu veröffentlichen, doch sie konnte nicht verhindern, dass deren Inhalt bekannter wurde als alle Parteitagsreden zuvor. In deren Folge entstand in der Zeit zwischen dem KPdSU  Parteitag im Februar und der blutigen Niederschlagung der ungarischen Revolution durch sowjetische Truppen im November 1956 auch in der DDR eine aufgewühlte krisenhafte Situation, in der die Enthüllungen über die stalinistischen Verbrechen in allen Auseinandersetzungen eine zentrale Rolle spielten.
Alle Kontroversen kreisten um die Frage, welche Schlussfolgerun  gen in der DDR aus dem Moskauer Parteitag gezogen werden sollten. Groteske Parolen machten die Runde: „Nach vorn diskutieren“ oder auch „Das Gegenteil eines Fehlers ist wieder ein Fehler“.42 Der SED-Parteichef Walter Ulbricht vertrat in Sachen XX. Parteitag die Auffassung, „dass die Beschlüsse [des Moskauer Parteitages, M. B.] nur dann erfolgreich durchgeführt werden könnten, wenn ein Strich gezogen werde unter die Fehler der Vergangenheit. Nicht über Verhaftungen in den Jahren von 1935 bis 1938 solle gesprochen werden, sondern über den Weg zum Sozialismus und die Vermeidbarkeit von Kriegen.“43 Genau aber das wollten viele Schriftsteller, unter ihnen zahlreiche Genossen, nicht akzeptieren. Sie verlangten vielmehr, eine Auseinandersetzung über die Ursachen des Personenkults und Dogmatismus, mangelnde Rechtssicherheit und Reglementierung des geistig kulturellen Lebens im eignen Land zu führen. In dieser Situation versuchte sich auch der Kulturfunktionär Franz Fühmann neu zu orientieren.
In der Lesart der Stasi unterlag Franz Fühmann seit dem XX. Parteitag der KPdSU „Schwankungen in seinem politischen Denken und Handeln“. Mit der Begründung, es habe „einige Veränderungen in der Weltpolitik wie auch in seinem persönlichen Leben gegeben“, erklärte Franz Fühmann seinem Führungsoffizier, seine Verbindung mit dem MfS zu beenden.44 Als er eines Tages einem ,Hochgestellten‘ seine Zweifel anvertraute, „sah dieser ihn verdutzt an und sagte kopfschüttelnd: Ja wenn Sie das alles auch so ernst nehmen! und dann sprach er von etwas anderem. Seine Bemerkung“, so Franz Fühmann weiter, „war ein Ratschlag großen Vertrauens und ungewöhnlicher Offenheit; er wollte mich vor dem Übel bewahren, allein es stand nicht mehr in seiner Macht.“45 Ein Informant hielt es jetzt für möglich, dass Franz Fühmann nicht nur in seiner Partei, sondern auch im Schriftstellerverband ,negative Diskussionen‘ führen könne.46
Alle Versuche der Stasi, mit Fühmann in Kontakt zu bleiben, schlugen fehl, so dass das MfS am 11. August 1959 den GI47 Salomon endgültig abschreibt. Das Ziel, notierte sein Führungsoffizier, wurde nicht erreicht, Fühmann sei „politisch sehr schwankend“ und von „einer gewissen Feigheit und mangelndem Vertrauen zu seiner Parteiführung“.48
Der Parteifreund Franz Fühmann war allerdings schon im Verlauf des Jahres 1958 wegen politischer Konflikte mit seiner Parteiführung aller Ämter enthoben worden. Lange hatte er versucht zu funktionieren, „wurstelte“, wie er selbst sagte, am Ende nur noch vor sich hin.
„Es endete dann auch ziemlich katastrophal damit, dass ich aus allen meinen Ämtern flog“,49 bekannte er in einem bemerkenswert offenen Gespräch über sein Leben und Werk mit dem Publizisten Wilfried F. Schoeller.

 

4. Zehn Jahre lang hatte ich im Gehäuse der Theorien und dem Schattenreich der eigenen Vergangenheit gelebt, nun aber war ich frei und wollte die Republik kennenlernen und wußte doch noch nicht wie.50

Für seine schriftstellerische Tätigkeit bereits 1957 mit dem Nationalpreis ausgezeichnet,51 wagte Franz Fühmann es, freier Schriftsteller zu werden und in Zukunft das vermeintlich wirkliche Leben zu suchen. Auf diese Weise hoffte er nach einer „Kette von Fluchten“52 dem sozialistischen Alltag ein Stück näher zu kommen. Im Unterschied zu anderen Autoren brauchte man ihm den Bitterfelder Weg, das damals unter dem Slogan Greif zur Feder, Kumpel, die sozialistische Nationalliteratur braucht dich aufkommende neue Kulturkonzept der SED-Führung „nicht zu proklamieren, dahin drängte es mich“.53 Zunächst ging er zu den Genossenschaftsbauern in der Nähe seines Zweitwohnsitzes in Märkisch-Buchholz und arbeitete dort mit, begleitete einen Volkspolizisten auf dessen Dienstgängen und arbeitete später für mehrere Wochen in einer Brigade auf der Rostocker Warnowwerft.
Mit dem Bitterfelder Weg zog die SED die Konsequenz aus ihren Erfahrungen mit den Kulturschaffenden einerseits und den schlechten Produktionsergebnissen der Arbeiter andererseits. Würde es nun gelingen, die Künstler an die ökonomische Basis zu binden und die Produktivkräfte (die Arbeiter) im Überbau als Kulturproduzenten zu integrieren, so die Überlegung, dann könnten die von der Partei beklagten Probleme mit der basisfernen Kunst einerseits und der zögerlichen Produktivitätsentwicklung andererseits endlich auf elegante Weise gelöst werden. Kultureller Überbau und ökonomische Basis fänden sich damit in geradezu idealtypischer Verklammerung, gelenkt und kontrolliert vom Parteiapparat.54
Wie bereits angedeutet, wollte Franz Fühmann freiwillig Produktionserfahrungen sammeln. Seine Hoffnung, im Betrieb oder einer Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft (LPG) das eigentliche Leben zu finden, erwies sich jedoch als Illusion.

