Konstantin Balmont: Unterwasserpflanzen

Mashup von Juliane Duda zu dem Buch von Konstantin Balmont: Unterwasserpflanzen

Balmont/Kammerer-Unterwasserpflanzen

DORT, BEI DEN PFLANZEN

Dort, bei den Pflanzen ist’s gut.
Tief ist der Meeresgrund, still;
Schwach und voll Schatten das Licht.
Wogen erreichen uns nicht.

Reglos der Pflanzen Gewirr.
Tiefgrün und sorglos ihr Blick.
Leidenschaftslos, ohne Laut,
Wachsen und blühen sie auf.

Wortlos und tief ist der Grund.
Meeresgras bleibt immer stumm.
Liebe und irdisches Wort,
Findest du nirgendwo dort.

Schimmernde Steine und Sand.
Fische, gespensterhaft. – Weit
Von uns Leidenschaft, Leid.
Gut, dass im Meer ich versank!

 

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Dienst am Licht

− Zur Lyrik des russischen Symbolisten Konstantin Balmont. −

Als Konstantin Dmitrijewitsch Balmont 1894 seinen Lyrikband Unter nördlichem Himmel veröffentlichte, hatte er wohl kaum gedacht, dass er als Begründer einer neuen Epoche, des sogenannten „Silbernen Zeitalters“ der russischen Lyrik, in die Geschichte eingehen würde. Gewiss war er aber davon überzeugt, als er in einem berühmten Gedicht aus dem Band Lass uns sein wie die Sonne (1903) kühn behauptete: „Alle Dichter vor mir sind nur blasse Verkünder“. Was aber dieses Neue in Balmonts poetischer Sprache ist, hat man oft zu enträtseln versucht, ohne ganz hinter das Geheimnis zu kommen. Es ist nicht nur die ungemeine Klangfülle seiner Sprache, nicht nur eine Art Exzess in Umgang mit den damals bekannten Mitteln der russischen Verskunst, die er auf ungewohnte, ja revolutionäre Art und Weise bis zum Nicht-mehr-Möglichen ausschöpft. Es sind auch nicht die gewagten, häufig exotisch anmutenden Bilder, die Synästhesien, wie z.B. das oft zitierte „Aroma der Sonne“, welches Tolstoj, der jeder Art von Modernismus feindlich gesinnt war, in einen Lachanfall ausbrechen liess. Es ist eher das Getragene, Erhabene, melancholische Anrührende, wie es uns aus vielen seiner Gedichte, so etwa in „Lautlosigkeit“ im Band Nur die Liebe, vertraut ist:

Die russische Landschaft hüllt zärtlicher Schlummer
Und wortloser Schmerz und verborgenes Leiden –
Und grenzenlos-ausweglos-lautloser Kummer,
Aufschimmernde Höhen, entschwindende Weiten.

Mehrfach wurde betont, Balmont schreibe gar nicht Russisch, sondern eine eigene, nur ihm bekannte Sprache. Ilja Ehrenburg, der spätere sowjetische Romancier, meinte dazu spöttisch:

Sprechen Sie mit ihm auf Russisch, mit grossen Augen sieht er Sie an, und seine zerstreute, abwesende Seele wird Ihnen nicht antworten. Balmont versteht nur eine Sprache, das Balmontische.

Ähnlich behauptete der Kritiker Dmitrij Mirskij, seine Gedichte hätten einen „ausländischen Akzent“, sie „klingen auch in ihren besten Beispielen wie eine Übersetzung“. Mit anderen Worten: Etwas Neues, Fremdes, Ungewohntes haben damals alle gespürt – und fast alle sind ihm verfallen; und deshalb hat man seinen Urheber später belächelt, ja gehasst; Ehrenburg: „Balmont hasst man, weil man ihn vergöttert hat“. Und das ist nicht übertrieben. Praktisch aus dem Nichts kommend, wird der 1867 im Gouvernement Wladimir geborene Balmont zu Beginn des neuen Jahrhunderts zum unbestrittenen russischen Dichterfürsten. Die Jugend liegt ihm buchstäblich zu Füssen, wie aus vielen Quellen hervorgeht. So schreibt der heute vergessene Dichter Alexander Bisk in seinen Erinnerungen:

Unsere Generation kann es sich nicht vorstellen, was Balmont für die damalige Jugend bedeutete. Blok war noch ein Neuling (…). Brjussow war noch nicht der anerkannte Meister, alle anderen Dichter – Andrej Belyj, Sologub, Hippius, Wjatscheslaw Iwanow – galten als zweitrangig. Uneingeschränkter Zar war Balmont. (Wörtlicher: Ungeteilt herrschte Balmont.)

Das Wort „bezrazdel’no“ (ungeteilt, ungetrennt, ganz) ist auch in einem anderen Zusammenhang symptomatisch für Balmont, wie z.B. aus einem Gedicht ersichtlich wird, in dem Balmont selber versucht, sich von den anderen Dichtern abzugrenzen. Wie der ihm recht kritisch gegenüberstehende Andrej Belyj später berichtet, ist dieses Gedicht nach einem Disput mit Dmitrij Mereschkowskij, dem bekannten Schriftsteller und Kulturphilosophen, entstanden und war ursprünglich ihm gewidmet:

Was brauch ich Christus, Antichristus,
Gott, Teufel – so wie ihr sie braucht?
Ich bin der Windhauch, wenn er flüstert,
Ich bin der zarte Morgentau.

Also: Negation jeder Ideologie, jedes schematischen Denkens. Nur das Ursprüngliche, das in der Natur Sicht- oder Fühlbare lässt Balmont gelten:

Ihr seid so grausam in Gedanken
Und in den Worten so voll Wut.
Ich bin ganz ich, ich ohne Wanken,
Ganz ich in Leidenschaft und Glut.

 

Ihr teilt und trennt und fliesst zusammen.
Doch findet ihr des Lebens Sinn? –
Nein, niemals werdet ihr erahnen,
Wie einzig, ungeteilt ich bin.

Diese – wie man heute sagen würde – Ganzheitlichkeit, oder überspitzt formuliert, dieser elementare, anarchische, uneingeschränkt egozentrische Individualismus ist das eigentliche Markenzeichen von Balmont, der sicher als einer der unphilosophischsten Dichter der russischen Literatur angesehen werden muss. Er war ein „Genie der Improvisation“ (Belyj). Aus ihm hat es einfach „gesungen“; in einem spaÅNten Gedicht schreibt er: „Wie ist mir nur geschehn? Ich singe, singe.“ Aber naiv war er nicht. Er kannte die Gesetze und die Gesetzmässigkeiten der Kunst nur zu gut. So hatte er, bevor er als Lyriker bekannt wurde, schon eine Reihe westeuropäischer und skandinavischer Dichter übersetzt, u.a. Heine, Lenau, de Musset, Shelley, Ibsen, Bjørnson, sowie kritische Werke zur nordischen und italienischen Literatur. Seine Kunstauffassung findet sich im Gedicht „Der Weg der Wahrheit“ wohl am besten ausgedrückt. Für ihn sind die fünf Sinne (und ich möchte hinzufügen: der Intellekt) ein „Weg der Lüge“. Es gibt einen sechsten Sinn, die Ekstase:

Die Sinne lügen. Einzig in Ekstase
Wird uns die Wahrheit sichtbar. Dann entbrennt
Geheimnisvoll fürs Aug in Ornamenten
Die unergründliche, nächtliche Tiefe.

Wobei „Ornamente“ oder „Muster“ (russisch: uzory) für Balmont eine Metapher für die Kunst und ihre Möglichkeiten sind.
Semantisch wichtig in dieser Strophe auch das Wort „entbrennen“ und in den nachfolgenden: „Lichtstrahl“, „Feuer“, „blenden“. Etliche Titel seiner zweiundzwanzig Gedichtbände sind feuer- oder lichtbezogen: „Brennende Gebäude“, „Seien wir wie die Sonne“, „Meeresleuchten“ „Schimmerndes Morgenrot“, „Auf dem Pfad des Feuers“, „Sonnengespinst“, „Nördliches Leuchten“, „Dienst am Licht“.
Auch in diesem Zusammenhang betonen Balmont-Kenner den ganzheitlichen Charakter seines Werks, Wadim Krejd spricht gar von einer ureigenen „einzigen Kraft des künstlerischen Talents“. Oft wurde auf die „Sonnennatur“ von Balmonts Dichtung hingewiesen, wobei aber eingeschränkt werden muss, dass viele seiner frühen Gedichte (vor allem aus den Bänden In der Uferlosigkeit, 1896, und Stille, 1898) doch eher auf das Mondlicht fixiert sind.
Also: Ein Leben im Dienst am Licht (Svetosluženie), wie sein letzter, 1937 im chinesischen Charbin erschienener Gedichtband heisst: Vom „Mondschein“ eines der frühesten Gedichte über das Aufflammen in „Brennende Gebäude“ oder „Lass uns sein wie die Sonne“ bis zur kaum weniger wertvollen Lyrik der Spätzeit gibt es für Balmont einen einzigen Weg, den „Pfad des Feuers“. Er ist sich immer treu geblieben. Er ist nie einem Zeitgeschmack gefolgt und hat auch, als er längst aus der Mode gekommen war, fortgefahren, sogenannte dekadente Gedichte zu schreiben, wobei das Attribut „dekadent“, mit dem der frühe russische Symbolismus auch bezeichnet wird, an sich wenig bedeutet, oder wie Balmont 1904 schreibt:

Die symbolistische Dichtung ist unzertrennlich mit den anderen Varianten der zeitgenössischen Literatur verbunden, bekannt unter dem Namen Dekadenz und Impressionismus. Ich fühle mich ausserstande, diese Nuancen streng abzugrenzen, und denke, dass dies in Wirklichkeit unmöglich ist und dass streng genommen Symbolismus, Impressionismus und Dekadenz nichts anderes als psychologische Lyrik sind, die sich in ihren Bestandteilen verändert, aber in ihrem Wesen immer gleich bleibt.

Es gibt natürlich auch den dunklen, dämonischen Balmont, der vielleicht am ehesten das Attribut „dekadent“ verdient. Aber auch in diesen Gedichten (einige davon durch die niedergeschlagene Revolution von 1905 inspiriert und in Böse Zauber und Gesänge des Rächers vereinigt), findet sich wie im frühen Sonett „Unterwasserpflanzen“ eine Sehnsucht nach „Liebe“, nach „Lichterfülle“, jener Fülle also, aus der Balmont geschöpft hat, dies auch, nachdem er 1920 als entschiedener Gegner des Bolschewimus endgültig nach Frankreich emigriert war, wo er 1942 während der deutschen Besetzung in einem Flüchtlingsheim bei Paris starb. Schon 1917 war er sich aber dessen bewusst, dass es wohl bald für immer Abschied von der Heimat („Rossía“, im Russischen weiblich) zu nehmen gilt:

Wer wünscht da noch Opfer? Ich will sie tragen!
Wer wünscht da noch Blut? O nehmt es von mir!
Doch, bitte, erweist mir, auch kurz nur, die Gnade,
Bei ihr zu verweilen. In ihr – und mit ihr!

Balmont ist ein eminent russischer Dichter, auch wenn er zwischen 1895 und 1913 viele Jahre, ja fast ein ganzes Jahrzehnt, mehr oder weniger freiwillig im Ausland verbracht hat (seit seiner frühesten Jugend hatte er Probleme mit Schul-, Polizei- und Zensurbehörden). Balmont, der dem Adel entstammte und mit seinen vielen Veröffentlichungen auch auf regelmässige Einkünfte zählen konnte, hat praktisch die ganze Welt bereist, er hat unzählige Werke aus rund dreissig Sprachen übersetzt, die er meist vorzüglich beherrschte. Selbst in vorgerücktem Alter war er noch unermüdlich übersetzerisch tätig und hat u.a. das 6212 Verse umfassende georgische Nationalepos Der Ritter mit dem Pantherfell von Schota Rustaveli vollständig nachgedichtet.
Auch im Exil in Paris und Cap Breton, wo er zurückgezogen und in ärmlichen Verhältnissen lebte, war er noch ungemein produktiv, was sich natürlich eher ungünstig auf die Qualität seiner Werke auswirkte, die zeitlebens schwankte. Vieles ist wohl zu schnell geschrieben worden, mit einer gewissen (eleganten) Nachlässigkeit und Nonchalance, die sich vor allem auf der Bild- und Gedankenebene ausdrückt. In praktisch all seinen Gedichtbänden findet sich Hervorragendes neben Misslungenem, Konventionellem. Vor keinem Thema scheute Balmont zurück, auch Themen, die ihm offensichtlich nicht lagen. So spricht z.B. Valerij Brjussow, der den Dichter sehr schätzte und seine Lyrik eingehend analysierte, 1907 im Zusammenhang mit seinen politischen Gedichten von einem „Dreikopeken-Balmont“. Auch als Essayist ist Balmont vielfach (und nicht immer überzeugend) hervorgetreten. So versucht er in Poesie als Zauberei (1915) u.a. eine äusserst originelle Semantik der russischen Laute; in Wo ist mein Haus? (1922) vereinigt er hingegen kostbare Studien mir recht unfertigen Skizzen.
Sein literarischer Nachlass ist unermesslich und bis heute nur unvollständig gesammelt. Bei weitem unvollständig muss auch jede Lyrik-Auswahl bleiben, sind doch bis zu Balmonts Tod weit über viertausend seiner Gedichte gedruckt worden. Mit den zweiundzwanzig hier vorliegenden Beispielen – übrigens der erste, allein Balmont gewidmete Auswahlband im deutschsprachigen Raum – kann nur ein minimalistisches Bild dieses grossen, vielseitigen Dichters gegeben werden. Balmont war epochemachend. Es war ihm gegeben, die Strömungen seiner Zeit intuitiv zu erkennen und dadurch mitzugestalten. Ohne sein bahnbrechendes Werk wären der russische Symbolismus und die Erneuerung der russischen Lyrik in den ersten beiden Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts nicht denkbar. Viele seiner einstigen (und heutzutage bekannteren) Dichterkollegen wussten das: so vor allem Aleksandr Blok, so Wjatscheslaw Iwanow, so Nikolaj Gumiljow, der sich für ihn begeisterte, als sein Stern schon lange im Sinken war, so Wladimir Chodassewitsch. Vor allem aber auch die ihm in einer gewissen Exaltiertheit und Masslosigkeit geistesverwandte Marina Zwetajewa. Sie hat ihn in den schwierigen Jahren der Russischen Revolution und des Bürgerkriegs, als er auch tagsüber frierend im Bett lag, regelmässig besucht, wobei sie das Aussergewöhnliche seiner Persönlichkeit, das nicht nur aus seinen Gedichten spricht, wohl am eindringlichsten gespürt hat: „Keine einzige Minute habe ich mich im Beisein Balmonts nicht in einer erhabenen Stimmung gefühlt (…). In Balmonts Beisein fühlst du dich immer wie im Beisein des Höchsten.“
Höchstes hat Balmont in vielen seiner Gedichte geleistet. Das Genialische, ja Titanische seiner Kunst ist unübersehbar, unüberhörbar. Ich hoffe, dies geschehe auch während der Lektüre meiner Übersetzungen, die natürlich nur einen Abglanz des russischen oder genauer: balmontischen Originals wiedergeben können.

Christoph Ferber, Vorwort

 

Konstantin Bal’mont (1867–1942),

zwischen 1894 und 1905 ein Kultautor des russischen Symbolismus, wurde vergöttert, gehasst und nachgeahmt. Mit dem „magischen Klangzauber“, den musikalischen Effekten seiner Verse, dem Spiel der Alliterationen, Rhythmen und Reime machte er Schule. Er selbst erklärte stolz, erst er habe die „biegsame, schmiegsame Schöne“, die russische Sprache in ihrem Wohlklang, entdeckt, andere Dichter seien nur „Vorläufer“ gewesen. Sogar seine Kritiker bewunderten die gewagten Synästhesien, die Klangfülle und berauschende Musikalität seiner Verse. Viele wurden vertont, von Rachmaninov, Skrjabin, Prokof’ev und Stravinskij. 1903 kam in Moskau der Lyrikband Lass uns wie die Sonne sein heraus, gewidmet dem „Zauberer“ Valerij Brjusov, dem „spröden“ Jurgis Baltrušajtis und Mirra Lochvickaja, der „russischen Sappho“. Bal’mont sah in ihnen Vertreter der neuen „psychologischen Lyrik“, die sich in einer freimütigen Denkweise und impressionistisch-symbolistischen Schreibweise manifestierte. Bal’mont wollte nicht nur ein „Beobachter“ des Lebens sein, sondern als „Denker“ in die „Mysterien des Seins“ eindringen. Er besaß eine innige Beziehung zu den Elementen Feuer, Wasser, Luft und Erde. Mit dem Feuer (der Sonne, der Flamme, dem Licht) verband er seinen Traum von Schönheit und Harmonie, mit dem Wasser den Traum von einer Natur voller Rätsel und magischer Kräfte:

Ich kam in diese Welt zu schaun die Sonne,
Den blauen Horizont,
Ich kam in diese Welt zu schaun die Sonne,
Der Berge Front.

 

Ich kam in diese Welt zu schaun die Meere,
Die Hügel, hell und klar.
Mit einem Blick umfass ich alle Meere,
Ich bin – ein Zar.

 

Besiegt hab ich die Kälte, das Vergessen,
Schuf einen Traum.
Wer kann mit mir, dem Dichter, sich noch messen?
Ein Mensch wohl kaum…

 

Bal’mont hielt sich aus politischen Gründen viel im Ausland auf und unternahm ausgedehnte Reisen, deren Spuren auch in seinen Gedichten zu finden sind. Unermüdlich wirkte er als Übersetzer (Shelley, Poe, Wilde, Baudelaire, Ibsen, Lenau, Hauptmann u.a.). Er emigrierte 1920 und starb in Noisy-le-Grand bei Paris. In deutscher Übersetzung waren seine Gedichte bisher wenig zu finden. Zwei Dutzend Titel übertrug Wolfgang E. Groeger für den Band Gedichte, der 1921 im Berliner Verlag Die Skythen erschien. Groeger wählte vor allem Liebesgedichte aus, wie „Ich will, Die Nixe“ oder „Der Liebesspiele Spielenden“. Christoph Ferber, ein ausgewiesener Lyrikübersetzer, steuerte 1989 einige Sonette Bal’monts zu einer Festschrift für den Schweizer Slawisten Peter Brang bei. Jetzt hat er für die Schwarze Reihe der Edition Raute 22 Gedichte ausgewählt, die zwischen 1892 und 1927 entstanden. Das Hauptmotiv des Titelsonetts Unterwasserpflanzen (1894) ist das Wasser, das Meer mit seiner Tiefe, Dunkelheit, Kälte, Einsamkeit und Stille. Die Pflanzen sehnen sich nach Liebe und Lichterfülle, träumen von Blütenduft am Strand, sind für den Dichter ein Symbol, das er dem Dunklen, Dämonischen entgegensetzt. Neben „Ich kam in diese Welt zu schaun die Sonne“, dem programmatischen Einführungsgedicht zum Band „Lass uns wie die Sonne sein“, ist Ferber die Übertragung des Sonetts Der Weg der Wahrheit“ („Die Sinne lügen. Einzig in Ekstase / Wird uns die Wahrheit sichtbar …“) und des Gedichts Worte sind Chamäleons“ (Worte „ändern sich, betrügen, / Sind schön auch im Verrat. / Und wie im Märchen lügen / Für uns sie ungestraft.“) in Form und Inhalt besonders gut gelungen. Im Vorwort wertet er Bal’monts Schaffen als „Dienst am Licht“. Im Nachwort würdigt Holger Wendland die „antonpaulischen“ Zeichnungen von Anton Paul Kammerer zu den „balmontischen“ Texten.