Dort fand ich, wenn auch modifiziert und mit einem sehr viel größeren Atem und Zuschnitt, all die Probleme wieder, die ich im Konsum-Laden um die Ecke in Berlin ebenso hätte finden können. Doch durch diese Erfahrung mußte man hindurch, den Glauben zu verlieren, das Eigentliche liege da, wo man noch nicht war.55

 

5. Die Haltung zum Oben war von 1936 bis etwa 1966 durchgehend unkritisch.56

Was sich an politischen Einstellungen und ideologischen Differenzen, an neuartigen Verkehrsformen und Lebensunterschieden seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges diesseits und jenseits des Eisernen Vorhangs entwickelt hatte, wurde durch den Bau der Berliner Mauer am 13. August 1961 zubetoniert. Dabei geschah die Abriegelung der Westgrenze nicht, „um den Frieden in Europa und der Welt zu retten“, wie die SED-Parteiführung behauptete, sondern um ein Ausbluten des eigenen Staates zu verhindern. Im Gegensatz zur großen Mehrheit der Bevölkerung, die im Bau der Mauer ein Schwächezeichen des Regimes sah, bejahten etliche Schriftsteller und Künstler, wie der Schriftstellerkollege Stephan Hermlin, der Bildhauer Fritz Cremer, der Komponist Paul Dessau und auch Franz Fühmann den Mauerbau. Er „unterstütze in jeder Hinsicht die Maßnahmen seiner Regierung“, so Fühmann 1961 in seiner Entgegnung auf den offenen Brief von Günter Grass und Wolfdietrich Schnurre an den Schriftstellerverband in Ostberlin.57 Diese Haltung war typisch für viele Intellektuelle, die nach dem Zweiten Weltkrieg in die DDR gegangen waren und sich so lange staatstragend verhielten, bis sie die SED  Politik zwangsläufig in das Lager der Renegaten trieb. Der Mauerbau gehörte für Franz Fühmann nicht dazu. Ganz im Gegenteil verband er mit seiner Zustimmung die Hoffnung, seine Regierung werde im Schutz der Mauer mehr innere und äußere Souveränität gewinnen, um das politische und kulturelle Leben des Landes besser entfalten zu können.
In diesem Denkhorizont erschien 1962 unter dem Titel Das Judenauto von Franz Fühmann ein Band mit vierzehn Erzählungen. Die einzelnen Geschichten spielen in der Zeit zwischen 1929 und 1949. Laut einer in Ostberlin erschienen Literaturgeschichte der DDR trug dieses Buch „gerade in der Zeit nach dem 13. August 1961 zur Festigung des sozialistischen Geschichtsbewußtseins und zur Abgrenzung von dem reaktionären Anspruch der BRD auf Alleinvertretung und nationale Tradition“ bei.58 Fühmann selbst schätzte die Erzählungen zwanzig Jahre nach ihrer Entstehung ziemlich nüchtern ein, wenn er sagte:

Der Wert des Judenautos liegt in der Schilderung der Zeit bis zur Kriegsgefangenschaft; bis dahin ist, abgesehen von viel Redundanz, viel Wasser, viel blödsinniger Erklärmanier, alles ganz gut und vollkommen ehrlich.

Im weiteren Verlauf „geht es rapide runter und das letzte Kapitel ist ja ein schlechter Leitartikel, wirklich nicht lesbar, obwohl ich es tatsächlich so erlebt habe.“59
In jenen ersten Erzählungen beschrieb Franz Fühmann die eigenen Irrtümer in einer schonungslosen Art und Weise, wie sie bis dahin in der DDR-Literatur fehlte. Damit vergrößerte er, trotz seiner Unterwerfung unter die entschärfenden Vorschläge seines damaligen Lektors nicht nur den poetischen Raum seines Schreibens. Angesichts so mancher an die offizielle Ideologie angeschmiegter Biografie, berührte Franz Fühmann damit auch ein sensibles Thema der DDR-Geschichtsschreibung. Da ist einer, der sich nicht erst offenbart, als zu fürchten ist, dass Archivfunde sein Bild in der öffentlichen Wahrnehmung beschädigen könnten.
Im Verlauf der sechziger Jahre geriet der Schriftsteller Franz Fühmann in einen ernsthaften Konflikt mit der SED-Kulturpolitik. Öffentliche Erklärungen, wie der Brief an Grass und Schnurre, in denen sich Franz Fühmann willentlich zum Werkzeug der SED-Ideologie machen ließ, gab er nicht mehr ab.

Der Konflikt zwischen Dichtung und Doktrin war unvermeidlich; beide waren in mir verwurzelt, und beide nahm ich existentiell.60

Als der Vorstand des Schriftstellerverbandes im Januar 1966 eine Zustimmungserklärung zu den Beschlüssen des berüchtigten Kahlschlagplenums verabschiedet, tritt Franz Fühmann demonstrativ aus dem Vorstand des Verbandes aus. Gleichzeitig betonte er, dass dieser Schritt nichts mit seinem „politischen Verhältnis zur Deutschen Demokratischen Republik zu tun habe“.61 Ungeachtet dessen setzte gegen Franz Fühmann ein Kesseltreiben ein. Den Oberen schien dafür die NDPD, der Fühmann immer noch angehörte,62 der geeignete Ort zu sein. Auf einer Sitzung des Hauptausschusses seiner Partei wurde er jetzt öffentlich kritisiert. Anschließend erwartete sein Parteivorstand das übliche Ritual der Unterwerfung. Franz Fühmann fand zwar die Kraft zu widerstehen, geriet aber in eine tiefe existentielle Krise. Alkohol zerrüttete seine Gesundheit. Zeichen dieser Krise war beispielsweise auch die Verleugnung seiner urpoetischen Landschaft Böhmen, weil er nicht „mit diesen Trachtenpflegern und Heimatvereinen in einen Topf geworfen werden wollte.63 Ich habe mir die Landschaft richtig verboten. […] Ich habe versucht der märkischen Landschaft etwas abzugewinnen, was nicht geht: ich bin kein Märker, nicht dort aufgewachsen. Dieses Heimatverbot war sicher eine Komponente mit, dass mir die Lyrik abgestorben ist.“64 Alles mündete in die „Erschütterung vom August 1968“. Gemeint ist die militärische Zerschlagung des Prager Frühlings durch Truppen des Warschauer Pakts unter der Führung der Roten Armee. Das war für Franz Fühmann der Umschlagpunkt.65

 