Karlheinz Kasper, aus: Karlheinz Kaper: „Manuskripte brennen nicht“. Russische Literatur in Erst- und Neuübersetzungen 2012, Osteuropa, Heft 1, 2013

Im Zeichen des Lichts

− Zwei russische symbolistische Dichter. –

Wer kennt sie heutzutage, die Dichter Wjatscheslaw Iwanow (1866–1949) und Konstantin Balmont (1867–1942), zwei wichtige Exponenten des Symbolismus, des sogenannten silbernen Zeitalters der russischen Literatur? Ihre Lyrik war auf Deutsch bisher nur in Anthologien vertreten, doch seit kurzem liegen zwei schmale, schön gestaltete Einzelausgaben vor; Auswahl und Übertragung besorgte mit sensiblem Geschick Christoph Ferber.
(…)
Während Wjatscheslaw Iwanow in seiner Poesie den Gedanken über die Lautlichkeit der Sprache stellt, ist es bei Konstantin Balmont genau umgekehrt. Balmont ist der liedhafteste Dichter des russischen Symbolismus, der magische Klangzauberer, der auch eine Marina Zwetajewa mit seiner Wortmusik zu betören vermochte. Thematisch ein Improvisator, lässt sich Balmont ganz vom Ohr leiten, folgt den Rhythmen und Melodien der Sprache, der er eine ungeheure Klangfülle entlockt. Mit seinen zwischen 1894 und 1905 entstandenen Lyrikbänden wird er zum „Dichterzar“, dem die Jugend an den Lippen hängt. 1905 setzt er sich – einmalig in seiner literarischen Laufbahn – für die Arbeiterrevolution ein, flieht jedoch, um politischer Verfolgung zu entgehen, nach Paris.
Die folgenden Jahre verbringt er meist in der französischen Hauptstadt, 1912 tritt er eine Weltreise an, die ihn bis nach Indien, Australien und Neuseeland führt. Von 1913 bis 1920 lebt Balmont wieder in Russland, dann emigriert er definitiv nach Frankreich, wo er 1942, während der deutschen Besatzung, in einem Flüchtlingsheim bei Paris stirbt. Sein letzter Gedichtband erscheint 1937 im chinesischen Harbin, viele seiner Übersetzungen – von Shelley, Poe, Baudelaire, Ibsen und Hauptmann – haben ebenfalls zu seiner Bekanntheit beigetragen.
Konstantin Balmonts Motive kreisen um Feuer und Ekstase, um eine Ganzheitlichkeit, die auf einem „elementaren, anarchischen, uneingeschränkt egozentrischen Individualismus“ (Ch. Ferber) basiert. Die Sonne als Zentralmetapher feiert mannigfaltige Metamorphosen; dass sie ein „Aroma“ hat, gehört zu Balmonts synästhetischer Wahrnehmungskunst. (Lew Tolstoi fand dies zum Lachen komisch.) Bilder und Metaphern stehen bei Balmont aber immer im Dienste der „rieselnden russischen Sprache“, dieser „biegsamen, schmiegsamen Schönen“ und ihrer „Wohlklang verbreitenden, gleitenden Töne“. Jede Übertragung stösst da naturgemäss an Grenzen und enthüllt gerade dadurch Balmonts eigene Grenzen: Denn jenseits der Klangfülle erweist sich seine Dichtung, die auch Zeitumstände weitgehend ausblendet, als wenig substanziell. Wie Form und Inhalt zu grossartiger Synergie finden können, bewies der jüngere Symbolist Alexander Blok.

Ilma Rakusa, Neue Zürcher Zeitung,20.4.2013

 

Ein Wort über Balmont

Es ist schwer, über etwas so Inkommensurables wie einen Dichter zu sprechen. Wo soll man anfangen? Und wo enden? Und wie überhaupt anfangen und enden, wenn das, wovon man spricht: die Seele – alles ist – überall ist – immer ist.
Ich werde mich deshalb auf das Persönliche beschränken, und dieses Persönliche auf das Allerwesentlichste – das, was Balmont zu Balmont macht.
Wenn ich mit einem Wort definieren sollte, was Balmont ist, würde ich ohne Zögern sagen: ein Dichter.
Schmunzeln Sie nicht, meine Herrschaften, dasselbe würde ich weder über Jessenin noch über Mandelstam, noch über Gumiljow, noch auch über Blok sagen, die alle noch etwas anderes waren als nur Dichter. Etwas Größeres oder Kleineres, Besseres oder Schlechteres, aber – etwas Anderes. Selbst Achmatowa hatte – unabhängig von ihrer Lyrik – das Gebet.
Balmont ist Dichter, und sonst nichts. Balmont = Dichter: die Gleichung geht auf. Deshalb hat es nichts Lächerliches oder Hochtrabendes, wenn seine Familie auf Nachfragen sagt: „der Dichter schläft“ oder „der Dichter ist Zigaretten holen“, denn es ist tatsächlich ein Dichter, der da schläft, und seine Träume sind die Träume eines Dichters, und es ist ein Dichter, der Zigaretten holt – kein Verkäufer, der ihn an der Ladentheke sieht und hört, würde je daran zweifeln.
Auf Balmont liegt – in jeder seiner Gesten, jedem Schritt, jedem Wort – das Brandmal – der Stempel – der Stern – des Dichters. 

Solang ihn nicht Apoll gerufen,
Zum heiligen Opfer ihn bestellt,
Sinkt tief verzagt von Stuf zu Stufen
Der Dichter in das Nichts der Welt;
Verstummt sind seine heiligen Saiten;
Sein Herz ein kalter Schlaf befällt,
Und in der Welt der Nichtigkeiten
Ist er den Nichtigsten gesellt.

Diese Zeilen handeln nicht von Balmont. Ihn rief Apoll immer zum Opfer, er sank nie ins Nichts der Welt, nie verstummten seine heiligen Saiten, nie befiel kalter Schlaf sein Herz, und in der Welt der Nichtigkeiten war Balmont den Nichtigsten nicht nur nicht gesellt, er kannte sie gar nicht, er hielt sich dort nicht auf, er kannte nicht einmal den Begriff Nichtigkeit. 

Verachtung – das Wort verstehe ich nicht,
Einen Menschen verachten – wie geht das?
Noch im Schwächsten brannte einmal der Leidenschaft Licht,
Und dem FEIND seh ich heimlich verzückt ins Gesicht.

Nehmen wir das Alltagsleben. Balmont ist davon völlig unabhängig, er geht nicht den geringsten Kompromiss ein – auch sprachlich. „Marina, ich habe dir Münzen mitgebracht…“ Was für andere Geld ist, heißt bei ihm Münzen, selbst armseliges Papiergeld nennt er Tscherwonzen. Zu Details wie Francs oder Rubeln lässt er sich grundsätzlich nicht herab. Ja, mehr noch: Er hat nie ein Alltagsleben gekannt. Clamart bei Paris, vor etwa zwei Jahren. Nach einer ziemlich langen Pause treffe ich Balmont auf der unvermeidlichen Vorort-Hauptstraße mit dem Allerweltsnamen „Rue de Paris“ (alternativ: „Rue de la République“). Freude, Händeschütteln, Bedauern, dass wir uns so lange nicht gesehen, Verwunderung, dass wir es so lange ohne einander ausgehalten haben… – „Wie ist es dir ergangen in all der Zeit? Schlecht?“ – „Marina! Ich war vollkommen glücklich: Ich habe zwei Monate in Altindien geweilt.“
Genau so – er hatte geweilt. Mit Haut und Haar.
Bei Balmont ist alles märchenhaft. „Wie reich sind die Wege des Lebens“, hat er in seinen „Bergigen Höhen“ einmal gesagt. – Das stimmt – solange man an Balmonts Seite geht, füge ich hinzu.
Oft habe ich sagen gehört, Balmont sei hochtrabend.
Das ist er auch – in einem guten, im ursprünglichen Sinn.
Er trabt, reitet, fliegt in der Höhe, er will nicht nach unten. Will er nicht oder kann er nicht? Ich würde sagen, die Erde ist immer etwas erhöht unter seinen Füßen, das heißt: er wandelt schon auf dem ersten Himmel dieser Erde.
Wenn Balmont im Raum ist, ist Angst im Raum.
Ich erkläre gleich, was ich meine.
Mein Leben lang, seit ich geboren bin, hatte ich vor niemandem Angst.
Es gibt nur zwei Menschen, die ich im Leben gefürchtet habe: Fürst Sergej Michajlowitsch Wolkonskij (ihm gilt und von ihm handelt mein Zyklus „Der Schüler“, in dem Band Handwerk) – und Balmont.
Vor ihnen hatte und habe ich Angst, und ich bin glücklich darüber.
Was bedeutet dieses „Angst haben“ bei so einem freien Menschen wie mir?
Ich fürchte, etwas falsch zu machen, zu nahe zu treten, mich zu kompromittieren in den Augen – eines Höheren. Und was haben Fürst Wolkonskij und Balmont gemeinsam? Nichts. Meine Furcht. Meine Angst, die eigentlich – Bewunderung ist.
Nie werde ich die folgende Begebenheit vergessen.
1919. Moskau. Winter. Wie jeden Tag statte ich den Balmonts einen Besuch ab. Balmont liegt der Kälte wegen im Bett, ein kariertes Plaid über den Schultern.
Balmont: „Bestimmt willst du gern rauchen?“
Ich: „N-nicht besonders…“ (Tatsächlich halte ich es kaum aus.)
„Hier, aber rauche konzentriert: eine Pfeife verträgt keine Ablenkung. Vor allem sei still. Reden kannst du danach.“
Ich sitze da und qualme konzentriert, nur ohne Qualm.
Balmont, freudig: „Tut es gut?“
Ich, nicht minder freudig: „Mmmm… “
„Du hast so ein Gesicht gemacht beim Hereinkommen, so ein sehnsüchtiges Gesicht, Marina, mir war sofort klar, dass du lange nicht geraucht hast. Ich weiß noch, einmal auf dem Pazifik…“
Er erzählt. Ich ziehe weiter an der Pfeife, vergeblich, aber unermüdlich, in tödlicher Furcht, Balmont könnte bemerken, dass mein Rauchen eine Schimäre ist – der Schatten eines Kriegers raucht den Schatten einer Pfeife, die mit dem Schatten eines Tabakblatts gestopft ist, usw. – wie im Totenreich der Indianer.
„So, genug geraucht. Gibst du mir die Pfeife?“
Ich gebe sie ihm.
Balmont sieht, dass der Tabak unberührt ist: „Aber – du hast ja gar nichts geraucht?“
Ich: „N-nein… doch… ein bisschen…“
Balmont: „Das Kraut ist ausgegangen, ohne dass es gebrannt hat?… (Er untersucht die Pfeife.) Ich habe sie zu fest gestopft, ich habe sie einfach – verstopft! Marina, ich habe vor lauter Liebe zu dir so viel Tabak genommen… dass man sie gar nicht rauchen konnte! Die Pfeife war gestopft voll – mit Liebe! Arme Marina! Warum hast du denn nichts gesagt?“
„Weil ich Angst vor dir habe!“
„Du hast Angst vor mir? Elena, Marina sagt, sie hat Angst vor mir. Und aus irgendeinem Grund gefällt mir das sehr. Marina, ich bin geschmeichelt: eine Amazone wie du – hat vor mir – Angst.“
(Nicht vor dir hatte ich Angst, mein Lieber, sondern davor, dir auch nur eine Sekunde lang Kummer zu bereiten. Denn die Pfeife war – mit Liebe gestopft.)
Balmont hat mir immer das Letzte gegeben, was er hatte. Nicht mir – jedem. Die letzte Pfeife, den letzten Kanten Brot, das letzte Stück Brennholz. Das letzte Streichholz.
Und nicht aus Mitgefühl, sondern wiederum aus Großherzigkeit. Weil er von Natur aus ein König ist.
Ein Gott kann nicht anders als geben. Ein König kann nicht anders als geben. Ein Dichter kann nicht anders als geben. Nehmen dagegen konnte Balmont – weniger gut. Ich weiß noch, einmal kam er nach Hause – ganz außer sich, aufgeregt und bekümmert.
„Marina! Elena! Mirra!1 Ich habe eben etwas Furchtbares getan – etwas Wunderbares – und ich bereue es.“
„Du und bereuen?“
„Ja. – Ich gehe die Wolchonka entlang, plötzlich höre ich jemanden rufen, eine Frauenstimme. Ich drehe mich um und sehe in einer Kutsche – elegant, schön, so jung wie eh und je – Elena, erinnerst du dich an die reizende Schwedin, mit der wir damals auf dem Schiff einen ganzen wonnevollen Abend verbracht haben? – sie ist es. Sie hält an. Ich steige ein. Wir unterhalten uns. Sie erinnert sich an alles, an jedes Wort von mir. Sie ist aufgewühlt. Ich bin es auch. Die Zeit verfliegt. Plötzlich sehe ich, dass wir schon weit weg sind, das heißt, ich bin sehr weit von zu Hause, wir entfernen uns immer mehr, entfernen uns unwiderruflich. Da nimmt sie meine Hand und sagt, und dabei wird sie plötzlich ganz rot – bis an die Haarwurzeln – nur die Skandinavierinnen erröten so –: ,Konstantin Dimitrijewitsch, bitte sagen Sie mir einfach, und verzeihen Sie meine Frage: Wie geht es Ihnen, kann ich Ihnen vielleicht irgendwie helfen… Ich habe alles – Mehl, Butter, Zucker, und ich reise in wenigen Tagen ab…‘
Und da, Marina, habe ich etwas Furchtbares getan: Ich sagte: ,Nein.‘ Ich sagte, ich hätte alles. Marina, ich bin physisch zurückgeprallt. Und ich hatte ja wirklich alles in diesem Moment: einen noblen Wagen, die zauberhafte Gesellschaft eines schönen, jungen, vornehmen Geschöpfs – sie hat ganz goldenes Haar – ich ging nicht, ich fuhr, wir fuhren nicht, wir schwebten… Und plötzlich – Mehl? Butter? Ich wollte so sehr, dass die Freude dieser Begegnung unbeschwert bleibt. Und dann war es schon zu spät, Marina, ich schwöre, ein Dutzend Mal wollte ich ihr sagen: ,Ja. Ja. Ja, bitte Mehl und Butter und Zucker und alles, denn ich habe – nichts.‘ Aber – ich konnte nicht. Jedes Mal wieder – ich konnte nicht. ,Dann bringe ich Sie zumindest nach Hause. Wo wohnen Sie?‘ Und da, Marina, habe ich zum zweiten Mal etwas nicht wieder Gutzumachendes getan. Ich sagte: ,Genau hier‘: Und stieg aus – mitten auf der Pokrowka. Und völlig überraschend küssten wir uns. Und wieder rötete sich der Himmel. Und jetzt ist alles endgültig aus, weil ich nicht weiß, wo sie wohnt, und sie nicht weiß, wo ich wohne.“
Neunzehn Jahre sind seit unserer ersten Begegnung vergangen. Nie ist auch nur eine Sekunde mit Balmont in gewohnten Bahnen für mich verlaufen. In neunzehn Jahren des Umgangs mit ihm habe ich mich nicht an ihn gewöhnt. Der heilige Schauer hat sich in den neunzehn Jahren seiner Anwesenheit nicht verbraucht. In Balmonts Gegenwart spüre ich immer die Präsenz eines Höheren. In Balmonts Gegenwart esse ich sogar anders, ich esse – etwas anderes. Brot ist mit Balmont – unser täglich Brot, Kartoffeln sind, ob in Moskau oder Clamart, keine Kartoffeln, sondern ein Mahl. Und alles andere als Kartoffeln ist ein Festmahl.
Denn Balmonts Gegenwart ist wirkliche Gegenwart.
Diese Ehrfurcht vor dem Höheren empfindet – ausschließlich Balmont und Fürst Wolkonskij gegenüber – auch mein kleiner Sohn.
Das liegt nicht am Alter. Alte Leute gibt es reichlich in der Emigration – sie besteht geradezu aus alten Leuten – und für ein Kind von heute ist das eher ein Anlass zu Desinteresse als zu Ehrfurcht.
Es liegt auch nicht an der Schriftstellerei. Schriftsteller gibt es reichlich in der Emigration, sie besteht geradezu aus Schriftstellern, und für den Sohn einer Schriftstellerin ist auch das eher ein Anlass zu Indifferenz als zu Ehrfurcht.
Und es liegt nicht an meinem Vorbild: Für ein Kind von heute, vielleicht auch für ein Kind jeder anderen Zeit – ein starkes Kind – ist das Vorbild der Eltern – erlassen Sie mir den Rest des Satzes?
Nein, es ist weder das Alter noch der Ruhm, noch sein Nachahmungsdrang, der dieses eigenwillige, ja widerspenstige Kind dazu bringt, nicht zu widersprechen, schnelle und korrekte Antworten zu geben, sich in jeder Hinsicht zusammenzunehmen; es ist vielmehr jene Gabe, die man Persönlichkeit nennt, und auf ihrem Höhepunkt: Größe. 

Oft höre ich Leute über Balmonts Pose reden. Sogar Schriftsteller. Sogar gute. Ich beginne mit einem generellen Einwand, ein für alle Mal: ein Dichter hat erstens keinen Adressaten, vor dem er posieren könnte. Wo wären denn seine Porträtisten? Zweitens hat er zum Posieren keinen Grund: Er ist so sehr gezeichnet, dass er nichts lieber und dringender will als unbemerkt bleiben. „Wie gerne wär ich nicht Walerij Brjussow“, schreibt Brjussow, und: „Ich wollte immer sein wie alle anderen“ – Boris Pasternak. Wenn schon Pose, dann die entgegengesetzte – die der Unauffälligkeit, die Tarnfarbe des Allgemeinen.
Was so oft für eine Pose gehalten wird, ist die dem Spießbürger fremde eigentliche Natur des Dichters – bei Balmont gehört dazu zum Beispiel die nasale Aussprache von en und an.
Ja, Balmont spricht anders als andere, ja, sein en und sein an haben einen Raubkatzen-Beiklang, aber er spricht ja nicht nur anders, er denkt und fühlt auch anders, er sieht, hört, handelt anders, er ist durch und durch anders. Es wäre seltsam, wenn er spräche wie alle – er, der noch in das einfachste Wort – einen anderen Sinn legt als alle.
Außerdem, meine Damen und Herren, spricht das Blut der Vorfahren im Dichter lauter als in irgendwem. Nicht minder laut als im Hund – der Wolf.
Balmonts Wurzeln liegen in Litauen – das erklärt, von seiner lyrischen Besonderheit abgesehen, auch seine „Pose“.
Und die Kopfhaltung? Den Kopf hat ihm der Herrgott aufgesetzt. Wie könnte einer eine demütige Haltung einnehmen, der mit zwanzig solches gesagt hat: 

Ich kenne den Sturm hinter euren Lidern,
Ich zittere heimlich in seinem Bann.
Und sehe ich einen von euch länger an –
Schlägt er plötzlich – die Augen nieder.