6. Dann habe ich den Rücken frei, um zur Gestaltung der neuen Gesellschaft zu kommen66

Mit der Aufkündigung seines bisherigen Schreibens und Lebens begann für Franz Fühmann tatsächlich die zweite „Hälfte des Lebens“, die faktisch nur noch gut zehn Jahre dauerte. Erstes literarisches Ergebnis ist das Reise-Tagebuch Zweiundzwanzig Tage oder Die Hälfte des Lebens, das Franz Fühmann selbst als seinen „eigentlichen Eintritt in die Literatur“67 verortet hat.
Franz Fühmann reiste kurz nach seinem 50. Geburtstag für 22 Tage nach Budapest, um sich mit Nachdichtungen ungarischer Lyrik zu befassen. Während des Aufenthalts entstand ein Tagebuch, in dem er über diese drei Wochen im Herbst erzählt, über seine Begegnungen mit befreundeten Autoren und mit Unbekannten, über die großzügige Beherbergung und das pulsierende Leben in der ungarischen Hauptstadt. Anekdoten aus dem Budapester Alltag skizzierten die scheinbare Leichtigkeit des Seins in der Donaumetropole und im sozialistischen ,Bruderstaat‘ überhaupt. Doch der Autor kam auch immer wieder auf das zurück, was ihn seit Jahrzehnten bewegte: seine Verfehlungen in der NS-Zeit und die Entwicklung der DDR, die er zunehmend kritisch sah.
Franz Fühmanns in diesem Buch enthaltenes Bekenntnis, er, der Wehrmachtssoldat Fühmann, hätte auf Befehl hin auch an den Gaskammern von Auschwitz seinen Dienst versehen, so, wie er es eben andernorts ,nur‘ am Funkgerät und Fernschreiber getan hatte,68 war spektakulär für seine Generation. Dieses Buch las sich wie eine Generalabrechnung mit seinem bisherigen Leben und Schreiben.

Ich fühlte: das ist der Moment, der einen Schlußpunkt setzt. Von da an kann ich sagen: ich habe meine Vergangenheit bewältigt – von dem Augenblick an, da ich das ehrlich ausgesprochen und der Öffentlichkeit übergeben habe. Dann habe ich den Rücken frei, um zur Gestaltung der neuen Gesellschaft zu kommen, in der ich lebe und in der ich bis dahin immer nur als Mann gestanden bin, der halt aus dem Nazismus kommt und eigentlich gar kein moralisches Recht hat, sie zu kritisieren.69

Mit seinem schonungslosen Bekenntnis hatte er zugleich „der ihn umgebenden und ihn bedrängenden Landschaft seines schlechten Gewissens, dem ,real existierenden Sozialismus‘ und dessen grauen Machthabern, den geistigen Tribut aufgekündigt“, schreibt sein ehemaliger Schüler Uwe Kolbe.70
So entwickelte sich Franz Fühmann seit den frühen siebziger Jahren, wie manch anderer Schriftsteller-Kollege auch, für die Partei  und Staatsführung der DDR zu einem ungeliebten Aushängeschild der SED-Kulturpolitik und zu einem permanenten Störfall, der mit seinen Texten und seinem kulturpolitischen Engagement gesellschaftliche Toleranzgrenzen überschritt. Die damit verbundenen produktiven Herausforderungen, die zur Dynamisierung und Flexibilisierung von (Sinn-)Grenzen in einer Gesellschaft beitragen können, lagen für die SED-Kulturfunktionäre und ganz besonders für die Stasi-Offiziere außerhalb ihrer eindimensionalen Betrachtungsweise, wie sie vormodernen Gesellschaftstypen eigen ist. Dementsprechend wurden Störungen im kulturellen Feld der DDR vom Machtapparat nicht als ein produktiver Prozess eines permanenten Wechsels von Aufstörung und Aushandlung gesellschaftlicher Toleranzgrenzen, sondern als Störung von Normalität und Destabilisierung wahrgenommen.71 Zum vermeintlichen Schutz der sozialistischen Gesellschaft, in Wahrheit der eigenen Herrschaftssicherung, wendeten die SED und ihr Sicherheitsapparat viel Energie auf, um das sogenannte Grundrauschen in der Kunstszene ihres Landes zu kontrollieren und von Seiten des MfS mit operativen Maßnahmen zu überziehen.72
Im Zusammenhang mit der Biermann-Ausbürgerung, eine der wichtigsten politischen Zäsuren im kulturellen Leben der DDR, gehörte Franz Fühmann zu den Erstunterzeichnern einer Petition von zwölf Schriftstellern, in der sie die Partei- und Staatsführung darum baten, die Ausbürgerung des Liedermachers Wolf Biermann zu überdenken.73 In einem ergänzenden Brief an den Vorsitzenden des Ministerrates Willi Stoph betonte Franz Fühmann zum wiederholten Mal, dass er sich mit der DDR eng verbunden fühle und sich deshalb um sein Land sorge:

Im Radio und Fernsehen erfahre ich bestürzt von dem Beschluss, dem Sänger und Dichter Wolf Biermann die Rückkehr in die DDR zu verwehren. Ich halte es als Bürger und Schriftsteller der Deutschen Demokratischen Republik nicht nur für mein Recht, sondern auch für meine Pflicht, Ihnen mitzuteilen, dass mich diese Maßnahme sowie Ihre Modalitäten auf’s Äußerste verstört und beunruhigt, da ich sie weder dem Wesen, noch mit der Würde, dem Ansehen und auch der Stärke, dieses, meines Staates, vereinbaren kann. Mich schrecken Spuren! Ich sehe wachsenden Schaden und fürchte die Folgen.74

An Stelle einer Antwort legte das MfS wegen des Verdachts „staatsfeindlicher Hetze“ am 1. Februar 1977 zu Franz Fühmann einen Operativen Vorgang (OV) unter dem Decknamen Filou an.75
Seit diesem Zeitpunkt wurde Franz Fühmann durch ein dichtes Netz von Inoffiziellen Mitarbeitern (IM) des MfS observiert. Ob nun in Berlin oder an seinem zweiten Wohnort in Märkisch-Buchholz, im Hinstorff Verlag Rostock, bei seinen Lesungen, bei Recherchen im Bergwerksschacht Sangerhausen, wo er zur Vorbereitung seines Romanprojekts Im Berg unter Tage mitarbeitete, in seinem Krankenlager in der Berliner Charité. Selbst noch Franz Fühmanns Begräbnis lieferte einen letzten Anlass für einen Großeinsatz der Staatssicherheit gegen den offenbar so gefährlichen Dichter.
Doch kehren wir in jene Zeit zurück, in der die Staatsmacht immer wieder den Versuch unternahm, Franz Fühmann das Schreiben und Leben in der DDR schwerzumachen. So heißt es beispielsweise in einem Maßnahmeplan der Stasi:

Fühmann ist wegen seines feindlichen Auftretens innerhalb kurzer Zeit unter IM-Kontrolle zu bringen. Dabei sind alle sich bietenden Möglichkeiten zu nutzen. Es ist ständig zu garantieren, dass jederzeit operative Aussagen zu seinen Absichten und Handlungen gemacht werden können.76