Hier liegt der Ursprung des Balmont’schen Blicks: er ist das Furchtloseste, was ich je gesehen habe. Ein sicherer Blick: ihm entspringt der Vers. Außerdem, Freunde – so spricht die Sonnenblume mit den Worten eines persischen Dichters –: Wer oft nach der Sonne sieht, hält das Haupt hoch erhoben.
Noch eines: die Pose ist das Gegenteil von Natur. Zur Natur hat Balmont einmal Folgendes gesagt, in einem kritischen, ja beängstigenden Moment seines Lebens. Es war vor zwei Jahren. In besagtem Clamart. Balmont klagt über seine Augen: ein Flimmern, Flackern, Flirren… Er leiht sich nur Bücher in großer Schrift von mir aus. – „André Chénier? Wie lange träume ich schon von dieser Begegnung! Aber der liebe Verleger von 1830 hat den Zustand meiner Augen 1930 nicht bedacht.“
Es ist ein sonniger Tag. Wir stehen vor meiner Haustür.
„Marinal Halte mich nicht für einen Verrückten! Aber falls ich blind werden sollte – werde ich auch das annehmen. Es kommt doch von der Natur, und den Gesetzen der Natur habe ich mich immer gebeugt.“
Er hebt das Gesicht und bietet es der Sonne dar, mit der uralten Gebärde des Priesters – und schon eines Blinden:
„Blindheit ist ein herrliches Unglück. Außerdem… (verschwörerisch) ich bin nicht allein. Ich habe große Vorgänger: Homer, Milton…“
Ich will hier von Herzen meiner immerwährenden Dankbarkeit für Doktor Alexander Petrowitsch Prokopenko Ausdruck verleihen, der Balmont damals geheilt und ihm durch seine stetige Treue und echte geistige Anteilnahme die letzten gesunden Jahre versüßt hat. (Ich bin glücklich, dass ich es war, die Sie beide einander geschenkt hat.)
Meine Damen und Herren, ich habe noch nichts gesagt. Ich könnte einen ganzen Abend lang von Balmonts täglichem Leben erzählen, dessen liebevolle Zeugin ich neunzehn Jahre lang sein durfte, von einem absolut unwiderstehlichen, noch nirgends beschriebenen Balmont – ich habe ein ganzes Heft voller Notizen über ihn, und ein ganzes Herz voller Dankbarkeit.
Doch zum Schluss etwas dringend Notwendiges.
Balmont braucht Hilfe.
Balmont ist nicht nur ein begnadeter lyrischer Dichter, er hat sein Leben lang hart gearbeitet.
Von Balmont liegen vor: 35 Gedichtbände, d.h. 8.750 Druckseiten Gedichte.
20 Prosabände, d.h. 5.000 Seiten – gedruckte Seiten, und wie viel mehr hat er noch in seinem Koffer!
Übersetzt, kommentiert und mit Einführungen versehen hat Balmont:
Edgar Poe – fünf Bände – 1.800 S[eiten,]
Shelley – drei Bände – 1.000 S[eiten,]
Calderón -vier Bände – 1.800 S[eiten]
– weiter, ich zähle einfach auf ohne Seitenangaben: Wilde, Christopher Marlowe, Lope de Vega, Tirso de Molina, Charles Van Lerberghe, Hauptmann, Sudermann, Jaegers fünfhundertseitige Geschichte der skandinavischen Literatur (von der sowjetischen Zensur verbrannt, sie existiert nicht mehr) –, Słowacki, Vrchlický, Rustavelis georgisches siebenhundertseitiges Epos Der Mann im Pantherfell, eine Auswahl bulgarischer Gedichte – Die Litauer und die Slawen – Jugoslawische Volkslieder und Sagen – Litauische Dichter unserer Tage – Dainas: litauische Volkslieder – Gedichte aus Ozeanien (der Mexikaner, der Maya, der Polynesier, Javaner, Japaner) – Tschechiens Seele – Indien: Ashvaghosha, Das Leben des Buddha; Kalidasa, Dramen. Und noch vieles mehr.
Insgesamt umfassen seine Übersetzungen über 10.000 Seiten. Doch das ist nur der veröffentlichte Teil. Balmonts Koffer (alte, glorreiche Koffer, die viel erlebt und erlitten haben) – quellen über vor Manuskripten. Und alle diese Manuskripte sind bis auf den letzten Punkt durchgearbeitet.
In ihnen stecken nicht die fünfzig Jahre, die wir heute feiern, sondern hundert Jahre literarischer Arbeit.
Ich habe Balmont einmal sagen gehört, er habe mit neunzehn schon – „während andere sich vergnügten und verliebten“ – über seinen Wörterbüchern gesessen. Diese Wörterbücher – nicht weniger als fünfzehn an der Zahl – hat er sich einverleibt und damit die Seelen von fünfzehn Völkern der Schatzkammer der lebendigen russischen Sprache hinzugefügt.
Balmont hat sich verdient gemacht.
Wir alle stehen in seiner Schuld.
Die Emigration wird sich nie mehr von ihrer Sünde reinwaschen können, wenn sie für den einzigen großen russischen Dichter, der sich im Ausland aufhält – unwiderruflich im Ausland aufhält –, nicht alles Mögliche und Unmögliche tut.
Wenn die Emigration sich als Vertreterin der alten Welt, des Großrussland von einst versteht – so gehört Balmont zum Besten, was diese alte Welt uns mitgegeben hat. Er ist der letzte Erbe. Dank Balmont und Menschen seinesgleichen – von denen es nicht viele gibt – können wir ein Gegengewicht schaffen zu den Sünden und Fehlern jener alten Welt.
Balmont ist ein Glücksfall für uns.
Ich weiß: Es werden Kriege geführt – man spricht von Verteidigungspflicht – es werden Verträge von globaler Bedeutung gebrochen – und andere geschlossen.
Doch unsere erste Pflicht ist es, Balmont zu danken, und ihn zu unterstützen ist unser Vertrag mit unserem Gewissen.
Das ist dringlicher und ewiger als alle Kongresse und Kriege. 