Franz Fühmann meinte, im Rostocker Hinstorff Verlag so etwas wie eine geistige Heimat gefunden zu haben. Doch wie sah diese aus? Schon wenige Wochen nach der Biermann-Affäre tauchte in seiner Stasi-Akte der IM Hans-Peter auf. Hinter diesem Decknamen verbarg sich der damalige Hinstorff-Verlagschef Konrad Reich. Für ihn erstellte die Stasi eine sogenannte Auftragskonzeption, in der mehrere Punkte zur Ausforschung Franz Fühmanns benannt wurden. Unter anderem sollte der IM die Ursachen dafür herausfinden, warum sich Fühmann „in den letzten zehn Jahren immer weiter von sozialistischen Positionen weg entwickelt hat“, und der Angst des Regimes nachgehen, ob der Schriftsteller plane, die Biermann-Ausbürgerung literarisch zu verarbeiten.77
Der IM Hans-Peter, den der Dichter Franz Fühmann in seinen Briefen immer als seinen Freund bezeichnet hatte, lieferte detaillierte Berichte an seine Auftraggeber. Er gab dabei seiner Hoffnung Ausdruck, dass Fühmann „ganz wieder für uns zu gewinnen ist“.78 Reichs Nachfolger bei Hinstorff, Harry Fauth, diente ebenfalls dem MfS über viele Jahre als GMS79 Buch. Zu ihm heißt es in einem Stasi  Papier von 1980:

Mit Übernahme der Funktion als Leiter des Hinstorff-Verlages löste er bis zur Gegenwart [1980, M. B.] Aufträge zur Einschätzung und Zurückdrängung negativ-feindlicher Schriftsteller der DDR. Er setzte sich mehrfach in Abstimmung mit dem MfS und der Hauptverwaltung Verlage persönlich mit Autoren auseinander und verhinderte die Veröffentlichung von Büchern mit negativ feindlicher Aussage. Es konnten mehrfach operativ bedeutsame Informationen für die Hauptabteilung XX/7 und die Bezirksverwaltung Berlin im Rahmen der Bearbeitung von Operativen Vorgängen und für kulturpolitische Entscheidungen der Partei erarbeitet werden.80

Auch Fauths Cheflektor Horst Simon unterwarf sich als IM Schönberg den ,patriotischen‘ Wünschen der Staatssicherheit. Der IM Schönberg hatte für seine Treffberichte und Informationen für das MfS viel Zeit. Es gibt Dutzende davon nicht nur in Fühmanns OV Filou, sondern auch zu anderen Hinstorff-Autoren.81
Die auf den Dichter Franz Fühmann angesetzten inoffiziellen Mitarbeiter hatten ein leichtes Spiel, nicht mit seiner Person, sondern mit der Fülle der von ihm bereitwillig geführten Diskussionen mit Cheflektoren, Verlagsleitern, Akademiemitgliedern, Germanistik-Professoren, leitenden Mitarbeitern des Ministeriums für Kultur und der dazugehörigen Hauptverwaltung Verlage und Buchhandel. Der einstige dogmatische Kulturfunktionär Fühmann kritisierte nun seinerseits die Kulturbürokraten der späten 1970er Jahre als „hölzerne Befehlsempfänger“.82

 

7. Ich bitte um dies Eine: mein Schreiben so zu nehmen, wie es gemeint ist: ernst, und der ehrlichsten Anteilnahme an der Entwicklung unserer sozialistischen Demokratie entsprungen.83

Im Zuge der Biermann-Affäre war auch der Nationalpreisträger Franz Fühmann vielfältigen Behinderungen und Bevormundungen ausgesetzt. Ein paradigmatisches Beispiel hierfür stellte Fühmanns Versuch eines Offenen Briefes dar, den er als Entgegnung auf einen in der Weltbühne veröffentlichten Beitrag des DDR ,Buchministers‘ Klaus Höpcke, „Lust an der Wahrheit“, verfasst hatte. Höpcke hatte in seinem Artikel dagegen polemisiert, den Schriftstellern das Wahrheitsmonopol zuzuschreiben. Franz Fühmann hatte daraufhin in wochenlanger Arbeit einen Offenen Brief an Klaus Höpcke verfasst, in dem er Wahrheit und Meinungsfreiheit in der DDR einforderte.

Weder ein Einzelner, noch ein Berufsstand noch irgend eine soziale Organisation oder politische Gruppierung ist im alleinigen Besitz der Wahrheit und dürfte es auch nicht im Privileg von Mitteln sein, sie finden zu können, dürfte es nicht sein um der Wahrheit willen, die nur von allen gefunden werden kann.

Vor allem ging es dem bewussten Staatsbürger Fühmann „um die Macht der Öffentlichkeit“, die in der DDR nicht vorhanden war. Für seine mehrfach erhobene Klage über das Fehlen von Öffentlichkeit in der sozialistischen Gesellschaft fasste er die dafür notwendigen Bedingungen noch einmal zusammen.

Öffentlichkeit als geistige Macht erfordert dreierlei: Information, sich aus den Quellen, nicht nur aus Kommentaren eine Meinung zu bilden; Gelegenheit, diese Meinung auch mitzuteilen, und zwar im vollen Sinn, den ,mitteilen‘ hat, und schließlich eine begründete Aussicht auf eine, natürlich proportionale, Wirkungsmöglichkeit dieser Meinung.84

Wer so wie Franz Fühmann nicht nur die Schwächen und Defizite der SED Partei- und Regierungspolitik benannte, sondern auch entsprechende Korrekturen anmahnte, der konnte zwar immer wie  der betonen, als loyaler DDR-Bürger sich zu Wort zu melden, der weder die DDR noch den Sozialismus in ihr abschaffen wollte. Für den SED-Machtapparat war er dennoch ein politischer Gegner, der in Wahrheit unter „dem Deckmantel eines offenherzigen, sachlichen und schöpferischen Meinungsstreites“, so Stasi-Minister Mielke,85 den realen „Sozialismus in seinem Lauf“86 aufhalten wollte.
Gegen solche, über die Grenzen der DDR hinaus bekannte Schriftsteller hielt es der Sicherheitsapparat, ganz besonders nach dem Biermann-Eklat, für angebracht, mit sogenannten differenzierten Maßnahmen vorzugehen. Für die Stasi betrieben solche Staatsbürger wie Franz Fühmann ständig „Staatsfeindliche Hetze“, die mit mehrjähriger Haftstrafe geahndet werden konnte. Dagegen hält Erich Mielke:

Doch die operative Bearbeitung solcher Personen und Gruppierungen muss von vornherein stärker auf die Zielsetzung ausgerichtet sein, zersetzend zu wirken, sie unglaubhaft zu machen und zu isolieren, Misstrauen zu erzeugen, um sie am feindlich-negativen Wirken zu hindern, um ihnen die Basis für ihr Wirksamwerden zu entziehen. […] Erfolge der Vorgangsbearbeitung in dieser auf  gezeigten Richtung sind politisch wirksamer als Festnahmen und Verurteilungen.87