Balmont braucht: Natur, menschenwürdige Behandlung, ein eigenes Zimmer – weiter nichts.
Er ist krank, aber er ist immer noch Balmont.
Er setzt sich jeden Morgen an den Schreibtisch.
Auch in seiner Krankheit ist er ein Dichter.
Würde man dieser Tage mitschreiben, was er sagt, käme eines seiner wunderbarsten Bücher zustande.
Dass er letztes Jahr zu Ostern, als er schon krank war, von der Ostermette sprach, die wir beide sieben Jahre nacheinander besuchten, bei der wir Schulter an Schulter in dem großen Garten vor der zu kleinen Hauskirche der Trubezkojs standen, unter jungem Laub, Lampions und Sternen… –, diese Tatsache, dass der kranke Balmont von Ostern sprach, werde ich nie vergessen.
Zum Schluss noch eine Begebenheit:
Frühling vor einem Jahr, 1935. Der Beginn von Balmonts Krankheit. Clamart. Ich möchte wissen, wie es ihm geht, traue mich aber nicht selbst zu ihm, denn ich habe nur eine Viertelstunde Zeit, und wenn ich erst bei ihm bin, komme ich nicht wieder fort: Balmont lässt einen einfach nicht gehen. Deshalb bitte ich eine Bekannte, eine entfernte Bekannte sogar, die zufällig bei mir hereinschaut und Balmont noch nie gesehen hat, nur kurz anzuklopfen und seine Frau nach seinem Befinden zu fragen. Ich selber bleibe währenddessen mit dem Mann der Dame (einer angehenden Ärztin, nebenbei bemerkt) und dessen Wolf auf einem Stück Brachland stehen, eine Minute von Balmonts Haus entfernt.
Wir stehen da und warten. Zehn Minuten vergehen. Zwanzig Minuten. Die Dame kommt nicht wieder. Nach einer halben Stunde ist sie immer noch nicht da.
„Ich gehe mal nachsehen… bitte nehmen Sie solange den Wolf, Marina Iwanowna. Ich bin gleich wieder da! Wie ist sein Vor- und Vatersname?“
„Konstantin Dimitrijewitsch.“
Ich bleibe allein mit dem fremden Wolf zurück. Der fremde Wolf und ich stehen da und warten. Zehn Minuten vergehen, dann fünfzehn, zwanzig Minuten (ich komme längst überall zu spät) – vierzig Minuten… Es ist wie im Märchen: der Erste geht fort, dann geht der Zweite ihn suchen, dann sucht der Dritte den Zweiten – der Erste ist verschwunden – nach dem Ersten auch der Zweite – nach dem Zweiten der Dritte… Ich überlege gerade, ob ich vielleicht den Wolf als Kundschafter ausschicken soll, zumal es nur so dahingesagt war, dass wir dastehen: der Wolf steht eben nicht, er läuft hin und her, er zerrt an mir – und plötzlich ein Ruck, er rast los mitsamt der Leine und der Hand, die sie hält: da sind seine Besitzer!
Ich, im Galopp hinterher: „Herrschaften, was ist denn los? Um Himmels willen, was ist geschehen?“
„Gar nichts, Marina Iwanowna, alles in Ordnung – er ist gesund und bester Laune.“
Ich: „Aber warum sind Sie so lange dortgeblieben? Vierzig Minuten – jetzt komme ich überall zu spät!“
Beide, unisono: „Vierzig Minuten? Unmöglich! Bitte verzeihen Sie uns, das haben wir gar nicht bemerkt! Es war so interessant, ein Mensch wie er ist mir noch nie untergekommen. Er hat gleich gefragt: ,Waren Sie Offizier der Freiwilligenarmee?‘ – Ich: ,Das kann ich nicht leugnen.‘ – Darauf er: ,Ich achte jeden Krieger.‘ Dann sprach er über den Krieg, es war furchtbar interessant: ,Ich achte den Krieger, aber ich hasse den Krieg.‘ Dann wollte er wissen, wo ich nach der Armee war. In Bulgarien, sagte ich. Darauf ging es um die Bulgaren – fa-bel-haft! Absolut ins Schwarze getroffen! Er hat mir Dinge erzählt, von denen ich keine Ahnung hatte: dass unsere ganze Schrift von dort kommt, und sogar unser Christentum, und überhaupt, was für ein fa-bel-haf-tes-Volk das ist! Und dass das überhaupt für alle Völker gilt. Dass jedes Volk fabelhaft ist. Und warum, hat er auch erklärt. Und dann ging es um das einfache Volk … dass auch das einfache Volk fabelhaft ist. Und wenn nicht, dann ist es kein Volk, sondern Pöbel.
Und ein Buch hat er mir gleich geschenkt – über Bulgarien – ich war sozusagen wie ein Bulgare für ihn. – Und was für eine Ordnung in seinem Bücherregal, Marina Iwanowna! Ein Schritt, ein Griff, und er hat, was er sucht! Wie mit dem Schnabel herausgepickt! Ich konnte nicht an mich halten: ,Ich dachte ehrlich gesagt immer, bei Schriftstellern herrscht Chaos, Konstantin Dimitrijewitsch!‘
,Das, nobler Freund‘, meinte er darauf, ,sind böswillige Gerüchte, die von ignoranten und arglistigen Menschen in die Welt gesetzt werden. Damit im Kopf Klarheit herrscht, braucht man Klarheit auch auf dem Tisch. Und umgekehrt schafft ein klarer Kopf auch auf dem Tisch Klarheit.‘ Und gleich ging es weiter über die ersten Tage der Schöpfung: wie das Licht von der Finsternis und das Land vom Wasser geschieden wurde… die erste Ordnung. Einen griechischen Philosophen hat er auch erwähnt: die Zahlen – und die Sterne… Ich kenne mich mit Philosophie nicht aus, aber ich habe sofort verstanden, was er meint.
Ich dachte, Dichter können nur über Gedichte reden – von wegen! Er weiß alles, als hätte er hundert Professoren in seinem Kopf – ach, was heißt Professoren! Man versteht ihn einfach auf Anhieb, es ist keine Sekunde langweilig, jedes Wort ist so anschaulich… (an seine Frau gewandt:) Natürlich, was die Krankheit angeht, das wisst ihr Mediziner besser, damit kenne ich mich nicht aus – (Marina Iwanowna, er ist gesund wie ein Bär, er hatte noch nie auch nur Zahnschmerzen!) –, aber mit dem gesunden Menschenverstand zu urteilen ist er psychisch kein bisschen krank, und gebe Gott, dass Sie und ich im Alter auch so einen klaren Kopf behalten!“
Sie: „Und was für einen schönen Kopf er hat! Wie er so dasteht im dunklen Flur, an der Schwelle seines Zimmers, hinter ihm brennt Licht, man sieht sein Gesicht nicht, nur den Lichtschein über seinem Kopf. Ich wollte erst gar nicht ins Haus, ich habe nur leise Jelena Konstantinowna herausgebeten, wie Sie es mir gesagt hatten; wir stehen also vor der Tür und unterhalten uns flüsternd. Auf einmal sagt jemand:
,Ich höre eine unbekannte Stimme. Ich höre eine weibliche Stimme flüstern. Wer ist da?‘
Da musste ich wohl oder übel eintreten. Ich erkläre also: ,Marina Iwanowna hat mich gebeten, mich nach Ihrem Befinden zu erkundigen, und ob Sie vielleicht etwas brauchen – sie selber kann nicht…‘
Und er sagt so herzlich: ,Nur herein, herein, ich freue mich immer über Gäste, besonders wenn Marina sie schickt…‘
Und die Tür hat er ganz weit vor mir aufgemacht und mir den Vortritt gelassen, ausgesprochen respektvoll…
Und wie jung er wirkt! Ganz junge, klare Augen. Und dieser kühne Blick! Am Anfang dachte ich, er ist blond, erst später habe ich bemerkt, dass sein Haar grau ist. So ein ungewöhnlicher Mensch: so einfach und gleichzeitig so feierlich. Ich hatte sofort Herzklopfen, ich habe es jetzt noch. Diese Ordnung auf seinem Tisch! Bücher, Hefte, alles akkurat gestapelt, die Bleistifte gespitzt, das Tintenfass blitzblank: kein einziges Papier liegt herum. Von Ihnen hat er auch gesprochen: ,Ich hatte nie eine Schwester. Sie ist meine Schwester.‘ Er hat sich an Ihr Leben im sowjetischen Moskau erinnert und daran, wie Sie einmal Ihren Schlüssel verloren hatten und auf der Treppe übernachtet haben, weil Sie ihn nicht stören wollten.
Und Gedichte hat er rezitiert – großartig. Von der Baba Jaga – und vom Kuckuck – und von Russland… Erst auswendig, danach hat er vorgelesen. Ich habe gefragt, ob ich sein Notizbuch sehen darf – er hat es mir gegeben. Eine winzige Schrift! Und wie gedruckt.
Er hat mir auch ein Buch geschenkt – mit Widmung. Sehen Sie, hier.“
Wir stehen auf dem Stück Brachland: die zukünftige Ärztin, der ehemalige Offizier, der graue Wolf und ich – und lesen Gedichte. Als wir uns wieder besinnen – sind noch einmal vierzig Minuten vergangen! 

Meine Damen und Herren. Jahre werden vergehen. Balmont ist Literatur, und Literatur ist Geschichte.
Möge dieser unauslöschliche Makel nicht an der russischen Emigration haftenbleiben: dass sie ihren großen, kranken Dichter gleichgültig hat leiden lassen. 

Vanves, 15. April 1936

Marina Zwetajewa, 1934, aus Marina Zwetajewa: „Lichtregen“. Essays und Erinnerungen. Suhrkamp Verlag, 2021
Übersetzung: Olga Radetzkaja

Konstantin Bolmont (1867–1942)

Am Tag nach Weihnachten 1942 wurde auf dem Friedhof von Noisy-le-Grand, einem abgelegenen Weiler im Umfeld von Paris, der exilrussische Dichter Konstantin Balmont beerdigt. Die Bestattung fand nach orthodoxem Ritus statt, anwesend war ein halbes Dutzend Trauergäste – Nachbarn, Freunde. Paris war besetzt, der Krieg gewann globale Dimensionen, Angst und Hunger dominierten auch in Frankreich den Alltag. – Weder in der französischen noch in der sowjetrussischen Presse wurde Balmonts Tod vermerkt. Zu lange schon hatte der Verstorbene (nach dem Zeugnis seines Schriftstellerkollegen Boris Sajzew) als „lebender Leichnam“ gegolten, war in seinem letzten Jahrzehnt oft schwer krank, psychisch zerrüttet, völlig verarmt; seiner zu gedenken – dafür gab es eigentlich keinen Anlaß mehr.
Die desolate Verabschiedung des schon damals weithin vergessenen Autors bildet den größtmöglichen Kontrast zu dessen langjähriger Erfolgsgeschichte und dem unvergleichlichen Ruhm, den er einst als Protagonist des russischen lyrischen Modernismus auf sich gezogen und auch genossen hatte: Konstantin Balmonts Image als „Dichter der Sonne“ wie auch als „Sonne der Dichtung“ überstrahlte zu Beginn des 20. Jahrhunderts – auf dem Höhepunkt des Symbolismus – all seine Zeitgenossen und fiel bisweilen ineins mit Aleksandr Puschkins nationalliterarischer Lichtgestalt.
Schon als Gymnasiast, danach als Student der Jurisprudenz kam Balmont wegen politischer, also „revolutionärer“ Unbotmäßigkeit unter Druck, wurde durch mehrfache Relegation, durch Versetzung und polizeiliche Überwachung an seiner kontinuierlichen Ausbildung gehindert, resignierte aber nicht, sondern leitete daraus seine autodidaktische Berufung ab. Berufen fühlte er sich schon früh zum Dichtertum, eigensinnig absolvierte er ein weitreichendes Lektüreprogramm, machte sich mit unterschiedlichen Schreibtechniken, lyrischen Stilen und vielerlei Poetiken vertraut, lernte selbständig mehrere Fremdsprachen, schuf sich denn auch zunächst als Übersetzer (etwa von Lope de Vega, Calderón de la Barca, Byron, Shelley, Poe, Bjørnson, Ibsen) einen Namen im russischen Literaturbetrieb, ehe er seine einzigartige Karriere als Vers- und Prosadichter, als Essayist und Kritiker startete. Bei einem Provinzverlag erschien 1890 Balmonts lyrischer Erstling, im selben Jahr unternahm er einen Selbstmordversuch, der ihn zum Invaliden machte.
In den Folgejahren avancierte Balmont – bei starker Konkurrenz zeitgenössischer Dichterkollegen – zum erfolgreichsten Großlyriker des russischen Symbolismus. Die Zeit zwischen Jahrhundertwende, Weltkrieg und Revolution wurde zu seinem „stellaren Zeitalter“ (Brjussow). Dutzende von Einzelpublikationen, oft mehrfach aufgelegt, sowie drei umfangreiche Werkausgaben dokumentieren seinen ungewöhnlichen Erfolg, der auf singuläre Weise elitären und populären Ruhm in sich vereinte – formal hochkomplexe, inhaltlich nur der Spur nach verständliche Poesie erreichte bei Konstantin Balmont eine „Songhaftigkeit“ (pevučest’), die als solche auf das Publikum einwirkte, als magische Lautmalerei, als Überwältigung durch nie gehörte rhythmische und klangliche Sprachverläufe, die nicht mehr auf Aussage oder auf Bedeutung angelegt waren, sondern vorrangig auf Verzauberung, auf rauschhafte Zustimmung und die vage Sehnsucht nach etwas Überirdischem, Jenseitigem, wie der „Himmel“ es zu versprechen scheint.
Sonne, Feuer, Hitze, Helligkeit, Sphärenmusik, Grenzenlosigkeit, Höhenflug und Horror vacui – das sind denn auch Balmonts rekurrente poetische Motive und Metaphern, die nicht zuletzt seine Werktitel bestimmen: Im Uferlosen (1895), Laßt uns wie die Sonne sein (1903), Lodernde Bauten (1905), Feuerschein der Morgenröten (1912), Sonette der Sonne, des Himmels und des Monds (1917) usf. Von ganz unterschiedlichen Zeitzeugen wird berichtet, daß der Autor dieser vielgelesenen Gedichtbücher „die volle Herrschaft“ über den damaligen russischen Literaturbetrieb ausübte und daß – so erinnerte sich später die Schriftstellerin Nadeshda Lochwizkaja (genannt Teffi) – „Rußland tatsächlich in Balmont verliebt war… Man las ihn, man deklamierte und sang ihn auf der Bühne. Die Kavaliere flüsterten ihren Damen seine Worte ins Ohr, die Gymnasiastinnen übertrugen [seine Gedichte] in ihre Tagebuchhefte.“ Und Ähnliches mehr.
Aber auch das Gegenteil davon: Balmonts „pfauenhaftes“ Auftreten mit „blassen Jungfrauen“ und „bourgeoisen Damen“ im Schlepptau hat sein Dichterkollege und Rivale Andrej Belyj retrospektiv (in Der Jahrhundertbeginn, 1933) als lächerliches Spektakel desavouiert:

Der Ärmste – er hat sich berauscht an einer Utopie, die ihm von den Damen eingeflüstert wurde; und – er ging unter: in seiner ,Genialität‘ […]. Besser, man ist ein drittrangiges Talent statt ein derartiges Genie.

Und so fort über mehrere Seiten hin.
Balmont festigte und förderte diesen „dämlichen“ Kult, indem er seine Dichtung ganz auf das ausrichtete, was unmittelbar, also vor dem Verstehen wirksam werden kann, nämlich die sinnliche Wahrnehmung der Sprache als Klangereignis. Es gibt dazu diverse poetologische Grundsatzerklärungen von ihm, die – seinerzeit vielbeachtet – den Vorrang des sprachlichen Melos vor der Bedeutungshaftigkeit des Gedichts postulieren. Der solcherart erleichterte Zugang zu lyrischen Texten ist Voraussetzung für ihre spontane Rezeption. In seinem Traktat über Dichtung als Magie (1915) hat Balmont auf dem Höhepunkt seiner Popularität folgendes dazu festgehalten:

allüberall finden wir den singenden Reim. Die Welt ist allstimmige Musik. Die ganze Welt ist ein skulpturaler Vers.

Und noch weiter gehend:

Jeder Tropfen ist Klang und spricht vom Universum, in einem einzigen schillernden Tropfen spielen sämtliche Regenbogenfarben. So wird der Vers geboren und entsteht ein lautliches Gebilde, der Mensch sieht sich in dieser Wirklichkeit und findet das Weltganze in sich widergespiegelt.

Konstantin Balmont war wohl, im Rückblick, nicht der größte literarische Autor des russischen Modernismus, aber sicherlich war er der grandioseste. Es zeugt vom weit verbreiteten Eskapismus des vorrevolutionären russischen Bildungsbürgertums, daß ausgerechnet ein Dichter, der die schlechte Alltäglichkeit mit ekstatischem Raunen, mit neoromantischen Traumgebilden und kosmischen Phantasmen ausblendete, einen so gewaltigen Tages- und Epochenruhm gewinnen konnte wie Konstantin Balmont, und umgekehrt bleibt es erstaunlich, daß gerade er, der doch der linken Intelligenz nahegestanden und lange Zeit mit der Revolution sympathisiert hat, solch schwärmerischen Eskapismus bewußt (im eigentlichen Wortverständnis) „befeuerte“. Wesentlichen Anteil daran hatte sein uneingeschränkter Egozentrismus, verbunden mit dem Wahn, die ganze Welt – über alle nationalen, ethnischen, kulturellen Schranken hinweg – gleichsam symphonisch vereinnahmen zu können, ein zugleich lächerlicher und tragischer Wahn, der schließlich in klinischem Wahnsinn endete.
Iwan Bunin, als Erzähler einst ebenso populär wie Balmont als Lyriker, vergegenwärtigt seinen Kollegen nach vielen Jahren der Bekanntschaft vor wie auch nach der Emigration in einem scharf gezeichneten Medaillon (Erinnerungen, 1950) einprägsam wie folgt:

Balmont war ein ganz und gar wunderlicher Mensch. Ein Mensch, der durch seine ,Kindlichkeit‘ und sein stets unerwartetes Lachen viele zu begeistern wußte, dem jedoch stets eine gewisse dämonische Schlauheit innewohnte, ein Mann, in dessen Natur einiges an täuschender Zärtlichkeit und ,Süßlichkeit‘ angelegt war, das er sprachlich zum Ausdruck brachte, doch es gab bei ihm auch in Fülle das ganz andere – wildes Rowdytum, tierische Raufsucht, platte Dreistigkeit. Balmont war ein Mensch, der zeitlebens wahrhaft an Selbstverliebtheit krankte, der von sich selbst berauscht und total überzeugt war…

*

Mitten in seinem „stellaren Jahrzehnt“ weilte Balmont als politischer Emigrant in Paris (1906–1913), weil er behördlicherseits weiterhin als Staatsfeind galt. Bei seiner Rückkehr nach Moskau, im Mai 1913, wurde er von einer unüberschaubaren Menschenmenge am Brester Bahnhof triumphal begrüßt, von der Polizei jedoch daran gehindert, sich mit einer Rede an sein Publikum zu wenden. Die Episode bezeugt, wie unterschiedlich die Wahrnehmung des Autors – hier der politisch engagierte, dort der abgehobene Dichter – damals gewesen ist.
Balmonts siebenjähriger Aufenthalt in Paris war nicht etwa seine erste Auslandserfahrung: Schon vor der Jahrhundertwende war er lange Zeit in ganz Europa zwischen England und Spanien unterwegs gewesen, und fortan blieb er ein permanenter Migrant – 1905 bereiste er Kalifornien und Mexiko, danach (bis 1916) die Balearen, die Kanaren, Nordafrika, Ägypten, Indien, weite Teile Südostasiens, dann Neuseeland, Australien, Japan, Indien, Ceylon. Rund zwanzig Literatursprachen, lebende wie tote, erlernte er im Selbststudium, überall recherchierte er über die einheimische Folklore und Mythologie, über Volks- und Sakraldichtung, und er traute sich zu, kurzerhand eigene Übersetzungen und Kommentare dazu vorzulegen. – Auch im russischen Imperium hat sich Balmont gründlich umgetan; er kannte die meisten Gouvernements aus eigener Anschauung, war besonders vom Ural, von Sibirien und vom Kaukasus fasziniert. Viele seiner Beobachtungen und Reisenotizen verarbeitete er nachfolgend in essayistischer und lyrischer Form. Das altrussische Igorlied und das georgische Heldenepos Der Recke im Tigerfell von Schota Rustaweli übertrug Balmont in ein modernes, freilich von seinem eigenen Personalstil imprägniertes Russisch.
Mit einer Broschüre des Titels Bin ich ein Revolutionär oder nicht? (1918) hat Konstantin Balmont nach der bolschewistischen Machtergreifung seine linken Sympathien definitiv widerrufen. Den Kommunismus erkannte er nun, nach vollendeter Revolution, als eine chaotische zerstörerische Kraft, die das Individuum zugunsten des Kollektivs brutal unterdrücke. Da er das Individuum in der Person des Künstlers ideal verkörpert sah und demzufolge das kollektive proletarische Schöpfertum der „Kulturrevolution“ strikt ablehnte, trat er für ein „außerparteiliches“ Dichtertum ein, mit der Begründung, jeder Autor habe „seine eigenen Wege und sein eigenes Schicksal“, sei er doch „eher ein Komet denn ein Planet (d.h. er bewegt sich nicht auf einer vorgegebenen Umlaufbahn)“.
Die bolschewistische Tscheka (außerordentliche geheimpolizeiliche Kommission) soll Balmonts physische Liquidierung geplant, diese dann aber kurzfristig suspendiert haben. Die Gründe und Argumente für seine Rettung sind nicht bekannt. In der Sowjetpresse wurde der Dichter zunächst als Staatsfeind attackiert, später für Jahrzehnte totgeschwiegen, während er ab 1920 von vielen seiner Landsleute im französischen Exil weiterhin der Linken zugeordnet und dafür harsch kritisiert wurde.