In diesem konkreten Fall reagierte der SED-Machtapparat mit einer konzertierten Aktion von Partei, Regierung und MfS mit dem Ziel, die Veröffentlichung von Franz Fühmanns Offenem Brief zu verhindern. Der Buchminister lud den Dichter zum Gespräch und legte anschließend in einer achtseitigen Aktennotiz dar, wie er sich bemüht habe, Franz Fühmann davon abzubringen, den Offenen Brief in West oder Ost zu veröffentlichen.88 Darüber hinaus ist einem MfS-Bericht vom Januar 1978 zu entnehmen:

Der IM Günther89 veranlasste in Sachkenntnis der Problematik des Offenen Briefes und nach Prüfung aller Möglichkeiten den Präsidenten der Akademie der Künste, Genossen Konrad Wolf, mit Fühmann Gespräche zu führen, um diesen von seinem Vorhaben abzubringen. Darüber hinaus nutzte der IM Günther seine Stellung als Mitglied der Akademie der Künste und einflussreicher Autor, um Fühmann die Tragweite seiner beabsichtigten Handlungen klarzumachen.90

Franz Fühmann wollte lange Zeit nicht wahrhaben, dass ein Dialog mit dem Apparat nicht möglich sei. Seine großen Hoffnungen, in seiner Wahlheimat in einer Gesellschaft leben und arbeiten zu können, in der Gerechtigkeit, Menschlichkeit und Demokratie ein hohes Gut sind, stellten sich immer mehr als Fehlannahme heraus. So sah er sich „nach den Erfahrungen der letzten Zeit genötigt, die Perspektive meiner literarischen und persönlichen Existenz grundsätzlich zu überdenken, damit auch des Verhältnisses zur Akademie der Künste“.91
Auf einmal hatte sogar das Politbüromitglied Kurt Hager Zeit, mit dem Störenfried Franz Fühmann zu sprechen. Während dieses Gespräches im Dezember 1977 gelang es Franz Fühmann nicht, bei dem obersten SED-Kulturfunktionär Verständnis für die Sorgen, Probleme und Ängste der Schriftsteller zu wecken.

Hager habe ihm nur immer wieder vorgehalten, dass er nicht verstünde, warum die Schriftsteller so kleine Seelen seien, dass sie ihre kleinen Problemchen über das große Ganze stellten und was nütze es dem Sozialismus, wenn da jeder schreiben könne, dass er ein Unbehagen spüre.92

Kommentarlos hielt das MfS im Herbst 1978 zu Franz Fühmann fest, „dass seine politische Grundhaltung trotz zahlreicher Gespräche mit Prof. Hager, Staatssekretär Loeffler, Minister Höpcke, Akademiepräsident Konrad Wolf […] noch durch die eingesetzten IM […] erschüttert wird.“ Aus der MfS-Perspektive, die hier im Wesentlichen mit der Einschätzung der gesamten Administration übereinstimmte, lehnte Franz Fühmann die „führende Rolle der Arbeiterklasse und ihrer Partei“ ab und trat dagegen für eine „pluralistische Gesellschaft“ ein. Ferner wende er sich „gegen jede Form der Disziplinierung und empfinde diese als Bevormundung und Reglementierung“. Darüber hinaus werfe er „unserem Staat vor, dass er die ,freie Entwicklung‘ der Literatur unterdrückt und von der Literatur der DDR nur die ,Kommentierung von Beschlüssen‘ erwartet [wird].“ Überdies greife Fühmann „die Presse- und Informationspolitik unseres Staates“ an.93 Damit war Franz Fühmanns Position korrekt wiedergegeben worden. In einem Moment vollkommener Desillusionierung schrieb er an den SED-Kulturfunktionär Hans Bentzien:

Ich habe gelernt, dass ich aufhören muss, mir den Kopf von Prof. Hager zu zerbrechen, das führt zu nichts und gelingt mir auch nicht. Also macht eure Kulturpolitik und berauscht euch an Siegen und Triumphen und noch nie dagewesenem Blühen von Literatur und Kunst, mir soll’s recht sein. Ich sitze in meinem Wald und schreibe mein Buch.94

Die Funktionäre ließen Franz Fühmann immer deutlicher spüren, dass er im offiziellen Literaturbetrieb der DDR nicht mehr erwünscht war. Aus diesem Grund verzichtete Fühmann dann auch, obwohl noch Vorstandsmitglied des Schriftstellerverbandes, mit anderen prominenten Schriftstellerkollegen, wie Christa Wolf und Günter de Bruyn, am 8. Kongress dieses Verbandes im Mai 1978 in Ostberlin teilzunehmen.95

 

8. Die Anthologie von den jungen Leuten lässt mich nicht mehr schlafen96

Franz Fühmann zog sich nun immer mehr auf sein Refugium in Märkisch-Buchholz zurück. Das bedeutete aber keineswegs, dass er sich nicht mehr für die Sorgen und Ängste seiner Zunft, besonders der Nachwuchsschriftsteller, interessierte und einsetzte. Dieses Verhalten spiegelte sich auch in den fortgesetzten MfS-Einschätzungen wider. Darin ist davon die Rede, dass Franz Fühmanns „feindlich politisch-ideologische Grundhaltung“ nun auch ihren Ausdruck „findet in seiner aktiven Unterstützung für feindlich-negative und politisch ungefestigte Nachwuchsautoren sowie solche Personen, die sich als Schriftsteller ausgeben“.97
An dieser Einschätzung stimmte lediglich, dass sich Franz Fühmann wie kaum ein zweiter DDR-Schriftsteller unermüdlich für junge Autoren einsetzte, denen der Machtapparat aus ideologischen Gründen die Veröffentlichung ihrer Texte verweigerte. Dafür steht neben der Unterstützung einzelner Autoren, wie etwa Wolfgang Hegewald, Wolfgang Hilbig, Uwe Kolbe und Gert Neumann, der Versuch, einem größeren Kreis von jungen Autoren, „deren Arbeiten bei uns, aus Mangel an geeigneten Publikationsorganen, auf Veröffentlichungsschwierigkeiten stießen“,98 in einem Arbeitsheft der Ostberliner Akademie der Künste vorstellen zu wollen.99 Akademiepräsident Konrad Wolf, der zwischenzeitlich den Parteiauftrag erhalten hatte, sich um sein Akademiemitglied Franz Fühmann zu kümmern und dieses möglichst in überschaubarer Arbeit zu halten, unterstützte zunächst Fühmanns Idee einer Anthologie. Daraufhin beauftragte Franz Fühmann offiziell mit Uwe Kolbe und Sascha Anderson zwei junge Lyriker aus der alternativen Dichterszene mit der Zusammenstellung der Anthologie. Als er einige Monate später ihre Materialsammlung las, habe es ihm den Atem verschlagen. „Zum ersten Mal sehe ich wirklich die junge Generation in der Dichtung hier ausgebreitet. […] Dieses Material wird uns vor große Schwierigkeiten stellen, aber wir sollten sie angehen“,100 schrieb er an den Sekretär der Sektion Dichtkunst und Sprachpflege der Akademie, den Schriftsteller und Drehbuchautor Günther Rücker.
Der Genosse Akademiepräsident sollte nunmehr mit seinem Mitglied eine Aussprache führen, in der „Franz Fühmann deutlich zu machen [ist], dass in den Texten jener Autoren, für die er sich einsetzt, politisch-ideologische Positionen vertreten werden, die mit den Zielen und Aufgaben der Akademie der Künste nicht zu vereinbaren sind. Dabei ist F. Fühmann bewusst zu machen, dass er mit seiner Haltung und seinen Aktivitäten an Grenzen stößt, die mit seiner Verantwortung als Akademiemitglied nicht im Einklang stehen.“101 Franz Fühmann wollte sich jedoch nicht so leicht geschlagen geben. Deshalb unterbreitete er den Vorschlag, wenigstens einige dieser Texte in einer Stunde der Akademie vorstellen zu wollen. Er halte es für lebensnotwendig, dass Nachwuchsautoren ins Gespräch kommen, weil dies „Ausdruck einer Lebenshaltung im Sozialismus ist. Sie würden hier ersticken, wenn sie in der DDR kein Echo finden.“102
Dieser Lageeinschätzung widersprachen der Akademiesekretär Rücker und der Präsident Konrad Wolf ganz entschieden und warfen ihrerseits Fühmann mangelnde Obhutspflicht und die Unterstützung einer feindlichen Gruppenbildung vor. Dieser Vorwurf wog besonders schwer, konnte doch die Bildung einer oppositionellen Gruppierung nach dem Paragraphen 107 des Strafgesetzbuches der DDR („Staatsfeindliche Gruppenbildung“) mit zwei bis zwölf Jahren Haft geahndet werden. Dementsprechend vehement verwahrte sich Franz Fühmann gegen die Anschuldigung von Wolf und Rücker:

Diese Dichter bilden keine Gruppe; die Problematik ihrer Arbeiten wächst aus der unseres Lebens, das Quälende und Beunruhigende ihrer Fragen stammt von dort, aus der Realität, nicht aus irgendeinem bösen Willen, und es ist, dies Quälende, nicht durch literaturpolitische Restriktionen aus der Welt zu schaffen. […] Die Gemeinsamkeit der in der Anthologie Vertretenen ist also ihre Existenz in der DDR, ihre Erfahrung, ihre Begabung und ihre mangelnde Gelegenheit zur Publikation. Und aus diesen Gründen dann zusammengeführt in die Anthologie.103

Letztendlich musste Franz Fühmann den von ihm bestimmten Herausgebern seinen Entschluss mitteilen, weder die Anthologie weiterzuverfolgen noch die jungen Dichter in einer Stunde der Akademie vorzustellen. Zwischenzeitlich war er zu der Überzeugung gelangt, „dass dies die einzig richtige und mögliche Form ist, diese Sache abzuschließen“. Wie ihm am Jahresende 1981 ums Herz war, wollte er Uwe Kolbe und Sascha Anderson nicht verhehlen. Sein Brief endete mit:

Leute, ist das alles beschissen. Händedruck.104

 

9. Er war, dieser Essay, ein Stück meines Lebens, im Zusammenhang mit der Lektüre Trakls geschrieben105

Franz Fühmann hielt das Trakl-Buch für eines seiner wichtigsten, und er sah darin auch eine Fortsetzung, „eine Linie vom Judenauto über Zweiundzwanzig Tage oder Die Hälfte des Lebens.106 Wie bereits in den Zweiundzwanzig Tagen, ging es Franz Fühmann auch in Vor Feuerschlünden. Erfahrung mit Georg Trakls Gedicht im Osten bzw. Der Sturz des Engels. Erfahrungen mit Dichtungen (der Westtitel), darum, „nicht mitzuteilen, was man weiß, sondern um mir selbst im Prozeß des Schreibens Klarheit zu verschaffen.“107
Fühmann war zunächst vom Philipp Reclam Verlag in Leipzig um ein Nachwort für eine Ausgabe von Gedichten und Briefen Georg Trakls gebeten worden. Doch die Arbeit daran gewann ihre eigene Dynamik. Durch die Anlage des Textes wandelte er sich unter der Hand zu einer Autobiografie. In seinem Text erzählt Franz Fühmann, was die Begegnung mit Gedichten in einem Leben bewirken kann, am Beispiel dessen, was die Gedichte Trakls bei ihm selbst in Gang gesetzt hatten inmitten der kriegerischen Auseinandersetzungen und ideologischen Schlachten des 20. Jahrhunderts. Der Autor diskutiert Nazi- und Stalin-Ideologie aus der Innenschau und er seziert dogmatische Kunst- und Literaturauffassungen, die zu ihrer Zeit über existenzzerstörende Macht verfügten.
Nach Abgabe des gesamten Manuskripts hielt der zuständige Lektor, Hubert Witt, einen 240 Seiten starken Text in Händen. Ein zähes Ringen setzte ein, in dem es weniger um den Umfang als vielmehr um kritische Passagen zur Kulturpolitik der DDR und der Sowjetunion ging. Am Ende des mehrjährigen Prozesses erschien im Reclam Verlag eine stark gekürzte Version. Zugleich erhielt der Hinstorff Verlag die Lizenz, den gesamten Text von Fühmann zu veröffentlichen, die Fühmann jedoch auch für diesen Verlag vor Drucklegung entschärfen und umarbeiten musste.108
Vor allem im Westen Deutschlands wurde nun der Dichter Franz Fühmann mit bedeutenden Literaturpreisen ausgezeichnet. Beispielsweise erhielt er 1982 neben dem Literaturpreis des Südwestfunks am 27. Oktober für sein Trakl-Buch, in der Nachfolge von Reiner Kunze und Rolf Hochhuth, den renommierten Geschwister-Scholl-Preis der Stadt München und des Verbandes Bayerischer Verlage und Buchhandlungen. Diese Anlässe boten Franz Fühmann einen gewissen Ausgleich für seinen immer stärker eingeschränkten Handlungsspielraum in der DDR. In seiner Dankesrede für den Geschwister Scholl-Preis legte Franz Fühmann erneut ein Bekenntnis zu seiner von ihm selbst als sozialistische deutsche Wahlheimat bezeichneten DDR ab:

Sie sind eine politische Körperschaft [gemeint sind die Preisverleiher, M. B.] […], die unverhohlen den Sozialismus als Gegner ansieht, und ich bin ein Bürger des deutschen Staates, der sich als ein Staat des real existierenden Sozialismus versteht, und wenn ich auch – was kein Geheimnis ist – mich mit diesem meinen Staat und Führungskräften meiner Gesellschaft in konflikthaften Dissensen befinde, nicht zuletzt im Problem der Wahrhaftigkeit als einer unteilbaren Größe und eines nicht instrumentalisierbaren Wertes, so stehe ich doch hier vor Ihnen als dieses Staates Bürger aus freiem Willen, in freier Entscheidung, auf Grund meines Nachdenkens über Auschwitz, und aus diesem Grunde als Sozialist.109

 

10. Es ist offenbar mein Los, keine Heimat zu finden, in jedem Sinn110

Die Funktionäre in der DDR sahen in dem Dichter Franz Fühmann schon lange einen Störenfried und das Mielke-Ministerium sogar einen „feindlich-negativen Schriftsteller“. Um ihn noch schärfer zu disziplinieren, überlegten Vertreter der Staatsmacht längst, ihm seinen Reisepass zu entziehen. Außerdem sollten „patriotische Kräfte“ im Hinstorff Verlag und im Reclam Verlag zukünftig Franz Fühmanns Manuskripte kalkuliert beeinflussen und rechtzeitig über seine Pläne und Absichten informieren. Falls Franz Fühmann seine Unterstützung für „oppositionelle Pseudoliteraten“ sowie seine „pazifistischen Aktivitäten in kirchlichen Einrichtungen“ nicht aufgeben wolle, sollten weitere repressive Maßnahmen eingeleitet werden.111
Dass Franz Fühmann in Gesprächen Klartext über die politische und literarische Situation in der DDR redete, geht beispielsweise auch aus einer Stasi-Unterlage hervor, die auf der Grundlage von Gesprächstranskriptionen mit Margarete Hannsmann und dem Cheflektor des Hinstorff Verlags Horst Simon112 einige Gesprächspassagen referiert. Darin heißt es etwa:

Die unbewältigte Vergangenheit des Sozialismus werde zur immer mehr quälenden Gegenwart, die zur Resignation führt. Staatlicherseits müsse die Toleranz garantiert werden, die es ermöglicht, politische Gegensätze im Land auszutragen. Nur aus diesem offenen Dialog könne sich das Neue entwickeln. Wenn dies nicht geschieht, komme es zur Katastrophe. Die Hoffnungen auf ein rasches Voranschreiten der Demokratisierung der sozialistischen Gesellschaft hätten sich nicht erfüllt, die Möglichkeiten für die literarische Gestaltung der sozialistischen Gegenwart hätten sich seit 1965 unerträglich verengt […] die Geschichte der Literatur der DDR sei eine „peinliche Karikatur von Beflissenheit“, der jungen Generation würden in der DDR nur mangelhafte Artikulationsmöglichkeiten geboten. Bücher, die in der DDR nicht erscheinen durften, hätten DDR-Realität widergespiegelt. Ohne diese Bücher habe die DDR kein Recht, sich als Hüter und Bewahrer von Traditionen Heines, Tucholskys und anderer zu bezeichnen.113

Dass diese Einlassungen in dem noch zu Lebzeiten von Franz Fühmann bei Hinstorff herausgegebenen Band Essays, Gespräche, Aufsätze 1964–1981 fehlen, sagt nicht nur einiges über die Zensur in der DDR, sondern auch über seine Kompromissfähigkeit aus.
Die Staatssicherheitsorgane der DDR, das geht aus ihren Akten hervor, waren über einen Autor im höchsten Maße beunruhigt, der trotz aller Enttäuschungen bis zuletzt an seiner Zugehörigkeit zu seiner sozialistischen deutschen Wahlheimat, der Deutschen Demokratischen Republik, festhielt. Franz Fühmann konnte und wollte angesichts seiner eigenen Geschichte nicht in den Westen gehen. Er wollte loyal sein und blieb bis zu seinem Lebensende seiner Idee vom Sozialismus treu. Nicht zuletzt deshalb drängte es ihn immer mehr, alles zu sagen und zu schreiben. So klagte Franz Fühmann im Laufe der Zeit immer nachdrücklicher ein, was die zweite deutsche Diktatur verweigerte: literarische Autonomie, Öffentlichkeit, Kritik, Wahrheit, freien Meinungsaustausch. Weil er aber unbedingt bei seinem Lesepublikum in der DDR bleiben wollte, akzeptierte er „atavistische Maßstäbe“ (Kolbe) und verfing sich in unauflösbaren Widersprüchen. Ob Franz Fühmann letztendlich, wie sein Landsmann Georg Trakl, das Paradoxon eines „unlebbaren Lebens“ gelebt hat, darüber lässt sich trefflich streiten. Für sich selbst hat der Dichter Franz Fühmann diese Frage in seinem Testament klar beantwortet:

Ich habe grausame Schmerzen. Der bitterste [Schmerz, M. B.] ist der, gescheitert zu sein: In der Literatur und in der Hoffnung auf eine Gesellschaft, wie wir sie alle einmal erträumten.114

Mit Christa Wolf gesprochen scheint uns, „nicht sehr viele Lebensleistungen können sich messen mit der dieses Gescheiterten“.115

Matthias Braun

 

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Inhalt

Zugänge

Anja Kampmann: Im Winter unsers Missvergnügens

Joachim Hamster Damm: Mein Franz Fühmann

Dietmar Riemann: Posthumer Besuch bei Franz Fühmann im September 1984

 

Entwicklungen, Wandlungen

Matthias Braun: Franz Fühmann. Ein Fremdling in seiner Wahlheimat DDR

Barbara Heinze: Auch ein Bergwerk: das Franz-Fühmann-Archiv in der Akademie der Künste

 

Reflexionen zur Poetik und zu einzelnen Werken

Frauke Meyer-Gosau: Die gefährliche Geschichte vom antisemitischen Kind. Franz Fühmanns Erzählung Das Judenauto

Helmut Böttiger: „Zwischen Latten, Leisten und Luken“. Ein unwiederholbarer Schwebezustand: Franz Fühmanns Budapest-Notate Zweiundzwanzig Tage oder Die Hälfte des Lebens

Daniela Danz: Zuflucht der Widersprüche. Notizen zum Mythischen in Franz Fühmanns Poetik

Martin Straub: Unter Tage. Zu Franz Fühmanns Fragment „Im Berg. Bericht eines Scheiterns“

 

Figuren des Zufalls

Anja Kampmann: „Aus 19-Pfennig-Tintengläsern“. Franz Fühmanns Glastierchen und der Fall Filou: Observationen aus den Jahren 1976–1978