*

Konstantin Balmonts zweite und letzte Emigration führte ihn erneut als politischen Dissidenten nach Paris, wo er in gewisser Weise ja bereits „zu Hause“ war: Emigration also nicht in die fremde, sondern in vertrautes Gelände. Dennoch war der Bruch diesmal weit schmerzlicher und nachhaltiger für den nun bereits 53-jährigen Autor, der als angeblich linker Exilant bei den Pariser Russen auf Ablehnung stieß und als alternder Dichter symbolistischer Prägung kaum noch Interesse fand – seine schwelgerische Lyrik war mit dem sachlichen neuen Ton („Pariser Note“) der jüngeren exilrussischen Dichtergeneration in keiner Weise kompatibel.
Nicht daß Balmont nun sogleich aus dem Literaturbetrieb ausgeschieden wäre – noch 1923 war er Kandidat für den Literaturnobelpreis, er schrieb und übersetzte und publizierte unentwegt weiter, doch mit seiner früheren Leserschaft verlor er auch seine Popularität und wurde rasch zum Außenseiter. Dazu trugen nebst ideologischen Querelen auch seine oftmaligen Ortswechsel bei; nacheinander ließ er sich in der Bretagne, in der Nouvelle-Aquitaine, der Vendée, der Gironde und im Bordelais nieder, auch war er in ganz Frankreich auf Studienreisen unterwegs.
Allein schon die Titel seiner damals und nachfolgend erschienenen Gedichtbücher – Lichte Stunde (1921), Morgenrot (1922), Nordlicht (1933) u.a. – sind Beleg dafür, daß er seinen „Lichtkult“ im Exil ungebrochen weitergepflegt hat: Lichtkult (im Russischen eine Wortneuschöpfung: svetosluženie) heißt Balmonts letzter Lyrikband, der unter anderem seine auf die Stunde genau datierten späten Gedichte an die Sonne enthält; da sich für diesen Band weder in Frankreich noch in Sowjetrußland ein Verlag fand, ließ ihn der Autor 1937 im chinesischen Harbin privat veröffentlichen, wo es damals eine große exilrussische Gemeinschaft gab – die Publikation blieb gleichwohl unbeachtet: Als Dichter war Konstantin Balmont schon Jahre vor seinem Tod eine Unperson.
Es waren desolate Restjahre. Balmonts Bekannten- und Kollegenkreis in Paris hatte sich auf ein paar wenige Vertraute reduziert. Er lebte – als Alkoholiker – in existentieller Not, mußte nach und nach seine wertvolle Bibliothek und andere Sammelobjekte verkaufen; oft war er krank, und mehrfach wurde er psychiatrisch interniert. Zunehmend litt er, der einstige Weltenbummler, unter Heimweh nach Rußland, das Exil wurde ihm zum alltäglichen Horror, seine Mißachtung als Dichter ließ ihn resignieren und trieb ihn in schwerste Depressionen. – Als für Balmont 1936 sein 50-jähriges Schaffensjubiläum anstand, wurde erst einmal ein Hilfsfonds für ihn eröffnet, der seine laufenden Unterhalts- und Arztkosten wenigstens teilweise kompensieren sollte. Einige wenige Schriftstellerkollegen veranstalteten zu seinen Ehren einen Vortrags- und Leseabend, an dem sich neben Boris Sajzew, Iwan Schmeljow und Aleksej Remisow auch Marina Zwetajewa beteiligte, derweil Autoren und Kritiker der jüngeren Generation dem Anlaß fernblieben.
Die Zwetajewa, die mit dem Jubilar schon in jugendlichen Jahren (noch in Moskau) gut bekannt war und nun (seit 1925) wie er unter prekären Umständen im Pariser Exil lebte, schwang sich an dem Abend zu einer fulminanten Festrede auf, in der freundschaftlichen Absicht, Balmont noch einmal in seiner ehemaligen Rolle als Großschriftsteller aufleben zu lassen. Die Rede geriet ihr zu einem vorzeitigen Nachruf; sie rekapitulierte Balmonts persönliche Qualitäten und literarische Verdienste, sie wollte in ihm den Dichter schlechthin erkennen, der mit der Dichtung identisch sei, und sie scheute sich nicht, seine Belobigung statistisch, also durch Quantitäten zu rechtfertigen, durch ein Kriterium mithin, das sie üblicherweise schroff ablehnte, abgesehen davon, daß sie mit Balmont auch in literarischer (formaler, stilistischer) Hinsicht kaum eine Gemeinsamkeit hatte. Doch diesmal geriet sie allein schon beim Aufzählen ins Schwärmen über ihn:

Balmont ist – nebst seinem lyrischen Dichtertum von Gottes Gnaden – ein lebenslänglicher Schwerarbeiter.
Von Balmont wurden geschrieben: 35 Gedichtbücher, das sind 8.750 Druckseiten Lyrik.
20 Prosabücher, das sind 5.000 gedruckte Seiten, und wie viele gibt es noch in seinen Koffern!
Von Balmont wurden übersetzt, mit einleitenden Essays und mit Anmerkungen versehen:
Edgar Poe – 5 Bände – 1.800 S.
Shelley – 3 Bände – 1.000 S.
Calderón – 4 Bände – 1.400 S.
Zahlenmäßig ergeben seine Übersetzungen mehr als 10.000 Druckseiten. Doch das ist lediglich, was im Druck erschienen ist.
[…] – doch lassen wir die Seitenzahlen, eine schlichte Liste [genügt]: Wilde, Christopher Marlowe, Lope de Vega, Tirso de Molina, Charles van Lerberghe, Hauptmann, Sudermann, Jaegers Geschichte der skandinavischen Literatur – 500 S. (verbrannt von der russischen Zensur und also inexistent) – Słowacki, Vrchlicky, das georgische Epos von Rustaweli Der Recke im Tigerfell – 700 S., bulgarische Poesie – Slavia und Litauen – jugoslawische Volkslieder und Sagen – litauische Dichter unserer Tage – Dajna: litauische [erotische] Volkslieder – Ozeanien (Mexico, Maya, Polynesien, Java, Japan) – die Seele Tschechiens – Indien: Ashwaghoscha, Das Leben des Buddha, Kalidasa, Dramen. Und noch vieles mehr.

Diese Bestandsaufnahme sei hier vollumfänglich angeführt, um Balmonts Leistung als „Schwerarbeiter“ zu quantifizieren – sein Ruhm und seine Bedeutung als Dichter („von Gottes Gnaden“) ist damit nicht erklärt und kann dadurch auch nicht begründet werden. Man mag und kann Balmont für einen unbeherrschten Graphomanen halten, doch keinesfalls sollte man deswegen seine Errungenschaften und Verdienste als Sprachkünstler unterschätzen, wie es heute weithin der Fall ist – in Anthologien und in der Literaturgeschichte Rußlands ist er offenkundig zu einer marginalen Figur geworden.
Was aber jedenfalls bleibt und was bei Erwähnung seines Namens unweigerlich aufscheint, ist sein Image als „solarer“ Lyriker, der in Hunderten von Gedichten das Lob der Sonne intoniert – der Sonne als Quell des Schöpfertums, des Eros, der Fruchtbarkeit, der Schönheit, der Lebensfreude. Solche Belobigung gibt es auch von andern Dichtern, die Sonne als Motiv und Metapher ist in vielen Literaturen bis zur Klischeehaftigkeit rekurrent, bei Konstantin Balmont gewinnt sie allerdings eine so dominante Stellung wie nirgendwo sonst – sein Werk ist über weite Strecken und in vielfältigster Ausprägung ein „Hymnus an die Sonne“, besonders machtvoll in den Bänden Laßt uns wie die Sonne sein (1903) und Einzig die Liebe (1903; 1908). Der Autor selbst, alles andere als ein „sonniger“ Charakter, glaubte in der Sonne sein Leitgestirn zu erkennen; das Gedicht „Mein Schicksal“ (1929) beginnt dementsprechend mit der Strophe:

Das Schicksal beschenkte mich als Kind
Mit hellen Jahren voller Glück
Sowie mit einem Erbteil von der Sonne:
„Brennen sollst du!“ – Lichtgesang.

Und die letzte Strophe in seinem letzten Lyrikbuch (Lichtdienst, 1936) lautet:

Sonne, wir preisen dich ohne Unterlaß.
Sonne, du bist unser Traum und das Erwachen,
Sonne, du bist Glocke, Turm und Klang.
Singende Sonne, – Herz – und Weihrauchduft,
Du bist die Bewegung im Funkeln der Fahnen!

Der Hinweis auf Weihrauch und Kirchenfahnen ist eine diskrete Bestätigung dafür, daß Balmont seinem dichterischen (heidnischen) Sonnenkult zum Trotz bis zu seinem Tod ein gläubiger Christ geblieben ist. Die letzten Lebensjahre verbrachte er, dem Wahnsinn und dem Vergessen verfallend, in einem christlichen Altenheim für verarmte russische Emigranten. In seinen wenigen lichten Momenten sprach er von der verlorenen russischen Heimat als von seinem Gelobten Land, las wieder und wieder seine eigenen Gedichte.

 

Werke: Konstantin Balmont: Sobranie sočinenij (Gesammelte Werke), I–VII, Moskva 2010; Konstantin Balmont: Stichotvorenija (Gedichte), Moskva 1989, Reprint aller Erstausgaben 1899–1903; Konstantin Balmont: Zolotaja rossyp’ (Goldgrube), Moskva 1990, ausgewählte Lyrikübersetzungen; Konstantin Balmont: O russkoj literature (Über russische Literatur), Moskva 2007, Essays, Erinnerungen, Reflexionen). – Eine repräsentative deutsche Werkauswahl liegt nicht vor.

Zur Biographie siehe u.a. T.L. Aleksandrova: „Konstantin Bal’mont“ (mit zahlreichen Werkauszügen, russ. 2021), in: https://web.archive.org/web/20080930013225/http://old.portal-slovo.ru/rus/philology/258/558/2832/$print_all/; Marina Cvetaeva: „Slovo o Bal’monte“ (Ein Wort zu Balmont, 1936), in: http://tsvetaeva.lit-info.ru/tsvetaeva/proza/slovo-obalmonte.htm; Rodney L. Patterson: „Was Balmont a Revolutionary or not?“, in: (Festschrift) Readings in Russian Modernism, Moscow 1993.

Erinnerungen: Irina Odoevceva: No beregach Seny (An den Ufern der Seine), Washington 1983.

Felix Philipp Ingold, aus Felix Philipp Ingold: Paris als Exil. Die Einwanderung aus Rußland 1910 bis 1940. Arco Verlag, 2025

 

 

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Konstantin Balmont – Russischer Poet des 20. Jahrhunderts.

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