Dietmar Riemann: Tanz der Flaschen

 

Die letzten Jahre

Peter Braun: „Der Altersstil wird klarer, knapper, präziser…“ Franz Fühmanns letzte Essays aus dem Jahr 1982

Dietmar Riemann: Aus dem Zyklus „Leben mit Geistig Behinderten“ in den Samariteranstalten Fürstenwalde

Dietmar Riemann: Was für eine Insel in was für einem Meer. Erfahrungen mit Franz Fühmann

 

Autorinnen und Autoren

 

Franz Fühmann (1922–1984) –

ein produktives Schriftstellerleben, in dem sich das 20. Jahrhundert bricht, und ein verzweigtes, vielgestaltiges Werk, das sich von keiner Doktrin bändigen ließ.
Aus ganz unterschiedlichen Richtungen nähern sich die Autorinnen und Autoren dieses Buches Franz Fühmann an. Sie berichten von ihren persönlichen Erfahrungen mit ihm und von dem Einfluss, den er auf sie ausgeübt hat, verfolgen seine intellektuelle Biografie, öffnen sein Archiv, lesen seine Bücher, reflektieren über seine Poetik oder fragen nach den Figuren des Zufalls.
Ein Schwerpunkt liegt zudem auf den noch wenig beachteten letzten Arbeiten Fühmanns, in denen sich ein erneuter Wandel abzeichnet. Der Fotograf Dietmar Riemann stand in dieser Zeit in engem Kontakt mit Franz Fühmann. Er erzählt von ihrem gemeinsamen Buch über eine Behindertenanstalt Was für eine Insel in was für einem Meer, zeigt Fotografien aus dieser Zeit und präsentiert zwei Zyklen, die er als Hommage an den großen Erzähler und Essayisten gestaltet hat.

Wallstein Verlag, Klappentext, 2016

 

Beitrag zu diesem Buch:

Ulrich Kaufmann: Neue Annäherungen an Franz Fühmann
Das Blättchen, 7.11.2016

 

Uwe Wittstock: Kindheitsmuster, Herkunftsmonster. Eine Lange Nacht über Christa Wolf und Franz Fühmann und ihre deutsche Vergangenheit

 

Vajswerk Häutungen Franz Fühmanns. Eine Spurensuche

Alexander Cammann: Aus Feuerschlünden, Die Zeit, 29.12.2021

 

Zum 70. Geburtstag von Franz Fühmann:

Hans Richter: Ein verlorener Sohn Böhmens
Sinn und Form, Heft 4, Juli/August 1992

Zum 95. Geburtstag von Franz Fühmann:

Walter G. Goes: Versuche über Literatur
Ostseezeitung Rügen, 14.1.2017

Zum 100. Geburtstag von Franz Fühmann:

Alexander Cammann: Aus Feuerschlünden
Die Zeit, 29.12.2021

Cornelia Geißler: Annett Gröschner, welche Bedeutung hat Franz Fühmann für Ihr Schreiben?
Berliner Zeitung, 2.1.2021

Lukas Betzler: Erfahrungen und Widersprüche – Zum hundertsten Geburtstag Franz Fühmanns
54books.de, 13.1.2022

Im Gestrüpp von Für und Wider: Franz Fühmann zum 100. Geburtstag mit Anja Kampmann, Joachim Hamster Damm und Ingo Schulze
mdrKULTUR, 11.1.2022

Thomas Schmidt: Die Leben des Franz Fühmann
schmidt.welt.de, 15.1.2022

Uwe Wittstock: Jedes Buch war für ihn Bekenntnis
literaturkritik.de, Januar 2022

Ulf Heise: Franz Fühmann: Ein Leben als wilder Gebirgssteig
Freie Presse, 14.1.2022

Gunnar Decker: Er wollte anders sehen lernen
nd, 14.1.2022

Gunnar Decker: Mit ernster Fantasie
der Freitag, 2.2.2022

Kai Köhler: Ins Ich verbissen
junge Welt, 15.1.2022

Märkisch Buchholz: So lebte Franz Fühmann im Schenkenländchen
Märkische Allgemeine, 15.1.2022

Ein Leben voll drastischer Wendungen: Vor 100 Jahren wurde Autor Franz Fühmann geboren
Märkische Allgemeine, 15.1.2022

Klaus Hanisch spricht mit Paul Alfred Kleinert: Grundthema: Heimkehr
Prager Zeitung, 15.1.2022

Karin Großmann: Wie ein SA-Mann in der DDR gefeiert und verfolgt wird
Sächsische Zeitung, 15.1.2022

Hans-Jürgen Schmitt: Der Eremit von Märkisch-Buchholz
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 15.1.2022

Thorsten Hinz: Die doppelte Verführung
Junge Freiheit, 15.1.2022

Lothar Müller: Wie leicht man schuldig werden konnte
Süddeutsche Zeitung, 19.1.2022

Claudia Roth: – Es gilt das gesprochene Wort –
bundesregierung.de, 18.1.2022

Ute Wegmann im Gespräch mit Ingo Schulze: Zum 100. Geburtstag von Franz Fühmann mit Pod
Deutschlandfunk, 15.1.2022

Isabel Cole: Worte, Wörter, Wandlungen
lyrikkritik.de

Audiosammlung von mdr KULTUR zum 100. Geburtstag von Franz Fühmann

 

Roland Berbig: Franz Fühmann – Lebens- und Schreibblätter (1922–1984)

 

„Staunendes Begreifenwollen“. Autor:innen über ihr Verhältnis zu Franz Fühmann

 

„Dem Menschen das Ertragen der Wahrheit zutrauen“. Ausgewählte Texte Fühmanns. Mit Corinna Harfouch

 

Fundsache Original – Franz Fühmann zum 100. Geburtstag. Isabel Fargo Cole, Anja Kampmann und Roland Berbig. Moderation: Matthias Weichelt.

 

Franz Fühmann – Haltepunkte in Märkisch Buchholz

Franz Fühmann – Rebell im Schatten Film von Simone Unger

 

Fakten und Vermutungen zu Franz FühmannFilou + InstagramKLGIMDbKalliope + Archiv 1 & 2Internet ArchiveIZA
Porträtgalerie: akg-images + Autorenarchiv Isolde Ohlbaumdeutsche FOTOTHEK + IMAGO + Keystone-SDA
Gedenkartikel: Uwe Wittstock, Max Walter Schulz, Christa WolfUlrike Almut Sandig, Dietmar Riemann, Christian Klötzer, Wieland Förster, Ursula Püschel, Günter Deicke

„Dieser Text ist verschwunden.“

Uwe Kolbe 1 + 2 + 3 + 4

Interviews: mit LehrerInnen, mit Hans-Georg Soldat

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